Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 16. April 2026
    Zucker oder Salz

    Papst Paul III (1468 bis 1549) insistierte auf der Salzsteuer im Kirchenstaat. Foto Museo Capodimonte Neapel

    Dieser Artikel in der FAZ

    Steuerzahler auf die Barrikaden!

    Die Finanzkommission Gesundheit schlägt eine »gestaffelte Steuer auf zuckersüße Erfrischungsgetränke« vor. Dass die Fachleute sich Sorgen um meine Gesundheit machen, bezweifle ich. Im deutschen Gesundheitswesen sind die Ausgaben deutlich höher als die Einnahmen. Also muss mehr Geld in die Kasse. Zusammen mit einer Anhebung der Tabak- und Alkoholsteuer verspricht man sich jährlich 1,2 Milliarden Euro mehr in der Staatskasse. Dass eine Lenkungssteuer in unserer ernährungsfixierten Zeit auf Akzeptanz bei den Bürgern hoffen lässt, kommt den Sparkommissaren gerade recht. Ob eine solche Steuer die Menschen gesünder macht, ist nach Ausweis von Studien fraglich. Konsequent ist sie auch nicht: Denn Süßigkeiten oder Zuckerwürfel werden nicht besteuert.

    Dass dies dem ausgabenfreudigen Staat in seiner Gier noch nicht reicht, ist in Berlin kein Geheimnis. Längst wird über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte auf dann 21 Prozent nachgedacht. Je nach Konjunktur bringt das dem sozialdemokratischen Finanzminister Lars Klingbeil Mehreinnahmen zwischen 15 und 25 Milliarden Euro im Jahr.

    So richtig sozialdemokratisch ist eine Konsumsteuer indessen nicht. Sie wirkt »regressiv«, wie die Ökonomen sagen. Das bedeutet: Sie trifft die ärmeren Schichten stärker als die Reichen, weil die Armen einen höheren Anteil ihres geringeren Einkommens für den täglichen Bedarf ausgeben. Zwar sieht man die Steuer nicht wirklich als Steuer, wenn man nicht genau auf den Kassenbon vom Rewe blickt. Das macht diese Steuer aber nicht besser: Auf den Geldbeutel wirken sie wie eine höhere Inflation. Die ist zuletzt durch die höheren Sprit- und Öl-Preise im Gefolge des Irankriegs ohnehin wieder angestiegen. Als Maßnahme zur Verschleierung ihrer Geldgier redet die Regierung deshalb jetzt lieber laut über Spritsubventionen und einen noch tiefere Mehrwertsteuersätze für mehr Waren des täglichen Bedarfs – selbstverständlich nur, wenn sie »bio« sind.

    Ob die Bürger sich eine Zucker- und höhere Mehrwertsteuern gefallen lassen, ist nicht ausgemacht. Sie müssen ja nicht gleich auf die Barrikaden gehen. Es reicht, dass sie bei den kommenden Wahlen die AfD wählen – was einer demokratischen Revolution hierzulande gleichkäme.

    Der Salzkrieg im Kirchenstaat

    Man sage nicht, dass sei jetzt aber übertrieben. Steuern waren schon immer politisch. Es waren ungerechte Steuern, die zur amerikanischen Revolution führten: »No taxation without representation«, der Slogan der Boston Tea Party 1773, den wir noch aus dem Geschichtsunterricht erinnern, war der Aufstand der Siedler in Amerika gegen den Steuer-Oktroi der britischen Krone gekoppelt an die Forderung nach demokratischer Mitbestimmung. Am Ende dieser Steuerrevolution stand die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, deren 250. Jubiläum im Juli gefeiert wird.

    Nicht um Zucker, sondern um Salz ging es in früheren Zeiten zumeist. Perugia, eine Stadt in Mittelitalien, wagte 1540 den Aufstand gegen die päpstliche Salzsteuer im Kirchenstaat (»Salzkrieg«), verlor – und bäckt ihr Brot seither ohne Salz, bis heute: »pane senza sale«.

