Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 25. Februar 2026
    Boomer, raus aus eurer Altbauwohnung

    Hohe Decken, Stuck, Erker – und gar nicht so teuer Foto Lukinski

    Dieser Artikel in der FAZ

    Ein Lehrstück über Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Umverteilung

    Boomer-Bashing ist in Mode. Generationenkonflikte sind nichts Neues; es gab sie zu allen Zeiten. Wechselseitig hält man sich Privilegien vor; wechselseitig ist man beleidigt, nicht angemessen für seine Leistungen gewürdigt zu werden.

    Der Begriff der Boomer ist unscharf. Gemeinhin fallen darunter die Jahrgänge 1955 bis 1970. Es gibt auch Früh- und Spätboomer. Boomer waren immer die Vielen, statistisch sind sie die geburtenstärkste Kohorte Deutschlands, Kinder des Wirtschaftswunders, die selbst viel weniger Kinder auf die Welt gebracht haben als ihre Eltern. Jetzt verlassen sie den Arbeitsmarkt und bevölkern die Kreuzfahrtschiffe. Sie haben ihr Leben lang gut verdient und finden, dass sie das auch verdient haben. Schließlich hinterlassen sie den Nachgeborenen eine bessere Welt: Mehr Bildungschancen, bessere Gesundheit, (noch) ausreichend Arbeit für alle, Restaurants um die Ecke mit Speisekarten aus aller Herren Länder. Dass die Zukunft insgesamt unsicherer geworden ist – was können wir dafür?

    Generationenkonflikte ziehen Verteilungsgefechte nach sich. Verteilungskonflikte werden in der Regel als Nullsummenspiele verhandelt und durch Umverteilung zu lösen versucht: Die einen bekommen zu viel, die anderen müssen entsprechend viel abgeben. Das bekannteste Konfliktfeld ist das Rentensystem. Zuletzt hat die schwarz-rote Koalition den Boomern einen garantierten Rentenerhöhungsanspruch zugesichert, den die Jüngeren zu tragen haben, komme, was da wolle.
    Warum die Politik solche Entscheidungen trifft, ist leicht zu sehen. Viele Boomer sind auch viele Wähler; es sich mit ihnen zu verderben, könnte mit Stimmverlusten verstraft werden. Dafür müssen die ganz Jungen jetzt die Verteidigung des Landes übernehmen; ihre Eltern und Großeltern hatten sich – ungleich weniger riskant – in der Friedensbewegung engagiert.

    Neuerdings schiebt sich ein weiterer inter-generationeller Verteilungskonflikt in den Vordergrund: Das Wohnen. Wohnungleichheit zwischen Alt und Jung lässt sich in Quadratmetern messen. Ein durchschnittlicher Boomer bewohnt 59 Quadratmeter, gerne mit Parkett. Die nachfolgende Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahren hat 48 Quadratmeter zur Verfügung. Deutlich enger wird es für alle, die jünger sind als 45 Jahre.

    Die Alten profitieren von den günstigen Bestandsmieten

    Wie sind diese Ungleichheiten entstanden? Da kommt einiges zusammen: Die Boomer-Kinder sind aus dem Haus, ein Partner ist womöglich schon gestorben. Ihr Wohneigentum haben sie zu relativ günstigen Konditionen erworben (niedriger Kaufpreis, attraktive Finanzierungsbedingungen). Sind sie Mieter, profitieren sie von niedrigen Bestandsmieten und einem starken Kündigungsschutz. Gewachsene »Milieus« werden gehätschelt, von den Eigentümern beabsichtigte Modernisierungen werden erschwert, was faktisch als Mietendeckel funktioniert.

    Jetzt sitzen sie da, die Boomer, in den feinen Vierteln und wollen nicht weichen. Warum auch? Die Nachbarn sind nett, der Italiener um die Ecke begrüßt einen mit Handschlag. Jeder Umzug wäre mit hohen sozialen und finanziellen Kosten verbunden.

    Dementsprechend wächst der Widerstand gegen die vielen Alten in ihren günstigen Altbauwohnungen. Die Differenz zwischen Angebots- und Neuvermietungsmieten wächst. 2025 lagen einer Studie des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL) die Median-Mieten für Bestandswohnungen in großen Städten bei gut 16 Euro pro Quadratmeter, während Neuvermietungen im Schnitt bei 23 Euro oder höher lagen – also rund 37 Prozent teurer als bestehende Wohnungen.

    Für Freunde der Umverteilung liegt die Konsequenz auf der Hand. Nehmt den Boomern ihren üppigen Wohnraum. Gerne drapieren sie derartige Zwangsideen als Akt der Solidarität mit den Jüngeren. Der mildeste Eingriff in die Freiheit der Bürger wäre der Wohnungstausch. Die in zentraler Lage wohnende Witwe, nahe von Schulen und Kitas, die sie nicht mehr braucht, macht ihre Wohnung frei für die junge Familie mit zwei Kindern. Als Steigerungsstufe könnte man es mit staatlichen Anreizen versuchen, ähnlich wie bei der »Aktivrente«, dem Steuernachlass für arbeitende Alte. Ich würde von »Mobilitätsprämie« sprechen, wäre ich Politiker: 4000 Euro Umzugshilfe für jedes Boomer-Paar, wenn sie ihre Wohnung räumen. Natürlich müsste den Eigentümern verboten werden, den jungen Neuankömmlingen die Miete zu erhöhen, was kein Problem sein dürfte, nachdem vergangene Woche auch das Bundesverfassungsgericht staatliche Eingriffe in den Preismechanismus offiziell guthieß. Dass dadurch die Nachfrage nach Wohnraum vergrößert, das Angebot aber verkleinert wird, ist den Richtern schnuppe. Es reicht ihnen, dass es »sozial« gemeint war.

