Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 17. März 2026
    Wir steigern das Bruttosozialprodukt

    Philosophen unter sich: Lanz und Precht Foto Focus online

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Richard David Precht ein paar Denkfehler unterlaufen

    Warum sind die Chinesen vom deutschen Bundeskanzler so begeistert? Nach dessen Besuch in China Ende Februar verbreitete die in Peking erscheinende Parteizeitung »Global Times« einen Videoausschnitt einer Rede, die Merz im hessischen Volkmarsen unmittelbar nach seiner Rückkehr aus China gehalten hatte. Zur Einordnung: Volkmarsen liegt in Nordhessen, 28 Kilometer Luftlinie westnordwestlich von Kassel am Nordrand des Waldecker Tafellands. Wo Peking liegt, brauche ich nicht eigens erklären.

    In Volkmarsen also hatte Merz gesagt: »Wenn Sie aus China kommen, dann haben Sie nochmal deutlicher das Gefühl, dass mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist.« Diese Sätze wurden per Video aus Volkmarsen nach China transportiert, verbunden mit dem Hashtag »Der deutsche Bundeskanzler ist nach seiner Rückkehr aus China in Panik«, ein Satz, der im Reich der Mitte allein 48 Millionen Aufrufe erzielte.

    Mich hat diese Meldung an den ehemaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erinnert, der mit dem geradezu prophetischen Ausspruch »Ich sage nur China, China, China« in die Geschichte eingegangen ist. Gemeint war: Europa überschätzt sich. Und: Die eigentlichen globalen Verschiebungen passieren langfristig in Asien. Heute gilt in der chinesischen Tech-Branche vielerorts die 9–9–6–Philosophie: Arbeiten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und das an sechs Tagen die Woche. Für Deutschland dagegen melden die Statistiker dieser Tage einen Teilzeitrekord.

    Dass die Deutschen angesichts dieser Herausforderungen wieder produktiver werden und länger arbeiten müssen, ist eine Forderung, die Politiker und Wirtschaftswissenschaftler seit Monaten wiederholen. »Eine Stunde mehr ohne Lohnausgleich«, fordert der bayerischen Ministerpräsident Markus Söder. Moritz Schularick, Präsident des »Kiel Institut für Weltwirtschaft« pflichtet ihm bei: »Wir sollten alle 10 Prozent mehr arbeiten – ohne Lohnausgleich«.

    Die wundersame Vermehrung der Mülltonnen

    Der Pop-Philosoph Richard David Precht findet das »die dämlichste Idee«, die er je gehört habe. In seinem Podcast zusammen mit Markus Lanz zerpflückt er das Argument nach allen Regeln der populistischen Rhetorik. Prechts Beispiel sind die Müllmänner. Wenn die künftig eine Stunde länger arbeiten müssten, bringe das gar nichts für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit: »es werden ja nicht mehr Mülltonnen«. Die Folge, so Precht, sei also eher das Gegenteil: Das Arbeitstempo werde gedrosselt. Precht treibt seine Polemik auf die Spitze, wenn er über Bestatter nachdenkt, die ja auch nicht mehr Leichen zum Begraben hätten, wenn sie eine Stunde länger am Friedhof ausharren müssten.

    Hätte Precht Recht, liefe die Debatte darüber, ob die Deutschen faul sind, gänzlich in die falsche Richtung. Eine Stunde Mehrarbeit würde die Faulheit vergrößern, allerdings ohne Freizeit- und Freiheitsgewinn.

    Prechts Beispiel ist rhetorisch stark, aber ökonomisch unterkomplex. Wo steckt der Denkfehler? Prechts Wirtschaftswelt ist starr und statisch: Danach gibt es immer genauso viel Arbeit wie Mülltonnen. Und es gibt immer ausreichend Leichen für eine 36,5–Stundenwoche einer fixen Zahl von Bestattern.

    Doch so ist die Welt nicht. Schaut man sich auf Job-Portalen um, sieht man zum Beispiel, dass Müllwerker – vornehm: Entsorgungshelfer, Fachkräfte in der Abfallwirtschaft – dringend gesucht werden. Wenn die Stellen aber nicht besetzt werden, sich das Angebot an Müllarbeitern nicht bessert, schlägt eine Stunde Mehrarbeit auf die Qualität der kommunalen Dienstleistungen positiv durch. Es würden endlich mehr oder sogar alle Mülltonnen geleert. Und wenn keine Knappheit an Müllmänner herrscht, könnten die Kommunen mittelfristig durch eine Stunde Mehrarbeit mit weniger Personal auskommen. Dass Prechts Polemik schließlich bei der Industriearbeit ins Leere läuft, liegt auf der Hand: Wenn die Arbeiter bei Mercedes in Untertürkheim länger schaffen, kommen am Ende mehr Autos vom Band – und die Arbeitskosten pro Auto verringern sich: Mercedes würde wettbewerbsfähiger im Vergleich zum japanischen Toyota oder chinesischen BYD.

