Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 10. November 2020
    Zeit der Prohibition

    Alphonse »Al« Capone (1899 – 1947) Foto wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Mit Al Capone unterwegs im Lockdown light

    In Brian De Palmas Film »Die Unbestechlichen« aus dem Jahr 1987 können sich alle, die keine Lust auf James Bond 007 haben, von der Schauspielkunst Sean Connerys überzeugen. Connery ist am vergangenen Wochenende im Alter von 90 Jahr gestorben. In den »Unbestechlichen« spielt er den Straßenpolizisten Jim Malone, der es sich zum Ziel gesetzt hat, im Chicago der Prohibition der Mafia ein Ende zu bereiten. Dafür hat Connery den einzigen Oscar in seiner Karriere erhalten.

    Der Film setzt ein mit einer grandiosen Szene, in der Al Capone (Robert De Niro), der berühmteste Mafioso aller Zeiten, sich auf einer Liege von einem Dutzend seiner Domestiken pflegen lässt. Während der eine den Mafia-Boss rasiert, feilt der andere die Nägel, kümmert ein weiterer sich um die Füße, cremt ein Vierter seine Haut. Gleichzeitig gibt Al Capone aus seiner Wellness-Horizontale heraus den im Halbkreis um ihn versammelten Journalisten Chicagos ein Interview. »Ich bin Geschäftsmann«, so erklärt der Schwerkriminelle sein Business-Modell. Was die Menschen wollen, das wüssten doch alle: trinken. Der freie Markt, so soll man den Mafia-Boss verstehen, hat die Aufgabe, die Bedürfnisse der Menschen zu stillen. Wenn sie nach Bier oder Whisky verlangen, dann wird der Markt ihnen diese Getränke zur Verfügung stellen. Dass der Import von Alkohol zu jenen Jahren strikt verboten war, davon gehört zu haben bestreitet Al Capone nicht. »Die einen nennen es Schmuggel, die anderen nennen es Fürsorge«, so beschreibt er sich als Wohltäter der Menschheit. Als einer der Journalisten ihn am Ende des Interviews darauf anspricht, dass er doch mit ziemlich brutalen Methoden sein Geschäft betreibe, antwortet er nüchtern: »Du kommst mit guten Worten und mit Waffen weiter als nur mit guten Worten.«

    Illegale Märkte: Die Mafia

    Die Mafia als Paradeunternehmen organisierter Kriminalität ist ein Musterbeispiel für das Funktionieren illegaler Märkte. Der Drogenhandel oder die Wilderei wären weitere Beispiele. Illegale Märkte destabilisieren die staatliche Ordnung, können als Märkte aber gleichwohl ziemlich stabil sein. Illegale Märkte gab es immer schon. Sie bilden sich immer dann heraus, wenn die Freiheit der Menschen staatlich eingeschränkt wird. Meist hat der Staat dafür gute moralische Gründe. Deshalb ist ein Blick auf die Prohibition der dreißiger Jahre in unseren merkwürdigen Pandemie-Zeiten nicht vollkommen daneben. Das vergangene Wochenende, die Tage vor dem neuen »Lockdown light« am 2. November 2020, hätten sich angefühlt, wie wenn Silvester und Prohibition zusammenfallen, so war dieser Tage zu hören. Der Eindruck ist nicht falsch.

    Wie kam es zu Prohibition in den Vereinigten Staaten? Am 30. Juli 1917 verabschiedete der amerikanische Senat den sogenannten 18. Verfassungszusatz. Demzufolge war »die Herstellung, der Verkauf oder der Transport von berauschenden alkoholischen Getränken innerhalb der Vereinigten Staaten verboten, desgleichen der Import oder die Ausfuhr derselben.« Fundamentalistische Protestanten hatten sich politisch auf breiter Front durchgesetzt, die schon lange den Genuss von Alkohol verdammten. Alkohol übe eine zersetzende Wirkung auf Familie und Gesellschaft aus, verstoße gegen das göttliche Gesetz und gegen die menschliche Natur. Die frommen Christen untermauerten ihre Thesen mit vielen medizinischen Argumenten. Fortdauernde Trunkenheit werde am Ende zwangsläufig tödlich enden. Das müsse der Staat unterbinden.

    Die Argumente der Alkoholgegner waren nicht falsch. Im Gegenteil. Wer würde es abwegig finden, dass ein Staat seine Bürger vor gesundheitlichem Schaden bewahren will und dafür Verhaltensnormen und Verbote erlässt. Trunkenbolde schädigen nicht nur sich selbst, sondern verursachen externe Effekte, weil sie ihrer Umwelt zur Last fallen – ein klassisches Argument für einen staatlichen Paternalismus. Zum Schutz des Lebens dürfe die Freiheit eingeschränkt werden.

