Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 07. Januar 2020
    Kollege Roboter übernimmt

    Klaut der Kleine uns unsere Arbeit?

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über Maschinen, Künstliche Intelligenz und andere Jobkiller

    Seit Aristoteles galt die Überzeugung, Arbeit sei die von Gott gegebene Bestimmung der Menschen. Ihr Wert erschöpft sich längst nicht nur in der Erzielung von Einkommen. Noch die entfremdetste Tätigkeit enthält einen Rest von Sinngebung. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er arbeitet. Einer geregelten, einigermaßen sinnvollen Arbeit nachzugehen bedeutet, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten und dafür etwas Lebensnotwendiges zu erhalten, nämlich Anerkennung. So hat es der Frankfurter Philosoph Axel Honneth immer wieder beschrieben.

    Wenn das stimmt, ist allein die Möglichkeit einer Welt, der die Arbeit auszugehen droht, der »worst case«. Vor diesem Hintergrund bereiten Meldungen aus den ersten Tagen des neuen Jahres Sorgen, wonach die deutsche Industrie Beschäftigung reduzieren will. Gewiss, wir leben derzeit in der besten aller Welten: 45 Millionen Menschen haben hierzulande eine Arbeit, für die sie Geld bekommen. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie schon lange nicht mehr. Fachkräftemangel, nicht Jobverlust, heißt das Angstwort der unmittelbaren Gegenwart.

    Autos kaufen keine Autos

    Doch die Gegenwart könnte falsche Sicherheit vorgaukeln. Und die Meldungen über den Jobabbau könnten ein Vorbote der Zukunft sein. Was passiert, wenn Autos künftig von Robotern und Automaten gebaut werden? »Maschinen bauen Maschinen«, so lautet die furchteinflößende Utopie des Tesla-Chefs Elon Musk (die der Querkopf zwischendurch auch gerne mal widerruft). Das ist das paradoxe Pendant zu Henry Fords berühmtem Satz »Autos kaufen keine Autos«, womit er zum Ausdruck bringen wollte, dass ohne Kaufkraft der Menschen kein Produkt absetzbar ist. Wenn also Roboter Autos bauen: Wer kauft dann die von Robotern produzierten Autos, wenn die Fabrikarbeiter keine Arbeit und kein Geld mehr haben? Und, schlimmer noch, was machen die arbeitslos gewordenen Arbeiter? Depressiv von einem zwar bedingungslosen, aber kargen Grundeinkommen der Sinnlosigkeit ins Auge schauen: das ist ein schwacher Trost, den Top-Manager und linke Utopisten derzeit anzubieten haben.

    Unversöhnt stehen sich zwei Gruppen gegenüber. Die Pessimisten sagen: Industrieroboter und künstliche Intelligenz automatisieren nach und nach alle notwendigen Aufgaben, was langfristig zu Massenarbeitslosigkeit führen muss. »Ganz falsch!«, kontern die Optimisten: Automatisierung wird die Produktivität verbessern. Aus solchen Produktivitätsgewinnen resultiert eine steigende Arbeitsnachfrage. Vollbeschäftigung, das Gegenteil von Massenarbeitslosigkeit, wird es auch im KI-Zeitalter geben.
    Wer hat Recht? Daron Acemoglu, ein renommierter Ökonom am Massachusetts Institute for Technology (MIT) hat für die an diesem Wochenende in San Diego stattfindende Jahrestagung der Vereinigung amerikanischer Ökonomen (AEA) eine Studie vorgelegt, welche paradoxerweise zeigt, dass Pessimisten und Optimisten Recht haben. Dazu hilft ein Blick in die Geschichte. Zunächst: Wenn Maschinen Aufgaben übernehmen, die zuvor von Menschen erledigt wurden, dann führt das zu Arbeitslosigkeit. Das haben im 19. Jahrhundert die Weber in Schlesien nicht anders erlebt als die Landarbeiter in den amerikanischen Südstaaten. Acemoglu nennt das den Verdrängungseffekt (»displacement effect«). Was das heute konkret heißt, lässt sich mit dem »Job-Futuromat« der Bundesagentur für Arbeit (job-futuromat.iab.de) spielerisch-verführerisch ausprobieren. Man gibt seinen Beruf ein, und der Futuromat spuckt dessen Automatisierungspotential aus. Drei von vier typischen Tätigkeiten eines Kraftfahrzeugmechatronikers zum Beispiel seien von Maschinen ersetzbar, heißt es dort: ein Automatisierungspotential von 75 Prozent. Ähnlich dramatisch sieht es etwa bei Steuerberatern aus. Journalisten kommen glimpflicher davon: Die Automatisierbarkeit meines Berufs liege lediglich bei 17 Prozent, sagt der Futuromat, eine merkwürdig präzise wirkende Zahl.

    Neue Jobs durch Vernichtung von Jobs

    Doch das ist nicht alles: Automatisierung hatte im Verlauf der Industriegeschichte stets einen Produktivitätseffekt zur Folge, der neue Technologien freisetzt, die ihrerseits neue Arbeitsaufgaben für Menschen bereitstellen. Acemoglu nennt das den »Wiedereistellungseffekt« (»reinstatement effect«). So führt der Ersatz von Arbeit durch Kapital paradoxerweise zur Entstehung neuer Arbeit, die häufig höhere Anforderungen und bessere Bezahlung mit sich bringen. Landarbeiter, die arbeitslos werden, weil der Traktor seine Sache besser macht, fanden ein besseres Einkommen – wenngleich nicht unbedingt ein besseres Leben – an den Fließbändern der Automobilindustrie in Detroit. Nicht nur Bandarbeiter, auch Ingenieure, Controller, Finanzexperten und Anwälte wurden plötzlich in großem Ausmaß gebraucht und gut entlohnt. Eine negative Folge davon ist freilich, dass die Einkommen (etwa zwischen Landarbeitern und Facharbeitern) ungleicher werden.

