Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
21. September 2026Macht Hitze arm?
21. September 2026Ein Lob der Maut
18. September 2026Dem Staat ist nicht zu trauen
18. September 2026Ein Lob der Kirche
06. August 2026Stille Tempel in Kyoto
03. August 2026Bettenstopp bringt Bettenboom
03. August 2026Mutter aller Börsencrashs
17. Juli 2026Jetzt plötzlich Klimaanlagen
17. Juli 2026Kranke Gesundheit
25. Juni 2026Im Milliardärsdorf
21. September 2026
Macht Hitze arm?
Es kommt drauf an, wie wir reagieren
Sierra Leone liegt keine tausend Kilometer vom Äquator entfernt. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Anfang der achtziger Jahre betrug das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf dort 1200 Dollar. Vierzig Jahre später ist es auf 1000 Dollar geschrumpft. In Sierra Leone herrscht tropische Hitze mit Temperaturen bis 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Die Menschen sind sehr arm. Und werden ärmer.
Kanada liegt bis zu 8000 Kilometer von Äquator entfernt. Es zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Anfang der achtziger Jahre betrug das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gut 27.000 Dollar. Vierzig Jahre später ist der Wohlstand auf 42.000 Dollar angestiegen, ein Wachstum um 53 Prozent. In Kanada herrscht ein gemäßigtes Klima (abgesehen vom arktisch kalten Norden). Toronto im Süden hat mittlere Jahrestemperaturen von rund 10 Grad Celsius; im Juli beträgt das Tagesmittel 22 bis 24 Grad. Die Menschen in Kanada sind reich. Und werden reicher.
Woran liegt der Unterschied? Der Kolonialismus allein kann nicht schuld sein: Beide Länder waren britische Kolonien. Aber Kolonialismus ist nicht gleich Kolonialismus.
Könnte es sein, dass die Menschen in Kanada es leichter haben, zu wirtschaftlichem Erfolg zu kommen, weil ihnen die klimatischen Bedingungen ihres Landes entgegenkommen? Das liefe auf die Klimatheorie hinaus, die unter anderen schon Montesquieu vertreten hat. »In den Nordzonen«, schreibt Montesquieu 1748 im »Geist der Gesetze«, »begegnen wir Völkern mit wenig Lastern, genügend Tugenden, viel Ehrlichkeit und Offenheit. Nähern wir uns den Ländern des Südens, so haben wir den Eindruck, dass wir uns von der Moral selbst entfernen.« Woran dieser moralische Unterschied liegt? Eben am Klima, sagt Montesquieu. In schwüler Hitze fehle den Menschen jede Energie, die Voraussetzung wirtschaftlicher Produktivität: »Die Abspannung greift alsbald auf den Geist selbst über: keinerlei Neugier, keinerlei hochherzige Unternehmung. Alle Neigungen bleiben passiv.«Die Klimatheorie ist zu simpel
Man könnte meinen, Montesquieus Schrift stamme nicht aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, sondern reflektiere die Erfahrungen des mitteleuropäischen Hitzesommers 2026. Hitze macht antriebslos und unproduktiv. Das lässt sich mit Zahlen unterfüttern: Das Umweltbundesamt verweist für Mitteleuropa bei hoher Hitzebelastung auf Produktivitätseinbußen von bis zu zwölf Prozent; allein für die früheren heißen Sommer 2018 und 2019 wurden direkte hitzebedingte Produktivitätsverluste von rund fünf Milliarden Euro geschätzt, zusätzlich zu indirekten Schäden von 3,5 bis 5,3 Milliarden Euro.
Bewegt sich Mitteleuropa also in Richtung Afrika? Steht der Wohlstand einer Nation in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur mittleren Tagestemperatur? Das wäre ein allzu naiver Klimadeterminismus, wenngleich selbst prominente Wirtschaftswissenschaftler dieser These zuneigen: »Die Ökonomien tropischer Zonen sind praktisch überall arm, während jene in den gemäßigten Gebieten im Allgemeinen reich sind«, hat der Harvard-Ökonom Jeffrey Sachs behauptet. Daraus würde dann folgen: Je tropischer die Temperaturen in Deutschland, umso ärmer werden seine Menschen.
So unabwendbar ist die Zukunft gottlob nicht. Dazu muss man sich anschauen, wie die britischen Kolonisatoren mit Sierra Leone und Kanada umgegangen sind. Nämlich sehr unterschiedlich. Für Europäer war die westafrikanische Küste wegen Malaria und Gelbfieber außerordentlich gefährlich – sie erhielt den Beinamen »White Man’s Grave«. Deshalb haben die britischen Kolonialherren sich dort gar nicht dauerhaft angesiedelt, sondern sich darauf beschränkt, das Land auszubeuten. In Kanada dagegen kam es zu einer massenhaften und dauerhaften Ansiedlung europäischer Familien. Mit der dauerhaften Ansiedlung entstanden gute Schulen und Universitäten, eine verlässliche Justiz und den Schutz von Eigentumsrechten samt Polizei und Militär.
