Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
27. Oktober 2026Das deutsche Modell in der Krise
27. Oktober 2026Betreuerische Herrschsucht
25. Oktober 2026Die Antiquiertheit des Menschen
12. Oktober 2026Viele Waffen, wenig Ideen
06. Oktober 2026Der Niedergang der Politiker-Sprache
24. September 2026Warum ist es so schwer, reich zu werden?
24. September 2026Blühende Landschaften?
21. September 2026Macht Hitze arm?
21. September 2026Ein Lob der Maut
18. September 2026Dem Staat ist nicht zu trauen
27. Oktober 2026
Das deutsche Modell in der Krise
Shareholder oder Stakeholder: Wer weiß mehr über die Zukunft?
Was haben Commerzbank und Volkswagen miteinander zu tun? Gar nichts. Die einen verkaufen Autos, die anderen Kredite. Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich überraschende Gemeinsamkeiten: Beide Unternehmen ringen um ihre Zukunft. Beide Unternehmen sind deutsche Traditionsunternehmen. Die Commerzbank gibt es seit 1870. Volkswagen gibt es seit 1937. Es könnte sein, dass beide Unternehmen über kurz oder lang ihre heutige Gestalt verlieren: die Commerzbank ihre Selbständigkeit, Volkswagen einen beträchtlichen Teil seiner deutschen Substanz.
An Commerzbank und Volkswagen zeigt sich wie im Brennglas die Krise des deutschen Modells. Zur Debatte steht die Zukunft des rheinischen Kapitalismus.
Zu den Fakten: Die Commerzbank steht kurz vor der Übernahme durch die italienische Bank UniCredit, der auch schon die deutsche HypoVereinsbank gehört. UniCredit hält inzwischen ungefähr 47 Prozent an der Commerzbank. Bankchef Andrea Orcel will möglichst schon Anfang 2027 die Kontrolle über den Aufsichtsrat gewinnen und die Bank tiefgreifend umbauen. Der deutsche Staat hält – ein Relikt aus der Finanzkrise – noch gut 12 Prozent der Aktien der Commerzbank und dringt auf den Erhalt des Firmensitzes Frankfurt, die Wahrung der Interessen der Beschäftigten und die Zusicherung, die Commerzbank müsse Bank für den deutschen Mittelstand bleiben. Vorstand und Aufsichtsrat der Bank werten die Übernahme der Italiener als »feindlich« und nehmen für sich in Anspruch, die Interessen »aller Stakeholder« angemessen zu berücksichtigen.
Als Stakeholder bezeichnet man Aktionäre, Beschäftigte, Kunden, Lieferanten, Gläubiger, Staat und Standortkommunen zusammen. Shareholder sind ausschließlich die Aktionäre, also die Eigentümer eines Unternehmens.Bei Volkswagen sieht es so aus: Das Land Niedersachsen verfügt über 20 Prozent der Stimmrechte. Die Gewerkschaft IG Metall ist bei VW so mächtig wie in kaum einem anderen deutschen Metallunternehmen. Niedersachsen kann zusammen mit der paritätischen Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat eine Vetoposition (»Nicht mit uns«) gegen die geplanten tiefgreifenden Restrukturierungsmaßnahmen einnehmen. Diese sind aus Sicht der maßgeblichen Eigentümer – der Familien Porsche und Piëch – notwendig, um die Krise des Konzerns zu parieren: Zu hohe Kosten bei gleichzeitig fundamental verändertem Wettbewerb – chinesische Konkurrenz, Elektromobilität, Handelskonflikte.
Was eint beide Unternehmen? Kapitalinteressen treffen auf mächtige Stakeholder, die an der bestehenden Gestalt des Unternehmens festhalten wollen: Beschäftigte, Gewerkschaften und Politik. Wer vertritt das Unternehmen von morgen?
Die Älteren werden sich an Debatten erinnern, die vor einem Vierteljahrhundert unter der Überschrift »Varieties of Capitalism« geführt wurden. Kapitalismus ist nicht überall gleich und hat sich historisch auf unterschiedlichen Pfaden entwickelt. Grob gesagt stehen sich drei Unternehmenskonzepte gegenüber: das deutsche arbeitnehmerorientierte, »korporatistisch« genannte Konsensmodell, das französische staatsorientierte Modell und das amerikanische Manager-Modell, das den Aktionären als Eigentümern die bestimmende Macht überträgt, in deren Auftrag idealerweise das Top-Management agiert. (Mehr dazu im neuen Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Peter A. Hall: Governing Growth. The Postwar Transformation of Capitalism and Democracy. Princeton Univ. Press.)
Rheinischer Kapitalismus
Stakeholder-Kapitalismus und Shareholder-Kapitalismus stehen einander gegenüber. Die Debatten lassen sich polemisch führen: Dann wird aus deutscher Sicht der Shareholder-Kapitalismus von gierigen Unternehmern getrieben, die schlechte Löhne zahlen, um sich selbst gute Gewinne zu sichern. Umgekehrt wird dem rheinischen Kapitalismus aus angloamerikanischer Sicht vorgeworfen, für den Konsens aller Stakeholder einen zu hohen Preis zu zahlen.
