Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
17. Januar 2026Yoga auf Rezept
17. Januar 2026Kanzler-Populismus
16. Januar 2026Larry Summers' tiefer Fall
16. Januar 2026Bohrtürme, Windbeute, Gutmenschen
17. Dezember 2025Mehdorn war's nicht
15. Dezember 2025Folterwerkzeuge
02. Dezember 2025Kriegskinder
02. Dezember 2025Keine neue Hüfte
02. Dezember 2025Hongkong als Vorbild
26. November 2025Überraschend robust
17. Januar 2026
Yoga auf Rezept
Wieviel Verantwortung übernehmen wir für unsere Gesundheit?
Kürzlich beklagte sich eine Bekannte, ihre Krankenversicherung sei nicht bereit, die Kosten für ihren Yoga-Kurs zu übernehmen. Ich reagierte höflich, aber entrüstet, Yoga sei doch wohl ihr Privatvergnügen und deshalb auch von ihr selbst und nicht von der Krankenkasse zu bezahlen. Das Argument könne sie verstehen, so meine Bekannte. Sie verstehe aber nicht, dass eine Freundin von der Techniker-Kasse (TK) die Yoga-Übungen bezahlt bekäme, während die Debeka, bei der sie versichert sei, sich sperre.
Die Ungleichbehandlung lässt sich rasch aufklären: Die Techniker-Kasse als gesetzliche Krankenversicherung bezuschusst wie die meisten Gesetzlichen »zertifizierte Präventions- und Gesundheitskurse«, zu denen auch Yoga-Kurse gehören. Die Debeka als private Krankenversicherung finanziert nur Leistungen, die im Tarif vereinbart sind, Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass das Argument, die »Zweiklassenmedizin« privilegiere die Privatversicherten, so allgemein nicht stimmen kann. Doch das wollte meine Bekannte nicht hören. Ihr ging es um die Ungleichbehandlung – die in Wirklichkeit natürlich keine ist: Sie könnte bei der Debeka nach einem Tarif mit Yoga fragen, müsste dann natürlich eine höhere Prämie in Kauf nehmen.
Mich interessiert das Grundsatzproblem: Ist die Krankenversicherung eigentlich dafür da, Yoga-Kurse zu bezahlen? Das Internet ist voll mit Ratgeberseiten, wie und wo ich als Gesundheitsverbraucher die meisten Zusatzleistungen abkassieren kann. Das geht es von A bis Z, von Aktivurlaub mit Kursanteil, Achtsamkeitsseminaren, Beckenbodentraining, Babyschwimmen, Fußpflege, Stressbewältigung, zusätzlichem Ultraschall bis zu Yoga und Zahnersatz.
Nice to have: Die Solidargemeinschaft
Alles »Nice to have«. Wo ist das Problem? Die Zusatzleistungen werden doch extra bezahlt und tragen zudem dazu bei, dass es einen Angebotswettbewerb zwischen den Kassen gibt – bei dem übrigens bezogen auf das Preis-Leistungsverhältnis die Technikerkasse häufig einen Spitzenplatz einnimmt. Okay, wenn das alles kein Problem ist, dann darf sich auch niemand darüber aufregen, dass die Gesundheitsausgaben Jahr für Jahr steigen. Lag der Beitragssatz der Gesetzlichen im Jahr 2000 bei 13,5 Prozent, so wurden 2025 inklusive Zusatzleistungen 17,1 Prozent des sozialversicherungspflichtigen Einkommens bis zur Beitragsbemessungsgrenze fällig, jeweils hälftig von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert.
Man komme mir jetzt nicht mit dem Einwand, der große Anstieg der Gesundheitsausgaben resultiere aus vielen und teuren Krankenhäusern oder individualisierten Krebsmedikamenten. Das stimmt, ist aber typischer Whataboutism, der ablenkt vom Grundsatzproblem, um das es mir in dieser Kolumne geht: Versicherungen sind in ihrer Logik gedacht für unvorhersehbare und teure Katastrophen. Müsste in solchen schlimmen Fällen der eigene Geldbeutet oder das eigene Depot herhalten, so zöge das den finanziellen und/oder gesundheitlichen Ruin des Versicherten nach sich. Dass sich Beläge auf den Zähnen bilden, um ein ganz unverfängliches Beispiel zu nehmen, ist aber weder ein individuelles noch ein teures Schicksal.
Das Einfallstor für die gesamte kassenfinanzierte Nice-to-Have-Industrie heißt »Prävention«, ein Wort mit besonders gutem Klang. Die Rechnung geht so: Die heutigen Ausgaben für Prävention, die den Ausbruch der Krankheit verhindern, sind günstiger als die Behandlungskosten, wenn die Krankheit da ist. Richtig beziffern lässt sich das nicht. Dafür werden hohe Streuverluste in Kauf genommen und Mitnahmeeffekte geradezu provoziert. Wenn die Kasse den Yoga-Kurs finanziert, kann ich mein Geld für andere Dinge verwenden. Wer will schon so genau überprüfen, ob und wie oft ich wirklich mich in den Lotussitz bequeme?