    Sollten die Boomer immer noch nicht weichen, bliebe noch die Zwangsbewirtschaftung. Jedem erwachsenen Deutschen stünden per Gesetz, sagen wir 50 Quadratmeter Wohnfläche zu. Staatliche Wohnkontrolleure vermessen die Flächen; die anschließende Wohnraumzuweisung wird sich mittels KI einfacher lösen lassen als in der frühen Bundesrepublik oder der kommunistischen Sowjetunion, wo es so etwas schon einmal gab. Wer nicht weichen will? Na ja, da wird der Staat schon seine Mittel finden. Berliner Politiker mit ihren sozialistischen Vergesellschaftungsideen sind da schon ziemlich weit.

    Man muss es ins Absurde treiben, um die freiheitsfeindliche Zwangslogik dieser Gerechtigkeitstheorien vor Augen zu führen. Umverteilung ist immer Zwang. In der Regel ist es fiskalischer Zwang, beim Wohnen wird daraus rasch physischer Zwang.

    Man nennt es Marktwirtschaft

    Gibt es eine liberale Alternative zur Umverteilung? Die gibt es. Man nennt es Marktwirtschaft. Wenn die Nachfrage nach Wohnungen hoch ist, das Angebot aber niedrig und teuer, dann hilft nur: radikal neu bauen. Bauvorschriften entschlacken, Genehmigungsverfahren beschleunigen, Nachverdichtungen und Aufstockungen erleichtern. Umwandlung von Büros in Wohnraum vereinfachen. Den Charme von Wohnhochhäusern wiederentdecken.

    Das Boomer-Privileg schrumpft automatisch, wenn Wohnraum nicht mehr knapp ist. Ökonomisch ist nicht der Mieter das Problem, sondern die Knappheit. Zugleich müssen alle staatlichen »Schutzrechte« für Bestandmieten (Milieuschutz, Mietendeckel, Kündigungsschutz) abgeräumt werden, die den Preismechanismus am Wohnungsmarkt außer Kraft setzen. Genau diese Maßnahmen staatlicher Politik tragen dazu bei, dass jene Privilegien-Schere sich öffnet, die dieselben Politiker anschließend scheinheilig beklagen.
    Ungleichheiten können, müssen es aber nicht zwingend ungerecht sein. Umverteilung ist in aller Regel ungeeignet. Marktwirtschaftliche Preise sind in aller Regel eine faire Alternative. Das würde den Generationenkonflikt entschärfen und das Boomer-Bashing dämpfen.

    Rainer Hank

  • 25. Februar 2026
    Nachruf auf die Chauffeur

    Herr und Knecht: Der Chef uns sein Fahrer Foto: wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Das autonome Fahren könnte einen ganzen Berufsstand killen

    Kürzlich gab es im wunderbaren Motorteil der FAZ ein Gespräch mit Ola Källenius, dem Chef von Mercedes-Benz. Es ging um die S-Klasse, »die Spitze in unserem Portfolio«, wie Källenius sich ausdrückte. Die wurde jetzt grundlegend überarbeitet und enthält einen Supercomputer, der die Insassen des Fahrzeugs automatisch von Punkt zu Punkt zu navigiert. Der Fahrer kann die Funktion »kooperatives Lenken« wählen, die für ihn die Arbeit übernimmt. Das bringt ungeahnte Freiheiten. Man kann Zoom-Konferenzen abhalten oder im Dolby-Atmos-Sound die Akustik der Elbphilharmonie genießen. Die S-Klasse sei »der beste rollende Konzertsaal der Welt«, schwärmt Källenius.

    Die S-Klasse bleibt weltweit ein Status-Symbol. Doch die Symbole der Macht verändern sich. Opfer der digitalen Innovation wird der Chauffeur, an dem man über lange Zeit erkennen konnte, dass hier eine höher gestellte Persönlichkeit unterwegs war – schon beim Vorläufer des Automobils, der Kutsche, war das so. Der Computer-Chauffeur ersetzt den Fahrer aus Fleisch und Blut. Sollte weiterhin ein Mensch am Steuer sitzen, wird daraus eine Fake-Veranstaltung, vergleichbar dem Heizer auf der E-Lok, den die Gewerkschaften dem technischen Fortschritt trotzend durchgesetzt hatten, demütigend für jeden ehemals stolzen Angehörigen des Berufsstands.

