Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 26. Januar 2022
    Geduld zahlt sich aus

    Da braucht es viel Geduld Foto: Bundesregierung

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über Schicksal und Charakter

    Was haben Olaf Scholz und Friedrich Merz gemeinsam? Beide Männer zeichnet ein hohes Durchhaltevermögen aus und die Fähigkeit, selbst bei wiederholten Niederlagen nicht aufzugeben. »Stehaufmännchen« hätte man die beiden früher genannt. Heute sprechen wir geschlechtsneutral von Frustrationstoleranz und Resilienz. Scholz wäre gerne SPD-Vorsitzender geworden. Das hat bekanntlich nicht funktioniert. Anstatt den Bettel hinzuwerfen, ließ er sich im Sommer 2020 als Kanzlerkandidat ins Rennen schicken als allein der Gedanke zu höhnischem Gelächter führte (zum Beispiel bei Ex-Kandidat Peer Steinbrück). Heute klingt »Bundeskanzler Olaf Scholz« schon fast so selbstverständlich wie »Bundeskanzlerin Angela Merkel«, während man eine Weile nachdenken muss, wie der oder die SPD-Vorsitzende heißt.

    Friedrich Merz wurde von Angela Merkel 2004 als Vorsitzender der CDU-Fraktion entmachtet. Seitdem sinnt der Mann auf Rache und auf den CDU-Vorsitz. Zwei Mal ging das knapp daneben. Merz ließ sich nicht entmutigen: An diesem Wochenende wird es endlich so weit sein. Ein digitaler Parteitag wählt ihn zum Nachfolger von – wie hieß der nochmal? 18 Jahre sind seit seiner großen Niederlage ins Land gegangen. Durchhaltevermögen gewürzt mit süßer Lust auf Rache bürgen am Ende für den Erfolg.
    Geduld ist eine Tugend, braucht aber Zeit. Ungeduld ist eine Untugend, kann im schlimmsten Fall tödlich enden. Leonard Mlodinow, Sohn von Holocaust-Überlebenden, erinnert in einem gerade erschienenen Buch über »Emotionen« an den Bericht seiner Eltern über ihre Befreiung aus dem KZ Buchenwald. Die alliierten Soldaten verteilten großzügig frisches Wasser, Zigaretten, Schokolade und andere Nahrungsmittel. Während Moshe, ein anderer Überlebender, eine ganze Salamiwurst aufaß, hielt Mlodinows Vater sich zurück. Wenig später klagte Moshe über unerträgliche Darmbeschwerden; am folgenden Tag war er tot. Vater Mlodinow überlebte dank seiner Fähigkeit zu Selbstkontrolle und Zurückhaltung.

    Geduld als Tugend hat bei Ökonomen eine steile Karriere durchlaufen. Fast habe ich den Eindruck, die neue Mode habe die Glücksforschung in den Hintergrund geschoben. Geduld werde dramatisch unterschätzt, wird der Bonner Max-Planck-Forscher Matthias Sutter nicht müde uns einzuschärfen. Die akademische Übersetzung der Geduld heißt Zeitpräferenz: Es geht um die Fähigkeit, einem künftigen Nutzen gegenüber dem unmittelbaren Genuss den Vorzug zu geben. Im Abwägen zwischen Zukunft und Gegenwart sollen wir dem Kommenden eine Chance geben. Der Zins lockt die Menschen, ihr Geld nicht zu verprassen, sondern zu sparen und es anderen zu überlassen, um es zu investieren. Überlegen Sie selbst, ob Sie lieber auf der Stelle 100 Euro oder 110 Euro in drei Wochen hätten. Oder, falls 110 Euro zu wenig sind: Wie hoch muss der Zinsaufschlag sein, damit Sie die 100 Euro auf die Hand ausschlagen? Nebenbei: Was wird aus der Geduld in Zeiten von Niedrig- oder Negativzinsen?

    Präferenzen sind nicht gottgegeben

    Wer seine Ungeduld im Griff hat, wird es im Leben zu mehr bringen und am Ende ein größeres Vermögen haben. Das gilt auch für ganze Länder: Dort, wo die Bevölkerung im Durchschnitt zu mehr Selbstkontrolle in der Lage ist, messen die Ökonomen ein höheres Bruttosozialprodukt pro Kopf. In den USA, der Schweiz, Schweden oder Israel leben anscheinend geduldige Menschen. Auch Deutsche und Franzosen warten ab, Spanier und Italiener können es hingegen kaum erwarten. Geduld ist eine Einzahlung auf den Wohlstand der Nationen.

    Geduld oder Ungeduld würden wir als Charaktereigenschaft bezeichnen. Der Züricher Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr definiert Präferenzen als »tief verankerte – aber formbare – Bedürfnisse, welche die motivationale Grundlage unserer grundlegenden Verhaltensneigungen darstellen«. Fragt man, woher die Präferenzen kommen und ob sie sich verändern lassen, fällt die Antwort der Ökonomen enttäuschend aus. Ob einer eher altruistisch oder egoistisch handle, ob er risikoavers oder -afin sei oder eben ungeduldig oder geduldig, nehmen sie als gegeben: als offenbart (»revealed«), eine Art theologischer Ausflucht.