»Ziel ist es, durch Prävention, Gesundheitsförderung und eine hohe Versorgungsqualität die Gesundheit der Versicherten langfristig zu erhalten,« so lässt sich ein Krankenkassen-Manager zitieren. Nein, das ist gerade nicht die Idee der Krankenversicherung. »Longevity«, die langfristige Erhaltung meiner Gesundheit, ist meine ganz persönliche Aufgabe. Ich kann es auch bleiben lassen, muss dann das Risiko schwererer Krankheit und kürzeren Lebens in Kauf nehmen. Wird aber alles und jedes zur Versicherungsleistung, beißt sich die Katze in den Schwanz: Weil immer mehr »normale« Vorsorgeleistungen kassenfinanziert werden, explodieren die Beiträge, was dazu führt, dass wir immer mehr von unseren teuren Prämien zurückhaben wollen.
Ozempic für die normalen Dicken?
Das ist der Teufelskreis, den Ökonomen Moral Hazard nennen. Die Versicherung betrachten wir wie eine Geldanlage, die eine Rendite abwerfen soll. Cannabis auf Rezept zum Beispiel. Ozempic, die beliebte Abnehmspritze, natürlich auch. Die ist eigentlich medizinisch gesehen nicht als Diätsurrogat gedacht, sondern als Hilfe für krankhafte Adipositas oder als Diabetes-Therapie. Doch mit dem Zauberbegriff »Prävention«, wie gesagt, lässt sich alles rechtfertigen. Die normalen Dicken – alle Wülste haben sie freiwillig angefuttert – könnten ja irgendwann ernsthaft krank werden. Also verschreibt der Doktor ihnen prophylaktisch Ozempic. Da geht es dann nicht nur um Bagatellbeträge wie beim Yoga-Kurs: Die Kosten einer Behandlung mit der Spritze summieren sich rasch auf 300 Euro im Monat, also 3600 Euro im Jahr. Damit hat man schon einiges der jährlichen Kassenbeiträge wieder reingeholt. Und zwar langfristig: Denn an der Spritze hängen die »Patienten« lebenslänglich, andernfalls nehmen sie wieder zu.
Wohlfühlmedizin ist ein Wohlstandsphänomen. Und zugleich Ausdruck einer Haltung, die (finanzielle) Verantwortung für die Gesundheit nicht selbst übernehmen zu wollen. Hinzu kommt der phänomenale Erfolg der Medizin, die es vermochte, viele tödlichen Krankheiten in chronische Krankheiten zu verwandeln. Der Tod ist versicherungsmäßig billiger als jahrelange Medikamentierung mit regelmäßigen Kontrolluntersuchungen (Hautkrebsscreening, Prostatavorsorge, Mammografie, Ultraschall am Herzen und der Hauptschlagader). »Das sollten wir auch noch abklären lassen«, sagt meine Hausärztin und schreibt ein paar Überweisungsscheine. Weil sie es gut mit mir meint.
Eine Gesundheitsreform, die es grundsätzlich meint, müsste mit einer gesellschaftlichen Verständigung darüber beginnen, wofür eine Versicherung da ist und wofür nicht. Gesundheitsvorsorge und Übungen für die Langlebigkeit inklusive der normalen chronischen Medikamente (von Blutdruck- über Cholesterin- bis zu Fettsenkern) sind keine Aufgaben für Kassen. Dass sich das die Reichen eher leisten können als die Ärmeren, ist ein gewichtiger Einwand. Doch für Fragen der Umverteilung ist das Steuersystem zuständig, nicht das Gesundheitssystem.
Rainer Hank
17. Januar 2026
Kanzler-Populismus
Warum der Eigentumsschutz auch für Schurkenstaaten gilt
Bundeskanzler Friedrich Merz ist mit seinem Plan gescheitert, eingefrorene Guthaben Russlands zu beschlagnahmen und zum Wiederaufbau der Ukraine zu verwenden. Die Niederlage hat ihm – anders als das Durchwinken des teuren Rentenpakets – in der Bevölkerung nicht geschadet. Warum?
Die Idee, russisches Staatsgeld zu enteignen, erfuhr hierzulande von Anfang an viel Zustimmung. Kurz vor der entscheidenden Sitzung der EU-Staatschefs sprachen sich 58 Prozent der Deutschen dafür aus, 19 Prozent hatten keine Meinung, lediglich 23 Prozent der Befragten waren dagegen. Die Begeisterung begründet sich auf den ersten Blick moralisch: Schurken gehören bestraft. Putin hat die Ukraine »völkerrechtswidrig« überfallen, viele unschuldige Menschen töten lassen, dann soll er wenigstens dafür zur Kasse gezwungen und enteignet werden. Man war als Bürger also zusammen mit Merz auf der moralisch richtigen Seite. Dass er sich nicht durchgesetzt hat, werfen wir den anderen Europäern vor – vor allem Frankreich und Italien – kreiden es aber unserem Bundeskanzler nicht als Schwäche an.
