Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

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  • 19. Juni 2026
    Schwarz-Rot blockiert sich selbst

    Schwarz-Rot Foto Pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Die Koalition sagt den Bürgern nicht die Wahrheit

    »Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.« Keine Bundestagsrede und keine Talkshow über die Reform des Sozialstaats kommt ohne diesen Gemeinspruch aus. Jede Wette – googeln Sie einfach mal oder fragen Sie Ihre KI. Was leistet dieser Satz? Stimmt er?

    Wenn wir kein Erkenntnisproblem haben, sondern »lediglich« ein Umsetzungsproblem, dann ist alles halb so schwer. Dann muss man »einfach mal machen« (CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann) und es wird gut. Wenn der Satz also stimmt, dann braucht man sich auch nicht mehr über »rote Linien« streiten. Aus dem Erkennen, müsste zwingend das Machen folgen. Wenn der Abfluss im Badezimmer verstopft ist, muss das Rohr gereinigt werden.

    Fragt sich bloß, warum die Erkenntnis ihrer Umsetzung harrt. Das kann gemäß der Logik dieser Denkfigur gewiss nicht an den Erkennenden liegen, sondern nur an der Schwäche der anderen. Oder, Maximum der Selbstkritik, es liegt an der unzureichenden Kommunikation. »Wir machen alles richtig, kommunizieren aber nicht ausreichend«, diese Formel ist sozusagen die kleine Schwester des Gemeinspruchs, es hapere lediglich um die Umsetzung. Kanzler Friedrich Merz hat sie als billige Form der Selbstkritik im Repertoire. Dahinter verbirgt sich in Wirklichkeit eine ziemliche Missachtung der Bürger: Die Leute sind schwer von kapisko, also muss man ihnen die Dinge in einfacher Sprache und mehrfach erklären – wie den Kindern.

    Die Denkfigur Erkenntnis versus Umsetzung – das habe ich nachgelesen – ist aus der antiken Philosophie bekannt und heißt »Akrasia«: Ich weiß, was vernünftig ist, tue es aber nicht. Willensschwäche trotz besseren Wissens. Sokrates, wie ihn Plato schildert, hielt Akrasia schlicht für unmöglich. Wer wirklich weiß, was gut und vernünftig ist, der handelt auch danach. Schlechtes Handeln ist immer die Folge von Unwissen. Aristoteles widersprach: Er trennt zwischen Wissen im Besitz und Wissen im Gebrauch. Man weiß, was vernünftig ist, ohne es im Moment des Handelns präsent und handlungswirksam zu haben. Leidenschaft, Gewohnheit oder Trägheit können das Wissen gleichsam außer Kraft setzen.

    Die Politiker der schwarz-roten Koalition, die mit der Denkfigur »Erkenntnis-Umsetzung« hantieren, wären so gesehen Neo-Platoniker: Wenn ihr alle wisst, was zu tun ist, dann macht halt mal voran! Willens- oder Handlungsschwäche werden moralisch verurteilt und als Blockadebegründung nicht zugelassen. Würde man die Weisen nur machen lassen, wäre die Reform des Sozialstaats eine der leichtesten Übungen. Ein bisschen Empathie und Gemeinsamkeitsgedusel – schon läuft’s.

    Haben wir wirklich nur ein Umsetzungsproblem?

    Der klassische Beleg für unseren Gemeinspruch ist die Ruck-Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog vom 26. April 1997. »Übereinstimmend« wüssten alle, dass die hohe Arbeitslosigkeit von über elf Prozent das größte Problem sei, so Herzog: »Wenn sie wirklich meinen, was sie sagen, erwarte ich, dass sie jetzt schnell und entschieden handeln.« Passiert ist nichts. Das Wort »Reformstau« wurde im Jahr der Ruck-Rede zum Wort des Jahres. Man könnte es für das erste Jahr der Regierung Merz wiederbeleben.
    Die Ruck-Redner täuschen die Bürger. Es fängt schon mit der Suggestion an, die Welt des Politischen lasse sich im Modell eines technokratischen Vulgär-Platonismus regieren. Was soll das für eine Erkenntnis sein, die feststellt, dass die Arbeitslosigkeit über zehn Prozent oder die Staatsquote 49 Prozent beträgt? Das ist lediglich Statistik, aus der noch gar nichts folgt. Erkenntnis fängt doch erst an, wenn es darum geht, ob das schlimm ist, wie es so gekommen ist und ob man es ändern oder sollte.

    Und da fängt dann auch der Dissens an. Dieser aber liegt nicht an der schwächelnden Erkenntnisfähigkeit von Politikern. Sondern an unterschiedlichen Grundentscheidungen und apriorischen Voraussetzungen. Ob ein schlanker Staat stark oder schwach ist, lässt sich weder im philosophischen noch im ökonomischen Lehrbuch nachlesen. Wieviel Selbstverantwortung dem Bürger für die Risiken des Lebens (Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit) zugemutet werden soll, ist keine Frage philosophischer oder politikwissenschaftlicher Erkenntnis – sondern eine Frage des Menschenbildes. Wie kommt man zu einem Menschenbild? Schwierige Frage – jedenfalls nicht durch Einsetzung einer Expertenkommission. »Follow the science« ist ein suggestiver Satz mit hohem Ideologieverdacht.

