Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 18. September 2026
    Dem Staat ist nicht zu trauen

    Lars P. Feld 60 Jahre Foto Walter Eucken Institut

    Dieser Artikel in der FAZ

    Gemeinwohl, egoistische Interessen und der Ökonom Lars P. Feld

    Die Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wollen die »Rente mit 63« behalten: Mit ihr kann das Arbeitsleben ohne Abschläge beenden, wer 45 Beitragsjahre geleistet hat. Das widerspricht den Vorschlägen der Rentenkommission, deren Empfehlungen die Bundesregierung zur Grundlage einer großen Reform machen will. Die drei Ministerpräsidenten gehören der CDU an; die »Rente mit 63« ist seit den Tagen von Andrea Nahles ein Lieblingskind der SPD – weshalb jetzt flugs viele Sozialdemokraten den Ost-Ministerpräsidenten beispringen.

    Die Ministerpräsidenten führen ins Feld, viele Rentner im Osten hätten bereits mit 16 oder 17 Jahren eine Lehre begonnen. Nach 45 Rentenjahren habe sich so jemand einen früheren Renteneintritt »verdient«. Zudem gebe es in Ostdeutschland erheblich weniger Betriebsrenten und geringere Vermögen, weshalb die gesetzliche Rente dort wichtiger sei als im Westen. Und schließlich hätten sich die Erwerbstätigen auf die »Rente mit 63« (inzwischen: »Rente mit 64«) eingestellt. Wer kurz vor dem Ruhestand stehe, dürfe nicht durch eine Reform überrascht werden.

    Die Argumente der Ministerpräsidenten sind nicht aus der Luft gegriffen. Doch sie unterschlagen das Wesentliche: Auch wer mit 16 zu arbeiten begonnen hat, lebt heute deutlich länger, bezieht länger Rente und belastet länger das Rentensystem. Gerade deshalb hat die Rentenkommission empfohlen, die abschlagsfreie Frühverrentung abzuschaffen. Das würde das System – also die jüngeren Beitragszahler – um rund zehn Milliarden Euro im Jahr entlasten. Die gesetzliche Rente ist nämlich keine Kasse, in die man einzahlt, sondern ein Umlagemechanismus, bei dem die jüngeren Beschäftigten die älteren Ruheständler finanzieren – »Generationenvertrag« genannt.

    Warum verteidigen die Ost-CDU-Politiker die systemfremde »Rente mit 63«? Die Antwort liegt auf der Hand: Von der Rente mit 64 profitieren vor allem Arbeitnehmer, die Vollzeit gearbeitet haben. In Ostdeutschland gehört die Generation kurz vor dem Ruhestand zum wichtigen Wählerreservoir der AfD. Gerade diese Gruppe spricht die Verteidigung der »Rente mit 63« unmittelbar an. In Sachsen-Anhalt sind im September Wahlen. Die AfD liegt nach aktuellen Umfragen bei 41 Prozent, die CDU bei 24 Prozent. Die AfD verspricht ihren Wählern ein Rentenniveau von – illusorischen – 70 Prozent und mehr.

    Politik als Markt

    Kein Wunder also, dass die Ost-CDU ihren Wählern rentenpolitisch auch etwas bieten will. Es geht um das Wohl wahlentscheidender Gruppen, nicht um das Gemeinwohl. Es geht um das Wohl von Politikern, deren Geschäftsmodell darin besteht, Wählerstimmen zu maximieren, ein Job, den AfD-Politiker derzeit erfolgreicher betreiben als die Männer der CDU.

    In dieser Erklärung zeigt sich: Man kann Politik wie einen Markt analysieren, indem man, völlig moralfrei, Kosten und Nutzen der handelnden Personen gewichtet. Politiker sind rationale Akteure, und der Staat ist kein »benevolenter Diktator«, der das Beste für seine Untertanen im Sinn hat. Politiker handeln nicht gemeinwohlorientiert, sondern verfolgen wie alle Menschen ihre eigenen Interessen. Partielle Interessen organisierter Gruppen – Rentner oder Arbeitnehmer, die bald Rentner werden – sind wichtiger als die Gesamtheit der Steuer- oder Beitragszahler. Wenn es stimmt, dass Politiker stimmenmaximierende Eigeninteressen verfolgen, hilft es wenig, auf »bessere« Politiker zu hoffen. Besser wäre es, Regeln und Institutionen zu schaffen, die den rationalen Egoismus von Politikern begrenzen.

    Eine Erklärung für dieses Verhalten von Politikern liefert eine prominente ökonomische Schule: Sie heißt »Public Choice«, weil es ihr darum geht zu untersuchen, wie politische Entscheidungen tatsächlich getroffen werden. Warum beschließt ein Parlament höhere Ausgaben? Warum wächst der Staat? Warum werden Subventionen kaum abgeschafft? Warum setzen sich bestimmte Interessengruppen durch – und andere nicht?