    Der Streit zwischen Optimisten und Pessimisten ist also müßig. In Wirklichkeit geht es darum, wie sich im Verlauf des Strukturwandels das Verhältnis zwischen Verdrängungs- und Wiedereinstellungseffekt einpendelt. Es geht um den Saldo. Der muss nicht unbedingt positiv sein. Der Blick auf die beeindruckende Industriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts könnte uns womöglich eine zu rosige Zukunft vorgaukeln. Jedenfalls meint MIT-Ökonom Acemoglu, in den vergangenen dreißig Jahren seien die Verdrängungseffekte stark gewesen, die Wiedereinstellungseffekte indessen eher schwächer. Das wiederum dürfte damit zusammenhängen, dass es mit den Produktivitätseffekten der Digitalisierung nicht so weit her ist, sie jedenfalls viel saft- und kraftloser ausfallen als zu Beginn des Maschinen- und Automobilzeitalters. Sind wir heute weniger innovativ als früher? Einiges spricht dafür.

    Was tun? Ein guter Rat heißt immer noch »Bildung«. Bildung reduziert allemal das Risiko, arbeitslos zu werden, und erhöht zugleich die Chancen auf ein besseres Einkommen. Denn es gibt im Verlauf der Wirtschaftsgeschichte nicht nur einen Wettlauf zwischen Verdrängungs- und Wiedereinstellungseffekten, sondern auch einen Wettlauf zwischen Bildung und Technologie. Darauf hat auf der Ökonomen-Tagung dieses Wochenendes in San Diego Acemoglus MIT-Kollegen David Autor hingewiesen: Selbst in Zeiten massiver Bildungsexpansion nach dem zweiten Weltkrieg hat sich der Besuch einer höheren Schule oder einer Universität ausgezahlt. Der Grund liegt auf der Hand: Die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitnehmern ist stets noch stärker gewachsen als das Angebot. Das hat übrigens auch zu einer enormen Expansion der Bildungszeiten geführt: 1876 lag die durchschnittliche Schulzeit amerikanischer Jugendlicher bei 7,3 Jahren. Bis zum Jahr 1951 hat sie sich auf 13,2 Jahre fast verdoppelt. Inzwischen ist man bei fast 15 Jahren angekommen. Schule und Hochschule haben im Lauf der Geschichte enorm viel Lebenszeit gekapert. Das war kein Schaden für die Menschheit.

    Daraus folgt für die vor uns stehenden zwanziger Jahre eine vorsichtig-optimistische Prognose: Wie groß der Segen der Digitalisierung sein wird, wissen wir noch nicht genau. Wollen wir indes eine Arbeitsgesellschaft bleiben, dann hilft mehr Bildung nach wie vor ungemein.

    Rainer Hank

  • 03. Januar 2020
    Reich werden mit Sokrates

    Sokrates, der weise Philosoph Foto: wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Nichts zu wissen hilft: Aktientipps für Philosophen

    Vielleicht nehmen wir Deutschen den griechischen Philosophen Sokrates einfach zu ernst. Oder haben ihn gar nicht richtig verstanden? Gängiger Überlieferung zufolge stammt von Sokrates das Diktum »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Der Satz ist schon deshalb rätselhaft, weil er mit der Paradoxie zurechtkommen muss, dass jemand, wenn er nichts weiß, logischerweise auch nicht wissen kann, dass er nichts weiß. Oder aber umgekehrt, dass, wenn er sein Nichtwissen für gewiss hält, er die generelle Aussage relativieren müsste, er wisse einfach gar nichts.

    Wir überlassen die Auflösung dieser Paradoxie getrost den Philosophenstammtischen am Silvesterabend. Und wenden wir uns der einfacheren, aber gleichwohl nicht trivialen Frage zu, ob Nichtwissen ein Defizit oder nicht vielmehr eine Stärke ist. Zu viel Wissen jedenfalls erdrückt. Aber die Angst, zu wenig zu wissen, macht arm. Dazu kommt uns eine gerade von der Deutschen Börse veröffentlichte Studie wie gerufen (leicht zu finden auf deutsche-boerse.com). Dort nämlich wird die These vertreten, dass Nichtwissen hilft, wenn es um Fragen der Geldanlage geht. Und dass die Befürchtung, nichts zu wissen, dummerweise viele Menschen davon abhält, am Aktienmarkt mitzumischen. Der Sokrates der Jahres 2019 ist für mich ein Finanzwissenschaftler der »Frankfurt School of Finance and Management« namens Michael Grote. Sein sokratischer Börsen-Lehrsatz lautet: »Viele wissen nicht, dass man nichts wissen muss.«