    Was eigentlich ist Produktivität? In Lehrbüchern dient Robinson auf seiner Insel als Beispiel. Produktivität bezieht sich auf die Menge der Güter und Dienstleistungen, die der einsame Robinson in einer bestimmten Zeit herstellen kann. Je mehr Fische er in der Stunde fängt, umso mehr hat er zum Abendessen. Um produktiver zu werden, kann er schneller arbeiten, länger arbeiten, einen besseren Angelplatz finden oder seine Angel technisch verbessern. Ebenso wie Robinson kann ein Land nur dann einen hohen Lebensstandard erreichen, wenn es in der Lage ist, eine große Menge an Waren und Dienstleistungen zu produzieren.

    Die Stunden machen’s

    Nun sagt Richard David Precht, viel entscheidender als die simple Zahl der gearbeiteten Stunden sei es, wie effizient und technologisch kreativ die deutsche Wirtschaft sei. Da ist was dran. Aber Technologie, Wissen, Effizienz und Organisation kompensieren nicht die Viertagewoche. Der Wohlstand pro Kopf hängt nicht nur davon ab, wie produktiv eine Stunde ist, sondern auch davon, wie viele Stunden insgesamt gearbeitet werden. Nehmen wir an, die Wertschöpfung pro Stunde betrage im Land A 70 Euro und es werden 1.400 Stunden im Jahr gearbeitet. Dann beträgt der Pro-Kopf-Output pro Erwerbstätigem 98.000 Euro. Liegt im Land B die Produktivität pro Stunde bei lediglich 60 Euro, es werden aber 1.900 Stunden gearbeitet, erhöht sich der Output auf 114.000 Dollar. Fazit: Obwohl Land A durch effizientere Arbeitsstrukturen produktiver ist, liegt Land B beim Output pro Kopf vorne. Genauso sieht es aus. Deutschland liegt bei der Stundenproduktivität über dem Durchschnitt der OECD. Da aber in vielen anderen Ländern mehr Stunden gearbeitet werden als in Deutschland, ist dort der Output größer, auch wenn die Stundenproduktivität geringer ist.

    Das Problem könnte sich mittelfristig sogar noch verschärfen, wenn hierzulande die Teilzeitquote weiterwächst, die Boomer den Arbeitsmarkt verlassen, die Lebensarbeitszeit aber gleichbleibt. In welchem Maße die Künstliche Intelligenz zu einem kompensatorischen Produktivitätsschub führt, steht (noch) in den Sternen.

    Und nun? Da bleibt nur, die vom Richard David Precht selbst zitierte Zeile aus dem alten Song von »Geier Sturzflug« wörtlich zu nehmen: »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!« Wir können es auch bleiben lassen, weil uns unsere Work-Life-Balance so ans Herz gewachsen ist. Das bringt am Ende noch mehr triumphale Klicks in den Parteizeitungen Pekings, während die Menschen im hessischen Volkmarsen eher ärmer werden.

    Rainer Hank

  • 17. März 2026
    Das Spiel ist aus

    Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) Foto Insel Verlag

    Dieser Artikel in der FAZ

    Vom Ende der regelgeleiteten Weltordnung

    Am 24. Februar 2022 hat Vladimir Putin die Ukraine überfallen. In der vergangenen Woche jährte sich dieses Datum zum vierten Mal. So viel derzeit von Frieden und Friedensgesprächen die Rede ist: Die Bilder, die wir täglich im Fernsehen zu Gesicht bekommen, sprechen eine andere Sprache.

    Drei Tage nach dem Überfall, am 27. Februar 2022, hielt der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz eine Rede, die schon am selben Tag berühmt wurde. Der zentrale Satz lautete: »Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.«

    Dass ein europäischer Staat einen anderen europäischen Staat angriff, hat es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Dass der Überfall »völkerrechtswidrig« war, wird seither stets hinzugefügt. Putin selbst gab sich noch nicht einmal sonderlich Mühe, die kriegerische Aggression zu begründen. Mal hieß es, es seien in der Ukraine »Faschisten« an der Macht, die man entmachten müsse. Mal sollte die russischstämmige Bevölkerung im Osten der Ukraine durch die »militärische Spezialoperation« Russlands »befreit« werden.

    Doch in welchem Sinn stimmt die Behauptung einer »Zeitenwende«? Dass Staaten Regeln des Völkerrechts brechen, reicht zur Begründung nicht. Das passierte nicht zum ersten Mal. Besonders prominent für einen westlichen Regelbruch ist der von den Vereinigten Staaten geführte Krieg gegen den Irak 2003, ohne ein aktuelles Mandat des UN-Sicherheitsrats. Die internationale Kritik war groß, weil dieser Einsatz gegen das Gewaltverbot der UN-Charta verstieß. »Legitime« militärische Gewalt ist nur zulässig zur Selbstverteidigung oder mit Mandat des UN-Sicherheitsrats. Die Begründung für den Angriff – das Regime verfüge über Massenvernichtungswaffen – war nicht minder erfunden als die Begründung, die Putin für die Aggression in Anspruch nahm. Doch, soweit ich mich erinnere, sprach 2003 niemand von »Zeitenwende« und vom Bruch der »regelgeleiteten Weltordnung«.

