Tagebuch

Hanks Tagebuch

Impressionen, Begegnungen, Reflexionen: Was mir so alles passiert und auffällt.

Aktuelle Einträge

  • 23. September 2019
    Moscheen, Medresen und Mausoleen

    Märchenland für Touristen?

    Auf der Suche nach Usbekistans Helden

    Beginnen wir mit Gur Emir. Gur Emir ist eine Begräbnisstätte. Sie liegt in Samarkand, jener Stadt im Südosten Usbekistans, die für viele die schönste Stadt des Erdballs ist. Man könne durch die ganze Welt reisen, das Lächeln der Sphinx bewundern, ehrfurchtsvoll vor dem Parthenon knien und entzückt sein von Notre Dame in Paris, sagen ihre Verehrer: Aber wenn Du einmal Samarkand gesehen hast, wirst Du immer von seiner Magie verzaubert sein.

    An diesem Julitag, als wir Samarkand besuchen, ist es mit knapp vierzig Grad zu heiß dafür, verzaubert zu werden. Zudem ist das moderne Samarkand mit seinen übergroßen Boulevards, seiner spätzaristischen, spätstalinistischen und spätmodernen Architektur insgesamt zu unübersichtlich für orientalische Magie. Aber drinnen in Gur Emir, dem Mausoleum, werden wir dann doch überwältigt: Von der Intensität der Farben Blau und Gold in dem mit einer phänomenalen Kuppel überwölbten quadratischen Innenraum. »Allah allein ist ewig« steht auf den vielfach verzierten Majolika-Fliesen, die über dem Eingang der Grabesstätte prangen.

    Fast so ewig wie Allah ist auch Amir Timur, jener Mann, der von 1336 bis 1405 gelebt hat und der hier in Gur Emir unter einer schweren Platte aus Nephrit-Gestein begraben liegt. Dem Grabstein, so erzählt unser Führer, ist ein Fluch eingraviert: »Jeder, der meine Ruhe in diesem oder anderen Leben stört, wird den Leiden unterzogen und stirbt«.

    Hierzulande ist dieser Amir Timur – falls überhaupt – besser bekannt unter dem Namen »Tamerlan«. Die Historiker stellen ihn in eine Reihe mit Alexander dem Großen – dem Begründer eines bis nach Indien reichenden Weltreiches – oder mit Dschingis Khan, dem grausamen Mongolenherrscher, der ein Jahrhundert vor Timur halb Zentralasien zerstört und unterjocht hat. Timur steht Dschingis Khan weder in seinem Größenwahn, noch in seiner Zerstörungswut nach, in puncto Grausamkeit übertrifft er ihn sogar. Und das will etwas heißen.

    Ein gelähmtes Bein, eine Verwachsung der Schulter

    Timur hat uns auf unserer Reise durch Usbekistan nicht losgelassen. Anfangs in Taschkent haben wir nur wenig Notiz von ihm genommen. Doch dann wurde der kleine Mann mit dem lahmenden Fuß plötzlich allgegenwärtig. Eine merkwürdige Figur der Weltgeschichte. Zorn oder Scham angesichts seines körperlichen Makels – ein gelähmtes rechtes Bein und eine Verwachsung an der rechten Schulter – müssen ihn mindestens so sehr in Rage versetzt haben wie seinen englischen Artgenossen Richard III., Rache zu nehmen an allen, denen Allah körperliche Unversehrtheit geschenkt hat.

    In seinen erfolgreichsten Zeiten beherrschte Timur ein Reich von Konstantinopel weit im Westen bis Delhi im Osten – Persien oder der heutige Irak mit Bagdad oder Damaskus in Syrien gehörten sowieso dazu. Seine »goldenen Horden« wüteten mit größter Lust. Bei der Eroberung von Isfahan in Persien zeugten 28 Schädeltürme von 70000 Bürgern der Stadt, die im Namen Timurs niedergemetzelt wurden. Solche Haufen aufgestapelter Schädel sind offenbar eine Spezialität Timurs: sie waren Ausdruck des Triumphs und der Stärke und dienten potentiellen Feinden als makabre Abschreckung, sich besser nicht mit ihm anzulegen.