Auf den zweiten Blick verbirgt sich hinter dem moralischen ein weniger hehres Motiv. Nennen wir es fiskal-egoistisch. Wenn Putin nicht zahlt, wer zahlt dann? Es wird wohl an uns hängen bleiben. So kam die seit der Eurokrise leidige Debatte über Eurobonds wieder hoch. Für Gemeinschaftsschulden der Europäer, als zinsloses Darlehen an die Ukraine vergeben, müssen die EU-Staaten auch gemeinschaftlich einstehen, sollte der Kredit verfaulen. Was aber, wenn die armen europäischen Nachbarn nicht liquide sind? Dann muss Deutschland ran. Nun sagen uns die Finanzexperten, dass der Ukrainekredit über 90 Milliarden Euro keine gesamtschuldnerische, sondern lediglich eine teilschuldnerische Haftung zur Folge hat – gemäß dem deutschen Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union, wobei noch zu berücksichtigen ist, dass drei Staaten (Ungarn, Tschechien, Slowakei) nicht mitmachen. Überschlagsrechnungen beziffern das maximale Risiko für Deutschland auf 21 Milliarden Euro zuzüglich jährlicher Finanzierungskosten (Zinsen) von circa 700 Millionen Euro, die in jedem Fall fällig werden.
Merz will den Bürgern die Sorge nehmen, es müsste am Ende mit deutschen Steuergeldern ein Krieg finanziert werden, der nicht zu gewinnen ist, während hierzulande Schulen bröckeln und die Bahn nicht fährt und zeitgleich der amerikanische und der russische Präsident sich einen Vodka genehmigen und einen lukrativen Seltene-Erden-Deal schließen. Deutschland gehe lediglich in »Vorleistung«, beschwichtigt der Kanzler. Am Ende müsse natürlich Putin Reparationen zahlen; vorsichtshalber habe man den Kredit deshalb mit den eingefrorenen russischen Assets »besichert«. Ein frommer Wunsch, den außer Merz glaubt – soweit ich sehe – niemand glaubt. In Wirklichkeit handelt es sich um ein populistisches Beschwichtigungsversprechen, das die deutschen Steuerzahler dem Kanzler nur allzu gerne abnehmen.
Was sagt das Völkerrecht?
Warum aber, so müsste man mit der Mehrheit der Deutschen fragen, sollte es nicht erlaubt und möglich sein, Russland für sein Verbrechen und für einen guten Zweck (Wiederaufbau) zu enteignen. Da ich im Völkerrecht nicht so firm bin wie weiland Annalena Baerbock, hole ich mir wieder einmal Rat bei Marietta Auer. Sie ist Direktorin des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Rechtsphilosophie und Rechtsgeschichte. Russisches Vermögen einzuziehen, so Auer, wäre seinerseits völkerrechtswidrig. Sanktionen bewirken nur ein »Einfrieren«, damit explizit nicht verbunden sei ein endgültiger Vermögensverlust. Daher sei – obwohl Merz das nicht eingestehen wolle – jede Art von »Besicherung« der jetzt gewährten Ukraine-Kredite durch die russischen Guthaben vom Tisch. Denn auch eine Besicherung (etwa Pfändung) hätte ja, wenn die Kredite ausfallen, den endgültigen Vermögensverlust an der eingezogenen Forderung zur Folge. Für Reparationen aber bräuchte es einen völkerrechtlichen Vertrag (siehe Versailles 1919), den Russland, das sich als Sieger versteht, wohl kaum unterschreiben würde. Erst recht geht nicht, sich am Privatvermögen der »Oligarchen« schadlos zu halten – ein Unrecht, das gleichermaßen auf viel populistische Zustimmung stößt.
Es ist kontraintuitiv, dass Eigentum im Krieg geschützt wird, während das Leben von Tausenden von Menschen nicht geschützt werden kann? Viele eher linke Sozialwissenschaftler sind der Auffassung, der liberale Eigentumsschutz werde übertrieben – und hier zeige sich besonders seine perverse Überhöhung: Schurken lassen wir morden, aber ihr Eigentum bleibt unangetastet. Marietta Auer, die Max Planck-Juristin, dreht die Argumentation um: »Dass Eigentum auch im Krieg geschützt wird, dient dem rascheren Wiederaufbau hinterher und dem Bewahren eines Mindestmaßes von Zivilisation – so jedenfalls die herrschende europäische Meinung seit 1648«.
The Westfalian Order
1648? Gemeint ist der Westfälische Frieden, der dem Dreißigjährigen Krieg ein Ende setzte. Dieser Friede gilt als die Geburtsstunde der Idee staatlicher Souveränität. Vor allem in der angelsächsischen Literatur spielt »The Westfalian Order« eine zentrale Rolle. Danach wäre Staatsvermögen (Zentralbankreserven, staatliche Immobilien, Fonds) Teil der staatlichen Herrschaftsausübung und Eingriffe darin als Eingriff in die Souveränität zu verstehen. Die westfälische Ordnung fußt auf dem Prinzip »par in parem non habet imperium« (Gleiche haben keine Herrschaft über Gleiche). Ein Staat darf nicht hoheitlich über einen anderen Staat richten. Staatliches Eigentum genießt Immunität vor fremder Gerichtsbarkeit und Zwangsvollstreckung.