    In der Stuttgarter Niederlassung der Dresdner Bank, in der ich in den sechziger Jahren groß geworden bin, weil mein Vater als Hausmeister dort eine Dienstwohnung hatte, gab es im Erdgeschoss eine riesige Garage für die schwarzen Karossen der Direktoren. Jeder Facility-Manager würde so etwas heute als teure Platzverschwendung mitten in der Innenstadt streichen. Damals war man stolz darauf, dass der Herr Direktor jederzeit seinen persönlichen Fahrer vorfahren lassen konnte. Nicht nur der Generalbevollmächtigte mit dem klingenden Namen Axel Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen hatte ein Anrecht auf den Chauffeur, auch die ihm nachgeordneten Herren hatten ihre Karossen nebst Diener, selbstredend alles Mercedes. Ein anderer Hersteller wäre nicht in Frage gekommen, nicht nur aus Stuttgarter Lokalpatriotismus: VW war, wie der Name sagte, für das Volk, nicht für die Oberen. Und Porsche, zwar auch aus Stuttgart, wäre zu frivol gewesen.

    Mit Wattenbauch und Politur

    Für mich als Kind gehörten die Begriffe Direktor und Chauffeur quasi auf natürliche Weise zusammen – das französische »au« wurde meist wie »a«, also »Schafför«, ausgesprochen. Ich habe mich gerne in der Garage herumgetrieben. Die Chauffeure waren immer beschäftigt, auch wenn sie gerade nicht ihren Chef kutschieren mussten. Dann konnten sie mit einem Wattebausch und dickflüssiger Politur »ihren« Wagen zum Glanz bringen. Oder sagen wir besser: Den Glanz erhalten. Denn eigentlich habe ich nie ein Auto gesehen, das nicht glänzte. Wenn dann immer noch keine Fahrt anstand, dann klopften sie Skat.

    Der Chronist, oder besser der Psychologe des Chauffeurs ist der Schriftsteller Martin Walser. Der Held aus Walsers Roman »Seelenarbeit« (1979) heißt Xaver Zürn. Ich habe »Seelenarbeit« für diese Kolumne wiedergelesen – mit größtem Vergnügen und entsprechender Empfehlung an die Leser.

    Xaver Zürn ist Fahrer des Fabrikanten Dr. Gleitze, den er in Tettnang unweit des Bodensees abholt, und von dort in die weite Welt chauffieren muss. Es ist ein 450 SEL, acht Zylinder, ein echtes Kraftpaket der damaligen S-Klasse, heute auf dem Oldtimer-Markt ziemlich begehrt. Natürlich werden auch Frau Dr. Gleitze oder die alten Eltern des Chefs kutschiert. Und natürlich wird Dr. Gleitze nicht nur zu dienstlichen Terminen gefahren, sondern zum Beispiel auch zu allen bedeutenden europäischen Opernhäusern. Denn der kunstsinnige Mann hatte sich vorgenommen, alle Aufführungen von Mozart-Opern, die in Europa Metropolen gegeben werden, zu besuchen und darüber ein Buch zu schreiben.
    Der Fahrer ist viel mehr als nur ein Angestellter im arbeitsteiligen Kapitalismus. Er steht seinem Herrn praktisch rund um die Uhr zur Verfügung, gehört wie das Dienstmädchen zur Familie – weshalb Zürns Vetter ihn als »Sklavennatur« verspottet: »Der typische ‚Geh-her da›, der auf Kommando Männchen macht.«

    Doch so einfach ist das Verhältnis zwischen dem Fabrikanten und seinem Fahrer nicht. Wie alle Herr-Knecht-Beziehungen geht es um ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Der Knecht wäre nichts ohne seinen Herrn, aber der Herr wäre ebenfalls nichts ohne seinen Knecht, an dem alle Zeitgenossen ablesen können, dass er ein Herr sein muss. Das Abhängigkeitsverhältnis ist asymmetrisch. Der Herr sitzt im Fond, der Fahrer sitzt am Steuer und hat die Verantwortung dafür, den Direktor sicher und pünktlich an sein Ziel zu bringen. Ist man angekommen, öffnet er dem Herrn die Tür, schlägt die Hacken zusammen und nimmt die Dienstmütze ab.

    Der Fahrer ist ständiger Zeuge seines Chefs und stummer Mitwisser. Dass er daraus Macht bezieht, darf er nicht zeigen. »Dass er sich beherrschen müsse, sein Gesicht unter Kontrolle halten«, hat Xaver Zürn als erstes in diesem Beruf gelernt: »Wenn die Herrschaften im Fond einander Witze erzählen, lacht man nicht mit. Wenn die einander Probleme erzählen, schaut man nicht auch sorgenvoll drein. Man achtet darauf, dass man nicht zufällig selber etwas denkt, was einen zum Grinsen bringen könnte.« Selbstbeherrschung und Verschwiegenheit sind die Kardinaltugenden des Fahrers.

    Weiße Schildmütze in Japan

    Muss man es bedauern, dass der Chauffeur aus unserer Wirtschaftswelt verschwunden ist? Ich glaube, viele Fahrer haben ihren Beruf – und ihren Chef – geliebt, zumindest geachtet. Aber als ein schönes Leben kann man ihr Leben wohl nicht beschreiben. Work-Life-Balance war in dieser Welt ein Fremdwort; die eigene Familie hatte zurückzustehen.
    Inzwischen ist der Chauffeur nach Asien ausgewandert. In Japan tragen die Taxifahrer Schildmützen und weiße Handschuhe. Weiße Häkeldeckchen als Überwürfe der Sitze kommt Westlern wie bei Oma vor, gilt dort aber als servicemäßig gepflegt. In China haben überdurchschnittlich viele Kunden einen Chauffeur, berichtet Mercedes-Chef Källenius: als Statussymbol.

