Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
05. Mai 2026Krankfeiern ist zu billig
05. Mai 2026Legastheniker an die Macht
16. April 2026Zucker oder Salz
15. April 2026Mein Chatbot liebt Maß und Mitte
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
30. März 2026Der Cem und die schwäbische Oma
30. März 2026Der Enkeltrick
17. März 2026Wir steigern das Bruttosozialprodukt
17. März 2026Das Spiel ist aus
05. Mai 2026
Krankfeiern ist zu billig
Warum Deutschland sich einen Luxus leistet, den es sich nicht leisten kann
Mein Zahnarzt klagt. Eigentlich ist er ein ausgeglichener Zeitgenosse, zufrieden mit sich, seinem Personal und gewiss auch seinem Einkommen. Doch zuletzt pflegte er über seine Praxishelferinnen zu stöhnen. Sie seien unzuverlässig, meldeten sich häufig und überraschend einen oder zwei Tage krank, vorzugsweise montags oder freitags.
Eine Krankmeldung braucht es in der Regel erst ab dem vierten Tag. Der Lohn wird in vollem Umfang sechs Wochen lang weitergezahlt. Das gilt als eine große sozialpolitische Errungenschaft. Wenn er die Augenbrauen hochziehe, gar leichte Zweifel an der Schwere der Krankheit anmelde, so mein Zahnarzt, flattere ihm tags darauf die Kündigung auf den Schreibtisch. So etwas nennen wir Arbeitnehmermacht: Arzthelferinnen werden überall gesucht.
Mitleid mit Zahnärzten zu äußern, ist heikel. Sie gelten nicht als klassische Opfergruppe. Doch ich bekenne mich auch aus egoistischen Gründen dazu. Schließlich leide ich mit, wenn mein Termin wegen Personalmangel abgesagt wird und ich meine Zahnschmerzen weitere Tage notdürftig mit Ibu 600 unterdrücken muss.
Systemversagen tut weh. Mein Zahnarzt steht nicht allein da. Wenn man meint, dass krankgemeldete Tage echte Krankheitstage sind, müsste man sich Sorgen machen, dass die Deutschen immer kränker werden und nach Ursachen forschen. Insgesamt sind die Kosten, die Arbeitgeber für die Lohnfortzahlung aufbringen müssen, zwischen 2022 und 2024 um zehn Milliarden auf rund 80 Milliarden Euro gestiegen. 20 Tage im Jahr sind die angestellten Deutschen im Schnitt laut Studien krank. Das sind ganze vier Wochen. Deutschland, ein Krankenlager.
Ich kann verstehen, dass die Arbeitgeber – allen voran ihr Verbandspräsident Rainer Dulger – in immer kürzerer Frequenz die Einführung eines Karenztages fordern. Das würde bedeuten, dass der erste Tag der Krankheit vom Lohn abgezogen wird. Zuletzt hat Anfang April laut einer aktuellen Forsa-Umfrage unter mehr als tausend Führungskräften eine Mehrheit für einen solchen Karenztag votiert.
Selbstbehalt der Eigenverantwortung
Versicherungstechnisch entsprechen Karenztage einem Selbstbehalt, der die Eigenverantwortung der Versicherten ernst nimmt und eine Schranke vor Missbrauch darstellt. Dass in einem System ohne Selbstbeteiligung Leistungen in höherem Maße in Anspruch genommen werden, ist kein moralischer Vorwurf: Es reicht das Wissen über die menschliche Natur. Wo kein Risiko, da keine Hemmschwelle, sich abzumelden.
Nüchtern betrachtet, wundert es, warum hierzulande nicht längst zur Dämpfung der ausufernden Arbeitskosten Karenztage eingeführt wurden. Es wäre im internationalen Vergleich keine Besonderheit; Karenztage gibt es in Italien, Frankreich und sogar in Schweden, einem Land, das stets als wohlfahrtsstaatliches Musterland hochgehalten wird.
Dass gleichwohl nichts passiert, liegt an psychologischen Widerständen und schlechten historischen Erfahrungen. Das Thema ist heikel: Krankheit wird von den meisten Menschen als unverdiente Strafe interpretiert, die sich quasi verdoppeln würde, wenn man für sein Schicksal auch noch zusätzlich mit Lohnentzug bestraft würde. Dass dieses Gefühl als Einwand maßlos überzogen ist, wo es um einen Tag Eigenverantwortung geht, ändert nichts an seinem hohen Verbreitungsgrad. Dass sich Krankheit als Vorwand simulieren lässt, würden zwar die allerwenigsten bestreiten, dies aber kollektiv als Möglichkeit zu unterstellen, wird als »Klassenkampf auf dem Rücken der Kranken« denunziert.