    Machen wir es konkret am Beispiel der Rente. Schon die Diagnose enthält eine Reihe normativer Vorentscheidungen. Wo liegt das Problem: zu hohe Beiträge? Zu niedrige Renten? Zu wenig Kapitaldeckung? Zu geringe Erwerbsbeteiligung? Zu wenig oder eher zu viel Migration (Stichwort: Einwanderung in den Sozialstaat)? Zu große Langlebigkeit relativ zum Renteneintrittsalter? Zu wenig Produktivität? Die Liste ließe sich fortsetzen. Sollte irgendwie alles ein Problem sein, wäre unklar, wie die Anteile gewichtet werden. Und dann geht es erst richtig los: Welche Erkenntnis folgt daraus? Ob mehr private Vorsorge oder eine Erweiterung des Kreises der Beitragszahler (Beamte, Selbständige, Aktienbesitzer) die angemessene Medizin ist? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Bei der Umsetzung sind wir noch lange nicht angekommen.

    Ritual technokratischer Selbstberuhigung

    Fazit: Der Satz »Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem« gehört zum Ritual technokratischer Selbstberuhigung der politischen Klasse. Er klingt entschlossen, postideologisch, pragmatisch und plausibel: Und hat die gewünschte Kraft zu verschleiern, dass er falsch ist. Er ist damit selbst Ausdruck eines Erkenntnisproblems.
    Aber was verschleiert die Denkfigur eigentlich? Es ist die Tatsache, dass im demokratischen Wettbewerb unterschiedliche normative Voraussetzungen um die Gunst der Wähler eifern. Im Wahlkampf vertrat die CDU in relativer Reinform das Konzept eines schlanken, entbürokratisierten (Sozial)staats, der mit dem Geld auskommen müsse, das er durch Steuern einnimmt. Die SPD dagegen hält Staatsschulden für eine Wohltat im Interesse künftiger Generationen und Umverteilung von oben nach unten für ein Gebot sozialer Gerechtigkeit.

    Kompromisse zwischen den beiden »Erkenntnissen« sind nur in Maßen möglich; eine Koalition eigentlich ausgeschlossen. Schwarz-Rot ist ja auch gar nicht zustande gekommen wegen großer politischer Schnittmengen im Interesse einer Bündelung richtiger Erkenntnisse, sondern als Konsequenz des Dogmas von der Brandmauer. Damit wirkt Rot-Schwarz als eine Art Gefängnis der Macht, eine Position, die der SPD die Rolle des Vetospielers zuweist, der davon nachvollziehbar großen Gebrauch macht. Genau diese machtpolitische Realität soll von der Rede verschleiert werden, es gebe lediglich ein Umsetzungsproblem.

    Rainer Hank

  • 19. Juni 2026
    Subventionsjunkies

    Für 9 Euro durch ganz Deutschland Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Staatlich verbilligte Zugtickets bringen gar nichts

    Selten war eine staatliche Subvention so beliebt wie das 9–Euro-Ticket. Von Juni bis August 2022 konnten die Deutschen nahezu fahrpreislos den gesamten öffentlichen Personenverkehr in Deutschland nutzen (mit Ausnahme der Intercityzüge). 82 Millionen Tickets wurden verkauft. Den Steuerzahler kostete das 2,5 Milliarden Euro.

    Das 9–Euro-Ticket sollte zwei politischen Zielen dienen. Es sollte erstens die gestiegenen Lebenshaltungskosten infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine lindern und zweitens ein Instrument zur Dekarbonisierung des Verkehrs werden, weil die Menschen vom Auto auf den Zug umsteigen würden. Nicht zu unterschätzen ist der Zeitpunkt: Nach langen Lockdown-Monaten während der Corona-Krise wurde das Ticket von vielen Menschen als Entschädigung für die staatlich verordneten Freiheitsbeschränkungen begrüßt. Wenn schon kein Freibier für alle, dann aber »Freie Fahrt für freie Bürger« – leider meistens in völlig überfüllten Regionalzügen.

    Die Loblieder auf die Freifahrtscheine ließen keinen Superlativ aus: Für die damalige Ampelregierung möge das Ticket nur ein kleiner Schritt gewesen sein – »für viele Menschen, für die Idee der Demokratie, für gesellschaftliche Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und für das Klima« sei der Schritt aber riesengroß gewesen, schwärmte ein Autor der taz. Volker Wissing, damals Verkehrsminister der FDP, einer Partei, die normalerweise Subventionen nicht gut findet, schloss sich der Feierlaune an: Das 9–Euro-Ticket nannte er »die beste Idee für den Bahnverkehr seit langem«. Okay, später ist er dann aus der Partei ausgetreten.

    Wem nützt das 9–Euro-Ticket?