    Womöglich ist der Nachruf auf den Chauffeur auch hierzulande verfrüht. Der junge Mensch feiert gerne in der Limousine: es schafft Instagram-Momente. Ein Bekannter berichtete mir von seinen Erfahrungen mit dem »Sixt Ride Chauffeur Service«. Da kann man einen Mietwagen samt angemessen gekleidetem Fahrer buchen, auf Stundenbasis: »Erschwingliche Chauffeurfahrten für jeden Anlass«, wirbt Sixt. Das ist eine Alternative in Zeiten überfüllter und unpünktlicher Züge. Okay, »erschwinglich« ist ein relativer Begriff: Die Fahrt von Frankfurt nach München kostet je nach Automodell zwischen 500 und 900 Euro. Einfach, wohlgemerkt.

    Rainer Hank

  • 13. Februar 2026
    Freie Rede

    Ministerpräsident Daniel Günther bei Markus Lanz Foto web.de

    Dieser Artikel in der FAZ

    Staatsmänner haben die Demokratie nicht für sich gepachtet

    Der englische Philosoph John Stuart Mill (1806 bis 1873) gilt als Stammvater des Liberalismus. In seinem Hauptwerk »On Liberty« von 1895, gemeinsam verfasst mit seiner Frau Harriot Tayler, geht es um die Grenzen der Macht von Staat und Gesellschaft. Großen Wert legen die Mills auf Meinungsfreiheit. Ihr widmen sie das große zweite Kapitel ihrer Grundsatzschrift. Was darf man alles sagen? Und was darf man womöglich nicht sagen?

    »On Liberty« kommt mir gerade recht in den aufgeregten Debatten unserer Zeit, wo Umfragen belegen, dass viele Menschen der Meinung sind, man dürfe nicht mehr alles sagen und andere ihnen vorwerfen, diese Meinung sei doch gerade der Beleg dafür, dass man alles sagen darf. Sicher: Man darf alles sagen. Aber zu welchem Preis?

    Ich nehme als Beispiel eine Äußerung des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther zur Meinungsfreiheit und prüfe, was John Stuart Mill dazu sagen würde. Günther hatte in der Sendung Markus Lanz vom 7. Januar gesagt, die zivilgesellschaftlichen Organisationen müssten sich zusammenschließen gegen »unsere Gegner«, nämlich gegen »die Feinde der Demokratie«. Im Kontext der Sendung bezog sich diese Äußerung auf das rechtskonservative Online-Portal »Nius«, dessen Chefredakteur der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt ist. Demokraten müssten Portale wie Nius bekämpfen, weil dort »einfach vollkommen faktenfrei« berichtet werde: »Da stimmt in der Regel nichts drin«.
    Das Gelände ist inzwischen juristisch hochgradig vermint. Mit John Stuart Mill und Harriot Taylor will ich schauen, was es heißt, wenn ein Staatsmann zur Bekämpfung von »Meinungsmache« aufruft und behauptet, dass es sich bei den Machern dieser Meinung um »Feinde der Demokratie« handelt.

    Das zweite Kapitel von »On Liberty« ist überschrieben: »Über die Freiheit des Gedankens und der Diskussion«. Meinungsfreiheit ist für die Mills nahezu unantastbar. Selbst falsche, extreme oder anstößige Meinungen müssten geschützt werden. Die Begründung: (1) Wir wissen nicht a priori, ob eine Meinung falsch ist. Sie könnte auch wahr sein. Wenn eine Meinung, von der sich herausstellt, dass sie wahr ist, unterdrückt wird, wird eine Gesellschaft der Chance beraubt, Irrtum gegen Wahrheit auszutauschen. (2) Ist die Meinung aber falsch, verliert die Gesellschaft durch deren Unterdrückung gleichfalls eine Wohltat. Denn auch die wahre Meinung muss permanent gezwungen werden, sich zu rechtfertigen. Das Richtige entsteht durch den Widerstreit mit dem Irrtum. Lässt die Wahrheit sich nicht infrage stellen, erstarrt sie zum »toten Dogma«. Eine »lebendige Wahrheit« benötigt die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen.

    John S. Mill »On Liberty«

    Schließt man sich den Mills an – was natürlich jedermann freisteht – so ist zumindest eines klar: »Faktenfreiheit«, selbst wenn dies der Fall wäre, ist kein Grund, Meinungen zu unterdrücken. Meinungen dürfen faktenfrei sein. Wenn andere der Meinung sind, sie dürften das nicht, dann sollten sie zumindest den Nachweis für Faktenfreiheit erbringen. Ich würde behaupten, Daniel Günther würde den Beweis nicht führen können, Nius sei »einfach vollkommen faktenfrei«. Wer so etwas sagt, nimmt Unfehlbarkeit für sich in Anspruch: Unfehlbar aber ist niemand.

