Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 09. Juli 2019
    Wem nützt Migration? Wem schadet sie?

    Wer darf rein?

    Dieser Artikel in der FAZ

    Eine Zwischenbilanz der Migrationsdebatte

    Vier Jahre ist es nun her, dass Deutschland unvorbereitet von einer Welle von Migranten in eine Identitätskrise gestürzt wurde. Der Schock sitzt bis heute. Wie tief, das wird sich spätestens dann zeigen, wenn in wenigen Wochen die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen vorliegen.

    Doch es geht nicht nur um Nachwirkungen. Dass Menschen ihr Land verlassen und in andere Länder einwandern wollen, ist in unserer Welt nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Im Jahr 2017 waren 234 Millionen Menschen weltweit unterwegs, soviel wie noch nie in der Geschichte. Es ist illusionär zu meinen, es ließen sich die Ursachen der Wanderung eines Tages erfolgreich bekämpfen, so dass die meisten Menschen ein Leben lang da bleiben, wo sie geboren wurden. Solch eine Welt wäre weder ökonomisch noch moralisch wünschenswert. Auswandern ist ein Freiheitsrecht. Mitteleuropa war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Kontinent, von dem große internationale Migrationsströme ausgingen, nicht nur, aber vor allem mit dem Ziel Amerika. Seither hat sich die Richtung gedreht: Heute sind wir attraktiv für Wanderer aus Südeuropa, aus dem Orient oder aus Asien.

    Kein Schaden für Arbeit und Beschäftigung

    Umso wichtiger wäre eine nüchterne Bilanz über Kosten und Nutzen der Zuwanderung. Auch wenn Migration ein Freiheitsrecht ist, so haben doch die Bürger der Zielländer ebenfalls ein Recht, nach Kosten und Nutzen zu fragen. Denn die Ängste sind groß; wir fremdeln alle.
    Leider sind die Ökonomen, wie es so ihre Art ist, uneins, wie wir die Effekte der Migration beurteilen sollen. Ein gewisser Konsens lässt sich indes erkennen, weil es inzwischen auch eine große Zahl empirischer Literatur gibt. Ich halte mich im Folgenden an eine gute Zusammenfassung des Bochumer Finanzwissenschaftlers Martin Werding. Ihr Tenor: Befürchtungen, dass Zuwanderung die Konkurrenz am Arbeitsmarkt des Ziellandes stark verschärft und/​oder Beschäftigung der bereits ansässigen Arbeitskräfte unter Druck setzt, haben sich als »weit übertrieben« erwiesen. So positiv freilich die Bilanz für Löhne und Beschäftigung ausfällt, so kritisch wird es, blickt man auf Finanz- und Sozialsysteme in den Zuwanderungsländern; ich komme darauf zurück.

    Beginnen wir mit den Löhnen. Die Theorie würde annehmen, dass bei wachsendem Arbeitsangebot der Preis für die Arbeit, also der Lohn, sinken muss. Doch das ist offenkundig selten der Fall. Als empirisches Beispiel dient der sogenannte »Mariel Boatlift«, der extrem gut untersucht ist: Im Frühjahr 1980 ließ Kuba 125000 Bürger nach Miami ausreisen, was die Zahl der Erwerbspersonen dort schlagartig um acht Prozent erhöhte, die der Kubaner sogar um 20 Prozent. Die neuen Zuwanderer waren jung, unqualifiziert und erhielten schlechte Löhne. Doch bereits ansässige Gruppen (Weiße, Schwarze, andere Hispanics, früher eingewanderte Kubaner) mussten keinen Abschlag auf ihre Löhne hinnehmen – mit Ausnahme einer kleinen Gruppe farbiger Highschool-Abbrecher. Das heißt: Die Beschäftigung im Zielland leidet nicht oder nur wenig und allenfalls kurzfristig. Noch nicht einmal in Großbritannien, wo der Aufreger »Personenfreizügigkeit« maßgeblich zur Brexit-Mehrheit beitrug, lassen sich negative Effekte im großen Stil nachweisen.

    Wie kommt es zu diesem überraschenden Befund? Eine Erklärung des Ifo-Ökonomen Panu Poutvaara geht so: Migranten befinden sich häufig in einer schlechteren Verhandlungsposition als Einheimische. Deshalb erhalten sie auch schlechtere Löhne als die Einheimischen. Dies wiederum erhöht die erwarteten Gewinne von Unternehmen und ermutigt sie, zusätzliche Stellen zu schaffen. Einheimische des gleichen Qualifikationstyps verlieren nicht notwendigerweise durch einen Zustrom von Einwanderern, wie man es theoretisch eigentlich erwarten müsste: Obwohl es einen Wettbewerbseffekt gibt, der die Löhne der Zuwanderer drückt, werden zugleich neue Stellen geschaffen, von denen auch die Einheimischen profitieren können. Der Migrationsforscher Michele Battisti von der Universität Glasgow hat zwanzig Länder untersucht und herausgefunden, dass in vierzehn von ihnen sowohl hoch- als auch niedrigqualifizierte einheimische Personen von der Anwesenheit der Migranten profitiert haben.