Hilfsweise wird der Widerstand gegen Karenztage auch als epidemiologischer Altruismus verkauft. Gäbe es für den ersten Krankheitstag keinen Lohn, schleppten sich schwer Erkältete – vor allem die auf Lohn besonders angewiesenen Geringverdiener – ans Band und ins Büro, wo sie, weil schwer krank, für den Arbeitgeber keine Leistung erbringen, stattdessen aber ganz Abteilungen anstecken – und damit einen größeren Schaden für den Arbeitgeber anrichten, als wenn sie bei vollem Lohn zuhause blieben. Das klingt fürsorglich, ist aber vor allem bequem. Denn es blendet aus, dass das bestehende System ebenfalls eine stille Verteilungswirkung hat. Wer zuverlässig erscheint, subventioniert diejenigen mit, die häufiger fehlen.Das Drama von 1996
Es gibt ein historisches Beispiel für die Wucht der Reform-Widerstände. Dazu muss man dreißig Jahre zurückgehen in das Jahr 1996. Damals war der Sozialstaat ähnlich in der Krise wie heute. Die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Arbeitsminister Norbert Blüm diskutierte ein »Sparpaket«, das in ein »Arbeitsrechtliches Gesetz zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung« mündete. Zentraler Bestandteil war die Absenkung der Entgeltfortzahlung auf 80 Prozent des Lohns. Wer weiter während der Krankheit hundert Prozent Lohn erhalten wollte, sollte alternativ die Möglichkeit erhalten, sich für je fünf Krankheitstage einen Urlaubstag kürzen zu lassen.
Das Gesetz wurde verabschiedet – und es ging ein Aufschrei des Protests durch das Land. Im Bonner Hofgarten – dem Ort der deutschen Revolution – demonstrierten über 350.000 Menschen. Ernst wurde es, als es in den Betrieben zu spontanen Arbeitsniederlegungen kam. Ich war damals von der FAZ als Reporter zum Daimler nach Stuttgart-Untertürkheim geschickt worden und traute meinen Augen und Ohren nicht – wie emotional der Protest auf dem Fabrikhof wurde.
Es dauerte nur wenige Wochen – und nicht nur der Daimler, sondern ganze Arbeitgeberverbände knickten ein. Listig verstanden es die Gewerkschaften, das Gesetz durch Tarifverträge auszuhebeln, die hundert Prozent Lohnfortzahlung vom ersten Tag an garantierten. Juristische Debatten, ob Tarifverträge über dem Gesetz stünden, versandeten in akademischen Fußnoten. Die Kohl-Regierung beschimpfte die Arbeitgeber, die hätten sie erst aufgestachelt und anschließend im Regen stehen lassen. Die Arbeitgeber beschimpfen die Regierung für ein schlampig geschriebenes Gesetz. Kohl wurde 1998 abgewählt. Rot-Grün unter Gerhard Schröder kassierte das Gesetz, an das sich ohnehin niemand hielt.
Das Trauma von 1996 sitzt tief. Kanzler Merz, von Hause aus Arbeitsrechtler, wird sich an den Herbst 1996 erinnern und dreimal überlegen, ob eine CDU-geführte Regierung sich abermals mit den Gewerkschaften in Sachen Lohnfortzahlung anlegen will. Die Arbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD denkt vermutlich im Schlaf nicht an Karenztage.
Es bleibt dabei: Ein Karenztag ist kein Angriff auf den Sozialstaat. Ein Gesundheitssystem ohne Selbstbeteiligung ist nicht sozial, sondern naiv: Es erzeugt mehr Nachfrage nach Krankheit.« Wer Eigenverantwortung nicht will, nimmt Missbrauch und höhere Kosten in Kauf. Mein Zahnarzt hat inzwischen kapituliert und seine Praxis verkauft. So viel zur Reformunfähigkeit des Landes.Rainer Hank
05. Mai 2026
Legastheniker an die Macht
Das Erfolgsgeheimnis des Palantir-Gründer Alex Karp
Neulich saßen wir in größerer Familienrunde zusammen und dachten über die Zukunft nach. Zwei Akademiker-Väter – der eine Jura-Professor, der andere Architekt – zeigten sich besorgt, ob für ihre Schulkinder ein Studium noch eine gute Wahl sein würde. Bis es so weit sei, werde nicht nur in ihren Fächern die Künstliche Intelligenz den Menschen die Arbeit abgenommen haben: Juristische Schriftsätze oder Architekturzeichnungen schreiben Claude oder ChatGPT ganz von alleine.
Man einigte sich darauf, ein Studium werde seinen Wert nicht verlieren – als Hilfe für ein reflektiertes Selbst- und Weltverhältnis. Um ein auskömmliches Einkommen zu erzielen, empfehle sich, anschließend ein Handwerk zu erlernen. Haare schneiden kann KI beim besten Willen nicht; ein gutes Gulasch zubereiten muss der gelernte Koch schon selbst. Sein Restaurant würde überfüllt sein von den vielen Akademikern, die keine Arbeit mehr haben, von den Dividenden ihrer KI-Aktien aber prima leben.