Das Klima wurde zum wirtschaftlichen Schicksal, weil es die Entstehung unterschiedlicher Institutionen begünstigte. Genau darin besteht die berühmte These des Ökonomie-Nobelpreisträgers Daron Acemoglu. In Ländern mit ungesundem Klima unterließen es die Kolonisatoren, gute Institutionen zu errichten und konzentrierten sich darauf, das Land auszubeuten. Acemoglu nennt solche Institutionen Ökonomien »extraktiv«, deren Zweck darin bestand, Ressourcen von der Mehrheit zu einer kleinen herrschenden Minderheit zu transferieren – im Unterschied zu jenen Ländern, deren Institutionen breiten Bevölkerungsschichten wirtschaftliche Chancen eröffnen. Die nennt Acemoglu »inklusiv«.
Extraktiv oder inklusiv?
Ausgelöst von einem polemischen Artikel des britischen »Economist« in der vergangenen Woche ist unter Ökonomen gerade ein Streit über Acemoglus sogenannte »Siedlersterblichkeitsthese« neu aufgeflammt, der uns hier im Detail nicht zu interessieren braucht. Gültig bleibt allemal: Hitze ist kein Schicksal, das uns zwangsläufig in die Armut schickt. Menschen können reagieren und gute oder schlechte Strategien der Anpassung entwickeln. Dafür hilft die Unterscheidung zwischen »extraktiv« und »inklusiv« enorm. »Extraktiv« wäre Klimapolitik dort, wo gut organisierte Interessengruppen den Klimawandel nutzen, um ihre Verluste dauerhaft der Allgemeinheit aufzubürden: Wer im Überschwemmungsgebiet baut oder einen brandgefährdeten Wald besitzt, würde Ansprüche auf staatliche Entschädigung durchsetzen, während die Kosten beim Steuerzahler landen.
»Inklusiv« wäre dagegen ein institutionelles Arrangement, das vielen die Anpassung ermöglicht: transparente Risiken, Wettbewerb der Versicherer mit differenzierten Prämien, freie Investitionsentscheidungen. Private Versicherungen liefern Informationssignale darüber, wie riskant ein Standort oder eine Nutzung ist: Wer im Überschwemmungsgebiet oder am brandgefährdeten Waldrand wohnt, muss mehr zahlen. Waldbrandversicherungen sind besser als Waldbrandentschädigungen. Ein besonders brandgefährdeter Kiefernwald in Brandenburg würde höhere Prämien kosten als ein feuchter Mischwald in einer weniger gefährdeten Region.
Extraktiv wäre es, das Risiko zu sozialisieren. Inklusiv wäre es, das Risiko mit einem Preis zu versehen.
Der Staat stellt dazu mit Steuern finanzierte öffentliche Güter bereit: Deiche, Frühwarnsysteme für Wasserknappheiten oder Überschwemmungen. Er baut seine kommunale Feuerwehr aus und unterstützt die freiwillige Feuerwehr. Und er fördert für vulnerable Gruppen den Einbau von Klimaanlagen in Schulen, Kliniken, Altenheimen. Um die Klimatisierung von Fabrikhallen und Büros müssen sich die Unternehmen kümmern.
Dass es heißer wird, ist unvermeidlich. Dass daraus verheerende Waldbrände werden, lässt sich zumindest unwahrscheinlicher machen. Hitze macht nicht arm. Die Unfähigkeit, sich an Hitze anzupassen, kann arm machen.
Rainer Hank
21. September 2026
Ein Lob der Maut
Gute Ratschläge für den Bundesverkehrsminister
An allem ist der Andi Scheuer schuld. Sie erinnern sich? Das war jener CSU-Mann, der als Verkehrsminister in den Jahren 2018 bis 2021 die Einführung einer Pkw-Maut in Deutschland versemmelt hat. Angela Merkel, die damals Kanzlerin war, habe Scheuer zwar regelmäßig in den Senkel gestellt, so ist zu hören. Das Maut-Desaster konnte aber auch sie nicht verhindern. Scheuer wollte ausländische Fahrzeuge auf deutschen Straßen zur Kasse bitten und hatte mit den künftigen Betreibern weitreichende Verträge abgeschlossen. Doch die Maut kippte, weil sie deutsche Autofahrer privilegierte und europäischem Recht widersprach. Am Ende musste der Bund 243 Millionen Euro Schadenersatz zahlen.
Der langfristige Schaden, den Scheuer angerichtet hat, ist verheerend: Eine Maut in Deutschland ist diskreditiert – obwohl fast alle Nachbarländer erfolgreich damit arbeiten. Natürlich so, dass Ausländer nicht benachteiligt werden.
Das funktioniert prima: Nachdem wir uns viele Jahre vor allem in Italien und Frankreich über lange Wartezeiten am Kassenhäuschen auf der Autobahn geärgert haben, haben wir uns im vergangenen Jahr ein kleines Kästchen angeschafft, das an der Windschutzscheibe klebt und uns freie Durchfahrt an allen Mautstellen sichert. Abgerechnet wird digital über eine App.