Lange Zeit herrschte friedliche Koexistenz zwischen den Kapitalismen. In guten Zeiten lassen sich Gegensätze leichter versöhnen: Aktionäre erhalten ordentliche Dividenden, Arbeitnehmer hohe Löhne, Kommunen ihre Standorte. Stakeholder-Kapitalismus klingt wunderbar, weil niemand ernsthaft verzichten muss.
Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland jede wirtschaftliche Herausforderung gemeistert. Doch jetzt brauche das Land ein ganz neues Modell für seine Wirtschaft, schrieb der Princeton-Historiker Harold James am vergangenen Wochenende in der FAS. In der Krise wird aus dem schönen Interessenausgleich der Stakeholder ein Vetospiel. »Wir zahlen nicht für eure Krise«, steht auf den Transparenten der Gewerkschaften, eine Parole, die so tut, als hätten die Arbeitnehmer mit der Krise nichts zu tun. Jeder Stakeholder hat ein nachvollziehbares, sehr konkretes Interesse: Betriebsrat und Gewerkschaft an Arbeitsplätzen und hohen Löhnen, das Land Niedersachsen an den Autostandorten, das Land Hessen am Bankenstandort Frankfurt, der Bund an einer deutschen Mittelstandsbank.
Doch wer vertritt eigentlich das Unternehmen von morgen? Der Vorteil des Shareholders besteht nicht darin, dass er kein Partikularinteresse hat. Sondern darin, dass sein Partikularinteresse weniger an die bestehende Gestalt des Unternehmens gebunden ist. Dem Eigentümer geht es darum, dass das eingesetzte Kapital auch morgen noch etwas wert ist. Wo der Gewinn erwirtschaftet wird, mit wie vielen Mitarbeitern, in welcher Fabrik und mit welchem historisch gewachsenen Geschäftsmodell, all das ist dem Eigentümer egal. Das mag auf den ersten Blick egoistisch, vaterlandslos, ja zynisch klingen – hat aber seine Logik. Der Betriebsrat von VW kann schwerlich sagen: »Die Zukunft von VW verlangt, dass vier deutsche Werke verschwinden.« Der Bundesfinanzminister wird kaum verkünden können, Deutschland brauche eigentlich keine eigenständige Mittelstandsbank mehr.
Stakeholder schützen den Status quo. Eigentümer müssen sich fragen, was bleiben kann – angesichts veränderter Marktbedingungen und geopolitischer Umbrüche. Dass die Rechnung aufgeht, ist damit beileibe nicht garantiert. Das ist das unternehmerische Risiko, das die Unternehmer auf sich nehmen – das Risiko, dass ihr Vermögen am Ende verschwindet.
Für den Betrachter laufen gerade zwei Experimente ab, die mitentscheiden, ob und wie Deutschland seine aktuelle Wirtschaftskrise bewältigt. Wir wissen noch nicht, wer gewinnt. Ohne kreative Zerstörung wird das nicht abgehen. Der Shareholder hat den Vorteil, dass er die bestehende Gestalt des Unternehmens nicht verteidigen muss. Stakeholder haben gute Gründe, die Zerstörung zu verhindern. Shareholder müssen sie in Kauf nehmen, wenn das Unternehmen eine Zukunft haben soll.
Rainer Hank
27. Oktober 2026
Betreuerische Herrschsucht
Wie der Staat seine Bürger zu Untertanen macht
Weil jetzt wieder einmal über Gerechtigkeit im Sozialstaat diskutiert wird: Ist es gerecht, dass eine erfahrene Facharbeiterin fast dreimal so viel für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zahlen muss als eine Teilzeit arbeitende Verkäuferin? Oder konkret: Ein Arbeitnehmer mit einem Bruttolohn von 2000 Euro zahlt monatlich 175 Euro in die GKV. Ein Arbeitnehmer mit einem Lohn von 5812, 50 Euro (das ist die sogenannte Beitragsbemessungsgrenze) zahlt 508, 59 Euro. Beide müssen gleich lang auf einen Facharzttermin warten. Beide erhalten nach kurzer Untersuchung vom Hausarzt das gleiche Antibiotikum verschrieben.
Warum hängt ein Versicherungsbeitrag vom Arbeitseinkommen ab? Wenn ich beim Bäcker ein Brötchen kaufe oder beim Italiener eine Pizza bestelle, werde ich auch nicht nach meinem Gehalt befragt, bevor eine lohnabhängige Rechnung kommt. Es wird noch undurchschaubarer: Oberhalb von 5812,50 Euro Bruttoverdienst steigt der Versicherungsbeitrag nicht mehr. Wer 10.000 Euro verdient, zahlt auch »nur« 508,59 Euro. Und wer aus der gesetzlichen Versicherung aussteigt und sich privat versichert, der zahlt einen ganz anderen, auf ihn zugeschnittenen Betrag.