    Public Choice entstand in den sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten. Bekanntester Vertreter der Schule ist der Ökonomie-Nobelpreisträger James M. Buchanan (1919 bis 2013). Public Choice teilt die Überzeugung der sogenannten Institutionenökonomik, wonach eine gute Gesellschaft vor allem gute Institutionen (Eigentumsrechte, Gerichte, Verfassungen) braucht.

    Es sind nach Auffassung der Vertreter der Public Choice vor allem zwei Riegel, die den Partikularegoismus der Politiker begrenzen: Einerseits braucht es weniger, andererseits braucht es mehr Demokratie. Einerseits sind Regeln und Institutionen erforderlich, die die parlamentarische Demokratie beschränken. Paradebeispiel dafür ist die Schuldenbremse, die die Ausgabenfreude von Politikern zügelt. Oder eine unabhängige Zentralbank, die das inflationstreibende Begehren der Politiker souverän ignoriert. Andererseits braucht es mehr direkte Demokratie, die das Volk stärker an politischen Entscheidungen und der Finanzierung dieser Entscheidungen beteiligt und damit ebenfalls die Macht der Politiker in den Parlamenten begrenzt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass in direkt-demokratisch verfassten Gesellschaften weniger subventioniert und weniger Steuern erhoben werden, die Staatsverschuldung geringer ist – bei gleichzeitig höherer Wirtschaftsleistung pro Kopf und höherer Lebesnszufriedenheit der Menschen.

    Lars Feld – der Liberale

    Woher weiß ich, was ich hier schreibe? Die kurze Antwort heißt: Von Lars P. Feld. Der liberale Ökonom gehört zu einer Generation von deutschen Forschern, die Finanzwissenschaft, Institutionenökonomik, Public Choice und die Freiburger Schule des Ordoliberalismus zusammengeführt haben. Gemeinsam mit seinem früh verstorbenen akademischen Lehrer Gebhard Kirchgässner hat Feld gezeigt, dass der »Homo Oeconomicus« kein lebensfernes Konstrukt ist und dass die segensreiche Wirkung guter Institutionen auch empirisch belegt werden kann – vor allem am Beispiel der Staatsverfassung der Schweiz: Feld, ein Saarländer, ist an der Hochschule St. Gallen akademisch groß geworden. Seit er 2010 zum Direktor des Walter Eucken Instituts (sic!) in Freiburg berufen wurde, hat er sich mit ökonomischer Politikberatung nicht nur akademisch, sondern auch praktisch beschäftigt – unter anderem als Vorsitzender der »Fünf Weisen« und als persönlicher Berater des Ampel-Finanzministers Christian Lindner (FDP) von 2022 bis 2024. Dabei hat er nicht nur die Macht, sondern auch die Grenzen solcher Beratung kennengelernt, so wie es seine eigene Theorie erwarten lässt: Dem rational handelnden Politiker ist der nächste Wahltag näher als der Rat seines Ökonomen. An diesem Sonntag, dem 9. August, feiert Lars P. Feld seinen 60. Geburtstag – in der Bretagne, wie man hört.

    Rainer Hank

  • 18. September 2026
    Ein Lob der Kirche

    Ora, labora – und Kirchenrecht. Foto planet wissen

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Europa den Mönchen seinen Wohlstand verdankt

    Als Marco Polo im späten 13. Jahrhundert China besuchte, nannte er Hangzou »die größte Stadt, die es gibt oder je gegeben hat«. Die Einnahmen des Großkhans aus der Salzsteuer seien höher als die irgendeines christlichen Königs.

    Fünfhundert Jahre später, zur Zeit des großen europäischen Aufklärers Adam Smith, galt China dagegen als stagnierende Wirtschaft, die immer weiter hinter Westeuropa zurückfiel.

    Holzschnittartig gesagt: Um 1000 ist China in fast jeder Hinsicht Europa überlegen. Um 1800 ist Europa China weit voraus.

    Die Erklärung dieser Fortschritts- und Wohlstandskehre gehört zu den großen Rätseln der Geschichte. Generationen von Historikern haben versucht, »The Great Divergence« zu erklären, eine fast tausend Jahre klaffende Wohlstandsdifferenz zwischen China und Europa. Überzeugende Deutungen dieses Rätsels sind heute deshalb besonders brisant, weil sich womöglich die Asymmetrien jetzt umkehren – und womöglich abermals tausend Jahre währen könnten.

    Was wurde nicht alles in die Debatte geworfen: Mal sollte es der Atlantikhandel (Sklaverei!) gewesen sein, der Europa reich machte. Mal galt die Idee, die Kohlevorräte in der Erde zu fördern, als Voraussetzung des europäischen Wirtschaftswunders. Eine mir besonders sympathische Deutung stammt von dem Wirtschaftshistoriker Eric Jones (»The European Miracle«, 1981): Für Jones war es die politische Fragmentierung Europas, insbesondere der Wettbewerb zwischen den italienischen Stadtstaaten der Renaissance, der der Zentralisierung des chinesischen Großreiches langfristig überlegen war. In der Diskussion hält sich weiterhin Max Webers These vom Kapitalismus fördernden Geist des Protestantismus.

    Clan oder Korporation?