    Vorher noch mal Party feiern

    Doch die Epoche der Prohibition, die in Amerika bis zum Jahr 1933 dauerte, zeigt eben auch: Gut gemeinte staatliche Fürsorge und Verbote haben »unintendierte Konsequenzen«, wie die Politökonomen dies nennen: illegale Märkte, die zugleich der Doppelmoral Tür und Tor öffnen. Drei Monate vor Inkrafttreten der Prohibitionsgesetze füllten die Besserverdiener ihre Keller mit Spirituosen, während die Arbeiter dafür kein Geld hatten. Man kann sagen, die reicheren Amerikaner wollten sich die Party von den frommen Asketen nicht verderben lassen und sorgten auch unter dem Prohibitionsregime für reichlich Gelegenheiten zu »feiern«. Die Pointe besteht darin, dass nicht wenige dieser Feiernden selbst fromme Christen waren. Die halbe Chicagoer Polizei stand zeitweise auf der Payroll Al Capones. Freiheitsbeschränkungen hat ihren Preis: Spirituosen kosteten bis zu zehn Mal so viel wie früher, die Qualität dagegen war lausig. Der Konsum ging zwar zurück, aber längst nicht so sehr, wie der Gesetzgeber sich das erhofft hatte. Viele illegalen Trinker ließen ihr Leben, weil der Fusel aus Industriealkohol und Glyzerin den Körper viel rascher und radikaler zerstörte als normaler Whisky oder Gin.

    Vergleiche hinken. Gleichwohl sind sie lehrreich. Unsere neue Ära der Prohibition heißt: Keine Restaurantbesuche, keine Opern und Popkonzerte, keine privaten Partys schon gar nicht spät in der Nacht mit viel Alkohol. Ein Staat, der aus Gründen der Gesundheitsfürsorge die Freiheit seiner Bürger einschränkt, muss um die »unintendierten Konsequenzen« wissen. Bevor es am 2. November los ging, haben wir noch einmal die Sau rausgelassen. Und auch jetzt wird die Freiheit vier Wochen lang ihre Schlupflöcher in der Subversion und Illegalität suchen. Eine Kanzlerin, deren Hauptaufgabe in diesen schweren Tagen das Loben und Mahnen ihrer Bürger ist, macht sie zu Kindern, die mal gehorchen, mal nicht. Damit ist keinesfalls behauptet, die aktuellen Corona-Maßnahmen seien nicht verhältnismäßig oder gar falsch.
    Sechzehn Jahre lange dauerte die Prohibition in Amerika. Unsere Pandemie geht hoffentlich rascher vorbei. Wie ursprünglich der menschliche Trieb der Freiheit ist, dieser »erste und stärkste Wunsch der menschlichen Natur« (John Stuart Mill), merkt man erst, wenn die Freiheit eingeschränkt wird. Für die Freiheit ist es alles andere als komfortabel, wenn sie dauerhaft nur in der Illegalität zu sich selbst kommt. Rasch wird sie dann zur Beute durchgeknallter Verschwörungstheoretiker, die sie in Verruf bringen.

    Es hilft freilich auch nichts, schadet eher, wenn jetzt einige versuchen, »wahre« Freiheit als Einsicht in Notwendigkeit pandemischer Isolation zu vermarkten. »Nichts ist gewonnen mit der Verwirrung der Begriffe«, sagte der liberale Philosoph Isaiah Berlin (1909 bis 1997) in seiner Oxforder Antrittsvorlesung von 1958: »Ein Opfer vergrößert nicht das, was geopfert wurde, nämlich die Freiheit, wie groß auch das moralische Bedürfnis oder der moralische Gewinn dafür sein wird. Alles ist, was es ist: Freiheit ist Freiheit, nicht Gleichheit oder Fairness oder Gerechtigkeit oder Kultur, oder menschliches Glück oder ein ruhiges Gewissen.« Freiheit heißt: nicht herumkommandiert zu werden. Derzeit werden die Bürger herumkommandiert, ohne Frage für einen guten Zweck.

    Rainer Hank

  • 02. November 2020
    Burger-Krieg

    Rind oder Soja, das ist die Frage Foto Shutterbug/​pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über die Politisierung unseres Essens

    Soja-Hamburger und Steaks aus pflanzlichen Proteinen dürfen auch künftig Burger oder Steaks genannt werden. So hat es das Europäische Parlament vor kurzem entschieden. Der Antrag, den Begriff Wurst, Schnitzel oder eben Hamburger ausschließlich tierischen Produkten vorzubehalten, fand keine Mehrheit.

    Anhänger des grün-veganen Glaubens quer durch Europa jubelten über diese gewonnene Burger-Schlacht: Der mündige Bürger sei schließlich selbst in der Lage, zwischen einer Frikadelle aus argentinischem Rind und aus Soja zu unterscheiden. Und außerdem, so klang implizit mit, würden über kurz oder lang ohnehin alle Schnitzel und Würste dieser Welt auf solider pflanzlicher Grundlage stehen. Bloß der Bauernverband zeigte sich verstimmt, weil seine Grillware von der Veggie-Fraktion gekapert wurde: »Ein Marketing, mit dem das Original erst in Verruf gebracht und dann in der Bezeichnung kopiert wird, ist unlauter«, so tönte der Generalsekretär des Verbands.

    Am europäischen Burger-Krieg gibt es merkwürdige Veränderungen der Schlachtordnung zu beobachten. Üblicherweise sind es die grün-ökologischen Verbraucherschützer, die für strenge Kennzeichnung unserer Lebensmittel eintreten, während Produzenten und Handel lieber den mündigen Bürger preisen. Beim Fleisch ist es nun umgekehrt: Bauern und Lebensmittelindustrie wollen erreichen, was ihnen bei der Milch vor Jahren schon gelungen ist. Als Milch dürfen nur tierische Produkte verkauft werden, weshalb Soja-Milch verboten ist und als Soja-Getränk vermarktet werden muss. Ein Soja-Schnitzel aber geht durch: der mündige Bürger werde es schon vom Schwein zu unterscheiden wissen.