Deutschland braucht eine vom Bundeshaushalt unabhängige Infrastrukturfinanzierung. Kanzler Friedrich Merz hat kürzlich seinen Verkehrsminister gefeuert. Untergegangen ist dabei, warum der Verkehrsminister gehen musste: Er wünsche sich, sagte Merz, »dass privates Kapital zur Finanzierung unsere Infrastrukturmodernisierung mobilisiert wird.« Bei »Infrastruktur« wird Merz an Straßen und Schienen, also an marode Autobahnen, morsche Brücken, verrostete Schienen und Weichen, fehlende digitale Logistik und vieles mehr gedacht haben. Dafür gibt es zwar das berühmte Sondervermögen des Bundes von 500 Milliarden Euro. Das reicht aber an allen Ecken und Enden nicht. Zu hoffen wäre, dass private Betreiber mit Infrastrukturprojekten besser und effizienter umzugehen verstehen als der Staat.
Womit wir wieder bei der Maut und bei Italien wären. Dort vergibt der Staat langfristige Konzession an private Gesellschaften: sie bauen, betreiben, erhalten und finanzieren die Autobahnen. Weil sie das nicht aus Altruismus tun, dürfen sie eine Maut erheben, mit deren Einnahmen sie sich finanzieren. Das größte Unternehmen ist die Mundys, deren wichtigstes Tochterunternehmen die Autostrade per l’Italia einen erheblichen Teil des Schnellstraßennetzes betreibt. Daneben gibt es weitere regionale Konzessionäre.
Aus Sicht der Autofahrer ist eine streckenabhängige Maut das Gerechteste, was es gibt. Denn sie folgt dem »Verursacherprinzip«: Nur wer auch auf der Straße fährt, zahlt. Denn er nimmt Infrastrukturleistungen in Anspruch, die er mit der Maut bezahlt. Wer viele Kilometer fährt, zahlt mehr als ein Gelegenheitsfahrer.Schaut nach Italien
Private Betreiber wiederum müssen ein großes Interesse daran haben, die Autobahnen in Schuss zu halten, beim Bau nicht zu pfuschen, Wartung effizient zu organisieren und langfristig Kosten zu sparen. Private Autobahngesellschaften sind schneller als der Staat, können Personal flexibler einsetzen und Projekte effizienter organisieren.
Doch es gibt auch Nachteile der Infrastruktur-Privatisierung. Der italienische Staat, trotz hoher Verschuldung, bekommt Kredite meist günstiger als private Firmen. Dieser Zinsnachteil muss durch höhere Effizienz erst einmal verdient werden. Schwieriger noch: Autobahnen sind sogenannte natürliche Monopole. Man kann nicht drei Autobahnen parallel von Bologna nach Florenz durchs Gebirge in den Wettbewerb schicken. Wer auf mautfreie Landstraßen ausweicht, steht im Stau und muss mehr Fahrzeit einkalkulieren. Dieses Privileg ermächtigt die Betreiber beim Preis ordentlich zuzulangen. Man nennt das Monopolrenten, die zu verhindern es eines staatlichen Regulierers bedarf (wie beim Strom).
Am meisten ist das italienische Modell in Verruf gekommen durch den sogenannten Genua-Schock: Den Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018, bei dem 43 Personen ums Leben kamen. Die gerichtliche Aufarbeitung zieht sich bis in die Gegenwart. Der Verdacht liegt nahe, die privaten Betreiber hätte Ausgaben für Sicherheit und Statik zugunsten ihrer Profite zurückgestellt.
All dies ist der Grund, warum auch viele liberale Ökonomen (zu Beispiel die Wirtschaftsweisen Veronika Grimm und Gabriel Felbermayr), die normalerweise für Privatisierung sind, das österreichische Mautsystem bevorzugen. Es firmiert unter dem sperrigen Namen ASFINAG – Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG. Dabei handelt es sich um ein staatliches Unternehmen, das für das gesamte österreichische Autobahnen- und Schnellstraßennetz (rund 2.200 Kilometer) verantwortlich ist und dafür Maut zu erheben berechtigt ist, die in Österreich nicht strecken-, sondern zeitabhängig erhoben und »Pickerl« genannt wird.
Entwicklungshelfer aus Österreich nach Deutschland
Das Prinzip der ASFINAG ist nicht schwer zu verstehen: Nutzer kaufen Pickerl, daraus entstehen sichere Einnahmen. Gegen diese Einnahmen kann sich die Gesellschaft langfristig verschulden. Mit diesem Geld werden neue Straßen gebaut und alte repariert. Die ASFINAG ist nicht an das staatliche einengende Haushaltsrecht gefesselt, genießt aber als staatliches Unternehmen günstige Zinskonditionen. Die ASFINAG ermöglicht nicht nur die Mobilisierung privaten Kapitals – Kanzler Merz spricht gerne von »hebeln« -, sie arbeitet zugleich unternehmerisch.
