Rainer Hank als Illustration

Hanks Welt

‹ alle Artikel anzeigen
  • 03. August 2026
    Bettenstopp bringt Bettenboom

    Ziel Dolomiten Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Overtourism, Folge 1

    Südtirol, das war in meiner Jugend der Inbegriff des Spießigen. Die Deutschen, die da ihre Sommerferien verbrachten, trugen rot-weiß karierte Hemden und Kniebundhosen, hatten kleine Filzhütchen mit Edelweißabzeichen auf dem Kopf und einen Holzstock zum Wandern, der ebenfalls mit allerlei Gipfel-Trophäen beschlagen war. Abends aßen sie Knödel und tranken einen wässrigen Rotwein mit Namen Lagrein Kretzer. Man machte Ferien in der Frühstückspension, Zimmer mit fließend warm und kalt Wasser (das war ein Fortschritt gegenüber der Waschschüssel).

    In Südtirol gab es Sonne. Das war der Unterschied zum Österreich-Urlaub, wo es gefühlt eigentlich immer regnete. So jedenfalls sind die Bilder, die ich im Kopf habe. Wahrscheinlich stimmt daran allenfalls die Hälfte, der Rest ist verwaschenes Klischee.

    Inzwischen kenne ich eigentlich niemanden mehr, seien es ältere oder jüngere Freunde, die noch nie in Südtirol waren. Aus den engen Privatzimmern sind inszenierte Erlebniswelten geworden im »Alpin-Lifestyle« mit Infinity-Pool im hoteleigenen Park und privatem Jacuzzi vor der Junior-Suite. Die Hotels nennen sich Lodges (wie in Namibia) und bieten abends eine fünfgängige Gourmetküche. Man trinkt, falls überhaupt noch Alkohol, dunklen Lagrein, nicht mehr den wässrigen Kretzer. Die Restaurantbewerter loben die Synthese zwischen mediterraner und k.u.k-Küche (die Rotebeeteknödel sind wahrscheinlich vegan). Heute trifft sich nicht mehr die untere, sondern eher die obere Mittelschicht in Südtirol. Inzwischen haben dank Insta und Tiktok auch US-Amerikaner und Asiaten das Grödnertal und die Seiser Al entdeckt.

    Das lässt sich alles in touristischen Zahlen beschreiben. Während Südtirol in den 70er Jahren rund 10 bis 15 Millionen Übernachtungen im Jahr verzeichnete, stieg die Zahl bis 1980 auf 17 Millionen und hat sich heute auf über 38 Millionen mehr als verdoppelt. Aus dem Saisongeschäft ist Ganzjahrestourismus geworden mit Biker-Touren im Frühling und »Törggelen«-Erlebnis im Herbst. Schlepplifte wichen hochmodernen Kabinenbahnen – Beschneiungsanlagen sorgen für die Illusion weißer Berge. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegt Südtirol europaweit auf Platz Drei der tourismusintensivsten Destinationen hinter griechischen Inseln wie Mykonos oder Rhodos.

    Südtirol: Fluch des Erfolgs

    Der Fremdenverkehr ist der entscheidende Katalysator, der Südtirol in den vergangenen fünfzig Jahren von einer armen, agrarisch geprägten Bergregion zu einer der wohlhabendsten Provinzen Europas transformiert hat. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 60.000 Euro pro Kopf liegt Alto Adige unangefochten an der Spitze Italiens (doppelt so hoch wie im südlichen Mezzogiorno) und weit über EU-Durchschnitt (Thüringen liegt bei 37.000 Euro). Der sogenannte »Sicker-Effekt« leitet die Einnahmen vom Tourismus über Handwerk und Bauwirtschaft bis zu Wein, Äpfel, Speck und Milchprodukten. Der Kofferraum ist übervoll, wenn unsere Freunde aus Bozen oder Meran zurückkommen.