    Auch internationale Wirtschaftsverträge werden regelmäßig gebrochen. »Das interessiert mich jetzt nicht«, nuschelte Bundeskanzler Gerhard Schröder schnoddrig, als er im Sommer 2002 nach einer Hochwasserkatastrophe den Vertrag von Maastricht brach, der ein maximales Haushaltsdefizit von drei Prozent vorschreibt. Es gab ein bisschen Gejaule, aber niemand stellte ein Ende der »regelgeleiteten Ordnung« der Eurozone fest.

    Schlag nach bei Wittgenstein

    Das führt zur Grundsatzfrage: Was ist eigentlich eine Regel? Und was kann eine regelgeleitete Ordnung zu Fall bringen?

    Um die Frage zu beantworten, ist ein kleiner Ausflug in die Philosophie hilfreich. Genauer gesagt in das Spätwerk des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951). Man macht sich deren Bedeutung am ehesten klar, wenn man an ein Spiel denkt, ein Fußballspiel oder ein Schachspiel. Bestimmte Regeln – »Ein Tor zählt, wenn der Ball vollständig hinter der Linie ist« oder »Der Läufer zieht diagonal« – machen nur innerhalb einer bestimmten sozialen Praxis Sinn: Eben dem Fußball- oder dem Schachspiel. Im Schach gibt es kein Foul, im Fußball gibt es keine Regel, wonach der Läufer stets diagonal zieht. Und jeder am Spiel Beteiligte weiß: Ein Foul wird vom Schiedsrichter mit einem Freistoß und womöglich mit einer gelben Karte geahndet. Ein Schachspieler, der den Läufer nicht diagonal, sondern horizontal oder vertikal zieht, hat das Spiel verlassen. Was er macht, macht keinen Sinn.

    Für Wittgenstein ist zentral: Einer Regel zu folgen, ist kein theoretisches Erkennen, sondern ein praktisches Beherrschen, vergleichbar mit dem Erlernen und Spielen eines Spiels. Regeln leben davon, dass alle Beteiligten sie gebrauchen, sie anerkennen und dadurch ihre gegenseitigen Erwartungen wechselseitig und dauerhaft stabilisieren. Und, das ist das Wichtigste, dass der Bruch der Regeln sanktioniert wird (Elfmeter nach Foul innerhalb des eigenen Strafraums) und ihre Befolgung auch gegenüber den Mächtigen durchsetzbar ist. Für den Konfliktfall sind die Spieler übereingekommen, sich dem Urteil eines Schiedsrichters zu unterwerfen.

    An alledem gebrach es aber nach dem 24. Februar 2022: Sanktionen des Westens gegen den russischen Aggressor wurden nur halbherzig durchgesetzt und von vielen Staaten (China, Indien) und Unternehmen von Anfang an unterlaufen. Olaf Scholz, der deutsche Kanzler, war der Meinung, ein kompletter Stopp russischer Gaslieferungen sei den Deutschen nicht zuzumuten, denn es werde dann in deren Wohnungen empfindlich kalt werden. Damit half er mit, jene »Zeitenwende« herbeizuführen, die er selbst mit Bedauern zuvor konstatiert hat.

    Regeln zu brechen ist noch keine Zäsur

    Selbst im Krieg und selbst Staaten müssen sich an grundlegende Regeln halten; für schwerste Verbrechen können Einzelpersonen auf Grundlage des Völkerstrafrechts in Den Haag persönlich zur Verantwortung gezogen werden. Doch nichts davon geschieht!

    Merke: Dass Regeln gebrochen werden, ist noch keine Zeitenwende. Dass ihre Geltung nicht mehr durchgesetzt werden kann oder ihre Anerkennung nicht mehr sinnvoll erscheint, begründet die Zeitenwende. Dann wird nicht mehr nur um die Einhaltung einzelner Regeln gestritten – sondern der Wert von Regeln insgesamt bestritten. Die USA unter Donald Trump (teilweise auch schon früher) ignorieren die Regeln der Welthandelsorganisation WTO und verhängen Zölle als wirtschaftliche und politische Waffe. Sie begründen den Regelbruch und das Ignorieren der Zuständigkeit des amerikanischen Kongresses mit einer »Not- und Ausnahmesituation«. Paradoxerweise wird dadurch aus dem Ausnahmezustand ein Normalfall, der die Ordnung der Regeln dauerhaft außer Kraft setzt.

    Noch einmal: Nicht der Bruch der Regeln, sondern die dauerhafte Verweigerung ihrer Anerkennung von der Staatengemeinschaft definiert das Ende der regelgeleiteten Ordnung. Mit Wittgenstein müsste man sagen: Die Weltgemeinschaft – eine »Gemeinschaft« ist es ja eigentlich längst nicht mehr – hat die Lust am Spiel verloren. Wie Schachspieler, die das Schachbrett umwerfen. Die Felder sind leer; die Figuren purzeln durcheinander. Das Spiel ist aus.