    Aber nun der Reihe nach. Seit Jahren rätseln die Gelehrten, warum in Deutschland, einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt, nur 18 Prozent der Bürger Aktien und Aktienfonds besitzen. Im internationalen Vergleich ist das sehr wenig und es ist auch jammerschade: Denn wir Deutschen verschenken auf diese Weise – zumindest mittel- und langfristig – ziemlich viel Rendite. Stattdessen jammern wir lieber über die Mini- oder Negativzinsen auf unseren Sparbüchern und schimpfen auf die EZB. Wahrscheinlich würden viele Nicht-Aktionäre schon die Voraussetzung anzweifeln, dass, wer keine Aktien kauft, Geld verschenkt. Aber die Belege sind erdrückend: Allen Crashs zum Trotz war beispielsweise die durchschnittliche jährliche Wertsteigerung des Aktienindex Dax in der Vergangenheit beträchtlich: sie lag bei durchschnittlich sieben Prozent im Jahr – und das seit 1969. Wer monatlich 10 Euro in ein Sparschwein füllt, hat nach 30 Jahren 3600 Euro angesammelt. Wenn er Glück hat und bei seiner Bank über diesen Zeitraum im Schnitt zwei Prozent Zinsen bekommt, summiert sich sein Vermögen auf 4913 Euro. Die sieben Prozent einer durchschnittlichen Aktienrendite indessen brächten ihm nach 30 Jahren 11697 Euro ein. Dem Sparschweinbesitzer gehen folglich 8097 Euro durch die Lappen. Dumm für ihn, dass er keine Aktien gekauft hat.

    An der Börse braucht man kein Finanzwissen

    Dieses simple Wissen der Aktienrendite wollen viele Menschen offenbar nicht zur Kenntnis nehmen. Dabei könnten sie es wissen. Warum? Weil es – fast schon penetrant – regelmäßig etwa im Teil »Geld & Mehr« der FAS wiederholt und mit verständlichen Kurven veranschaulicht wird. Stattdessen meinen die Menschen, sie müssten noch viel, viel mehr wissen und sagen, fragt man sie danach, diese Wissenslücke sei Grund genug, sich von Aktien fern zu halten. Mehrheitlich schätzen selbst gebildete Bürger ihr Finanzwissen als zu gering ein für ein Investment in Aktien. Ein Grund hierfür scheint zu sein, dass die Mehrheit der Leute in Deutschland eine falsche Vorstellung davon hat, welches Wissen für eine Teilnahme am Aktienmarkt zwingend erforderlich ist. Das notwendige Wissen wird massiv überschätzt. Die Mehrheit der Nicht-Aktienbesitzer glaubt nämlich, über einzelne Aktien und die ihnen zugrundeliegenden Unternehmen in Breite und Tiefe Kenntnis haben zu müssen. Sie sagen, ihnen fehle das Wissen über den optimalen Kauf- und Verkaufszeitraum, sie denken, sie müssten sich zudem über die allgemeine Weltwirtschaftslage informieren und Bescheid wissen über Wohl und Wehe einzelner Branchen. Wäre das so, wie diese Menschen meinen, dürfte man in der Tat niemandem empfehlen, Aktien zu kaufen. Denn vor lauter Sammeln von Finanzwissen, würden sie das wahre Leben verpassen.

    Frauen, man muss es leider sagen, versagen bei Aktien noch mehr als die Männer: Im Vergleich zu den Männern, von denen 68 Prozent sich von der Börse fernhalten, scheuen 83 Prozent der Frauen den Kauf von Aktien. Sie schätzen – auch im Vergleich zu Männern – ihr Finanzwissen als zu gering ein und bleiben abstinent. Dass sie realistischer mit dem eigenen beschränkten Wissen umgehen im Vergleich zu den Aufschneidern und Hochstaplern unter den Männern, ist sicher ein sozialer Vorteil, renditemäßig gereicht es ihnen allerdings zum Nachteil.

    Der Grundsatz des Anlegers müsste lauten: Ich weiß, dass ich nichts weiß, und deshalb kaufe ich Aktien. Es war vielleicht nicht nur eine gute Idee, dass in den vergangenen Jahren von den Fachleuten geklagt wurde, mit der »financial literarcy«, dem Finanzwissen der Deutschen, stünde es fürchterlich schlecht. Daraus konnte man heraushören, ohne solide Kompetenzen in Zinseszinsrechnung habe man als Anleger an der Börse schon verloren und solle das Geld lieber seinem Bankberater anvertrauen, der freilich weniger an meinem Wohlergehen als an seinen Gebühren interessiert ist.

    In Aktien kann man langweilig investieren

    Nun sollte man der Ehrlichkeit halber sagen, dass, wer etwa all sein Geld auf die Aktie der Deutschen Bank oder Wirecard setzt, sich schon um diese beiden Firmen kümmern sollte, und sei es nur, um am Ende zu der Einsicht zu kommen, am besten die Finger von diesen Aktien zu lassen. Wer seine Risikoscheu ernst nimmt, seinen finanziellen Einsatz streut und auf einen Aktienfonds setzt, der alle 30 Dax-Aktien enthält, hat keinen Nachteil, wenn er nicht alle 30 Dax-Firmen auswendig runterrasseln kann. Darauf, dass ich damit automatisch zum Miteigentümer von Covestro würde, wäre ich zum Beispiel im Schlaf nicht gekommen, hätte ich nicht gerade gespickt: Covestro ist »ein führender Hersteller von Polymer-Werkstoffen«. Leider liegt mein Chemie-Unterricht schon eine ganze Weile zurück, dass mir das auch nicht weiterhilft. Aber wie gesagt, darob muss sich niemand grämen.