    Einwanderung in den Sozialstaat

    Also alles prima. Nein. Denn die Betrachtung von Löhnen und Beschäftigung ignoriert den Umstand, dass die Migranten auch staatliche Infrastruktur- und Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Da kann sich der gerade beschriebene positive Effekt für Zuwanderer und Unternehmen für die Gesellschaft insgesamt problematisch auswirken. Straßen sind überlastet, Bauland wird teuer. Insgesamt wird es eng. In Deutschland mag das – zumal auf dem flachen Land – nicht das größte Problem sein. In der Schweiz, ein kleines und offenes Land, ist es ein großes Thema: Man hat dort eigens dafür den aus der Zoologie entlehnten Begriff »Dichtestress« erfunden. Es geht mithin um fiskalische und psychische Kosten für die Einheimischen.

    Hinzu kommt das, was man »Einwanderung in den Sozialstaat« zu nennen sich angewöhnt hat. Ein gut ausgestatteter Wohlfahrtsstaat wie Deutschland wird zum Ziel ärmerer Migranten gerade auch aus der EU, die viele Sozialleistungen (Arbeitslosigkeit, Krankheit, später Rente) in Anspruch nehmen, obwohl sie dafür gar keine oder nur in geringem Maße Anrechte erworben haben. Das empfinden viele Einheimische als ungerecht. Es ist zugleich auch eine Erklärung für die Paradoxie, dass etwa in Ostdeutschland kaum Zuwanderer leben, aber zugleich die Ausländerdistanz bis –feindlichkeit sehr groß ist. Man braucht den Fremden nicht unbedingt in der Nachbarschaft haben: Es genügt, ausrechnen zu können, was unter dem Strich nach allen Abzügen einer arbeitenden Familie bleibt und in Beziehung zu setzen zu den Ansprüchen aus Hartz IV, die Zuwanderern zustehen. Die Ansprüche an Sozialleistungen stehen zwar in gleichem Maße auch den »Biodeutschen« zu. Doch viele Untersuchungen zeigen, dass die Bereitschaft der Bürger zu sozialstaatlicher Umverteilung abnimmt, wenn die ethnisch-multikulturelle Vielfalt des Landes zunimmt. »Kirchturmaltruismus« oder »National-Chauvinismus« heißen die etwas arroganten Fachbegriffe dafür.

    Das Soziale mit dem Nationalen versöhnen

    »Man kann offene Grenzen haben oder einen üppigen Wohlfahrtsstaat, aber keinesfalls beides zusammen«, so lautet die klassische These des Chicago-Ökonomen Milton Friedman. Politiker ziehen daraus unterschiedliche Schlüsse: Die dänischen Sozialdemokraten haben kürzlich spektakulär eine Wahl gewonnen mit einem sehr stark »national-chauvinistischen« Programm, das sich natürlich so nicht nennen durfte. Die deutsche SPD hat sich davon distanziert. Die AfD im Osten (Björn Höcke) verspricht üppige Rentenzuwächse – ausschließlich für »Volksdeutsche«, ein Programm, das man national-sozial nennen muss. Die CDU hat vorvergangene Woche die Aussage einiger Unionsparlamentarier aus Sachsen-Anhalt, man müsse das »Soziale« mit dem »Nationalen« versöhnen, ziemlich ruppig abgebürstet und die Parteifreunde mit einem Maulkorb bestraft. Ob das klug war, bezweifle ich. Was Ökonomen einfällt, um den Widerspruch zwischen offenen Grenzen und üppigem Sozialstaat aufzulösen – dazu mehr in einer der nächsten Folgen von »Hanks Welt«.

    Rainer Hank

  • 09. Juli 2019
    Wie leben die Superreichen?

    Reichtum macht schön

    Dieser Artikel in der FAZ

    Gary Shteyngart: Lake Success. Ein Tipp für die Urlaubslektüre

    Kevin Kühnert, der deutsche Juso-Vorsitzende, der Chancen hat, SPD-Vorsitzender zu werden, denkt bekanntlich darüber nach, die Superreichen zu enteignen und den Autobauer BMW zu kollektivieren, damit es keinen »kapitalistischen Eigentümer dieses Betriebs gibt«. Das hat jetzt sogar die kapitalistischen Großeigentümer dieses Betriebs, die Quandt-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt, auf den Plan gerufen, die ansonsten das Licht der Öffentlichkeit scheuen: Die Leute denken, »dass wir ständig auf einer Yacht im Mittelmeer herumsitzen«, sagte Susanne Klatten im »Manager-Magazin:2 Das aber sei falsch.

    Was machen die Superreichen aber dann den lieben langen Tag? Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Denn nicht nur bei den Quandts ist höchste Diskretion eine hervorstechende Eigenschaft der Milliardäre: man bleibt unter sich, um nicht dem Neid derer ausgesetzt zu werden, die es trotz größter Anstrengungen im Leben nicht zum Milliardär gebracht haben.

    Vielleicht wissen die Dichter mehr? Da sind wir häufig schon enttäuscht worden, weil auch die Schriftsteller über keinen exklusiven Zugang zu den »gated communities« der Milliardäre verfügen und in ihrer Not dann eben nur phantasieren, was ihr Ressentiment so alles hergibt. Doch jetzt haben wir einen Roman gefunden, der der Wirklichkeit nahezukommen scheint und dazu noch super-lustig ist. Der Autor heißt Gary Shteyngart. Sein im Frühjahr bei Penguin erschienener Reichen-Roman heißt »Willkommen in Lake Success« und handelt von den traurig-komischen Abenteuern eines dreiundvierzigjährigen Hedgefonds-Managers namens Barry Cohen, dessen Fonds »The other side of capital« Anlagen im Wert von 2,4 Milliarden Dollar verwaltet. Das bringt dem Mann in guten Zeiten immerhin ein Jahreseinkommen von über hundert Millionen Dollar. Sein einziger kreativer Gedanke: Milliardärssammelkarten für arme Kinder herauszubringen, auf deren Rückseite alle Daten über die Superreichen stehen (der Rang auf der Forbes-Liste zum Beispiel), damit arme Jugendliche motiviert würden, sich in der Schule mehr anzustrengen. Womöglich könnte die SPD ihm diese Idee abkaufen?

