Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 30. Juli 2021
    Klimawandel als Ausrede

    Eifelhochwasser Foto swr

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Krisen auch nicht mehr das sind, was sie mal waren

    Was Corona ist, haben wir nach eineinhalb Jahren Pandemie nun gelernt. Was der Klimawandel ist, könnten wir schon seit dem Kyoto Protokoll wissen. Aber was ist eigentlich eine Krise?

    Das Wort Krise hat sich inflationär ausgebreitet. Wir sprechen von Corona-Krise und Klima-Krise. Davor hatten wir die Flüchtlings-Krise, die Euro-Krise und die Finanzkrisen. Die eine ist noch nicht vorbei, da lugt schon die nächste um die Ecke. Normalität ohne Krise scheint nicht mehr vorgesehen zu sein.

    Das von der Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff edierte »Handbuch der Krisenforschung« klärt auf: Eine Krise ist eine Ausnahmesituation, die ein Potential zum Guten oder Schlechten hat. Von der Antike bis ins 17. Jahrhundert bezog Krise sich auf die ärztliche Entscheidung über Leben und Tod. Arzt und Patient sind handlungsmächtig und können durch eigene Initiative Krisen bewältigen. Da zeigt sich der Kern des Allerweltsspruchs von der »Krise als Chance«.

    Seit dem 18. Jahrhundert greift der Krisenbegriff imperial um sich, erstreckt sich von der Medizin und Kriegsführungskunst auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik und dringt in die Alltagssprache ein: »Ich glaub, ich krieg die Krise.« Wer eine Krise sieht, glaubt nicht an eine einfache, lineare Fortschritts- und Entwicklungsgeschichte, benennt historische Perioden des Übergangs, der Unsicherheit und der Entscheidung. Das schreibt der Historiker Rüdiger Graf im genannten Handbuch der Krisenforschung. Die »Gründerkrise« 1873 markiert ein vorläufiges Ende des liberalen Fortschritts- und Wachstumsglaubens, vergleichbar der Dotcom-Krise der New Economy zur Jahrtausendende 2000. Die Ölkrise 1973 hat der Weltbevölkerung schlagartig deutlich gemacht, dass Energie und Ressourcen begrenzt sind und wir gut daran tun, effizient damit umzugehen. Dass es absolute »Grenzen des Wachstums« gäbe, wie der Club of Rome damals als Reaktion auf die Ölkrise behauptete, hat sich zum Glück als falsch erwiesen. Der Einfallsreichtum der Menschen hat den Fatalismus besiegt.
    Zu unterscheiden wäre zwischen Katastrophenereignissen wie Überflutungen, Bankenansturm, Flüchtlingsströmen einerseits und Krisen wie Erderwärmung, Verschuldung, Migration, die auf eher langfristige Entwicklungen zurückgeführt werden. Dass langfristige Krisen furchtbare Katastrophen nach sich ziehen können, erleben wir gerade.

    Lass keine Krise ungenutzt

    Auffallend ist die veränderte Einstellung der Menschen zu Krisen im Lauf des 20. Jahrhunderts. In den Zwanziger Jahren erblickten die Menschen in den Krisen ein »notweniges, kathartisches Durchgangsstadium auf dem Weg in eine bessere Zukunft« (Rüdiger Graf), mithin ein positives Aufbruchssignal.

    Solch ein fortschrittliches Geschichtsdenken hat sich seit dem späten 20. Jahrhundert in sein Gegenteil verkehrt. Krise wird heute vor allem als Verschlechterung erlebt. Der Glaube, dass sich aus einer Krise etwas machen lasse, getreu dem Motto Winston Churchill »Lass keine gute Krise ungenutzt« (»Never let a good crisis go to waste«), kam selbst in die Glaubwürdigkeitskrise. Pessimismus schlägt den vormaligen Krisen-Optimismus. Die Krise ist nicht mehr Appell an die Entfaltung kreativer Anpassungskräfte der Menschen. Sie ist jetzt Signal für die drohende Apokalypse. Wir stehen kurz vor dem Untergang, wahlweise je nach Krise ist es der Untergang des Kapitalismus oder gleich der ganzen Menschheit durch nicht aufhaltbare Flüchtlingsströme oder den Kollaps des Klimas.

    Was dieser Wandel des Krisenverständnisses vom Optimismus zum Pessimismus bedeutet, zeigen die Reaktionen auf die aktuelle Flutkatastrophe. Ein positives Verständnis der Krise, das sich vorgenommen hätte, aus dem tödlichen Schrecken der zerstörerischen Flut Lehren für die Zukunft zu ziehen, müsste jetzt kluge Anpassungsstrategien an den Klimawandel erarbeiten. Die »positive« Fantasie könnte sich in jede Richtung austoben: Noch bessere Hochwasserwarnsysteme für enge Täler deutscher Mittelgebirge oder der Voralpen, verbunden mit ausreichend Rückstaumöglichkeiten und Auffangbecken. Private Versicherungen könnten ihre Policen in den – von Regen wie Hitze – bedrohten Gebieten nach oben anpassen und zugleich Preisnachlässe als Anreize setzten für Bürger, die sich entschließen, künftig weniger nah am Wasser zu bauen. Der Bau von Dämmen und Warften (Siedlungshügel) müsste dazu kommen. All das kann man übrigens nachlesen auf der Internetseite des Bundesumweltamtes: »Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel« heißen die Empfehlungen aus dem Jahr 2008.