    Wie kann es kommen, dass dieser Mann, der nach allem, was man von seinem Leben weiß, alles andere als ein Vorbild ist, sondern ein abschreckendes Scheusal, einem bei einer Reise durch Usbekistan auf verehrungswürdigen Sockeln begegnet? Nicht genug, dass es in nahezu jeder Stadt einen Amir Timur-Park und im Land eine ganze Reihe von Amir Timur-Museen gibt. Hervorstechend sind die Denkmäler: Mitten in Samarkand thront Timur majestätisch und überlebensgroß, in seinem Heimatort Shahrisabz steht er auf einem überdimensionierten Sockel und in Taschkent gibt es ein Reiterstandbild von ihm am zentralen Platz der Hauptstadt. Dieser Timur von Taschkent kann den ersten Fingerzeig seiner Funktion geben, sobald man weiß, dass an gleicher Stelle bis Anfang der neunziger Jahre nicht Timur, sondern Statuen von Marx und Engels standen. Und noch früher war dort der zaristische Gouverneur Konstantin von Kaufmann aufgestellt, gefolgt von einer Skulptur »Befreiung der Arbeit«, die 1940 durch Josef Stalin ersetzt wurde. 1967 folgten dann Marx und Engels. Und 1993 eben Amir Timur.
    »Unglücklich das Land, das Helden nötig hat«, sagt Galileo in Bert Brechts gleichnamigem Stück. Usbekistan scheint zu seinem Glück Helden dringend nötig zu haben. Timur passt nicht schlecht in die zwielichtige Gesellschaft seiner Vorgänger. Als das Land ungefragt und gegen seinen Willen nach der Auflösung der Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre sich plötzlich in der Unabhängigkeit fand, brauchte es dringend eine nationale Identität. Mit Marx und Engels war kein Staat mehr zu machen. Schon geographisch ist Usbekistan eigentlich ein Unding, ein Staat, den es historisch nie gegeben hat und dessen Grenzen von Stalin angeblich in einer Nacht künstlich mit dem Lineal gezogen worden waren.
    Helden stiften nationale Identität, das hat Brecht übersehen. Helden brauchen lokale Wurzeln. Und da kam Islom Karimov, dem ersten Präsidenten des neuen und unabhängigen Staates, der alte Timur gerade recht. Eine »phänomenale Neubewertung des legendären Herrschers von Samarkand« hat Bodo Thöns in den vergangenen zwanzig Jahren in Usbekistan beobachtet. Thöns, ein deutscher Finanzexperte, lebt seit langem in Zentralasien und hat gerade einen sehr empfehlendswerten Führer durch Usbekistan veröffentlicht. Tadschikistan im Süden von Usbekistan hat sich aus denselben Gründen lokaler Identitätsbildung Ismail Samanis, den Begründer des Samaniden-Geschlechts, zum nationalen Heiligen gewählt. Und in der Mongolei haben sie in den vergangenen zwanzig Jahren ihren Dschingis Khan wiederentdeckt und bewundern gelernt. Allemal ist es dasselbe Erzählmuster: Einer von uns hat uns einmal zu einer großen und mächtigen Nation gemacht. Timur spiegelt nicht nur den Stolz darüber, vor siebenhundert Jahren einmal im Mittelpunkt eines Weltreiches gestanden zu haben, er liefert auch eine Art symbolischen Ausgleich dafür, lange Jahrhunderte kolonialisiert worden zu sein und nun zwar frei, aber auch in einer geopolitischen Randlage gestrandet zu sein. Zugleich ist der Mann verantwortlich für den kulturellen Weltruhm des Landes, seinen Moscheen, Medresen (Koranschulen) und Mausoleen, derentwegen die Leute immer schon nach Buchara, Samarkand oder Chiva gereist sind und – geht es nach dem Willen der Tourismusplaner – bald noch viel zahlreicher kommen werden. Timurs berühmtester Satz nämlich, gerichtet an die ganze Welt, insbesondere an seine Gegner, lautet: »Wenn ihr an unserer Macht zweifelt, schaut auf unsere Bauwerke.« Schönheit im Dienste der Machtdemonstration. So gesehen verdanken also auch wir es diesem Timur, dass wir an diesen brüllend heißen Julitagen (man sollte besser im Frühjahr kommen!) durch das Land reisen.

    Auch Präsident Karimov hat sein Mausoleum

    Um sich von Timurs Bauwerken einen Eindruck zu verschaffen, sollte man sich die Bibixonim-Moschee in Samarkand anschauen. Der Herrscher ließ sie auf der Höhe seiner Weltherrschaft erbauen, gedacht als die größte Freitagsmoschee der islamischen Welt, die den Gläubigen einen Vorgeschmack vom Paradies vermitteln sollte. Bibi, der das Gotteshaus geweiht ist, war unter den achtzehn Gemahlinnen (zuzüglich 23 Konkubinen) Timurs Lieblingsfrau. Wie es sich für einen anständigen Despoten gehört, hatte er aus seinem ganzen Reich die besten Baumeister, Handwerker und Künstler – außerdem hundert Elefanten als Lastenträger – zusammengeholt, die das gigantische Bauwerk in relativ kurzer Zeit erstellen mussten. In späterer Zeit stand das Prachtwerk ziemlich ruinös herum. Erst die späte Sowjetunion, die viel für die Erhaltung des orientalischen Erbes tat, ließ die Moschee aufwendig restaurieren. Unser Führer, der in Samarkand seine Kindheit verbracht hat, erzählt, er kenne die Bibixonim-Moschee eigentlich nur als Baustelle. Erst 2003 waren die Arbeiten abgeschlossen. Wenn man jetzt an einem Sonntagmorgen hierher kommt, sieht man durch das monumentale Eingangsportal viele Einheimische schlendern, die sich sonntäglich herausgeputzt haben und sichtlich stolz sind auf ihre Stadt und ihr Land. Heldenkult als Instrument nationaler Identitätsbildung – es funktioniert offenkundig ganz gut: Timur eint das Volk und zieht die Touristen an.