Das ist starker Tobak. Da tritt ein Staat die Souveränität eines anderen Staates aus rein machtpolitischen Gründen mit Füßen – und die anderen Staaten behandeln die Souveränität des Aggressors als hohes zu schützendes Gut. Diese Paradoxie aufzuspießen und zur Legitimierung der Enteignung russischen Staatseigentums zu benutzen, ist, wie gesagt, die populistische Strategie von Merz, von der Leyen & Co. Setzt sich dieses Denken durch, würden die europäischen Staaten auch noch jenes »Mindestmaß an Zivilisation« verspielen und jene »westlichen Werte« mit Füßen treten, für die jetzt wieder junge Männer in Deutschland eine Waffe in die Hand nehmen sollen. Wenn es um die Marktwirtschaft geht, halten wir unsere private Eigentumsordnung hoch. Wenn es gegen Staaten geht, fallen wir zurück in die Barbarei. Ehrlicher und aufrechter wäre es, der deutsche Kanzler würde den Bürgern die Implikation der liberalen Idee erklären: Der Wiederaufbau der Ukraine darf nicht durch Raub russischen Staatsgeldes finanziert werden. Sondern mit deutschem und europäischem Geld.
Rainer Hank
16. Januar 2026
Larry Summers' tiefer Fall
Wie sieht gute Wirtschaftspolitik im neuen Jahr aus?
»The Larry Summers era is over«, die Zeit von Larry Summers sei vorbei, tönte die Zeitung »Politico« Mitte November, nachdem ein Mailwechsel bekannt wurde, der die Nähe des amerikanischen Starökonomen zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein dokumentierte. Summers trat auf der Stelle von allen öffentlichen Ämtern zurück, musste den Aufsichtsrat von AI (»ChatGPT«) verlassen und verlor seine Mitgliedschaft in der »American Economic Association«, der wichtigsten Vereinigung von Ökonomen weltweit. Viel tiefer lässt sich ein gesellschaftlicher Absturz nicht vorstellen.
Summers Ruhm begann in den neunziger Jahren. Er war Chefökonom der Weltbank, Finanzminister unter dem demokratischen US-Präsidenten Bill Clinton und später dann Präsident der Harvard Universität. Er hatte politische Macht und genoss ökonomische Deutungshoheit. Wie kein Zweiter steht Summers für den sogenannten »Washington Consensus«. Das ist ein wirtschaftspolitisches Zehnpunkteprogramm, welches in elitärem Gestus den Zehn Geboten des biblischen Moses in nichts nachsteht. Wenn nur alle Staaten sich daran halten, würde am Ende eine Weltgemeinschaft entstehen, in der überall Milch und Honig fließen.
Der Washington Consensus votiert für (1) ein Verbot hoher Staatsdefizite, (2) moderate Steuersätze, (3) Beschränkung staatlicher Ausgaben auf Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, (4) keine staatliche Zinskontrolle, (5) wettbewerbsfähige Wechselkurse, (6) Abbau von Zöllen und anderen Handelsbeschränkungen, (7) Liberalisierung ausländischer Direktinvestitionen, (8) Privatisierung staatlicher Unternehmen, (9) Deregulierung und Abbau von Markteintrittsbarrieren, (10) Sicherung von Eigentumsrechten.
Das Programm spiegelt das Weltbild der Globalisierung in den neunziger Jahren nach dem Ende des Systemwettbewerbs. Rasch galt der »Consensus« als Inbegriff der Arroganz des »Neoliberalismus« und »Marktradikalismus«. Der Eindruck entstand nicht zuletzt dadurch, dass das Programm als Blaupause diente für die Vergabe von Krediten und Hilfsgeldern durch die in Washington angesiedelten Institutionen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Das roch sehr nach amerikanischem Neoimperialismus: Die Vereinigten Staaten suchten die ganze Welt mit ihren »Werten« zu beglücken, sie betrieben »Nation Building« mit politisch-militärischen Mitteln und verkauften Wohlstandsprogramme zu von ihnen gesetzten ökonomischen Bedingungen. Das Ansehen des Programms litt zudem darunter, dass eine Kohorte junger, häufig schnöselig daherkommender Berater des IWF den postkommunistischen Staaten Europas marktwirtschaftliche Schock-Reformen predigte, ohne Verantwortung für die dadurch ausgelösten gesellschaftlichen Erschütterungen zu übernehmen.Vom Washington zum London Consensus
Dies alles ist zumindest mitverantwortlich für die Krise, in der sich der Liberalismus weltweit inzwischen befindet. Was freilich unterschlagen wird: Trotz seines schlechten Rufs war der Washington Consensus vielfach erfolgreich. Eine Studie des »Journal of Comparative Economics« aus dem Jahr 2021 weist nach, dass Länder, die die zehn Punkte umgesetzt hatten, zehn Jahre nach der Einführung der Reformen um 16 Prozent reicher geworden waren (gemessen am Prokopf-Bruttoinlandsprodukt). Hinzu kommt: Die Ungleichheit zwischen den Ländern nahm ab. Sie wuchs freilich innerhalb der Staaten. Unstrittig ist auch, dass die Deregulijerung der Finanzmärkte zumindest Mitschuld trägt an der Weltfinanzkrise der Jahre 2008 und 2009.
