Rainer Hank als Illustration

Hanks Welt

‹ alle Artikel anzeigen
  • 12. Oktober 2026
    Viele Waffen, wenig Ideen

    Kampfdrohne im Anmarsch Foto unsplash

    Dieser Artikel in der FAZ

    Die deutsche Kriegswirtschaft ist ein ökonomisches, kein ethisches Problem

    In der Krise der deutschen Industrie entdecken viele Unternehmen einen neuen Wachstumsmarkt: den Staat. Volkswagen, ein besonders gebeutelter Autokonzern, will sein Werk in Osnabrück verkaufen: später sollen dort unter israelisch-deutscher, privat-öffentlicher Partnerschaft Komponenten für die Luftverteidigung gebaut werden. Deutz, ein Hersteller von Baumaschinenmotoren, baut eine eigene Verteidigungssparte auf. Eine große Zahl weiterer Unternehmen will ihr bestehendes Knowhow stärker militärisch nutzen. Sensorik (Bosch, Jenoptik), Antriebstechnik (ZF Friedrichshafen) oder Lasertechnik (Trumpf) liefern Komponenten, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden. Man nennt das »Dual Use«: seit der Zeitenwende tritt der militärische »Use« in den Vordergrund.

    Wo eine neue Nachfrage ist, da findet sich auch ein Angebot. Die Rechnung ist verführerisch. Auf der einen Seite schrumpft oder stagniert die traditionelle deutsche Industrie. Die Autoindustrie kämpft mit Überkapazitäten, schwacher Nachfrage und der teuren und ungewissen Umstellung auf Elektromobilität; Maschinenbau und Chemie leiden unter hohen Energiekosten, schwacher Konjunktur und der chinesischen Konkurrenz. Auf der anderen Seite steht ein solventer Kunde: der Staat. Deutschland hat sich verpflichtet, seine Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen und verschuldet sich dafür über Jahre in Milliardenhöhe. Zugleich wollen die Europäer einen größeren Teil ihrer Rüstungsgüter innerhalb der EU produzieren. Für einen Maschinenbauer, der Motoren, Sensoren, Getriebe oder Laser beherrscht, liegt der Gedanke nahe: Warum eine vorhandene Fabrik stilllegen, wenn sich mit denselben Ingenieuren, Arbeitern und Maschinen etwas herstellen lässt, wofür plötzlich sehr viel Geld ausgelobt wird? Strukturwandel nennt man so etwas. Produktionsfaktoren wandern dorthin, wo ihre Grenzerträge höher sind. Opportunismus und Anpassung sind für Wirtschaftsunternehmen Synonyme – und eine rationale Geschäftspolitik.

    Den Wechsel ethisch zu rechtfertigen, gelingt den meisten Firmen zuweilen holpernd, zumeist aber ganz gut. Als Meister des Reframings erweist sich der aus pietistisch-schwäbischer Tradition stammende Maschinenbauer Trumpf aus Ditzingen. Dort hatte der Gesellschaftervertrag der Familie Leibinger noch im Jahr 2015 festgelegt, Trumpf beteilige sich nicht an der Waffenproduktion. Seit 2025 will man die Laserfertigung auch militärischen Zwecken zur Verfügung stellen, etwa zur Drohnenabwehr – freilich »ausnahmslos mit defensivem Charakter«. Firmenchefin Nicola Leibinger begründet den Schwenk nicht etwa wirtschaftlich, sondern »als staatsbürgerliche Pflicht, uns zu engagieren«. Der Wechsel von einer friedfertigen Gesinnungsethik zu einer staatsbürgerlich-christlichen Verantwortungsethik ist deutschen Protestanten noch nie besonders schwergefallen.

    Eine moralische Zeitenwende

    Trumpf ist nicht allein. Die Industrie redet heute von Schutz, Sicherheit, Resilienz und Verantwortung. Was noch vor wenigen Jahren reputationsgefährdend war, lässt sich seit Putins Angriffskrieg in der Ukraine als Dienst an Demokratie, Freiheit und »westlichen Werten« beschreiben. Waffenproduktion hätte die »Generation Bonner Hofgarten« in Deutschland als moralisch anrüchiges Geschäft verurteilt. Inzwischen gilt das als Beitrag zur Sicherheit und also ethisch geboten. Die Zeitenwende ist auch eine moralische Zeitenwende.