    Keine Überraschung ist es da, dass auch der erste Präsident Karimov (gestorben 2016) – ein ziemlich autokratischer Herrscher, der vor grausamer Folter nicht zurückschreckte – sich inmitten der Nekropole Shohizinda an der Rückseite einer Moschee sein eigenes Mausoleum erbauen ließ. Heldentum ist keine rein intellektuelle Konstruktion. Der tote Held braucht heilige Orte, an denen man seiner gedenken kann. Sepulkralkultur geht zusammen mit Sepulkralarchitektur: daran ist in Usbekistan kein Mangel. Dieselben stolzen Frauen und Männer Samarkands, die die Bibixonim-Moschee besuchen, pilgern anschließend noch zum Grab ihres Präsidenten, der sich damit selbst in die Reihe der Timuriden stellt. Nationale Identität funktioniert über die Konstruktion von Geschichte. Ganz so fremd ist uns das gar nicht: Wurde nicht Helmut Kohl im Schatten des Speyrer Doms begraben? Ist das nicht auch der Bestattungsort der großen deutschen Kaiser?

    Islom Karimov hat den Timur-Kult erfunden, um sich selbst zu seinem vorerst letzten Erben krönen zu können. Dass sein Despotismus am Ende dazu geführt hat, dass sein Land im Demokratie-Index des britischen »Economist« unter 167 Staaten auf Platz 161 landete, mag das Ausland empören. Der Verehrung des Mannes in der Bevölkerung Usbekistans tut das keinen Abbruch. Spricht man die Leute auf Karimovs Grausamkeiten an, die auch der Grund dafür sind, dass das Land lange vom Ausland gemieden wurde, kontern sie mit der Geschichte des Ferghana-Tals. Der mit zehn Millionen Menschen ganz im Osten des Landes am dichtesten besiedelte Teil Usbekistans war in der neunziger Jahren kurz davor, zur Beute der Islamisten zu werden. Fergahana bedeutet »die Großartige, die wunderbar Abwechslungsreiche«. Die fruchtbare Ebene des Tales galt immer schon als kulturelles Zentrum Asiens. Aus dem Ferghanatal stammen besonders viele Dschihadisten, die sich in Syrien, im Irak und in Libyen radikalen Kämpfern angeschlossen haben. Dort hatte sich in den neunziger Jahren die Islamische Union Usbekistans mit den Taliban Afghanistans und den Vorläufern des Islamischen Staats zusammengeschlossen; eine brandgefährliche Opposition des Terrors formierte sich. Karimov, der nur knapp zwei Attentate überlebte, ging darauf mit großer Härte gegen die Dschihadisten vor. Und hatte fortan einen guten Vorwand zur Legitimation seiner brutaler Despotie gegen alle, die ihm gefährlich zu werden drohten: Wollt ihr, dass wir hier afghanische oder syrische Zustände bekommen? Ähnlich fällt auch die Antwort der Touristenführer im Land aus: Hätte Karimov nicht den Islamismus im Ferghanatal besiegt, könntet ihr heute nicht auf den Spuren der alten Seidenstraße unbehelligt und sicher vor Anschlägen durch das Land reisen. 90 Prozent der Bewohner Usbekistans sind sunnitische Muslime. Aber die Religion ist qua Verfassung auf Kult und Barmherzigkeit beschränkt und zur unpolitischen Neutralität verpflichtet. Das wird ernst genommen. Die Freitagspredigten in den Moscheen würden heute zwar nicht mehr wie früher zentral in Taschkent erstellt, heißt es. Doch das klingt nach Propaganda. Bis heute sorgen Agenten des am sowjetischen NKWD angelehnten staatlichen Geheimdienstes dafür, dass kein politisches Wort die Münder der Imame und Mullahs verlässt. Bei Zuwiderhandlungen wird hart durchgegriffen. Religiöse Helden sind nicht erwünscht, es sei denn, sie wären bereit, zu Märtyrern zu werden.
    Das alles mag wohl auch ein Grund dafür sein, dass Amir Timur, der Grausame, zum Helden des Landes gewählt wurde und nicht etwa Qutaiba ibn Muslim, der es unserer Ansicht nach mindestens so sehr verdient hätte, zum Ahnherr des Landes (und seiner Tourismusindustrie) ernannt zu werden. Denn ohne Quataiba gäbe es die ganze Pracht der Moscheen, Medresen und Mausoleen in Usbekistan nicht. Ohne ihn hätte das Land nie eine derartige Anziehungskraft für Reisende aus aller Welt erhalten können. Qutaiba (670 bis 715) war es nämlich, der schon bald nach Mohameds Religionsgründung jene Gegend missionierte, die damals Transoxanien genannt wurde, das »Land jenseits des Oxus« zwischen den beiden Strömen Amudarja und Syrdarja, das freilich damals weit über das heutige Usbekistan hinausreichte und auch Teile von Kasachstan im Norden, Tadschikistan und Kirgistan im Osten und Turkmenistan im Süden miteinschloss. Was Samarkand & Co. bis heute seine Größe verleiht und es mit dem persischen Isfahan oder Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans vergleichbar macht, verdanken die usbekischen Städte in Wirklichkeit nicht dem Despoten Tamir, sondern den Missionaren Mohameds. Qutaiba erbaute in Buchara, Samarkand und eben auch im Ferghanatal Moscheen und brachte die Bewohner der Städte mit einer Art fiskalpolitischer Verführung dazu, sich dem Islam anzuschließen: Wer Moslem wurde, musste weniger Steuern bezahlen als die Anders- oder Ungläubigen. Ein sanfterer Zwang des Proselytenmachens ist kaum vorstellbar. Immerhin, ein wenig gnädiger als mit dem in Vergessenheit geratenen Qutaiba gehen sie in Usbekistan mit dem großen muslimischen Philosophen und Arzt Avicenna (11. Jahrhundert) um: Der hat zwar fast sein ganzes Leben außerhalb Transoxaniens verbracht. Aber man hält ihm zugute, dass er in Buchara geboren ist. Wie gesagt: Wer Held werden will, braucht lokale Wurzeln. Die sind wichtiger als ein großes denkerisches Lebenswerk.