    Eines sollte man indessen wirklich wissen: Diejenige Aktienanlage, bei der man am allerwenigsten wissen muss, sind die »Exchange Traded Funds« (ETF), weil sie das Risiko denkbar breit streuen und auch für kleine Sparbeiträge kostengünstig attraktiv sind. Man muss dafür nicht wissen, dass die Theorie dazu von einem Ökonomie-Nobelpreisträger namens Eugene Fama stammt. Es gilt einfach der Satz von FAZ-Börsenguru Daniel Mohr: »In Aktien kann man langweilig investieren.« Dass nur acht Prozent der Deutschen dieses Basis-Wissen haben, sollte man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Denn der technisch kompliziert klingende Name ETF für ein denkbar einfaches Finanzprodukt, das lediglich einen Börsenindex abbildet, ist irreführend und schreckt ab. Wenn die Deutsche Börse das nächste Mal Geld in die Hand nimmt, um aus uns Deutschen ein Volk von Aktionären zu machen, sollte sie einen Wettbewerb zur Neubenennung der ETF ausloben.

    Rainer Hank

  • 23. Dezember 2019
    Greta und der politische Moralismus

    »I want you to panic«: Greta Thunberg

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    Dieser Artikel in der FAZ

    Wenn Gesinnung die Urteilskraft ersetzt

    Gegenwärtig bereitet sich eine moralisierende, nämlich gegnerische Personen oder Gruppen disqualifizierende Form der politischen Auseinandersetzung aus. Dieser politischer Moralismus ist das appellative Bemühen, die Verbesserung gesellschaftlicher Zustände von einer Stimulierung guter Gesinnung zu erwarten statt von einer Verbesserung ordnungspolitischer Institutionen. Es handelt sich dabei um ein Krisensymptom.

    Solche Sätze passen gut auf das zu Ende gehende Jahr 2019. Es war das Jahr des Klima-Moralismus. Doch die drei Sätze stammen aus einem im Jahr 1984 gehaltenen Vortrag des Philosophen Hermann Lübbe, der den Titel »Die Politik, die Wahrheit und die Moral« trägt. Das beweist: Der im Drohgestus daher kommende Moralismus unserer Tage ist ein alter Bekannter. Lübbe, der greise und weise Denker, der am Silvestertag seinen 93. Geburtstag feiert, hatte die wunderbare Idee, den Vortrag von 1984 jetzt noch einmal zu veröffentlichen und zwar unter der viel aussagekräftigeren Überschrift: »Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft.« Damit ist – fast – alles gesagt. Das Buch ist deshalb mein Buch des Jahres 2019.

    Hermann Lübbe: Der neugierige Philosoph

    Wer ist Hermann Lübbe? Ein Philosoph, der zeitlebens neugierig geblieben ist und dem der Olymp des reinen Geistes immer zu eng war. Lübbe gehörte als Professor in der Aufbruchsbewegung der sechziger Jahren zur Gründungsgeneration der Universität Bochum. Von 1966 bis 1970 war er – damals Mitglied der SPD – Staatssekretär in Nordrhein-Westfalen. Es war die Zeit der großen, von den Sozialdemokraten getragenen Bildungsoffensive für alle gesellschaftlichen Schichten. Im nachfolgenden, ideologisch politisierten Klima der Spätachtundsechziger fühlte er sich nicht mehr wohl: Von 1971 an lehrte und forschte er an der Universität Zürich, wo ein liberalerer Wind wehte als in Deutschland. Sein Lebensthema ist bis heute: Wieviel Fortschritt steckt in unserer Welt? Und wieviel Kultur- und Kapitalismuskritik hat diese Fortschrittsgeschichte verdient?
    Damit sind wir beim politischen Moralismus. Moralismus, so Lübbe, ist die Praxis des Umschaltens vom Argument des Gegners auf das Argument der Bezweiflung seiner moralischen Integrität. Statt der Meinung des Gegners zu widersprechen drückt man seine Empörung aus. Das trifft die neue Klimabewegung »Extinction Rebellion (XR)« und, schwächer, auch die von »Fridays for Future« (FFF) geführten Proteste: »Es ist Zeit! Jetzt oder nie gilt es, radikal zu werden. Erheben wir uns. Rebellieren wir!« Mit diesem Slogan wirbt das Handbuch »Wann, wenn nicht wir« der Extinction Rebellion um Zustimmung. Es artikuliert sich Widerstand, der autoritativ »Haltung« nennt, was in Wirklichkeit lediglich Gesinnung ist.