Die Krankenversicherung heißt Versicherung, folgt aber gerade nicht dem klassischen Versicherungsprinzip. Das gilt auch für die Pflegeversicherung und (eingeschränkt) für die Rentenversicherung.
Die Kritik an dieser Konstruktion des Sozialstaats ist nicht neu. Dieser Tage fiel mir ein Aufsatz von Heddy Neumeister mit dem Titel »Autoritäre Sozialpolitik« in die Hände, erschienen 1960 in der Zeitschrift »Ordo«. »Ordo« steht in der Ideentradition des Freiburger Ordoliberalismus, dem es um eine klare Aufgabenverteilung zwischen Staat – zuständig für die Rahmenbedingungen – und Markt – zuständig für Wettbewerb und Wohlstand – zu tun ist. Zum 75. Jubiläum der Zeitschrift hat die Redaktion gerade eine Art kommentiertes »Best of« veröffentlicht. Wer Heddy Neumeister ist, verrate ich am Ende dieser Kolumne.
Neumeister schreibt, man solle eine Sozialpolitik nicht danach beurteilen, wie viel der Staat leistet, sondern danach, welches Verhältnis zwischen Bürger und Staat durch diese Leistungen entsteht. Oder schärfer: Wenn der Staat Leistungen an die Bürger aus Steuern oder steuerähnlichen Beiträgen finanziert, handelt es sich um Zuwendungen, die Neumeister Almosen nennt. Dieser Staat ist ein Fürsorgestaat, was für Neumeister keine Auszeichnung darstellt. Eine Versicherung dagegen verlangt einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Prämie (Beitrag), Risiko und Leistung. Von einer »beitragsgerechten« Leistung, so Neumeister, kann nur gesprochen werden, wenn Beitrag und Leistung in einem versicherungsmathematischen Verhältnis stehen. Das ist bei der sogenannten Sozialversicherung nicht der Fall.
Das Versicherungsprinzip ernst nehmen
Dass die Facharbeiterin eine dreimal so hohe Prämie wie die Verkäuferin bezahlt, wäre nur gerechtfertigt, wenn ihr Krankheitsrisiko (Vorerkrankungen, ungesunder Lebenswandel, schlechte Gene) auch dreimal so hoch ist. Man nennt dies das Äquivalenzprinzip. In der Kranken- und Pflegeversicherung ist das Äquivalenzprinzip abwesend. In der Rentenversicherung ist es allenfalls teilweise zu erkennen.
Hinter der Unterscheidung zwischen Versicherung und Fürsorge stehen ein unterschiedliches Menschenbild – und unterschiedliche Vorstellungen über den Sozialstaat. Eine Sozialpolitik, die das Versicherungsprinzip ernst nimmt, setzt zunächst auf Eigenvorsorge. Gegen Schicksalsschläge (Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Alter, Arbeitslosigkeit) würden vernünftige Bürger eine Versicherung abschließen. Um Trittbrettfahrerei auszuschließen, dürfte der Staat zur Not die Versicherung zur Pflicht machen. Nur wer aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, sich zu versichern, würde vom fürsorglichen Staat alimentiert.
Selbstverantwortung und Eigenvorsorge wurden den Bürgern vom Staat ausgetrieben. Der Staat geriert sich als kollektiv umverteilender Fürsorger, macht seine Bürger von sich abhängig – mithin zu »Untertanen«. Der Übeltäter, so Heddy Neumeister, heißt Otto von Bismarck: Er wollte den Arbeiter, der alt oder krank wurde, zum Empfänger von Fürsorgeleistungen unmittelbar durch den Staat machen. Das tat Bismarck nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern »um sich die Arbeitnehmerschaft zu einer dem Staat ergebenen Schicht« zu machen und damit seine Gegner, die Sozialdemokraten, zu schwächen. So etwas nennt Neumeister »autoritäre Sozialpolitik«.
Unter diesem Bismarckschen Konstruktionsfehler leidet der deutsche Sozialstaat bis heute. Deshalb ist er im Kern ungerecht. Versuche, diesen Fehler zu korrigieren und dem Versicherungsprinzip Genüge zu tun, sind regelmäßig gescheitert. Ideen der sogenannten Rürup-Kommission für eine einkommensunabhängige Gesundheitsprämie, die Versicherung und sozialen Ausgleich stärker voneinander getrennt hätte, wurden vor gut zwanzig Jahren nach kurzer und polemischer Debatte erstickt. Versuche, die Alterssicherung stärker auf Kapitaldeckung und Eigenvorsorge zu stellen, sind regelmäßig gescheitert. Ob es unter der jetzigen Regierung etwas wird, wird man sehen.