    Das Erbe Arabiens

    Nichts im Land ist bis heute so nachhaltig prägend wie die Arabisierung Zentralasiens im siebten Jahrhundert. Das Weltreich der Sowjetunion, so sehr es nicht nur koloniale Unterdrückung, sondern auch Bildung gebracht hat, ist nach siebzig Jahren wieder verschwunden. Aber die muslimische Welt hat ihre Ausdehnung vom vorderen Orient bis Iran, Indien, Afrika südlich der Sahara, Zentral- und Südostasien seither nicht nur gefestigt, sondern inzwischen mit beträchtlichem Erfolg auch über die Türkei bis nach Mitteleuropa ausgeweitet. Wenn man in einer der unzähligen Moscheen Usbekistans (die sich alle irgendwie gleichen, weil kunsthistorischer Fortschritt in der religiösen Architektur des Islam nicht vorgesehen ist) die Farbenpracht aus Kobalt und Kupfer der ornamentalen Majolika-, Terrakotta- und Mosaik-Kunst bewundert, sind Gedanken über den Grund der jahrhundertelangen Stabilität des »Arabischen« fast unausweichlich. Einzig das römische Reich oder das britische Empire in ihrer imperialen Ausdehnung wären der arabischen Welt vergleichbar. Aber auch diese Reiche sind längst untergegangen. Einiges spricht dafür, dass es der Aufstieg des Islam ist, der die Nachhaltigkeit der arabischen Welt bis heute garantiert.

    Das zumindest ist eine These, die der britische Reiseschriftsteller Tim Mackintosh-Smith in seinem schönen, kürzlich erschienenen Buch »Arabs. A 3000Year History of Peoples, Tribes and Empires« (Yale University Press 2019) vertritt. Solch eine einheitsstiftende Religion wie den Islam hatten Römer und Briten gerade nicht. Lediglich die kommunistische Ideologie war wohl so etwas wie ein Religionsersatz. Aber womöglich ist der Jenseitsglaube, anders als die aufgeklärte Religionskritik meinte, letztlich haltbarer als der Diesseitsglaube, der – wie im Falle des Sowjetkommunismus – schon rein ökonomisch im Vergleich mit dem Kapitalismus der empirischen Falsifizierung unterlag. Wer hätte es dagegen jemals schon vermocht, den Glauben an das Paradies zu falsifizieren, dessen Vorgeschmack eben zum Beispiel in der Bibixonim-Moschee in Samarkand gespürt werden kann?
    Dass sich daraus auch touristisch Kapital schlagen lässt, hat Usbekistan erkannt. In noch größerem Stil als bisher schon will das Land jetzt mit dem muslimischen Pfund wuchern. Seit dem Regierungswechsel und der Ablösung von Präsident Karimow im Jahr 2016 durch den vormaligen Premierminister Shavkat Mirzyoyev spricht man in Usbekistan von Tauwetter, ein Begriff, der uns angesichts der brütenden Sommerhitze nicht wirklich angemessen vorkommt. Tatsächlich geht es um den Prozess vorsichtiger, staatlich verordneter Liberalisierung. Das schlechte Image aus der Zeit Kamirows soll durch eine internationale Charme-Offensive zum Guten gewendet werden. Man wirbt um Investoren aus dem Ausland, verspricht Subventionen, wenn internationale Hotelketten sich niederlassen. Handelshürden wurden abgebaut, die Währung hat man mit einer schmerzhaften Abwertung inzwischen stabilisiert. Mehr Transparenz und Rechtsstaatlichkeit verspricht die Regierung zwar, aber nach Ansicht vieler Beobachter ist es damit noch nicht sehr weit her. Das Ziel heißt: »Unser Volk reich machen«. Das ist tatsächlich aller Anstrengung wert. Das Prokopfeinkommen des Landes liegt kaufkraftbereinigt bei 8000 Dollar. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 46000 Dollar und auch eine Reihe der Nachbarländer Usbekistans stehen besser da.