Kurze Zeit später lese ich, dass Alexander Karp zu einem ähnlichen Schluss gekommen war wie wir. »Es gibt zwei Wege, eine Zukunft zu haben«, sagte der Palantir-Chef dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin Fortune: »Berufliche Ausbildung oder neurodivergent sein«. Okay, auf die Idee mit der Neurodiversität wären wir am Familientisch nicht gekommen. Karps Logik ist simpel: »KI vernichtet Bullshit-Jobs, nicht Handarbeit.« Während ChatGPT Marketingtexte, Analysen und Vorstandsreden ausspuckt, könne kein Algorithmus eine Heizung reparieren oder ein Bad modernisieren.
Und Neurodivergenz? Darunter versteht man neurologische Unterschiede zum »Mainstream« wie ADHS, Autismus oder Dyslexie (Legasthenie). Früher wurden solche Dispositionen als Krankheit behandelt. Inzwischen sieht man sie als Stärke an und spricht positiv von Neurodiversität. »Neurally divergent werden Amerikas Zukunft prägen,« twitterte Karg. Palantir selbst startet eine Neurodivergent-Fellowship, dotiert mit 110.000 bis 200.000 Dollar jährlich, wie das Startup-Magazin »Business Punk« berichtet: Es richtet sich an Highschool-Absolventen ohne Studium. Karp geht davon aus, dass Neurodiverse Informationen, Reize und soziale Signale anders als die Mehrheit verarbeiten – was in kreativen und analytischen Berufen zum Vorteil werden könne.
Karp – ein intellektueller Außenseiter
Die These Karps lässt sich an seiner eigenen Biografie überprüfen – und bestätigen. Ich habe die Ende 2025 erschienene und sehr zu empfehlende Karp-Biografie des amerikanischen Journalisten Michael Steinberger gelesen, die in USA unter dem Titel »The Philosopher and the Valley«, deutsch, weniger aussagekräftig, als »Der Unsichtbare« erschienen ist.
Bei Karp wurde früh Legasthenie diagnostiziert, eine Lernschwäche, die das Lesen, Schreiben und die Informationsverarbeitung beeinträchtigen kann. Sein Biograf beschreibt ihn als untypischen intellektuellen Außenseiter. Karp selbst legt Wert auf die Feststellung, seine Legasthenie habe ihn gezwungen, anders zu denken und zu handeln. Das gereiche ihm bis heute zum Vorteil und habe geholfen, zum Milliardär zu werden. Nach Steinbergers Beobachtungen könnte man ihn auch als Autist beschreiben, oder umgangssprachlich als schräg: Bei Gesprächen mit ihm übt er Tai-Chi, einerlei ob er zuhört oder selber spricht. Wie ein Besessener fahre er Ski, heißt es, vorzugsweise in Norwegen. Er sagt, er sei gerne allein, fühlt sich im Rampenlicht aber sichtbar wohl. Er wird als exzentrisch und zugleich scheu beschrieben.
Der Zwang auf alles genau und irgendwie anders zu achten, so Karp, befähige ihn, ein Unternehmen zu führen, das mit dem Erkennen von Mustern befasst ist. Zur Erinnerung: Palantir, dessen Mitgründer und langjähriger CEO Karp ist, hat sich auf Datenanalyse spezialisiert. Eine von Karp entwickelte Software erkennt in Windeseile durch die Analyse riesiger Datenmengen und unter Einbeziehung künstlicher Intelligenz Muster, Trends und Verbindungen, die zu sehen menschliche Analysten Tage, Wochen oder Monate bräuchten. Initialzündung war der 11. September 2001. Karp und sein Compagnon Peter Thiel waren der Meinung, der amerikanische Staat könne ihrer Software als Instrument zur Terrorismusbekämpfung gut gebrauchen. Karp nimmt in Kauf, dass sein Analysewerkezug für gute und böse Ziele in Anspruch genommen werden kann: Es dient der US-Einwanderungsbehörde bei ihrer Jagd auf Migranten, wird mutmaßlich im Iran bei der Identifikation ziviler und militärischer Ziele eingesetzt, zugleich aber von Sicherheitsorganen in aller Welt erfolgreich zur Bekämpfung von Kriminalität in Anspruch genommen. Der Börsenwert des Unternehmens beträgt inzwischen über 300 Milliarden Euro; das Vermögen Karps wird abhängig von den Börsenkursen auf 13 bis 18 Milliarden Dollar taxiert.
Nachruf auf Jürgen Habermas
Ob man Karps Aussage, aus Geld mache er sich nichts, zum Nennwert nehmen will, ist Ansichtssache. Zu seiner eigenen akademischen Vergangenheit hat er, der Akademiker angesichts KI künftig für überflüssig hält, ein ambivalentes Verhältnis. Dazu hat er sich jüngst in der Bild-Zeitung in einem Nachruf auf den deutschen Philosophen Jürgen Habermas geäußert. 1992, mit 24 Jahren, bricht Karp sein Jura-Studium an der Law School der Universität Stanford ziemlich unglücklich ab. Während seine Kommilitonen in die großen Kanzleien strömen, zieht er, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, nach Frankfurt, um dort bei Jürgen Habermas zu studieren: »Ich folgte dem Ruf, Akademiker zu werden.« Karps Biografen bringen den ungewöhnlichen Weg mit seinem Judentum in Verbindung und dem Wunsch zu verstehen, wie aus dem Land der Dichter und Denker ein Land der Verbrecher werden konnte. Karp selbst sagt in seinem Bildzeitung-Artikel lediglich, er habe sich für die »Frankfurter Schule« interessiert.