    Wer sich in diesem überfischten Meer der Deutungen tummelt, von dem werden Originalität und intellektuelle Kreativität erwartet. Das unlängst erschienene Buch »Two Paths to Prosperity« der Wirtschaftshistoriker Avner Greif, Joel Mokyr und Guido Tabellini leistet diese schöpferische Zerstörung älterer Theorien. Die drei Autoren sind anerkannte Forscher – Mokyr erhielt 2025 den Ökonomie-Nobelpreis. Aus ihren bisherigen Arbeiten durfte man erwarten, dass sie kulturellen Entwicklungen und der Evolution politischer und rechtlicher Institutionen besondere Erklärungskraft zuschreiben. So kommt es dann auch. Doch um welche Institutionen es sich dabei handelt, das ist ziemlich aufregend.
    Zunächst: Europa hat China deutlich früher eingeholt als lange angenommen: Ausgerechnet im christlichen Mittelalter, das in unaufgeklärten Kreisen bis heute als finster gilt. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts wäre dann Folge, nicht Ursache der Divergenz.

    Dreh- und Angelpunkt für die Forscher ist der Gegensatz zwischen Clans und Korporationen. In China dominierten Familienbünde die Politik und Wirtschaft, während in Europa familienfremde Institutionen das Leben bestimmten. Diese Korporationen erwiesen sich langfristig anpassungsfähiger als die Clans.

    Clans beruhen auf Abstammung, Verwandtschaft und gemeinsamen Ahnen. Sie bieten soziale Sicherheit, Ausbildung, Kredit und Konfliktregelung auf der Basis familiären Vertrauens. Einem Clan gehört man durch Geburt an; man kann in ihn weder ein- noch austreten. Lange Zeit funktionierte dieses System in China hervorragend.

    Doch langfristig hatte das Clansystem einen Nachteil. Es erzeugte enges Vertrauen innerhalb der Verwandtschaft, aber nur begrenzt darüber hinaus. Mit wachsender Arbeitsteilung wurden Gesellschaften erfolgreich, die Menschen in immer neuen Organisationen zusammenführen konnten. Dem kam entgegen, dass in Europa Familienbande zunehmend schwächer wurden, woraus auf Dauer ein wirtschaftlicher Vorteil resultierte. Verantwortlich dafür waren ausgerechnet die christlichen Klöster und damit verbunden das kirchliche Eherecht. Schon seit der Spätantike verbot die Kirche die Cousinen- und Schwagerehe, bei der die Witwe den Bruder ihres verstorbenen Mannes heiratet. Das war eigentlich ökonomisch sinnvoll: Die Witwe bleibt versorgt, Kinder bleiben in derselben Abstammungslinie, der Clan verliert kein Eigentum. Solche Clanstrukturen hat die Kirche schrittweise untergraben. Zugleich – ziemlich revolutionär – durfte eine Ehe nur mit Zustimmung der Partner geschlossen werden. Das kirchliche Eherecht erzeugt die soziale Nachfrage nach Korporationen.

    Der Klerus schwächt die Familie: gut so.

    Die Folge: Die Schwächung der Familie ausgerechnet durch den Klerus nötigte die Menschen in Europa zu Kooperationen außerhalb der Familie – also mit Fremden. Der christliche Universalismus – jeder kann mein Nächster sein – erweiterte den wirtschaftlichen Radius. Die Kirche half unbeabsichtigt, dauerhaft Organisationen außerhalb von Familie und Staat zu etablieren. So entstanden Zünfte, Universitäten, Handelsgesellschaften bis hin zur Aktiengesellschaft – alles Organisationen, in denen Menschen miteinander »regelbasiert« kooperierten, ohne miteinander verwandt zu sein.

    Klöster als Vorläufer der AG? Das muss man erst einmal bringen. Dass Kirche und Zünfte im Lauf der Geschichte in Orthodoxie erstarrten und Konkurrenz verhinderten, ist für die Autoren kein Einwand. Sie sagen nicht: Korporationen sind per se gut. Sie sagen lediglich, eine Gesellschaft, die so flexibel ist, ständig neue Korporationen hervorzubringen, ist gut. Als die Kirche sich später Markt und Wettbewerb widersetzte, entstanden wirtschaftsfreundliche Akademien, wissenschaftliche Gesellschaften und Universitäten neuen Typs, die der Aufklärung und nicht der Dogmatik verpflichtet waren. Die Erben dieser Familienbande sprengenden Korporationen schufen die Voraussetzung für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und repräsentativ-liberaler Demokratie.

    Will man Greif, Mokyr und Tabellini ihre steile These abkaufen? Sie ist gewöhnungsbedürftig, hat aber gute historische Vorarbeiten auf ihrer Seite.

    Heute beweist China, dass auch hierarchische Systeme Innovationen hervorbringen können. Kommt jetzt also wieder ein Jahrtausend Chinas? Greif, Mokyr und Tabellini bleiben der universalistischen Institutionenidee Europas treu: »Demokratien sind langsam und konfliktreich, aber sie enthalten Mechanismen des Lernens und der Fehlerkorrektur«, sagte Guido Tabellini jüngst in einem Interview. Innovationen erfordern Fehlertoleranz, Dissens und Wettbewerb zwischen Ideen. Autoritär-hierarchische Systeme fördern langfristig eher das, was den Machthabern nützt als das, was sie infrage stellt.