    Dramatisch wirkt die Versiegelung der Böden. Wenn Dämme oder Rücklaufventile aus einer Zeit stammen, in der die Fläche unbebaut war, dann muss der restliche heutige Boden der Region das x-fache aufnehmen können, um eine Flut zu vermeiden. Der Mannheimer Politikwissenschaftler Thomas König hat mir dazu eine kleine Rechnung geschickt, die er zusammen mit seinem Schwiegervater Helmut Pannenbäcker, einem Diplom-Ingenieur erstellt hat. Fallen – wie berichtet – 15 Liter Wasser in der Stunde auf einen Quadratmeter, sind das 15 000 Kubikmeter auf einen Quadratkilometer, wenn die Fläche hundert Prozent aufnehmen kann. Je weniger Wasser nun aufgrund von Bebauung oder Verdichtung versickern kann, desto mehr Kubikmeter fließen ab und erhöhen den Druck in den Abflüssen, so dass aus einem kleinen Rinnsal von 10 Quadratmetern im Querschnitt ein reißender Strom werden kann. Bei 50 Prozent Versickerung entspricht dieser Strom einer Säule von 750 Metern Länge, bei 25 Prozent Versickerung 1125 Metern auf einer Fläche von lediglich einem Quadratkilometer pro Stunde.

    Klimawandel lenkt ab

    Das apokalyptische Krisenverständnis unserer Tage denunziert Anpassungsstrategien als Flucht vor dem Klimawandel, als billige Ausrede, die Erderwärmung zu leugnen. Anpassung ist verpönt, radikaler Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft ist angesagt. Dabei hat die von Menschen gemachte Versiegelung der Flächen nicht das Geringste zu tun mit dem von Menschen gemachten Klimawandel. Der penetrante Blick auf das Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2050 oder früher ist es, der davon ablenkt, dass heute über Anpassung geredet werden müsste.

    Das negative Krisenbild (»fünf vor zwölf«) ficht das nicht an. Seine Anhänger fordern sofortigen, radikalen Verzicht: Kein Fleisch essen, nicht nach London fliegen, nicht mit dem Diesel fahren, keine Kinder zeugen. Kinder seien klimaschädlich, sagt die radikale Bewegung »Birthstrike«: Jedes nicht geborene Kind spart 58,6 Tonnen CO2. Die depressive Reaktion auf die Klimakrise mündet in den Befehl, das Leben insgesamt bleiben zu lassen. Es läuft auf das vorweggenommene Ende der Gattung aus Angst vor dem Klima-Tod hinaus.
    Das alles wird den zerstörten Orten in der Eifel genauso wenig nützen wie eine Beschleunigung des Baus von Windrädern in Deutschland. Verantwortlich für die Klima-Katastrophe ist der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen; das tugendhafte Deutschland, das für zwei Prozent der Weltemissionen verantwortlich ist, wird das nicht ändern. Das wir das nicht sehen wollen, hängt damit zusammen, dass wir den Glauben an den Fortschritt der Naturbeherrschung über Bord geworfen und Krisen apokalyptisiert haben.

    Rainer Hank

  • 20. Juli 2021
    Wissenschaftler als Büttel der Macht

    Der Ethikrat und seine Vorsitzende: Die Medizinerin Professor Alena Buyx Foto ethikrat.org

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum lässt die Intelligenz sich von der Politik instrumentalisieren?

    Am 4. Februar 2021 veröffentlicht der Nationale Ethikrat eine Ad-Hoc-Empfehlung unter der Überschrift »Besondere Regeln für Geimpfte?« Es ist die Zeit, als die Impfkampagne in Fahrt kommt, wenn auch außerordentlich schleppend. Der Rat lehnt es ab, doppelt Geimpften die ihnen immer schon zustehenden Freiheitsrechte zu garantieren.

    Der Titel des Papiers ist verräterisch: Als ob es um »besondere« Regeln ginge, eine Art Geschenk von der Obrigkeit! Die Freiheit eines Bürgers ist der Normalfall im liberalen Staat, nicht die Ausnahme. Es sei zu befürchten, »dass ein Teil der Bevölkerung eine individuelle Rücknahme staatlicher Freiheitsbeschränkungen nur für bereits Geimpfte als ungerecht empfinde«, heißt es in dem Papier. Dies wiederum könnte »die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger sowie die Bereitschaft zur Regelbefolgung mindern.«

    Genau dieses Argument einer drohenden »Zweiklassengesellschaft« war im vergangenen Winter von Politikern aller Parteien (bis zu den »freien« Demokraten) zu hören. Damals gab es eine riesige Angst vor den Impfgegnern, die in der Bevorzugung der Geimpften einen impliziten Impfzwang sehen könnten. Dass Politiker diese Angst haben, ist nachvollziehbar, sie wollen auch von Impfgegnern gewählt werden. Aber der Ethikrat verkauft ein pures »Gefühl der Ungerechtigkeit« als ein philosophisches Argument. Das hätten sie keinem Studenten im Proseminar durchgehen lassen. Warum benutzen sie es hier? Weil es im Februar 2021 einen öffentlichen Kladderadatsch gegeben hätte, hätten die Ethiker für sofortige Bürgerfreiheit votiert. Heute diskutiert der Ethikrat übrigens über eine Impfpflicht. Wie es halt gerade passt.