    Leben bei den Investmentbankern

    Dieser Roman von Gary Shteyngart (ein in St.Petersburg geborener Jude, der siebenjährig mit seinen Eltern nach New York emigrierte) sei deshalb all jenen empfohlen, die noch nach einer Ferienlektüre suchen und gerne etwas über die Welt der Superreichen (in Amerika) erführen.
    Woher hat Shteyngart sein Wissen? Nun, der Mann hat immerhin drei Jahre lang bei den Reichen Manhattans recherchiert und Gespräche mit ihnen geführt. Er wolle herauskriegen, was Menschen dazu bringt, nach der großen Krise des Jahres 2008 in die Finanzindustrie zu gehen und wie es sich da so lebt, hat Shteyngart der britischen Internetzeitung »The Independent« erzählt. Wir Leser können das nicht überprüfen, aber das Personal des Romans schaut glaubwürdig aus.

    Hier kurz der Plot: Barry Cohen, der Held, ist Aufsteiger. Sein Vater war ein jüdischer Arbeiter aus der Bronx, der den Reichen ihre Swimmingpools reinigte. Der Sohn kennt deren Leben also von Kindesbeinen an, gehört aber nicht dazu. Seine Aufstiegsgeschichte führt ihn über ein Studium an der Eliteuniversität Princeton zur Investmentbank Goldman Sachs, bis er seinen eigenen milliardenschweren Fonds gründet und wie sein Autor (und viele erfolgreiche Männer) eine Vorliebe für teure Uhren entwickelt. Seema, seine deutlich jüngere Ehefrau mit indischen Wurzeln und einem erfolgreichen Jurastudium, stiehlt auf den Partys allen anderen Frauen die Show.

    Doch das ist nur die Vorgeschichte. Der Roman setzt ein mit einer Katastrophe: Nach einer teuren Fehlinvestition, die seine Anleger in die Flucht geschlagen hat, Vorwürfen der amerikanischen Börsenaufsicht wegen Insiderhandels und einem Streit mit einem befreundeten Paar verlässt Cohen von jetzt auf nachher seine Frau und sein autistisches Kind, um mit einem Greyhound-Bus durch halb Amerika zu fahren auf der Suche nach seiner Studentenliebe Layla an der mexikanischen Grenze und dem Grab seines Vaters in Kalifornien.

    Die Somewheres und die Anywheres

    Das alles klingt an den Haaren herbeigezogen, ist es aber nicht. Ich will mich bemühen, mein Lektürevergnügen zu erläutern. Anders als in vielen Romanen aus der Finanzwelt ist Barry Cohen kein Kotzbrocken. Aber auch alles andere als ein edler Kapitalist. Einige der Fondsmanager, die er kennengelernt habe, seien wahnsinnig unsympathisch, andere aber auch bloß tief traurig, weil sie spürten, dass es auf Dauer hohl bleiben müsse als ausschließliches Lebensziel die Vermehrung des Bankkontos zu verfolgen, sagt Gary Shteyngart. Mit seinem Kollegen Jeff Park (den er später feuert, weil er ein Minuszeichen in einer Excel-Tabelle vergessen hat) ist Romanheld Barry Cohen sich einig: »Wenn nach unserem Tod auf dem Grabstein steht, dass wir einen steinreichen Fonds gemanagt haben, dann sind wir gescheitert.«

    Die Welt in Lake Success ist nicht schwarz-weiß. Das zeigt schon die erwähnte Katastrophenszene, die alles zum Laufen bringt. Das Ehepaar Cohen aus dem 20. Stock des New Yorker Flatiron Buildings (die noch vornehmeren obersten Stockwerke gehören dem Verleger Rupert Murdoch) ist eingeladen bei einem Schriftsteller-Paar aus Guatemala, welches im zweiten Stock wohnt. Auch wenn die unteren Etagen zu einer Art Holzklasse gehören, schätzt Cohen das Appartement des Schriftstellers auf immerhin 4,1 Millionen Dollar und fragt sich, wie erfolgreich man als Autor sein muss, um sich das leisten zu können. Dann kommt raus, dass sich dessen Hauptwerk »Der mitfühlende Metzger« (ein wunderbarer Gruß an Adam Smith) miserabel verkauft (Amazon-Rang 1123340). Doch die New Yorker Intelligenz nährt sich selbst. Die Universitäten laden den Luxusschriftsteller für satte Honorare zu Vorträgen und Lesungen ein. Bildungselite trifft Geldelite, man trinkt teuren Whiskey der Marke Karuizawa (10000 Dollar die Flasche) und freut sich des Lebens. Die »Anywheres« der globalen Oberschicht, das sind eben nicht nur die »rechten« Finanzkapitalisten, sondern auch die »linken« Multikulturalisten. In gegenseitiger Abneigung getrennt, sind sie sich im überheblichen Habitus näher als man denkt.