Inzwischen ist die Welt eine andere, weit weg von den globalen Wohlstandsversprechen der neunziger Jahre. Hohe Zölle sind seit Donald Trump wieder salonfähig, hohe staatliche Subventionen für einzelne Branchen, gelten als industriepolitisches Heilmittel, während zugleich in Amerika Tech-Monopole entstanden sind, deren Macht nicht ungefährlich, aber offenbar unangreifbar ist. In Europa könnten die Sozialstaaten bald nicht mehr finanzierbar, aber leider auch nicht reformierbar geworden sein.
Für diese neue Ära haben Ökonomen aus dem Umfeld der »London School of Economics« im November dieses Jahres einer Sammlung von Essays den Titel »London Consensus« gegeben. Der Untertitel »Ökonomische Prinzipien für das 21. Jahrhundert« klingt hochgestochen, Gestus und Stil sind es nicht. Es gibt keinen Guru, der das Programm repräsentiert, wiewohl eine Reihe von Nobelpreisträgern mit von der Partie sind. Die Stärken des Washington Consensus werden anerkannt, zugleich aber differenziert vor dem Hintergrund der heutigen »Zeitenwende«.Statt zehn beschränkt sich der »London Consensus« auf fünf Prinzipien. Ihnen gemeinsam ist die Überzeugung, dass der Staat als Ordnungsmacht in der Wirtschaft wieder eine stärkere Rolle spielen müsse. Philip Aghion, Ökonomienobelpreisträger 2025 spricht sich im Interesse von wachstumsfördernden Innovationen für eine starke Antikartellpolitik aus. Tech-Giganten wie Meta (Facebook) oder Alphabet (Google) seien in der Lage, zur Stabilisierung ihrer Monopolmacht kleine innovative Firmen aufzukaufen und den Wettbewerb zu unterdrücken. Im Interesse von Innovation und Wohlstand müsse der Staat hier stärker seine Aufsichtsfunktion wahrnehmen. Ohne es explizit zu erwähnen, bemüht Aghion hier ein Grundprinzip der sogenannten deutschen Ordnungspolitik: Dem Auftrag zur Beschränkung wettbewerbsschädlicher wirtschaftlicher Macht durch den Staat.
Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik insistiert darauf, dass Wachstum und Produktivitätsverbesserungen für den Wohlstand der Nationen unverzichtbar seien, um daran die originelle Beobachtung anzuschließen, dass die traditionellen Wohlfahrtsstaaten sich immer nur vorher und nachher in die Wirtschaft eingemischt hätten: Durch die Finanzierung von Bildung (ex-ante) und durch die Besteuerung von Arbeit (ex-post) zur Abfederung der großen Lebensrisiken Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Heute sei es geboten, dass die Staaten sich auch für »gute Arbeit« direkt verantwortlich fühlten. Dazu zählt Rodrik die betriebliche Weiterbildung angesichts der Herausforderung durch künstliche Intelligenz. Deutschland hat mit staatlichen Weiterbildungsprogrammen indes keine guten Erfahrungen gemacht. Auch eine neue Industriepolitik, der Rodrik das Wort redet, hat hierzulande stets die Verlierer von gestern subventioniert und die Gewinner von morgen übersehen.
Anders als vor fünfunddreißig Jahren geht es heute viel stärker darum, politische und ökonomische Unsicherheit auszuhalten. Das ist die zentrale Botschaft des London Consensus. Daraus lässt sich aber weder eine Legitimation des US-amerikanischen Protektionismus noch der üppigen deutschen Wohlfahrtsstaates ableiten.
Der Kolumnist kann nur hoffen, dass im neuen Jahr in den Regierungszentralen der Welt nicht der neue »London Consensus«, sondern auch der alles andere als veraltete »Washington Consensus« auf die Tagesordnung kommt.
Rainer Hank
16. Januar 2026
Bohrtürme, Windbeute, Gutmenschen
Was Thilo Bode über Greenpeace und Foodwatch zu sagen hat
Erinnert sich noch jemand an Brent Spar? Das war vermutlich die spektakulärste Kampagne ever der Umweltorganisation Greenpeace. Brent Spar, so hieß eine stillgelegte Öl-Lagerboje von Shell in der Nordsee, die 1995 im offenen Meer versenkt werden sollte. Greenpeace-Aktivisten besetzten die Plattform. Es folgten massive Proteste, Boykotte gegen Shell-Tankstellen und eine öffentliche Debatte über den Umgang mit Industrieabfällen im Meer. Shell gab den Plan schließlich auf und ließ Brent Spar an Land zerlegen und entsorgen.