    Gibt es ein neues Spiel? Und wenn ja, wie sind dessen Regeln? Es macht gerade die Unsicherheit unserer Zeit aus, dass das noch niemand sagen kann. Die Macht des Stärkeren, die Logik von Freund und Feind, der dauerhafte Ausnahmezustand – das alles kann man eigentlich kaum als ein regelgeleitetes Spiel bezeichnen. Falls doch, sind die Regeln archaisch. Willkürherrschaft und Günstlingswirtschaft machen die Welt unberechenbar, was abermals ein Zeichen von Regellosigkeit ist. Für die Einhaltung von Regeln braucht es einen Hegemonen oder eine Gemeinschaft, die sich darauf verpflichtet und sie glaubwürdig durchsetzt. Weder das eine noch das andere ist zu sehen.

    Rainer Hank

  • 25. Februar 2026
    Boomer, raus aus eurer Altbauwohnung

    Hohe Decken, Stuck, Erker – und gar nicht so teuer Foto Lukinski

    Dieser Artikel in der FAZ

    Ein Lehrstück über Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Umverteilung

    Boomer-Bashing ist in Mode. Generationenkonflikte sind nichts Neues; es gab sie zu allen Zeiten. Wechselseitig hält man sich Privilegien vor; wechselseitig ist man beleidigt, nicht angemessen für seine Leistungen gewürdigt zu werden.

    Der Begriff der Boomer ist unscharf. Gemeinhin fallen darunter die Jahrgänge 1955 bis 1970. Es gibt auch Früh- und Spätboomer. Boomer waren immer die Vielen, statistisch sind sie die geburtenstärkste Kohorte Deutschlands, Kinder des Wirtschaftswunders, die selbst viel weniger Kinder auf die Welt gebracht haben als ihre Eltern. Jetzt verlassen sie den Arbeitsmarkt und bevölkern die Kreuzfahrtschiffe. Sie haben ihr Leben lang gut verdient und finden, dass sie das auch verdient haben. Schließlich hinterlassen sie den Nachgeborenen eine bessere Welt: Mehr Bildungschancen, bessere Gesundheit, (noch) ausreichend Arbeit für alle, Restaurants um die Ecke mit Speisekarten aus aller Herren Länder. Dass die Zukunft insgesamt unsicherer geworden ist – was können wir dafür?

    Generationenkonflikte ziehen Verteilungsgefechte nach sich. Verteilungskonflikte werden in der Regel als Nullsummenspiele verhandelt und durch Umverteilung zu lösen versucht: Die einen bekommen zu viel, die anderen müssen entsprechend viel abgeben. Das bekannteste Konfliktfeld ist das Rentensystem. Zuletzt hat die schwarz-rote Koalition den Boomern einen garantierten Rentenerhöhungsanspruch zugesichert, den die Jüngeren zu tragen haben, komme, was da wolle.
    Warum die Politik solche Entscheidungen trifft, ist leicht zu sehen. Viele Boomer sind auch viele Wähler; es sich mit ihnen zu verderben, könnte mit Stimmverlusten verstraft werden. Dafür müssen die ganz Jungen jetzt die Verteidigung des Landes übernehmen; ihre Eltern und Großeltern hatten sich – ungleich weniger riskant – in der Friedensbewegung engagiert.

    Neuerdings schiebt sich ein weiterer inter-generationeller Verteilungskonflikt in den Vordergrund: Das Wohnen. Wohnungleichheit zwischen Alt und Jung lässt sich in Quadratmetern messen. Ein durchschnittlicher Boomer bewohnt 59 Quadratmeter, gerne mit Parkett. Die nachfolgende Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahren hat 48 Quadratmeter zur Verfügung. Deutlich enger wird es für alle, die jünger sind als 45 Jahre.

    Die Alten profitieren von den günstigen Bestandsmieten

    Wie sind diese Ungleichheiten entstanden? Da kommt einiges zusammen: Die Boomer-Kinder sind aus dem Haus, ein Partner ist womöglich schon gestorben. Ihr Wohneigentum haben sie zu relativ günstigen Konditionen erworben (niedriger Kaufpreis, attraktive Finanzierungsbedingungen). Sind sie Mieter, profitieren sie von niedrigen Bestandsmieten und einem starken Kündigungsschutz. Gewachsene »Milieus« werden gehätschelt, von den Eigentümern beabsichtigte Modernisierungen werden erschwert, was faktisch als Mietendeckel funktioniert.

    Jetzt sitzen sie da, die Boomer, in den feinen Vierteln und wollen nicht weichen. Warum auch? Die Nachbarn sind nett, der Italiener um die Ecke begrüßt einen mit Handschlag. Jeder Umzug wäre mit hohen sozialen und finanziellen Kosten verbunden.

    Dementsprechend wächst der Widerstand gegen die vielen Alten in ihren günstigen Altbauwohnungen. Die Differenz zwischen Angebots- und Neuvermietungsmieten wächst. 2025 lagen einer Studie des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL) die Median-Mieten für Bestandswohnungen in großen Städten bei gut 16 Euro pro Quadratmeter, während Neuvermietungen im Schnitt bei 23 Euro oder höher lagen – also rund 37 Prozent teurer als bestehende Wohnungen.