    Europas größte Gefahr besteht darin, dass seine politische Fragmentierung – einst seine Stärke – es heute gegenüber größeren und aggressiven Mächten besonders verwundbar macht. Chinas Gefahr ist das Gegenteil: seine außerordentliche Leistungsfähigkeit könnte Schwierigkeiten bekommen, deren institutionellen Grundlagen zu erneuern. Das Spiel ist offen.

    Rainer Hank

  • 06. August 2026
    Stille Tempel in Kyoto

    Shoden-ji: Karensansu Garten Foto Japan Journeys

    Dieser Artikel in der FAZ

    Overtourims, Folge 2

    Der britische Rockmusiker David Bowie (1947 bis 2016) liebte die japanische Stadt Kyoto über alles. Zeitweise erwog er, sich dauerhaft dort niederzulassen. Sein Lieblingsort war der stille Zen-Tempel Shoden-ji im Norden der Stadt. Besonders faszinierte ihn der Trockenlandschaftsgarten Karensansui mit dem natürlichen Panorama des Berges Hiei im Hintergrund.

    Als wir im vergangenen Herbst Kyoto besuchten, hatten uns Freunde den Shoden-ji sehr ans Herz gelegt und wir ließen uns von einem Führer dorthin bringen. Der Führer kannte den Tempel und freute sich über unseren Wunsch: Selten nur wollten Touristen dorthin. Es war eine wunderbare Morgenstimmung; wir konnten David Bowie gut verstehen – und wir waren die einzigen Besucher an diesem Vormittag.

    Dafür hatten wir den berühmten Goldenen Pavillon Kinkaku-ji ausgelassen. Nicht aus Arroganz, sondern eher aus Zeitgründen. Man kann an drei Tagen nicht alles sehen. Zuhause wurden wir ständig auf den Goldenen Pavillon angesprochen und für Ignoranten gehalten. Niemand würde Paris besuchen und den Eiffelturm links liegen lassen.
    Kyoto hat über 1.600 buddhistische Tempel und rund 400 Shinto-Schreine. Die Mehrheit der Touristen besucht jedoch immer dieselben zehn bis fünfzehn Orte, der Goldene Pavillon rangiert auf Platz Eins. Kein Wunder, dass der hoffnungslos überfüllt ist. Die Stadt war immer schon beliebt, wird aber immer beliebter: Im Jahr 2000 zählten die Statistiker 40 Millionen Touristen, 2025 waren es 56 Millionen. Alle wollen zum Goldenen Pavillon, kaum einer zum Shoden-ji. Fast alle Besucher des Goldenen Pavillons kommen zwischen 10 und 15 Uhr im Rahmen organisierter Rundreisen. Dadurch entstehen extreme Spitzenbelastungen, obwohl der Tempel den ganzen Tag über geöffnet ist.

    Mein Thema ist der »Overtourism«. Am vergangenen Wochenende hatte ich über Südtirol geschrieben, sozusagen das europäische Kyoto. Dort soll der Übertourismus mit einem Bettenstopp eingedämmt werden, also einem Verbot der Mengenausweitung von Hotelbetten. Ich hatte argumentiert, dass dies keine gute Idee sei: Bestehende Hotelbesitzer gewinnen, weil ihre Kapazitäten wertvoller werden; neue Anbieter haben es schwerer, Gäste zahlen höhere Preise ohne bessere Leistungen. Ausnahmen und Fristen führen paradoxerweise zu einem Bettenboom anstatt einer Bettenverknappung. Ich hatte versprochen, in einer zweiten Folge bessere Lösungen des Overtourismus-Problems zu präsentieren.

    Kein Mengen-, sondern ein Koordinierungsproblem

    Kommen wir deshalb auf Kyoto zurück. Der Goldene Pavillon ist nicht deshalb überlaufen, weil Kyoto »zu viele« Touristen hätte. Vielmehr konzentrieren sich sehr viele Menschen auf dieselben zehn Sehenswürdigkeiten. Das kann man psychologisch und marketingmäßig erklären. Psychologisch verbirgt sich dahinter eine Art Herdentrieb: Wo alle hinwollen, wollen immer noch mehr hin. Dass sich dieses Verhalten durch die sozialen Netzwerke (Insta, Tiktok) verstärkt, ist bekannt. Merkwürdigerweise genügt es den Followern nicht, die Fotos zu sehen. Nein, sie wollen selbst an die Quelle, um das zu bewundern, was sie bereits digital zu sehen bekommen haben. Es scheint eine Art auratisches Bedürfnis zu geben, das der Begegnung mit dem »Original« einen Mehrwert zuspricht. Marketingtechnisch heißt das: Kein Studiosus-Reisebüro dieser Welt kann es sich leisten, den Goldenen Pavillon nicht ins Programm zu nehmen. Welche Blamage, wenn die Reisenden dies zuhause beichten müssten.

