Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen15. April 2026
Staatsgeld für meine Weinhandlung
Über ein paar Widersprüche der Kulturförderung
Warum gibt es eigentlich keinen Kulturpreis für Weinhandlungen? Wenn es Preise für Buchhandlungen gibt, müsste es auch Preise für Weinhandlungen geben. Dafür braucht man sich nur die Ausschreibungsunterlagen zum Buchhandelspreis des »Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien« ansehen. Gefördert werden sollen unabhängige Händler, die ein besonders anspruchsvolles Sortiment haben, Vielfalt ermöglichen, als kulturelle Orte wirken (Veranstaltungen anbieten) und das kulturelle Leben vor Ort stärken.
Das trifft auf meine Lieblingsweinhandlung im Frankfurter Stadtteil Eschersheim vollumfänglich zu. Der inhabergeführte Laden (zwei Freundinnen) ist unabhängig, hat ein beeindruckendes Sortiment exzellenter, wenig bekannter Weingüter und fungiert als kultureller Ort: stets trifft man nette Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Von Zeit zu Zeit gab es dort auch eine Soiree. Gäbe es meine Weinhandlung nicht, nähmen in diesem – sagen wir: gemischten – Viertel die Nagelstudios und Barbershops vollends überhand. Verödung drohte.
Sage keiner, Wein sei keine Kultur. Im Vergleich mit dem Buch (vulgo: Papyrus) ist der vergorene Traubensaft das mit Abstand ältere Kulturgut. Wein ist heutzutage mindestens so sehr gefährdet wie das Buch: Die Leute haben Bas Kast gelesen und trinken lieber hausgemachte Limonade. Hawesko & Co. treten online genauso penetrant auf wie Amazon. Kurzum: Mein Weinladen würde eine kleine jährliche Subvention (7000, 15000, 25000 Euro, gestaffelt wie beim Buchpreis) dankbar mitnehmen – als betriebswirtschaftlich sinnvolle Unterstützung und gerne auch zur Förderung der Demokratie im Stadtteil Eschersheim. Links- oder gar rechtsradikal sind meine freundlichen Händler keinesfalls. Da lege ich meine Hand für ins Feuer.
Kommen wir zur Ökonomie. Gemäß dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch muss der Staat dann und nur dann ran, wenn der Markt versagt. Das wird man beim Buch beim besten Willen nicht behaupten können. Bücher sind hierzulande gut verfügbar, günstig und in aller Regel online schneller lieferbar als im sogenannten stationären Buchhandel. Die Versorgung der Bürger mit Büchern ist nirgends gefährdet; Amazon & Co. liefern bis zum kleinsten Einödhof.
Sagen wir es offen: Der Staat fördert weder das Buch noch das Lesen, er fördert Buchhandlungen. Bestimmte Geschäftsmodelle zu belohnen, ist indes keinesfalls eine öffentliche Aufgabe. Aufgabe ist es auch nicht, ineffiziente Anbieter einer bestimmten Branche durch Preisgelder am Leben zu erhalten. Das ist alles grob ungerecht. Die Förderung stationärer Händler ist strukturkonservativ statt innovativ, auch wenn Geldgeber wie Geldnehmer das anders sehen. Nur zur Erinnerung: Bei den Subventionen handelt es sich um anderer Leute Geld, nämlich um das Geld der Steuerzahler.
Warum sollen nichtlesende Bürger (davon gibt es immer mehr) Buchhandlungen und deren Kunden subventionieren: das lässt sich nur paternalistisch begründen und steht wie jeder Paternalismus auf übergriffigen Füßen. Der Staat tritt als der bessere Entscheider auf, behauptet, der Bürger wisse nicht, was gut für ihn sei und pampert Güter, die er geschwollen »meritorisch«, also förderungswürdig, nennt.
Fachbeamte für Buchhandlungen? Hallo!