    Fehr, ein internationaler Star seiner Zunft, lässt sich mit solchen Ausreden nicht abspeisen. »De gustibus est disputandum«, über Geschmack lasse sich streiten, so die Überschrift seiner Hayek-Vorlesung am Walter-Eucken-Institut vom vergangenen Dezember. Es lohnt sich die Vorlesung auf Youtube anzusehen. Ökonomie definiert Fehr als »Wissenschaft von der Präferenzentstehung und Charakterbildung«. Als Student hätte man ihn mit dieser These vermutlich der Universität verwiesen – oder aber ihn auf die Liste künftiger Nobelpreisträger setzen lassen.

    Fehr zeigt mit einer Fülle von Experimenten: Präferenzen entstehen in der frühen Kindheit. Sie sind nicht gottgegeben, sondern lassen sich verändern. So wurden Kinder zwölf Wochen lang in Grundschulen darin geschult, in vorausschauender Weise zu handeln und die Fähigkeit auszubilden, sich zukünftige Konsequenzen alternativer Handlungen vorzustellen und zu bewerten. Es geht darum, Selbstkontrolle auszuüben, wenn man Versuchungen spürt, »vernünftig« einzukaufen und auf ein Ziel hin zu sparen. Es gehe nicht generell darum, geduldig zu sein; manchmal schade Geduld, sondern vorausschauend zu handeln und künftige Konsequenzen in sein Handeln einzubeziehen. Die Kinder hatten zum Beispiel die Wahl, heute wenige Geschenke zu bekomme oder viele Geschenke in zwei Wochen.

    Geduld macht egoistisch

    Kinder, die diesen besonderen Gedulds-Unterricht durchliefen, waren danach deutlich aufmerksamer und weniger impulsiv als Mitschüler in Kontrollgruppen. Sie lernen, dass ein langer Atem und nachhaltige Anstrengung sich lohnen. »Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen.« Die Bereitschaft wächst, »bei der Sache zu bleiben« und heute »Kosten« zu tragen, die morgen einen möglichen Ertrag abwerfen.

    Der Intelligenzquotient ist genetisch geprägt, das soziale Milieu ist von der Familie vorgegeben. Da lässt sich wenig machen. Beim Charakter ist das anders. Präferenzen lassen sich tatsächlich »zum Guten« verändern. Das ist die gute Botschaft.

    Doch wer bestimmt, welche Präferenzen wie verändert werden dürfen? Kinder, die am Ende der genannten Versuche geduldiger waren, waren – unintendiert – leider auch egoistischer geworden, weniger altruistisch oder empathisch. Weil sie es geschafft hatten, dachten sie: Jeder kann es schaffen. Meritokratische Erfahrungen, wonach jeder seines Glückes Schmied ist, lassen das Mitgefühl erkalten. Das bringt die Pädagogik der Präferenz-Ökonomen in Konflikte: Welchen Präferenzen geben wir den Vorzug, wenn es Trade-Offs (zwischen Geduld und Egoismus) gibt? Gott bewahre uns vor einer regierungsamtlichen Präferenz-Kommission!

    Rainer Hank

  • 20. Januar 2022
    Die Kinder sind die Verlierer

    Und wo sind die Freunde? Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Ein neuer Blich auf die gesellschaftliche Ungleichheit

    Corona bedroht alle Menschen gleichermaßen. Alpha, Delta, Omikron – kein Kontinent wird vom Virus verschont. Das ist richtig und doch falsch: Bei den Älteren bedroht Corona die Gesundheit in besonderem Maße. Bei den Jungen sind die Zukunftschancen und das Leben generell bedroht.

    1,5 Milliarden Schülerinnen und Studenten konnten in den vergangenen zwei Jahren nicht so lernen, studieren und leben, wie sie es normalerweise täten. Diese Zahl entnehme ich einer[ Übersichtskarte](http:/​/​en.unesco.org/​covid19/​educationresponse#schoolclosures der Unesco. Bis heute sind die Staaten der Welt über die Frage der Schulschließungen uneins. Während in den USA die Schulen 71 Wochen lang ganz oder teilweise geschlossen waren – in vielen Fällen sind sie es bis heute – haben Frankreich oder Spanien die Klassenzimmer lediglich 12 beziehungsweise 15 Wochen zugesperrt, die Schweiz sogar nur sechs Wochen. Deutschland liegt mit 38 Wochen irgendwo in der Mitte. Uganda hat nach 83 Wochen Schulschließung in der vergangenen Woche wieder geöffnet: Schüler und Lehrer mussten sich in der Zwischenzeit anderswo verdingen – vermutlich ein schlechterer Infektionsschutz als der Klassenraum.