Der neue Verkehrsminister – er heißt Steffen Bilger, stammt aus Baden-Württemberg und gehört der CDU an – sollte sich bald in Wien bei seinem österreichischen Kollegen zum Thema ASFINAG schlau machen – der heißt Peter Hanke, gehört der SPÖ an und ist ein Wiener. Als nächstes müsste dann eine deutsche ASFINAG errichtet werden; womöglich leiht der Wiener Kollege ein paar erfahrene österreichische Manager als Entwicklungshelfer nach Berlin aus. Ich wette, das von Andi Scheuer ausgelöste Maut-Trauma der Deutschen wird über die Zeit vergessen werden.
Wenn dann die deutsche Maut funktioniert, könnte Bilger nach vergleichbarem Muster bei der Bahn vorgehen. Schiene und Bahnbetrieb müssten vollkommen getrennt werden. Die Schiene, ein natürliches Monopol, wird von einer deutschen BAFINAG betrieben, die Slots vergibt an konkurrierende Bahngesellschaften (DB, Flixbahn, Italo) und dafür eine Schienenmaut erhebt. Weil die Deutsche Bahn diese ordnungspolitisch klare Trennung jahrelang als »Zerschlagung« verunglimpft hat, gilt es auch hier Trauma zu überwinden. Viel zu tun, Herr Minister Bilger. »Einfach mal machen«, würde Friedrich Merz sagen.
Rainer Hank
18. September 2026
Dem Staat ist nicht zu trauen
Gemeinwohl, egoistische Interessen und der Ökonom Lars P. Feld
Die Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wollen die »Rente mit 63« behalten: Mit ihr kann das Arbeitsleben ohne Abschläge beenden, wer 45 Beitragsjahre geleistet hat. Das widerspricht den Vorschlägen der Rentenkommission, deren Empfehlungen die Bundesregierung zur Grundlage einer großen Reform machen will. Die drei Ministerpräsidenten gehören der CDU an; die »Rente mit 63« ist seit den Tagen von Andrea Nahles ein Lieblingskind der SPD – weshalb jetzt flugs viele Sozialdemokraten den Ost-Ministerpräsidenten beispringen.
Die Ministerpräsidenten führen ins Feld, viele Rentner im Osten hätten bereits mit 16 oder 17 Jahren eine Lehre begonnen. Nach 45 Rentenjahren habe sich so jemand einen früheren Renteneintritt »verdient«. Zudem gebe es in Ostdeutschland erheblich weniger Betriebsrenten und geringere Vermögen, weshalb die gesetzliche Rente dort wichtiger sei als im Westen. Und schließlich hätten sich die Erwerbstätigen auf die »Rente mit 63« (inzwischen: »Rente mit 64«) eingestellt. Wer kurz vor dem Ruhestand stehe, dürfe nicht durch eine Reform überrascht werden.
Die Argumente der Ministerpräsidenten sind nicht aus der Luft gegriffen. Doch sie unterschlagen das Wesentliche: Auch wer mit 16 zu arbeiten begonnen hat, lebt heute deutlich länger, bezieht länger Rente und belastet länger das Rentensystem. Gerade deshalb hat die Rentenkommission empfohlen, die abschlagsfreie Frühverrentung abzuschaffen. Das würde das System – also die jüngeren Beitragszahler – um rund zehn Milliarden Euro im Jahr entlasten. Die gesetzliche Rente ist nämlich keine Kasse, in die man einzahlt, sondern ein Umlagemechanismus, bei dem die jüngeren Beschäftigten die älteren Ruheständler finanzieren – »Generationenvertrag« genannt.
Warum verteidigen die Ost-CDU-Politiker die systemfremde »Rente mit 63«? Die Antwort liegt auf der Hand: Von der Rente mit 64 profitieren vor allem Arbeitnehmer, die Vollzeit gearbeitet haben. In Ostdeutschland gehört die Generation kurz vor dem Ruhestand zum wichtigen Wählerreservoir der AfD. Gerade diese Gruppe spricht die Verteidigung der »Rente mit 63« unmittelbar an. In Sachsen-Anhalt sind im September Wahlen. Die AfD liegt nach aktuellen Umfragen bei 41 Prozent, die CDU bei 24 Prozent. Die AfD verspricht ihren Wählern ein Rentenniveau von – illusorischen – 70 Prozent und mehr.
Politik als Markt
Kein Wunder also, dass die Ost-CDU ihren Wählern rentenpolitisch auch etwas bieten will. Es geht um das Wohl wahlentscheidender Gruppen, nicht um das Gemeinwohl. Es geht um das Wohl von Politikern, deren Geschäftsmodell darin besteht, Wählerstimmen zu maximieren, ein Job, den AfD-Politiker derzeit erfolgreicher betreiben als die Männer der CDU.
