Rainer Hank als Illustration

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  • 05. Mai 2026
    Krankfeiern ist zu billig

    Gern genommen Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Deutschland sich einen Luxus leistet, den es sich nicht leisten kann

    Mein Zahnarzt klagt. Eigentlich ist er ein ausgeglichener Zeitgenosse, zufrieden mit sich, seinem Personal und gewiss auch seinem Einkommen. Doch zuletzt pflegte er über seine Praxishelferinnen zu stöhnen. Sie seien unzuverlässig, meldeten sich häufig und überraschend einen oder zwei Tage krank, vorzugsweise montags oder freitags.

    Eine Krankmeldung braucht es in der Regel erst ab dem vierten Tag. Der Lohn wird in vollem Umfang sechs Wochen lang weitergezahlt. Das gilt als eine große sozialpolitische Errungenschaft. Wenn er die Augenbrauen hochziehe, gar leichte Zweifel an der Schwere der Krankheit anmelde, so mein Zahnarzt, flattere ihm tags darauf die Kündigung auf den Schreibtisch. So etwas nennen wir Arbeitnehmermacht: Arzthelferinnen werden überall gesucht.

    Mitleid mit Zahnärzten zu äußern, ist heikel. Sie gelten nicht als klassische Opfergruppe. Doch ich bekenne mich auch aus egoistischen Gründen dazu. Schließlich leide ich mit, wenn mein Termin wegen Personalmangel abgesagt wird und ich meine Zahnschmerzen weitere Tage notdürftig mit Ibu 600 unterdrücken muss.

    Systemversagen tut weh. Mein Zahnarzt steht nicht allein da. Wenn man meint, dass krankgemeldete Tage echte Krankheitstage sind, müsste man sich Sorgen machen, dass die Deutschen immer kränker werden und nach Ursachen forschen. Insgesamt sind die Kosten, die Arbeitgeber für die Lohnfortzahlung aufbringen müssen, zwischen 2022 und 2024 um zehn Milliarden auf rund 80 Milliarden Euro gestiegen. 20 Tage im Jahr sind die angestellten Deutschen im Schnitt laut Studien krank. Das sind ganze vier Wochen. Deutschland, ein Krankenlager.

    Ich kann verstehen, dass die Arbeitgeber – allen voran ihr Verbandspräsident Rainer Dulger – in immer kürzerer Frequenz die Einführung eines Karenztages fordern. Das würde bedeuten, dass der erste Tag der Krankheit vom Lohn abgezogen wird. Zuletzt hat Anfang April laut einer aktuellen Forsa-Umfrage unter mehr als tausend Führungskräften eine Mehrheit für einen solchen Karenztag votiert.

    Selbstbehalt der Eigenverantwortung

    Versicherungstechnisch entsprechen Karenztage einem Selbstbehalt, der die Eigenverantwortung der Versicherten ernst nimmt und eine Schranke vor Missbrauch darstellt. Dass in einem System ohne Selbstbeteiligung Leistungen in höherem Maße in Anspruch genommen werden, ist kein moralischer Vorwurf: Es reicht das Wissen über die menschliche Natur. Wo kein Risiko, da keine Hemmschwelle, sich abzumelden.