    »Vegange Erbsenklopse« klingt einfach blöd

    Merkwürdig, dass die vegan-vegetarischen Aktivisten partout die herkömmlichen Namen erhalten wollen, anstatt sich neue, hippe Begriffe für die fleischlose Nahrung der Zukunft auszudenken. Das liegt wohl daran, dass die bisherigen Ideen nicht so recht gezündet haben: Ein »Soja-Brätling« oder eine »vegane Tofu-Rolle nach Art einer Salami« klingt einfach nicht besonders appetitanregend. Alles soll aussehen wie Fleisch, schmecken wie Fleisch und heißen wie Fleisch – mit dem kleinen entscheidenden Unterschied, dass es kein Fleisch im herkömmlichen Sinn ist.

    Gerade der Burger ist auf seinem internationalen Siegeszug nicht zu stoppen, allen Globalisierungskritikern zum Trotz. An allen Ecken unserer Städte wachsen die Hamburger-Bratstationen aus dem Boden, gegen deren guten Klang sich auch die Pflanzenesser nicht immunisieren können. »Beyond Meat«, jenes extrem erfolgreiche, auf vegane Fleischersatzprodukte (Wasser, Erbsenproteinisolat und pflanzliche Öle) setzende, börsennotierte Unternehmen, weiß, dass es Kunden und Investoren auf Dauer nicht glücklich machen wird, wenn es »vegane Erbsenklopse« auf die Speisekarte schreibt. Dass die Freunde einer laxen Kennzeichnungspflicht den Kapitalinteressen eines Konzerns aus Kalifornien in die Hände spielen, wäre undenkbar, würde es sich um McDonalds & Co. handeln. Bei Beyond Meat hat das, soweit ich sehe, bislang niemanden gestört.

    Neben dem Marketing-Aspekt gibt es ein nicht ganz zu vernachlässigendes sprachphilosophisches Problem: Existiert hier eine notwendige Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem dergestalt, dass Fleisch stets auf Schweinisches (respektive Rind, Kalb, Lamm oder Geflügel) verweist? Oder ist das Wort »Fleisch« nur an Akzidentelles – die äußere Form, die Farbe oder den Geschmack eines Schnitzels – gebunden, einerlei welche biochemische Substanz das Mittagessen enthält? Ginge es nicht um einen Modetrend urban-gesunder, wohlhabender Eliten, hätte man früher von Bluff oder gar Etikettenschwindel gesprochen. Aber jetzt ist ja alles für einen guten Zweck.

    Man könnte, wollte man dem betriebswirtschaftlichen, sprachphilosophischen und politischen Aspekt noch eine theologische Komponente hinzufügen, auch von einer Art ökologischer Transsubstantiation sprechen: wie beim Abendmahl aus dem Brot (Weizen) und dem Wein (Trauben) Christi Leib und Blut werden, so wird nun aus einem Burger, für den ein Tier sterben muss, ein veganer Burger, der ernährungsphysiologisch und klimapolitisch uns zum Heil gereicht. Hier breche ich ab, bevor es blasphemisch wird.
    Das Private ist politisch, so lautete ein berühmter Slogan der Achtundsechziger, die freilich mit Essen und Trinken ziemlich unachtsam umgingen. Heute ist die Ernährung eminent politisch geworden. Was einer isst, ist ein Statement: Für das Tierwohl, für das Klima, für die Gesundheit und für die Schönheit. Der Genuss kommt an letzter Stelle. Dass der politische Streit als Kampf um die Begriffe ausgetragen wird, scheint mir im Trend einer Zeit zu liegen, in der man höllisch aufpassen muss, was man sagt. Man kann das als Kultur sprachlicher Sensibilität und Achtsamkeit begrüßen. Man kann es freilich auch als Tod jeglicher Spontaneität und Ausgelassenheit beklagen.
    Kennen Sie Mark Post? Das ist ein Physiologie-Professor von der Universität Maastricht, der jahrelang daran gearbeitet hat, einen Rindfleisch-Burger aus sich vermehrenden Muskelzellen im Labor (also »in vitro« aus Stammzellen) herzustellen. Das war ihm im Jahr 2013 endlich gelungen – allerdings hatte ihn das ganze Experiment am Ende 300 000 Dollar gekostet, ein Betrag, für den Google-Mitgründer Sergey Brin aufkam.

    Leckere In-Vitro-Viertelpfünder

    Inzwischen, so entnehmen wir es der Internetseite »transgen.de«, ist der Preis für In-Vitro-Viertelpfünder drastisch gesunken. Schon bald will Mosameat, das von Post gegründete Unternehmen, »tierfreie« Burger auf den Markt bringen, die auch preislich mit herkömmlichen Fleischklopsen mithalten können. Viele Fachleute erwarten, dass die Umsätze mit diesem Fleisch aus dem Labor langfristig schneller wachsen als vegane Fleischersatzprodukte. Das wäre dann womöglich die Rettung: Wir essen weiterhin tierisches Fleisch, ohne dass dafür ein Tier leiden und sein Leben lassen müsste, ohne dass die Umwelt mit klimaschädlichen Methangasen verpestet würde und ohne dass wir allzu kapriziöse semantische Klimmzüge machen müssten. Freilich handelt es sich bei diesem Kunstfleisch (»cultured meat«) um Gentechnik in Reinkultur, was üblicherweise von der grünen Fraktion als wider die Natur und gefährlich bekämpft wird. Doch gibt es Signale, dass Tierschützer, Vegetarier und Fleischindustrie hier einen gemeinsamen Nenner finden könnten.