    Der gesellschaftliche Konsens hat sich in den vergangenen zwei Jahren gedreht. Anfangs hat man die Schulen zuerst geschlossen, weil die jungen Menschen am meisten schutzbedürftig seien. Jetzt heißt es: Die Schulen schließen wir zuletzt. Lediglich Bildungsgewerkschaften und Lehrerverbände liebäugeln immer noch mit partiellen Schulschließungen. Vermutlich verstehen sie sich als Anwälte der Lehrer und weniger der Schüler. Man sollte einmal untersuchen, ob es eine Korrelation zwischen der Dauer der Schulschließungen und der Gesundheit der Schüler oder eher der Stärke der Gewerkschaften im jeweiligen Land gibt. Jedenfalls berichtet mein Kollege Winand von Petersdorff, USA-Wirtschaftskorrespondent der FAZ, dass dort die Lehrergewerkschaft die letzte mächtige Arbeitnehmerorganisation sei.

    Langsam setzt sich durch, dass auch in den Schulen nach Kriterien der Verhältnismäßigkeit zu entscheiden ist. Komplette Schulschließungen mit Rücksicht auf den Gesundheitsschutz ließen die pädagogischen, psychischen, sozialen und ökonomischen Kosten des Homeschoolings außer Acht. Erst als wir begriffen haben, dass Schüler weniger stark unter dem Virus als unter Lernmangel, Mangel an Kontakten und Mangel an Abwechslung leiden, haben sich die Gewichtungen verschoben.
    Ist nun alles gut? Karin Prien, CDU-Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein, hat so etwas kürzlich behauptet. Anfangs sei man »kalt erwischt« worden, aber dann habe man digital, pädagogisch und hygienemäßig (Stichwort »Luftfilter«) aufgerüstet, um »situationsangemessen« zu reagieren, hat die Politikerin jüngst in einer Talkshow behauptet; sie ist Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

    Smartphone geht vor Lernen

    Stimmt das? Ludger Wößmann, Bildungsökonom am Münchner Ifo-Institut, hat Zweifel. Wößmann hat die zweite Welle der Schulschließungen 2021 mit dem ersten Lockdown 2020 verglichen. Dabei hat er 2000 Eltern befragt, wie Kinder die mehrwöchigen Schulschließungen verbracht haben. Das Ergebnis: Im Durchschnitt haben die Kinder im Frühjahr 2021 4,3 Stunden pro Tag mit schulischer Tätigkeit verbracht. Das ist zwar eine knappe Dreiviertelstunde mehr als im Vorjahr, aber immer noch drei Stunden weniger als vor der Krise. Fast jedes vierte Kind hat sich nicht mehr als zwei Stunden am Tag mit Schule beschäftigt. Mehr Zeit als mit Lernern verbringen die Kinder mit Fernsehen, Computerspielen und am Smartphone (4,6 Stunden).

    Nur ein Viertel der Schüler hatten täglich gemeinsamen Unterricht per Video. Und fast vierzig Prozent hatten dies nur maximal einmal pro Woche. Jedes Unternehmen hat sich in kürzester Zeit auf Zoom- oder Teams-Arbeit umgestellt. Aber in den Schulen ist es auch nach einem Jahr Pandemie nicht gelungen, flächendeckend Videounterricht nach Hause zu senden. So viel zum Digitalisierungsschub durch Corona. So viel auch zur situationsadäquaten Corona-Strategie der Schulen, die Frau Prien lobt. Dass leistungsschwache Schüler und Nicht-Akademikerkinder inzwischen besondere Lerndefizite aufweisen, hat einmal mehr auch die Studie von Ifo-Forscher Wößmann gezeigt.
    Kurzsichtig wäre es, lediglich auf die direkten Lerndefizite durch wenig und unkonzentriert konsumierten Unterricht zu blicken und dabei die sozialen Kosten der Schulschließungen zu übersehen. Fabrizio Zilibotti, ein an der amerikanischen Eliteuniversität Yale lehrender Ökonom, hat jetzt zusammen mit Kollegen eine Studie abgeschlossen über die von Schulschließungen verursachte Ungleichheit (»Journal of Public Economics«). Mehr Ungleichheit gibt es nicht nur für die heutige Schülerkohorte im Vergleich mit früheren oder späteren Jahrgängen, die von Corona verschont blieben. Mehr Ungleichheit gibt es erst recht innerhalb der heutigen Schülerschaft.
    Zilibotti macht nämlich darauf aufmerksam, dass für den Lernerfolg nicht nur Lehrer, Eltern und der zu vermittelnde Stoff wichtig sind, sondern auch die Mitschüler. Der Ökonom spricht vom »Peer-Effect«, also den positiven Wirkungen durch den Umgang mit Gleichaltrigen. Die kommen in der Schule häufig aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten. Ich erinnere mich gut, dass das Gymnasium für mich als Zehnjährigen der erste Ort war, wo ich mit Fabrikanten-, Professoren- oder Anwaltskindern der Stuttgarter »Halbhöhe« zusammenkam. Die waren nicht unbedingt schlauer als ich (was ich mit Stolz registrierte), jedoch brachten mich mit einer bürgerlichen Welt und ihren Werten zusammen – wenn schon nicht durch die Mitschüler selbst, so spätestens, als ich die Eltern bei ihnen zuhause kennenlernte.