    Für Freunde der Umverteilung liegt die Konsequenz auf der Hand. Nehmt den Boomern ihren üppigen Wohnraum. Gerne drapieren sie derartige Zwangsideen als Akt der Solidarität mit den Jüngeren. Der mildeste Eingriff in die Freiheit der Bürger wäre der Wohnungstausch. Die in zentraler Lage wohnende Witwe, nahe von Schulen und Kitas, die sie nicht mehr braucht, macht ihre Wohnung frei für die junge Familie mit zwei Kindern. Als Steigerungsstufe könnte man es mit staatlichen Anreizen versuchen, ähnlich wie bei der »Aktivrente«, dem Steuernachlass für arbeitende Alte. Ich würde von »Mobilitätsprämie« sprechen, wäre ich Politiker: 4000 Euro Umzugshilfe für jedes Boomer-Paar, wenn sie ihre Wohnung räumen. Natürlich müsste den Eigentümern verboten werden, den jungen Neuankömmlingen die Miete zu erhöhen, was kein Problem sein dürfte, nachdem vergangene Woche auch das Bundesverfassungsgericht staatliche Eingriffe in den Preismechanismus offiziell guthieß. Dass dadurch die Nachfrage nach Wohnraum vergrößert, das Angebot aber verkleinert wird, ist den Richtern schnuppe. Es reicht ihnen, dass es »sozial« gemeint war.

    Sollten die Boomer immer noch nicht weichen, bliebe noch die Zwangsbewirtschaftung. Jedem erwachsenen Deutschen stünden per Gesetz, sagen wir 50 Quadratmeter Wohnfläche zu. Staatliche Wohnkontrolleure vermessen die Flächen; die anschließende Wohnraumzuweisung wird sich mittels KI einfacher lösen lassen als in der frühen Bundesrepublik oder der kommunistischen Sowjetunion, wo es so etwas schon einmal gab. Wer nicht weichen will? Na ja, da wird der Staat schon seine Mittel finden. Berliner Politiker mit ihren sozialistischen Vergesellschaftungsideen sind da schon ziemlich weit.

    Man muss es ins Absurde treiben, um die freiheitsfeindliche Zwangslogik dieser Gerechtigkeitstheorien vor Augen zu führen. Umverteilung ist immer Zwang. In der Regel ist es fiskalischer Zwang, beim Wohnen wird daraus rasch physischer Zwang.

    Man nennt es Marktwirtschaft

    Gibt es eine liberale Alternative zur Umverteilung? Die gibt es. Man nennt es Marktwirtschaft. Wenn die Nachfrage nach Wohnungen hoch ist, das Angebot aber niedrig und teuer, dann hilft nur: radikal neu bauen. Bauvorschriften entschlacken, Genehmigungsverfahren beschleunigen, Nachverdichtungen und Aufstockungen erleichtern. Umwandlung von Büros in Wohnraum vereinfachen. Den Charme von Wohnhochhäusern wiederentdecken.

    Das Boomer-Privileg schrumpft automatisch, wenn Wohnraum nicht mehr knapp ist. Ökonomisch ist nicht der Mieter das Problem, sondern die Knappheit. Zugleich müssen alle staatlichen »Schutzrechte« für Bestandmieten (Milieuschutz, Mietendeckel, Kündigungsschutz) abgeräumt werden, die den Preismechanismus am Wohnungsmarkt außer Kraft setzen. Genau diese Maßnahmen staatlicher Politik tragen dazu bei, dass jene Privilegien-Schere sich öffnet, die dieselben Politiker anschließend scheinheilig beklagen.
    Ungleichheiten können, müssen es aber nicht zwingend ungerecht sein. Umverteilung ist in aller Regel ungeeignet. Marktwirtschaftliche Preise sind in aller Regel eine faire Alternative. Das würde den Generationenkonflikt entschärfen und das Boomer-Bashing dämpfen.

    Rainer Hank

  • 25. Februar 2026
    Nachruf auf die Chauffeur

    Herr und Knecht: Der Chef uns sein Fahrer Foto: wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Das autonome Fahren könnte einen ganzen Berufsstand killen

    Kürzlich gab es im wunderbaren Motorteil der FAZ ein Gespräch mit Ola Källenius, dem Chef von Mercedes-Benz. Es ging um die S-Klasse, »die Spitze in unserem Portfolio«, wie Källenius sich ausdrückte. Die wurde jetzt grundlegend überarbeitet und enthält einen Supercomputer, der die Insassen des Fahrzeugs automatisch von Punkt zu Punkt zu navigiert. Der Fahrer kann die Funktion »kooperatives Lenken« wählen, die für ihn die Arbeit übernimmt. Das bringt ungeahnte Freiheiten. Man kann Zoom-Konferenzen abhalten oder im Dolby-Atmos-Sound die Akustik der Elbphilharmonie genießen. Die S-Klasse sei »der beste rollende Konzertsaal der Welt«, schwärmt Källenius.

    Die S-Klasse bleibt weltweit ein Status-Symbol. Doch die Symbole der Macht verändern sich. Opfer der digitalen Innovation wird der Chauffeur, an dem man über lange Zeit erkennen konnte, dass hier eine höher gestellte Persönlichkeit unterwegs war – schon beim Vorläufer des Automobils, der Kutsche, war das so. Der Computer-Chauffeur ersetzt den Fahrer aus Fleisch und Blut. Sollte weiterhin ein Mensch am Steuer sitzen, wird daraus eine Fake-Veranstaltung, vergleichbar dem Heizer auf der E-Lok, den die Gewerkschaften dem technischen Fortschritt trotzend durchgesetzt hatten, demütigend für jeden ehemals stolzen Angehörigen des Berufsstands.