Die Brent-Spar-Bilder gingen um die Welt. Der Mann, der damals an der Spitze von Greenpeace Deutschland stand, heißt Thilo Bode. In seiner kürzlich erschienenen Autobiografie spielen die Ereignisse von vor dreißig Jahren eine große Rolle: »Schlauchboote nähern sich der Ölplattform, während zwei Schiffe aus vollen Rohren mit Wasserkanonen schießen, um die Besetzung der Plattform durch die Aktivisten zu verhindern.«
Alles wirkt wie ein Film auf großer Kinoleinwand. Dazu gesellt sich die passende Erzählung. Es ist die biblische Geschichte von David und Goliath. Hier der Öl-Multi mit seinen Milliardenumsätzen, dort die kleine Umweltorganisation, eine NGO (Nichtregierungsorganisation), die um Spendengelder betteln muss. Da weiß man gleich, wo die Bösen und wo die Guten sind; die Ungleichverteilung der Emotionen ist gesichert.
Auf dem Platz des himmlischen Friedens
Bodes Lebenserzählung liest sich spannend, was man nicht von jeder Autobiografie behaupten kann. Der Achtundsiebzigjährige hat etwas zu erzählen. Das Buch regt zugleich zum Nachdenken an über den problematischen Anspruch von NGOs, ihre Nähe zum Lobbyismus und ihre systemischen Widersprüche.
Bode, weder Gutmensch noch Aktivist, trat meist mit Anzug und Schlips und wie ein Manager auf. Studiert hat er Volkswirtschaftslehre. Bode weiß, dass eine NGO spontimäßig auftreten muss, sich organisationssoziologisch und ökonomisch aber nicht von einem Konzern unterscheidet. Es braucht professionelle Fundraiser, die für die Einnahmen zuständig sind, es braucht packende Kampagnen und es braucht Controller, die für Effizienz zuständig sind.
Mit solchen Fähigkeiten hat Bode sich bei seinen Kollegen nicht nur Freunde gemacht. Er ist aber auch ein Abenteurer. Spektakulär, wie er zusammen mit anderen Aktivisten im August 1995 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking ein fünf Meter langes Transparent entrollte, das auf englisch und chinesisch die Aufschrift trug: »Stoppt alle Atomversuche«. Nach nur wenigen Minuten wurden die Transparente von zivil gekleideten Polizisten entfernt – Bode und seine Mitstreiter wurden festgenommen und abgeführt.
Bode verrät, dass Helden vor ihren Großtaten meist große Angsthasen sind. Zuweilen lässt er sich von der Erinnerung romantisch-schwärmerisch davonreißen: »Unvergesslich, auf dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior II bei Vollmond durch das Südchinesische Meer von Hongkong nach Hiroshima zu gleiten.«In seinem dritten Leben – im ersten war Bode Entwicklungshelfer, im zweiten Greenpeace-Chef – wurde er 2001 Gründer eines Startups: Mit Foodwatch, einer Verbraucherschutz-NGO, zeigte er lange vor der heutigen Hafermilchkohorte Gespür dafür, dass eine Wohlstandsgesellschaft sich mit großer Hingabe um die richtige und gesunde Ernährung sorgt. Ein gefundenes Fressen für eine NGO. Als Ökonom kennt er sich zugleich mit Informationsasymmetrien aus: Weil der Kunde nicht wissen kann, was Nestlé oder Kraft in ihren Schokoriegeln drin haben, konnte Foodwatch als Anwalt der Verbraucher mit der Forderung einer Nahrungs-Ampel (Zucker, Fett und Salz) Bekanntheit gewinnen. Foodwatch stellt Transparenz her. Mit dem »Goldenen Windbeutel« wird jährlich das dreisteste Marketing-Märchen aus der Lebensmittelindustrie prämiert.
Simplifizierung ist das Geschäft der Aktivisten. Allzu kompliziert darf es nicht werden, sonst steigt der Kunde aus. Doch plakativ allein reicht auch nicht. Was die Klimakleber der »Letzten Generation« machen, ist auch plakativ. Doch, was die Verkehrsblockade mit dem Klimawandel zu tun haben soll, wird den genervten Autofahrern nicht einsichtig. »Zur Durchsetzung von Umweltzielen braucht man die Mehrheit der Gesellschaft«, schreibt Bode. Womit er Recht hat. Wenn er freilich der Meinung ist, NGOs seien Agenturen des »Gemeinwohls«, dann überzieht er sein selbstermächtigtes Mandat. Bodes erbitterter Widerstand gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA mag als »Meinung« durchgehen, den verkappten Protektionismus als »Kampf für die Demokratie« zu camouflieren, lasse ich ihm nicht durchgehen.
Auf keinen Fall Staatsgeld nehmen
Dass eine Nichtregierungsorganisation kein Staatsgeld nehmen dürfe, wie Bode betont, leuchtet sehr ein. Sonst würde sie zu einer verkappten staatlichen Lobbyorganisation. Staatsferne und Staatsgeld vertragen sich nicht, auch wenn der öffentliche Rundfunk oder die diversen Demokratie- und Umweltinitiativen dies bis heute nicht verstehen wollen. Denn dann ist die politische Neutralität versaut. Man lässt sich politisch instrumentalisieren (einerlei, ob für die Konservativen oder die Linken) und zugleich zähmen.