Doch die Begegnung mit Jürgen Habermas wird zum Desaster. So geschmeichelt er ist, dass der bewunderte Philosoph ihn in sein Seminar aufnimmt, so tief gekränkt reagiert er, als Habermas den Entwurf seiner Dissertation ziemlich unsanft zerpflückt und sich weigert, als Gutachter zur Verfügung zu stehen. »Seine Entscheidung traf mich vollkommen unvorbereitet und verletzte mich tief. Der Schmerz darüber sollte lange nachwirken«, schreibt Karp. Derart traumatisiert, bringt er die akademische Karriere rasch zu Ende, promoviert bei einer unbekannten Soziologin, geht zurück nach USA und gründet dort ein Unternehmen, dass heute zu den wertvollsten der Welt zählt.
Karps Biografie eignet sich zu laienpsychologisierender Deutung. Fügen wir hier eine weitere hinzu: Der Erfolg von Palantir überkompensiert das Trauma des Möchtegernphilosophen, die Legasthenie ist Quell seiner Kreativität. Die (leicht) übertriebe Verallgemeinerung hieße: Die Welt braucht weniger Akademiker und mehr Legastheniker.
Rainer Hank
16. April 2026
Zucker oder Salz
Steuerzahler auf die Barrikaden!
Die Finanzkommission Gesundheit schlägt eine »gestaffelte Steuer auf zuckersüße Erfrischungsgetränke« vor. Dass die Fachleute sich Sorgen um meine Gesundheit machen, bezweifle ich. Im deutschen Gesundheitswesen sind die Ausgaben deutlich höher als die Einnahmen. Also muss mehr Geld in die Kasse. Zusammen mit einer Anhebung der Tabak- und Alkoholsteuer verspricht man sich jährlich 1,2 Milliarden Euro mehr in der Staatskasse. Dass eine Lenkungssteuer in unserer ernährungsfixierten Zeit auf Akzeptanz bei den Bürgern hoffen lässt, kommt den Sparkommissaren gerade recht. Ob eine solche Steuer die Menschen gesünder macht, ist nach Ausweis von Studien fraglich. Konsequent ist sie auch nicht: Denn Süßigkeiten oder Zuckerwürfel werden nicht besteuert.
Dass dies dem ausgabenfreudigen Staat in seiner Gier noch nicht reicht, ist in Berlin kein Geheimnis. Längst wird über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte auf dann 21 Prozent nachgedacht. Je nach Konjunktur bringt das dem sozialdemokratischen Finanzminister Lars Klingbeil Mehreinnahmen zwischen 15 und 25 Milliarden Euro im Jahr.
So richtig sozialdemokratisch ist eine Konsumsteuer indessen nicht. Sie wirkt »regressiv«, wie die Ökonomen sagen. Das bedeutet: Sie trifft die ärmeren Schichten stärker als die Reichen, weil die Armen einen höheren Anteil ihres geringeren Einkommens für den täglichen Bedarf ausgeben. Zwar sieht man die Steuer nicht wirklich als Steuer, wenn man nicht genau auf den Kassenbon vom Rewe blickt. Das macht diese Steuer aber nicht besser: Auf den Geldbeutel wirken sie wie eine höhere Inflation. Die ist zuletzt durch die höheren Sprit- und Öl-Preise im Gefolge des Irankriegs ohnehin wieder angestiegen. Als Maßnahme zur Verschleierung ihrer Geldgier redet die Regierung deshalb jetzt lieber laut über Spritsubventionen und einen noch tiefere Mehrwertsteuersätze für mehr Waren des täglichen Bedarfs – selbstverständlich nur, wenn sie »bio« sind.
Ob die Bürger sich eine Zucker- und höhere Mehrwertsteuern gefallen lassen, ist nicht ausgemacht. Sie müssen ja nicht gleich auf die Barrikaden gehen. Es reicht, dass sie bei den kommenden Wahlen die AfD wählen – was einer demokratischen Revolution hierzulande gleichkäme.
Der Salzkrieg im Kirchenstaat
Man sage nicht, dass sei jetzt aber übertrieben. Steuern waren schon immer politisch. Es waren ungerechte Steuern, die zur amerikanischen Revolution führten: »No taxation without representation«, der Slogan der Boston Tea Party 1773, den wir noch aus dem Geschichtsunterricht erinnern, war der Aufstand der Siedler in Amerika gegen den Steuer-Oktroi der britischen Krone gekoppelt an die Forderung nach demokratischer Mitbestimmung. Am Ende dieser Steuerrevolution stand die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, deren 250. Jubiläum im Juli gefeiert wird.
Nicht um Zucker, sondern um Salz ging es in früheren Zeiten zumeist. Perugia, eine Stadt in Mittelitalien, wagte 1540 den Aufstand gegen die päpstliche Salzsteuer im Kirchenstaat (»Salzkrieg«), verlor – und bäckt ihr Brot seither ohne Salz, bis heute: »pane senza sale«.