    Für die Mills reicht es auch nicht aus, eine Meinung zu unterdrücken, weil andere sich davon gekränkt oder beleidigt fühlen. Zwar findet die Freiheit ihre Grenzen, wenn jemand geschädigt wird (»Harm-Principle«). Doch nicht jede Kränkung kann schon als Schaden zählen, sonst könnte praktisch jede kontroverse Meinung verboten werden. Was als moralisch empörend oder seelisch verletzend angesehen wird, ist gesellschaftlich variabel. Es muss verhindert werden, dass die Mehrheitsmoral bestimmt, was gesagt werden darf. Die Angst vor schmerzenden Gefühlen (»Hurt Feelings«) wären für die Mills keine Legitimation dafür, Meinungen zu unterbinden. Auch vorsorglich ausgegebene Trigger-Warnungen würden sie bereits als Einschränkung der Meinungsfreiheit ansehen. Schaden entsteht erst, wenn die Sprache selbst zum schädigenden Handeln wird. Mills Beispiel: »Getreidehändler sind Diebe, die die Armen aushungern«, das darf ein Nachrichtenportal sagen. Dasselbe vor einer wütenden Menschenmenge vor dem Haus eines Getreidehändlers zu sagen, ist nicht erlaubt. Denn in diesem Kontext wird die Rede zum Gewaltaufruf. Sie ist nicht nur Hass-Rede (erlaubt), sondern Hass-Handlung (nicht erlaubt).

    Nun aber zur Frage, ob Daniel Günther Meinungsportale als »Feinde der Demokratie« qualifizieren darf. Hätte er in der Sendung als Privatmann und Parteipolitiker gesessen, wie das Schleswig-Holsteinische Verwaltungsgericht am 5. Februar urteilte, stünde ihm das Recht auf eine solche Meinung wie jedem Bürger wohl zu. Doch neben Markus Lanz saß, für alle Zuschauer erkennbar, der Ministerpräsident, ein Staatsmann, der nicht kenntlich gemacht hatte, dass er sein Amt an der Garderobe des Talkshowstudios für 75 Minuten abgelegt hatte. Meinungsfreiheit ist in unserer Verfassung ein Recht, das die Bürger vor dem Staat schützt. Sie ist nicht dazu da, missliebige Meinungen von Staats wegen zu delegitimieren. Günther hat zwar nicht zu Zensur aufgerufen, aber er hat »die Zivilgesellschaft« aufgerufen, die »Feinde der Demokratie« zu ächten. Damit missbraucht er den Demokratiebegriff, worin er im politischen Diskurs nicht der Einzige ist.

    Auch »schlechte« Meinungen sind erlaubt

    Die Mills würden sagen: Auch problematische, einseitige der »schlechte« Meinungen müssen vom Staat ertragen werden und dürfen nicht moralisch exkommuniziert werden. Jedem Bürger steht es frei zu sagen, er ertrage Nius nicht; das ist dann dessen Meinung. Wenn aber ein Staatsmann seine Definitionsmacht nutzt, um zu dekretieren, was eine Qualitäts-Meinung ist und wer Demokrat ist, dann ist das eine schwere Keule, die am Ende den Demokratiebegriff zur Waffe der politischen Rhetorik herabwürdigt. Für Mill läge hier ein typischer Fall eines »dead dogma« vor: Der Staat tut so, als hätte er die Demokratie für sich gepachtet und qualifiziert andere als Abweichler, indem er sie als »Feinde« bezeichnet. »Dead Dogma« meint, auf Argumente verzichten zu können und weicht aus in den Modus der Einschüchterung. Meinungsfreiheit gibt es für die, die anderer Meinung sind.

    Argumentieren ist besser als dekretieren. Wenn Politiker selbst in eine Freund-Feind-Rhetorik verfallen und definieren, wer Demokrat ist und wer nicht, schädigen sie jene liberale Zivilgesellschaft, die zu schützen sie vorgeben. Sie schädigen dann auch die Demokratie. Die Lektüre von John Stuart Mills »On Liberty« kann zur Unterscheidung der Geister beitragen; ich empfehle die englisch-deutsche Ausgabe bei Reclam von 2009. Hilfreich ist der aktuelle Podcast der viel gerühmten BBC-Serie »In Our Time«, seit diesem Jahr mit dem neuen Host Misha Glenny.

    Rainer Hank

  • 13. Februar 2026
    Was heißt da spätrömische Dekadenz?

    Pompeji. 79 n.Chr. vom Vesuv zerstört. Foto wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Die Antike war die erste globale Marktwirtschaft

    Trimalchio, ein freigelassener römischer Sklave, hatte zum Gastmahl geladen: er lässt opulente Köstlichkeiten auffahren. Vor seinen Gästen prahlt er mit seinem Reichtum und seiner Bildung. Man versucht die feine Gesellschaft nachzuahmen.

    Kostprobe gefällig? »Ein runder Tafelaufsatz zeigte die zwölf Tierkreiszeichen, im Kreis angeordnet. Auf jedes hatte der Arrangeur ein jeweils thematisch passendes Gericht angeordnet: auf den Widder Widdererbsen, auf den Stier ein Stück Rindfleisch, auf die Zwillinge Hoden und Nieren, auf die Jungfrau die Gebärmutter einer Jungsau, auf den Steinbock einen Hummer.« Nicht jedermanns Sache heute; damals Inbegriff von Wohlstand, Luxus – und Dekadenz. Das unter dem Titel »Satyricon« von Federico Fellini verfilmte Werk des Titus Petronius Arbiter aus dem Jahr 60 nach Christus, von dem das »Gastmahl des Trimalchio« stammt, gilt in der Forschung nicht nur als Satire, sondern auch als ein Stück römischer Sozialgeschichte – mithin als Realgeschichte.