    Die wichtigste Erleichterung für die Reisenden besteht darin, dass seit Anfang des Jahres 2019 die Visumpflicht bei einem Aufenthalt von bis zu 30 Tagen weggefallen ist. Die Grenzformalitäten sind dadurch unbürokratisch geworden. Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Touristen aus Deutschland auf – bescheidene – 18000 mehr als verdoppelt. In diesem Jahr soll sich diese Zahl abermals verdoppeln. Man darf nun auch (fast) überall frei fotografieren. Die Auswirkungen dieser Öffnung lassen sich bei einer Reise durch das Land allenthalben mit Händen greifen. Die Moscheen, Medresen und Mausoleen, aufwendig herausgeputzt, leuchten in den schönsten Farben. Um sie herum werden Hotels aller Klassen aus dem Boden gestampft. Die Touristenstädte des Landes gleichen derzeit einer einzigen großen Baustelle. Stolz ist man auf die vielen Orte, die ins Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen wurden. Selbst das Nationalgericht Plov – ein hierzulande als »Pilav« bekanntes wohlschmeckendes Reisfleisch mit gelben Rüben und Rosinen – wurde inzwischen zum Weltkulturerbe erklärt.

    Vom Märchenland ins Disneyland

    Das alles hat seinen Preis. Nennen wir ihn, vorsichtig, Musealisierung. Oder, härter, Sterilisierung. Ein von Google-Maps vorgeschlagener Spaziergang am Nachmittag von unserem an einer lauten Straße gelegenen Hotel in Buchara zum historischen Zentrum führte zu meiner Überraschung durch ärmliche städtische Quartiere mit unbefestigten Straßen. Davon war beim morgendlichen Gang durch die prächtige Stadt (Moscheen, Medresen, Mausoleen) nichts zu sehen gewesen. Selbst als Google schon meldet, man sei am Ziel angekommen, war vom Unesco-Kulturerbe immer noch nichts zu sehen, bis ein freundlicher Bewohner den Weg vorbei an einer Sichtmauer wies, hinter der mit einem Mal die Architektur von Tausendundeiner Nacht farbenfroh erstrahlte. Kein Zufall und wohl auch kein Einzelfall, wie Jens Jordan, Mitglied im internationalen Rat für Denkmalpflege, in einem aufrüttelnden Aufsatz in der F.A.Z. Mitte Juni geschrieben hat: »Buchara verliert seit einigen Jahren ihre authentische Atmosphäre und verwandelt sich schrittweise in einen sterilen Freizeitpark.« Überall, nicht nur in Buchara, führt die Forcierung des Tourismus dazu, dass die Sehenswürdigkeiten durch Sichtschutzmauern abgeschirmt werden. Verbindungswege werden von Souvenirgeschäften eingerahmt und verdecken die armen Wohnquartiere. Deren Anblick soll den Touristen nicht zugemutet werden.
    Für die Hotelneubauten werden gewachsene Wohnquartiere von Bulldozern zertrümmert, wie Jens Jordan berichtet und der Reisende überall nachprüfen kann. Die Zerstörung ist nicht sehr schwierig: Grund und Boden gehört im Land bis heute wie zu sowjetischer Zeit dem Staat. Für die Abrissbirne ist also noch nicht einmal eine Enteignung nötig, weil Marktfreiheit und Rechtstaatlichkeit im Bodenrecht Usbekistans noch gar nicht angekommen sind. Mehr noch: Auch mit der Denkmalpflege nimmt man es nicht so genau. Bei Restaurierungsarbeiten der Moscheen, Medresen, Mausoleen wird schon mal kurzerhand das ganze Gebäude abgerissen. Nach dem Abbruch tritt an die Stelle des Denkmals ein Simulakrum, ein Kunstgebilde, das nur grob an das Original erinnert. Das macht die Sache billiger und beruht offenbar auf der Annahme, die Touristen nähmen es ohnehin nicht so genau, was vielleicht gar nicht falsch ist. Hauptsache, es sieht alles schön, prächtig und ordentlich orientalisch aus. Das führt jetzt nach dem Bericht von Jens Jordan sogar zu der äußerst seltenen Drohung, Shakhrisabz, den Geburtsort von Amir Timur, aus der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, was ein blamabler Schaden für das Image des Landes wäre – und seinen Helden Timur.
    Um in der Welt besser dazustehen, hat man inzwischen sogar die monopolistisch-monomane Heldenverehrung Amir Timurs gelockert in Richtung einer Multikulti-Heldenvielfalt: In Samarkand steht seit neuestem auch eine Statue von Konfuzius, rechtzeitig vor einem wichtigen Treffen der sogenannten Shanghai-Union im kommenden Jahr, einem unter chinesischer Führung gegründeten wirtschaftlichen Zusammenschluss zentral- und ostasiatischer Länder. Wer weiß: China hat ja nun die Initiative einer neuen Seitenstraße ausgerufen (»One Belt one Road«). China bieten den Ländern an der Seidenstraße großzügige Kreditfinanzierung für die nötigen Infrastrukturprojekte an. Usbekistan gibt sich, anders als viele Nachbarländer, bislang noch etwas spröde, auch aus der Sorge, am Ende dauerhaft in Abhängigkeit von China geraten zu können. Aber verderben will man es sich mit den Nachbarn im Reich der Mitte auch nicht, die inzwischen Russland als wichtigstes Exportziel abgelöst haben. So mag es vernünftig sein, sich auch mit Konfuzius, dem größten Heiligen der Chinesen, gut zu stellen.