    Geld und Sex

    »Lake Success« funktioniert aus zwei Gründen: Als Leser können wir gar nicht anders, als uns mit Cohen, dem Helden, wenigstens teilweise identifizieren, weil weite Strecken des Romans aus seiner Warte erzählt werden. Und: Die geniale Idee, den Helden aus seiner vertrauten Umgebung in New York zu isolieren und ihn ausgerechnet in einem Greyhound-Bus, dem Roadtrip-Mythos Amerikas, hinaus in das weite Land zu schicken, gibt seinen Charakter umso prägnanter zu erkennen und hat zugleich den Nebeneffekt, die Spaltung des Landes zwischen Ostküsten-Eliten und vergessenen Mittelschichten erzählen zu können. Dieser Roman ist endlich das erzählerische Pendant zum großen ökonomischen Diskurs über die wachsende Ungleichheit, bisweilen sogar analytisch differenzierter und, wie gesagt, obendrein auch noch lustig.

    Überzeugt? Ich kann nur beteuern, dass der Roman um Strecken besser ist als meine karge Zusammenfassung hier. Und übrigens: Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Sex.

    Rainer Hank

  • 24. Juni 2019
    Armut kostet Lebenszeit

    Auf ein langes Leben!

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wer mehr verdient, soll weniger Rente kriegen: Gerecht ist das nicht.

    Es geht uns allen heute so gut wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Das ist die positive Nachricht. Aber einigen geht es besonders gut, anderen weniger gut. Ist das die schlechte Nachricht?

    Seit vielen Jahren steigt die Lebenserwartung in den meisten Ländern der Welt kontinuierlich an. Bedanken können wir uns bei den Medizinern, denen es gelungen ist, Kindersterblichkeit weitgehend zu besiegen und viele Krankheiten auszukurieren, an den die Menschen früher gestorben sind. In den Industriestaaten erhöht sich die Lebenserwartung seit mehr als 150 Jahren alle zehn Jahre um etwa 2,5 Jahre. Wer heute geboren wird, hat – wenn es normal läuft – fünfzehn Jahre mehr vom Leben als ich (Jahrgang 1953) und wird, wenn er/​sie sich gut hält, mühelos hundert Jahre alt. Schon hier könnte sich eine Ungerechtigkeit des Schicksals andeuten, zumindest dann, wenn man der Ansicht ist, mehr Lebensjahre seien ein Wert an sich. Dann sind die Spätgeborenen gegenüber früheren Generationen privilegiert, denn sie kommen dem alten Menschheitstraum der Unsterblichkeit relativ näher.

    Es wird noch ungleicher: Die wachsende Langlebigkeit verbessert sich nicht gleichmäßig. Die Sterbewahrscheinlichkeit (Mortalität) unterscheidet sich sehr stark nach Bildung, Region, Vermögen oder Einkommen. Gebildete leben länger als die Ungebildeten, in Europa hat man mehr vom Leben als in Afrika und die Reichen sterben später als die Armen. Mehr noch: die Unterschiede in der Lebenserwartung innerhalb derselben Kohorte schrumpfen nicht etwa mit dem medizinischen Fortschritt, sie weiten sich. Deutsche Männer der Jahrgänge 1926 bis 1928 werden durchschnittlich 83 Jahre alt – aber nur dann, wenn sie aufs Lebenseinkommen gerechnet zum reichsten Zehntel ihres Geburtsjahrgangs zählen. Die Ärmsten unter ihnen werden dagegen lediglich 79 Jahre alt. Die Differenz der Lebenserwartung beträgt vier Jahre.

    Reiche leben im Schnitt sieben Jahre länger

    Blickt man auf die Jahrgänge 1947 bis 1949 so vergrößert sich der Lebenserwartungsabstand zwischen Arm und Reich auf sieben Jahre. Die Einkommensgewinner werden gut 87 Jahr alt, die Verlierer bringen es nur auf 80 Jahre, haben also am wenigsten vom medizinischen Fortschritt im Vergleich mit ihren Eltern. Armut kostet Lebenszeit.

    Woran das liegt? Darüber ist die Forschung uneins. Auf der Hand liegt: Wer gebildet ist, geht mit seiner Gesundheit pfleglicher um, trinkt und raucht seltener, und verlängert damit statistisch sein Leben. Wer reich ist kann es sich leisten, in einer angenehmeren Umgebung zu leben und Stress zu reduzieren, weil er sein Leben besser im Griff hat. Doch da fangen die Unsicherheiten schon an. Wichtig wäre es zu wissen, wieviel davon Schicksal ist und wieviel Leistung. Dass ärmere Menschen viel rauchen – ist das ihr Lebenslos? Und warum sind die Reichen überhaupt reich geworden? Weil sie ihres Glückes Schmied sind oder weil sie ihr Erbe einigermaßen zusammengehalten haben und der Zufall ihnen auch noch einen Lottogewinn beschert hat?