    Soziale Entmischung: Eine Bildungskatastrophe

    Die Schulschließungen führten nun dazu, dass die Kinder nicht mehr diesen »diversen« Umgang hatten, sondern entweder ganz isoliert zuhause herumsaßen oder aber mit Kindern der Nachbarschaft zusammen waren, die aus dem gleichen sozialen Milieu stammen: man nennt das »soziale Entmischung«; in der Nachbarschaft stößt man immer nur auf seinesgleichen.

    Die fehlenden Anregungen durch die Klassenkameraden, keine »positiven Peer Spillovers«, halten die Yale-Ökonomen für die größte von Corona ausgelöste Bildungskatastrophe. Ich finde das aus eigener Erfahrung völlig nachvollziehbar. Für Kinder aus unteren sozialen Klassen ist das viel schlimmer als für »bessere« Schichten.
    Horace Mann, ein amerikanischer Bildungsreformer im 19. Jahrhundert, nannte die Schule die größte soziale »Chancen-Ausgleichsmaschine« – »the great equalizer«. Diese »Maschine« stottert erheblich. Die Folgen sind nicht absehbar. https:/​/​en.unesco.org/​covid19/​educationresponse#schoolclosures

    Rainer Hank

  • 14. Januar 2022
    Bleibt die Inflation?

    Weniger Wert Foto Pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Versuch eines Zwischenstands im Lagerkampf

    Versetzen wir uns ein Jahr zurück: Ende 2020, nach einem knappen Jahr Pandemie, waren viele Fachleute der Meinung, Inflation sei kein Thema (mehr). Ihr Argument: Obwohl seit der Finanz- und Eurokrise, also seit über zehn Jahren, die Zentralbanken auf der ganzen Welt die Märkte mit enormen Geldsummen fluten, hat sich an den Preisen der Güter und Dienstleistungen kaum etwas geändert. Nicht der Inflation, sondern der Deflation galt die Sorge. Inflation, so die Vermutung damals, bleibe ein Ausreißer der Weltwirtschaftsgeschichte – begrenzt auf das kurze 20. Jahrhundert. In den Jahrhunderten zuvor stiegen die Preise nicht nur extrem langsam, sondern stagnierten sogar über lange Zeit.

    So kann man sich täuschen. Die USA melden für 2021 eine Teuerungsrate von 6,8 Prozent. Im Euroraum sind es knapp 5 Prozent; in Deutschland waren es im Dezember 5,3 Prozent. Man muss Jahrzehnte zurückblicken, um vergleichbare Inflationsgeschwindigkeiten zu finden. Die EZB mühte sich jahrelang, die Inflation auf »nahe zwei Prozent« hochzudrücken, weil sie das für eine Voraussetzung stabiler Preise hält. Und was macht nach langem Dämmerschlaf die Inflation: sie hält sich nicht an die Ziele von Frau Lagarde, sondern schießt gleich mehr als doppelt so hoch.

    Zu viel Geld und zu wenig Güter

    Weil eine jüngere Generation ohne die Erfahrung von Inflation groß geworden ist, seien hier zwei einfache Fragen zwischengeschoben: Was ist Inflation? Und was ist so schlimm daran? Die klassische Definition lautet: Zu viel Geld trifft auf zu wenige Güter. Oder, mit Milton Friedman: »Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.« Schlimm? Klar, wir können uns dann weniger leisten als zuvor und das Sparguthaben schrumpft. Doch gesetzt den Fall, dass im selben Takt auch unsere Löhne, Renten, Aktien oder Immobilien sich verteuern, wäre das doch zu verkraften. Ein Haus- oder Autokredit tilgt sich am Ende sogar mit weniger Aufwand, wenn es Inflation gibt.
    Wie immer im Leben, gibt es auch bei der Inflation Gewinner und Verlierer. Doch Verluste fühlen sich übler an als Gewinne, sagt die Verhaltensökonomie. Während die Menschen steigende Gehälter als fairen Lohn für ihre Arbeit werten, erscheinen uns höhere Preise beim Friseur oder im Autohaus als freche Willkür. Wer erwartet, dass alles teurer wird, zieht größere Anschaffungen vor und heizt – unbeabsichtigt – die Inflation nur noch an.

    Geht das bald vorbei? Oder müssen wir noch lange mit der Teuerung leben – schlimmstenfalls sogar mit noch höheren Preissprüngen? Die Ökonomenwelt ist gespalten, ob wir es mit einem vorübergehenden oder dauerhaften Phänomen zu tun haben. Es haben sich zwei Teams gebildet, die sich seit Wochen ein Match liefern. Die Optimisten, nennen wir sie einmal so, versammeln sich unter #Team Transitory, die Pessimisten unter #Team Persistent. Beide Teams schicken ihre besten Leute in den Kampf; und anders als sonst, finden sich zum Beispiel in beiden Teams kluge Keynesianer.

    Ich fasse die wichtigsten Argumente zusammen, damit wir am Ende einen Punktestand notieren können.