Heddy Neumeister, ein Vorbild
Den systembedingten Widerspruch der Sozialversicherung, die gar keine Versicherung ist, hat Heddy Neumeister schon 1960 in aller Schärfe in »Ordo« beschrieben. In der Regel schreiben dort liberale VWL-Professoren, also Männer mit Lehrstühlen. Neumeister (1901 bis 1977) war Journalistin. Sie hat zunächst Kunstgeschichte studiert, darin promoviert, anschließend Nationalökonomie. 1930 trat sie in die Redaktion der liberalen »Kölnischen Zeitung« ein, später ging sie nach Berlin als freie Journalistin. 1936 schloss sie sich der Redaktion der »Frankfurter Zeitung« an. Seit 1952 gehörte sie der politischen Redaktion der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« an. Dort widmete sie sich, so Neumeister in einer Selbstbeschreibung, »der Verbindung philosophischer und volkswirtschaftlicher Studien«, für sie eine notwendige Voraussetzung zum Verständnis sozialer Fragen.
Heddy Neumeister zählt zu einer Gruppe selbstbewusster Frauen in den frühen Jahren der FAZ. Zu nennen wären unter anderen Lily Abegg, Hanni Konitzer, Helene Rahms oder Hilde Spiel. »Heddy Neumeister war eine warmherzige Frau«, schrieb FAZ-Herausgeber Bruno Dechamps in einem Nachruf 1977: »Das machte sie so unnachsichtig gegen jedes soziale Engagement, das eigentlich betreuerische Herrschsucht ist.«
Weil kommende Woche in Frankfurt Buchmesse ist, zum Schluss noch ein Hinweis auf zwei empfehlenswerte Bücher zur Vor- und Frühgeschichte der FAZ: Gerald Braunberger: Fackel der Demokratie. Die Geschichte der Frankfurter Zeitung (FAZ-Buchverlag) und Franz Walter: Joachim Fest. Ein Leben im 20. Jahrhundert (dtv).
Rainer Hank
25. Oktober 2026
Die Antiquiertheit des Menschen
Was Günther Anders über die Künstliche Intelligenz wusste
Ein New Yorker Rechtsanwalt erzählt folgende Geschichte: »Vor einigen Monaten verfasste ich für meine Schwester einen juristischen Schriftsatz, der ihr bei einem diffizilen Erbschaftsstreit helfen sollte. Dafür musste ich das Erbrecht zweier Rechtssysteme, grenzüberschreitende Steuervorschriften und eine ziemlich verwickelte Verfahrensgeschichte zusammenführen. Meine Schwester war stolz auf mich. Jetzt verstehe sie, wie ich es beruflich so weit gebracht hätte. Ein paar Stunden später kam eine zweite Nachricht der Schwester. Sie könne nicht umhin zu fragen, wie viel in diesem Schriftsatz eigentlich von einer KI stamme.«
Die Geschichte hat es in sich. Sie stammt aus einer Sammelbesprechung neuerer KI-Bücher – die gibt es derzeit wie Sand am Meer – aus dem aktuellen »Times Literary Supplement«. Was ändert sich eigentlich durch das Wissen, der Schriftsatz stamme von künstlicher statt von menschlicher Intelligenz? Für den Zweck des Dossiers – juristische Schützenhilfe in einem Erbschaftsstreit – eigentlich nichts. Da kommt es nicht auf den Autor, sondern auf den Inhalt an. Für das Ansehen, das der Bruder in den Augen seiner Schwester genießt, ändert sich dagegen alles. Sollte der Verdacht zutreffen, verwandelt sich der Star-Anwalt in einen Scharlatan, der sich mit fremden Federn schmückt. Was ist menschliche Autorschaft noch wert, wenn die autorlose Maschine bessere Ware liefert? Es ist eine tiefe und paradoxe Kränkung: KI, ein Produkt menschlicher Intelligenz, liefert perfektere Ergebnisse als menschliche Intelligenz.
Werden wir noch grundsätzlicher. Der Erfolg der KI führt uns plötzlich vor Augen, »dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und dass wir glauben, dass, was wir können, wir auch dürfen.«
Das Zitat stammt von dem Philosophen Günther Anders. Es eröffnet den ersten Band seines voluminösen Hauptwerks »Die Antiquiertheit des Menschen«, bezieht sich, weil bereits 1956 erschienen, nicht auf die künstliche Intelligenz, sondern auf die von der industriellen Revolution geschaffenen menschlichen Hervorbringungen, genannt Technik: Schöpfungen des Menschen, denen gegenüber sich der Mensch unterlegen fühlt, eben antiquiert, tief gekränkt von der Perfektion seiner eigenen Produkte. Wir seien unfähig, »seelisch up to date« zu bleiben und dazu verdammt, unseren Erfindungen »nachzuhumpeln«, so Anders.
Schöpfungen, die sich vom Schöpfer emanzipieren
Anders, so versuche ich zu argumentieren, könnte zu einem Deuter des KI-Zeitalters werden, gerade weil seine Philosophie nirgends in konservativen Kulturpessimismus verfällt. Die Antiquiertheit des Menschen spiegelt menschliche Größe und Kreativität, die nun Mühe haben, ihren eigenen Erfolg intellektuell und moralisch einzuholen – und zu verhindern, dass sich die Schöpfung gegen seinen Schöpfer wendet. Implizit oder explizit hat Anders als »Anwendungsfall« die Erschaffung der Atombombe vor sich. Mit Claude Eatherly, dem Piloten des Wetteraufklärungsflugzeugs »Straight Flush«, das grünes Licht für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gab, führte Anders einen ausführlichen Briefwechsel. Das darin sichtbar werdende Grundmuster der Schöpfungen, die sich von ihrem Schöpfer emanzipieren und entfremden, konnte Goethes Zauberlehrling noch nicht ahnen. Denn inzwischen ist aus dem Zauberer der Homo Faber geworden.