Erfolgreich dagegen war der Widerstand in Frankreich gegen hohe und ungerechte Salzsteuern. Denn der führte zur französischen Revolution, wie ich einem aktuellen Paper dreier Ökonomen entnehme, auf das mich mein Kollege Winand von Petersdorff hinweist (Tommaso Giommoni et al.: Extractive Taxation and the French Revolution. NBER 34816. Februar 2026).
Die französische Krone beanspruchte das Monopol auf Salz. Jeder Bürger musste eine bestimmte Menge Salz abnehmen und darauf Steuern – die »Gabelle« – zahlen, unabhängig vom persönlichen Bedarf. Steuereintreiber gingen nicht sehr zimperlich vor, um an ihr Geld zu kommen. Das Land war in Salzsteuerbezirke (»gabelles«) aufgeteilt, in denen unterschiedliche Steuersätze galten. In Hochsteuergebieten bedeutete dies eine Belastung des Jahreseinkommens von 13 Prozent. In Niedrigsteuergebieten waren es lediglich 2,5 Prozent. Das hieß nicht, dass es in Hochsteuergebieten auch mehr staatliche Leistungen und bessere Lebensbedingungen gab. Im Gegenteil: Der Lebensstandard war dort wegen der hohen Abgabenlast geringer als in den Niedrigsteuergebieten.
Ungleichheit als Ungerechtigkeit: Die Aufklärung
Schlimm genug, dass die hohen Steuern viele Menschen in die Armut zwangen. Als ungerecht und willkürlich empfand man zudem die ungleichen Steuersätze. Dass das System auch Schmuggler in großen Stil anzog, die Salz aus Niedrig- in Hochsteuergebiete schmuggelten, verwundert nicht. Dass Adel und Klerus keine Steuern zu zahlen hatten, der »dritte Stand« indessen geschröpft wurde – »le tiers Etat« des Abbé Sieyès -, der 98 Prozent der Bevölkerung ausmachte, das empfand man als zutiefst empörend.
Die Ökonomen können mit Datenanalysen und wirtschaftsgeographischen Modellen zeigen, dass es in Hochsteuergebieten zwischen 1750 und 1789 besonders häufig zu Aufständen kam. Aus diesen Gebieten stammen auch deutlich mehr Beschwerden gegen die Machthaber (»cahiers de doléances«). Während der »Grand Peur« 1789 hat sich die Revolution zunächst und vor allem in den Hochsteuergebieten ausgebreitet.
Bemerkenswert für die Theorie der französischen Revolution ist, dass die Empörung des Volkes sich nicht nur aus dem kreatürlichen Aufschrei der Armen und Entrechteten erklärte, sondern auch aus einer tiefen Beleidigung des Gerechtigkeitsgefühls, das gegen die Willkür unterschiedlicher Steuersätze rebellierte. Das Gefühl der Ungerechtigkeit fiel nicht einfach vom Himmel, sondern war Ausdruck des Gleichheitspathos der Aufklärung: liberté, egalité, fraternité. In den besonders revolutionären Steuerbezirken fielen die Ideen der Aufklärung auf besonders fruchtbaren Boden. Das lässt sich messen am Absatz aufklärerischer Schriften und an den Subskriptionen der Encyclopédie von Diderot und d›Alambert (1751 bis 1772): Gleichheit vor dem Gesetz, Kritik an Kirche, Adel und Monarchie bildeten, marxistisch gesprochen, den ideologischen Überbau der materialistischen Revolte gegen die Salzsteuer.
Tatsächlich wurden die Salzsteuer und das staatliche Salzmonopol als Symbol des Ancien Regime im März 1790 komplett abgeschafft, zusammen mit vielen alten Steuern und feudalen Privilegien. Napoleon hat sie dann 1807 wieder eingeführt, jedoch als einheitliches und gleiches System ohne die regionale Willkür.
Memo an Lars Klingbeil: Wenn eine Salzsteuer schon einmal zu einer bürgerlichen Revolution geführt hat, dann könnte sich so etwas mit einer Zuckersteuer wiederholen, oder? Na ja, die Deutschen sind nicht so revolutionär wie die Franzosen, lösen bekanntlich, wie Lenin spottete, erst eine Bahnsteigkarte. Und sie sind heutzutage ziemlich paternalistisch gestimmt, lieben es, wenn der Staat ihnen den Genuss von O-Saft versauert.Rainer Hank
15. April 2026
Mein Chatbot liebt Maß und Mitte
Warum künstliche Intelligenz vor Radikalisierung schützt
Die Demokratie sei in Deutschland gefährdet. So hören und lesen wir es täglich. Deshalb gibt es unzählige Initiativen, deren Ziel es ist, die Demokratie zu fördern. Allein das Großprojekt »Demokratie leben« von Bundesbildungs-, Familien- und Seniorenministerin Karin Prien (CDU) verteilt im laufenden Jahr knapp 200 Millionen Euro an 3000 Initiativen. Der warme Geldsegen hat eine riesige Demokratieförderindustrie entstehen lassen, die – wie jetzt gerade wieder – laut aufjault, weil Frau Prien überprüfen lässt, ob das Geld auch seinen Zweck erfüllt und nicht einfach nur Aktivisten und Stiftungen aller Art auf Dauer alimentiert.