    Konfuzius ist der neue Held in Samarkand. In Taschkent steht seit kurzem ein Denkmal Johann Wolfgang von Goethes – rechtzeitig errichtet vor einem Staatsbesuch des deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier im Mai diesen Jahres. Verbreiterung der Heldenbasis, könnte man das nennen, als Zeichen eines neuen Pragmatismus im Interesse internationaler Anerkennung. Goethe freilich hat unserer Ansicht nach sehr zurecht einen Platz in Taschkent gefunden. In seinem West-Östlichen Divan gibt es das »Buch Timur« – das freilich nur zwei Gedichte enthält. Goethe war Timur, der grausame Mann, vertraut. Er vergleicht ihn mit Napoleon: Wie Napoleons Russlandfeldzug im Winter 1812/​13 scheiterte, so scheiterte auch Timurs Größenwahn im extrem kalten Februar 1405 und damit sein Plan, sich die chinesische Minghdynastie zu unterwerfen. Timur, der greise Held, konnte am Ende nicht mehr, verstarb noch in Kasachstan, der Legende nach an übermäßigem Alkoholgenuss. Andere Quellen sprechen von einer Lungenentzündung. Es ist der Winter Asiens selbst, der in Goethes Gedicht spricht. Dieser Winter vermag noch die grausamsten Helden der Weltgeschichte in die Knie zu zwingen. »Nicht, o Greis, verteid’gen soll dich/​Breite Kohlenglut vom Herde,/​Keine Flamme des Decembers.« Der Sommer wird glühend heiß, der Winter aber eiseskalt, das muss man wissen.

    Es traf sich, dass Anfang des Jahres 1405 in Samarkand das Mausoleum für Timur bereits vollendet war und man den Leichnam dort bestatten konnte. Sowjetische Wissenschaftler haben Timurs Grab am 19. Juni 1941, kurz vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni geöffnet und seine Identität nachgewiesen. Die Menschen aber erinnerten sich an den bösen Fluch auf dem Grab, wer die Platte öffne, müsse sterben und gaben der Grabesöffnung die Mitschuld am Kriegsausbruch. Dass Timur Anfang 1942 in seinem Mausoleum wieder seine Ruhe fand, gilt im Volksglauben konsequenterweise als Indiz für die zum sowjetischen Sieg führende Kriegswende in der Schlacht bei Stalingrad, wo ein anderer Despot dem gnadenlosen Winter unterlag. Und so endet unser Reisebericht aus Usbekistan da, wo er begonnen hat: In Gur Emir, dem Mausoleum von Amir Timur in der Märchenstadt Samarkand.

    Eine leicht gekürzte Version dieses Textes ist im Reiseteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen.

    Rainer Hank

  • 11. September 2019
    Kann das Paradies sich abnutzen?

    Villa Sostaga oder das Glück im September

    Herbst am Gardasee

    Villa Sostaga heißt der Ort ein paar Spitzkehren oberhalb von Gargnano am Westufer des Gardasees. Ein zum Hotel umgewandeltes ehemaliges Jagdhaus. Die Lage ist spektakulär, der Blick auch: Über Olivenhaine, die von Pinien und Zypressen gesäumt werden, schweift er über den See, dessen anderes Ufer langsam von Süd nach Nord zum felsigen Monte Baldo aufsteigt. An diesen Septembertagen ist es noch warm, aber nicht mehr heiß wie im Sommer. Abends hört man die Zikaden. Sonst hört man fast nichts.

    Gardasee hatte lange keinen wirklich guten Klang für mich. Er hörte sich nach vielen schwäbischen Touristen an. Viel besser klangen Lago Maggiore oder Comer See. Jetzt, im September 2019 in der Villa Sostaga, kommt mir das wie ein großes Missverständnis vor: Der Ort gehorcht idealen Bedingungen der deutschen Italiensehnsucht, sogar die Zitronen sollen hier besonders üppig gedeihen, heißt es. Und trotzdem keine Spur von Klischee.