    Bis heute ist der Ruf nach einer Neuauflage des 9–Euro-Tickets nicht verstummt. Kürzlich hat die Grünen-Fraktion im Deutschen Bundestag in der aktuellen Energiekrise die Wiedereinführung für drei Monate gefordert. Schwarz-Rot ist dem Aufruf bekanntlich nicht gefolgt, hat stattdessen einen Tankrabatt für alle Autofahrer beschlossen.
    Hat das 9–Euro-Ticket tatsächlich die Mobilität verändert – insbesondere die Verlagerung vom Auto auf die Schiene bewirkt und damit für das Klima einen Nutzen gebracht? Falls ja, stand der Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis zur Höhe der Subventionen?

    Genau das hat sich eine aktuelle Studie einer Gruppe von Ökonomen des Ifo-Instituts, der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Salzburg zum Ziel gesetzt. Die Studie ist jetzt im »Journal of Public Economics« erschienen. Ich erreiche Sarah Necker, eine der Autorinnen, an der amerikanischen Eliteuniversität Cornell. Dort forscht sie über Maßnahmen zur Verbesserung ökonomischer Bildung der Bürger. Die Lektüre ihrer Studie zum 9–Euro-Ticket kann selbst dazu beitragen, die ökonomische Kompetenz zu verbessern und skeptisch zu werden gegen verführerische Subventionen.

    Bevor ich das Ergebnis der Forscher verrate, sind ein paar Bemerkungen über die Methode der Studie angebracht. Denn die ist ziemlich originell: Es wurden Mobilitätsdaten von rund 10 Millionen anonymisierter Einzelfahrten ausgewertet, die über Mobilfunkbewegungen erfasst wurden. Damit kann man Zug- und Straßenfahrten und deren Veränderungen erkennen. Zweitens wurden Verkehrszähldaten auf Bundesstraßen und Autobahnen untersucht. Das geht inzwischen automatisch über Kameras, Laserscanner oder Induktionsschleifen im Asphalt. In den sechziger Jahren konnten wir uns als Schüler ein Taschengeld verdienen, wenn wir uns mit Handzählern am Straßenrand den Abgasen aussetzten. Drittens nutzten die Forscher Datensätze von »zugfinder.de« mit allen planmäßigen und tatsächlichen Ankunftszeiten der Züge.

    Nun das Ergebnis: Das 9–Euro-Ticket lockte Menschen massenhaft in die Züge –, die den Billigfahrschein vor allem für Freizeitfahrten nutzten. Ein Umstieg vom Auto auf die Bahn hingegen hat kaum stattgefunden. Die wenigen eingesparten CO2–Emissionen stehen in keinem Verhältnis zu den hohen Kosten für den Staat.

    Wer zwei Fliegen schlägt, trifft keine

    Dazu ein paar Zahlen. Der Autoverkehr ging zurück, aber lediglich in geringem Umfang. Die Zahl der Fahrzeuge an Zählstationen reduzierte sich gerade einmal um 1,4 Prozent. Dagegen erhöhten sich die Zugfahrten um rund 35 Prozent. Das bedeutet: Die überwiegende Mehrheit der zusätzlichen Zugfahrten war neu induzierter Verkehr von Menschen, die sonst gar nicht gereist wären. Oder polemisch gesagt: die Menschen leisteten sich von ihren oder anderer Leute Steuern ein kollektives Freizeitvergnügen vorzugsweise am Wochenende und in ländliche Tourismusziele. Wie immer, wenn es etwas umsonst gibt, verschlechterte sich die Servicequalität. Die Züge waren hoffnungslos überfüllt und kamen deutlich später an – mit Dominoeffekten für die Verspätungen des Fernverkehrs.

    Individuell kann man daraus durchaus einen »sozialen Mehrwert« errechnen; bloß für das Klimaziel war es vor allem Geldverschwendung. Rechnet man die staatlichen Zuschüsse auf die eingesparte Tonne CO2 runter, kommt man auf Kosten von 6140 Euro. Denselben positiven Klimaeffekt bekommt man mit dem Emissionshandel schon für einen Einsatz von 100 Euro. Die Berufspendler nahmen auf dem Weg zur Arbeit weiterhin das Auto, das durch den Tankrabatt zusätzlich attraktiver geworden war.

    Bleibt ein letzter Vorzug der Befürworter des 9–Euro-Tickets: Es habe eine fantastische Vereinfachung des undurchschaubaren Tarifdschungels gebracht. Das stimmt. Aber auch hier darf man nach dem Preis fragen: Das 9–Euro-Ticket ist sozial und regional ausgesprochen unscharf. Es profitieren viele Menschen, die die Subvention gar nicht nötig hätten. Das Nachsehen hatten Bürger in ländlichen Gegenden, in denen es weder Züge noch Busse gibt. Dass es schließlich für den Preis unerheblich ist, ob einer zehn oder hundert Kilometer fährt, ist zwar das Wesen einer Flatrate – gerecht ist es aber trotzdem nicht.