Sollte es bei diesem Demokratieinitiativen zum Beispiel darum gehen, der AfD das Wasser abzugraben, hätte man sich das viele Geld sparen können. Denn seit Jahren ist keine Partei so erfolgreich im Maximieren von Wählerstimmen wie die Truppe um Weidel und Chrupalla. Ähnliches gilt für die Linke mit Heidi Reichinnek & Co. Die Ränder wachsen, sie sind sichtbarer, lauter und selbstbewusster geworden.
Ketzerisch lässt sich fragen: Ist die zunehmende Präsenz extremer Positionen wirklich ein Symptom der Gefährdung – oder nicht vielmehr ein Ausdruck funktionierender Freiheit? Demokratie hieße dann: Jeder darf sagen, was er denkt, auch und gerade dann, wenn es anderen missfällt. Die Förderprogramme verfolgen ein anderes Ideal. Sie setzen nicht auf maximale Pluralität, sondern auf eine Stärkung der Mitte – jener schwer zu definierenden Zone des Ausgleichs, die politisch stets beschworen, aber selten präzise beschrieben wird.
Gruppen neigen zu Extremen. Im Kollektiv verschieben sich die Maßstäbe. Wir urteilen extremer, als es jeder Einzelne ohne die Gruppe täte. Die Gruppe polarisiert und radikalisiert ihre Mitglieder. Woran das liegt? Menschen hungern nach Bestätigung. Wenn zwei einander recht geben, fühlen sich beide sicherer. Schließt sich ein Dritter an, wird es noch besser. So bildet sich eine Bestätigungskaskade, die wiederum bei allen zur Verfestigung ihrer Meinung führt. Jetzt hauen wir auf den Putz – die Älteren unter uns Männern kennen diesen Mechanismus vom Stammtisch.
Heute haben soziale Medien die Bühne ins Unendliche erweitert. Plattformen wie X oder Tiktok verstärken, was Aufmerksamkeit erzeugt. Am Ende kann es passieren, dass einige die soziale Gruppe verlassen, weil ihnen die Radikalisierung der anderen nicht geheuer ist. Die Gruppe wird dadurch zwar kleiner, aber noch radikaler, weil nur die Loyalsten bis zum Schluss bleiben, die sich untereinander bis ins Extrem anfeuern.
Kaninchenbunker mit Loyalitätserwartung
Soziale Medien verstärken populäre und emotionale Sichtweisen. So entstehen »Rabbit Holes«, Kaninchenbunker, in die sich die Nutzer immer tiefer hineingraben. Je länger sie sich dort aufhalten, um so normaler finden sie die gemeinsam geteilten Ansichten. Wenn viele sich davon überzeugt zeigen, dass Impfen zu Autismus führt, sind bald alle davon überzeugt. Loyalität ersetzt das Argument. Wer andere Ansichten vertritt, gilt alsbald als Verräter und wird zum Feind erklärt.
Halten wir fest: Soziale Medien tragen zur Verstärkung extremer Meinungen bei. Alles ist möglich und auch das jeweilige Gegenteil. Priorisieren gilt als Bevormundung. Ob diese Form der Demokratisierung auch zur Radikalisierung einer Gesellschaft als Ganzer führt, ist damit noch nicht gesagt.
Doch es gibt Korrektive, die anti-extremistisch wirken, also den Mainstream verstärken. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, bekannt für seine Neigung zur Zuspitzung, gab kürzlich in einem Spiegel-Interview einen interessanten Hinweis. Er sei in jüngster Zeit milder geworden, bekannte der Ex-Grüne. Bevor er im Affekt einen radikalen Tweet in den sozialen Medien raushaue, frage er bei seiner Künstlichen Intelligenz nach. »Und die ist ziemlich woke«, fügte Palmer hinzu; sie stupse ihn in Richtung Maß und Mitte.
Das lässt sich statistisch belegen, wie ich der Daten-Kolumne der Financial Times vom vergangenen Wochenende entnehme. Vergleicht man die politischen und sozialen Ansichten, die in sozialen Medien vertreten werden, mit den Durchschnittsansichten der Menschen, zeigt sich, dass im Netz extrem linke und rechte Ansichten deutlich überrepräsentiert sind. Lässt man dieselben Ansichten auf den Plattformen von ChatGPT & Co. diskutieren, mäßigen sich die Ausschläge signifikant in Richtung der gesellschaftlichen Durchschnittsansichten.
KI ist langweilig. Gut so!