    In der Stuttgarter Niederlassung der Dresdner Bank, in der ich in den sechziger Jahren groß geworden bin, weil mein Vater als Hausmeister dort eine Dienstwohnung hatte, gab es im Erdgeschoss eine riesige Garage für die schwarzen Karossen der Direktoren. Jeder Facility-Manager würde so etwas heute als teure Platzverschwendung mitten in der Innenstadt streichen. Damals war man stolz darauf, dass der Herr Direktor jederzeit seinen persönlichen Fahrer vorfahren lassen konnte. Nicht nur der Generalbevollmächtigte mit dem klingenden Namen Axel Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen hatte ein Anrecht auf den Chauffeur, auch die ihm nachgeordneten Herren hatten ihre Karossen nebst Diener, selbstredend alles Mercedes. Ein anderer Hersteller wäre nicht in Frage gekommen, nicht nur aus Stuttgarter Lokalpatriotismus: VW war, wie der Name sagte, für das Volk, nicht für die Oberen. Und Porsche, zwar auch aus Stuttgart, wäre zu frivol gewesen.

    Mit Wattenbauch und Politur

    Für mich als Kind gehörten die Begriffe Direktor und Chauffeur quasi auf natürliche Weise zusammen – das französische »au« wurde meist wie »a«, also »Schafför«, ausgesprochen. Ich habe mich gerne in der Garage herumgetrieben. Die Chauffeure waren immer beschäftigt, auch wenn sie gerade nicht ihren Chef kutschieren mussten. Dann konnten sie mit einem Wattebausch und dickflüssiger Politur »ihren« Wagen zum Glanz bringen. Oder sagen wir besser: Den Glanz erhalten. Denn eigentlich habe ich nie ein Auto gesehen, das nicht glänzte. Wenn dann immer noch keine Fahrt anstand, dann klopften sie Skat.

    Der Chronist, oder besser der Psychologe des Chauffeurs ist der Schriftsteller Martin Walser. Der Held aus Walsers Roman »Seelenarbeit« (1979) heißt Xaver Zürn. Ich habe »Seelenarbeit« für diese Kolumne wiedergelesen – mit größtem Vergnügen und entsprechender Empfehlung an die Leser.

    Xaver Zürn ist Fahrer des Fabrikanten Dr. Gleitze, den er in Tettnang unweit des Bodensees abholt, und von dort in die weite Welt chauffieren muss. Es ist ein 450 SEL, acht Zylinder, ein echtes Kraftpaket der damaligen S-Klasse, heute auf dem Oldtimer-Markt ziemlich begehrt. Natürlich werden auch Frau Dr. Gleitze oder die alten Eltern des Chefs kutschiert. Und natürlich wird Dr. Gleitze nicht nur zu dienstlichen Terminen gefahren, sondern zum Beispiel auch zu allen bedeutenden europäischen Opernhäusern. Denn der kunstsinnige Mann hatte sich vorgenommen, alle Aufführungen von Mozart-Opern, die in Europa Metropolen gegeben werden, zu besuchen und darüber ein Buch zu schreiben.
    Der Fahrer ist viel mehr als nur ein Angestellter im arbeitsteiligen Kapitalismus. Er steht seinem Herrn praktisch rund um die Uhr zur Verfügung, gehört wie das Dienstmädchen zur Familie – weshalb Zürns Vetter ihn als »Sklavennatur« verspottet: »Der typische ‚Geh-her da›, der auf Kommando Männchen macht.«

    Doch so einfach ist das Verhältnis zwischen dem Fabrikanten und seinem Fahrer nicht. Wie alle Herr-Knecht-Beziehungen geht es um ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Der Knecht wäre nichts ohne seinen Herrn, aber der Herr wäre ebenfalls nichts ohne seinen Knecht, an dem alle Zeitgenossen ablesen können, dass er ein Herr sein muss. Das Abhängigkeitsverhältnis ist asymmetrisch. Der Herr sitzt im Fond, der Fahrer sitzt am Steuer und hat die Verantwortung dafür, den Direktor sicher und pünktlich an sein Ziel zu bringen. Ist man angekommen, öffnet er dem Herrn die Tür, schlägt die Hacken zusammen und nimmt die Dienstmütze ab.

    Der Fahrer ist ständiger Zeuge seines Chefs und stummer Mitwisser. Dass er daraus Macht bezieht, darf er nicht zeigen. »Dass er sich beherrschen müsse, sein Gesicht unter Kontrolle halten«, hat Xaver Zürn als erstes in diesem Beruf gelernt: »Wenn die Herrschaften im Fond einander Witze erzählen, lacht man nicht mit. Wenn die einander Probleme erzählen, schaut man nicht auch sorgenvoll drein. Man achtet darauf, dass man nicht zufällig selber etwas denkt, was einen zum Grinsen bringen könnte.« Selbstbeherrschung und Verschwiegenheit sind die Kardinaltugenden des Fahrers.