    Erfolgreich dagegen war der Widerstand in Frankreich gegen hohe und ungerechte Salzsteuern. Denn der führte zur französischen Revolution, wie ich einem aktuellen Paper dreier Ökonomen entnehme, auf das mich mein Kollege Winand von Petersdorff hinweist (Tommaso Giommoni et al.: Extractive Taxation and the French Revolution. NBER 34816. Februar 2026).

    Die französische Krone beanspruchte das Monopol auf Salz. Jeder Bürger musste eine bestimmte Menge Salz abnehmen und darauf Steuern – die »Gabelle« – zahlen, unabhängig vom persönlichen Bedarf. Steuereintreiber gingen nicht sehr zimperlich vor, um an ihr Geld zu kommen. Das Land war in Salzsteuerbezirke (»gabelles«) aufgeteilt, in denen unterschiedliche Steuersätze galten. In Hochsteuergebieten bedeutete dies eine Belastung des Jahreseinkommens von 13 Prozent. In Niedrigsteuergebieten waren es lediglich 2,5 Prozent. Das hieß nicht, dass es in Hochsteuergebieten auch mehr staatliche Leistungen und bessere Lebensbedingungen gab. Im Gegenteil: Der Lebensstandard war dort wegen der hohen Abgabenlast geringer als in den Niedrigsteuergebieten.

    Ungleichheit als Ungerechtigkeit: Die Aufklärung

    Schlimm genug, dass die hohen Steuern viele Menschen in die Armut zwangen. Als ungerecht und willkürlich empfand man zudem die ungleichen Steuersätze. Dass das System auch Schmuggler in großen Stil anzog, die Salz aus Niedrig- in Hochsteuergebiete schmuggelten, verwundert nicht. Dass Adel und Klerus keine Steuern zu zahlen hatten, der »dritte Stand« indessen geschröpft wurde – »le tiers Etat« des Abbé Sieyès -, der 98 Prozent der Bevölkerung ausmachte, das empfand man als zutiefst empörend.

    Die Ökonomen können mit Datenanalysen und wirtschaftsgeographischen Modellen zeigen, dass es in Hochsteuergebieten zwischen 1750 und 1789 besonders häufig zu Aufständen kam. Aus diesen Gebieten stammen auch deutlich mehr Beschwerden gegen die Machthaber (»cahiers de doléances«). Während der »Grand Peur« 1789 hat sich die Revolution zunächst und vor allem in den Hochsteuergebieten ausgebreitet.

    Bemerkenswert für die Theorie der französischen Revolution ist, dass die Empörung des Volkes sich nicht nur aus dem kreatürlichen Aufschrei der Armen und Entrechteten erklärte, sondern auch aus einer tiefen Beleidigung des Gerechtigkeitsgefühls, das gegen die Willkür unterschiedlicher Steuersätze rebellierte. Das Gefühl der Ungerechtigkeit fiel nicht einfach vom Himmel, sondern war Ausdruck des Gleichheitspathos der Aufklärung: liberté, egalité, fraternité. In den besonders revolutionären Steuerbezirken fielen die Ideen der Aufklärung auf besonders fruchtbaren Boden. Das lässt sich messen am Absatz aufklärerischer Schriften und an den Subskriptionen der Encyclopédie von Diderot und d›Alambert (1751 bis 1772): Gleichheit vor dem Gesetz, Kritik an Kirche, Adel und Monarchie bildeten, marxistisch gesprochen, den ideologischen Überbau der materialistischen Revolte gegen die Salzsteuer.