    Adam und Eva kommen auf dumme Gedanken

    Kann man das lange aushalten? Weiß man auch am fünften Tage, gar in der fünften Woche, wie schön es hier ist? Wie schnell schlägt im Paradies das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen zu? Wir testen es und fragen eine Einheimische. Doch, ja, sagt sie, es sei das Paradies. Sie habe das erst so richtig empfunden, als sie einmal für längere Zeit in London gelebt habe, sagt sie. Das heißt doch wohl, dass man das Paradies verlassen muss, um seiner Schönheit gewahr zu werden. Könnte es sein, dass Adam und Eva einfach auf dumme Gedanken gekommen sind, weil sie gar nicht mehr sehen konnten, wie schön sie es haben? Dieser Gedanke ist nicht neu: Das Naive wird erst aus dem sentimentalischen Blick zur begehrten Utopie, meinten Friedrich Schiller und seine Freunde der Klassik.

    Was kann man dagegen tun? Die Alten hatten gegen die drohende Abnutzung des Paradieses ihre Tricks. Stell Dir vor, heute sei der letzte Tag Deines Lebens! Das soll dazu gut sein, dem Augenblick jenen unverwechselbaren Ernst zu geben, den der abnehmende Grenznutzen ihm zu nehmen droht. Aber Adam und Eva hätte selbst dieser epikureische Trick nichts genützt: Sie waren ja unsterblich, kannten somit die Angst vor dem Tod gar nicht. Erst als Sterbliche wussten sie, was das Paradies wert ist.

    Rainer Hank

  • 15. Juli 2019
    Die Synagoge von Buchara

    Die Synagoge von Buchara/​Usbekistan

    5 Bilder ›

    Usbekistan Reise durch ein fremdes Land

    Usbekistan, das zentralasiatische Land an der Seidenstraße, öffnet sich zur Welt: Taschkent, Buchara, Samarkand, Städte mit prächtiger islamischer Kunst, sind ein Anziehungspunkt für die Touristen aus aller Welt: Moscheen, Medresen (Koran-Schulen) und Mausoleen zeugen vom religiösen Reichtum früherer Jahrhunderete. Eine Journalistenreise Anfang Juli auf Einladung des usbekischen Tourismus-Ministeriums führte mich für eine Woche in das im Sommer glühend heiße Land. Die Tourismusmacher haben uns ausschließlich das muslimische Usbekistan gezeigt. Dass es daneben auch noch seit der zaristischen Zeit eine große russisch-orthodoxe Kultur gibt, wurde am Rande erwähnt. Dass es eine lange jüdische Tradition gibt, kam gar nicht vor. In Buchara habe ich mich dann selbst auf die Suche gemacht. Nicht weit weg von der Altstadt, südlich des Labi Hauz (einem schönen, städtisch belebtem Teich), stieß ich in einer namenlosen Gasse auf eine kleine Synagoge. Ein einsamer Beter winkte mich herein und erlaubte mir zu fotografieren.

    Eine jüdische Gemeinde seit dem 6. Jh. v. Chr.

    Buchara hatte einmal die größte jüdische Gemeinde in Zentralasien. Die erste Synagoge wurde 1620 gebaut. Die Buchara-Juden, wie sie genannt werden, führen sich der Legende nach auf das sechste Jahrhundert vor Christus zurück: Anstatt nach Israel soll ein Teil der nach Babylon in die Gefangenschaft verbannten Juden nach Buchara gekommen sein, um sich dort als Händler an der Seidenstraße niederzulassen. Dort blieben sie, verlernten ihr Hebräisch und sprachen Farsi. Bis zu 25000 Juden soll die Gemeinde im 19. Jahrhundert umfasst haben. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion in den neunziger Jahren sind viele ausgewandert – nach Israel, nach USA und nach Österreich (Wien). Wenige nur sind dageblieben; von gut 400 ist die Rede. Die Synagoge wirkt wie aus dem Bilderbuch östlicher jüdischer Gemeiden. Man wähnt sich in einem Film. Ein kleiner Schrein mit zwei Thora-Rollen, ein alter Kachelofen, viele Fotos früherer Gemeindeleiter und Rabbiner mit ernstem Gesichtsausdruck und würdevollen Pelzkappen.

    Nicht weit entfernt von der Synagoge befindet sich das jüdische Museum Bucharas. Einer Tafel zufolge wurde es von der Weltbank und von Israel für die Unesco finanziert. Über dem Eingang prangt ein Schild »Welcome«. Doch die alte Holztüre ist mit einer Kette versperrt. Ein paar Minuten später erscheint ein älterer Mann in der Türe, hager und im feingerippten Unterhemd, offenbar aufgeschreckt von meinem Gerüttele. Ein jüdisches Museum gebe es hier nicht mehr, teilt er mir wortlos mit Gesten mit. Was wohl aus dem Projekt der Unesco geworden ist? Aber es ist kein Wunder, wie gesagt: Auf der offiziellen Agenda der usbekischen Tourismusindustrie steht das jüdische Erbe eben nun wirklich nicht.