In dieser Erklärung zeigt sich: Man kann Politik wie einen Markt analysieren, indem man, völlig moralfrei, Kosten und Nutzen der handelnden Personen gewichtet. Politiker sind rationale Akteure, und der Staat ist kein »benevolenter Diktator«, der das Beste für seine Untertanen im Sinn hat. Politiker handeln nicht gemeinwohlorientiert, sondern verfolgen wie alle Menschen ihre eigenen Interessen. Partielle Interessen organisierter Gruppen – Rentner oder Arbeitnehmer, die bald Rentner werden – sind wichtiger als die Gesamtheit der Steuer- oder Beitragszahler. Wenn es stimmt, dass Politiker stimmenmaximierende Eigeninteressen verfolgen, hilft es wenig, auf »bessere« Politiker zu hoffen. Besser wäre es, Regeln und Institutionen zu schaffen, die den rationalen Egoismus von Politikern begrenzen.
Eine Erklärung für dieses Verhalten von Politikern liefert eine prominente ökonomische Schule: Sie heißt »Public Choice«, weil es ihr darum geht zu untersuchen, wie politische Entscheidungen tatsächlich getroffen werden. Warum beschließt ein Parlament höhere Ausgaben? Warum wächst der Staat? Warum werden Subventionen kaum abgeschafft? Warum setzen sich bestimmte Interessengruppen durch – und andere nicht?
Public Choice entstand in den sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten. Bekanntester Vertreter der Schule ist der Ökonomie-Nobelpreisträger James M. Buchanan (1919 bis 2013). Public Choice teilt die Überzeugung der sogenannten Institutionenökonomik, wonach eine gute Gesellschaft vor allem gute Institutionen (Eigentumsrechte, Gerichte, Verfassungen) braucht.
Es sind nach Auffassung der Vertreter der Public Choice vor allem zwei Riegel, die den Partikularegoismus der Politiker begrenzen: Einerseits braucht es weniger, andererseits braucht es mehr Demokratie. Einerseits sind Regeln und Institutionen erforderlich, die die parlamentarische Demokratie beschränken. Paradebeispiel dafür ist die Schuldenbremse, die die Ausgabenfreude von Politikern zügelt. Oder eine unabhängige Zentralbank, die das inflationstreibende Begehren der Politiker souverän ignoriert. Andererseits braucht es mehr direkte Demokratie, die das Volk stärker an politischen Entscheidungen und der Finanzierung dieser Entscheidungen beteiligt und damit ebenfalls die Macht der Politiker in den Parlamenten begrenzt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass in direkt-demokratisch verfassten Gesellschaften weniger subventioniert und weniger Steuern erhoben werden, die Staatsverschuldung geringer ist – bei gleichzeitig höherer Wirtschaftsleistung pro Kopf und höherer Lebesnszufriedenheit der Menschen.
Lars Feld – der Liberale
Woher weiß ich, was ich hier schreibe? Die kurze Antwort heißt: Von Lars P. Feld. Der liberale Ökonom gehört zu einer Generation von deutschen Forschern, die Finanzwissenschaft, Institutionenökonomik, Public Choice und die Freiburger Schule des Ordoliberalismus zusammengeführt haben. Gemeinsam mit seinem früh verstorbenen akademischen Lehrer Gebhard Kirchgässner hat Feld gezeigt, dass der »Homo Oeconomicus« kein lebensfernes Konstrukt ist und dass die segensreiche Wirkung guter Institutionen auch empirisch belegt werden kann – vor allem am Beispiel der Staatsverfassung der Schweiz: Feld, ein Saarländer, ist an der Hochschule St. Gallen akademisch groß geworden. Seit er 2010 zum Direktor des Walter Eucken Instituts (sic!) in Freiburg berufen wurde, hat er sich mit ökonomischer Politikberatung nicht nur akademisch, sondern auch praktisch beschäftigt – unter anderem als Vorsitzender der »Fünf Weisen« und als persönlicher Berater des Ampel-Finanzministers Christian Lindner (FDP) von 2022 bis 2024. Dabei hat er nicht nur die Macht, sondern auch die Grenzen solcher Beratung kennengelernt, so wie es seine eigene Theorie erwarten lässt: Dem rational handelnden Politiker ist der nächste Wahltag näher als der Rat seines Ökonomen. An diesem Sonntag, dem 9. August, feiert Lars P. Feld seinen 60. Geburtstag – in der Bretagne, wie man hört.
Rainer Hank
18. September 2026
Ein Lob der Kirche
Warum Europa den Mönchen seinen Wohlstand verdankt
Als Marco Polo im späten 13. Jahrhundert China besuchte, nannte er Hangzou »die größte Stadt, die es gibt oder je gegeben hat«. Die Einnahmen des Großkhans aus der Salzsteuer seien höher als die irgendeines christlichen Königs.
Fünfhundert Jahre später, zur Zeit des großen europäischen Aufklärers Adam Smith, galt China dagegen als stagnierende Wirtschaft, die immer weiter hinter Westeuropa zurückfiel.
Holzschnittartig gesagt: Um 1000 ist China in fast jeder Hinsicht Europa überlegen. Um 1800 ist Europa China weit voraus.