    Overtourismus ist kein Mengen-, sondern ein Koordinationsproblem. Wenn man die 56 Millionen Touristen zwischen 8 und 20 Uhr auf die 1600 Tempel und 400 Schreine verteilen würde, würde sich die Lage entspannen. Koordinationsprobleme lassen sich plan- oder marktwirtschaftlich lösen. Planwirtschaftler würden Kontingente festlegen und die Touristen auf einzelne Tempel verteilen. Das würde erfahrungsgemäß einen Schwarz- und Tauschhandel im Netz nach sich ziehen: »Zahle 50 Dollar für Slot im Goldenen Pavillon, biete dafür den Ōtagi Nenbutsu-ji.«

    Die marktwirtschaftliche Lösung des Koordinationsproblem geht über Preise. Statt die Zahl der Touristen insgesamt zu begrenzen, könnte man in den zehn beliebtesten Tempeln Eintritt nehmen, während die anderen frei besuchbar wären. Ein Teil der Touristen würde ausweichen, die Einnahmen des Goldenen Pavillon stiegen und die Besucherströme würden sich entzerren.

    Preise statt Verbote oder Mengenbegrenzungen wäre also mein Vorschlag. Koordinierend hinzu kommen müssten transparente Informationen. Apps könnten – vergleichbar unseren Tankstellen-Apps – zeigen, welche Tempel gerade besonders voll sind und welche nahezu leer. Diese Apps könnte zugleich Fotos zeigen, die beweisen, dass andere Tempel auch schön und interessant sind. Das Bepreisungsverfahren ließe sich beliebig differenzieren und durch Anreize verfeinern: Am frühen Morgen und am späten Abend wird es billiger; Kombitickets und Rabatte könnten weniger besuchte Orte attraktiver machen.

    Knappheiten bepreisen

    Der ökonomische Gedanke hinter meinem Vorschlag, Knappheiten zu bepreisen, ist im Grunde nichts anderes als die gute alte Kurtaxe, also einer Steuer, die die Ökonomen Pigou-Steuer nennen und die vor allem in der Umweltpolitik beliebt ist (CO2–Steuer). Wer eine knappe Infrastruktur nutzt, zahlt dafür. Der Preis steigt dann genau dort, wo die Knappheit entsteht. Das fände ich gerecht. Und es wäre effizient.

    Doch bekanntlich lässt sich das ökonomische Lehrbuch nicht so leicht in die Realität übertragen. Politiker greifen lieber zu Verboten; das kommt entschlossen daher. Niemand zahlt gerne höhere Gebühren. Und auch hier gibt es Ausweichreaktionen: Wenn der beliebte Wanderparkplatz künftig Gebühren kostet, parken die Touristen unerlaubt auf angrenzenden Waldwegen. Der Vorwurf liegt nahe, Natur und historische Städte würden verkauft und musealisiert. Die Linken werden eine soziale Ungleichheit ausmachen, weil die Aura des Originals nicht substituierbar ist, und einwenden, dann könnten sich nur die Reicheren den Goldenen Pavillon leisten. Und die Grünen fügen hinzu: Ein Wanderplatz oder eine Stadt (Venedig), deren Zugang bepreist wird, begrenzen zwar die Nachfrage: das schützt aber weder die zerstörte Natur, noch stoppt es Vandalismus und Verfall der Städte.

    Übersehen wird von den Gegnern, dass die durch die Pigou-Steuer generierten Einnahmen für Investitionen in Umweltschutz und Infrastruktur zur Verfügung stünden (analog zum geplanten Klimageld).

    Patentlösungen gibt es nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der ökonomischen Idee, Knappheiten marktwirtschaftlich zu bepreisen und der hilflosen Praxis der Politiker, die Knappheit planwirtschaftlich verwalten. Der Tourismus könnte davon profitieren, öfter auf die Ökonomen zu hören.

    Rainer Hank

  • 03. August 2026
    Bettenstopp bringt Bettenboom

    Ziel Dolomiten Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Overtourism, Folge 1

    Südtirol, das war in meiner Jugend der Inbegriff des Spießigen. Die Deutschen, die da ihre Sommerferien verbrachten, trugen rot-weiß karierte Hemden und Kniebundhosen, hatten kleine Filzhütchen mit Edelweißabzeichen auf dem Kopf und einen Holzstock zum Wandern, der ebenfalls mit allerlei Gipfel-Trophäen beschlagen war. Abends aßen sie Knödel und tranken einen wässrigen Rotwein mit Namen Lagrein Kretzer. Man machte Ferien in der Frühstückspension, Zimmer mit fließend warm und kalt Wasser (das war ein Fortschritt gegenüber der Waschschüssel).

    In Südtirol gab es Sonne. Das war der Unterschied zum Österreich-Urlaub, wo es gefühlt eigentlich immer regnete. So jedenfalls sind die Bilder, die ich im Kopf habe. Wahrscheinlich stimmt daran allenfalls die Hälfte, der Rest ist verwaschenes Klischee.

