Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen25. Juni 2026
Im Milliardärsdorf
Wie leben eigentlich die Superreichen?
Von Peter Thiel, dem geheimnisumwitterten Star der Nouvelle Riche in Kalifornien, berichtete die New York Times kürzlich, er habe seinen Wohnsitz nach Argentinien verlegt. Thiel soll sich eine Villa im exklusiven Viertel Barrio Parque in Buenos Aires gekauft haben. Zwölf Millionen Dollar habe das Anwesen gekostet, das zu den prestigeträchtigsten Wohnanlagen des Landes zählt.
Der Paypal- und Palantir-Gründer, der sich gerne als Prophet des Weltuntergangs inszeniert, hat aus seinen Sympathien für Disruption und Freiheitsanspruch nie ein Hehl gemacht. Dass ihm das libertäre Reich des Kettensägers Javier Milei sympathisch sein muss, verwundert nicht. Hinzu kommt: Thiel kritisiert seit langem die hohe Vermögens- und Einkommensbesteuerung in Kalifornien.
Doch heißt das auch, dass Peter Thiel die USA verlässt? Vieles spricht dagegen. Man darf sich einen US-Milliardär nicht wie einen deutschen Durchschnittsmillionär vorstellen. Der Deutsche wohnt entweder da oder dort, also entweder am Starnberger See oder am Taunusrand nahe Frankfurt. Peter Thiel wohnt überall. Seit 2011 hat er die neuseeländische Staatsbürgerschaft und besitzt dort große Grundstücke. Zugleich verbringt er viel Zeit im Jahr in Florida, jenem Bundesstaat, der traditionell in Konkurrenz steht zu Kalifornien und eher die Rechten und Anti-Woken anzieht – siehe Donald Trump in Mar-a-Lago.
Heimatlos und ständig wie auf der Flucht
Die Superreichen der Welt sind habituell heimatlos und verhalten sich ständig wie auf der Flucht, berichtet der »Economist« in seiner jüngsten Ausgabe. Sie haben nicht nur Angst, dass der Fiskus ihnen ihren wirtschaftlichen Erfolg wegsteuert. Sie haben auch Angst um ihre physische Sicherheit. Zugleich werden sie – oder vielmehr ihr Geld – von vielen Staaten umworben. Die Superreichen sind steuerlich, politisch und sicherheitstechnisch permanent unterwegs. Lange waren die Golfstaaten beliebt; seit dem Irankrieg hat sich das geändert.
Es ist ein bisschen paradox: Die Helden der Digitalwirtschaft gönnen sich Paläste im kalifornischen Atherton, vermutlich einer der wenigen Orte der Welt, an denen ein Jahreseinkommen von einer halben Million Dollar unterdurchschnittlich ist. Sie wohnen in Gated Communities, geben Unsummen für Villen und Personal aus. Aber sie machen sich zugleich hinter großen Hecken unsichtbar. Das hängt nicht nur mit der notorischen Angst um Hab und Gut und Leib und Leben zusammen, sondern auch damit, dass sie ihren ganzen Stolz auf den unternehmerischen Erfolg fokussieren. Man trägt T-Shirt statt Dreireiher, fährt Tesla statt Rolls-Royce und Bentley, wohnt hinter Bäumen statt an einer Prachtallee. Bescheiden wird man das nicht nennen können. Die teure Yacht, der eigene Golfplatz, all das ist schon wichtig. Am wichtigsten aber ist das wirtschaftliche Imperium.
Nehmen wir den Neu-Billionär Elon Musk. Jahrelang hat er sich als Anti-Typ gegen das klassische Milliardärsleben inszeniert. 2020 erklärte er öffentlich, er wolle seinen gesamten Immobilienbesitz verkaufen. Zeitweise behauptete er sogar, in einem kleinen vorgefertigten Haus nahe den SpaceX-Anlagen in Texas zu wohnen. Musk definiert seinen Status über Tesla, die Plattform X, Raketen und Technologien – zeitweise auch über seine exklusive Nähe zur politischen Weltmacht (Donald Trump) – aber eben nicht über seine Immobilien.Der Unterschied wird noch offensichtlicher, vergleicht man die heutigen Superreichen mit den erfolgreichen Wirtschaftsbürgern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die ließen sich im Londoner Stadtteil South Kensington nieder mit ihren weißgetünchten antikisierenden Säulen. Das europäische Villenviertel diente der öffentlichen Inszenierung von Besitz. Es liegt an einer prachtvollen Avenue, nicht hinter Mauern.