Wer war Günther Anders? Auf jeden Fall ein schon zu Lebzeiten unzeitgemäßer Denker und »störrischer Philosoph«, so sein Biograf Konrad Paul Liessmann. Geboren im Jahr 1902 als Günther Stern in einer deutsch-jüdischen Familie im schlesischen Breslau studierte er bei Martin Heidegger und Edmund Husserl. Bis zu seinem Tod wirkte er ungemein produktiv als freier Denker, Essayist und Feuilletonist. Nie lehrte er an einer Universität, was seinem Schreibstil gut bekam, der frei von jeglichem akademischen Jargon und für jedermann verständlich ist. Von 1929 bis 1937 war Anders mit der Philosophin Hannah Arendt verheiratet.
Was könnte Günther Anders den heutigen KI-Heroen Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) zu sagen haben? Er würde auf jeden Fall deren Entscheidung begrüßen, das Tempo der KI-Entwicklung zu drosseln. Wir Menschen sind unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen. Insofern sind wir »invertierte Utopisten«: während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen. Dies bezeichnet ziemlich genau den Nebel, der die Drohung umgibt, KI könne womöglich die ganze Menschheit auslöschen.
Was im heutigen KI-Sprech »Alignment« heißt, die Hoffnung, die Ziele und das Verhalten der KI derart mit menschlichen Absichten, Interessen und Werten in Einklang zu bringen, dass sie nur tut, was Menschen tatsächlich wollen, hätte Günther Anders gewiss begrüßt, gleichwohl darauf hingewiesen, dass dies noch nicht verhindert, dass Menschen mit moralisch bösen Absichten ihre Hervorbringungen für destruktive Ziele einsetzen: Erst nach dem Abwurf der Atombombe sah die Menschheit, was sie angerichtet hat.
Das prometheische Gefälle
Doch selbst ein technisch gelungenes Alignment beseitigt nicht das Problem, das Anders das »prometheische Gefälle« nennt: die wachsende Kluft zwischen dem, was Menschen herstellen können, und dem, was sie sich vorstellen und verantworten können. Prometheus, jener Titan, der für die Menschen das Feuer stahl, war im antiken Mythos Inbegriff des autonomen Menschen, der die Natur beherrscht, technisch verbessert und dabei stets überlegen bleibt. Die philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts sah die Unfertigkeit des Menschen als Chance: Weil er nicht festgestellt ist, schafft er sich Kultur und Technik. Bei Anders kippt diese Erfolgsgeschichte: Der unfertige Mensch ist so erfolgreich in der Kompensation seiner Unfertigkeit, dass seine Hervorbringungen ihm davonlaufen. Inzwischen muss nicht mehr die KI beweisen, dass sie dem Menschen genügt; der Mensch muss beweisen, dass er gegenüber der Maschine noch konkurrenzfähig ist. Hat er am Ende mit seiner Intelligenz eine ihm überlegene Intelligenz geschaffen, von der er, einem geduldeten Haustier gleich, dauerhaft abhängt?
Dass Optimismus Pflicht sei, dieses Diktum Karl Poppers wird von Günther Anders als naiv bestritten. Indes mündet seine Analyse anders als bei vielen heutigen Zeitgenossen nicht in einen apokalyptischen Pessimismus. In einem Brief an den Philosophen Ernst Bloch (»Prinzip Hoffnung«) schreibt Anders: »wie wäre es: aus Rache an der Unfertigkeit unserer Geschaffenheit es besser zu machen. Gott zeigen, was eine Harke ist.« Vielleicht sind wir doch nicht völlig antiquiert?
Rainer Hank
12. Oktober 2026
Viele Waffen, wenig Ideen
Die deutsche Kriegswirtschaft ist ein ökonomisches, kein ethisches Problem
In der Krise der deutschen Industrie entdecken viele Unternehmen einen neuen Wachstumsmarkt: den Staat. Volkswagen, ein besonders gebeutelter Autokonzern, will sein Werk in Osnabrück verkaufen: später sollen dort unter israelisch-deutscher, privat-öffentlicher Partnerschaft Komponenten für die Luftverteidigung gebaut werden. Deutz, ein Hersteller von Baumaschinenmotoren, baut eine eigene Verteidigungssparte auf. Eine große Zahl weiterer Unternehmen will ihr bestehendes Knowhow stärker militärisch nutzen. Sensorik (Bosch, Jenoptik), Antriebstechnik (ZF Friedrichshafen) oder Lasertechnik (Trumpf) liefern Komponenten, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden. Man nennt das »Dual Use«: seit der Zeitenwende tritt der militärische »Use« in den Vordergrund.