Der Markteingriff führt noch zu ganz anderen Effekten. Er bringt Abhängigkeiten zwischen Staat und Bürgern mit sich. Der Staat ist nicht selbstlos. Wo er sich einmischt, da will er bestimmen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat einen Apparat von 500 Mitarbeitern und verfügt über einen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Dort gibt es, wie der Kulturstaatsminister jüngst in einem Interview stolz erwähnte, »Fachbeamte, die sich in der Buchhandlungsszene sehr gut auskennen«. Staatliche Fachbeamte für Buchhandlungen? Wenn das der Franz Kafka gewusst hätte. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Sie schnüffeln. Ich sehe sie vor mir, wie sie inkognito mit breitkrempigem Hut und als unschuldige Kunden getarnt in der Buchhandlung »Golden Shop« herumlungern, heimlich die Plakate fotografieren, die Buchhändler in peinliche Gespräche verwickeln und in die Aporie treiben.
Sobald der Verdacht auf extremistische Umtreibe hinreichend groß ist, schicken diese Fachbeamten für Buchhandlungen den Verfassungschutz in den »Golden Shop«, natürlich ebenfalls inkognito, und der bestätigt den Verdacht. Worauf das von einer Jury bereits zuerkannte Wohlverhaltensgeld wieder entzogen wird. Subventionen haben ihren Preis. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wer zahlt, bestimmt. Der Preis heißt: Einschränkung der Meinungsfreiheit, was doch eigentlich das Gegenteil dessen ist, was die Demokratiesäusler ständig zu tun vorgeben.
Die Buchverkäufer, die eigentlich Bücher verkaufen sollen, werden zu Experten im Preisbewerbungsschreiben. Da gewinnt man mit der Zeit Routine. Die ganz Pfiffigen sind fast jedes Jahr dabei; da kommt ein ordentliches Subventionssümmchen zusammen. Rent Seeking heißt der ökonomische Fachbegriff: Subventionsscheffeln ohne echten Mehrwert zu schaffen. Nach dem Eklat dieses Jahres empfiehlt es sich für die Händler, die gesellschaftlichen Leistungen der eigenen Buchhandlung zweifelsfrei im wasserdichten ideologischen Mainstream zu verorten. Also Jürgen Habermas, Judith Zeh oder Caroline Wahl. Harald Martenstein könnte von den Buchhandels-Fachbeamten bereits als Hinweis auf rechtsextreme Umtriebe missverstanden werden. Bücher vom Margarete Stokowski deuten womöglich auf linksextreme Sympathien. Nähere Auskünfte im subversiven Umgang mit dem schnüffelnden Verfassungsschutz erteilt auf Anfrage die »Alternative für Deutschland« (AfD).
Weg mit dem Kulturstaatsamt
Wer sich dem Staat an den Hals wirft, dem zeigt der hinter der wohltätigen Maske sein autoritäres Antlitz. Das mag zugespitzt sein. Aber eines ist auch klar: Die Zeiten klarer Rollentrennung sind passé: Früher sonnten sich die Kulturbürokraten im Ausgeben des Geldes anderer Leute; damals brauchten die Kulturfunktionäre lediglich die Hand aufhalten, Danke sagen und noch mehr Geld fordern.
Nun muss man gar nicht so weit gehen, staatliche Kulturförderung in Gänze zu verdammen, Eine Bundeskulturbehörde braucht es aber nicht. Sie zu schleifen wäre ein sichtbarer Beitrag zum Bürokratieabbau, von dem man bisher trotz vieler Ankündigungen noch nicht viel gesehen hat. Sage keiner, dies führe zur kulturellen Verödung des Landes. Die zentrale Behörde gibt es erst seit 1998, sie wurde von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Doch auch vor 1998 gab es im Land der Dichter und Denker schon Kultur (förderung): Darum sollen sich laut Verfassungsauftrag die Länder kümmern. Die haben schon ein Kultusministerium, brauchen also keine neuen Behörden.
Rainer Hank