    Tatsächlich wurden die Salzsteuer und das staatliche Salzmonopol als Symbol des Ancien Regime im März 1790 komplett abgeschafft, zusammen mit vielen alten Steuern und feudalen Privilegien. Napoleon hat sie dann 1807 wieder eingeführt, jedoch als einheitliches und gleiches System ohne die regionale Willkür.
    Memo an Lars Klingbeil: Wenn eine Salzsteuer schon einmal zu einer bürgerlichen Revolution geführt hat, dann könnte sich so etwas mit einer Zuckersteuer wiederholen, oder? Na ja, die Deutschen sind nicht so revolutionär wie die Franzosen, lösen bekanntlich, wie Lenin spottete, erst eine Bahnsteigkarte. Und sie sind heutzutage ziemlich paternalistisch gestimmt, lieben es, wenn der Staat ihnen den Genuss von O-Saft versauert.

    Rainer Hank

  • 15. April 2026
    Mein Chatbot liebt Maß und Mitte

    ChatGPT Foto OpenAI

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum künstliche Intelligenz vor Radikalisierung schützt

    Die Demokratie sei in Deutschland gefährdet. So hören und lesen wir es täglich. Deshalb gibt es unzählige Initiativen, deren Ziel es ist, die Demokratie zu fördern. Allein das Großprojekt »Demokratie leben« von Bundesbildungs-, Familien- und Seniorenministerin Karin Prien (CDU) verteilt im laufenden Jahr knapp 200 Millionen Euro an 3000 Initiativen. Der warme Geldsegen hat eine riesige Demokratieförderindustrie entstehen lassen, die – wie jetzt gerade wieder – laut aufjault, weil Frau Prien überprüfen lässt, ob das Geld auch seinen Zweck erfüllt und nicht einfach nur Aktivisten und Stiftungen aller Art auf Dauer alimentiert.

    Sollte es bei diesem Demokratieinitiativen zum Beispiel darum gehen, der AfD das Wasser abzugraben, hätte man sich das viele Geld sparen können. Denn seit Jahren ist keine Partei so erfolgreich im Maximieren von Wählerstimmen wie die Truppe um Weidel und Chrupalla. Ähnliches gilt für die Linke mit Heidi Reichinnek & Co. Die Ränder wachsen, sie sind sichtbarer, lauter und selbstbewusster geworden.

    Ketzerisch lässt sich fragen: Ist die zunehmende Präsenz extremer Positionen wirklich ein Symptom der Gefährdung – oder nicht vielmehr ein Ausdruck funktionierender Freiheit? Demokratie hieße dann: Jeder darf sagen, was er denkt, auch und gerade dann, wenn es anderen missfällt. Die Förderprogramme verfolgen ein anderes Ideal. Sie setzen nicht auf maximale Pluralität, sondern auf eine Stärkung der Mitte – jener schwer zu definierenden Zone des Ausgleichs, die politisch stets beschworen, aber selten präzise beschrieben wird.

    Gruppen neigen zu Extremen. Im Kollektiv verschieben sich die Maßstäbe. Wir urteilen extremer, als es jeder Einzelne ohne die Gruppe täte. Die Gruppe polarisiert und radikalisiert ihre Mitglieder. Woran das liegt? Menschen hungern nach Bestätigung. Wenn zwei einander recht geben, fühlen sich beide sicherer. Schließt sich ein Dritter an, wird es noch besser. So bildet sich eine Bestätigungskaskade, die wiederum bei allen zur Verfestigung ihrer Meinung führt. Jetzt hauen wir auf den Putz – die Älteren unter uns Männern kennen diesen Mechanismus vom Stammtisch.

    Heute haben soziale Medien die Bühne ins Unendliche erweitert. Plattformen wie X oder Tiktok verstärken, was Aufmerksamkeit erzeugt. Am Ende kann es passieren, dass einige die soziale Gruppe verlassen, weil ihnen die Radikalisierung der anderen nicht geheuer ist. Die Gruppe wird dadurch zwar kleiner, aber noch radikaler, weil nur die Loyalsten bis zum Schluss bleiben, die sich untereinander bis ins Extrem anfeuern.