Wir lässt sich das erklären? Künstliche Intelligenz wird von ihrer »Natur« her auf Moderation und Ausgleich trainiert, orientiert sich am leicht linken, also woken Mainstream der Gesellschaft. KI ist »langweilig mittig«, X ist aufregend und extremisierend. KI simuliert Diskurse, kann Gegenargumente liefern, Perspektiven verbinden und Extrempositionen relativieren. Erst recht dann, wenn man KI in den Fragen (Prompts) dazu explizit auffordert. Auf den sozialen Plattformen dagegen ist das Denken in Alternativen und Ambiguitäten verpönt, falls es überhaupt bekannt ist. Hier dominiert die Freund-Feind-Dichotomie. Soziale Medien verstärken die Extreme, KI glättet sie. KI würde bestreiten, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus gibt – und also den Mainstream der wissenschaftlichen und evidenzbasierten Forschung spiegeln, Verschwörungstheorien hingegen tadeln.
Der britische Philosoph Dan Williams hat diesen Unterschied prägnant beschrieben. Soziale Netzwerke seien »demokratisierend«, weil sie vielen Stimmen Raum geben und nur geringe Filter kennen. Künstliche Intelligenz hingegen wirke »technokratisierend«: Sie orientiere sich am Wissen von Experten und etablierten Institutionen. Was die einen als Bevormundung empfinden, erscheint den anderen als notwendige Korrektur.
Glaubt man diesem Befund, müssten der Staat vor allem KI fördern, wenn er die Extreme schwächen wollte. So etwas würde in den Ministerien vermutlich nur zu Kopfschütteln führen, ist aber auch gar nicht nötig und wird besser vom Kapitalmarkt besorgt, der hunderte Milliarden Dollar in die KI-Entwicklung pumpt.
P.S. Selbstverständlich habe ich meine KI mit der schmeichelhaften These konfrontiert, KI wirke mäßigend auf die Gesellschaft und tauge als Gegengift gegen den Extremismus der sozialen Netzwerke. Der die These relativierende Widerspruch, den ChatGPT als Antwort anbot, bestätigt die These aufs Schönste: Auch KI sei kein neutrales Medium, sagt meine KI. Wenn KI-Nutzer nach Bestätigung gieren, bekommen sie genau die Affirmation, die sie verlangen. Man muss schon bereit sein, sich irritieren und korrigieren zu lassen und die richtigen Fragen stellen. Soziale Medien belohnen Gewissheit. KI kann produktive Unsicherheit auslösen.
Rainer Hank
15. April 2026
Staatsgeld für meine Weinhandlung
Über ein paar Widersprüche der Kulturförderung
Warum gibt es eigentlich keinen Kulturpreis für Weinhandlungen? Wenn es Preise für Buchhandlungen gibt, müsste es auch Preise für Weinhandlungen geben. Dafür braucht man sich nur die Ausschreibungsunterlagen zum Buchhandelspreis des »Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien« ansehen. Gefördert werden sollen unabhängige Händler, die ein besonders anspruchsvolles Sortiment haben, Vielfalt ermöglichen, als kulturelle Orte wirken (Veranstaltungen anbieten) und das kulturelle Leben vor Ort stärken.
Das trifft auf meine Lieblingsweinhandlung im Frankfurter Stadtteil Eschersheim vollumfänglich zu. Der inhabergeführte Laden (zwei Freundinnen) ist unabhängig, hat ein beeindruckendes Sortiment exzellenter, wenig bekannter Weingüter und fungiert als kultureller Ort: stets trifft man nette Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Von Zeit zu Zeit gab es dort auch eine Soiree. Gäbe es meine Weinhandlung nicht, nähmen in diesem – sagen wir: gemischten – Viertel die Nagelstudios und Barbershops vollends überhand. Verödung drohte.
Sage keiner, Wein sei keine Kultur. Im Vergleich mit dem Buch (vulgo: Papyrus) ist der vergorene Traubensaft das mit Abstand ältere Kulturgut. Wein ist heutzutage mindestens so sehr gefährdet wie das Buch: Die Leute haben Bas Kast gelesen und trinken lieber hausgemachte Limonade. Hawesko & Co. treten online genauso penetrant auf wie Amazon. Kurzum: Mein Weinladen würde eine kleine jährliche Subvention (7000, 15000, 25000 Euro, gestaffelt wie beim Buchpreis) dankbar mitnehmen – als betriebswirtschaftlich sinnvolle Unterstützung und gerne auch zur Förderung der Demokratie im Stadtteil Eschersheim. Links- oder gar rechtsradikal sind meine freundlichen Händler keinesfalls. Da lege ich meine Hand für ins Feuer.
Kommen wir zur Ökonomie. Gemäß dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch muss der Staat dann und nur dann ran, wenn der Markt versagt. Das wird man beim Buch beim besten Willen nicht behaupten können. Bücher sind hierzulande gut verfügbar, günstig und in aller Regel online schneller lieferbar als im sogenannten stationären Buchhandel. Die Versorgung der Bürger mit Büchern ist nirgends gefährdet; Amazon & Co. liefern bis zum kleinsten Einödhof.