    Der Nationale Ethikrat ist ein von der Bundesregierung eingesetztes Beratungsgremium. Seine Mitglieder werden von Bundestag und Bundesregierung vorgeschlagen und vom Bundespräsidenten ernannt. Die Unabhängigkeit der Mitglieder soll durch das Verbot der gleichzeitigen Mitgliedschaft in Parlament oder Regierung sichergestellt werden. Das ändert nichts daran, dass solche Empfehlungen den Sachverhalt der Kumpanei erfüllen. Ziel sei nicht Rat von Experten, sondern die »wissenschaftliche« Bestätigung von Regierungsmaßnahmen gegenüber der Öffentlichkeit, sagt der Konstanzer Ökonom Friedrich Breyer. Eine wissenschaftsgläubige Welt braucht Legitimationsgremien für politisches Handeln.

    Die Kumpanei hat System

    Seit Beginn der Pandemie wimmelt es von Experten und Beratern. Der Rührigste ist Karl Lauterbach, eine Art »Ein-Mann-Thinktank«, der Oppositionspolitiker, Epidemiologe und Regierungsberater in einer Person ist. Als Faustregel gilt: Je näher ein Berater in regierungsoffizielle Räte eingebunden ist, um so affirmativer zur Politik der Herrschenden fällt seine Beratung aus.

    Die Kumpanei des Ethikrats ist kein Ausrutscher, sondern hat System. Natürlich beruft die Regierung in solche Gremien nur Experten, die öffentlichen Rückhalt ihrer Positionen erwarten lassen. Die Tatsache, dass »marktliberale« Haltungen gerade außer Mode sind, kostete dem Freiburger VWL-Professor und Direktor des Walter-Eucken-Instituts, Lars Feld, die Wiederberufung in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (»Fünf Weise«). Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, 2008 von Bund und Ländern errichtet, formell weisungsfrei, aber mit öffentlichem Auftrag, hat am 8. Dezember 2020 eine Empfehlung veröffentlicht, in der ein harter Lockdown »aus wissenschaftlicher Sicht« für »unbedingt notwendig« bezeichnet wurde. Das Papier wurde vom Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler unterzeichnet, dessen RKI eine untergeordnete Bundesbehörde ist. Wieler und seine Kollegen empfehlen gestützt auf Wissenschaftsexpertise als alternativlos, was die Regierung hören will und Wieler anschließend als RKI-Chef als vernünftig loben darf. »Kalkül schlägt Kompetenz« meinte dazu der St. Galler Historiker Caspar Hirschi in der F.A.Z. Der Bonner Juraprofessor Klaus Ferdinand Gärditz ergänzte bissig: »Die scheinbare Nähe zur Macht verführt, selbst als deren nützliche Büttel.«

    Die Fünf Wirtschaftsweisen sind noch ein relativ unabhängiges Gremium im Vergleich etwa zum Ethikrat. Ziemlich unabhängig sind auch Wissenschaftlichen Beiräte beim Wirtschafts- und Finanzministerium. Sie holen sich ihre Mitglieder eigenständig durch Kooptierung und sind frei in Themenwahl und Gestaltung ihrer Gutachten. Hier ist eher Distanz zu vermuten, eindeutiger jedenfalls als bei Ethikrat & Co. Das schützt freilich nicht davor, Blödsinn zu verzapfen, wofür der Wirtschaftsbeirat »Junge digitale Wirtschaft« steht, der kürzlich allen Ernstes dafür plädierte, Presseberichte zu zensieren, wenn sie negativ über Börsengänge von Start-Ups berichten.

    Besser Distanz halten als Kuscheln

    Der Bonner Ökonom Moritz Schularick, ein Star am deutschen Ökonomen-Himmel, attestiert in seinem gerade im Münchner Beck-Verlag erschienenen Buch »Der entzauberte Staat« generell solchen Gremien eine »überholte Vorstellung von unabhängigem Expertentum« mit ihrer Vorstellung von »Distanz zu politischen Entscheidungsträgern«. Statt Wissenschaft »dynamisch in Entscheidungsprozesse einzubinden«, herrsche die Idee vor, dass Wissenschaftler »aus sicherer Entfernung in einem weisen Gutachterton sagen, was grundsätzlich richtig ist«.
    Dass die Beiräte unverbindlich das langweilig Richtige oder ausgemachten Quatsch schreiben, ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, stimmt indes etwa für das jüngste Gutachten der ökonomischen Berater des Wirtschaftsministers nicht: Dort wurde mit guten Argumenten für die Einführung einer Rente mit 68 plädiert – zum Verdruss von Minister Altmaier. Keine Partei will eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit den Bürgern zumuten. Gut, dass die Wissenschaft dagegenhält.