    Kaninchenbunker mit Loyalitätserwartung

    Soziale Medien verstärken populäre und emotionale Sichtweisen. So entstehen »Rabbit Holes«, Kaninchenbunker, in die sich die Nutzer immer tiefer hineingraben. Je länger sie sich dort aufhalten, um so normaler finden sie die gemeinsam geteilten Ansichten. Wenn viele sich davon überzeugt zeigen, dass Impfen zu Autismus führt, sind bald alle davon überzeugt. Loyalität ersetzt das Argument. Wer andere Ansichten vertritt, gilt alsbald als Verräter und wird zum Feind erklärt.

    Halten wir fest: Soziale Medien tragen zur Verstärkung extremer Meinungen bei. Alles ist möglich und auch das jeweilige Gegenteil. Priorisieren gilt als Bevormundung. Ob diese Form der Demokratisierung auch zur Radikalisierung einer Gesellschaft als Ganzer führt, ist damit noch nicht gesagt.

    Doch es gibt Korrektive, die anti-extremistisch wirken, also den Mainstream verstärken. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, bekannt für seine Neigung zur Zuspitzung, gab kürzlich in einem Spiegel-Interview einen interessanten Hinweis. Er sei in jüngster Zeit milder geworden, bekannte der Ex-Grüne. Bevor er im Affekt einen radikalen Tweet in den sozialen Medien raushaue, frage er bei seiner Künstlichen Intelligenz nach. »Und die ist ziemlich woke«, fügte Palmer hinzu; sie stupse ihn in Richtung Maß und Mitte.

    Das lässt sich statistisch belegen, wie ich der Daten-Kolumne der Financial Times vom vergangenen Wochenende entnehme. Vergleicht man die politischen und sozialen Ansichten, die in sozialen Medien vertreten werden, mit den Durchschnittsansichten der Menschen, zeigt sich, dass im Netz extrem linke und rechte Ansichten deutlich überrepräsentiert sind. Lässt man dieselben Ansichten auf den Plattformen von ChatGPT & Co. diskutieren, mäßigen sich die Ausschläge signifikant in Richtung der gesellschaftlichen Durchschnittsansichten.

    KI ist langweilig. Gut so!

    Wir lässt sich das erklären? Künstliche Intelligenz wird von ihrer »Natur« her auf Moderation und Ausgleich trainiert, orientiert sich am leicht linken, also woken Mainstream der Gesellschaft. KI ist »langweilig mittig«, X ist aufregend und extremisierend. KI simuliert Diskurse, kann Gegenargumente liefern, Perspektiven verbinden und Extrempositionen relativieren. Erst recht dann, wenn man KI in den Fragen (Prompts) dazu explizit auffordert. Auf den sozialen Plattformen dagegen ist das Denken in Alternativen und Ambiguitäten verpönt, falls es überhaupt bekannt ist. Hier dominiert die Freund-Feind-Dichotomie. Soziale Medien verstärken die Extreme, KI glättet sie. KI würde bestreiten, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus gibt – und also den Mainstream der wissenschaftlichen und evidenzbasierten Forschung spiegeln, Verschwörungstheorien hingegen tadeln.

    Der britische Philosoph Dan Williams hat diesen Unterschied prägnant beschrieben. Soziale Netzwerke seien »demokratisierend«, weil sie vielen Stimmen Raum geben und nur geringe Filter kennen. Künstliche Intelligenz hingegen wirke »technokratisierend«: Sie orientiere sich am Wissen von Experten und etablierten Institutionen. Was die einen als Bevormundung empfinden, erscheint den anderen als notwendige Korrektur.

    Glaubt man diesem Befund, müssten der Staat vor allem KI fördern, wenn er die Extreme schwächen wollte. So etwas würde in den Ministerien vermutlich nur zu Kopfschütteln führen, ist aber auch gar nicht nötig und wird besser vom Kapitalmarkt besorgt, der hunderte Milliarden Dollar in die KI-Entwicklung pumpt.