    Kritischer muss das ökonomische Urteil ausfallen. Die neuen Gewinne entstehen nicht dadurch, dass Verbraucher ein besseres Produkt kaufen. Sie entstehen, weil der Staat sehr viel Geld ausgibt. Staatsnachfrage ersetzt Marktnachfrage. Das macht abhängig von politischen Entscheidungen. Seit Dwight D. Eisenhower ist vom »military-industrial complex« die Rede. Ausgerechnet der Fünf-Sterne-General des Zweiten Weltkriegs und republikanische Präsident warnte in seiner Abschiedsrede im Januar 1961 vor der dauerhaften Verbindung von Rüstungsindustrie, Militär und Politik. Seine Sorge entsprang nicht primär einem Pazifismus, sondern hatte eine politökonomische Begründung: Ein einmal entstandener Industriekomplex schafft sich Interessen, Budgets und politische Rechtfertigungen, die sich anschließedn verstetigen.

    Je größer das Geschäft mit dem Staat wird, desto wichtiger wird zwangsläufig die Nähe zum Staat. Die Rüstungsunternehmen und die, die es werden wollen, unterhalten längst eigene Hauptstadtrepräsentanzen und pflegen den regelmäßigen Dialog mit Ministerien und Abgeordneten. Lobbyismus ist legitim und rational. Aber er illustriert Eisenhowers Problem: Wo der Staat der wichtigste Kunde ist, gehört aufwendige Lobbyarbeit zum Geschäftsmodell.

    »Rentseeking«, das Abschöpfen staatlicher Ausgaben, tritt an die Stelle »kreativer Zerstörung«, was das genuine Innovationsgeschäft der Unternehmen wäre. Der französische Ökonom und Nobelpreisträger Philippe Aghion hat diesen Gedanken Joseph Schumpeters zum Zentrum seiner Wachstumstheorie gemacht. Wohlstand entsteht, wenn Unternehmen etwas Neues erfinden, das etwas Altes verdrängt. Sie tun das nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil sie sich davon hohe Gewinne versprechen. Diese Gewinne sind die Belohnung für das Risiko der Innovation.

    Fällt der Industrie sonst nichts mehr ein?

    Das Gegenmodell ist der Unternehmer, der seine Energie darauf verwendet, sich staatlich geschützte Einnahmen zu sichern. Er versucht, Konkurrenz fernzuhalten, Subventionen zu bekommen oder staatliche Aufträge zu ergattern. Auch das ist rational. Aber für die Volkswirtschaft macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ein Unternehmen reich wird, weil es ein Produkt entwickelt, das Millionen Menschen kaufen wollen – oder weil es besonders erfolgreich darin ist, an staatliches Geld zu kommen. Im ersten Fall entsteht Wachstum durch Innovation. Im zweiten Fall wird vor allem um die Verteilung vorhandener Steuermittel gekämpft.

    Das schließt nicht aus, dass auch die Rüstung Innovationspotential hat (Robotik, KI). Doch das zentrale Rätsel lautet also: Warum gehen so viele Firmen in die Rüstung? Warum entstehen in Deutschland derzeit so wenige attraktive zivile Wachstumsbranchen? Klar, weil das Staatsgeld auf der Straße liegt. Aber womöglich auch, weil Unternehmern und ihren Kapitalgebern nichts Neues einfällt. Das Problem ist nicht, dass sie Waffen bauen. Deutschland muss »kriegstüchtig« (Boris Pistorius) werden. Das Problem ist, dass sie zunehmend keine besseren Ideen mehr haben.

    Der Boom der Rüstungsindustrie offenbart die Innovationsschwäche der deutschen Wirtschaft. Oder haben wir etwas übersehen und schlummern die neuen schumpeterschen »Hidden Champions« längst in den Bergen des Siegerlandes und der Schwäbischen Alb?

    Rainer Hank