    Weiße Schildmütze in Japan

    Muss man es bedauern, dass der Chauffeur aus unserer Wirtschaftswelt verschwunden ist? Ich glaube, viele Fahrer haben ihren Beruf – und ihren Chef – geliebt, zumindest geachtet. Aber als ein schönes Leben kann man ihr Leben wohl nicht beschreiben. Work-Life-Balance war in dieser Welt ein Fremdwort; die eigene Familie hatte zurückzustehen.
    Inzwischen ist der Chauffeur nach Asien ausgewandert. In Japan tragen die Taxifahrer Schildmützen und weiße Handschuhe. Weiße Häkeldeckchen als Überwürfe der Sitze kommt Westlern wie bei Oma vor, gilt dort aber als servicemäßig gepflegt. In China haben überdurchschnittlich viele Kunden einen Chauffeur, berichtet Mercedes-Chef Källenius: als Statussymbol.

    Womöglich ist der Nachruf auf den Chauffeur auch hierzulande verfrüht. Der junge Mensch feiert gerne in der Limousine: es schafft Instagram-Momente. Ein Bekannter berichtete mir von seinen Erfahrungen mit dem »Sixt Ride Chauffeur Service«. Da kann man einen Mietwagen samt angemessen gekleidetem Fahrer buchen, auf Stundenbasis: »Erschwingliche Chauffeurfahrten für jeden Anlass«, wirbt Sixt. Das ist eine Alternative in Zeiten überfüllter und unpünktlicher Züge. Okay, »erschwinglich« ist ein relativer Begriff: Die Fahrt von Frankfurt nach München kostet je nach Automodell zwischen 500 und 900 Euro. Einfach, wohlgemerkt.

    Rainer Hank

  • 13. Februar 2026
    Freie Rede

    Ministerpräsident Daniel Günther bei Markus Lanz Foto web.de

    Dieser Artikel in der FAZ

    Staatsmänner haben die Demokratie nicht für sich gepachtet

    Der englische Philosoph John Stuart Mill (1806 bis 1873) gilt als Stammvater des Liberalismus. In seinem Hauptwerk »On Liberty« von 1895, gemeinsam verfasst mit seiner Frau Harriot Tayler, geht es um die Grenzen der Macht von Staat und Gesellschaft. Großen Wert legen die Mills auf Meinungsfreiheit. Ihr widmen sie das große zweite Kapitel ihrer Grundsatzschrift. Was darf man alles sagen? Und was darf man womöglich nicht sagen?

    »On Liberty« kommt mir gerade recht in den aufgeregten Debatten unserer Zeit, wo Umfragen belegen, dass viele Menschen der Meinung sind, man dürfe nicht mehr alles sagen und andere ihnen vorwerfen, diese Meinung sei doch gerade der Beleg dafür, dass man alles sagen darf. Sicher: Man darf alles sagen. Aber zu welchem Preis?

    Ich nehme als Beispiel eine Äußerung des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther zur Meinungsfreiheit und prüfe, was John Stuart Mill dazu sagen würde. Günther hatte in der Sendung Markus Lanz vom 7. Januar gesagt, die zivilgesellschaftlichen Organisationen müssten sich zusammenschließen gegen »unsere Gegner«, nämlich gegen »die Feinde der Demokratie«. Im Kontext der Sendung bezog sich diese Äußerung auf das rechtskonservative Online-Portal »Nius«, dessen Chefredakteur der ehemalige Bild-Chef Julian Reichelt ist. Demokraten müssten Portale wie Nius bekämpfen, weil dort »einfach vollkommen faktenfrei« berichtet werde: »Da stimmt in der Regel nichts drin«.
    Das Gelände ist inzwischen juristisch hochgradig vermint. Mit John Stuart Mill und Harriot Taylor will ich schauen, was es heißt, wenn ein Staatsmann zur Bekämpfung von »Meinungsmache« aufruft und behauptet, dass es sich bei den Machern dieser Meinung um »Feinde der Demokratie« handelt.

    Das zweite Kapitel von »On Liberty« ist überschrieben: »Über die Freiheit des Gedankens und der Diskussion«. Meinungsfreiheit ist für die Mills nahezu unantastbar. Selbst falsche, extreme oder anstößige Meinungen müssten geschützt werden. Die Begründung: (1) Wir wissen nicht a priori, ob eine Meinung falsch ist. Sie könnte auch wahr sein. Wenn eine Meinung, von der sich herausstellt, dass sie wahr ist, unterdrückt wird, wird eine Gesellschaft der Chance beraubt, Irrtum gegen Wahrheit auszutauschen. (2) Ist die Meinung aber falsch, verliert die Gesellschaft durch deren Unterdrückung gleichfalls eine Wohltat. Denn auch die wahre Meinung muss permanent gezwungen werden, sich zu rechtfertigen. Das Richtige entsteht durch den Widerstreit mit dem Irrtum. Lässt die Wahrheit sich nicht infrage stellen, erstarrt sie zum »toten Dogma«. Eine »lebendige Wahrheit« benötigt die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen.