Auch ohne Staatsgeld ist Greenpeace in Deutschland enorm gewachsen: 1989 hatte der deutsche Zweig ein Spendenbudget von 32 Millionen Euro und 80 festangestellte Mitarbeiter. Heute sind es 86 Millionen und 323 Vollzeitbeschäftigte. Damit sitzt man in der Wachstumsfalle. Je mehr Fördermitglieder eine Organisation hat, desto mehr Geld muss sie aufwenden, um nur den Status quo zu erhalten. Obendrauf kommen Ausgaben für das Werben neuer Mitglieder, während die Fixkosten für Mitarbeiter und Mieten steigen. Kurzum: Immer mehr Mittel werden fürs Fundraising und die eigene Bürokratie aufgewandt relativ zum politischen Kerngeschäft. Das führt in die »Selbstabschaffungs-Paradoxie«: NGOs verschwinden selten.
Transparenz herzustellen ist Kerngeschäft der NGOs; Kampagnen sind die zugehörigen Instrumente. Es muss mich nicht interessieren, woraus meine Weißwurst besteht; aber es könnte interessant sein. Das Argument der ehemaligen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, man dürfe dem Bürger nicht vorschreiben, was er zu essen habe, entlarvt Bode mit Lust als obrigkeitsfixiertes Menschenbild. Informationen seien keine Vorschriften, entgegnet er und überschweigt seinerseits, dass solche Kampagnen uns Weißwurstesser in die moralische Enge treiben wollen.
Ebenso lustvoll zertrümmert Bode den gängigen Vorwurf, NGOs seien nicht demokratisch legitimiert. Warum sollten sie das sein? In einer freien Welt gibt es Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Das reicht. Dass es überall demokratisch zugehen müsse, hämmern uns die mit viel Staatsgeld gepamperten Demokratie-Lobbyisten ein. Dagegen müsste man dringend eine NGO gründen.
Rainer Hank
17. Dezember 2025
Mehdorn war's nicht
Warum funktioniert die Bahn in Japan viel besser?
In diesem Herbst hat die Deutsche Bahn mal wieder ihren eigenen Unpünktlichkeitsrekord übertroffen: Im Oktober lag die »Pünktlichkeit« bei 51,5, im November bei 54,5 Prozent. Das heißt: Nur jeder zweite Zug gelangt rechtzeitig an sein Ziel, wobei ein Zug dann als pünktlich gilt, wenn er weniger als sechs Minuten Verspätung hat. Unsere Klassenlehrerin am Stuttgarter Dillmann-Gymnasium wäre da weniger großzügig gewesen.
Sieht man sich auf X oder bei Facebook um, den Stammtischen unserer Zeit, fällt die Antwort meist eindeutig aus, wer verantwortlich sei für die katastrophale Bilanz der Züge: »Der Mehdorn war´s.« Hartmut Mehdorn war von 1999 bis 2009 Bahnchef; ziemlich lang her. Mehrdorn, so heißt es, habe die Bahn »kaputtgespart«, um das Unternehmen für einen Börsengang schönzumachen. Dabei sei leider die Infrastruktur auf der Strecke geblieben, was bis heute zu verrosteten Weichen und einstürzenden Brücken führe.
Der Schuldspruch hat mir noch nie eingeleuchtet. Warum sollte ein marodes Unternehmen für potentielle Aktionäre attraktiv sein, die doch steigende Kurse und Dividenden erwarten? Ohnehin wird eine Kleinigkeit meist übersehen: Mehdorn hat die Bahn gar nicht privatisiert. Sie ist bis heute zu hundert Prozent in Staatsbesitz, was man schon daran sehen kann, dass es Verkehrsminister Patrick Schnieder war, der jüngst Bahnchef Richard Lutz gefeuert hat und an dessen Stelle Evelyn Palla inthronisierte. Beim Daimler kann der Verkehrsminister nicht den Vorstand entlassen.Kürzlich waren wir in Japan. Keiner unserer Freunde, die vor uns in Japan waren (eigentlich waren alle schon vor uns da), hatte versäumt, uns von dem berühmten Shinkansen vorzuschwärmen, jenem Hochgeschwindigkeitszug, der quer durch Japan braust und stets pünktlich sei. Wobei, wohlgemerkt, in Japan ein Zug schon dann als unpünktlich gilt, wenn er mehr als eine Minute von der geplanten Abfahrts- oder Ankunftszeit abweicht.
Tatsächlich trafen wir in Japan alles so an, wie man es uns beschrieben hatte: Die Schnellzüge gleiten auf die Minute in die Bahnhöfe ein. Dort warten die Fahrgäste in Reih und Glied genau vor jener Wagontüre, die ihren reservierten Plätzen am nächsten ist. Lautlos steigen die einen aus, dann sieht das Bahnpersonal kurz nach dem Rechten, bevor wir lautlos einsteigen. Und schon geht es fahrplanmäßig los. Disziplin und Gelassenheit der Fahrgäste sind jedenfalls mitverantwortlich dafür, dass der Bahnverkehr in Japan so reibungslos funktioniert. Könnten die Deutschen das auch lernen? Früher – »Preußen«, sagt man – waren sie für ihre Disziplin berühmt.