    Inzwischen kenne ich eigentlich niemanden mehr, seien es ältere oder jüngere Freunde, die noch nie in Südtirol waren. Aus den engen Privatzimmern sind inszenierte Erlebniswelten geworden im »Alpin-Lifestyle« mit Infinity-Pool im hoteleigenen Park und privatem Jacuzzi vor der Junior-Suite. Die Hotels nennen sich Lodges (wie in Namibia) und bieten abends eine fünfgängige Gourmetküche. Man trinkt, falls überhaupt noch Alkohol, dunklen Lagrein, nicht mehr den wässrigen Kretzer. Die Restaurantbewerter loben die Synthese zwischen mediterraner und k.u.k-Küche (die Rotebeeteknödel sind wahrscheinlich vegan). Heute trifft sich nicht mehr die untere, sondern eher die obere Mittelschicht in Südtirol. Inzwischen haben dank Insta und Tiktok auch US-Amerikaner und Asiaten das Grödnertal und die Seiser Al entdeckt.

    Das lässt sich alles in touristischen Zahlen beschreiben. Während Südtirol in den 70er Jahren rund 10 bis 15 Millionen Übernachtungen im Jahr verzeichnete, stieg die Zahl bis 1980 auf 17 Millionen und hat sich heute auf über 38 Millionen mehr als verdoppelt. Aus dem Saisongeschäft ist Ganzjahrestourismus geworden mit Biker-Touren im Frühling und »Törggelen«-Erlebnis im Herbst. Schlepplifte wichen hochmodernen Kabinenbahnen – Beschneiungsanlagen sorgen für die Illusion weißer Berge. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegt Südtirol europaweit auf Platz Drei der tourismusintensivsten Destinationen hinter griechischen Inseln wie Mykonos oder Rhodos.

    Südtirol: Fluch des Erfolgs

    Der Fremdenverkehr ist der entscheidende Katalysator, der Südtirol in den vergangenen fünfzig Jahren von einer armen, agrarisch geprägten Bergregion zu einer der wohlhabendsten Provinzen Europas transformiert hat. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 60.000 Euro pro Kopf liegt Alto Adige unangefochten an der Spitze Italiens (doppelt so hoch wie im südlichen Mezzogiorno) und weit über EU-Durchschnitt (Thüringen liegt bei 37.000 Euro). Der sogenannte »Sicker-Effekt« leitet die Einnahmen vom Tourismus über Handwerk und Bauwirtschaft bis zu Wein, Äpfel, Speck und Milchprodukten. Der Kofferraum ist übervoll, wenn unsere Freunde aus Bozen oder Meran zurückkommen.

    Inzwischen ist der Erfolg für viele in Südtirol zum Fluch geworden: verstopfte Straßen, ganz abgesehen von der Dauerbaustelle am Brenner, Dichtestress, Zersiedelung der Landschaft und vieles andere weisen auf einen Konflikt zwischen Tourismus und Lebensqualität. Die Einheimischen fürchten, der Fremdenverkehr, der sie reich gemacht hat, könnte sie bald arm machen. Man will nicht das Schicksal der Bettenburgen in Südeuropa erleiden, die aufgrund von Hitze und architektonischer Scheußlichkeit leer zu stehen drohen.

    Gegen den Overtourismus soll jetzt ein Bettenstopp helfen. Der geht so: Die Zahl der Gästebetten wird auf das Niveau von Ende 2022 gedeckelt. Das sind ungefähr 232.000 Betten. Neue Betten dürfen grundsätzlich nur dann noch geschaffen werden, wenn an anderer Stelle Betten wegfallen oder innerhalb des festgelegten Kontingents Platz vorhanden ist. Damit soll die Gesamtzahl der Gästebetten nicht weiter steigen.

    Das Konzept mag auf den ersten Blick vernünftig klingen – und moderater sein als in anderen Übertourismus-Regionen: Amsterdam verscheucht seine Gäste mit einer unfreundlichen »Bleib-Weg-Kampagne«. Barcelona lässt bis zum Jahr 2028 alle Lizenzen für Kurzzeitvermietungen auslaufen. In Mallorca gibt es ein komplettes Verbot für den Bau touristischer Mietwohnungen.

    Doch der Bettenstopp in Südtirol hat Konsequenzen, die man hätte mit ein wenig ökonomischem Verstand vorhersehen können. Aus ökonomischer Sicht ähnelt der Bettenstopp nämlich einem staatlich angewiesenen Mengenkartell. Wie immer bei planwirtschaftlich verordneter Knappheit profitieren die Insider. Solange die Nachfrage der Touristen steigt, steigen nach dem simplen Gesetz von Angebot und Nachfrage auch die Preise der Übernachtungen. Die bestehenden Hoteliers streichen die Knappheitsrenten ein. Das kann man unter dem Motto »Qualität statt Quantität« verbrämen, wenn jetzt noch mehr zahlungskräftigere Gäste anreisen, die sich das leisten können. Doch die erhalten lediglich dieselbe Qualität zu höheren Preisen. Das ist weder gerecht noch sozial, wird dafür aber gerne als ökologisches Landschaftsschutzprogramm legitimiert.