Die Erklärung dieser Fortschritts- und Wohlstandskehre gehört zu den großen Rätseln der Geschichte. Generationen von Historikern haben versucht, »The Great Divergence« zu erklären, eine fast tausend Jahre klaffende Wohlstandsdifferenz zwischen China und Europa. Überzeugende Deutungen dieses Rätsels sind heute deshalb besonders brisant, weil sich womöglich die Asymmetrien jetzt umkehren – und womöglich abermals tausend Jahre währen könnten.
Was wurde nicht alles in die Debatte geworfen: Mal sollte es der Atlantikhandel (Sklaverei!) gewesen sein, der Europa reich machte. Mal galt die Idee, die Kohlevorräte in der Erde zu fördern, als Voraussetzung des europäischen Wirtschaftswunders. Eine mir besonders sympathische Deutung stammt von dem Wirtschaftshistoriker Eric Jones (»The European Miracle«, 1981): Für Jones war es die politische Fragmentierung Europas, insbesondere der Wettbewerb zwischen den italienischen Stadtstaaten der Renaissance, der der Zentralisierung des chinesischen Großreiches langfristig überlegen war. In der Diskussion hält sich weiterhin Max Webers These vom Kapitalismus fördernden Geist des Protestantismus.
Clan oder Korporation?
Wer sich in diesem überfischten Meer der Deutungen tummelt, von dem werden Originalität und intellektuelle Kreativität erwartet. Das unlängst erschienene Buch »Two Paths to Prosperity« der Wirtschaftshistoriker Avner Greif, Joel Mokyr und Guido Tabellini leistet diese schöpferische Zerstörung älterer Theorien. Die drei Autoren sind anerkannte Forscher – Mokyr erhielt 2025 den Ökonomie-Nobelpreis. Aus ihren bisherigen Arbeiten durfte man erwarten, dass sie kulturellen Entwicklungen und der Evolution politischer und rechtlicher Institutionen besondere Erklärungskraft zuschreiben. So kommt es dann auch. Doch um welche Institutionen es sich dabei handelt, das ist ziemlich aufregend.
Zunächst: Europa hat China deutlich früher eingeholt als lange angenommen: Ausgerechnet im christlichen Mittelalter, das in unaufgeklärten Kreisen bis heute als finster gilt. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts wäre dann Folge, nicht Ursache der Divergenz.Dreh- und Angelpunkt für die Forscher ist der Gegensatz zwischen Clans und Korporationen. In China dominierten Familienbünde die Politik und Wirtschaft, während in Europa familienfremde Institutionen das Leben bestimmten. Diese Korporationen erwiesen sich langfristig anpassungsfähiger als die Clans.
Clans beruhen auf Abstammung, Verwandtschaft und gemeinsamen Ahnen. Sie bieten soziale Sicherheit, Ausbildung, Kredit und Konfliktregelung auf der Basis familiären Vertrauens. Einem Clan gehört man durch Geburt an; man kann in ihn weder ein- noch austreten. Lange Zeit funktionierte dieses System in China hervorragend.
Doch langfristig hatte das Clansystem einen Nachteil. Es erzeugte enges Vertrauen innerhalb der Verwandtschaft, aber nur begrenzt darüber hinaus. Mit wachsender Arbeitsteilung wurden Gesellschaften erfolgreich, die Menschen in immer neuen Organisationen zusammenführen konnten. Dem kam entgegen, dass in Europa Familienbande zunehmend schwächer wurden, woraus auf Dauer ein wirtschaftlicher Vorteil resultierte. Verantwortlich dafür waren ausgerechnet die christlichen Klöster und damit verbunden das kirchliche Eherecht. Schon seit der Spätantike verbot die Kirche die Cousinen- und Schwagerehe, bei der die Witwe den Bruder ihres verstorbenen Mannes heiratet. Das war eigentlich ökonomisch sinnvoll: Die Witwe bleibt versorgt, Kinder bleiben in derselben Abstammungslinie, der Clan verliert kein Eigentum. Solche Clanstrukturen hat die Kirche schrittweise untergraben. Zugleich – ziemlich revolutionär – durfte eine Ehe nur mit Zustimmung der Partner geschlossen werden. Das kirchliche Eherecht erzeugt die soziale Nachfrage nach Korporationen.
Der Klerus schwächt die Familie: gut so.
Die Folge: Die Schwächung der Familie ausgerechnet durch den Klerus nötigte die Menschen in Europa zu Kooperationen außerhalb der Familie – also mit Fremden. Der christliche Universalismus – jeder kann mein Nächster sein – erweiterte den wirtschaftlichen Radius. Die Kirche half unbeabsichtigt, dauerhaft Organisationen außerhalb von Familie und Staat zu etablieren. So entstanden Zünfte, Universitäten, Handelsgesellschaften bis hin zur Aktiengesellschaft – alles Organisationen, in denen Menschen miteinander »regelbasiert« kooperierten, ohne miteinander verwandt zu sein.