    Die Legitimation der Rebellion bezieht der politische Moralismus aus dem polemisch zugespitzten Vorwurf, der Klimawandel sei »menschengemacht«. Das ist natürlich wahr, aber nicht im Sinne bösartigen intentionalen Handelns, sondern als »Nebenfolge« der von Menschen gemachten Zivilisation. Auf diesen Unterschied kommt alles an: Die Massentötungen in den Vernichtungslagern der Nazis waren gewollt, geplant und dann exekutiert. So war es auch mit den von Stalin absichtsvoll dem Hungertod überantworteten russischen Großbauern. »Für diese Katastrophen gibt es moralisch zurechenbare individuelle Verantwortlichkeiten«, schreibt Lübbe. Der Klimawandel, zweifellos eine der größten Zivilisationslasten, die uns derzeit bedrücken, ist »Nebenfolge« der Zivilisation. Das zu sagen ist der Redlichkeit geschuldet und nicht, wie die Rebellen unterstellen, ein Versuch der Verharmlosung. Wer von Nebenfolgen spricht, will allerdings geltend machen, dass zur Erklärung dieser Lasten – und zur Frage der Heilung – der moralisierende Rekurs auf den bösen Willen der Handelnden nicht weiterhilft. Denn das Weltbild der Moralisten ist eine von Rousseau stammende Idylle nach dem nur leicht karikierenden Motto: Früher lebten die Menschen im Einklang mit der Natur. Dann kam der Kapitalismus. Der hat alles kaputt gemacht und ist jetzt dabei, unseren Planeten zu zerstören. Da wir aber keinen Planeten B haben, sollten wir lieber den Kapitalismus abschaffen. So hören wir es heute ständig. Welch ein Irrtum: Als ob es früher einmal Lebensumstände gegeben hätte, die, wenn wir sie nie verlassen hätten, die Verheißung einer ungleich größeren Dauer als unsere gegenwärtigen Lebensumstände für sich gehabt hätten. So können nur Technik- und Fortschrittsfeinde reden. Dass es auch beim Fortschritt einen abnehmenden Grenznutzen gibt, ist kein Grund, ihn gänzlich über Bord zu verzichten. In der Jungsteinzeit war es auch nicht nett: Fragen Sie Ötzi!

    Der »zivile Ungehorsam« ist missbrauchsanfällig

    Die moralisierende Empörung über den menschengemachten Klimawandel eignet sich vorzüglich als Grundlage für die sich auf das Gewissen berufende Erlaubnis zum »zivilen Ungehorsam«, den FFF und XR als Handlungsethik bemühen. Gewiss, der »zivile Ungehorsam« hat eine lange und würdige Geschichte, angefangen von der Weigerung, dem amerikanischen Staat Steuern zu zahlen, weil er die Sklaverei erlaubt, über den Widerstand des 20. Julis gegen die Nazi-Barbaren bis zum Aufbegehren gegen den Vietnamkrieg oder der Stationierung von Langstreckenraketen in Deutschland in den frühen achtziger Jahren. Lübbe weist freilich zu Recht darauf hin, dass auch die Nazis ihren Aufstieg zur revolutionären »Bewegung« als zivilen Ungehorsam zu deklarieren wussten und unter dem Motto »Menschenrecht bricht Staatsrecht« vermarktet haben. Daraus folgt: Es ist historischer Nonsens, die moralisierende Selbstlegitimation des zivilen Ungehorsams als in jedem Fall gerechtfertigte Tat auszugeben. Der Satz, »Das Gewissen kann nicht irren«, ist immer dann gefährlich, wenn er dazu dient, in einer repräsentativen Demokratie jedwede Gesinnungseingebung als Rechtfertigung für illegale Aktionen auszugeben – und damit als legitim zu heiligen.

    Die aus all dem abgeleitete Folgerung des Philosophen lautet: »Die Krise unserer Zivilisation ist nicht eine Zielkrise, vielmehr eine Steuerungskrise.« Eine Spur härter noch klingt der folgende Satz: »Moralisierende Planer alternativer Lebensziele werden nicht benötigt.« Es ist nicht nur abwegig, sondern auch gefährlich, unsere moderne Zivilisation als Endstadium einer Verfallsgeschichte zu verunglimpfen. Der Klimagipfel in Madrid am vergangenen Wochenende ist nicht an einem Mangel an appellativer Moral oder radikaler gesellschaftlicher Verzichtsdystopien gescheitert. Er ist an der Weigerung der Staaten gescheitert, sich auf einen globalen Emissionshandel zu verständigen, also am Mangel an Steuerungswillen und der Unfähigkeit, ein globales Koordinations-Problem zu lösen. Das ist nicht nur ignorante Bockigkeit. Eine politische und gesellschaftliche Zustimmung zur Bepreisung von Treibhausgasen wird nur dann zunehmen, wenn grüne Energie am Markt attraktiver wird als fossile Brennstoffe. Für solche Aufgaben eignet sich der Kapitalismus und die ihn speisende technologiegetriebene Forschung besser als der Moralismus. Es wäre die positive Utopie einer Welt, die weder auf Freiheit noch auf Wohlstand verzichten müsste – und gleichwohl klimaneutral daher käme.

    Rainer Hank

  • 20. Dezember 2019
    Ein Herz für die Erben

    Was man nicht alles erben kann

    Dieser Artikel in der FAZ

    Sparksamkeit darf nicht bestraft werden

    Anfang Dezember machten Zahlen die Runde, wonach auf Erbschaften oder Schenkungen von mehr als zehn Millionen Euro hierzulande keine oder nur geringe Steuern bezahlt werden. So wurden im Jahr 2018 an gut 600 Deutsche zusammen 31 Milliarden Euro weitergegeben, auf die im Schnitt nur fünf Prozent Steuern fällig wurden. Zwei Drittel der 40 Bürger, die 100 Millionen oder mehr erbten, gingen gar komplett steuerfrei aus.

    Der Aufschrei war absehbar und er war laut. Während ein deutscher Facharbeiter rasch mit der Progression in den Spitzensteuersatz von 42 Prozent rutsche, schlichen sich die superreichen Erben schadlos und ganz legal am Fiskus vorbei. Solche Zahlen sind nicht der geringste Grund dafür, warum Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken am vergangenen Wochenende an die Spitze der SPD gewählt wurden: Die Umverteilung von oben nach unten ist ihr zentrales politisches Ziel. Eine Erhöhung der Erbschaftsteuer passt gut in dieses Programm. Der Test, wie groß die Zustimmung dafür unter den Wählern und nicht nur unter den Bürgern mit SPD-Parteibuch sein wird, steht freilich noch aus.