Wo eine neue Nachfrage ist, da findet sich auch ein Angebot. Die Rechnung ist verführerisch. Auf der einen Seite schrumpft oder stagniert die traditionelle deutsche Industrie. Die Autoindustrie kämpft mit Überkapazitäten, schwacher Nachfrage und der teuren und ungewissen Umstellung auf Elektromobilität; Maschinenbau und Chemie leiden unter hohen Energiekosten, schwacher Konjunktur und der chinesischen Konkurrenz. Auf der anderen Seite steht ein solventer Kunde: der Staat. Deutschland hat sich verpflichtet, seine Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen und verschuldet sich dafür über Jahre in Milliardenhöhe. Zugleich wollen die Europäer einen größeren Teil ihrer Rüstungsgüter innerhalb der EU produzieren. Für einen Maschinenbauer, der Motoren, Sensoren, Getriebe oder Laser beherrscht, liegt der Gedanke nahe: Warum eine vorhandene Fabrik stilllegen, wenn sich mit denselben Ingenieuren, Arbeitern und Maschinen etwas herstellen lässt, wofür plötzlich sehr viel Geld ausgelobt wird? Strukturwandel nennt man so etwas. Produktionsfaktoren wandern dorthin, wo ihre Grenzerträge höher sind. Opportunismus und Anpassung sind für Wirtschaftsunternehmen Synonyme – und eine rationale Geschäftspolitik.
Den Wechsel ethisch zu rechtfertigen, gelingt den meisten Firmen zuweilen holpernd, zumeist aber ganz gut. Als Meister des Reframings erweist sich der aus pietistisch-schwäbischer Tradition stammende Maschinenbauer Trumpf aus Ditzingen. Dort hatte der Gesellschaftervertrag der Familie Leibinger noch im Jahr 2015 festgelegt, Trumpf beteilige sich nicht an der Waffenproduktion. Seit 2025 will man die Laserfertigung auch militärischen Zwecken zur Verfügung stellen, etwa zur Drohnenabwehr – freilich »ausnahmslos mit defensivem Charakter«. Firmenchefin Nicola Leibinger begründet den Schwenk nicht etwa wirtschaftlich, sondern »als staatsbürgerliche Pflicht, uns zu engagieren«. Der Wechsel von einer friedfertigen Gesinnungsethik zu einer staatsbürgerlich-christlichen Verantwortungsethik ist deutschen Protestanten noch nie besonders schwergefallen.
Eine moralische Zeitenwende
Trumpf ist nicht allein. Die Industrie redet heute von Schutz, Sicherheit, Resilienz und Verantwortung. Was noch vor wenigen Jahren reputationsgefährdend war, lässt sich seit Putins Angriffskrieg in der Ukraine als Dienst an Demokratie, Freiheit und »westlichen Werten« beschreiben. Waffenproduktion hätte die »Generation Bonner Hofgarten« in Deutschland als moralisch anrüchiges Geschäft verurteilt. Inzwischen gilt das als Beitrag zur Sicherheit und also ethisch geboten. Die Zeitenwende ist auch eine moralische Zeitenwende.
Kritischer muss das ökonomische Urteil ausfallen. Die neuen Gewinne entstehen nicht dadurch, dass Verbraucher ein besseres Produkt kaufen. Sie entstehen, weil der Staat sehr viel Geld ausgibt. Staatsnachfrage ersetzt Marktnachfrage. Das macht abhängig von politischen Entscheidungen. Seit Dwight D. Eisenhower ist vom »military-industrial complex« die Rede. Ausgerechnet der Fünf-Sterne-General des Zweiten Weltkriegs und republikanische Präsident warnte in seiner Abschiedsrede im Januar 1961 vor der dauerhaften Verbindung von Rüstungsindustrie, Militär und Politik. Seine Sorge entsprang nicht primär einem Pazifismus, sondern hatte eine politökonomische Begründung: Ein einmal entstandener Industriekomplex schafft sich Interessen, Budgets und politische Rechtfertigungen, die sich anschließedn verstetigen.
Je größer das Geschäft mit dem Staat wird, desto wichtiger wird zwangsläufig die Nähe zum Staat. Die Rüstungsunternehmen und die, die es werden wollen, unterhalten längst eigene Hauptstadtrepräsentanzen und pflegen den regelmäßigen Dialog mit Ministerien und Abgeordneten. Lobbyismus ist legitim und rational. Aber er illustriert Eisenhowers Problem: Wo der Staat der wichtigste Kunde ist, gehört aufwendige Lobbyarbeit zum Geschäftsmodell.