    P.S. Selbstverständlich habe ich meine KI mit der schmeichelhaften These konfrontiert, KI wirke mäßigend auf die Gesellschaft und tauge als Gegengift gegen den Extremismus der sozialen Netzwerke. Der die These relativierende Widerspruch, den ChatGPT als Antwort anbot, bestätigt die These aufs Schönste: Auch KI sei kein neutrales Medium, sagt meine KI. Wenn KI-Nutzer nach Bestätigung gieren, bekommen sie genau die Affirmation, die sie verlangen. Man muss schon bereit sein, sich irritieren und korrigieren zu lassen und die richtigen Fragen stellen. Soziale Medien belohnen Gewissheit. KI kann produktive Unsicherheit auslösen.

    Rainer Hank

  • 15. April 2026
    Staatsgeld für meine Weinhandlung

    Wolfram Weimer Foto Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über ein paar Widersprüche der Kulturförderung

    Warum gibt es eigentlich keinen Kulturpreis für Weinhandlungen? Wenn es Preise für Buchhandlungen gibt, müsste es auch Preise für Weinhandlungen geben. Dafür braucht man sich nur die Ausschreibungsunterlagen zum Buchhandelspreis des »Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien« ansehen. Gefördert werden sollen unabhängige Händler, die ein besonders anspruchsvolles Sortiment haben, Vielfalt ermöglichen, als kulturelle Orte wirken (Veranstaltungen anbieten) und das kulturelle Leben vor Ort stärken.

    Das trifft auf meine Lieblingsweinhandlung im Frankfurter Stadtteil Eschersheim vollumfänglich zu. Der inhabergeführte Laden (zwei Freundinnen) ist unabhängig, hat ein beeindruckendes Sortiment exzellenter, wenig bekannter Weingüter und fungiert als kultureller Ort: stets trifft man nette Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Von Zeit zu Zeit gab es dort auch eine Soiree. Gäbe es meine Weinhandlung nicht, nähmen in diesem – sagen wir: gemischten – Viertel die Nagelstudios und Barbershops vollends überhand. Verödung drohte.

    Sage keiner, Wein sei keine Kultur. Im Vergleich mit dem Buch (vulgo: Papyrus) ist der vergorene Traubensaft das mit Abstand ältere Kulturgut. Wein ist heutzutage mindestens so sehr gefährdet wie das Buch: Die Leute haben Bas Kast gelesen und trinken lieber hausgemachte Limonade. Hawesko & Co. treten online genauso penetrant auf wie Amazon. Kurzum: Mein Weinladen würde eine kleine jährliche Subvention (7000, 15000, 25000 Euro, gestaffelt wie beim Buchpreis) dankbar mitnehmen – als betriebswirtschaftlich sinnvolle Unterstützung und gerne auch zur Förderung der Demokratie im Stadtteil Eschersheim. Links- oder gar rechtsradikal sind meine freundlichen Händler keinesfalls. Da lege ich meine Hand für ins Feuer.

    Kommen wir zur Ökonomie. Gemäß dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch muss der Staat dann und nur dann ran, wenn der Markt versagt. Das wird man beim Buch beim besten Willen nicht behaupten können. Bücher sind hierzulande gut verfügbar, günstig und in aller Regel online schneller lieferbar als im sogenannten stationären Buchhandel. Die Versorgung der Bürger mit Büchern ist nirgends gefährdet; Amazon & Co. liefern bis zum kleinsten Einödhof.

    Sagen wir es offen: Der Staat fördert weder das Buch noch das Lesen, er fördert Buchhandlungen. Bestimmte Geschäftsmodelle zu belohnen, ist indes keinesfalls eine öffentliche Aufgabe. Aufgabe ist es auch nicht, ineffiziente Anbieter einer bestimmten Branche durch Preisgelder am Leben zu erhalten. Das ist alles grob ungerecht. Die Förderung stationärer Händler ist strukturkonservativ statt innovativ, auch wenn Geldgeber wie Geldnehmer das anders sehen. Nur zur Erinnerung: Bei den Subventionen handelt es sich um anderer Leute Geld, nämlich um das Geld der Steuerzahler.