    Zunächst »Team Transitory«. Dort verweist man auf die Pandemie. So wie die Pandemie vorrübergeht, so werde auch die Inflation als ihre Folge bald vorbei sein. Dass es derzeit zu Lieferengpässen komme, sei kein Wunder: Gibt es bei den Vorprodukten für eine deutsche Maschine irgendwo in Asien Corona-Infektionen, stockt die Fertigung, die Produzenten können die Produkte nicht auf die Reise schicken. Und das gerade in einer Zeit, in der die Leute verstärkt Güter statt Dienstleistungen nachfragen, was auch ein Grund für höhere Energiepreise ist. Symbol dafür sind die Peloton-Heimtrainer, die boomen, weil die Fitness-Studios geschlossen haben oder der Besuch dort zu riskant ist. Das viele Geld, das vor allem im ersten Pandemie-Jahr 2020 zwangsgespart wurde (50 Prozent mehr als sonst in Deutschland) verlangt nach Konsumchancen. »Das gibt sich wieder«, versichert Paul Krugman, Kapitän dieses Teams.

    Nachkriegszeit oder 70er Jahre?

    Krugman hat eine historische Analogie: Im den Nachkriegsjahren 1946 bis 1948 kam es wie heute vorübergehend zu höheren Preisen. Im Krieg waren viele Güter rationiert – danach warfen die Leute das Geld mit vollen Händen auf den Markt. Ähnlich war es auch nach dem Korea-Krieg, sagt Krugman. Ein klassischer Fall einer vorübergehenden »Nachfragesog-Inflation«.

    Wenn die Nachkriegsinflation das stärkste Argument von »Team Transitory« sei, dann müsse man sich umso mehr vor dauerhafter Teuerung fürchten, höhnt der Ökonom Laurence (»Larry«) Summers, Spielführer im »Team Persistent«. Dort verweist man auf das viele Geld, das über die Kanäle der Fiskal- und Geldpolitik in die Welt geflossen ist. Global summieren sich bis heute allein die fiskalischen Stimuli auf 10,8 Billionen Dollar; das sind zehn Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts. Hinzu kommen 9 Billionen Dollar, die durch die Anleihekaufprogramme der Notenbanken (QE) in Umlauf gebracht wurden. Einiges ging an Menschen und Unternehmen, die durch die Pandemie schwer geschädigt wurden. Aber das meiste wurde unabhängig von der Bedürftigkeit verschickt oder als Helikoptergeld symbolisch aus der Luft als Anreiz abgeworfen, um die Nachfrage in Gang zu bringen. Genau so ist es jetzt gekommen, die Nachfrage explodiert.

    Das Lieferengpass-Argument wischt »Team Persistent« vom Tisch: Die Häfen wären nicht verstopft, wenn die Menschen nicht versuchen würden, eine Vielzahl von Waren zu kaufen. Die passende historische Analogie ist für dieses Team nicht die Nachkriegszeit, sondern die Phase der siebziger Jahre, wo Preise und Löhne stark anzogen, ohne dass die Wirtschaft gewachsen wäre (»Stagflation«).

    Soweit halten sich die Argumente fast die Waage und man würde hoffen, »Team Transitory« könne obsiegen. Allerdings gibt inzwischen Paul Krugman zu, dass er sich unter »vorübergehend« einen kürzeren Zeitraum vorgestellt hat. Alles im Leben ist am Ende »vorübergehend«, doch so weit dürfen die Optimisten ihre Begrifflichkeit nicht überdehnen. Die Pessimisten sehen viele Anzeichen für eine hartnäckige und dauerhafte Inflation. Die Staaten (und die meisten Notenbanken) buttern immer noch viel Geld in die Wirtschaft: Jetzt geht es gegen den Klimawandel (»Greenflation«). Überall werden die Arbeitskräfte aus demographischen Gründen knapp, in Amerika haben die Leute die Lust am Arbeiten verloren (»Great Resignation«), während die verrenteten Babyboomer ihr vieles Geld ausgeben wollen. Daraus dürfte die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale werden.

    Zwischenbilanz, Januar 2021: »Team Persistent« liegt klar vorne. Die Zentralbanken haben sich nahezu handlungsunfähig gemacht, um gegenzusteuern. Ex-Ifo-Chef Hans Werner Sinn: »Wir fahren ein Auto ohne Bremse«.

    Rainer Hank

  • 05. Januar 2022
    Alternativen zur Impfpflicht

    2G plus Foto Pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie wäre es mit höheren Versicherungsprämien für Ungeimpfte?

    Wie bringt man Menschen zum Impfen? Eine Gesellschaft, die der europäischen Aufklärung verpflichtet ist, würde auf die Kraft des informierten Arguments setzen. Und hoffen, dass die Erkenntnis ein entsprechendes Verhalten nach sich zieht. Wenn es also erwiesen ist, dass (derzeit) eine dreifache Impfung ziemlich gut gegen eine Infektion schützt, dann spricht alles dafür, auf der Stelle das nächstgelegene Impfzentrum aufzusuchen. Im Kosten-Nutzen-Vergleich ist die Sorge vor Nebenwirkungen, wenn nicht zu vernachlässigen, so zumindest als sehr gering zu werten.

    Das ist das individuelle Nutzen-Kalkül. Die Impfung ist zudem ethisch aus altruistischen Gründen geboten, weil wir dann dem Virus immer weniger Chancen geben, sein ansteckendes Geschäftsmodell zu verfolgen. Wenn ausreichend viele Menschen geimpft sind, kann das Leben wieder losgehen. Entsprechend setzen Bundesregierung, Robert-Koch-Institut & Co. seit es den Impfstoff gibt auf Aufklärung. Tut sich wenig, heißt es: Wir müssen eben noch besser und gründlicher informieren.