    »Cäsar schlug die Gallier«, weiß der »lesende Arbeiter« Bertold Brechts und fragt: »Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?«. Bei Petronius müssen es viele Köche gewesen sein, arme Schweine, ausgebeutet von der steinreichen und dekadenten Oberschicht. Eine Klassengesellschaft wie im Bilderbuch.

    Das marxistische Schema hat uns seit der Schulzeit tief geprägt. Danach lebten die oberen zehn Prozent der Menschen in der Antike in Saus und Braus, die übrigen 90 Prozent, die breite Masse, fristete ihr Dasein als kleine Bauern und ausgebeutete Sklaven. In dieser Sklavenökonomie gab es keine Markt-, sondern lediglich eine Subsistenzwirtschaft. Man lebte von dem, was Hof und Garten hergaben. Schlimmer noch: Die kleinen Bauern wurden von den reichen und mächtigen Latifundienbesitzern mit Schulden überhäuft und in den finanziellen Ruin getrieben. Mit dieser These hat der Anthropologe David Graeber vor fünfzehn Jahren viele Bücher verkauft (»Schulden. Die ersten 5000 Jahre«).

    Alles falsch. Sagt die heutige Forschung. Man muss sich die neunzig Prozent der breiten Masse in der Antike bloß genauer ansehen, findet die amerikanische Archäologin und Historikerin Kim Bowes in ihrem gerade bei der Princeton University Press erschienenen aufregenden Buch »Surviving Rome: »The Economic Lives of the Ninety Percent«. Das Alltagsleben dieser 90 Prozent kriegt man nicht in den Blick, wenn man sich lediglich mit Cicero & Co. beschäftigt, ergänzt sie frech. Stattdessen lohnt es, sich die Kritzeleien an den Wänden des untergegangenen Pompejis anzusehen, Skelettfunde biometrisch zu analysieren und sich nicht zu scheuen, auch Künstliche Intelligenz zur Hilfe zu nehmen. Dann erfährt man, wie es den Menschen um die Zeitenwende des Jahres Null wirklich ging. Beim Bau von Euro Disney in Paris seien mehr Informationen über das Alltagsleben Galliens zutage gefördert worden als in vielen klassischen Grabungsstätten, schreibt die Autorin.

    Modernisten gegen Primitivisten

    In der althistorischen Forschung gibt es unter der Rubrik »Modernisten versus Primitivisten« einen Streit: Kim Bowes, eine Modernistin, beschreibt das römische Reich seit der Zeitenwende als die erste globale Marktwirtschaft. Viele Menschen hatten ausreichend zu essen. Brot war die Hauptnahrung. Wein oder Oliven gab es vielerorts. Fleisch und Fisch kamen häufig dazu. Kim Bowes spricht von tausend unterschiedlichen Fischarten. Neben dem Sklavenmarkt gab es einen gut funktionierenden Arbeitsmarkt.

    Viele Bewohner im römischen Reich waren illiterat, aber sie konnten rechnen, führten akkurat Buch über Einnahmen und Ausgaben. Viele Bauern produzierten längst nicht nur für den Eigenbedarf. Ihre Überschüsse verkauften sie auf dem Markt. In großen, bis zu 150 Liter fassenden Amphoren wurden Olivenöl und Wein über große Entfernungen transportiert. Von wegen Subsistenzwirtschaft! Eine durch Roms Expansion ausgelöste »Konsumrevolution« im 2. Jahrhundert v. Chr. führte zu einem massiven Anstieg von Konsumgütern für den täglichen Bedarf (Keramik, importierte Stoffe, exotische Lebensmittel, Schmuck).

    Wer sich von Gabriel Zuchtriegel, dem umtriebigen deutsch-italienischen Direktor von Pompeji, durch die untergegangene Stadt am Vesuv führen lässt, dem zeigt der Archäologe einem Fresko, das ein rundes Brot mit Datteln und Granatäpfeln zeigt. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Pizza ist nicht zu leugnen. »Die Leute hatten Zwiebeln, Nüsse, Feigen oder auch mal eine warme Suppe« erzählte Zuchtriegel kürzlich in einem Interview für das Magazin »Geo«.