    Ein Fall von Torschlusspanik

    Das ist noch nicht alles. Kein Gesetz ohne Ausnahmen. Bevor das Gesetz 2022 beschlossen wurde, hatten viele Hotelbetreiber und Investoren bereits genehmigte Baupläne und Grundstücke. Diese Zusagen können rechtlich nicht einfach ohne Entschädigung kassiert werden. Doch sie verfallen, wenn nicht bis zum 22. September 2026 offiziell der Baubeginn gemeldet wird. Die paradoxe Konsequenz dieser Fristenregelung liegt auf der Hand: Der angekündigte Bettenstopp hat in Südtirol zu »Torschlusspanik« geführt und einen massiven Bauboom ausgelöst. Seit 2022 ist die Gesamtzahl der gemeldeten Gästebetten bis Anfang 2026 nicht wie beabsichtigt gleichgeblieben, sondern um rund 33.000 Betten angestiegen.

    Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in Südtirol kritisiert, dass die Deckelung das Wachstum nicht gebremst, sondern massiv befeuert habe. Die Umweltschützer haben Recht. Aber sie selbst waren Betreiber der Kartelllösung.

    Staatliche Eingriffe in den Markt, so gutgemeint sie sein mögen, bringen im besten Fall nichts. In vielen Fällen – wie hier in Südtirol – verschlimmern Preisinterventionen das Problem, das eigentlich gelöst werden soll. Überbürokratisierung und unübersichtliche Ausnahmen ergänzen den bleibenden Übertourismus.

    Am Ende bleibt die Frage: Gäbe es marktwirtschaftliche Mittel und Wege gegen den Übertourismus? Ja, die gibt es. Ich diskutiere sie in der nächsten Folge von »Hanks Welt«

    Rainer Hank

  • 03. August 2026
    Mutter aller Börsencrashs

    Wann geht es wieder aufwärts? Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Müssen wir vor einem Schwarzen Freitag Angst haben?

    Geht es nach der schwarz-roten Regierung soll künftig eine kapitalgedeckte Vorsorge das Umlageverfahren ergänzen. Die Idee erhält Lob von allen Seiten. Fast: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Partei »Die Linke« sind dagegen – wobei zwischen beiden Organisationen kaum noch ein Unterschied zu erkennen ist. »Sichere Renten, statt Zocken an der Börse«, steht in fetten Lettern auf Plakaten des DGB.

    Zocken an der Börse hat niemand vor. Das würde ja bedeuten, dass ein künftiger Rentenfondsmanager munter drauflos spekulieren und in großen Mengen Rheinmetall- oder SpaceX-Aktien kaufen könnte. Das kann er nicht. Der schwedische staatliche Rentenfonds, der den Deutschen zum Vorbild dient, investiert zu hundert Prozent in Aktien, diversifiziert sein Portfolio aber weltweit. Seit 2010 konnten die schwedischen Rentner mit jährlich bis zu zweistelligen Renditen rechnen.

    Utopisch sind solche Erwartungen nicht, schaut man sich zum Beispiel das Renditedreieck der F.A.Z. (24. Juni) an. Nur wenige Verlustjahre sind dort zu sehen. Selbst größere Einbrüche wie die Finanzkrise von 2008 oder die Corona-Jahre tun auf Dauer der positiven Entwicklung von durchschnittlich acht Prozent keinen Abbruch.

    Indes: Finanz- und Wirtschaftskrisen sind im Kapitalismus so sicher wie Gewitter an einem heißen Sommertag. Dass ein solches Gewittert zuweilen auch reinigend sein kann, wissen wir seit der jüngsten Hitzewelle. Niemand garantiert, dass Kursverluste in kurzer Zeit wieder ausgeglichen werden. »Finanzkrisen sind die Kehrseiten einer enormen Wachstumsdynamik«, schreibt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe in seinem Standardwerk über »Wirtschaftskrisen« von 2010. Ohne Krisen kein Kapitalismus; ohne kapitalistische Krisen kein Wohlstand im Alter.

    Kurseinbruch um 50 Prozent

    Blicken wir 150 Jahre zurück nach Wien in das Jahr 1873. Am 9. Mai, einem Freitag, platzte an der Wiener Börse eine Aktien- und Immobilienblase. Die Kurse gingen um fast fünfzig Prozent in den Keller. Unter den zahlreichen Anlegern aus Hochadel, Bürgertum und einfachem Volk brach Panik aus. Die eben noch so erfolgreichen Bankiers und Börsenhändler fürchteten plötzlich um Freiheit und Leben. Manche griffen zu drastischen Mitteln, berichtet Plumpe: Einige Börsenhändler fingierten einen Selbstmord, »indem sie ihre alten Kleider an einer Donaubrücke niederlegten und in neuen das Weite suchten«.