»Rentseeking«, das Abschöpfen staatlicher Ausgaben, tritt an die Stelle »kreativer Zerstörung«, was das genuine Innovationsgeschäft der Unternehmen wäre. Der französische Ökonom und Nobelpreisträger Philippe Aghion hat diesen Gedanken Joseph Schumpeters zum Zentrum seiner Wachstumstheorie gemacht. Wohlstand entsteht, wenn Unternehmen etwas Neues erfinden, das etwas Altes verdrängt. Sie tun das nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil sie sich davon hohe Gewinne versprechen. Diese Gewinne sind die Belohnung für das Risiko der Innovation.
Fällt der Industrie sonst nichts mehr ein?
Das Gegenmodell ist der Unternehmer, der seine Energie darauf verwendet, sich staatlich geschützte Einnahmen zu sichern. Er versucht, Konkurrenz fernzuhalten, Subventionen zu bekommen oder staatliche Aufträge zu ergattern. Auch das ist rational. Aber für die Volkswirtschaft macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ein Unternehmen reich wird, weil es ein Produkt entwickelt, das Millionen Menschen kaufen wollen – oder weil es besonders erfolgreich darin ist, an staatliches Geld zu kommen. Im ersten Fall entsteht Wachstum durch Innovation. Im zweiten Fall wird vor allem um die Verteilung vorhandener Steuermittel gekämpft.
Das schließt nicht aus, dass auch die Rüstung Innovationspotential hat (Robotik, KI). Doch das zentrale Rätsel lautet also: Warum gehen so viele Firmen in die Rüstung? Warum entstehen in Deutschland derzeit so wenige attraktive zivile Wachstumsbranchen? Klar, weil das Staatsgeld auf der Straße liegt. Aber womöglich auch, weil Unternehmern und ihren Kapitalgebern nichts Neues einfällt. Das Problem ist nicht, dass sie Waffen bauen. Deutschland muss »kriegstüchtig« (Boris Pistorius) werden. Das Problem ist, dass sie zunehmend keine besseren Ideen mehr haben.
Der Boom der Rüstungsindustrie offenbart die Innovationsschwäche der deutschen Wirtschaft. Oder haben wir etwas übersehen und schlummern die neuen schumpeterschen »Hidden Champions« längst in den Bergen des Siegerlandes und der Schwäbischen Alb?
Rainer Hank
06. Oktober 2026
Der Niedergang der Politiker-Sprache
Und der Aufstieg von Leuten wie Ricarda Lang
Nach den ersten Hochrechnungen zur Sachsen-Anhalt-Wahl meldete sich die Grünen-Politikerin Ricarda Lang. »Katastrophe«, sagte sie, wortkarg und emotional zugleich Ihr Statement gab sie der »Remszeitung«, einem Lokalblatt ihrer schwäbischen Heimat. Später nutzte sie dann ihren Insta-Kanal zur größeren überregional-viralen Verbreitung ihres Statements.
Die offiziellen Äußerungen aus der Grünen-Zentrale in Berlin klangen anders: »Das Ergebnis erfüllt mich mit Freude und mit Stolz«, sagte der Parteivorsitzende Felix Banaszak. Hatten wir da etwas verpasst? Für die Grünen reichten offenbar schon drei Prozentpunkte mehr, um auf ein Ergebnis von 8,9 Prozent stolz zu sein. Verstand sich die Partei nicht vor kurzem noch als Volkspartei?
Mir geht es heute um die Sprache von Politikern. Wie erbärmlich, wie sehr auf den Hund gekommen diese inzwischen ist, ließ sich vergangene Woche besonders gut beobachten. Banaszak glaubt doch selbst nicht, dass 8,9 Prozent ein Anlass zu Freude und Stolz sind. Aber er glaubt, dass er solche Sätze sagen muss. So wie SPD-Funktionäre angesichts ihrer 9,3 Prozent behaupten: »Mit uns ist wieder zu rechnen.«
Die stolze alte Arbeiterpartei. Immerhin ist das noch aussagekräftiger als der abgedroschene Verlierersatz: »Das Ergebnis werden wir jetzt in aller Ruhe in den Gremien der Partei analysieren.« Man hört den Sprechern die innere Unruhe an – und die Sorge um ihr Amt.
Merken Politiker eigentlich, wie sie da reden? Ist das noch Verdrängung? Dann enthielte die Sprache zumindest eine Art Rationalität und diente der Immunisierung gegen Kritik. Oder werden diese Spruchbänder längst von einer Maschine der Gedankenlosigkeit fabriziert, hohl und ohne jeden Sachgehalt?
Die Schere im Kopf
Um die Grünen geht es hier nicht. Es geht um ein Verhalten der Politiker der sogenannten Mitte, also Union, SPD und, falls man über sie überhaupt noch sprechen muss, FDP.