    Dumm nur, dass die Welt nicht nach diesem rationalen Informations-Verhaltens-Mechanismus funktioniert. Das haben zwei Mediziner des »Massachusetts General Hospital (MGH)« in Boston gerade wieder gezeigt und darüber in der »New York Times« vom 22. Dezember berichtet. In ihrer Studie haben sie Daten von 750 000 Kindern ausgewertet, die mit dem Papillomavirus geimpft werden sollten, eine Impfung, die vor Gebärmutterhalskrebs schützt. Das Vakzin gibt es seit 2006, wird von Ärzten dringend empfohlen, stößt aber (vergleichbar dem Covid-Impfstoff) auf massive Gegnerschaft etwa unter konservativ-religiösen Eltern, welche die Impfung als Aufforderung zu vorehelichem Sex missverstehen wollen.

    Die Ärzte wollten nun wissen, ob Töchter von ungeimpften Müttern, die an Krebs erkrankt waren, eher bereit sind, sich impfen zu lassen (oder von den Müttern zur Impfung geschickt wurden). Diese erkrankten Frauen würden sich mutmaßlich besser über die schwere Krankheit informiert haben. Außerdem hätten die Töchter über das Leiden ihrer Mutter eine Vorstellung von der Krankheit bekommen und müssten alles daransetzen, sich selbst vor einem solchen Schicksal zu schützen – eben durch die Impfung.
    Das Resultat der MGH-Studie ist ernüchternd: Die Kinder der mit dem Virus infizierten Mütter zeigten keine höhere Impfneigung im Vergleich zu den »uninformierten« Mädchen. Das Erleben der Krankheit in der eigenen Familie trägt nicht dazu bei, die Impfquote zu erhöhen. Das lässt sich auf den Widerstand der Impfmuffel in der jetzigen Pandemie übertragen: Familienmitglieder hospitalisierter Angehöriger widersetze sich nicht selten einer Impfung, obwohl sie »hautnah« das Elend erlebt haben, das eine Covid-Erkrankung mit sich bringen kann.

    Information führt nicht zu Verhaltensänderung

    Die beiden MGH-Ärzte bringen Beispiele von Ärzten, die in ihren Praxen gegen Windpocken impfen – ihre eigene Kinder aber nicht von der Notwendigkeit dieser Impfung überzeugen können (oder wollen). Axel Ockenfels, ein Ökonom an der Universität zu Köln und in diesem Jahr mein Gewährsmann in Sachen Verhaltensforschung, macht mich auf eine neue Studie aufmerksam, die nahelegt, dass Ärzte als Patienten bei der Einhaltung von medizinischen Leitlinien bestenfalls geringfügig besser abschneiden als Patienten ohne jegliche medizinische Expertise. Der Nutzen von medizinischem Wissen für bessere Gesundheitsentscheidungen ist sehr begrenzt. Dass wir zu wenig Sport treiben, Medikamente nicht wie verschrieben einnehmen, zu wenig fürs Alter vorsorgen und uns beim Autofahren vom Handy ablenken lassen, liegt bekanntlich nicht daran, dass wir nicht wüssten, dass dies unserem Interesse zuwiderläuft, sagt Ockenfels.

    Wenn die Information nicht zur Verhaltensänderung führt, welche Alternativen gibt es dann? Ökonomen empfehlen in ihrem »Instrumentenkasten« (wie man heute sagt) Anreize – vornehm: Incentives. Die gibt es in positiver und negativer Ausfertigung. Positive Anreize sind Belohnungen: Jeder Impfwillige nimmt zum Beispiel an einer Lotterie teil und hat die Chance auf einen Gewinn von, sagen wir, 500 Euro. Die 2G-Regelung lässt sich ebenfalls als positiven Anreiz werten: Nur Geimpfte kommen in den Genuss eines Silvestermenüs im Zweisterne-Restaurant.

    Positive Anreize wirken – aber sie wirken nicht besonders gut. Negative Anreize wirken am allerbesten. Wir Menschen sind auf Strafe konditioniert, kein schöner Zug von uns Kindern der Aufklärung. Es gibt diese Negativanreize in harter oder weniger harter Form. Hart wäre es, Ungeimpften mit der Kündigung ihres Arbeitsplatzes zu drohen, lassen wir außen vor, ob das arbeitsrechtlich durchginge. Hart, aber fair, wäre es, Ungeimpfte die Aufnahme in die Intensivstation zu verweigern, wenn es dort knapp wird und auch Geimpfte vor der Tür stehen. Nicht ganz so hart wäre es, Ungeimpfte zwar auf Intensiv zu behandeln und ihnen hinterher die Kosten für den Klinikaufenthalt in Rechnung zu stellen; das kann sich in schweren Fällen auf 30 000 Euro summieren.