    Am Ende zeigt sich wieder einmal: Wer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will, trifft keine. Das Klimaziel würde man mit viel weniger Geld viel genauer erreichen. Das soziale Ziel ebenfalls – etwa durch Transfers an Bedürftige statt durch pauschale Rabatte für alle. Am Ende bleibt das gute Gefühl der Menschen übrig, dass es etwas umsonst gibt. Man nennt es Geld-Illusion. Der Nutzen erscheint sichtbar, die Kosten verschwinden im Staatshaushalt. Denn natürlich kann der Staat das Geld nicht einfach aus dem Nichts zaubern.
    Ob das heutige Deutschlandticket, das 63 Euro kostet, besser ist? Wohl kaum. Klar: Relativ gesehen gibt es Vorzüge. Der Staat muss jährlich »nur« drei statt zehn Milliarden Euro zuschießen. Der Klimaeffekt ist bezogen auf die eingesetzten Milliarden höher. Dafür sind aber auch die Mitnahmeeffekte höher. Auch deshalb spricht wenig dafür, die Republik dauerhaft an staatlich verbilligte Mobilität zu gewöhnen.

    Rainer Hank

  • 26. Mai 2026
    Die FAS und die AfD

    Urgestein: Konrad Adam, Frauke Petry, Bernd Lucke Foto Archiv

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie wir einmal den Mantelsaum der Geschichte berüht haben.

    Das Treffen am Freitag, dem 1. März 2013, fand statt im Café Basaglia in der Mainzer Landstraße 233 in Frankfurt. Das kleine Stehcafé ist benannt nach dem der Begründer der italienischen Anti-Psychiatrie Franco Basaglia (1924 bis 1980). Der war in den wilden siebziger Jahren dafür verantwortlich, dass Italien seine Irrenanstalten öffnete und die Kranken in die Freiheit entließ; denn in Wahrheit sei die Gesellschaft krank: Irrenhäuser sind nicht alternativlos!

    Es war unser ehemaliger Kollege Konrad Adam, ein Feuilletonredakteur und klassischer Philologe, mit seinen damals 71 Jahren bereits Rentner, der das Treffen im Basaglia vorgeschlagen und am Telefon geraunt hatte, es gehe um die Gründung einer neuen Partei, die »Alternative für Deutschland« heißen solle. Mein Kollege, der Wirtschaftsredakteur Winand von Petersdorff, und ich waren skeptisch, vermuteten eine Grille des Ex-Kollegen, der bis dahin durch konservative Essays, aber nicht durch Parteitagsreden aufgefallen war. Und ohnehin: Am Freitagnachmittag haben FAS-Redakteure wenig Zeit; sie müssen Artikel redigieren. Eine halbe Stunde wollten wir uns Zeit nehmen.

    Schnell war klar, dass Adam es mit der Gründung einer Partei ernst meinte. Es gebe prominente Mitstreiter, zum Beispiel die liberalen Volkswirtschaftsprofessoren Bernd Lucke aus Hamburg, Joachim Starbatty aus Tübingen oder den Schweizer Finanzwissenschaftler Beat Blankart aus Berlin.

    2013, das war die Zeit der Euro-Krise. Die Eurostaaten hatten sogenannte Rettungsschirme aufgespannt, um die überschuldeten Euro-Staaten – vor allem Griechenland – zu stützen, die unter den steigenden Zinslasten ihrer immensen Staatschulden ächzten. Diese Hilfsaktionen – »whatever it takes« – waren nach Einschätzung der Parteigründer eine eklatante Verletzung der Maastricht-Verträge, die die Staatschulden unter Androhung von Geldstrafen auf 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die Neuverschuldung auf drei Prozent der Gesamtschulden begrenzten.

    Das erste Parteiprogramm

    Dass Konrad Adam sich an uns wandte, lag wohl daran, dass er im Wirtschaftsressort von FAS und FAZ nicht zu Unrecht Sympathien für die Eurokritik der Ökonomen vermutete. Er selbst sei vor allem um die Demokratie besorgt, sagte er uns: »Nachdem die Maastricht-Kriterien jahrelang missachtet worden waren, wurden sie buchstäblich über Nacht außer Kraft gesetzt.« In Berlin, wo Kanzlerin Angela Merkel mit der FDP regierte, gebe es eine Allparteienkoalition ohne Opposition, die ihre Politik als »alternativlos« bewerbe. Mit der Gründung der AfD, so Adam, wolle man den demokratischen Wettbewerb retten.

    Bei sich hatte Adam den Entwurf eines Parteiprogramms, ausgedruckt auf der Rückseite eines eigenen Manuskripts; Altphilologen sind sparsame Menschen. Schon am 11. März solle es eine erste Versammlung der Parteigründer geben – in der Stadthalle des Vordertaunusstädtchens Oberursel. Adam sorgte sich nicht nur um die Demokratie, sondern auch, ob genügend Sympathisanten zusammenkämen, damit er nicht auf der Saalmiete sitzenbleiben würde.