    Inzwischen ist der Erfolg für viele in Südtirol zum Fluch geworden: verstopfte Straßen, ganz abgesehen von der Dauerbaustelle am Brenner, Dichtestress, Zersiedelung der Landschaft und vieles andere weisen auf einen Konflikt zwischen Tourismus und Lebensqualität. Die Einheimischen fürchten, der Fremdenverkehr, der sie reich gemacht hat, könnte sie bald arm machen. Man will nicht das Schicksal der Bettenburgen in Südeuropa erleiden, die aufgrund von Hitze und architektonischer Scheußlichkeit leer zu stehen drohen.

    Gegen den Overtourismus soll jetzt ein Bettenstopp helfen. Der geht so: Die Zahl der Gästebetten wird auf das Niveau von Ende 2022 gedeckelt. Das sind ungefähr 232.000 Betten. Neue Betten dürfen grundsätzlich nur dann noch geschaffen werden, wenn an anderer Stelle Betten wegfallen oder innerhalb des festgelegten Kontingents Platz vorhanden ist. Damit soll die Gesamtzahl der Gästebetten nicht weiter steigen.

    Das Konzept mag auf den ersten Blick vernünftig klingen – und moderater sein als in anderen Übertourismus-Regionen: Amsterdam verscheucht seine Gäste mit einer unfreundlichen »Bleib-Weg-Kampagne«. Barcelona lässt bis zum Jahr 2028 alle Lizenzen für Kurzzeitvermietungen auslaufen. In Mallorca gibt es ein komplettes Verbot für den Bau touristischer Mietwohnungen.

    Doch der Bettenstopp in Südtirol hat Konsequenzen, die man hätte mit ein wenig ökonomischem Verstand vorhersehen können. Aus ökonomischer Sicht ähnelt der Bettenstopp nämlich einem staatlich angewiesenen Mengenkartell. Wie immer bei planwirtschaftlich verordneter Knappheit profitieren die Insider. Solange die Nachfrage der Touristen steigt, steigen nach dem simplen Gesetz von Angebot und Nachfrage auch die Preise der Übernachtungen. Die bestehenden Hoteliers streichen die Knappheitsrenten ein. Das kann man unter dem Motto »Qualität statt Quantität« verbrämen, wenn jetzt noch mehr zahlungskräftigere Gäste anreisen, die sich das leisten können. Doch die erhalten lediglich dieselbe Qualität zu höheren Preisen. Das ist weder gerecht noch sozial, wird dafür aber gerne als ökologisches Landschaftsschutzprogramm legitimiert.

    Ein Fall von Torschlusspanik

    Das ist noch nicht alles. Kein Gesetz ohne Ausnahmen. Bevor das Gesetz 2022 beschlossen wurde, hatten viele Hotelbetreiber und Investoren bereits genehmigte Baupläne und Grundstücke. Diese Zusagen können rechtlich nicht einfach ohne Entschädigung kassiert werden. Doch sie verfallen, wenn nicht bis zum 22. September 2026 offiziell der Baubeginn gemeldet wird. Die paradoxe Konsequenz dieser Fristenregelung liegt auf der Hand: Der angekündigte Bettenstopp hat in Südtirol zu »Torschlusspanik« geführt und einen massiven Bauboom ausgelöst. Seit 2022 ist die Gesamtzahl der gemeldeten Gästebetten bis Anfang 2026 nicht wie beabsichtigt gleichgeblieben, sondern um rund 33.000 Betten angestiegen.

    Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in Südtirol kritisiert, dass die Deckelung das Wachstum nicht gebremst, sondern massiv befeuert habe. Die Umweltschützer haben Recht. Aber sie selbst waren Betreiber der Kartelllösung.

    Staatliche Eingriffe in den Markt, so gutgemeint sie sein mögen, bringen im besten Fall nichts. In vielen Fällen – wie hier in Südtirol – verschlimmern Preisinterventionen das Problem, das eigentlich gelöst werden soll. Überbürokratisierung und unübersichtliche Ausnahmen ergänzen den bleibenden Übertourismus.

    Am Ende bleibt die Frage: Gäbe es marktwirtschaftliche Mittel und Wege gegen den Übertourismus? Ja, die gibt es. Ich diskutiere sie in der nächsten Folge von »Hanks Welt«

    Rainer Hank