    Kurzum: wir tappen ein wenig im Dunkel. Ganz und gar nicht im Dunkeln tappen indessen die Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die vor kurzem errechnet haben, wie sich die wachsende Kluft zwischen der Lebenszeit auf die Rentenerwartungen auswirkt. Generell gilt im deutschen Rentensystem: Wer als Berufstätiger mehr verdient hat, soll später auch eine höhere Rente erhalten. Die monatlichen Rentenauszahlungen errechnen sich proportional zu den eingezahlten Beiträgen. Das nennt man Äquivalenzprinzip. Wenn die Reichen immer länger leben bedeutet dies, dass sie länger Rente beziehen, also im Verhältnis zu ihren gezahlten Beiträgen mehr Rentenauszahlungen erhalten als die Armen. Für einen relativ Armen des Jahrgangs 1949 verzinst sich sein Rentenbeitrag real (also abzüglich der Inflation) um 0,7 Prozent. Der Reiche erzielt eine doppelt so hohe Rendite von 1,4 Prozent. Er hat also nicht nur ein längeres Leben, sondern auch mehr von der staatlichen Umverteilung.

    Das DIW macht Politik

    »Skandal!«, ruft das DIW und sieht in der Ungleichbehandlung eine Verletzung des Äquivalenzprinzips, also eine gravierende Gerechtigkeitslücke zu Lasten ärmerer Schichten. Die DIW-Forscher verbinden damit eine politische Absicht: Der Verstoß gegen das Äquivalenzprinzip spreche für eine Aufwertung niedriger Rentenansprüche. Wer weniger verdient und deshalb statistisch früher stirbt, soll mehr Rente erhalten als es sich nach der Rentenformel (und dem Äquivalenzprinzip) errechnet. Andere Ökonomen wollen gleich die die ganze Rentenformel ändern und generell den Ärmeren höhere, den Reicheren geringere Auszahlungen zubilligen. Für das DIW wäre das ein gerechter Ausgleich der Benachteiligung ärmerer Rentner.

    Das DIW leistet damit Schützenhilfe für Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der mit großer Dickköpfigkeit das Ziel verfolgt, langjährigen Beitragszahlern eine Rente oberhalb der Grundsicherung zu garantieren, die er »Respekt-Rente« nennt und für die es keine Bedürftigkeitsprüfung geben soll, also nicht nachgeschaut werden darf, ob der Rentner ein entsprechendes Vermögen hat und die höhere Rente gar nicht verdient. Heils Argument gegen die Bedürftigkeitsprüfung lautet, so etwas sei in der Rente systemfremd. Die Schützenhilfe des DIW für Heil bringt die Legitimation: Mehr Geld für ärmere Rentner ist nichts anders als eine dem Äquivalenzprinzip geschuldete Kompensation für das längere Leben (und die höhere Rente) der reichen Rentner. Also alles systemkonform. Chapeau, liebe DIW-Leute! Erst kommt das politische Ziel, die ökonomische Begründung wird nachgeliefert.

    Doch wie überzeugend ist die ökonomische Begründung? Ich finde sie schwach. Gewiss, es gibt keine amtliche Definition des Äquivalenzprinzips. Doch aus seiner Logik ergibt sich zwingend, dass es sich strikt auf das Verhältnis der monatlichen Rente zum früheren Monats-Einkommen beziehen darf. Dies muss äquivalent sein. Bezieht man es auf die Lebenserwartung, kommt man in Teufels Küche: Im Sinne der DIW-Forscher müssten nämlich starke Raucher eine höhere Rente bekommen, denn sie sterben mit tödlicher Sicherheit früher als Nichtraucher – eine schreiende Verletzung des Äquivalenzprinzips. Frauen dagegen würden gemäß dieser Logik leider einen Abschlag auf ihre Alterssicherung in Kauf nehmen müssen, denn sie haben ohne eigenes Verdienst eine höhere Lebenserwartung als Männer, die – allen Gleichheitshoffnungen zum Trotz – nicht verschwinden will. Doch Strafabschläge für Raucher und Frauen sind natürlich politisch unkorrekt. Mit den Reichen kann man es dagegen machen.

    Die Rente ist eben kein Sparschwein, aus dem jeder später proportionale Auszahlungen erhält. Die Rente ist eine Versicherung gegen das Risiko, sehr alt zu werden. Rein finanziell gesehen käme ein früher Tod mich (und die Gesellschaft) billiger. Gegen die verständliche Angst, sich ein langes Leben nicht leisten können, haben die Väter der gesetzlichen Rente hellsichtig eine staatliche Versicherung gegründet. Sie transformiert die Unwägbarkeiten der Lebensdauer in mathematisch kalkulierbare Risiken. Man sollte daran nicht mit windigen Gerechtigkeits- und Äquivalenzbegriffen herumfingern.

    Rainer Hank

  • 18. Juni 2019
    Immer auf die Dicken

    Oh wie verführerisch!

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum wir die Fettleibigkeit wohl nie besiegen werden

    Heute müssen wir uns mit dem größten Menschheitsprobleme der Gegenwart beschäftigen. Nein, nicht mit dem Klimawandel, das kriegen Greta Thunberg und Robert Habeck besser hin. Hier soll es stattdessen um Übergewicht und Fettleibigkeit gehen, deren säkulare Dramatik uns zuletzt der israelische Historiker Yuval Harari vor Augen geführt hat: »Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stirbt der Durchschnittsmensch mit größerer Wahrscheinlichkeit, weil er sich bei McDonalds vollstopft, als durch eine Dürre, Ebola oder einen Anschlag von Al-Qaida.« Anthony Warner, ein britischer Koch, spricht in seinem neuen Buch »Die Wahrheit über Fett« von einer »modernen Epidemie«.