    Risikoadäquate Prämien

    In der vergangenen Woche sorgte ein Vorschlag des bayerischen Gesundheitsministers für Furore, von Nichtgeimpften höhere Beiträge zur Krankenversicherung zu kassieren. Denn die Nichtgeimpften verursachen auch höhere Kosten. Den Vorschlag finde ich bedenkenswert. Eine höhere Versicherungsprämie wäre keine Freiheitsbeschränkung – jedermann wäre frei, mehr zu zahlen, will er sich nicht impfen lassen. Außerdem nötigt der Vorschlag den Ungeimpften nicht ab, ihrem (Irr)glauben abzuschwören. Ein risikoadäquater Preis hat – wie immer bei Preisen – nichts mit wahr oder falsch zu tun. Der Einwand, die Gesundheitsvorsorge sei eine Solidarversicherung, die das individuelle Verhalten nicht bewerten dürfe, zieht nur dann, wenn man Krankheit als unabwendbares Schicksal betrachtet. Doch gerade im Fall der Pandemie ist die Schwere der Erkrankung durch eine Impfung individuell beeinflussbar. Eigenverantwortung zählt nicht nur im Straßenverkehr, wo die Telematik-Tarife der Kfz-Versicherung schon seit längerem die Raser finanziell bestrafen.

    Wer Preisdiskriminierung zwischen Geimpften und Ungeimpften bei der Krankenversicherung ablehnt, muss argumentieren, dass diese im Kern keine Versicherung ist. Das ethische Prinzip dahinter wäre nicht der Wunsch, den Versicherungsvorteil zu realisieren, sondern Garantien einer Mindestversorgung zu geben, die unabhängig vom Vorverhalten und von Zahlungsfähigkeit und -bereitschaft sind. So kann man argumentieren. Doch dann wird es eng, wollen wir eine hohe Impfquote erreichen.
    Die Einsichten der Verhaltensforschung sind kein Ruhmesblatt für die menschliche Natur: Wir preisen den Mut, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen, und ändern unser Verhalten in erster Linie aus Angst vor Strafe.

    Rainer Hank

  • 28. Dezember 2021
    Wollen wir wirklich ewig leben?

    Gesund, schön. Und steinalt. Foto: pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wissenschaftlich gibt es keine Altersgrenze

    Auf die Frage, wie wir leben wollen, gab Michel de Montaigne die Antwort: »Habe keine Angst vor dem Tod.« Montaigne (1533 bis 1592), der mit Mitte dreißig das Richteramt quittiert und sich auf sein Schloss im Périgord zurückgezogen hatte, wusste, wovon er redet. Zuerst war sein bester Freund Étienne de La Boétie in jungen Jahren der Pest erlegen. Dann starb der Vater, wahrscheinlich an den Komplikationen einer Nierenkolik. Im folgenden Jahr verlor er seinen jüngeren Bruder bei einem Sportunfall. Und dann starben ihm auch vier seiner eigenen Kinder; lediglich eine Tochter erreichte das Erwachsenenalter.

    Dass wir »mitten im Leben vom Tod umfangen« sind, wie es in einem von Luther ins Deutsche übertragenen Kirchenlied heißt, war über Jahrhunderte den Menschen Schicksal und Alltagserfahrung zugleich. Montaignes »Memento mori« lautete: »Bedenken wir nichts so oft wie den Tod.« Er mahnte uns, beim Stolpern eines Pferdes, bei einem herabstürzenden Ziegel, beim geringsten Nadelstich sogleich zu fragen: »Wie -, könnte das nicht der Tod persönlich sein?«

    Wir müssen uns diese Weisheit der Lebensführung vor Augen führen, um zu erkennen, wie fern uns dies alles inzwischen geworden ist. Das tägliche Bedenken des Todes hat sich gewandelt in tägliche Anstrengungen, möglichst lange zu leben. »Ich fühle mich hochagil«, bekannte die Fernsehansagerin Nina Ruge jüngst anlässlich ihres fünfundsechzigsten Geburtstags: »Das Leben mag ein wenig an meinen Augenlidern zupfen, aber ich bin weder klapprig, noch habe ich irgendein Problem mit dem Alter.« Ihr Ziel, sehr lange zu leben, lässt sich Frau Ruge einiges kosten. Der Nahrungsmittelergänzungs- und Coachingmarkt ist nicht billig. Früh schlafen, gehen, gelegentlich Sex (»macht den Parasympathikus happy«) und – ein Geheimtipp – Olivenpresswasser geben ihrer Hoffnung auf das ewige Leben Nahrung.