Das deutsche Gegenstück zu South Kensington heißt Grunewald. Der Stadtteil entstand seit den 1880er Jahren als Villenkolonie der Berliner Oberschicht. Hier wohnten vor 1914 Industrielle, Bankiers, Verleger und Großkaufleute. Nach 1945 blieb der Grunewald trotz Krieg, Teilung und Systemwechsel eine Spitzenadresse. Soziologisch ist es ein Quartier des alten und neuen Geldes. Auch wenn die Potsdamer Seenplatte nach der Wende in Konkurrenz zum alten Westberlin trat: Dort wohnen Leute wie die Verlegerin Friede Springer, der Modemann Wolfgang Joop oder der SAP-Gründer Hasso Plattner.
Sind Vermögensverhältnisse Privatsache?
Was wir über die Reichen des deutschen Kaiserreichs wissen, verdanken wir einem preußischen Regierungsrat namens Rudolf Martin (1867 bis 1939). Zwischen 1911 und 1914 veröffentlichte er aufgrund von Steuerdaten die »Jahrbücher des Vermögens und Einkommens der Millionäre«. Darin finden sich nicht nur die Namen, sondern auch Vermögens- und Einkommensschätzungen, Wohnadressen, Familienverhältnisse und Angaben über Unternehmensbeteiligungen.
Rudolf Martin machte Reichtum erstmals sichtbar. Das war unerhört. Man stelle sich vor, die Medien, Banken oder Thinktanks, die heute aufgrund vager Schätzungen ihre Reichenlisten zusammenstellen, hätten solche Daten zur Verfügung und könnten die genauen Adressen nebst Postleitzahl von Elon Musk (1,1 Billionen Dollar) oder Dieter Schwarz (Lidl, 60 Milliarden Euro) veröffentlichen. Gerade weil die heutigen Superreichen ihren Wohnsitz ständig wechseln und ihre Vermögensverhältnisse hinter Firmenkonstruktionen verbergen, wirkt die Transparenz des Kaiserreichs aus heutiger Sicht überraschend.
Auch damals war die Veröffentlichung ein Skandal. Die von Rudolf Martin Geouteten beschwerten sich bei den Staatsanwaltschaften wegen Verletzung des Steuergeheimnisses und ihrer Privatsphäre. Doch das Verfahren wurde eingestellt. Es gebe »ein berechtigtes öffentliches Interesse« an Millionen- oder gar Milliardenvermögen, meinte der Vorsitzende Richter.
So etwas, wie gesagt, wäre heute undenkbar. Die Reichen hätten längst ihre Medienanwälte (Christian Schertz & Co.) für sich eingespannt, die solche Listen von Anfang verhindert hätten. Vermögensverhältnisse sind in einer liberalen Gesellschaft Privatsache und das ist auch gut so. Aber für Historiker ist das Jahrbuch von Rudolf Martin ein Glücksfall. Seit Montag, 22.Juni, steht eine auf Martin beruhende »Digitale Karte der Millionäre« im Deutschen Kaiserreich online. Die Daten werden vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung im Rahmen des Projekts »Where the Rich Live« online gestellt. Die Federführung hat die Wirtschaftshistorikerin Eva Gajek.
Rudolf Martin kartierte die Reichen des Kaiserreichs hausgenau. Die heutigen Milliardäre verteilen ihr Geld über Kontinente, Stiftungen und Briefkastenfirmen. Das mag erklären, warum wir heute so viel über Reichtum reden und zugleich so wenig darüber wissen.
Rainer Hank