    Die Menschheit hat es zwar hinbekommen, den Hunger einzudämmen, aber die Dicken kriegt sie nicht in den Griff. Dazu reicht ein Blick in das letzte »Obesity Update« der »Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung« (OECD). Danach gilt in den OECD-Ländern jeder zweite Erwachsene und fast jedes sechste Kind als übergewichtig oder fettleibig (»obese«). Merke: Wer einen Body-Mass-Index (Körpergewicht geteilt durch Quadrat der Körpergröße) von 30 und mehr hat, ist nach dieser Definition »fettleibig«; bei einem BMI zwischen 25 und 30 nennt man ihn/​sie »übergewichtig«. Wir nehmen statistisch gesehen alle zu an Gewicht – und dies trotz größter politischer und gesellschaftlicher Anstrengungen, den Anteil der Übergewichtigen zu minimieren. Zuckersteuern, schöne Modells als Vorbilder, moralische Denunziation der Übergewichtigen – es nützt alles nicht viel. Selbst die jüngste Youtube-Aktion von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und dem Lebensmittel-Konzern Nestlé zur Reduktion von Zucker und Fett brachte keine Linderung – sondern lediglich einen Shitstorm.

    Der wirtschaftliche Schaden der Fettsucht

    Dabei ist es ziemlich unklug, dick zu werden. Denn es gilt das Gesetz: Einmal dick, immer dick. Schon in der Schule werden sie gehänselt und dann kriegen die Schlanken auch noch die hübscheren Partner. Lauter verpasste Chancen. Wer diskriminiert wird, braucht sich um den Spott keine Sorgen zu machen und wird darüber hinaus am Ende auch noch unglücklich. Auch den wirtschaftlichen Schaden der Fettsucht sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen: Die Übergewichtigen melden sich häufiger krank, sind weniger produktiv, verschlingen dafür aber einen größeren Anteil der Gesundheitskosten. Dicke sind relativ ärmer als die Dünnen und sterben auch noch früher. Schätzungen der Fettleibigkeitskosten klingen dramatisch: Auf mindestens 25 Milliarden Euro jährlich beziffert die deutsche Adipositas-Gesellschaft die direkten (Kassenleistungen) und indirekten Kosten (Arbeitsausfälle, Produktivitätseinschränkungen).

    Historiker, denen wir inzwischen eine wachsende Fetten-Forschung verdanken, belehren uns, dass es ein Irrtum war zu glauben, früher hätten die Dicken besser dagestanden, weil Körperfülle als Zeichen von Macht gedeutet worden sei (Lucas Cranachs Luther-Bild galt als Prototyp). Doch meist war die Macht der Dicken eine Stärke, die man verabscheuen sollte. Dem Tyrannen einer Stadt in Kleinasien namens Dionysius von Herakleia wurde nachgesagt, er sei so verfressen, dass er Mühe habe zu atmen und dass er seine Audienzen hinter einer Truhe gebe, damit niemand sehen könne, wie sehr er aus dem Leim gegangen war. Das galt den antiken Autoren nicht als Stärke, sondern als Warnung, dass der Herrscher sich von seiner Fresssucht habe versklaven lassen. Fresserei ist ein Laster der »Fremden« und markiert die Differenz zwischen zivilisierten und unzivilisierten Völkern, schreibt der Historiker Christopher E. Forth (»Fat. A cultural history of the Stuff of Life«, 2019). Ganz besonders wurde die Fett-Phobie des europäischen Körpers durch eine widerliche Portion Rassismus befördert: Fett sind immer die anderen, vor allem die schwarzen Menschen Afrikas. Saartjie Baartman, eine überaus dicke Südafrikanerin, wurde im 19. Jahrhundert als »Hottentotten Venus« in Paris öffentlich zur Abschreckung zur Schau gestellt, damit die Franzosen auf ihr Gewicht achten und sich nicht vom »afrikanischen Schönheitsideal« versklaven lassen. Eine merkwürdige Verkehrung der wahren Sklavenverhältnisse.

    Das alles macht die Sache nur noch irrationaler. Wie kann es kommen, dass trotz Jahrtausende alter Abschreckungsdiskurse im Maße wachsender Aufklärung die Menschen zugleich immer dicker wurden? Vielleicht gibt es ja eine Art perverses Naturgesetz, wonach wachsender wirtschaftlicher Wohlstand dick macht? Weit gefehlt, sagen unsere OECD-Statistiker. Zwar wird die Liste der heutigen Fetten angeführt von den Vereinigten Staaten, dem reichsten Land der Welt. Doch es folgen sogleich Mexiko (nicht wirklich das zweitreichste Land der Erde), Neuseeland, Ungarn und Australien. Wäre der Prokopfwohlstand maßgeblich, müssten die Schweiz, Norwegen oder Japan ziemlich rasch hinter Amerika auf der Liste erscheinen. Das Gegenteil ist der Fall: Japan hat im OECD-Vergleich den geringsten Anteil an Übergewichtigen. Die Schweiz und Norwegen, wohlhabende Länder auch sie, schneiden ebenfalls gut ab.ver

    Selbst schuld oder verführt vom bösen Kapitalismus?