Klöster als Vorläufer der AG? Das muss man erst einmal bringen. Dass Kirche und Zünfte im Lauf der Geschichte in Orthodoxie erstarrten und Konkurrenz verhinderten, ist für die Autoren kein Einwand. Sie sagen nicht: Korporationen sind per se gut. Sie sagen lediglich, eine Gesellschaft, die so flexibel ist, ständig neue Korporationen hervorzubringen, ist gut. Als die Kirche sich später Markt und Wettbewerb widersetzte, entstanden wirtschaftsfreundliche Akademien, wissenschaftliche Gesellschaften und Universitäten neuen Typs, die der Aufklärung und nicht der Dogmatik verpflichtet waren. Die Erben dieser Familienbande sprengenden Korporationen schufen die Voraussetzung für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und repräsentativ-liberaler Demokratie.
Will man Greif, Mokyr und Tabellini ihre steile These abkaufen? Sie ist gewöhnungsbedürftig, hat aber gute historische Vorarbeiten auf ihrer Seite.
Heute beweist China, dass auch hierarchische Systeme Innovationen hervorbringen können. Kommt jetzt also wieder ein Jahrtausend Chinas? Greif, Mokyr und Tabellini bleiben der universalistischen Institutionenidee Europas treu: »Demokratien sind langsam und konfliktreich, aber sie enthalten Mechanismen des Lernens und der Fehlerkorrektur«, sagte Guido Tabellini jüngst in einem Interview. Innovationen erfordern Fehlertoleranz, Dissens und Wettbewerb zwischen Ideen. Autoritär-hierarchische Systeme fördern langfristig eher das, was den Machthabern nützt als das, was sie infrage stellt.
Europas größte Gefahr besteht darin, dass seine politische Fragmentierung – einst seine Stärke – es heute gegenüber größeren und aggressiven Mächten besonders verwundbar macht. Chinas Gefahr ist das Gegenteil: seine außerordentliche Leistungsfähigkeit könnte Schwierigkeiten bekommen, deren institutionellen Grundlagen zu erneuern. Das Spiel ist offen.
Rainer Hank
06. August 2026
Stille Tempel in Kyoto
Overtourims, Folge 2
Der britische Rockmusiker David Bowie (1947 bis 2016) liebte die japanische Stadt Kyoto über alles. Zeitweise erwog er, sich dauerhaft dort niederzulassen. Sein Lieblingsort war der stille Zen-Tempel Shoden-ji im Norden der Stadt. Besonders faszinierte ihn der Trockenlandschaftsgarten Karensansui mit dem natürlichen Panorama des Berges Hiei im Hintergrund.
Als wir im vergangenen Herbst Kyoto besuchten, hatten uns Freunde den Shoden-ji sehr ans Herz gelegt und wir ließen uns von einem Führer dorthin bringen. Der Führer kannte den Tempel und freute sich über unseren Wunsch: Selten nur wollten Touristen dorthin. Es war eine wunderbare Morgenstimmung; wir konnten David Bowie gut verstehen – und wir waren die einzigen Besucher an diesem Vormittag.
Dafür hatten wir den berühmten Goldenen Pavillon Kinkaku-ji ausgelassen. Nicht aus Arroganz, sondern eher aus Zeitgründen. Man kann an drei Tagen nicht alles sehen. Zuhause wurden wir ständig auf den Goldenen Pavillon angesprochen und für Ignoranten gehalten. Niemand würde Paris besuchen und den Eiffelturm links liegen lassen.
Kyoto hat über 1.600 buddhistische Tempel und rund 400 Shinto-Schreine. Die Mehrheit der Touristen besucht jedoch immer dieselben zehn bis fünfzehn Orte, der Goldene Pavillon rangiert auf Platz Eins. Kein Wunder, dass der hoffnungslos überfüllt ist. Die Stadt war immer schon beliebt, wird aber immer beliebter: Im Jahr 2000 zählten die Statistiker 40 Millionen Touristen, 2025 waren es 56 Millionen. Alle wollen zum Goldenen Pavillon, kaum einer zum Shoden-ji. Fast alle Besucher des Goldenen Pavillons kommen zwischen 10 und 15 Uhr im Rahmen organisierter Rundreisen. Dadurch entstehen extreme Spitzenbelastungen, obwohl der Tempel den ganzen Tag über geöffnet ist.Mein Thema ist der »Overtourism«. Am vergangenen Wochenende hatte ich über Südtirol geschrieben, sozusagen das europäische Kyoto. Dort soll der Übertourismus mit einem Bettenstopp eingedämmt werden, also einem Verbot der Mengenausweitung von Hotelbetten. Ich hatte argumentiert, dass dies keine gute Idee sei: Bestehende Hotelbesitzer gewinnen, weil ihre Kapazitäten wertvoller werden; neue Anbieter haben es schwerer, Gäste zahlen höhere Preise ohne bessere Leistungen. Ausnahmen und Fristen führen paradoxerweise zu einem Bettenboom anstatt einer Bettenverknappung. Ich hatte versprochen, in einer zweiten Folge bessere Lösungen des Overtourismus-Problems zu präsentieren.