    Umverteilung ist zwar populär (so lange sie nicht den eigenen Geldbeutel betrifft), aber die Erbschaftsteuer war noch nie besonders beliebt. Dafür gibt es rationale Gründe. Der Harvard-Ökonom Gregory Mankiw (von ihm stammt ein verbreitetes Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaften) hat kürzlich anlässlich einer Debatte über Ungleichheit ein kleines Quiz konstruiert, das – leicht abgewandelt – nachzuerzählen sich lohnt: Vergleichen wir zwei Topmanager, die jeweils ein jährliches Einkommen von zehn Millionen Euro beziehen. Der Vergleich ist nicht unrealistisch, das angenommene Gehalt entspricht ungefähr der Summe, die Allianz-Vorstand Oliver Bäte 2018 ausgezahlt bekam. Den ersten Topmanager im Quiz nennen wir Herrn Verschwenderisch, der zweite Topmanager ist eine erfolgreiche Managerin, die wir Frau Sparsam nennen wollen, in der Realität angesichts des Gender-Pay-Gaps allerdings auf die zehn Millionen noch etwas warten muss. Herr Verschwenderisch macht seinem Namen alle Ehre, fährt gerne Ferrari, gönnt sich teuren Bordeaux im Dreisternerestaurant und reist zu seinen exquisiten Urlaubszielen mit seiner jungen Begleitung am liebsten mit seinem Privatjet (Klimabewusstsein ist ein Fremdwort für ihn). Andere bekommen Geld von ihm nur dann, wenn Verschwenderisch sich davon einen Nutzen verspricht: Das können Lobbyorganisationen seiner Branche sein oder Parteien, die ihren Wählern kräftige Steuersenkungen versprechen. Frau Sparsam, die Kollegin aus derselben Einkommensklasse, verhält sich ganz anders. Sie lebt bescheiden und verantwortungsvoll. Statt Lobbyisten zu schmieren, gründet sie lieber Start-Up-Firmen und finanziert junge, kreative Unternehmerinnen mit ihrem Geld. Jetzt, in der Adventszeit, spendet sie ansehnliche Beträge für mildtätige Zwecke. Und sie fährt mit der Bahn, 1. Klasse. Weil Frau Sparsam erfolgreich ist, bleibt ihr am Ende der Karriere immer noch ein Millionenvermögen, das sie ihren Kindern und Enkeln vererben möchte.

    Leistungsloses Vermögen. Wirklich?

    Die Quizfrage lautet nun: Wer sollte höher besteuert werden – Herr Verschwenderisch oder Frau Sparsam? Ich mache jede Wette, dass die meisten Menschen finden, Herr Verschwenderisch müsse vom Fiskus stärker zur Kasse gebeten werden. Doch das Gegenteil ist faktisch der Fall. Gewiss, beider Einkommen wird erst einmal gleich besteuert. Doch Verschwenderisch verjuxt alles gleich wieder, während Frau Sparsam Erbschaftsteuer zahlen muss: Lediglich 400000 Euro bei den Kindern und nur 200000 Euro bei den Enkelkindern bleiben steuerfrei. Der Rest unterliegt einem Tarif von bis zu 30 Prozent für alle Erbschaften, die über 26 Millionen liegen: In diesem Fall gingen dann also mindestens 8,7 Millionen Euro an den Staat. Von der Steuer verschont werden lediglich Firmen, sofern es dort mehr als fünfzehn Beschäftigte gibt und das Unternehmen dauerhaft erhalten wird. Das übrigens ist der Grund, warum ein kleiner Kreis der Superreichen wenig oder gar keine Erbschaftsteuern zahlt: Ihr Vermögen bestehe zu großen Teilen aus solchen Firmen. Doch die Start-ups von Frau Sparsam haben leider weniger als 15 Beschäftigte. Und sie ist stolz, ihre Nachkommen an ihrem Erfolg partizipieren zu lassen. Kurzum und in der nüchternen Sprache der Ökonomen: Frau Sparsam verursacht gesellschaftlichen Nutzen, »positive Externalitäten« wie die Ökonomen sagen, und wird dafür vom Fiskus auch noch bestraft. Da läuft etwas schief.