    Will Ökonom Schularick im Ernst »Distanzlosigkeit« der Beratung? Er sprich von »dynamischer Einbindung in Entscheidungsprozesse«. Er sagt, Politiker sollen sich nicht vor der Verantwortung drücken. Sie sollen die Besten der Besten holen, die auf dem neuesten Stand der Forschung sind und in Krisen schnell und flexibel das Richtige raten, anstatt wochenlang ellenlange Gutachten zu verfassen.
    Wer definiert, was der »neueste Stand der Forschung« ist? Sehr viele Wissenschaftler billigten sich selber eine fachliche und moralische Position zu, die sie sonst niemanden zugestünden, meinte der früh verstorbene St. Galler Ökonom Gebhard Kirchgässner, dessen Forschungsprojekt zur Politökonomie wirtschaftspolitischer Beratung leider Fragment geblieben ist. Wissenschaftler und Politiker halten sich nicht selten für »wohlwollende Diktatoren«, die nichts anderes als das Gemeinwohl verfolgen – hehre Wesen ohne eigene Macht-Interessen. In der Pandemie wurde mit diesem Bild vieles verkleistert. Hoffen wir, dass diese Art von Expertokratie nicht zur Blaupause der Klimapolitik missbraucht wird. Besser als auf »dynamische Einbindung« sollte man auf kritische Distanz und harten Wettbewerb der Fachleute setzen. Wettbewerb garantiert Qualität der Beratung besser als das anmaßende Wissen wohlwollender Wissensdiktatoren. Gefragt wäre institutionalisierte (Selbst)kritik der Räte und Mut, Unbequemes und Neues in die Debatte zu speisen. Als Bestätiger der herrschenden Politik brauchen wir sie nicht.

    Rainer Hank

  • 12. Juli 2021
    Das kalte Herz der Kapitalisten

    Ein Herz aus Stein Foto ivabalk/​pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Verdirbt die Ökonomie den Charakter?

    Der Homo Oeconomicus hat keinen guten Leumund. Er gilt als egoistisch, nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Großzügigkeit und Barmherzigkeit seien ihm fremd, heißt es. Er hat ein kaltes Herz.

    Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe hat seiner monumentalen Geschichte des Kapitalismus den Titel »Das kalte Herz« gegeben. Wilhelm Hauffs gleichnamiges Märchen von 1827 wurde nicht erst von der DDR-Germanistik als Parabel auf den aufkommenden Kapitalismus gelesen, auch wenn es noch ganz in einer vorindustriellen Welt von Köhlern, Holzfällern und Flößern spielt. Immer schon war das steinerne Herz ein Sinnbild eines sündigen, gegen Gott verstockten Gemüts. Geld, Ansehen und Macht – im Doppelsinn blendende Aussichten auf eine glänzende Karriere – werden mit Herzenskälte assoziiert, während Nächstenliebe, Mitleid und Barmherzigkeit mit Wärme verbunden werden.

    »Capital« meinte lange Zeit schlicht Geld. Dass Geld sich vermehrt und »wuchert«, hat die Menschen irritiert. Wie bei Goethe im zweiten Teil des »Faust« stammt auch bei Wilhelm Hauff das Geld aus einem Pakt mit dem Teufel. Es blendet und verführt durch seinen güldenen Schein, führt letztlich ins Verderben. Herzenskälte konnotiert mit Frigidität und Unfruchtbarkeit. »Mutter, oh weh! Dein hartes Herz«, klagen die Ungeborenen in Hugo von Hofmannsthals »Die Frau ohne Schatten«.

    Das Studium der Ökonomie wäre in diesem Sinn eine Sozialisationsagentur frigider Herzenskälte. Altruisten werden zu Egoisten zwangskonvertiert, die alles und jedes einem Kosten-Nutzen-Kalkül unterziehen. Die Spieltheorie belehrt sie darüber, dass sich Kooperation nicht auszahlt und warum es in vielen Situationen gut sei, lieber seinem opportunistischen Vorteil nachzujagen. Für das Gemeinwohl werde die »unsichtbare Hand« schon von allein sorgen. »Welch ein Irrtum«, höhnen die Kritiker des Kapitalismus und verweisen auf Ungleichheit, Armut, Ungerechtigkeit in der Welt.

    John Stuart Mill und das Gesetz der Gravitation

    Liberale Ökonomen haben sich gegen solche Zerrbilder gewehrt. In seiner berühmten Rektoratsrede vom 1. Februar 1867 im schottischen St. Andrews kommt der Philosoph John Stuart Mill auf jene Leute zu sprechen, die Studenten vor dem Studium der politischen Ökonomie warnen: Herzlos, gefühllos, konfrontiere es einen mit unerfreulichen Fakten. Mill kontert mit Verweis auf die Physik: Das bei weitem Gefühlloseste, was er kenne, sei das Gesetz der Gravitation. »Es bricht den Besten von uns das Genick, wenn sie auch nur für einen Moment meinen, es ignorieren zu können.« Auch Wind und starke Wellen könnten ziemlich unerfreulich sein, so fährt Mill fort. Aber sollen wir deswegen die Seefahrer anweisen, die Existenz von Wind und Welle zu ignorieren? Wäre es nicht besser, die Naturgesetze zu studieren, um uns gegen die in der Natur lauernden Gefahren zu wappnen? Der Analogieschluss Mills von der Natur- auf die Sozialwissenschaft lautet: »Studiert die Schriften der ökonomischen Klassiker und behaltet davon, was euch wahr dünkt. Das Studium der Ökonomie wird euch keinesfalls zu Egoisten machen, es sei denn, ihr wäret schon vorher verhärtet oder egoistisch gewesen.«