    Wer also trägt die Verantwortung? Grob gesprochen spalten sich die üblichen Verdächtigen in zwei Gruppen: Entweder sind die Fetten selber schuld an ihrem Schicksal oder andere sind dafür verantwortlich. Die Selberschuld-Hypothese wirkt stets kränkend. Dass nämlich die Fettleibigkeit trotzt einer Inflation an Ernährungs- und Fitness-Ratgebern zunimmt, müsste ja bedeuten, dass Aufklärung als Weg zur Verhaltensänderung dramatisch überschätzt wird. Dann wäre es pure Willensschwäche, die uns wider besseren Wissens zur nächsten Tafel Schokolade greifen ließe, obwohl uns die Daten auf der Verpackung über viele Dickmacher aufklären. Wir stürzen uns freiwillig in unser Unglück. Das ist schwer zu ertragen.

    Lieber wäre es uns, wir könnten andere für unser Schicksal verantwortlich machen. Infrage kommen böse Kapitalisten, die fette Gewinne mit den Dickmachern und zudem mit vermeintlichen Schlankmachern (Low-Fat-Joghurts et al.) einfahren, aber auch unsere Gene, die uns einer Sucht gleich zu abhängigen Fresssäcken haben werden lassen. In die genetische Debatte wollen wir uns lieber nicht einmischen; einiges spricht dafür, dass auch hier die Prädispositionen prägender sind als es uns lieb ist. Verstärkt wird alles noch durch das Phänomen des »assortative Mating«: Dicke neigen dazu, sich mit Dicken zu paaren, eine Symbiose, der schwer zu entkommen ist.

    Was tun? Das Menschheitsproblem Adipositas werden auch wir hier nicht lösen. Aber sollte man deswegen ganz resignieren, wie die Zeitschrift »Brigitte«, die nach jahrzehntelang fehlgeschlagenen Diät-Empfehlungen jetzt plötzlich die Parole »curvy is trendy« ausgibt und das Hohelied der Fettpolster singt? Eine »Kombination vieler Schritte sei nötig, um den beständigen Anstieg des Übergewichts zu stoppen«, heißt es in einer neuen Metastudie. Was heißt hier stoppen – verlangsamen wäre schon viel. Ich schlage folgende Arbeitsteilung vor: Frau Klöckner führt den »Nutri-Score« ein, der auf Lebensmitteln den Nährwert in bunten Buchstaben bewertet. Und ich halte mich an den – ebenfalls wissenschaftlich erwiesenen – Ratschlag, wonach ausreichend Schlaf schlank hält.

    Was die Historiker dazu sagen findet sich hier gut zusammengefasst.

    Rainer Hank

  • 11. Juni 2019
    Der Ruf der Horde

    Die Stammesgeschichte werden wir nicht los

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über die offene Gesellschaft in Zeiten des Populismus

    Neulich waren wir in Rothenburg ob der Tauber. Ich gestehe, dass ich mich vor diesem Ausflug etwas gefürchtet hatte. Abgesehen von einem kurzen Besuch als Kind bin ich hier noch nie gewesen. Rothenburg hatte für mich einen schlechten Ruf: Spießig, kitschig-mittelalterlich-romantisch, touristisch, dumpf, deutsch und tümelnd. Also alles, was man selber nicht sein möchte. Der deutsche Mann (die deutsche Frau) von Welt lebt urban, mag Frankfurt, London, New York oder Berlin und verachtet mittelalterliche Mauern und trommelnde Landsknecht-Romantik in der Provinz. Alles zum schweißtreibenden Fremdschämen: Was sollen die Touristen aus Fernost und Fernwest nur von uns denken: Schweinsbratenmitknödelesser, Bierkrügeleertrinker, fränkisch-bayerische Lautsprecher.

    Und nun, was soll ich sagen: Die Überprüfung der Phantasien an der Wirklichkeit wurde zu einer Veranstaltung des Selbstschämens – für mich. Spießig-überheblich, das war ich, nicht Rothenburg. Kein Museum für einfältige Ausländer, wie in meiner Vorstellung, sondern eine stolze, lebendige Stadt, die sich zu ihrer Geschichte bekennt, aber nicht im Mittelalter stehen geblieben ist. Das Hotel, in dem wir wohnten, zeigte sich auf der Höhe der Zeit: smart und digital (Einchecken mit der App) inklusive Elektroladestation für den Tesla, mit »common working space« im Erdgeschoss, wo Russen, Asiaten und »Hipster« aus Berlin in der schicken Bulthaup-Küche zusammen kochen. Völkerverständigung als Option. Vorher gab es ein A-Capella-Chorkonzert in der Franziskanerkirche, das man sich gut auch im neuen Boulez-Saal in der Hauptstadt hätte vorstellen können.

    Also kein tumber Provinzialismus, dafür neue, unbekannte Heimatgefühle und sogar Stolz: Wir können uns sehen lassen bei den Fremden, die hierher kommen. Auf der vier Kilometer langen Stadtmauer, bekanntlich das Wahrzeichen Rothenburgs, lässt sich eine Art weltbürgerliche National-Solidarität beobachten. Wer sich mit einer Spende (Mindestbetrag 1200 Euro) für den Erhalt der Mauer engagiert, bekommt dafür einen »Spenderstein«, in den Name und Nationalität eingeschrieben sind: Herr Li aus Beijing oder Ms. Smith aus Cincinnati liegen hier Stein an Stein. Auffallend viele Spender aus Amerika, Japan und China sind uns aufgefallen. Die Gruppe junger Chinesen vor uns blieb stolz fast ein wenig andächtig stehen, wenn sie Landsleute auf den Spendersteinen entdeckte.