    Fast modernes Bankwesen

    Das römische Reich hatte auch eine differenzierte Geldwirtschaft. Die Löhne wurden in Geld und Naturalien ausgezahlt. Wer damit nicht auskam, weil er womöglich eine Investition plante, der ging zum Geldleiher oder einem Pfandleiher und nahm einen Kredit auf. Die »Bank« verlangte dafür Sicherheiten und Zinsen (maximal 12,5 Prozent). Solche Dinge wurden in der Regel in schriftlichen Abmachungen niedergelegt und von einem Notar testiert. Klingt ziemlich modern. Kim Bowes listet Schuldscheine auf, wonach sich die Arbeiter der ägyptischen Bergwerke Teile ihres Naturalieneinkommens schon vor Monatsende als eine Art Kredit auszahlen ließen. Die Bauarbeiter Roms waren gut genährt, schreibt die Archäologin: »Oder meinen Sie, man hätte das Kolosseum in Rom mit 1900 Kalorien bauen können?« Die typische tägliche Kalorienaufnahme für Schwerarbeiter im zweiten vorchristlichen Jahrhundert berechnet Bowes mit 3700 Kalorien. Zum Vergleich: Ein britischer Farmer im 17. Jahrhundert hatte 4500 Kalorien, ein Tour-de-France-Radler verbraucht 6000 Kalorien; ein heutiger Triathlet kommt mit 3000 Kalorien hin. Oliver Twist, dem Bettlerjungen in Charles Dickens Roman des Victorianischen London, ging es deutlich schlechter als einen »armen« Halbwüchsigen im antiken Rom, schreibt Bowes.

    Man sollte den Bogen nicht überziehen, warnt der Frankfurter Althistoriker Hartmut Leppin, der sich selbst zu den Modernisten zählt. Innerhalb der »breiten Masse« der 90 Prozent werde es große Unterschiede gegeben haben. »Wie sah es im unwirtlichen Inneren Kleinasiens aus? Wie in den entlegeneren Tälern der Gebirge? Wir wissen es nicht, aber vermutlich litten die Menschen hier immer wieder Not.« Zweifellos aber gab es Sklaven, die ausgebeutet wurden. Die hinterließen wenig materielle Spuren, wenn sie nicht einmal ordentlich begraben wurden.

    Bei einem beliebten Gesellschaftsspiel darf jeder sagen, in welcher vergangenen Zeit er am liebsten gelebt hätte. Ein Platz in der marktwirtschaftlichen römischen Mittelschicht wäre nicht zu verachten, finde ich. Venedig im 15. Jahrhundert, die Niederlande im 17. Jahrhundert oder die Lombardei im frühen 19. Jahrhundert kämen für mich auch infrage.

    Rainer Hank

  • 02. Februar 2026
    Tax the rich

    Peer Steinbrück: Besser 25 Prozent von X als 45 Prozent von Nix. Foto wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Sollen sich Steuern nach der Leistung richten?

    In vier Sekunden verdient Elon Musk, mit geschätzt 780 Milliarden Dollar der reichste Mann der Welt, so viel wie ein Mensch im weltweiten Durchschnitt in einem Jahr. Dieser Vergleich der Hilfsorganisation Oxfam sorgte Anfang der Woche weltweit für Empörung: Das kann doch nicht gerecht sein!

    Der Schluss aus der als Ungerechtigkeit empfundenen Ungleichheit liegt nahe. »Tax the Rich«, besteuert die Reichen! Die Forderung kommt nicht nur von Linken und Nichtregierungslobbyisten, sondern wird auch von den Reichen selbst erhoben, die keine Lust haben, ständig dem wütenden Unmut derer ausgesetzt zu sein, die weniger haben.

    Bei mir hat sich mein Freund Christian Nürnberger gemeldet, ein Sozialdemokrat mit christlichen Wurzeln. Er plädiert dafür, die Spekulanten kräftiger zur Kasse zu bitten: »Wenn ich was zu sagen hätte,«, schreibt er, »würden Aktiengewinne mit 50 Prozent versteuert, denn es ist ein leistungslos erworbenes Einkommen, und wurde erarbeitet von denen, die bis zu 50 Prozent Abgaben zahlen auf ihren Lohn.« Das sei zutiefst ungerecht und der Tatsache geschuldet, dass bei 50 Prozent alle Aktionäre die Flucht ergreifen und ihre Gewinne dort parken würden, wo sie keine Steuern zahlen. Erwähnen sollte ich noch, dass Christian ein erfolgreicher Aktionär ist, den ich jederzeit als meinen privaten Vermögensverwalter engagieren würde.

    Besser 25 Prozent von X

    Es stimmt: Die auch Abgeltungssteuer genannte Kapitalertragsteuer wurde im Jahr 2009 nicht aus Gerechtigkeits-, sondern aus Opportunitätsgründen eingeführt. In Erinnerung ist der coole Satz des damaligen Finanzministers Peer Steinbrück: »Lieber 25 Prozent von X als 45 Prozent von Nix.« Dahinter steckt die Annahme, bei 45 Prozent würden die Millionäre und Milliardäre ihr Kapital vorher ins Ausland schaffen. Wäre es so leicht wie Christian meint, sie daran zu hindern, hätte Steinbrück sicher sofort gehandelt. Der wollte ja auch die Kavallerie in die Schweiz schicken, um deutsche Steuerflüchtlinge dingfest zu machen.

    Doch stimmt die Voraussetzung des Arguments wirklich? Werden Spekulationsgewinne vom Fiskus lediglich mit 25 Prozent belastet, während ein Arbeitnehmer auf seinen Lohn 50 Prozent Steuern zahlen muss? Aber das ist der falsche Bezug. Die Abgeltungssteuer ist eine proportionale Steuer, die abzüglich des Freibetrags von 1000 Euro auf jeden Euro Kurs- Zins- oder Dividendengewinn anfällt. Die Einkommensteuer dagegen ist eine progressive Steuer: Den Spitzensteuersatz von 42 Prozent zahlt man erst ab einem Einkommen von knapp 70.000 Euro und, was viele übersehen, auch erst für den Teil des Einkommens, der über dieser Grenze liegt. Die Reichensteuer von 45 Prozent wird erst ab einem Einkommen von 278.000 Euro fällig.