    Warum sollen nichtlesende Bürger (davon gibt es immer mehr) Buchhandlungen und deren Kunden subventionieren: das lässt sich nur paternalistisch begründen und steht wie jeder Paternalismus auf übergriffigen Füßen. Der Staat tritt als der bessere Entscheider auf, behauptet, der Bürger wisse nicht, was gut für ihn sei und pampert Güter, die er geschwollen »meritorisch«, also förderungswürdig, nennt.

    Fachbeamte für Buchhandlungen? Hallo!

    Der Markteingriff führt noch zu ganz anderen Effekten. Er bringt Abhängigkeiten zwischen Staat und Bürgern mit sich. Der Staat ist nicht selbstlos. Wo er sich einmischt, da will er bestimmen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat einen Apparat von 500 Mitarbeitern und verfügt über einen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Dort gibt es, wie der Kulturstaatsminister jüngst in einem Interview stolz erwähnte, »Fachbeamte, die sich in der Buchhandlungsszene sehr gut auskennen«. Staatliche Fachbeamte für Buchhandlungen? Wenn das der Franz Kafka gewusst hätte. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Sie schnüffeln. Ich sehe sie vor mir, wie sie inkognito mit breitkrempigem Hut und als unschuldige Kunden getarnt in der Buchhandlung »Golden Shop« herumlungern, heimlich die Plakate fotografieren, die Buchhändler in peinliche Gespräche verwickeln und in die Aporie treiben.

    Sobald der Verdacht auf extremistische Umtreibe hinreichend groß ist, schicken diese Fachbeamten für Buchhandlungen den Verfassungschutz in den »Golden Shop«, natürlich ebenfalls inkognito, und der bestätigt den Verdacht. Worauf das von einer Jury bereits zuerkannte Wohlverhaltensgeld wieder entzogen wird. Subventionen haben ihren Preis. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wer zahlt, bestimmt. Der Preis heißt: Einschränkung der Meinungsfreiheit, was doch eigentlich das Gegenteil dessen ist, was die Demokratiesäusler ständig zu tun vorgeben.

    Die Buchverkäufer, die eigentlich Bücher verkaufen sollen, werden zu Experten im Preisbewerbungsschreiben. Da gewinnt man mit der Zeit Routine. Die ganz Pfiffigen sind fast jedes Jahr dabei; da kommt ein ordentliches Subventionssümmchen zusammen. Rent Seeking heißt der ökonomische Fachbegriff: Subventionsscheffeln ohne echten Mehrwert zu schaffen. Nach dem Eklat dieses Jahres empfiehlt es sich für die Händler, die gesellschaftlichen Leistungen der eigenen Buchhandlung zweifelsfrei im wasserdichten ideologischen Mainstream zu verorten. Also Jürgen Habermas, Judith Zeh oder Caroline Wahl. Harald Martenstein könnte von den Buchhandels-Fachbeamten bereits als Hinweis auf rechtsextreme Umtriebe missverstanden werden. Bücher vom Margarete Stokowski deuten womöglich auf linksextreme Sympathien. Nähere Auskünfte im subversiven Umgang mit dem schnüffelnden Verfassungsschutz erteilt auf Anfrage die »Alternative für Deutschland« (AfD).

    Weg mit dem Kulturstaatsamt

    Wer sich dem Staat an den Hals wirft, dem zeigt der hinter der wohltätigen Maske sein autoritäres Antlitz. Das mag zugespitzt sein. Aber eines ist auch klar: Die Zeiten klarer Rollentrennung sind passé: Früher sonnten sich die Kulturbürokraten im Ausgeben des Geldes anderer Leute; damals brauchten die Kulturfunktionäre lediglich die Hand aufhalten, Danke sagen und noch mehr Geld fordern.