    Historische Zäsuren erkennen die Zeitgenossen nicht. Hätten wir damals geahnt, dass das Gespräch im Basaglia das Initial einer neuen Partei war, die heute in Umfragen bundesweit auf 27 Prozent kommt, hätten wir unsere Leser das auf Seite Eins der Sonntagszeitung in großer Aufmachung wissen lassen. Immerhin fand ein kurzer Bericht von Winand von Petersdorff am 3. März seinen Weg ins Blatt unter der Rubrik »Namen & Nachrichten«. Er trug die Überschrift: »Die neue Anti-Euro-Partei. Renommierte Ökonomen und Publizisten sammeln sich.« Tags darauf hatte die Agentur AFP daraus eine kleine Nachricht gebastelt. Demonstrativ gelassen reagierte das politische Berlin: Am besten noch nicht einmal ignorieren. Meinungsforscher gaben der Parteigründung wenig Chancen: »Das hat kein großes Potential für Volksaufregung«, orakelte das Institut aus Allensbach. Tatsächlich konnte sich damals niemand vorstellen, dass aus einer Intellektuellen-Bewegung eine »rechtspopulistische Partei« werden könnte mit einem Wählerpotential von einem Drittel der Stimmbürger.

    Graswurzelbewegung gegen den Euro

    So kann man sich täuschen. Konrad Adams Erwartungen wurden weit übertroffen: Zum Treffen nach Oberursel kamen 1300 interessierte, meist konservative Bürger – eine »Graswurzelbewegung gegen den Euro«, wie die FAZ am 13. März 2013 berichtete. »Wir halten die Alternativlosigkeit für gefährlich, weil es unsere Wähler entmündigt«, so Adam. Der ehemalige Chef der hessischen Staatskanzlei Alexander Gauland, der nach langer Parteizugehörigkeit die CDU verlassen hatte, sekundierte: Mit der Phrase der Euroschicksalsgemeinschaft werde versucht, eine nicht funktionierende Währung zu überhöhen. Dass Gauland einmal graue Eminenz und oberster Strippenzieher der AfD werden sollte, zeichnete sich damals noch nicht ab. Der Berichterstatter der FAZ schrieb, die Versammlung habe sich wie ein währungstheoretisches Seminar angefühlt.
    Der Rest ist Geschichte. Alles ging ganz schnell. Schon einen Monat später, am 14. April 2013 hat sich die AfD als Partei gegründet. Bei den Bundestagswahlen im September 2013 verfehlte sie mit 4,7 Prozent knapp den Einzug ins Parlament. Bei der Europawahl 2014 waren es dann schon 7,1 Prozent. Die AfD profitierte davon, dass die Parteien der Mitte in der Europapolitik bis heute dem Bürger trotz wechselnden Koalitionen keinen Wettbewerb anbieten und das Demokratiedefizit der EU klein reden. Zwar hatten Unionspolitiker wie etwa Carsten Linnemann damals auch schon Zweifel an Merkels Europolitik, öffentlich äußern wollten sie diese aber aus Sorge um ihre Karriere nicht.
    Natürlich profitierte die AfD von dem »Geschenk«, dass schon zwei Jahren nach der Gründung das Thema Migration die Massen bewegte. Inzwischen ist die Partei sozial- und verteilungspolitisch nach links gerückt (und die Linke in Teilen nach rechts). Sie imitiert europäische »rechtsextreme« Parteien in Frankreich, Polen oder Ungarn und setzt ab von globalen Eliten, seien sie »neo-« oder »linksliberal«. Das wird man demnächst im neuen Buch »Spaltungslinien« des Siegener Politikwissenschaftlers Philip Manow nachlesen können. Ob die Professoren und Publizisten des Jahres 2013 die Geister herbeiriefen, die das Land nun nicht mehr loswird, oder ob der Maulkorb der Alternativlosigkeit aus der Mitte den politischen Wettbewerb von den Rändern erst erzwungen hat, bleibt umstritten. Konrad Adam jedenfalls ist wie Bernd Lucke oder Joachim Starbatty schon vor geraumer Zeit aus der AfD ausgetreten.

    Wir von der FAS können sagen, wir waren dabei, ohne zu bemerken, dass wir gerade den Mantelsaum der Geschichte berührt hatten.

    Rainer Hank

  • 26. Mai 2026
    Elon Musk gegen Henry Ford

    Henry Fords T-Modell, auch Blechliesel genannt, seit 1914 am Fließband gefertigt.

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wer ist der bessere Kapitalist?

    Kennen Sie »Optimus«? Das ist ein sogenannter humanoider Roboter aus dem Reich von Elon Musk. Er ist ein universeller Allzweck-Automat, der Aufgaben erledigt, die für Menschen gefährlich, langweilig oder repetitiv sind.

    »Optimus« wird über Künstliche Intelligenz gesteuert, ähnlich wie Teslas Autopilot-Systeme. In Fabriken transportiert er Fertigungsteile ans Band und hilft bei der Montage der Teile. Im Haushalt übernimmt er einfache Arbeiten wie Putzen oder Bügeln. Im Pflegeheim springt er dem Personal zur Seite.

    Noch gibt es »Optimus« nicht zu kaufen. Prototypen sind seit 2022 zu besichtigen. Musk nennt »Optimus« sein wichtigstes Produkt der Zukunft, wichtiger als seine Autos. Roboter können langfristig Arbeitskräfte ersetzen oder ergänzen. Sie leisten so einen wichtigen ökonomischen Beitrag nicht nur zur Verbesserung der Produktivität, sondern auch zur Humanisierung der (Arbeits)welt. Die Menschen können sich auf schönere Dinge konzentrieren.