Kein Mengen-, sondern ein Koordinierungsproblem
Kommen wir deshalb auf Kyoto zurück. Der Goldene Pavillon ist nicht deshalb überlaufen, weil Kyoto »zu viele« Touristen hätte. Vielmehr konzentrieren sich sehr viele Menschen auf dieselben zehn Sehenswürdigkeiten. Das kann man psychologisch und marketingmäßig erklären. Psychologisch verbirgt sich dahinter eine Art Herdentrieb: Wo alle hinwollen, wollen immer noch mehr hin. Dass sich dieses Verhalten durch die sozialen Netzwerke (Insta, Tiktok) verstärkt, ist bekannt. Merkwürdigerweise genügt es den Followern nicht, die Fotos zu sehen. Nein, sie wollen selbst an die Quelle, um das zu bewundern, was sie bereits digital zu sehen bekommen haben. Es scheint eine Art auratisches Bedürfnis zu geben, das der Begegnung mit dem »Original« einen Mehrwert zuspricht. Marketingtechnisch heißt das: Kein Studiosus-Reisebüro dieser Welt kann es sich leisten, den Goldenen Pavillon nicht ins Programm zu nehmen. Welche Blamage, wenn die Reisenden dies zuhause beichten müssten.
Overtourismus ist kein Mengen-, sondern ein Koordinationsproblem. Wenn man die 56 Millionen Touristen zwischen 8 und 20 Uhr auf die 1600 Tempel und 400 Schreine verteilen würde, würde sich die Lage entspannen. Koordinationsprobleme lassen sich plan- oder marktwirtschaftlich lösen. Planwirtschaftler würden Kontingente festlegen und die Touristen auf einzelne Tempel verteilen. Das würde erfahrungsgemäß einen Schwarz- und Tauschhandel im Netz nach sich ziehen: »Zahle 50 Dollar für Slot im Goldenen Pavillon, biete dafür den Ōtagi Nenbutsu-ji.«
Die marktwirtschaftliche Lösung des Koordinationsproblem geht über Preise. Statt die Zahl der Touristen insgesamt zu begrenzen, könnte man in den zehn beliebtesten Tempeln Eintritt nehmen, während die anderen frei besuchbar wären. Ein Teil der Touristen würde ausweichen, die Einnahmen des Goldenen Pavillon stiegen und die Besucherströme würden sich entzerren.
Preise statt Verbote oder Mengenbegrenzungen wäre also mein Vorschlag. Koordinierend hinzu kommen müssten transparente Informationen. Apps könnten – vergleichbar unseren Tankstellen-Apps – zeigen, welche Tempel gerade besonders voll sind und welche nahezu leer. Diese Apps könnte zugleich Fotos zeigen, die beweisen, dass andere Tempel auch schön und interessant sind. Das Bepreisungsverfahren ließe sich beliebig differenzieren und durch Anreize verfeinern: Am frühen Morgen und am späten Abend wird es billiger; Kombitickets und Rabatte könnten weniger besuchte Orte attraktiver machen.
Knappheiten bepreisen
Der ökonomische Gedanke hinter meinem Vorschlag, Knappheiten zu bepreisen, ist im Grunde nichts anderes als die gute alte Kurtaxe, also einer Steuer, die die Ökonomen Pigou-Steuer nennen und die vor allem in der Umweltpolitik beliebt ist (CO2–Steuer). Wer eine knappe Infrastruktur nutzt, zahlt dafür. Der Preis steigt dann genau dort, wo die Knappheit entsteht. Das fände ich gerecht. Und es wäre effizient.
Doch bekanntlich lässt sich das ökonomische Lehrbuch nicht so leicht in die Realität übertragen. Politiker greifen lieber zu Verboten; das kommt entschlossen daher. Niemand zahlt gerne höhere Gebühren. Und auch hier gibt es Ausweichreaktionen: Wenn der beliebte Wanderparkplatz künftig Gebühren kostet, parken die Touristen unerlaubt auf angrenzenden Waldwegen. Der Vorwurf liegt nahe, Natur und historische Städte würden verkauft und musealisiert. Die Linken werden eine soziale Ungleichheit ausmachen, weil die Aura des Originals nicht substituierbar ist, und einwenden, dann könnten sich nur die Reicheren den Goldenen Pavillon leisten. Und die Grünen fügen hinzu: Ein Wanderplatz oder eine Stadt (Venedig), deren Zugang bepreist wird, begrenzen zwar die Nachfrage: das schützt aber weder die zerstörte Natur, noch stoppt es Vandalismus und Verfall der Städte.
Übersehen wird von den Gegnern, dass die durch die Pigou-Steuer generierten Einnahmen für Investitionen in Umweltschutz und Infrastruktur zur Verfügung stünden (analog zum geplanten Klimageld).
Patentlösungen gibt es nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der ökonomischen Idee, Knappheiten marktwirtschaftlich zu bepreisen und der hilflosen Praxis der Politiker, die Knappheit planwirtschaftlich verwalten. Der Tourismus könnte davon profitieren, öfter auf die Ökonomen zu hören.
Rainer Hank