    Nun muss man gar nicht so weit gehen, staatliche Kulturförderung in Gänze zu verdammen, Eine Bundeskulturbehörde braucht es aber nicht. Sie zu schleifen wäre ein sichtbarer Beitrag zum Bürokratieabbau, von dem man bisher trotz vieler Ankündigungen noch nicht viel gesehen hat. Sage keiner, dies führe zur kulturellen Verödung des Landes. Die zentrale Behörde gibt es erst seit 1998, sie wurde von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Doch auch vor 1998 gab es im Land der Dichter und Denker schon Kultur (förderung): Darum sollen sich laut Verfassungsauftrag die Länder kümmern. Die haben schon ein Kultusministerium, brauchen also keine neuen Behörden.

    Rainer Hank

  • 15. April 2026
    Staatsgeld für meine Weinhandlung

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über ein paar Widersprüche der Kulturförderung

    Warum gibt es eigentlich keinen Kulturpreis für Weinhandlungen? Wenn es Preise für Buchhandlungen gibt, müsste es auch Preise für Weinhandlungen geben. Dafür braucht man sich nur die Ausschreibungsunterlagen zum Buchhandelspreis des »Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien« ansehen. Gefördert werden sollen unabhängige Händler, die ein besonders anspruchsvolles Sortiment haben, Vielfalt ermöglichen, als kulturelle Orte wirken (Veranstaltungen anbieten) und das kulturelle Leben vor Ort stärken.

    Das trifft auf meine Lieblingsweinhandlung im Frankfurter Stadtteil Eschersheim vollumfänglich zu. Der inhabergeführte Laden (zwei Freundinnen) ist unabhängig, hat ein beeindruckendes Sortiment exzellenter, wenig bekannter Weingüter und fungiert als kultureller Ort: stets trifft man nette Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Von Zeit zu Zeit gab es dort auch eine Soiree. Gäbe es meine Weinhandlung nicht, nähmen in diesem – sagen wir: gemischten – Viertel die Nagelstudios und Barbershops vollends überhand. Verödung drohte.

    Sage keiner, Wein sei keine Kultur. Im Vergleich mit dem Buch (vulgo: Papyrus) ist der vergorene Traubensaft das mit Abstand ältere Kulturgut. Wein ist heutzutage mindestens so sehr gefährdet wie das Buch: Die Leute haben Bas Kast gelesen und trinken lieber hausgemachte Limonade. Hawesko & Co. treten online genauso penetrant auf wie Amazon. Kurzum: Mein Weinladen würde eine kleine jährliche Subvention (7000, 15000, 25000 Euro, gestaffelt wie beim Buchpreis) dankbar mitnehmen – als betriebswirtschaftlich sinnvolle Unterstützung und gerne auch zur Förderung der Demokratie im Stadtteil Eschersheim. Links- oder gar rechtsradikal sind meine freundlichen Händler keinesfalls. Da lege ich meine Hand für ins Feuer.

    Kommen wir zur Ökonomie. Gemäß dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch muss der Staat dann und nur dann ran, wenn der Markt versagt. Das wird man beim Buch beim besten Willen nicht behaupten können. Bücher sind hierzulande gut verfügbar, günstig und in aller Regel online schneller lieferbar als im sogenannten stationären Buchhandel. Die Versorgung der Bürger mit Büchern ist nirgends gefährdet; Amazon & Co. liefern bis zum kleinsten Einödhof.

    Übergriffiger Paternalismus

    Sagen wir es offen: Der Staat fördert weder das Buch noch das Lesen, er fördert Buchhandlungen. Bestimmte Geschäftsmodelle zu belohnen, ist indes keinesfalls eine öffentliche Aufgabe. Aufgabe ist es auch nicht, ineffiziente Anbieter einer bestimmten Branche durch Preisgelder am Leben zu erhalten. Das ist alles grob ungerecht. Die Förderung stationärer Händler ist strukturkonservativ statt innovativ, auch wenn Geldgeber wie Geldnehmer das anders sehen. Nur zur Erinnerung: Bei den Subventionen handelt es sich um anderer Leute Geld, nämlich um das Geld der Steuerzahler.

