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  • 05. Mai 2026
    Legastheniker an die Macht

    Alex Karp Foto Asia Times

    Dieser Artikel in der FAZ

    Das Erfolgsgeheimnis des Palantir-Gründer Alex Karp

    Neulich saßen wir in größerer Familienrunde zusammen und dachten über die Zukunft nach. Zwei Akademiker-Väter – der eine Jura-Professor, der andere Architekt – zeigten sich besorgt, ob für ihre Schulkinder ein Studium noch eine gute Wahl sein würde. Bis es so weit sei, werde nicht nur in ihren Fächern die Künstliche Intelligenz den Menschen die Arbeit abgenommen haben: Juristische Schriftsätze oder Architekturzeichnungen schreiben Claude oder ChatGPT ganz von alleine.

    Man einigte sich darauf, ein Studium werde seinen Wert nicht verlieren – als Hilfe für ein reflektiertes Selbst- und Weltverhältnis. Um ein auskömmliches Einkommen zu erzielen, empfehle sich, anschließend ein Handwerk zu erlernen. Haare schneiden kann KI beim besten Willen nicht; ein gutes Gulasch zubereiten muss der gelernte Koch schon selbst. Sein Restaurant würde überfüllt sein von den vielen Akademikern, die keine Arbeit mehr haben, von den Dividenden ihrer KI-Aktien aber prima leben.

    Kurze Zeit später lese ich, dass Alexander Karp zu einem ähnlichen Schluss gekommen war wie wir. »Es gibt zwei Wege, eine Zukunft zu haben«, sagte der Palantir-Chef dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin Fortune: »Berufliche Ausbildung oder neurodivergent sein«. Okay, auf die Idee mit der Neurodiversität wären wir am Familientisch nicht gekommen. Karps Logik ist simpel: »KI vernichtet Bullshit-Jobs, nicht Handarbeit.« Während ChatGPT Marketingtexte, Analysen und Vorstandsreden ausspuckt, könne kein Algorithmus eine Heizung reparieren oder ein Bad modernisieren.

    Und Neurodivergenz? Darunter versteht man neurologische Unterschiede zum »Mainstream« wie ADHS, Autismus oder Dyslexie (Legasthenie). Früher wurden solche Dispositionen als Krankheit behandelt. Inzwischen sieht man sie als Stärke an und spricht positiv von Neurodiversität. »Neurally divergent werden Amerikas Zukunft prägen,« twitterte Karg. Palantir selbst startet eine Neurodivergent-Fellowship, dotiert mit 110.000 bis 200.000 Dollar jährlich, wie das Startup-Magazin »Business Punk« berichtet: Es richtet sich an Highschool-Absolventen ohne Studium. Karp geht davon aus, dass Neurodiverse Informationen, Reize und soziale Signale anders als die Mehrheit verarbeiten – was in kreativen und analytischen Berufen zum Vorteil werden könne.

    Karp – ein intellektueller Außenseiter

    Die These Karps lässt sich an seiner eigenen Biografie überprüfen – und bestätigen. Ich habe die Ende 2025 erschienene und sehr zu empfehlende Karp-Biografie des amerikanischen Journalisten Michael Steinberger gelesen, die in USA unter dem Titel »The Philosopher and the Valley«, deutsch, weniger aussagekräftig, als »Der Unsichtbare« erschienen ist.

    Bei Karp wurde früh Legasthenie diagnostiziert, eine Lernschwäche, die das Lesen, Schreiben und die Informationsverarbeitung beeinträchtigen kann. Sein Biograf beschreibt ihn als untypischen intellektuellen Außenseiter. Karp selbst legt Wert auf die Feststellung, seine Legasthenie habe ihn gezwungen, anders zu denken und zu handeln. Das gereiche ihm bis heute zum Vorteil und habe geholfen, zum Milliardär zu werden. Nach Steinbergers Beobachtungen könnte man ihn auch als Autist beschreiben, oder umgangssprachlich als schräg: Bei Gesprächen mit ihm übt er Tai-Chi, einerlei ob er zuhört oder selber spricht. Wie ein Besessener fahre er Ski, heißt es, vorzugsweise in Norwegen. Er sagt, er sei gerne allein, fühlt sich im Rampenlicht aber sichtbar wohl. Er wird als exzentrisch und zugleich scheu beschrieben.