    Ob Kapitalismus, Marktwirtschaft und das Studium der Ökonomie das Herz der Menschen verhärtet, lässt die Denker bis heute nicht los. Allerdings reicht dazu inzwischen die literarische oder philosophische Spekulation nicht mehr aus. Der Zeitgeist verlangt zwingend Empirie. Berühmt geworden sind vor ein paar Jahren die Experimente des Bonner Verhaltensökonomen Armin Falk. »Kapitalisten töten Mäuse«, so kann man seine These etwas marktschreierisch zusammenfassen. Das Design: Labormäuse, die sterben sollten, bekamen die Chance zu überleben, wenn die Versuchsteilnehmer in einem Experiment bereit waren, auf Geldgeschenke zu verzichten. Fragt man die Leute direkt, ob Sie zehn Euro bekommen wollen oder das Geld ablehnen, um die Maus zu retten, entscheiden sich zwar 45 Prozent egoistisch für das Geld. Doch die Altruisten behielten die Mehrheit. Ließ man die Versuchsteilnehmer stattdessen in einer Art Börse darüber verhandeln, einen vorgegebenen Geldbetrag von 20 Euro untereinander aufzuteilen oder auf Geld zu verzichten, bevorzugten 75 Prozent eine Geldlösung – und nahmen dafür den Tod vieler Mäuse in Kauf. Daraus folgt für Armin Falk: Der Markt verdirbt den Charakter.

    Die Mäuse führen in die Irre

    Das Mäuseexperiment erfuhr viel Kritik. Aus meiner Sicht zu Recht. Denn es besagt lediglich, dass es in Gruppen einen Loyalitäts- und Konformitätsdruck gibt. Das wissen wir seit dem berühmten Milgram-Experiment, bei dem Menschen bereit waren, autoritären Anweisungen Folge zu leisten, obwohl die Handlungen ihrem Gewissen zuwider liefen. Das hat erkennbar mit Markt und Kapitalismus nichts zu tun hat. Es liegt nicht am Markt, dass die Moral in Gruppen leidet, sondern am Konformitätsdruck.

    Das löst freilich noch nicht die Frage, ob altruistische Menschen durch die Beschäftigung mit Ökonomie egoistisch werden. Der Züricher Ökonom Bruno Frey, der schon in der vergangenen Woche in meiner Kolumne vorkam, hat dazu eine originelle Studie vorgelegt, die auf »reales« Material zurückgreifen kann. An der Universität Zürich müssen die Studenten jedes Semester entscheiden, ob sie an zwei von der Hochschule verwaltete wohltätige Fonds Geld spenden wollen. Das kann man als ein Maß für Altruismus nehmen. Frey diskutiert zwei konkurrierende Hypothesen. Die »Indoktrinationshypothese« besagt, dass die Ökonomie Studenten dazu bringt, eigennütziger zu denken und handeln als zuvor. Die »Vorprägungshypothese« kehrt die Kausalität um: Eigennützige Studenten entscheiden sich dazu, Ökonomie zu studieren.

    Das Ergebnis ist doppelt überraschend: Studenten der politischen Ökonomie und Volkswirtschaftslehre (VWL) spenden mehr und nicht weniger für die wohltätigen Fonds, verhalten sich sogar altruistischer als der durchschnittliche Student. Studenten, die Management studieren, sind hingegen deutlich selbstbezogener, was Bruno Frey nicht auf das Studiums selbst zurückführt, sondern die persönlichen Prägungen, mit denen die Management-Studenten an die Hochschule kommen. Dort, wo man mehr ökonomische Theorie lernt, also in der Volkswirtschaftslehre, gibt es mehr Altruismus als in den theorieschwächeren Managementkursen. Gut für Volkswirte, weniger schmeichelhaft für die künftigen Manager.

    Eine kürzlich an der Universität Amherst in Massachusetts präsentierte Studie (»Does economics make you selfish«) bestätigt die Ergebnisse von Bruno Frey. Allerdings: Ökonomiestudenten sprechen sich für eine deutlich restriktivere Einwanderungspolitik aus als Kontrollgruppen der Ernährungswissenschaft. Die Ökonomen meinen, Migranten sollen nur kommen dürfen, wenn klar ist, dass sie einen positiven Beitrag für das Gastland leisten werden. Das kann man gefühlskalt nennen, man kann es auch realistisch nennen.

    Fazit: Die Beschäftigung mit Ökonomie lässt das Herz der Menschen nicht erkalten, sondern schärft den Realitätssinn für Fragen von Kosten und Nutzen. Der Markt selbst generiert Moral, meinte Adam Smith, der Begründer der liberalen Ökonomie: Betrüger, Hochstapler und Hallodris haben auf Dauer keine Chance, weil im eigenen Interesse niemand mit ihnen Geschäfte machen will.

    Rainer Hank

  • 05. Juli 2021
    Bauen wir zwei, drei, viele Venedigs!

    Gelateria Nico mit Gianduiotto Eis Foto visitvenezia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Es ist eine Lust, wieder zu reisen. Aber es könnte voll werden.

    Jetzt waren also auch wir in Venedig. Bei »Gelato Nico«, an der Bootshaltestelle Zattere auf Dorsoduro, ließ sich das allmähliche Erwachen der Lagunenstadt wunderbar beobachten. Zu Anfang der Woche war es selbst am späteren Nachmittag dort noch still, so als ob die Saison noch gar nicht eröffnet wäre, obwohl die Sonne des späten Junis es leicht auf 33 Grad im Schatten schaffte. Gegen das Wochenende hin wurde es dann immer wuseliger. Was wir erst hinterher erfuhren: »Nico«, für Venezianer eine Institution, eilt der Ruf für das beste Eis in der Stadt voraus. Mir fehlt der Überblick, doch ich bürge, dass das Gianduiotto – eine Art Nougateisblock im Becher zusammen mit viel Sahne – wirklich der Hammer ist.