    Wie sähe die Zukunft aus? »Varkenshuis« (»Saustall«) heißt ein utopisches Experiment aus den Niederlanden, das sehr spannend klingt. Dort werden glückliche Schweine gehalten, die keine Angst vor einem unnatürlichen Tod haben müssen. Sie suhlen sich behaglich im Schlamm, werden groß und stark. Die Kinder der Nachbarschaft lieben und füttern sie gerne mit artgerechten Lebensmitteln aus ihrer Menschen-Küche. Jede Woche müssen sich die Säue einer kleinen, völlig harmlosen Biopsie unterziehen, aus dem die neue Kunstfleischindustrie, gentechnisch sauber, große Mengen Würste, Schnitzel und Hackfleisch herstellt. Hundert Prozent Schwein – ohne dass ein einziges Schwein dafür getötet werden muss. Und auch der Big Burger dieser neuen Zeit wird hundert Prozent Rind sein, während glückliche Kühe auf den Almen der Alpen zufrieden leben und sterben.

    Rainer Hank

  • 27. Oktober 2020
    Der Kardinal aus Köln

    Joseph Höffner, der Gelehrte 1906–1987 Foto: Erzbistum Köln

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Kapitalismus und Katholizismus gut zusammenpassen: Ein Porträt von Joseph Höffner

    Seit der jüngsten Enzyklika »Fratelli tutti« (»Über die Geschwisterlichkeit«) aus der Feder von Papst Franziskus wissen wir: Diesen Papst haben die Katholiken nicht verdient. Wer Populismus und Liberalismus auf eine gemeinsame Stufe heutiger Irrlehren stellt, wer keinen Blick hat für die Wohlstand schaffende Kraft der Marktwirtschaft, der bringt sich mutwillig um seine Autorität.

    Zyniker werden sagen, was soll man von Papst und Kirche auch anderes erwarten. Martin Rhonheimer, ein in Wien forschender liberaler Theologe, kein Zyniker, konstatiert, die sogenannte kirchliche Soziallehre laufe seit der Enzyklika »Quadragesimo Anno« von Papst Pius XI. aus dem Jahr 1931 im »Kielwasser des Zeitgeistes«. Damals schwärmte das katholische Oberhaupt von einem »dritten Weg« zwischen Kapitalismus und Sozialismus. In den sechziger und siebziger Jahren nahm die Kirche dann Anleihen bei marxistischen Verelendungstheorien. Heute wir aus Rom ein bunter Strauß beliebiger Meinungen feilgeboten: ein bisschen Globalisierungskritik hier, ein wenig Klimaethik dort. Nichts, was es andernorts nicht längst besser gäbe. Aber eben nichts Originäres, was aus der großartigen intellektuellen Tradition einer Glaubensgemeinschaft wert wäre erinnert zu werden. Gesellschaftliche Irrelevanz der Kirche ist die Folge.
    Das war nicht immer so. Zu Ende meiner Polemik gegen die Enzyklika »Fratelli tutti« vor zwei Wochen hatte ich auf den ehemaligen Kölner Kardinal Joseph Höffner (1906 bis 1987) und seine Nähe zur Freiburger Tradition der sozialen Marktwirtschaft hingewiesen. Rückfragen belehrten mich, dass der Kölner Kardinal heutzutage – von Fachkreisen abgesehen – nicht mehr bekannt ist. Deshalb trage ich hier ein kleines Porträt des Kölner Kardinals nach, den auch ich in den siebziger und achtziger Jahren – dem Zeitgeist verhaftet – für einen verknöcherten Reaktionär gehalten habe.

    Joseph Höffner wird an Heiligabend, dem 24. Dezember 1906, in Horhausen, einem kleinen Dorf im Westerwald, als Sohn einer Bauersfamilie geboren. Als Ältester war er zum Nachfolger auf dem Hof prädestiniert. Doch der Dorfpfarrer machte den Eltern den Vorschlag, den begabten Sohn auf das Gymnasium nach Montabaur zu schicken, nicht ohne ihm zuvor schon etwas Latein beigebracht zu haben. Von Montabaur wechselte Höffner an das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium nach Trier, wo auch Karl Marx und der Jesuitentheologe Oswald von Nell-Breuning ihr Abitur gemacht hatten.

    Marktwirtschaft aus der Schule von Salamanca

    Danach ging alles schnell. Höffner wurde zum Studium nach Rom geschickt, wo er in atemberaubendem Tempo diverse akademische Grade erwarb. Einer philosophischen Promotion 1929 folgte eine erste theologische Doktorarbeit über »soziale Gerechtigkeit und soziale Liebe«, anschließend 1938 eine weitere theologische Dissertation über »Bauer und Kirche im deutschen Mittelalter«. Zurück in Deutschland studierte Höffner in Freiburg Volkswirtschaftslehre, diplomierte und promovierte 1940 bei Walter Eucken, einem der Begründer der sozialen Marktwirtschaft der Bundesrepublik. Das Thema der Dissertation lautete: »Wirtschaftsethik und Monopole im 15. und 16. Jahrhundert«. Schließlich kam 1942 noch eine Habilitation hinzu mit dem Titel »Christentum und Menschenwürde«, wo Höffner sich mit der spanischen Kolonialethik des sogenannten Goldenen Zeitalters beschäftigte. Inzwischen hatte er die Priesterweihe empfangen und ging neben seinen Studien als Stadtpfarrer in Trier einem Fulltime-Job nach.