    John S. Mill »On Liberty«

    Schließt man sich den Mills an – was natürlich jedermann freisteht – so ist zumindest eines klar: »Faktenfreiheit«, selbst wenn dies der Fall wäre, ist kein Grund, Meinungen zu unterdrücken. Meinungen dürfen faktenfrei sein. Wenn andere der Meinung sind, sie dürften das nicht, dann sollten sie zumindest den Nachweis für Faktenfreiheit erbringen. Ich würde behaupten, Daniel Günther würde den Beweis nicht führen können, Nius sei »einfach vollkommen faktenfrei«. Wer so etwas sagt, nimmt Unfehlbarkeit für sich in Anspruch: Unfehlbar aber ist niemand.

    Für die Mills reicht es auch nicht aus, eine Meinung zu unterdrücken, weil andere sich davon gekränkt oder beleidigt fühlen. Zwar findet die Freiheit ihre Grenzen, wenn jemand geschädigt wird (»Harm-Principle«). Doch nicht jede Kränkung kann schon als Schaden zählen, sonst könnte praktisch jede kontroverse Meinung verboten werden. Was als moralisch empörend oder seelisch verletzend angesehen wird, ist gesellschaftlich variabel. Es muss verhindert werden, dass die Mehrheitsmoral bestimmt, was gesagt werden darf. Die Angst vor schmerzenden Gefühlen (»Hurt Feelings«) wären für die Mills keine Legitimation dafür, Meinungen zu unterbinden. Auch vorsorglich ausgegebene Trigger-Warnungen würden sie bereits als Einschränkung der Meinungsfreiheit ansehen. Schaden entsteht erst, wenn die Sprache selbst zum schädigenden Handeln wird. Mills Beispiel: »Getreidehändler sind Diebe, die die Armen aushungern«, das darf ein Nachrichtenportal sagen. Dasselbe vor einer wütenden Menschenmenge vor dem Haus eines Getreidehändlers zu sagen, ist nicht erlaubt. Denn in diesem Kontext wird die Rede zum Gewaltaufruf. Sie ist nicht nur Hass-Rede (erlaubt), sondern Hass-Handlung (nicht erlaubt).

    Nun aber zur Frage, ob Daniel Günther Meinungsportale als »Feinde der Demokratie« qualifizieren darf. Hätte er in der Sendung als Privatmann und Parteipolitiker gesessen, wie das Schleswig-Holsteinische Verwaltungsgericht am 5. Februar urteilte, stünde ihm das Recht auf eine solche Meinung wie jedem Bürger wohl zu. Doch neben Markus Lanz saß, für alle Zuschauer erkennbar, der Ministerpräsident, ein Staatsmann, der nicht kenntlich gemacht hatte, dass er sein Amt an der Garderobe des Talkshowstudios für 75 Minuten abgelegt hatte. Meinungsfreiheit ist in unserer Verfassung ein Recht, das die Bürger vor dem Staat schützt. Sie ist nicht dazu da, missliebige Meinungen von Staats wegen zu delegitimieren. Günther hat zwar nicht zu Zensur aufgerufen, aber er hat »die Zivilgesellschaft« aufgerufen, die »Feinde der Demokratie« zu ächten. Damit missbraucht er den Demokratiebegriff, worin er im politischen Diskurs nicht der Einzige ist.

    Auch »schlechte« Meinungen sind erlaubt

    Die Mills würden sagen: Auch problematische, einseitige der »schlechte« Meinungen müssen vom Staat ertragen werden und dürfen nicht moralisch exkommuniziert werden. Jedem Bürger steht es frei zu sagen, er ertrage Nius nicht; das ist dann dessen Meinung. Wenn aber ein Staatsmann seine Definitionsmacht nutzt, um zu dekretieren, was eine Qualitäts-Meinung ist und wer Demokrat ist, dann ist das eine schwere Keule, die am Ende den Demokratiebegriff zur Waffe der politischen Rhetorik herabwürdigt. Für Mill läge hier ein typischer Fall eines »dead dogma« vor: Der Staat tut so, als hätte er die Demokratie für sich gepachtet und qualifiziert andere als Abweichler, indem er sie als »Feinde« bezeichnet. »Dead Dogma« meint, auf Argumente verzichten zu können und weicht aus in den Modus der Einschüchterung. Meinungsfreiheit gibt es für die, die anderer Meinung sind.

    Argumentieren ist besser als dekretieren. Wenn Politiker selbst in eine Freund-Feind-Rhetorik verfallen und definieren, wer Demokrat ist und wer nicht, schädigen sie jene liberale Zivilgesellschaft, die zu schützen sie vorgeben. Sie schädigen dann auch die Demokratie. Die Lektüre von John Stuart Mills »On Liberty« kann zur Unterscheidung der Geister beitragen; ich empfehle die englisch-deutsche Ausgabe bei Reclam von 2009. Hilfreich ist der aktuelle Podcast der viel gerühmten BBC-Serie »In Our Time«, seit diesem Jahr mit dem neuen Host Misha Glenny.

    Rainer Hank