    Wir müssen wieder lernen, Menschen zu betrachten. Im Lockdown war das kaum möglich, weil wir alle in unseren Häusern eingesperrt waren. Jetzt kommen die Menschen aus ihren Löchern heraus, zuallererst die Italiener selbst, denen in diesem Jahr noch nicht einmal erlaubt war, ihren Carneval zu feiern. Franzosen sind da, Deutsche sowieso und natürlich die Schweizer. Es fehlen die Briten (wegen Delta), es fehlen die Amerikaner und die Asiaten. Das Bild an Zattere ist europäisch. Fast will es uns scheinen, als hätten sich alle zur Wiedereröffnung der Stadt besonders herausgeputzt. Junge, schöne Menschen, die sich einander von der attraktivsten Seite zeigen: Ein ausgelassenes Vergnügen bunter Menschlichkeit, pure Freude am wiedergeschenkten Leben.

    Der Tod in Venedig

    Gegenüber von Dorsoduro, auf der anderen Seite des Giudecca-Kanals, blicken wir auf Andrea Palladios Renaissance Redentore-Kirche. Am 4. September 1576 gelobte der Senat von Venedig den Bau einer Kirche zu Ehren des Erlösers (italienisch: Redentore), sobald die Stadt von der Pest frei sein würde, an der etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung, fast 50000 Menschen, gestorben waren. Im Sommer 1577 war die Seuche tatsächlich verschwunden. Seither wird zum Dank am dritten Sonntag im Juli ein Fest mit opulentem Nachtmahl und Feuerwerk gefeiert. Es würde mich wundern, fiele es in diesem Jahr nicht besonders ausgelassen aus.

    Überhaupt ist mir klar geworden, wie sehr diese Stadt des Vergnügens, der Musik und der Feste zugleich – quasi ihre Nachtseite – eine Stadt der Pandemien ist. Um eine erste große Seuchenwelle im 14. Jahrhundert einzudämmen, beschloss man, ankommende Schiffe vierzig Tage lang im Hafen zu isolieren. Das war die Erfindung der Quarantäne, der wir bis vor einem Jahr als einer archaisch wirkenden epidemiologischen Maßnahme wenig Beachtung entgegengebracht hätten. Jetzt habe ich Thomas Manns »Tod in Venedig« noch einmal aus dem Bücherschrank geholt. Seit der Schullektüre und der durch Gustav Mahler etwas arg schwülstig geratenen Visconti-Verfilmung von 1971 habe ich die Geschichte nicht mehr beachtet: Dass die Katastrophe durch eine aus Indien eingeschleppte Cholera-Epidemie ausgelöst wird, der auch Gustav von Aschenbach, der Held, zum Opfer fällt, hatte ich nicht mehr so präsent.

    Spätestens nach dem Redentore-Fest in zwei Wochen wird von diesen dunklen Dingen niemand mehr etwas wissen wollen. Es wird schon seine Gründe haben, warum die Erinnerung an die Spanische Grippe vor hundert Jahren tief vergraben war und erst jetzt mit Corona wieder hervorgekramt wurde. Kollektives Vergessen ist offensichtlich nicht minder wichtig als kollektives Erinnern.

    Lange wird es ohnehin nicht mehr dauern, bis die neue Normalität die alte Normalität Venedigs sein wird: Ihr Name ist Massentourismus. Dazu will natürlich niemand gehören, ich auch nicht. Alle zusammen summieren wir uns auf jährlich 30 Millionen Besucher, wofür die jetzt schon wieder präsenten dicken Kreuzfahrschiffe im Giudecca-Kanal das sichtbare Zeichen sind, die freilich statistisch nur einen geringen Teil der Touristen ausmachen. Dazu kommen die AirBnB-Touristen, die in den Appartments der Venezianer übernachten, welche ihrerseits die Stadt verlassen haben, oder die reichen Bürger aus Mailand, die sich Zweit- oder Drittwohnungen in der »Serenissima« gekauft haben. Der Effekt war vorhersehbar und wird seit Jahren diskutiert: Immer mehr Fremde, immer weniger Einheimische. Die Zahl der »echten« Venezianer in der alten Stadt hat sich binnen vierzig Jahren von 100 000 auf 50 000 halbiert; jedes Jahr werden es 1000 weniger, so dass man ausrechen kann, wann die Touristen die Stadt übernommen haben werden – spätestens im Jahr 2070. Dabei finden nicht wenige, Venedig – »halb Märchen, halb Fremdenfalle« (Thomas Mann) – gleiche heute schon einer Art historischem Disneyland, irgendwie auf natürliche Weise unwirklich und mit einem Haufen ökologischer Probleme, zu denen die dicken Schiffe mehr beitragen als zu den touristischen Schäden. Na ja, mich hat dieser Pessimismus nie richtig überzeugen können.

    Bruno Frey hat eine geniale Idee

    Seit Jahren wird diskutiert, ob und was die Stadt gegen den »Overtourism« unternehmen könnte. Jetzt droht die Unesco mit ihrer »roten Liste« gefährdeter Weltkulturstätten. Allzu abschreckend sollten die Maßnahmen nicht sein, finden viele Händler gerade jetzt, denn schließlich müssen die Touristen die Umsatzverluste des letzten Jahres wettmachen. Das Schlagwort vom »qualitativen Tourismus« macht die Runde. Gemeint ist wohl: Weniger Fremde, die dafür mehr Geld in der Stadt lassen. Das ließe sich kombinieren mit hohen Eintrittspreisen, was die Stadt dann aber vollends zu einem Kulturmuseum für die Reichen machen würde.