    Höffners große Leistung war es, dass er die marktwirtschaftlichen Lehren spätscholastischer Dominikanermönche der sogenannten Schule von Salamanca für das 20. Jahrhundert fruchtbar zu machen verstand. Der Scholastik (10. bis 16. Jahrhundert) ging es ganz allgemein darum, den Offenbarungsglauben mit der menschlichen Vernunft philosophisch zu durchdringen. Während Thomas von Aquin, Kirchenlehrer der Hochscholastik, der Auffassung war, dem Gewinn des Kaufmanns hafte »etwas Hässliches« an, weil die Gier »kein Aufhören« kenne, sahen die Theologen aus Salamanca die Gewinnerzielung gerechtfertigt im Interesse des Wohls der Menschen. »Nimm den Handel weg, und dann müssen die Menschen Fremdes rauben, um sich am Leben zu erhalten, oder es werden ganz sicher viele an Hunger, Blöße und sonstiger Not zugrunde gehen », schrieb Bartholomé de Medina. Wirtschaftliche Freiheit und Wettbewerb, eine Theorie der Marktpreise und eine Lehre über die ungerechten, weil schädlichen Wirkungen von Monopolen, als das wurde von diesen Theologen (meist Dominikaner- oder Jesuiten-Patres) damals entwickelt. Von Gütergemeinschaft (alles gehört allen) hielten sie gar nichts, lobten stattdessen den Wert des Privateigentums. Man kann in der Schule von Salamanca eine liberale Theorie der Marktwirtschaft erkennen.
    Es war eben nicht nur, wie Max Weber meinte, die protestantische Ethik, die den Geist des Kapitalismus prägte, sondern auch die katholische Ordnungsökonomik dieser spanischen Mönche im 16. Jahrhundert. Gut katholisch hatten sie mehr Vertrauen in den Menschen als »Ebenbild Gottes« und in die Eigengesetzlichkeiten des Marktes, während im Luthertum ein deutlich skeptischeres Menschenbild vorherrschte – bis heute. Das mag der Grund sein, warum die protestantischen Ordnungsökonomen aus Freiburg stärker als die katholische Tradition auf den Staat als Volkserzieher und Marktbewacher setzten. Walter Eucken war zwar von Höffners Dissertation angetan, benotete aber lediglich mit »Magna cum laude« und monierte, dass darin lediglich Katholiken und nicht auch Protestanten und Humanisten des 16. Jahrhunderts behandelt würden.

    Menschenrechte und Menschenwürde

    Heute ist sich die Forschung einig, dass in der Schule von Salamanca auch die Ideen der Menschenwürde und der universalen Menschenrechte erstmals entwickelt wurden – ausgerechnet im kolonialistischen Kontext Spaniens: »Indianern, Ungläubigen, kommen nach dieser Lehre die gleichen unveräußerlichen Menschen-, Freiheits- und Eigentumsrechte zu wie den Christen. Der Kolonialismus der Spanier in Lateinamerika wurde zweifellos häufig theologisch flankiert von Missionaren, welche die Versklavung der indigen Völker als christlichen Missionsauftrag theologisch rechtfertigten. Nicht so die Schule von Salamanca. Erst seit kurzem bemüht sich ein von der Mainzer Akademie der Wissenschaften am Frankfurter Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte gefördertes Team um Thomas Duve und Matthias Lutz-Bachmann, dieses bedeutenden Schatz der Schule von Salamanca wissenschaftlich zu dokumentieren und zu erforschen.

    Joseph Höffner war seiner Zeit voraus, wenn er die ökonomische und rechtsphilosophische Lehre der Schule von Salamanca für die soziale Marktwirtschaft der frühen Bundesrepublik fruchtbar zu machen suchte. Aus dieser Grundüberzeugung kritisierte er denn auch später einen immer gieriger werdenden Sozialstaat, der dem Markt zu wenig vertraue: »Seit Jahren stehen wir in der Bundesrepublik in der Gefahr, über unsere Verhältnisse zu leben und die Lebenschancen unserer Kinder zu belasten. Die Ausweitung der Staatstätigkeit, die damit verbundene Bürokratisierung und die gefährlich hohe Staatsverschuldung müssen jetzt korrigiert werden. Es ist der Trugschluss zu meinen, der Staat könne alles, und insbesondere, er könne alles besser machen.« Von keinem Kardinal, schon gar nicht vom gegenwärtigen Papst, würde man so etwas heute zu hören oder zu lesen bekommen.

    Rainer Hank

  • 20. Oktober 2020
    Home Office forever?

    Das »ganze Haus« Foto Brian Wangenheim/​unsplash

    Dieser Artikel in der FAZ

    Bloß nicht: Es wäre ein fatal.

    Ende der neunziger Jahre verbrachte ich ein paar Monate als »Visiting Scholar« am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Weil man nicht so recht wusste, was mit mir anstellen, wurde ich in ein gerade im Aufbau befindliches »Center of Industrial Performance« gesteckt. Dort hatte man Professoren unterschiedlicher Fakultäten zusammengewürfelt – darunter einen Atomphysiker, eine Politikwissenschaftlerin, einen Maschinenbauer und einen Ökonomen –, die die Bedingungen von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit erforschen sollten.