    1873 war eine Zeitenwende. Seither bezeichnet man diesen Freitag als »schwarzen« Freitag. Wenn später an einem Tag die Börsen einbrachen, sprach man ebenfalls von schwarzen Tagen: es gibt schwarze Montage (1929, 1987). Und einen schwarzen Donnerstag (ebenfalls 1929). Der 29. Mai 1873 ist sozusagen die Mutter aller Börsencrashs. Es folgte die »Gründerkrise« (der Begriff ist umstritten); eine kollektiv depressive Stimmung war der Nährboden für den aufkommenden Antisemitismus und Populismus. »Jüdische Spekulanten« und Bankiers mussten als Sündenbock für die Krise herhalten. Nationalismus und Protektionismus wurden in vielen Staaten salonfähig.

    Weil mein Kollege Gerald Braunberger mit Verweis auf Mark Twain regelmäßig betont, Geschichte wiederhole sich nicht, reime sich aber, lohnt ein prüfender Blick auf eine Strukturähnlichkeit des späten 19. und des frühen 21. Jahrhunderts. Dazu empfehle ich ein neues Buch des Pulitzer-Preisträgers Liaquat Ahamed mit dem Titel »1873« (Penguin Verlag).

    Dem Crash von 1873 vorausgegangen war ein schwindelerregender Boom. Die Aktienkurse lagen um 300 Prozent über dem Durchschnitt der vorausgegangen drei Jahre. Hunderte von Startups, wie man heute sagen würde, waren an die Börse gegangen. Nicht nur die Kurse, auch das Handelsvolumen explodierte. Aktien zu kaufen war Volkssport geworden: Oberkellner der Wiener Kaffeehäuser gaben einander Börsentipps. Generäle, Herzoginnen samt Dienstmädchen, selbst die Schuhputzer, alle waren vom Fieber ergriffen.

    Es gibt auch Profiteure

    Dem Gründerkrach vorausgegangen war der Gründerboom: 1873 bedeutete das Ende eines Aufschwungs des vorausgegangenen halben Jahrhunderts – und zwar nicht nur in Österreich-Ungarn, sondern in der ganzen Welt. Überall fuhren jetzt Eisenbahnen, neue Binnenschifffahrtswege beschleunigten den Handel, transatlantische Unterseekabel verkürzten die Kommunikationswege. Zugleich wurde das Finanzsystem modernisiert: Staaten finanzierten sich systematisch über Staatsanleihen; für die Emissionen dieser Anleihen hatten sich die Rothschilds angeboten, das führende globale Bankhaus mit Sitz in London, Paris, Wien und Frankfurt und Vertretungen in Sankt Petersburg und New York City.

    Der Börsencrash in Wien blieb nicht der einzige Schock. Einer Pandemie gleich kam es nacheinander zu Krisen in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und den wenig entwickelten Ländern (zum Beispiel Ägypten). Weltweit folgte ein schwerer und anhaltender konjunktureller Einbruch. Die Preise fielen, die Investitionen brachen ein. Eine Deflation folgte, die zwar faktisch nur bis 1879 dauerte, aber das Klima bis in die 1890er Jahre bestimmte, so Werner Plumpe.

    Zu entscheiden, ob die Deflation eine direkte Folge des Crashs war oder aber, wie Liaquat Ahamed argumentiert, darauf zurückzuführen ist, dass die Regierungen das internationale Währungssystem auf Goldbasis (statt wie zuvor auf Gold und Silber) umbauten, überlasse ich den Finanzexperten. Klar ist: Wer auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase Aktien oder Immobilien gekauft hatte, brauchte sehr lange, um wieder auf seinen Einstand zu kommen. Wer breiter investiert war, musste weniger lange leiden. Gläubiger oder Lohnempfänger profitierten. Kulturell zählt die Wiener Moderne (von Hofmannsthal über Freud und Wittgenstein bis zu Mach, Mahler und Schumpeter) zu den ideenreichsten Jahren der Geschichte. Träger der Moderne waren nicht selten die Söhne und Töchter der Crash-Pleitiers. Doch in der Breite hatte sich eine depressive Unzufriedenheit ausgebreitet. Der Liberalismus war in Verruf gekommen.

    Was heißt das jetzt für die neue Aktienrente? Wer Altersvorsorge auf Kapitaldeckung gründet, muss den Bürgern keine Crashfreiheit versprechen. Die Börse ist keine Sparkasse mit schwankender Verzinsung, sondern ein Ort, an dem Risiko in langfristige Rendite verwandelt wird. Aber auch die Umlagerente ist bekanntlich nicht sicher, Norbert Blüm zum Trotz. Beruhigend ist: Seit dem Crash von 1873 verliefen alle Krisen milder – das beweist die Lernfähigkeit von Wirtschafts- und Geldpolitik. Andererseits weist der milliardenschwere Boom der Künstlichen Intelligenz große Ähnlichkeit auf mit der Eisenbahn-Blase des 19. Jahrhunderts. Sorgen müssten man sich, dass Politik, Notenbanker und Öffentlichkeit beim ersten großen Börseneinbruch die Nerven verlieren.

    Rainer Hank