    Wird das Versprechen von »Optimus« wahr, wäre dies ein Paradigmenwechsel und eine Abwendung vom weltweiten Kapitalismus, wie er sich Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert hat. Den kennen wir unter dem Namen »Fordismus«: Das von Henry Ford (1863 bis 1947) in den USA durchgesetzte Prinzip der Massenfertigung als Voraussetzung für den Massenkonsum. Seit 1908 baute Ford das berühmte T-Modell: standardisierte Autos zu niedrigen Preisen. »Any Color, as long as it is black.«

    Dass Arbeitsteilung ein effizientes Fertigungsprinzip ist und angesichts hoher Stückzahlen große Skaleneffekte liefert, ist seit Adam Smith bekannt. Ford nahm Smith beim Wort, nutzte das Fließband. Die Arbeit wird in kleine, wiederholbare Schritte zerlegt; jeder Arbeiter ist nur für seinen Ausschnitt verantwortlich. Der Mensch bleibt am Platz, was sich bewegt, ist das Auto auf dem Band.

    Autos kaufen keine Autos

    Verschwendung galt für Ford als größtes Hindernis des Fabrikanten. Deshalb mussten die Prozesse ständig optimiert und effizienter werden. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte das zur sogenannten »Lean production«, einer betriebswirtschaftlichen Mode, die von japanischen Autobauern (Toyota) nach Detroit und Untertürkheim exportiert wurde.

    Der Clou im Fordismus ist sein selbstreflexiver Motor: Henry Ford bezahlt seine Arbeiter gut, damit sie ausreichend Geld haben, Autos zu kaufen. Denn: »Autos kaufen keine Autos«, so Ford. Wenn spätere Kapitalisten nicht so klug wie Ford waren und die Löhne zu drücken suchten, sorgten Gewerkschaften dafür, hohe Löhne durch Streiks zu erzwingen. Das System der Tarifverträge, des »kollektiven Verhandelns« (collective bargaining), hatte den Vorteil, dass der Konflikt aus den Betrieben herausgehalten wurde.
    Der Fordismus wurde in meiner Jugend von den Linken sehr negativ gesehen. Stumpfsinnige Arbeit entfremde die Arbeiter von sich selbst, so hieß es gut marxistisch. Als radikale Alternative wurde die sozialistische Revolution propagiert. Die weniger radikalen sozialdemokratischen Reformer votierten für die »Humanisierung der Arbeitswelt« und das Betriebsverfassungsgesetz. Häufig wurde übersehen, dass gerade die Bandarbeiter bei Ford, VW oder BMW ein sehr aristokratisches Selbstbewusstsein hatten und stolz waren auf ihren Beruf und ihr Einkommen.

    Wird jetzt der »Fordismus« durch den »Muskismus« abgelöst? Der amerikanische Historiker Quinn Slobodian behauptet dies in einem neuen, zusammen mit dem Technikexperten Ben Tarnoff verfassten Buch. Muskismus soll das bessere Etikett sein, verglichen mit dem häufig gehörten Begriff »Technokapitalismus«, wobei »Tech« immer für digitale Technologie steht. Denn natürlich ist auch ein VW Käfer ein Produkt von Technik.

    Was ist anders am Muskismus? Eigentlich alles. Die globale Arbeitsteilung wird angesichts der globalen Bedrohung von Lieferketten, Luft- und Seewegen (Straße von Hormus) zurückgenommen. Stattdessen heißt das Stichwort jetzt wieder »vertikale Integration«: Möglichst alles am selben Ort fertigen. »Das amerikanische iPhone, zusammengesetzt in China, fertiggestellt in Vietnam«, hat ausgedient. Die Arbeitsteilung in der Fabrik wird zwar beibehalten, doch die Arbeit wird künftig von den humanoiden, AI-gesteuerten Robotern erledigt. Ein paar Menschen braucht es noch zur Überwachung.

    Varietis of Capitalism

    Musk verkaufe nicht einfach Autos, Raketen oder Satelliten, schreibt Slobodian. Musk verkaufe das Gefühl, man könne in einer zunehmend instabilen Welt Selbstsicherheit und Unabhängigkeit gewinnen, sofern man sich seinen Produkten überlasse. Diese Unabhängigkeit gibt es paradoxerweise, aber natürlich gewollt, nur um den Preis der Abhängigkeit von Musk. Während der Fordismus philosophisch expansiv gewesen sei, verhalte sich der Muskismus aggressiv defensiv, schreibt Slobodian.