    Was mich am MIT faszinierte, war das flexible Organisations- und Arbeitsprinzip dieser Universität: In einem schmucklosen Gebäude auf dem ohnehin schmucklosen Campus wurde im Handumdrehen eine Büroetage freigeräumt (es gab sogar Räume ohne Tageslicht): Unabdingbar war es, dass die Wissenschaftler am Center ihre angestammten Plätze in ihren Fakultäten verließen, um in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren jeweils fachfremden Kollegen zu arbeiten. Menschen sind taktile Wesen; Kreativität hat auch eine räumliche Komponente, so erlebte ich es. Die Kargheit der Büro-Umgebung war weniger Ausdruck von Sparzwang (das MIT ist bekanntlich ziemlich reich), sondern hatte System: Leere Räume sind eine Art Container, in denen sich Neues entwickeln lässt. Von Innenarchitekten stylish möblierte Räume hingegen geben zu viel vor und ermüden den Geist.

    Auch Gebäude sind lernfähig

    Was ich damals intuitiv spürte, hätte ich einem 1994 erschienen Buch von Stewart Brand entnehmen können, das den Titel trägt: »Wie Gebäude lernen: Was passiert, nachdem sie gebaut wurden?«. Brand, ein verrückter kalifornischer Aktivist und Buchautor, vertritt die These, dass Gebäude nicht nur Kreativität ermöglichen (oder verhindern), sondern ihre Geschichte an die nachfolgenden Nutzer weiterreichen. Das klingt esoterisch, ist es aber nicht. Brands Vorzeigebeispiel ist das »Building 20« auf dem MIT-Campus, eine Art Baracke, ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs hastig und nur temporär errichtet zum Zweck der militärischen Radarforschung. Die Baracke hat sich, anders als geplant, bis 1998 gehalten und über die langen Jahre bahnbrechende Forscher beherbergt. Die »MIT Electronic Research Society« (MITERS) zum Beispiel erkundete die Grundlagen dessen, was man später »Hacker Culture« nennen sollte. Und der berühmte Linguist und linke Aktivist Noam Chomsky erforschte die Tiefenstrukturen der generativen Grammatik in einem »schäbigen Loch«, wie er selbst sagte. Als sozialer Treffpunkt auf den Etagen diente ein schlichter Verkaufsautomat mit billigen Süßigkeiten. Für Grabenkämpfe und Kompetenzstreitereien bot diese Arbeitsumgebung keinen Anlass. Stattdessen erlaubte die provisorische Anlage der Räume, sie jeweils für aktuelle Forschungsideen zu »missbrauchen«, wie ein Beteiligter sagte.

    Warum ich diese Geschichten über die kreative Kraft von Arbeitsräumen erzähle? Sie machen deutlich, was verloren geht, sollten wir in der Nach-Corona-Zeit uns alle in unsere häuslichen Büros in den Vorstädten Münchens, Frankfurts oder Berlins verkriechen. Natürlich habe ich ein extremes Beispiel gewählt: Ein KPMG-Team oder eine Abteilung der Deutschen Bank sind keine MIT-Forschungsgruppe. »Building 20« ist das Gegenmodell zur eintönigen PowerPoint-Kultur von heute. Aber der Grundsatz »Sage mir, wo und mit wem Du arbeitest, und ich sage Dir, wie aufregend die Arbeitsergebnisse sind« gilt auch jenseits amerikanischer Eliteuniversitäten. Oder, sagen wir es drastischer, »remote« im Reihenhaus zu arbeiten, ist nichts anderes als die Steigerung jener Eintönigkeit, die heute schon in vielen Büros regiert – obwohl für deren Einrichtung zahlreiche Feng Shui-Experten satte Honorare kassiert haben.

    Das »ganze Haus«

    Inzwischen sieht es danach aus, als ob wir auf dem besten Weg seien in eine dauerhafte Home-Office-Welt jenseits von Corona. Das liegt nicht etwa daran, dass davon bessere Arbeitsergebnisse zu erwarten wären, sondern dass das Homeoffice für alle der bequemste Weg ist: Arbeitgeber sparen sich teure Büroetagen in den besten innerstädtischen Bezirken und streichen Dienstreisen, wo sie doch eine ordentliche Summe Geld für die neue Zoom-IT-Infrastruktur ihrer Angestellten ausgeben haben, die sich nun auch amortisieren muss. Das kommt den Arbeitnehmern sehr entgegen, die ihr schnuckeligen Häuschen im Grünen gar nicht mehr verlassen wollen und stressige Fahrten zu Rush-Hour Zeiten vergessen dürfen. Fünfzig Prozent der Arbeitnehmer in Europa wollen künftig mindestens einen Tag zuhause Arbeiten, hat jüngst eine Befragung der Stanford Universität ergeben; in Amerika wollen nur noch zwanzig Prozent dauerhaft im Büro arbeiten. Das schont die Umwelt, lässt Klimaaktivisten jubeln, und obendrauf gibt es von Arbeitsminister Hubertus Heil auch noch eine Gesetzesinitiative, die einen Rechtsanspruch auf das Homeoffice für jedermann verbürgen will. Warum eigentlich sagen alle immer »von zuhause aus arbeiten«, anstatt einfach »zuhause arbeiten«? In der Formulierung steckt zumindest als sprachliche Reminiszenz noch die Richtung zum Büro, eine Wegstrecke, die zu durchmessen man sich bald dauerhaft schenken will.