    Kurzum: Nicht der Spitzensteuersatz ist die richtige Vergleichsgröße zur Spekulationssteuer, sondern die effektiven, also durchschnittlich gezahlten Steuern. Und da sieht die Sache gleich anders aus. Bei einem mittleren Einkommen zwischen 35.000 und 45.000 Euro liegt der effektive Einkommensteuersatz zwischen 15 und 25 Prozent. Das heißt die Einkommensteuer ist niedriger, in keinem Fall aber höher als die Kapitalertragsteuer. Selbst ein Spitzenverdiener, der mit 68.000 Jahreseinkommen knapp an den Spitzensteuersatz kommt, zahlt effektiv über den gesamten Tarif rund 18.000 Euro, was einer Belastung von knapp 30 Prozent entspricht. Man kann sich das auf der Seite taxfix.de ausrechnen lassen.

    Die Rechnung kann man beliebig komplizierter und unübersichtlich machen. So muss ein Unternehmer seinen Firmengewinn zunächst mit rund 30 Prozent versteuern (Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer etcetera). Entnimmt er diesen Gewinn, kommen noch einmal 25 Prozent (plus Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer) obendrauf. Damit landet man bei insgesamt 48 Prozent Gewinnsteuer, deutlich mehr als die 45 Prozent Reichensteuer auf das Einkommen. Reiche Unternehmer werden gegenüber reichen Managern benachteiligt. Ist der Unternehmer aber ein Immobilienunternehmer, der seine Wohnungen und Häuser nach mehr als zehn Jahren verkauft, muss er auf diesen Gewinn überhaupt keine Steuern zahlen. Immobilienspekulanten kommen ungeschoren davon, Aktienspekulanten wird ein Viertel ihres Erfolgs vom Fiskus abgenommen.
    Nun aber zur Frage der Leistung Je weniger einer für seinen Gewinn leistet, um so mehr Steuer soll er zahlen, finden viele. »Leistungsloses« Einkommen gilt als unmoralisch, Einkommen, das mit Anstrengung erzielt wird, gilt als redlich verdient und müsse vom Fiskus privilegiert werden.

    Investieren als riskante Leistung

    Mir scheint, dass ist ein typisch sozialdemokratischer Leistungsbegriff, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, der großen Zeit der Arbeiterbewegung. Danach ist Leistung vor allem Tätigkeit der Muskeln. Dabei wird unterschlagen, dass auch bei der Kapitalanlage eine gewisse Expertise nicht schaden kann. Gar nicht in den Blick nimmt der sozialdemokratische Leistungsbegriff, dass der Spekulant wie der Unternehmer ein Risiko eingeht. Das eingesetzte Kapital könnte im schlimmsten Fall am Ende verloren sein. Der Arbeiter, als Sozialdemokrat natürlich auch Gewerkschaftsmitglied, hat seinen Tarifvertrag, auf den er einen Rechtsanspruch hat. Sparer und Investoren haben keinen Rechtsanspruch auf – sagen wir – acht Prozent durchschnittliche ETF-Rendite.

    Mit der »Leistung« kommen wir nicht weiter. Deshalb würde ich nach allem Abwägen dafür plädieren, den Begriff »leistungsloses Vermögen« aus Steuerdebatten zu verbannen. Der richtet auch in der aktuellen Debatte über die Erbschaftsteuer viel Unheil an. Erben als Faulenzer zu denunzieren, weil ihre Eltern ihnen ein kleines oder größeres Vermögen hinterlassen, ist selbst unmoralisch. Die meisten Erben verstehen das Geschenk als Verpflichtung, das Vermögen es zu mehren. Und wenn sie es nicht tun, ist auch das ihr Recht und keine Legitimation staatlicher Teilenteignung.

    Ob Muskelkraft, Gespür, Köpfchen, Risikofreude – oder einfach nur Glück zur rechten Zeit und Zufall den finanziellen Gewinn begründen, ist zwar für Stolz und Selbstgefühl von Wert, der Fiskus aber soll sich nicht darum scheren. Dem Steuerstaat geht es ohnehin nicht um Leistung oder Gerechtigkeit, sondern ums Geld. Dafür reicht die leicht korrigierte Faustregel des Steuerrechtlers Paul Kirchhof: Achtzig Prozent des Gewinns gehören mir, zwanzig Prozent gehen an den Staat. Unerheblich ist, woher der (legale) Gewinn stammt, einerlei, ob aus Erwerbseinkommen, Immobilienbesitz oder Aktiengewinnen. Erbschaften, weil bereits früher versteuert, bleiben abgabenfrei.

    Leider wurden Kirchhofs Vorschläge politisch nie mehr aufgegriffen. Auch nicht von der Union, deren liberales Erbe eigentlich dafürspräche. Daas ist (auch) der lobbyistische Erfolg von Oxfam & Co.

    Rainer Hank