    Der Schweizer Ökonom Bruno Frey, einer der Kreativsten seiner Zunft, will nicht die Nachfrage rationieren, sondern das Angebot ausweiten, ein ziemlich frivoler Vorschlag. Die Idee dahinter: Wir bauen ein zweites, neues Venedig, quasi als Kopie nicht allzu weit entfernt von der Lagunenstadt. Statt von Kopie spricht Frey lieber von »neuen Originalen«, die mit digitaler Technik zusätzlich Originalerlebnisse und »augmented reality« bieten könnten. Antonio Vivaldi könnte seine Kompositionen live zum Besten geben, Giacomo Casanova würde auftreten und den Besuchern von seinen Liebesabenteuern berichten. Die Idee ist typisch ökonomisch gedacht, aber nicht so absurd, wie sie sich anhört. Altamira und Lascaux, die bemalten Höhlen der menschlichen Frühgeschichte, dürfen Touristen nur im künstlichen Duplikat betrachten. Originalität sei ein Mythos, meint Bruno Frey: Der Campanile auf dem Markusplatz, 1902 von Erdbeben und Unwetter zum Einsturz gebracht, wurde, was die wenigsten wissen, anschließend völlig neu errichtet – streng nach seinem Vorbild aus dem Jahr 911. Das sei auch nichts anderes als ein »neues Original«, so Frey.

    Doch das mit dem Capanile wissen die Fachleute: Wir Laien geben uns der Illusion der Originalität hin. Im »zweiten Venedig« wäre das schwierig. Da müssten wir uns wie in Las Vegas fühlen. Das mag ökologisch, ökonomisch und touristisch eine gute Lösung sein. Aber würde funktionieren? Und was machen wir mit Nico, dem Eiskonditor? Kriegt er einen Doppelgänger im zweiten Venedig? Und das Salzwasser des Kanals, das an meinem letzten Abend nach einem Gewitter über das Ufer schwappte und die Füße in den Sandalen nass machte? Sage niemand, dass seien Details, die für die Disneyländer irrelevant seien.

    Rainer Hank

  • 29. Juni 2021
    Kapitalismus und Sklaverei

    Foto orythys auf pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie sehr beruht unser Wohlstand auf der Ausbeutung Afrikas?

    Sklaverei, Kolonialismus und Genozid sind die tragenden Fundamente, auf denen der Wohlstand des Westens beruht. Die europäische Aufklärung war in Wirklichkeit zutiefst imperialistisch. So steht es in einer gerade erschienenen Studie des Sozialwissenschaftlers Kehinde Andrews, er ist Professor für »Black Studies« an der Birmingham City University. Sein Buch trägt den Untertitel »Wie Rassismus und Kolonialismus bis heute die Welt regieren«.

    Die postkoloniale Dekonstruktion der Aufklärung folgt einem modischen Trend. Das muss nicht bedeuten, dass sie falsch ist. Zumal die Frage eines Zusammenhangs zwischen dem Erfolg des Kapitalismus und dem rassistischen Kolonialismus zwar immer schon zum Standardrepertoire marxistischer Analysen gehörte, in den aktuellen identitätspolitischen Debatten, soweit ich sehe, aber eher am Rande traktiert wird. Der Kapitalismus hat in liberalen Kreisen einen guten Leumund, solange man darunter Arbeitsteilung, Freihandel und den Wohlstand der Nationen versteht. Wie kann es sein, dass die freiheitsliebenden Europäer über Jahrhunderte kein Problem hatten mit freiheitsunterdrückender Sklaverei? In Jane Austins Roman »Mansfield Park«, kurz nach dem britischen Verbot des Sklavenhandels 1807 erschienen, erkundigt Fanny Price, die Heldin, sich nach Sir Thomas Bertrams Zuckerplantagen in der Karibik, wo Schwarze Sklavenarbeit leisten mussten. Totenstille (»dead silence«) sei die Antwort gewesen, heißt es im Roman.

    Könnte es sein, dass diese Totenstille bis heute ein blinder Fleck der Wirtschaftsgeschichte ist? Bei schwarzen Sklaven denken wir an die USA und vergessen gerne, in welchem Maße England, Frankreich und Holland vom 16. bis in das 19. Jahrhundert vom Sklavenhandel lebten – und auch die Deutschen davon zumindest indirekt profitierten. Allein in den westindischen Kolonien Britanniens in der Karibik – dazu zählten unter anderem die Bahamas, Barbados, Trinidad und Tobago – arbeiteten Ende des 18. Jahrhunderts 520000 in Afrika gekaufte Sklaven unter menschenunwürdigen Bedingungen, vorwiegend auf Zuckerplantagen, aber auch in Tabak- und Baumwollplantagen. Der Reichtum Englands beruhte in dieser Zeit fraglos zu großen Stücken auf der Ausbeutung seiner mittelamerikanischen Kolonien. Der Zucker versüßte den vornehmen Gesellschaften Englands den Tee. Und Rauchen galt als Medizin. Monopolistisch organisierte Handelsgesellschaften organisierten alles aus einer Hand: Sie hatten Zugriff auf die Plantagen, den Import der Sklaven und den Export von Tee, Tabak, Kaffee und Baumwolle nach England.