    Das Neue am Muskismus ist die Symbiose von Konzernen – also Musks Imperium – und Staat. Denken wir zum Beispiel an SpaceX, das Raumfahrtprogramm Musks, dessen Fernziel die Eroberung und Urbarmachung des Mars ist. Längst sind auch die staatlichen Raumfahrprogramme auf SpaceX angewiesen. Für die Artemis III, das neue Raumschiff im Mondlandeprogramm der staatlichen NASA, braucht es das »Human Landing System« (HLS) von Musk, in das die Astronauten von der Orion Raumkapsel umsteigen müssen, bevor sie ihre Füße auf den Mond setzen können. Okay, HLS ist noch nicht fertig. Aber bis zur geplanten Mondlandung – frühestens 2027 – ist ja noch etwas Zeit. Und Musk hat häufig bewiesen, dass er schnell ist, wenn es drauf ankommt. Musk selbst ist auf den Erfolg angewiesen: Denn sein auf 300 Milliarden Dollar geschätzter privater Reichtum steckt zu großen Teilen in den Aktien seines Unternehmens. Es wäre unklug, dieses Kapital aufs Spiel zu setzen.

    Fälschlicherweise werden die »Tech Bros«, die Milliardäre des Silicon Valley, als libertär beschrieben oder denunziert: Marktradikale, die den Staat auf einen Minimalstaat zurückdrängen wollten. Quinn Slobodian hat in seinen früheren Büchern selbst gerne diese These vertreten. Inzwischen korrigiert er sich stillschweigend: Der Muskismus lebt von der Symbiose zwischen Unternehmen und Staat. Ein ausgabenfreudiger Staat nützt ihm. Denn er finanziert die Techies und ist ihr größter Kunde: Nicht nur die NASA, sondern auch das Pentagon haben sich von Musk abhängig gemacht. Entsprechend abhängig ist Musk von Donald Trump.

    In der politischen Ökonomie war es eine Zeitlang Mode, von Spielarten des Kapitalismus (»Varieties of Capitalism«) zu sprechen (klassisch Peter Hall und David Soscice, 2001). Danach sollte man nicht von Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus reden, einem konsekutiven Schema nach dem Muster von Aufstieg und Fall. Angemessener wäre es, von verschiedenen Spielarten des Kapitalismus auszugehen, die hinter- oder nebeneinander existieren. Der Muskismus fügt dieser Vielfalt ein neues und spannendes Modell hinzu.

    Rainer Hank

  • 05. Mai 2026
    Krankfeiern ist zu billig

    Gern genommen Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Deutschland sich einen Luxus leistet, den es sich nicht leisten kann

    Mein Zahnarzt klagt. Eigentlich ist er ein ausgeglichener Zeitgenosse, zufrieden mit sich, seinem Personal und gewiss auch seinem Einkommen. Doch zuletzt pflegte er über seine Praxishelferinnen zu stöhnen. Sie seien unzuverlässig, meldeten sich häufig und überraschend einen oder zwei Tage krank, vorzugsweise montags oder freitags.

    Eine Krankmeldung braucht es in der Regel erst ab dem vierten Tag. Der Lohn wird in vollem Umfang sechs Wochen lang weitergezahlt. Das gilt als eine große sozialpolitische Errungenschaft. Wenn er die Augenbrauen hochziehe, gar leichte Zweifel an der Schwere der Krankheit anmelde, so mein Zahnarzt, flattere ihm tags darauf die Kündigung auf den Schreibtisch. So etwas nennen wir Arbeitnehmermacht: Arzthelferinnen werden überall gesucht.

    Mitleid mit Zahnärzten zu äußern, ist heikel. Sie gelten nicht als klassische Opfergruppe. Doch ich bekenne mich auch aus egoistischen Gründen dazu. Schließlich leide ich mit, wenn mein Termin wegen Personalmangel abgesagt wird und ich meine Zahnschmerzen weitere Tage notdürftig mit Ibu 600 unterdrücken muss.

    Systemversagen tut weh. Mein Zahnarzt steht nicht allein da. Wenn man meint, dass krankgemeldete Tage echte Krankheitstage sind, müsste man sich Sorgen machen, dass die Deutschen immer kränker werden und nach Ursachen forschen. Insgesamt sind die Kosten, die Arbeitgeber für die Lohnfortzahlung aufbringen müssen, zwischen 2022 und 2024 um zehn Milliarden auf rund 80 Milliarden Euro gestiegen. 20 Tage im Jahr sind die angestellten Deutschen im Schnitt laut Studien krank. Das sind ganze vier Wochen. Deutschland, ein Krankenlager.

    Ich kann verstehen, dass die Arbeitgeber – allen voran ihr Verbandspräsident Rainer Dulger – in immer kürzerer Frequenz die Einführung eines Karenztages fordern. Das würde bedeuten, dass der erste Tag der Krankheit vom Lohn abgezogen wird. Zuletzt hat Anfang April laut einer aktuellen Forsa-Umfrage unter mehr als tausend Führungskräften eine Mehrheit für einen solchen Karenztag votiert.

    Selbstbehalt der Eigenverantwortung

    Versicherungstechnisch entsprechen Karenztage einem Selbstbehalt, der die Eigenverantwortung der Versicherten ernst nimmt und eine Schranke vor Missbrauch darstellt. Dass in einem System ohne Selbstbeteiligung Leistungen in höherem Maße in Anspruch genommen werden, ist kein moralischer Vorwurf: Es reicht das Wissen über die menschliche Natur. Wo kein Risiko, da keine Hemmschwelle, sich abzumelden.

