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  • 27. Oktober 2026
    Das deutsche Modell in der Krise

    Wie lang gibt sie es noch? Foto Unternehmen

    Dieser Artikel in der FAZ

    Shareholder oder Stakeholder: Wer weiß mehr über die Zukunft?

    Was haben Commerzbank und Volkswagen miteinander zu tun? Gar nichts. Die einen verkaufen Autos, die anderen Kredite. Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich überraschende Gemeinsamkeiten: Beide Unternehmen ringen um ihre Zukunft. Beide Unternehmen sind deutsche Traditionsunternehmen. Die Commerzbank gibt es seit 1870. Volkswagen gibt es seit 1937. Es könnte sein, dass beide Unternehmen über kurz oder lang ihre heutige Gestalt verlieren: die Commerzbank ihre Selbständigkeit, Volkswagen einen beträchtlichen Teil seiner deutschen Substanz.

    An Commerzbank und Volkswagen zeigt sich wie im Brennglas die Krise des deutschen Modells. Zur Debatte steht die Zukunft des rheinischen Kapitalismus.

    Zu den Fakten: Die Commerzbank steht kurz vor der Übernahme durch die italienische Bank UniCredit, der auch schon die deutsche HypoVereinsbank gehört. UniCredit hält inzwischen ungefähr 47 Prozent an der Commerzbank. Bankchef Andrea Orcel will möglichst schon Anfang 2027 die Kontrolle über den Aufsichtsrat gewinnen und die Bank tiefgreifend umbauen. Der deutsche Staat hält – ein Relikt aus der Finanzkrise – noch gut 12 Prozent der Aktien der Commerzbank und dringt auf den Erhalt des Firmensitzes Frankfurt, die Wahrung der Interessen der Beschäftigten und die Zusicherung, die Commerzbank müsse Bank für den deutschen Mittelstand bleiben. Vorstand und Aufsichtsrat der Bank werten die Übernahme der Italiener als »feindlich« und nehmen für sich in Anspruch, die Interessen »aller Stakeholder« angemessen zu berücksichtigen.
    Als Stakeholder bezeichnet man Aktionäre, Beschäftigte, Kunden, Lieferanten, Gläubiger, Staat und Standortkommunen zusammen. Shareholder sind ausschließlich die Aktionäre, also die Eigentümer eines Unternehmens.

    Bei Volkswagen sieht es so aus: Das Land Niedersachsen verfügt über 20 Prozent der Stimmrechte. Die Gewerkschaft IG Metall ist bei VW so mächtig wie in kaum einem anderen deutschen Metallunternehmen. Niedersachsen kann zusammen mit der paritätischen Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat eine Vetoposition (»Nicht mit uns«) gegen die geplanten tiefgreifenden Restrukturierungsmaßnahmen einnehmen. Diese sind aus Sicht der maßgeblichen Eigentümer – der Familien Porsche und Piëch – notwendig, um die Krise des Konzerns zu parieren: Zu hohe Kosten bei gleichzeitig fundamental verändertem Wettbewerb – chinesische Konkurrenz, Elektromobilität, Handelskonflikte.

    Was eint beide Unternehmen? Kapitalinteressen treffen auf mächtige Stakeholder, die an der bestehenden Gestalt des Unternehmens festhalten wollen: Beschäftigte, Gewerkschaften und Politik. Wer vertritt das Unternehmen von morgen?

    Die Älteren werden sich an Debatten erinnern, die vor einem Vierteljahrhundert unter der Überschrift »Varieties of Capitalism« geführt wurden. Kapitalismus ist nicht überall gleich und hat sich historisch auf unterschiedlichen Pfaden entwickelt. Grob gesagt stehen sich drei Unternehmenskonzepte gegenüber: das deutsche arbeitnehmerorientierte, »korporatistisch« genannte Konsensmodell, das französische staatsorientierte Modell und das amerikanische Manager-Modell, das den Aktionären als Eigentümern die bestimmende Macht überträgt, in deren Auftrag idealerweise das Top-Management agiert. (Mehr dazu im neuen Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Peter A. Hall: Governing Growth. The Postwar Transformation of Capitalism and Democracy. Princeton Univ. Press.)