Dass es auch noch andere Dinge sein müssten als kulturell-habituelle Unterschiede, dämmerte uns, weil wir beim Umsteigen immer wieder von einem an einen direkt angrenzenden anderen Bahnhof wechseln mussten. Wozu braucht man zwei Bahnhöfe nebeneinander? Klingt eher umständlich.
Privatisierung und Wettbewerb
Nachfrage bei der in aller Regel zuverlässigen Encyclopedia Britannica. Dort gibt es eine kleine Lektion in Bahngeschichte und ökonomischer Theorie. Die Japan Railway Group (JR) entstand 1987 aus der Zerschlagung und Privatisierung der alten Staatsbahn. Die nämlich war hochverschuldet und ineffizient, also wurde sie in sieben private Bahnunternehmen getrennt; sechs Personenverkehrsgesellschaften und eine landesweite Güterbahn.
Aha! Japan hat also offenbar jenes »neoliberale« Programm durchgesetzt, das Hartmut Mehdorn hierzulande wollte, was ihm aber am Ende angesichts der Weltfinanzkrise 2008/2009 nicht zuletzt von der SPD-Fraktion (!) des deutschen Bundestags verwehrt wurde. Oder kurz gesagt: Nicht die Privatisierung ist verantwortlich für den miserablen Zustand der deutschen Bahn, sondern die unterlassene Zerschlagung.
Das ist nicht alles. Während es in Deutschland auf der Schiene praktisch keinen oder wenig Wettbewerb gibt, belebt in Japan die Konkurrenz das Bahngeschäft. Da kommt unsere Verwunderung über die beiden Bahnhöfe ins Spiel. Der Shinkansen fährt auf eigenen Hochgeschwindigkeitsstrecken, komplett getrennt von langsamen Personen- oder Güterzügen. Die in Deutschland notorische Durchsage – »wegen eines vorausfahrenden Güterzuges müssen wir jetzt so langsam fahren« – wäre in Japan nicht denkbar. Der Shinkansen rast ungestört. Weil die Trassen mit Zäunen oder hohen Mauern abgesichert sind, gibt es auch (fast) keine Durchsagen, »wegen eines Personenschadens auf der Stecke« sei der Zug auf unbestimmte Zeit zum Stillstand gekommen.
In Ballungszentren – Tokio, Osaka, Nagoya – konkurrieren mehrere Bahngesellschaften, die auf eigenen, parallelen Netzen unterwegs sind – oft teilweise überlappend in denselben Korridoren. Das hört sich kompliziert an, ist es aber nicht: Die Fahrgäste können vielerorts die verschiedenen Gesellschaften über einheitliche Chipkarten nutzen; die gebräuchlichste heißt Suica.
Bahnhofsidylle
Die privaten Gesellschaften Japans wetteifern untereinander nicht nur bei Pünktlichkeit, Schnelligkeit und Sauberkeit. Bahngesellschaften sind mehr als nur Zugbetreiber. Sie sind integrierte Infrastrukturgesellschaften, denen auch Immobilien (zum Beispiel Bahnhöfe) gehören. Auch das merkt man. Während ich deutsche Bahnhöfe nicht wirklich schnuckelig finde – ich denke an den Frankfurter Bahnhof oder den Bahnhof Zoo in Berlin – sind japanische Bahnhöfe Orte, an denen Menschen sich gerne aufhalten. Man kann dort einkaufen, gut essen und trinken und Freunde treffen. Und alles ohne Stress: denn niemand muss auf die Durchsagen achten, ob sein Zug verspätet ist, oder auf Gleis 20 anstatt auf Gleis 7 abfährt. Oder am Ende ganz gestrichen wurde.
Vor exakt zweihundert Jahren fuhren in England die ersten Eisenbahnen. Schnell gab es konkurrierende Gesellschaften mit eigenen Netzen, die die gleichen Städte (Liverpool-Manchester, London-Birmingham) verbanden. Später hieß es dann, die Bahn sei ein sogenanntes natürliches Monopol, müsse vom Staat betrieben werden und könne nicht dem Wettbewerb ausgesetzt werden. Japan zeigt, dass die Gründerväter der Eisenbahn gar nicht so blöd waren. Privater Wettbewerb bei strenger staatlicher Aufsicht hat auch auf Schienen sein Gutes: Konkurrierende Bahnen haben Interesse an guter Infrastruktur, entwickeln, verschiedene Ticketprodukte oder Taktungen.
Ein zweites oder gar drittes Schienennetz für Deutschland? Gute Idee, praktisch nicht realistisch. Das Geschrei (»not in my backyard«) wäre groß. Und falls doch, würde es dauern: Die erste »Machbarkeitsstudie« (schönes Wort) für Stuttgart 21 wurde 1995 vorgestellt. Vorletzte Woche, also dreißig Jahre später, weigerte sich die neue Bahnchefin, ein Datum für die Inbetriebnahme des Stuttgarter Bahnhofs zu nennen. Man wolle jetzt »keinen Schnellschuss« abgeben. Na dann!
Rainer Hank