    Rainer Hank

  • 04. Juni 2019
    Frankfurt mit neuen Augen gesehen

    Anna von Münchhausen und Rainer Hank am Kiosk

    Eine Plauderei unter zwei Jungrentnern

    Wie ändert sich der Blick, wenn man von heute auf morgen nicht mehr ins Büro muss? Ändert sich gar nicht nur der Blick, sondern gleich die ganze Welt? Anna von Münchhausen, Freundin und Ex-Kollegin bei der FAS und danach wieder lange Jahre bei der ZEIT in Hamburg, hat am selben Tag wie ich, am 1. September 2019, die Redaktion verlassen.

    Jetzt sind wir beide Rentner. Aber was ist das und wie macht man das? Matthias Kalle und Anna Mayr, zwei Redakteure vom ZEIT-Magazin, hatten die schöne Idee, uns danach zu fragen: bei Kaffee und Kuchen im legendären Café Wacker in Frankfurt im Mittelweg und anschließend noch bei einem langen Spaziergang mit der Fotografin Evelyn Dragan durch diese schöne Stadt.

    Herausgekommen ist eine Plauderei, nicht nur über Frankfurt und die alles entscheidende Frage, wo es den besten Kuchen gibt, sondern auch darüber, warum wir uns so schwer tun bei der Lektüre von Martin Mosebach, warum man auf dem Werkstoffhof vom Boden essen kann und warum der Paketbote alle zwei Stunden mindestens zweimal klingelt.

    Das ganze Gespräch kommt hier im pfd.

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    Rainer Hank

  • 26. Mai 2019
    Linie und Grenze: Ein Versuch

    Dorothée Aschoff »meerend« Öl auf Leinwand 2019

    3 Bilder ›

    Von der Utopie der Grenzenlosigkeit

    Hillscheid ist ein kleiner unbedeutender Flecken, irgendwo zwischen Montabaur und Koblenz, tief im Westerwald. Bedeutung erhält der Ort, wenn man weiß, dass er direkt am Limes liegt, jener »an einer Linie aufgestellter Wehranlagen« der Römer, die das römische Reich von den Germanen schied. Mehr zufällig hat mich eine neue Ausstellung einer alten Freundin – Dorothée Aschoff – am Tag der Europa-Wahl nach Hillscheid geführt: ein willkommener Anlass über Grenzen (»Linien«) damals und heute nachzudenken, Grenzen im Raum, in der Politik, in der Kunst.

    Anders als man früher dachte, war der Limes nach Ansicht heutiger Historiker kein »Eiserner Vorhang«, kein »Bollwerk gegen die Barbaren«, sondern eine offene Grenzen, ähnlich einer Membran, welche das römische Rechtsgebiet vom germanischen Raum abgrenzte, aber durchlässig war für Waren, Dienstleistungen und Migranten. Solche Linien sind gemäß der etruskischen Seherin Vegoia wichtig, um die grenzenlose menschliche Gier in ihre Schranken zu weisen.

    Ein Europa, das die humane Funktion von Grenzen sieht, wäre mir ein lieberes Europa als ein Europa, das den illusionären Traum der Grenzenlosigkeit träumt. Grenzen, wenn es denn offene Grenzen sind, trennen Heimat und Fremde, Diesseits und Jenseits, Vertrautes und Neues. Grenzen regen die Phantasie an: man kann sie testen wie Kinder. Man kann sie überschreiten wie Künstler und kommt doch nicht über Wittgenstein hinaus, wonach die Grenzen einer Sprache auch die Grenzen (m)einer Welt sind.

    Am Deutschen Eck in Koblenz

    Von Hillscheid ist es nur ein Sprung hinunter zum Deutschen Eck in Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet. Da steht ein ziemlich monumentales Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I von 1897 als Denkmal für die deutsche Reichsgründung 1871. Es war die Geburt des deutschen Nationalstaats. Die Stimmung vor diesem wuchtigen, nicht wirklich schönen Monument an diesem sonnigen Tag der Europa-Wahl war ausgesprochen heiter: Allerlei Menschen, eine Gruppe wunderschön tanzender Paare, an ihrer Hautfarbe erkennbar aus aller Welt stammend, zeigten sich frei und vergnügt an diesem merkwürdigen deutschen Eck. Dass Grenzen den Austausch zwischen den Völkern per se verhindern sollen, hat mir noch nie eingeleuchtet. Auch nicht an diesem 26. Mai 2019.

    Meine kleine Rede zur Eröffnung der Ausstellung Dorothée Aschoffs liegt diesem Tagebuch als pdf bei. Die schöne Ausstellung im Kunstraum am Limes ist noch bis Ende Juni zu sehen. Wenn man sich anmeldet, zeigt die freundliche Kuratorin Ester Kröber auch die phantastische Sammlung von Imi Knöbel, Sigmar Polke u.a., nebenan in einer alten Getränkehalle.

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    Rainer Hank