Niemand aus der Kaste der Politiker hat den Mechanismus dieser Sprachentleerung so gut analysiert und decouvriert wie Ricarda Lang (32). Von 2022 bis 2024 war sie Vorsitzende der Grünen. Stets, so Lang, brauche es in der Politik Sätze, hinter denen sich viele versammeln können. Das heißt zugleich: sich im Unverbindlichen abschotten. »Man baut sich Mauern im Kopf auf, hat eine selbstproduzierte Angst.« Lieber verliert man sich im allgemein Zustimmungsfähigen, also Nichtssagenden, als ein inhaltliches Risiko einzugehen. Die Frage, ob mit der Bedeutung des Amtes die Sätze verschachtelter werden, bejaht Lang: »Zu oft, und das ist eine unfassbar traurige Analyse.« Die Zensur erfolgt nicht von oben. Der Politiker zensiert sich selbst. Die Schere im Kopf schneidet alles zurecht.Der Politikerjob honoriert Unklarheit und bestraft Deutlichkeit. »Ich hatte Phasen als Parteivorsitzende, in denen ich wie ein Roboter klang«, sagt Lang. Das passiere, »wenn man auf Fragen, auf die man keine Antwort hat, etwas sagt, woran man selbst nur halb glaubt«. Hinzu komme ein besonderes Problem linker Politiker: ihre technokratische Sprache. Progressive Politik redet über Instrumente, Verfahren und korrekte Begriffe und verliert die Lebenswelt der Menschen aus dem Auge.
Das sind bemerkenswert hellsichtige Sätze. Sie sagen im Grunde: Ein Spitzenamt entfremdet den Politiker von sich selbst, von der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, von seinen Gefühlen – und von den Bürgern. Nicht zufällig, sondern systembedingt. Der Befund widerspricht der Luther zugeschriebenen protestantischen Gewissheit: »Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand.« Traditionell legitimiert das Amt den Sprecher: Er darf sprechen, weil er Vorsitzender, Finanzminister oder Generalsekretär ist. Das nennen wir Amtsautorität. Vorbei. Der Sprachverfall ist ein zentraler Grund für den Verfall politischer Glaubwürdigkeit.
Interessant ist, welche Konsequenzen Ricarda Lang aus ihren Erfahrungen gezogen hat – und welche neue politische Rolle samt Geschäftsmodell sie für sich geschaffen hat.
Lang ist heute nicht mehr Sprecherin der Grünen, sondern Erklärerin grüner Politik. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Sie kennt den Apparat von innen. Aus dieser Position bewirtschaftet sie Podcasts, soziale Netzwerke, Panels und Talkshows. Sie darf einräumen, die Grünen hätten sich zu sehr mit korrekter – also gerade nicht konkreter – Sprache und zu wenig mit ökonomischen Problemen beschäftigt. Sie gehört nicht mehr zum Führungskader, ist aber auch keine Renegatin.Damit gerät sie in ein Terrain, das traditionell Journalisten für sich beanspruchen: Politik zu erklären. Hier konkurrieren zwei Quellen der Glaubwürdigkeit. Der Journalist sagt: Glaubt mir, weil ich draußen stehe und unabhängig bin. Lang sagt: Glaubt mir, weil ich drinnen war und weiß, wie es dort zugeht. Der eine bietet Distanz ohne eigene politische Erfahrung, die andere Erfahrung ohne Distanz.
Ironie und Emotionalität
Interessant ist Lang also nicht trotz, sondern wegen ihres verlorenen Spitzenamtes. Sie ist gerade keine typische Ex-Politikerin wie Joschka Fischer, Sigmar Gabriel oder Peer Steinbrück, die noch immer den Politiker geben und häufig auch so reden. Langs neue Rolle ist sachorientiert, lebt von Ironie und Emotionalität und stellt ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion unter Beweis.
Ich will Ricarda Lang nicht heiligsprechen. Es geht mir um die Annäherung an einen für Deutschland neuen Politikertypus. Vergleichbar an Witz und Brillanz ist Kevin Kühnert (SPD), der ehemalige Generalsekretär seiner Partei. Gemeinsam ist Lang und Kühnert, dass sie außerordentlich begabt sind, über Charisma und Empathievermögen verfügen und ungewöhnlich jung in Spitzenämter gelangten. Bei beiden war das Ende ihrer Amtskarriere mit einer persönlichen Krise und einem vorübergehenden Rückzug aus der Öffentlichkeit verbunden.
Das hat etwas von einem alten religionsgeschichtlichen Muster: Krise, Rückzug, Wüste, Verwandlung und Rückkehr mit neuer Autorität. Kühnert zog sich nach seinem Rücktritt zurück und ging allein auf Wanderschaft. Lang kehrte sichtbar körperlich verändert zurück und sprach offen über ihren Gewichtsverlust. Allzu lange hielt es die künftigen Propheten offenbar nicht in der kommunikativen Wüste.
Das persönliche Profil dieser neuen Politikerfiguren ist das Spiegelbild der Armseligkeit politischer Kultur und Sprache der Mitte. Das kann man als Gewinn an Offenheit begrüßen. Man kann es aber auch als Warnsignal verstehen. Wenn wir ehemaligen Funktionären mehr glauben als amtierenden Politikern, erleben wir eine Rückverschiebung von der Institution zur Person, vom Amt zum Charisma. Das mag für Ricarda Lang und Kevin Kühnert ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein. Für das politische System ist es keine gute Nachricht.
Rainer Hank