    »Homo Deus«: Der Mensch wird Gott

    Wie anders ist unsere Welt geworden? Für das »ewige Leben« mussten fromme Menschen auch früher viel investieren: Wallfahrten machen, täglich beten, gute Werke tun. Doch da ging es eben um das himmlische und nicht um das irdische Leben, das zwangsläufig mit dem Tod endet. Im Alten Testament wird den »Gerechten« in Aussicht gestellt, dass Gott sie ewig leben lässt. Dass der ewige Gott Mensch wurde, was die Christen an Weihnachten feiern, hat gerade nicht zur Konsequenz, dass der Mensch Gott werden soll. »Zu werden wie Gott«, so lautete die verführerische Verheißung der Schlange im Paradies, der nachzugeben Adam und Eva mit der ewigen Strafe der Sterblichkeit bezahlen mussten.
    Aus der Verbannung auf die Erde haben die Menschen das Beste gemacht. »Unser Wunsch nach Gesundheit, Glück und Macht« kenne keine Grenzen, schreibt der israelische Historiker Yuval Harari in seinem Bestseller von 2015, der den Titel »Homo Deus« (»der Mensch als Gott«) trägt. Wissenschaft und Kapitalismus sind Verbündete des Fortschritts, dessen Erfolge mehr und mehr die Ehrfurcht vor dem Numinosen und Transzendenten obsolet werden ließen. Die Hoffnung auf ein ewiges Leben im Jenseits verlor in dem Maße seine Attraktivität, in welchem das ewige Leben auf Erden realisierbar wurde. Frei nach Heinrich Heines Wintermärchen wollen wir hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.

    Inzwischen ist die Wissenschaft weit gekommen. Dass Menschen sterben müssen, gilt vielen Forschern heute nicht mehr als unumstößliche Tatsache. Das alt werden verschiebt sich immer weiter nach hinten: In Japan nennt man die 64– bis 75–jährigen »vor-alt«. Als bislang ältester Mensch gilt die Französin Jeanne Calment, die 1997 nach 122 Jahren Lebenszeit gestorben ist. Das muss nicht das Ende sein, sagt die Wissenschaft heute: Warum nicht zweihundert Jahre? Oder noch mehr? Wir wollen nicht nur lange, sondern lange gesund leben. Zwischenzeitlich ist es gelungen, alternde Zellen zurück zu programmieren. Der japanische Arzt und Stammzellenforscher Shinya Yamanaka von der Kyoto Universität hat schon 2012 für seine Forschungen an »pluripotenten Zellen« den Medizin-Nobelpreis gewonnen. Eine pluripotente Zelle ist eine Zelle, die noch nicht entschieden hat, ob sie einmal zu einer Nieren-, Herz- oder Blutzelle werden will. Yamanaka und seinen Nachfolgern behaupten, wenn ich das nicht ganz falsch verstanden habe, dass theoretisch jede gealterte Zelle aus jedem beliebigen Teil eines menschlichen Körpers zu einer pluripotenten Zelle verjüngt werden könne. Wenn sich dieser ewige Jungbrunnen medizinisch etabliert, können wir uns das Olivenpresswasser und die Multivitaminwundertüten sparen. Auf dem Weg zur Ewigkeit ist die Stammzellenindustrie deutlich weniger aufwendig als das Sortiment konventioneller kosmetischer Verjüngungskuren.

    Müssen wir alles wollen, was wir können?

    Dass die Hoffnung auf das ewige Leben inzwischen wirtschaftlich ein Biotech-Milliardenmarkt geworden ist, verwundert nicht. Jeder kann mit wenig Geld einen ETF auf das ewige Leben kaufen. Doch vor allem die Milliardäre des Silicon Valley haben ihre Finger und ihr Geld im Spiel. Google gründete 2013 Calico, die »California Life Company«, die eng mit Harvard und dem MIT zusammenarbeitet. Auch Jeff Bezos, der Amazon-Gründer, setzt zusammen mit dem russischen Milliardär Juri Milner auf das ewige Leben: »Altos Labs« beruhen auf Erfindungen des deutschen Zwillingspaares Stephan und Markus Horvath. Sie setzen darauf, mit Medikamenten die Alterung des Immunsystems zurückzudrehen. Ihre »epigenetische Uhr« erlaubt es, das biologische Alter umzukehren, um quasi noch einmal neu – und hoffentlich besser – durchzustarten.

    Wollen wir das wirklich? Auch wenn wir es bald technisch können? Wenn die Menschen ewig leben, aber die Lust daran verlieren, gäbe es als Ausweg neben Montaignes Dachziegel lediglich den Selbstmord. Was wäre das für ein Leben, dem nicht mehr der natürliche Tod, sondern nur noch der Suizid ein Ende setzt? Ganz abgesehen davon, dass es bald ziemlich voll werden dürfte auf unserem Planeten. Okay, durch die verbesserte Lebenserwartung hat sich etwa die britische Bevölkerung zwischen 1760 und 1830 schon einmal verdoppelt, ohne dass die Welt untergegangen wäre. Wenn allerdings die Silicon-Valley-Milliardäre Erfolg haben, könnte sich die Weltbevölkerung sehr rasch vervierfachen, habe ich kürzlich in der Financial Times gelesen. Dann tut sich auf, was Ökonomen die Malthusianische Falle nennen: Jeglicher Produktivitätsfortschritt würde binnen kurzem im wahrsten Wortsinn von den vielen Methusalems aufgefressen. Ein Horror, oder?

    Wir müssen nicht alles wollen, was wir können. Vielleicht dürfen wir auch nicht alles? Die Geschichte des menschlichen Fortschritts zeigt freilich auch: Es wurde meist alles, was geht, auch gemacht. Das Gute und das Böse. BionTech-Impfstoffe und die Atombombe.

    Rainer Hank