Sagen wir es offen: Der Staat fördert weder das Buch noch das Lesen, er fördert Buchhandlungen. Bestimmte Geschäftsmodelle zu belohnen, ist indes keinesfalls eine öffentliche Aufgabe. Aufgabe ist es auch nicht, ineffiziente Anbieter einer bestimmten Branche durch Preisgelder am Leben zu erhalten. Das ist alles grob ungerecht. Die Förderung stationärer Händler ist strukturkonservativ statt innovativ, auch wenn Geldgeber wie Geldnehmer das anders sehen. Nur zur Erinnerung: Bei den Subventionen handelt es sich um anderer Leute Geld, nämlich um das Geld der Steuerzahler.
Warum sollen nichtlesende Bürger (davon gibt es immer mehr) Buchhandlungen und deren Kunden subventionieren: das lässt sich nur paternalistisch begründen und steht wie jeder Paternalismus auf übergriffigen Füßen. Der Staat tritt als der bessere Entscheider auf, behauptet, der Bürger wisse nicht, was gut für ihn sei und pampert Güter, die er geschwollen »meritorisch«, also förderungswürdig, nennt.
Fachbeamte für Buchhandlungen? Hallo!
Der Markteingriff führt noch zu ganz anderen Effekten. Er bringt Abhängigkeiten zwischen Staat und Bürgern mit sich. Der Staat ist nicht selbstlos. Wo er sich einmischt, da will er bestimmen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat einen Apparat von 500 Mitarbeitern und verfügt über einen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Dort gibt es, wie der Kulturstaatsminister jüngst in einem Interview stolz erwähnte, »Fachbeamte, die sich in der Buchhandlungsszene sehr gut auskennen«. Staatliche Fachbeamte für Buchhandlungen? Wenn das der Franz Kafka gewusst hätte. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Sie schnüffeln. Ich sehe sie vor mir, wie sie inkognito mit breitkrempigem Hut und als unschuldige Kunden getarnt in der Buchhandlung »Golden Shop« herumlungern, heimlich die Plakate fotografieren, die Buchhändler in peinliche Gespräche verwickeln und in die Aporie treiben.
Sobald der Verdacht auf extremistische Umtreibe hinreichend groß ist, schicken diese Fachbeamten für Buchhandlungen den Verfassungschutz in den »Golden Shop«, natürlich ebenfalls inkognito, und der bestätigt den Verdacht. Worauf das von einer Jury bereits zuerkannte Wohlverhaltensgeld wieder entzogen wird. Subventionen haben ihren Preis. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wer zahlt, bestimmt. Der Preis heißt: Einschränkung der Meinungsfreiheit, was doch eigentlich das Gegenteil dessen ist, was die Demokratiesäusler ständig zu tun vorgeben.
Die Buchverkäufer, die eigentlich Bücher verkaufen sollen, werden zu Experten im Preisbewerbungsschreiben. Da gewinnt man mit der Zeit Routine. Die ganz Pfiffigen sind fast jedes Jahr dabei; da kommt ein ordentliches Subventionssümmchen zusammen. Rent Seeking heißt der ökonomische Fachbegriff: Subventionsscheffeln ohne echten Mehrwert zu schaffen. Nach dem Eklat dieses Jahres empfiehlt es sich für die Händler, die gesellschaftlichen Leistungen der eigenen Buchhandlung zweifelsfrei im wasserdichten ideologischen Mainstream zu verorten. Also Jürgen Habermas, Judith Zeh oder Caroline Wahl. Harald Martenstein könnte von den Buchhandels-Fachbeamten bereits als Hinweis auf rechtsextreme Umtriebe missverstanden werden. Bücher vom Margarete Stokowski deuten womöglich auf linksextreme Sympathien. Nähere Auskünfte im subversiven Umgang mit dem schnüffelnden Verfassungsschutz erteilt auf Anfrage die »Alternative für Deutschland« (AfD).
Weg mit dem Kulturstaatsamt
Wer sich dem Staat an den Hals wirft, dem zeigt der hinter der wohltätigen Maske sein autoritäres Antlitz. Das mag zugespitzt sein. Aber eines ist auch klar: Die Zeiten klarer Rollentrennung sind passé: Früher sonnten sich die Kulturbürokraten im Ausgeben des Geldes anderer Leute; damals brauchten die Kulturfunktionäre lediglich die Hand aufhalten, Danke sagen und noch mehr Geld fordern.
Nun muss man gar nicht so weit gehen, staatliche Kulturförderung in Gänze zu verdammen, Eine Bundeskulturbehörde braucht es aber nicht. Sie zu schleifen wäre ein sichtbarer Beitrag zum Bürokratieabbau, von dem man bisher trotz vieler Ankündigungen noch nicht viel gesehen hat. Sage keiner, dies führe zur kulturellen Verödung des Landes. Die zentrale Behörde gibt es erst seit 1998, sie wurde von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Doch auch vor 1998 gab es im Land der Dichter und Denker schon Kultur (förderung): Darum sollen sich laut Verfassungsauftrag die Länder kümmern. Die haben schon ein Kultusministerium, brauchen also keine neuen Behörden.
Rainer Hank