    Rassismus ist die Folge der Sklaverei, nicht ihre Voraussetzung

    War also der Kapitalismus auf Sklavenhandel und -haltung zwingend angewiesen? Adam Smith, der Vater der modernen Ökonomie, bestreitet dies in seinem berühmten Hauptwerk über den »Wohlstand der Nationen« von 1776 – und zwar mit ökonomischen, nicht mit moralischen Argumenten. Obwohl Sklavenarbeit die billigste Arbeit zu sein scheine, weil sie lediglich die Aufrechterhaltung der physischen Existenz des Sklaven koste, sei sie in Wirklichkeit doch die teuerste Produktionsweise, schreibt der Ökonom: Denn der Sklave müsse zwingend daran interessiert sein, so viel wie möglich zu essen und so wenig wie möglich zu arbeiten. Freie Arbeiter, denen ein Lohn gezahlt werde, seien in Wirklichkeit viel produktiver als Sklaven.

    Das Wort des liberalen Ökonomen hören wir gerne. Allein, die Wirklichkeit sah anders aus. Warum? Dazu sollte man das Standardwerk des Historikers Eric Williams »Capitalism & Slavery« befragen. Williams entstammte der kreolischen Elite aus Trinidad, promovierte in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts in Harvard und war später Premierminister der unabhängigen Republik Trinidad und Tobago. Dort gilt er heute als »Vater der Nation«.

    Williams› Buch enthält zwei Thesen. (1) Sklaverei ist nicht die Folge von Rassismus, sondern umgekehrt: Rassismus ist die Folge der Sklaverei. Denn Rassismus rationalisiert das unmenschliche Verhalten der Sklavenhalter. Minderwertige, infantile Menschen brauchte man nicht menschenwürdig behandeln, es reicht sie zu missionieren. Die ersten Sklaven auf den Zuckerplantagen waren keine Schwarzen, sondern zunächst Indigene – Williams nennt sie »Indianer« – und anschließend Weiße. Die strukturelle Knappheit an Arbeitern setzte einen Anreiz für die Landbesitzer, Menschen zur Arbeit zu zwingen. Wichtiger als das Land zu kontrollieren war es für die Landeigentümer, die Leute zu kontrollieren. Rechtlose Leibeigene, konnte man besonders gut kontrollieren. In den Plantagen beruhte der wirtschafte Erfolg auf ökonomischen Skaleneffekten, mithin dem Einsatz von Tausenden Sklaven.

    Der Segen des Freihandels

    Daraus folgt die These (2): Nicht nur die Einführung der Sklaverei, sondern auch ihre Abschaffung erfolgte aus ökonomischen, nicht aus moralischen Gründen. Unersetzbar im 17. und 18. Jahrhundert zur Schaffung des Wohlstands in Europa, begann das westindische Monopol auf Sklavenhandel und -haltung zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus ökonomischen Gründen zu stören. Der Idee des Freihandels und des Wettbewerbs waren Monopole zuwider. Seit Beginn der industriellen Revolution waren die Zuckerplantagen in der Karibik nicht mehr die Quelle des Wohlstands. Technische Erfindungen führten zu ungeahnten Produktivitätsgewinnen in den Fabriken Englands, deren Arbeiter lausig bezahlt wurden und miserabel leben mussten, aber eben keine Sklaven, sondern Lohnarbeiter waren. Für die modernen Industriekapitalismus hat Adam Smith somit Recht: er konnte aus ökonomischem Eigeninteresse die Abschaffung der Sklaverei betreiben.
    Antisklaverei ist somit das Erbe jenes Kapitalismus, der die Sklaverei zuvor nötig hatte. Eric Williams hat – wenig überraschend – viel Widerspruch provoziert unter jenen Historikern, welche nicht die Ökonomen, sondern die Moralisten und christlichen Evangelikalen des frühen 19. Jahrhunderts dafür verantwortlich machen, dass England 1807 den Sklavenhandel und 1831 die Sklavenhaltung verboten hatte (und die Sklavenhalter im Übrigen fürstlich entschädigte). Industrielle Revolution und Abolition verlaufen in der Tat zeitlich synchron, so dass es nicht ganz einfach ist, Kausalitäten nachzuweisen. Womöglich war es auch eine Mischung von Moral und ökonomischem Gesetz, welche der Sklaverei den Garaus gemacht haben. Doch als Held der Forschung ist Eric Williams inzwischen voll rehabilitiert, wie der Soziologie Krishan Kumar in einem Literaturbericht im Times Literary Supplement vom 21. Mai gezeigt hat.

    Zurück zu meiner Ausgangsfrage. Der Kapitalismus war aus ökonomischen Gründen auf Sklavenarbeit angewiesen. Rassismus war die Folge davon. Und: Der Kapitalismus hat sich aus ökonomischen Gründen von der Sklaverei getrennt, doch der Rassismus ist in der Welt geblieben. Man kann den Kapitalismus für die Abschaffung der Sklaverei dann und nur dann feiern, wenn man ihm an der Erfindung der modernen Sklaverei zuvor die Mitschuld gibt. Langfristig hat sich nicht der ausbeutend-extraktive, sondern der partizipativ-inklusive Kapitalismus durchgesetzt. Auch das ist kein moralisches, allenfalls ein ökonomisches Verdienst – indes mit der von den Kapitalisten unintendierten Folge, dass die Arbeitswelt heute moralisch besser geworden ist.

    Rainer Hank