    Nüchtern betrachtet, wundert es, warum hierzulande nicht längst zur Dämpfung der ausufernden Arbeitskosten Karenztage eingeführt wurden. Es wäre im internationalen Vergleich keine Besonderheit; Karenztage gibt es in Italien, Frankreich und sogar in Schweden, einem Land, das stets als wohlfahrtsstaatliches Musterland hochgehalten wird.
    Dass gleichwohl nichts passiert, liegt an psychologischen Widerständen und schlechten historischen Erfahrungen. Das Thema ist heikel: Krankheit wird von den meisten Menschen als unverdiente Strafe interpretiert, die sich quasi verdoppeln würde, wenn man für sein Schicksal auch noch zusätzlich mit Lohnentzug bestraft würde. Dass dieses Gefühl als Einwand maßlos überzogen ist, wo es um einen Tag Eigenverantwortung geht, ändert nichts an seinem hohen Verbreitungsgrad. Dass sich Krankheit als Vorwand simulieren lässt, würden zwar die allerwenigsten bestreiten, dies aber kollektiv als Möglichkeit zu unterstellen, wird als »Klassenkampf auf dem Rücken der Kranken« denunziert.
    Hilfsweise wird der Widerstand gegen Karenztage auch als epidemiologischer Altruismus verkauft. Gäbe es für den ersten Krankheitstag keinen Lohn, schleppten sich schwer Erkältete – vor allem die auf Lohn besonders angewiesenen Geringverdiener – ans Band und ins Büro, wo sie, weil schwer krank, für den Arbeitgeber keine Leistung erbringen, stattdessen aber ganz Abteilungen anstecken – und damit einen größeren Schaden für den Arbeitgeber anrichten, als wenn sie bei vollem Lohn zuhause blieben. Das klingt fürsorglich, ist aber vor allem bequem. Denn es blendet aus, dass das bestehende System ebenfalls eine stille Verteilungswirkung hat. Wer zuverlässig erscheint, subventioniert diejenigen mit, die häufiger fehlen.

    Das Drama von 1996

    Es gibt ein historisches Beispiel für die Wucht der Reform-Widerstände. Dazu muss man dreißig Jahre zurückgehen in das Jahr 1996. Damals war der Sozialstaat ähnlich in der Krise wie heute. Die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Arbeitsminister Norbert Blüm diskutierte ein »Sparpaket«, das in ein »Arbeitsrechtliches Gesetz zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung« mündete. Zentraler Bestandteil war die Absenkung der Entgeltfortzahlung auf 80 Prozent des Lohns. Wer weiter während der Krankheit hundert Prozent Lohn erhalten wollte, sollte alternativ die Möglichkeit erhalten, sich für je fünf Krankheitstage einen Urlaubstag kürzen zu lassen.

    Das Gesetz wurde verabschiedet – und es ging ein Aufschrei des Protests durch das Land. Im Bonner Hofgarten – dem Ort der deutschen Revolution – demonstrierten über 350.000 Menschen. Ernst wurde es, als es in den Betrieben zu spontanen Arbeitsniederlegungen kam. Ich war damals von der FAZ als Reporter zum Daimler nach Stuttgart-Untertürkheim geschickt worden und traute meinen Augen und Ohren nicht – wie emotional der Protest auf dem Fabrikhof wurde.

    Es dauerte nur wenige Wochen – und nicht nur der Daimler, sondern ganze Arbeitgeberverbände knickten ein. Listig verstanden es die Gewerkschaften, das Gesetz durch Tarifverträge auszuhebeln, die hundert Prozent Lohnfortzahlung vom ersten Tag an garantierten. Juristische Debatten, ob Tarifverträge über dem Gesetz stünden, versandeten in akademischen Fußnoten. Die Kohl-Regierung beschimpfte die Arbeitgeber, die hätten sie erst aufgestachelt und anschließend im Regen stehen lassen. Die Arbeitgeber beschimpfen die Regierung für ein schlampig geschriebenes Gesetz. Kohl wurde 1998 abgewählt. Rot-Grün unter Gerhard Schröder kassierte das Gesetz, an das sich ohnehin niemand hielt.

    Das Trauma von 1996 sitzt tief. Kanzler Merz, von Hause aus Arbeitsrechtler, wird sich an den Herbst 1996 erinnern und dreimal überlegen, ob eine CDU-geführte Regierung sich abermals mit den Gewerkschaften in Sachen Lohnfortzahlung anlegen will. Die Arbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD denkt vermutlich im Schlaf nicht an Karenztage.
    Es bleibt dabei: Ein Karenztag ist kein Angriff auf den Sozialstaat. Ein Gesundheitssystem ohne Selbstbeteiligung ist nicht sozial, sondern naiv: Es erzeugt mehr Nachfrage nach Krankheit.« Wer Eigenverantwortung nicht will, nimmt Missbrauch und höhere Kosten in Kauf. Mein Zahnarzt hat inzwischen kapituliert und seine Praxis verkauft. So viel zur Reformunfähigkeit des Landes.

    Rainer Hank