    Was mir nicht einleuchtet ist die Behauptung, im Homeoffice zu arbeiten sei eine besonders fortschrittliche Entwicklung. Mit scheint es eher ein Rückschritt in eine vormoderne Welt, die noch nichts von den Segnungen der Arbeitsteilung gehört hat. Arbeitsteilung heißt ja nicht nur, dass ein Produkt am Fließband in unterschiedliche Arbeitsgänge aufgeteilt wird. Arbeitsteilung nennen wir auch die Trennung von Wohnen und Arbeiten, die sich seit dem späten 18. Jahrhundert in Europa durchgesetzt hat. Am Arbeitsplatz gibt es Kollegen, zuhause gibt es die Familie; die jeweiligen sozialen Beziehungen sind sehr unterschiedlich. Der vormoderne Vorläufer ist das Ideal des »ganzen Hauses«: Da war das Haus zugleich Wirtschafts-, Sozial-, Rechts- und Herrschaftsverband. Als wirtschaftliche »Nahrungsstelle« und soziale Grundeinheit war das »ganze Haus« gekennzeichnet durch die Einheit von Produktion und Reproduktion, wie die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger schreibt. Gruppiert um die Kernfamilie aus Ehepaar (»Arbeitspaar«) und unverheirateten Kindern, umfasste das »ganze Haus« darüber hinaus alle an der Hauswirtschaft Beteiligten (Gesinde, Alte, unverheiratete Verwandte). Man kann das Konzept, wie in der Nazizeit geschehen, verklären als romantisches Gegenbild zur Moderne. Man kann es aber auch kritisieren als autoritäres, vordemokratisches und patriarchalisches Ideal einer autarken Subsistenzwirtschaft.

    Wollen wir wirklich zurück ins »ganze Haus«? Die Soziologin Jutta Allmendinger hat Recht, wenn sie beklagt, dass die Homeoffice-Welt Frauen wieder ihre gestrige Rolle für Kinder und Küche anbietet. Sie übersieht freilich, dass das weniger an den bösen Patriarchen liegt als am historischen Muster, in das wir gerade dabei sind zurückzufallen. Eigentlich waren wir längst in einer Welt angekommen, in der Frauen und Männer die Trennung von Heim und Büro als einen emanzipatorischen Fortschrittsakt angesehen haben. Dabei soll es bleiben. Das dauerhafte Homeoffice wäre ein jämmerlicher Rückschritt.

    Rainer Hank

  • 13. Oktober 2020
    Aus der Kirche austreten?

    Papst Franziskus Foto Ashwin Vaswani/​unsplash

    Dieser Artikel in der FAZ

    Die Kapitalismuskritik von Papst Franziskus wäre ein Grund dafür

    Damit hätte der Papst rechnen müssen: Schon kurz nachdem Franziskus am vergangenen Wochenende seine Enzyklika »Fratelli tutti« (»Über die Geschwisterlichkeit«) veröffentlicht hatte, fiel ihm ein zentraler Satz seines Lehrschreibens auf die Füße: Die Corona-Pandemie habe bewiesen, dass die »magische Theorie« (»magica teoria«) des Markt-Kapitalismus gescheitert sei, verkündet der fromme Mann aus Argentinien. Müsste der geistliche Führer einer großen Religionsgemeinschaft nicht etwas vorsichtiger damit umgehen, magische Theorien madig zu machen? Zumindest könnten Agnostiker, Atheisten und andere Böswillige den christlichen Glauben an einen Sohn Gottes, der von einer Jungfrau geboren wird, vom Tode aufersteht und anschließend wieder in den Himmel auffährt, ebenfalls für nicht ganz frei von magischen Elementen halten.

    Für Humor ist freilich in der Enzyklika dieses Papstes kein Platz. Weshalb es hier jetzt ernst weiter gehen soll. Im Angesicht der Pandemie habe die Markt-Freiheit versagt, behauptet der Papst. Es gebe hohe Arbeitslosigkeit und der Staat müsse wieder ran. Das Argument ist krumm: Hat irgendjemand im Ernst behauptet, der Markt sei in der Lage, eine Pandemie abzuwehren? Dazu braucht es, wie wir jetzt wissen, Hygieneregeln und eine staatliche Verwaltung, die diese durchsetzt. Es braucht allerdings auch gute Ärzte, Krankenhäuser und hoffentlich bald Impfstoffe, Früchte unseres Wohlstands und unsere Marktwirtschaft. Gesundheit fällt nicht vom Himmel. Länder ohne Kapitalismus (Afrika, Venezuela) sind viel schlechter durch die Krise gekommen.

    Doch die aggressive Wucht, mit welcher der Papst gegen die Marktwirtschaft anrennt, geht weit über die aktuelle Gegenwart der Pandemie hinaus. Einschlägig ist das fünfte Kapitel der Enzyklika unter der Überschrift »Populismus und Liberalismus«. Man muss zweimal hinschauen. Der Papst beschuldigt Populismus und Liberalismus gleichermaßen, »die Schwachen zu verachten«. Das ist immerhin originell. Üblicherweise werden Populismus und Liberalismus einander entgegengesetzt: das Volk rebelliert gegen die kosmopolitisch-liberalen Eliten. Für den Papst ist alles eins. Populisten und Liberale sind Demagogen, die egoistisch die Menschen für ihre Zwecke instrumentalisieren. Fast scheint es sogar, als habe der Papst für den Populismus am Ende noch mehr Sympathien als für den Kapitalismus: Mit Respekt spricht er von »volksnahen Anführern«, die es verstünden, »das Volksempfinden« zu interpretieren und im Sinne des Gemeinwohls zu bündeln. Das Kollektiv (»Volk«) ist diesem Papst allemal näher als das Individuum, die Freiheit eines Christenmenschen ist ihm keine Kategorie. Die auf Freiheit setzende Marktwirtschaft gilt ihm als Teufelswerk: durchseucht von Egoismus, Antrieb zu ruinösem Wettbewerb und asozialem Lob des Privateigentums. Früher hätten wir so etwas »Vulgärmarxismus« genannt.