    Rheinischer Kapitalismus

    Stakeholder-Kapitalismus und Shareholder-Kapitalismus stehen einander gegenüber. Die Debatten lassen sich polemisch führen: Dann wird aus deutscher Sicht der Shareholder-Kapitalismus von gierigen Unternehmern getrieben, die schlechte Löhne zahlen, um sich selbst gute Gewinne zu sichern. Umgekehrt wird dem rheinischen Kapitalismus aus angloamerikanischer Sicht vorgeworfen, für den Konsens aller Stakeholder einen zu hohen Preis zu zahlen.

    Lange Zeit herrschte friedliche Koexistenz zwischen den Kapitalismen. In guten Zeiten lassen sich Gegensätze leichter versöhnen: Aktionäre erhalten ordentliche Dividenden, Arbeitnehmer hohe Löhne, Kommunen ihre Standorte. Stakeholder-Kapitalismus klingt wunderbar, weil niemand ernsthaft verzichten muss.

    Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland jede wirtschaftliche Herausforderung gemeistert. Doch jetzt brauche das Land ein ganz neues Modell für seine Wirtschaft, schrieb der Princeton-Historiker Harold James am vergangenen Wochenende in der FAS. In der Krise wird aus dem schönen Interessenausgleich der Stakeholder ein Vetospiel. »Wir zahlen nicht für eure Krise«, steht auf den Transparenten der Gewerkschaften, eine Parole, die so tut, als hätten die Arbeitnehmer mit der Krise nichts zu tun. Jeder Stakeholder hat ein nachvollziehbares, sehr konkretes Interesse: Betriebsrat und Gewerkschaft an Arbeitsplätzen und hohen Löhnen, das Land Niedersachsen an den Autostandorten, das Land Hessen am Bankenstandort Frankfurt, der Bund an einer deutschen Mittelstandsbank.

    Doch wer vertritt eigentlich das Unternehmen von morgen? Der Vorteil des Shareholders besteht nicht darin, dass er kein Partikularinteresse hat. Sondern darin, dass sein Partikularinteresse weniger an die bestehende Gestalt des Unternehmens gebunden ist. Dem Eigentümer geht es darum, dass das eingesetzte Kapital auch morgen noch etwas wert ist. Wo der Gewinn erwirtschaftet wird, mit wie vielen Mitarbeitern, in welcher Fabrik und mit welchem historisch gewachsenen Geschäftsmodell, all das ist dem Eigentümer egal. Das mag auf den ersten Blick egoistisch, vaterlandslos, ja zynisch klingen – hat aber seine Logik. Der Betriebsrat von VW kann schwerlich sagen: »Die Zukunft von VW verlangt, dass vier deutsche Werke verschwinden.« Der Bundesfinanzminister wird kaum verkünden können, Deutschland brauche eigentlich keine eigenständige Mittelstandsbank mehr.

    Stakeholder schützen den Status quo. Eigentümer müssen sich fragen, was bleiben kann – angesichts veränderter Marktbedingungen und geopolitischer Umbrüche. Dass die Rechnung aufgeht, ist damit beileibe nicht garantiert. Das ist das unternehmerische Risiko, das die Unternehmer auf sich nehmen – das Risiko, dass ihr Vermögen am Ende verschwindet.

    Für den Betrachter laufen gerade zwei Experimente ab, die mitentscheiden, ob und wie Deutschland seine aktuelle Wirtschaftskrise bewältigt. Wir wissen noch nicht, wer gewinnt. Ohne kreative Zerstörung wird das nicht abgehen. Der Shareholder hat den Vorteil, dass er die bestehende Gestalt des Unternehmens nicht verteidigen muss. Stakeholder haben gute Gründe, die Zerstörung zu verhindern. Shareholder müssen sie in Kauf nehmen, wenn das Unternehmen eine Zukunft haben soll.

    Rainer Hank