    Rothenburg ob der Tauber als Avantgarde

    Wenn ich es jetzt pathetisch übertreiben wollte, würde ich sagen: Geht doch! Rothenburg ist ein Modell dafür, wie wir unsere Welt gerne hätten. Ein Ideal smarter Globalisierung, wo Nationen auf sich und auf die anderen stolz sein dürfen, sich am Altruismus ihrer Landsleute erfreuen, und wir Deutsche ein Heimatgefühl angesichts einer über tausendjährigen Geschichte dieser Vorzeigestadt spüren und zulassen dürfen. Stolz sein auf das Erbe, ohne dessen exklusiven Gebrauch (»Ausländer raus!«) zu beanspruchen. Rothenburg, die offene Stadt, ist Symbol einer multikulturellen Gesellschaft, die doch weiß, dass Offenheit wehrhaft sein muss – und deshalb ohne Grenzen und Mauern nicht auskommt. Denn eine offene Gesellschaft hat Feinde.

    Was sich in Rothenburg, mitten in Deutschland, zur Einheit fügt, scheint ansonsten derzeit gesellschaftlich überall auseinander zu brechen. Die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch spricht in ihrem klugen Buch »Gesellschaft des Zorns« über den neuen Rechtspopulismus von einer Re-Nationalisierung, einer Re-Souveränisierung und eine Re-Vergemeinschaftung. Alle drei Rückwärtsbewegungen zusammen beschreibt sie als Protestbewegung, eine Konterrevolte gegen die arrogante Verweltbürgerlichung globaler Wirtschaftseliten, deren Heimat London und New York (aber nicht Rothenburg) ist. Was dabei verloren gegangen zu sein scheint ist ein Gefühl von Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Nation, welche doch Voraussetzung dafür ist, dass Menschen Würde entwickeln.

    Eine solche Deutung des Populismus als – den Achtundsechzigern vergleichbare – Protestbewegung trägt deutlich weiter als die derzeit gängigen Interpretationen, weil sie es nicht nötig hat, die rechten Revoluzzer von oben herab paternalistisch als Clan minderbemittelter Dummerjane zu behandeln und ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch als inferior zu geißeln. Kollektive Wir-Gefühle dienen dazu, Loyalität und Identität innerhalb der jeweiligen Gruppe herzustellen. Das gilt für die Bildungselite, deren Individualismus unbewusst kollektiven Moden folgt, nicht weniger als für die Populisten. Treffend lässt sich diese Suche nach Identität als »Tribalismus« beschreiben, eine Art von Stammesdenken, wo das Eigene vor allem und zuallererst in der Abgrenzung zum feindlich Anderen mit sich bekannt wird.

    Schlag nach bei Karl Popper

    Wie konnte es zu dieser giftig-aufgeheizten Situation kommen, wo wir doch schon einmal so stolz waren auf unsere aufgeklärte, tolerante und offene Gesellschaft, die wir längst auf halbem Weg zu einer grenzenlosen Weltgesellschaft wähnten? Es lohnt ein Blick in das einschlägige Standardwerk Karl Poppers: »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« erschien 1945 als der von den Feinden der offenen Gesellschaft angezettelte Krieg in Europa zu Ende ging. Ziel seines Buches, so Popper, sei es zu zeigen, »dass sich die Zivilisation noch immer nicht von ihrem Geburtstrauma erholt hat – vom Trauma des Übergangs aus der Stammesordnung, die magischen Kräften unterworfen ist, zur offenen Gesellschaft, die die kritischen Fähigkeiten der Menschen freisetzt«. Der »Schock dieses Übergangs« ist nach Popper einer der Faktoren, die den Aufstieg der totalitären Protestbewegungen ermöglichten, zu denen für ihn neben dem Faschismus stets auch der Kommunismus in der Sowjetunion zählten.

    Das kann nur heißen, dass die Geschichte eben keine teleologische Fortschrittsgeschichte ist, die sich zwingend vom Schlechten zum Guten, vom Stammesdenken zum kritischen Rationalismus fortentwickelt. Bekanntlich äußert sich ein Trauma in einem Wiederholungszwang; das Verdrängte kehrt zurück und richtet sich gegen jene, die sich längst von der Last des kollektivistischen Erbes befreit dünkten. Könnte es sein, dass der kosmopolitische Liberalismus meinte, jene »Ligaturen« (Ralf Dahrendorf) ignorieren zu können, welche den Bezug zu den Kollektiven Heimat, Volk oder Nation für jedermann essentiell sein lassen? Der Schock über die populistische Protestbewegung wäre dann das Erschrecken über die Wiederkehr des »Rufs der Horde«.

    Statt den Fehler zu machen, die Rechtspopulisten als Erscheinung des Bösen zu diabolisieren – und also abzuspalten und zugleich für sich selbst eine Art alternativlose Ewigkeitspacht auf Wahrheit und Rationalität zu beanspruchen, wäre es besser, sich den von den protestierenden Populisten aufgeworfenen Themen zu stellen: den Fragen von Heimat, Zugehörigkeit oder Würde. Ein Ausflug nach Rothenburg ist dafür eine gute Kur: Man kann dort deutsches Erbe stolz erfahren und erleben, dass Heimatliebe und globales Lebensgefühl sich bestens vertragen.

    Rainer Hank