    Denn meine Betrachtung hat sich bislang nur auf die Erblasserin konzentriert. Aus ihrer Sicht gibt es keinen Grund zur Besteuerung: Sie hat alles schon einmal versteuert und sieht nicht ein, dass der Staat im Erbfall abermals zulangt. Aus Sicht der Erben sieht es tatsächlich anders aus. Für sie ist das Erbe fiskalisch gesehen Einkommen, Geld, dem man die Fürsorglichkeit der Mutter/​Großmutter nicht ansieht. Mehr noch: Seit der Aufklärung haben sich die Bürger durch Leistung von der Aristokratie abgegrenzt, der sie luxuriösen Müßiggang zum Vorwurf machten. Der Schlachtruf der »Meritokratie« hatte sich damit gegen das genealogische Prinzip der Blutsverwandtschaft und das Recht auf unverminderte Eigentumsweitergabe durchgesetzt. Chancengleichheit war fortan »die sakrale Legitimation sozialer Ungleichheit«, so nennt es der Max-Planck-Forscher Jens Beckert, der viel über die Fairness von Erbschaften nachgedacht hat. Dynastisch weitergegebene große Vermögen unterminieren so gesehen die Chancengleichheit. Unverdientes Vermögen muss im Interesse der Gerechtigkeit weggesteuert werden – nimmt man es ganz radikal, dann sogar zu hundert Prozent. So argumentieren nicht nur linke Enteignungsfreunde, sondern auch liberale Chancen-Verteidiger.
    Doch abgesehen davon, dass hohe Erbschaftssteuern bei Frau Sparsam Sympathien für Herrn Verschwenderisch und womöglich gar eine Sehnsucht nach dem fiskalischen Paradies in Panama entfesseln könnte: Man kann es mit der Meritokratie auch übertreiben. Eine auf absoluter Chancengleichheit beruhende Leistungsgesellschaft ist nicht nur utopisch, sondern auch unmenschlich. Jeder, der es dann nicht zum Millionär bringt, muss sich als Minderleister oder Versager empfinden. Dabei wissen wir doch: Das Leben ist von Zufällen vieler Art geprägt. Sie erlauben es, Milde mit unserem Schicksal walten zu lassen. Die »Lotterie der Geburt« entscheidet, in welcher Familie, in welchem Land, in welcher sozialen Klasse wir auf die Welt kommen – und, nicht zu vergessen, mit welchen Genen wir ausgestattet sind. Radikale Egalitaristen müssten all diese Ungleichheiten, auch die genetischen, abschleifen. Human wäre das nicht, realistisch erst recht nicht. Und nebenbei: Auch Meritokratie nimmt Ungleichheiten in Kauf. Sie privilegiert Kinder aus bildungsbürgerlichen Milieus.

    So zeigt sich: Erbschaft ist nur eine der vielfältigen Zufälle der Geburtslotterie, neben unterschiedlichen Talenten, körperlichen und genetischen Stärken und Schwächen. Eine Gesellschaft sollte deshalb die Vorsorge für die Nachkommen nicht bestrafen. Der Staat hat trotzdem genügend Möglichkeiten seine Aufgaben zu finanzieren – nicht zuletzt durch progressiv die Reicheren treffende Einkommensteuern.

    Rainer Hank

  • 11. Dezember 2019
    Zigarren rauchen die Reichen

    Winston Churchill

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    Dieser Artikel in der FAZ

    Was man in »The Crown« so alles über die Klassengesellschaft lernt

    Am Ende der dritten Folge der neuen Staffel von »The Crown«, jenem wunderbaren Epos über Königin Elizabeth II, gibt es eine im Jahr 1966 spielende Szene, in welcher der damalige Premierminister Harold Wilson seiner Königin ein persönliches Bekenntnis macht. Wilson, Vorsitzender der Labour Party, erklärt der staunenden Königin, wie fremd er sich als Arbeiterführer fühle: Er, der Oxford-Absolvent, der nie mit eigenen Händen gearbeitet habe, gesteht, lieber Brandy als Bier zu trinken, Wildlachs Dosenlachs vorzuziehen, Chateaubriand mehr zu schätzen als Rindfleischpastete und, dann kommt es, lieber Zigarre als Pfeife zu rauchen.

    Dazu muss man wissen: Wilsons Markenzeichen war die Pfeife. Es ist schwer, Fotos zu finden, die ihn ohne Pfeife zeigen. Wilson rauchte im Kabinett und bei öffentlichen Auftritten. Wilson hatte seine Pfeife praktisch immer bei sich. Wenn er Interviews gab und ihm auf eine Frage spontan keine Antwort einfiel, holte er erst einmal ein Streichholz, um den Pfeifentabak neu anzuzünden und sich damit Nachdenkzeit zu erkaufen. Sein überraschendes Bekenntnis bei der Queen, für dessen Wahrheitsgehalt es historische Zeugen gibt, lautet nun: »Zigarren sind ein Symbol kapitalistischer Privilegien.« Und ein Arbeiterführer, der sich mit kapitalistischen Insignien schmückt, das geht nun einmal gar nicht. Mit der Pfeife, so Wilson, werde er »nahbar«, »liebenswert«, gemocht vom Volk. Das hat einen Preis: »Man kann sich nicht selbst treu bleiben und gleichwohl jedem gerecht werden.« Wilson zahlte diesen Preis, Pfeife rauchen und Brandy trinken erlaubte er sich nur privat, wenn keiner zusah.
    Heute, in Zeiten, in denen öffentliches Rauchen, weil verboten, quasi nicht mehr vorkommt, muss man sich erst wieder einmal in diese andere Zeit des 20. Jahrhunderts zurück versetzen, um ein Gespür für die qualmenden Requisiten einer Klassengesellschaft zu bekommen. Denn natürlich inszeniert sich Wilson als Gegenmodell zu einem der bekanntesten Zigarrenraucher der Weltgeschichte – zu Winston Churchill. Churchill, ein Konservativer, der aus einer der aristokratischsten Familien Großbritanniens stammte, wurde praktisch nie ohne Zigarre (Marke »Romeo y Julieta« oder »La Aroma de Cuba«) gesehen. Zigarre und Scotch begleiten ihn von den frühen Morgenstunden an: Auf zehn Zigarren brachte er es im Schnitt am Tag, rauchte praktisch ununterbrochen während der Arbeit, während der Mahlzeiten, während der Kabinettssitzungen. Einer seiner Butler notierte, Churchill vermöge es, in nur zwei Tagen den Gegenwert seines Wochenlohns zu Asche zu verwandeln. Churchill selbst war der Ansicht, das Zigarre-Rauchen tue seinen Nerven gut. In aufgeheizten Situationen ruhig und höflich zu bleiben, verdanke er »the goddess Nicotine«, seiner Göttin Nikotin. Churchill wurde 90 Jahre alt.