    Franziskus und der Peronismus

    Es gibt in der katholischen Kirche seit dem 19. Jahrhundert eine Tradition der sogenannten Soziallehre. Ihr Anliegen war es, die negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung (Ungleichheit, Armut) und die Risiken einer Marktgesellschaft (Einkommensverluste durch Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit) zu lindern. Die Katholische Soziallehre fällt mit der Herausbildung des Sozialstaats in Europa zusammen. Marktskepsis ist ein durchgängiger Zug dieser Lehre, doch zugleich behielt man stets die wohlstandsfördernden Effekte der Wirtschaft im Blick. Der radikale Antikapitalismus des heutigen Papstes ist insofern eine einseitige Zuspitzung, die sich freilich treu und konsequent durch seine bisherigen Verlautbarungen »Evangelium gaudii« (»Diese Wirtschaft tötet«) oder »Laudato Si« (»Gewinnmaximierung verhindert soziale Inklusion«) hindurchzieht. Schon als Erzbischof von Buenos Aires äußerte der Jesuitenpater Jorge Bergoglio die Überzeugung, die Predigten der frühen Kirchenväter über die Not der Armen hätten auch maoistische oder trotzkistische Autoren schreiben können.

    So abenteuerlich dieser Antikapitalismus uns anmutet, erklären kann man ihn. Die Weltanschauung dieses Papstes ist der Freiheitstradition der europäischen Aufklärung samt deren christlichen Wurzeln denkbar fern. Sie speist sich aus drei ganz anderen Quellen: Dem rhetorischen Soupçon gegen die Reichen bei Autoren der christlichen Antike (Johannes Chrysostomus, Gregor der Große), dem Marxismus der sogenannten »Theologie der Befreiung« in Lateinamerika und dem Peronismus, einem bestimmten Wirtschafts- und Gesellschaftmodell Argentiniens, das seinerseits stark populistische Züge hat. Der italienische Peronismus-Forscher Loris Zanatta spricht von einem verbreiteten »Jesuiten-Peronismus«. So bezeichnet der Politologe die Idee, dass die Armen eine besondere Unschuld auszeichne. Sie sind »die Bewahrer einer nicht von Egoismus, ökonomischen Interessen, Geld und Individualismus korrumpierten Reinheit«. Der Peronismus lebe von den Armen, sagt Zanatta, was von ihm nicht zynisch, sondern analytisch gemeint ist. Die Armen werden sowohl politisch als Wähler wie theologisch als Kirchenvolk instrumentalisiert. Würden die Armen ihr Elend verlassen, verlöre diese peronistische Soziallehre ihre Basis und Legitimation. Ein Kapitalismus, der die Armen reich macht, stört. Man kommt nicht umhin, die Lehre dieses Papstes als zynisch zu bezeichnen.

    Kein Wort über Venezuela

    Clemens Fuest, der Chef des Münchner Ifo-Instituts und von seinem Naturell her kein Heißsporn, zeigte sich von der Enzyklika »Fratelli tutti« erschüttert: Er verstehe nicht, wie dieser Papst Marktwirtschaft und Globalisierung derart scharf verdammen könne, die doch dafür verantwortlich seien, dass Hunderte von Millionen Menschen den Weg aus der Armut gefunden hätten. Fuest rügt, dass im neuen Lehrschreiben kein einziges kritisches Wort falle über »Sozialisten« wie Hugo Chavez und Nicolás Maduro, die aus Venezuela ein Armenhaus gemacht haben. Das ist ein Skandal, der durch den Verweis auf die Peronistische Armenverehrung des Papstes erklärbar, aber nicht besser wird. Dabei braucht man noch nicht einmal an die Doppelmoral der römischen Kurie und die jüngst aufgedeckten Finanzskandale zu erinnern, die zeigen, dass die geistlichen Herren in der Praxis keine Skrupel haben, hochspekulative Finanzgeschäfte am Londoner Immobilienmarkt zu betreiben.

    Wäre man gezwungen, sich zwischen der Soziallehre des heutigen Papstes und der Soziallehre der Marktwirtschaft von Adam Smith bis Ludwig Erhard zu entscheiden, müssten zumindest all jene die Kirche verlassen, denen aus Motiven der Barmherzigkeit am Wohlstand aller Menschen gelegen ist. Doch zum Glück ist die antikapitalistische Lehre des Jesuitenpapstes Bergoglio nicht unfehlbar und gibt es etwa in der spätscholastischen Tradition der Dominikaner-Patres von Salamanca auch eine deutlich marktfreundlichere Soziallehre der Kirche: Dort galt die Überzeugung, dass eine altruistische Ethik der Nächstenliebe dringend auf das egoistische Ethos des Gewinnstrebens angewiesen ist, eine Denkschule, auf die hinzuweisen der knorzige Kölner Kardinal Joseph Höffner (1906 bis 1987) nicht müde wurde.
    Schließlich aber und zum Glück hat der christliche Glauben auch noch ein paar Botschaften, die wichtiger sind als die Soziallehre.

    Rainer Hank