    Nüchtern betrachtet, wundert es, warum hierzulande nicht längst zur Dämpfung der ausufernden Arbeitskosten Karenztage eingeführt wurden. Es wäre im internationalen Vergleich keine Besonderheit; Karenztage gibt es in Italien, Frankreich und sogar in Schweden, einem Land, das stets als wohlfahrtsstaatliches Musterland hochgehalten wird.
    Dass gleichwohl nichts passiert, liegt an psychologischen Widerständen und schlechten historischen Erfahrungen. Das Thema ist heikel: Krankheit wird von den meisten Menschen als unverdiente Strafe interpretiert, die sich quasi verdoppeln würde, wenn man für sein Schicksal auch noch zusätzlich mit Lohnentzug bestraft würde. Dass dieses Gefühl als Einwand maßlos überzogen ist, wo es um einen Tag Eigenverantwortung geht, ändert nichts an seinem hohen Verbreitungsgrad. Dass sich Krankheit als Vorwand simulieren lässt, würden zwar die allerwenigsten bestreiten, dies aber kollektiv als Möglichkeit zu unterstellen, wird als »Klassenkampf auf dem Rücken der Kranken« denunziert.
    Hilfsweise wird der Widerstand gegen Karenztage auch als epidemiologischer Altruismus verkauft. Gäbe es für den ersten Krankheitstag keinen Lohn, schleppten sich schwer Erkältete – vor allem die auf Lohn besonders angewiesenen Geringverdiener – ans Band und ins Büro, wo sie, weil schwer krank, für den Arbeitgeber keine Leistung erbringen, stattdessen aber ganz Abteilungen anstecken – und damit einen größeren Schaden für den Arbeitgeber anrichten, als wenn sie bei vollem Lohn zuhause blieben. Das klingt fürsorglich, ist aber vor allem bequem. Denn es blendet aus, dass das bestehende System ebenfalls eine stille Verteilungswirkung hat. Wer zuverlässig erscheint, subventioniert diejenigen mit, die häufiger fehlen.

    Das Drama von 1996

    Es gibt ein historisches Beispiel für die Wucht der Reform-Widerstände. Dazu muss man dreißig Jahre zurückgehen in das Jahr 1996. Damals war der Sozialstaat ähnlich in der Krise wie heute. Die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Arbeitsminister Norbert Blüm diskutierte ein »Sparpaket«, das in ein »Arbeitsrechtliches Gesetz zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung« mündete. Zentraler Bestandteil war die Absenkung der Entgeltfortzahlung auf 80 Prozent des Lohns. Wer weiter während der Krankheit hundert Prozent Lohn erhalten wollte, sollte alternativ die Möglichkeit erhalten, sich für je fünf Krankheitstage einen Urlaubstag kürzen zu lassen.

    Das Gesetz wurde verabschiedet – und es ging ein Aufschrei des Protests durch das Land. Im Bonner Hofgarten – dem Ort der deutschen Revolution – demonstrierten über 350.000 Menschen. Ernst wurde es, als es in den Betrieben zu spontanen Arbeitsniederlegungen kam. Ich war damals von der FAZ als Reporter zum Daimler nach Stuttgart-Untertürkheim geschickt worden und traute meinen Augen und Ohren nicht – wie emotional der Protest auf dem Fabrikhof wurde.

    Es dauerte nur wenige Wochen – und nicht nur der Daimler, sondern ganze Arbeitgeberverbände knickten ein. Listig verstanden es die Gewerkschaften, das Gesetz durch Tarifverträge auszuhebeln, die hundert Prozent Lohnfortzahlung vom ersten Tag an garantierten. Juristische Debatten, ob Tarifverträge über dem Gesetz stünden, versandeten in akademischen Fußnoten. Die Kohl-Regierung beschimpfte die Arbeitgeber, die hätten sie erst aufgestachelt und anschließend im Regen stehen lassen. Die Arbeitgeber beschimpfen die Regierung für ein schlampig geschriebenes Gesetz. Kohl wurde 1998 abgewählt. Rot-Grün unter Gerhard Schröder kassierte das Gesetz, an das sich ohnehin niemand hielt.

    Das Trauma von 1996 sitzt tief. Kanzler Merz, von Hause aus Arbeitsrechtler, wird sich an den Herbst 1996 erinnern und dreimal überlegen, ob eine CDU-geführte Regierung sich abermals mit den Gewerkschaften in Sachen Lohnfortzahlung anlegen will. Die Arbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD denkt vermutlich im Schlaf nicht an Karenztage.
    Es bleibt dabei: Ein Karenztag ist kein Angriff auf den Sozialstaat. Ein Gesundheitssystem ohne Selbstbeteiligung ist nicht sozial, sondern naiv: Es erzeugt mehr Nachfrage nach Krankheit.« Wer Eigenverantwortung nicht will, nimmt Missbrauch und höhere Kosten in Kauf. Mein Zahnarzt hat inzwischen kapituliert und seine Praxis verkauft. So viel zur Reformunfähigkeit des Landes.

    Rainer Hank