    Der Zwang auf alles genau und irgendwie anders zu achten, so Karp, befähige ihn, ein Unternehmen zu führen, das mit dem Erkennen von Mustern befasst ist. Zur Erinnerung: Palantir, dessen Mitgründer und langjähriger CEO Karp ist, hat sich auf Datenanalyse spezialisiert. Eine von Karp entwickelte Software erkennt in Windeseile durch die Analyse riesiger Datenmengen und unter Einbeziehung künstlicher Intelligenz Muster, Trends und Verbindungen, die zu sehen menschliche Analysten Tage, Wochen oder Monate bräuchten. Initialzündung war der 11. September 2001. Karp und sein Compagnon Peter Thiel waren der Meinung, der amerikanische Staat könne ihrer Software als Instrument zur Terrorismusbekämpfung gut gebrauchen. Karp nimmt in Kauf, dass sein Analysewerkezug für gute und böse Ziele in Anspruch genommen werden kann: Es dient der US-Einwanderungsbehörde bei ihrer Jagd auf Migranten, wird mutmaßlich im Iran bei der Identifikation ziviler und militärischer Ziele eingesetzt, zugleich aber von Sicherheitsorganen in aller Welt erfolgreich zur Bekämpfung von Kriminalität in Anspruch genommen. Der Börsenwert des Unternehmens beträgt inzwischen über 300 Milliarden Euro; das Vermögen Karps wird abhängig von den Börsenkursen auf 13 bis 18 Milliarden Dollar taxiert.

    Nachruf auf Jürgen Habermas

    Ob man Karps Aussage, aus Geld mache er sich nichts, zum Nennwert nehmen will, ist Ansichtssache. Zu seiner eigenen akademischen Vergangenheit hat er, der Akademiker angesichts KI künftig für überflüssig hält, ein ambivalentes Verhältnis. Dazu hat er sich jüngst in der Bild-Zeitung in einem Nachruf auf den deutschen Philosophen Jürgen Habermas geäußert. 1992, mit 24 Jahren, bricht Karp sein Jura-Studium an der Law School der Universität Stanford ziemlich unglücklich ab. Während seine Kommilitonen in die großen Kanzleien strömen, zieht er, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, nach Frankfurt, um dort bei Jürgen Habermas zu studieren: »Ich folgte dem Ruf, Akademiker zu werden.« Karps Biografen bringen den ungewöhnlichen Weg mit seinem Judentum in Verbindung und dem Wunsch zu verstehen, wie aus dem Land der Dichter und Denker ein Land der Verbrecher werden konnte. Karp selbst sagt in seinem Bildzeitung-Artikel lediglich, er habe sich für die »Frankfurter Schule« interessiert.

    Doch die Begegnung mit Jürgen Habermas wird zum Desaster. So geschmeichelt er ist, dass der bewunderte Philosoph ihn in sein Seminar aufnimmt, so tief gekränkt reagiert er, als Habermas den Entwurf seiner Dissertation ziemlich unsanft zerpflückt und sich weigert, als Gutachter zur Verfügung zu stehen. »Seine Entscheidung traf mich vollkommen unvorbereitet und verletzte mich tief. Der Schmerz darüber sollte lange nachwirken«, schreibt Karp. Derart traumatisiert, bringt er die akademische Karriere rasch zu Ende, promoviert bei einer unbekannten Soziologin, geht zurück nach USA und gründet dort ein Unternehmen, dass heute zu den wertvollsten der Welt zählt.

    Karps Biografie eignet sich zu laienpsychologisierender Deutung. Fügen wir hier eine weitere hinzu: Der Erfolg von Palantir überkompensiert das Trauma des Möchtegernphilosophen, die Legasthenie ist Quell seiner Kreativität. Die (leicht) übertriebe Verallgemeinerung hieße: Die Welt braucht weniger Akademiker und mehr Legastheniker.

    Rainer Hank