    »Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre« (Sigmund Freud)

    Pfeife oder Zigarre – es sind jene feinen Distinktionsmerkmale von Klasse und Habitus, welche den Reiz der Zivilisation ausmachen. Der Arbeiterführer raucht Pfeife; der Großbürger und Aristokrat hingegen raucht Zigarre. Es ist kaum zu vermuten, dass Churchill lieber Pfeife geraucht hätte. Die gesellschaftlichen Aspirationen gehen von unten nach oben, nicht umgekehrt. Wie es zur sozialen Klassentrennung zwischen Pfeife und Zigarre kam, ist nicht mit Sicherheit auszumachen. Gewiss, Pfeifentabak ist billiger als Cochibas oder eine Davidoff, auch wenn man natürlich – wie mein Onkel Hugo in den fünfziger Jahren – seine »Villiger-Stumpen« schon für 30 Pfennig bekommen konnte. Der Pfeifenraucher wirkt eher väterlich. Der Konsument (»Aficionado«) teurer Zigarren inszeniert sich dagegen männlich potent, so dass selbst Sigmund Freud sich veranlasst sah zu beschwichtigen: »Manchmal ist eine Zigarre einfach nur eine Zigarre.«

    In Deutschland, keine Klassengesellschaft, sondern bekanntlich spätestens seit Ende des zweiten Weltkrieges eher eine »nivellierte Mittelschichtsgesellschaft«, ist die Sache nicht so eindeutig wie in England. Gewiss, Ludwig Erhard, passt ins Bild: Der Mann, dessen Zigarre emblematisch für das Wirtschaftswunder wurde, war ein Liberal-Konservativer. Der Wohlstand für alle war auch das Versprechen, jeder könne Zigarrenraucher werden. Norbert Blüm, ebenfalls ein Konservativer, raucht dagegen Pfeife, kokettiert freilich stets mit seiner IG Metall-Vergangenheit in Rüsselsheim und gab sich damit als christlich-sozialer Arbeiterführer. Der Zigarrenraucher beruhigt sich selbst, der Pfeifenraucher will auch die anderen beruhigen: Eure Rente ist sicher. Zwei besonders prominente linke Pfeifenraucher in Deutschland sind Herbert Wehner und Björn Engholm: der kommunistische Kämpfer auf der einen Seite und der Vorsitzende der Toskana-Fraktion auf der anderen. Harold Wilsons deutscher Gegenspieler aber ist zweifellos Gerhard Schröder. Was Wilson unterdrückte, traute sich SPD-Mann Schröder zu zeigen: Seine Cohiba (plus Brioni-Anzüge und reichlich teurer Rotwein) haben ihn zum »Genossen der Bosse« geadelt. Schröder zelebrierte als Bundeskanzler das gelungene Aufstiegsversprechen der Sozialdemokraten. Wenn ihr euch anstrengt, ihr vaterlosen Kriegskinder aus dem armen Arbeitermilieu, dann könnt ihr es dorthin schaffen, wo die Bürger und Aristokraten immer schon sind und mit ihnen teure Zigarren rauchen und Bordeaux trinken; Frauen scheinen ebenfalls wichtig zu sein. Schröder hat dafür viel Spott (»Klassenverrat«) und Misstrauen von der Linken in Kauf genommen; geschadet hat es ihm am Ende nicht. Der SPD schon.

    Norbert Walter-Borjans oder Saskia Esken können wir uns nicht als Raucher vorstellen

    Dass alles muss Lichtjahre her sein. Pfeifenraucher sind praktisch von der Bildfläche verschwunden. Zigarre kann man noch in feinen Lounges rauchen wie der legendären Times-Bar des Berliner Savoy-Hotels, wo Christian Lindner und Wolfgang Kubicki nach der versemmelten Wahl 2013 einander feierlich schworen, vier Jahres später abermals in den Bundestag einzuziehen. Aber eben: Allenfalls als FDP-Politiker kann man es sich noch leisten, im geschützten Raum einer Bar mit einer Davidoff gesichtet zu werden. Robert Habeck oder Saskia Esken müssten einpacken, würde man sie dort erspähen. In einer fünfstündigen Fernseh-Dokumentation der BBC über Harold Wilson, gedreht im Jahr 2013, hatte der Produzent die Direktive vorgegeben, möglichst zu vermeiden, den Labour-Führer mit Pfeife ins Bild zu setzen. Die Geschichtsfälschung nach Maßgabe der heutigen »political correctness« sollte als »Pipe-Gate« in die britische Parteiengeschichte eingehen.

    So ändern sich die Normen, wobei kein Zweifel besteht, dass, epidemiologisch gesehen, die Verbannung der Raucher aus der Öffentlichkeit der Volksgesundheit nützt. Aber soziologisch, oder sollen wir sagen »distinktionslogisch«, ist es eben doch ein Verlust. Es fehlen die Signale. Woran erkennen wir jetzt einen Arbeiterführer oder einen Aristokraten? Olaf Scholz könnte locker bei der Union durchgehen. Armin Laschet würde auch als SPD-Mann nicht sonderlich auffallen. Es ist nicht nur die Groko, die zur Nivellierung politischer Profile beiträgt. Es ist auch das Ende der Pfeifen- und Zigarren-Ära.

    Rainer Hank