    Warum sollen nichtlesende Bürger (davon gibt es immer mehr) Buchhandlungen und deren Kunden subventionieren: das lässt sich nur paternalistisch begründen und steht wie jeder Paternalismus auf übergriffigen Füßen. Der Staat tritt als der bessere Entscheider auf, behauptet, der Bürger wisse nicht, was gut für ihn sei und pampert Güter, die er geschwollen »meritorisch«, also förderungswürdig, nennt.

    Der Markteingriff führt noch zu ganz anderen Effekten. Er bringt Abhängigkeiten zwischen Staat und Bürgern mit sich. Der Staat ist nicht selbstlos. Wo er sich einmischt, da will er bestimmen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat einen Apparat von 500 Mitarbeitern und verfügt über einen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Dort gibt es, wie der Kulturstaatsminister jüngst in einem Interview stolz erwähnte, »Fachbeamte, die sich in der Buchhandlungsszene sehr gut auskennen«. Staatliche Fachbeamte für Buchhandlungen? Wenn das der Franz Kafka gewusst hätte. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Sie schnüffeln. Ich sehe sie vor mir, wie sie inkognito mit breitkrempigem Hut und als unschuldige Kunden getarnt in der Buchhandlung »Golden Shop« herumlungern, heimlich die Plakate fotografieren, die Buchhändler in peinliche Gespräche verwickeln und in die Aporie treiben.

    Sobald der Verdacht auf extremistische Umtreibe hinreichend groß ist, schicken diese Fachbeamten für Buchhandlungen den Verfassungschutz in den »Golden Shop«, natürlich ebenfalls inkognito, und der bestätigt den Verdacht. Worauf das von einer Jury bereits zuerkannte Wohlverhaltensgeld wieder entzogen wird. Subventionen haben ihren Preis. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wer zahlt, bestimmt. Der Preis heißt: Einschränkung der Meinungsfreiheit, was doch eigentlich das Gegenteil dessen ist, was die Demokratiesäusler ständig zu tun vorgeben.

    Weg mit dem Kulturstaatsamt

    Die Buchverkäufer, die eigentlich Bücher verkaufen sollen, werden zu Experten im Preisbewerbungsschreiben. Da gewinnt man mit der Zeit Routine. Die ganz Pfiffigen sind fast jedes Jahr dabei; da kommt ein ordentliches Subventionssümmchen zusammen. Rent Seeking heißt der ökonomische Fachbegriff: Subventionsscheffeln ohne echten Mehrwert zu schaffen. Nach dem Eklat dieses Jahres empfiehlt es sich für die Händler, die gesellschaftlichen Leistungen der eigenen Buchhandlung zweifelsfrei im wasserdichten ideologischen Mainstream zu verorten. Also Jürgen Habermas, Juli Zeh oder Caroline Wahl. Harald Martenstein könnte von den Buchhandels-Fachbeamten bereits als Hinweis auf rechtsextreme Umtriebe missverstanden werden. Bücher vom Margarete Stokowski deuten womöglich auf linksextreme Sympathien. Nähere Auskünfte im subversiven Umgang mit dem schnüffelnden Verfassungsschutz erteilt auf Anfrage die »Alternative für Deutschland« (AfD).

    Wer sich dem Staat an den Hals wirft, dem zeigt der hinter der wohltätigen Maske sein autoritäres Antlitz. Das mag zugespitzt sein. Aber eines ist auch klar: Die Zeiten klarer Rollentrennung sind passé: Früher sonnten sich die Kulturbürokraten im Ausgeben des Geldes anderer Leute; damals brauchten die Kulturfunktionäre lediglich die Hand aufhalten, Danke sagen und noch mehr Geld fordern.

    Nun muss man gar nicht so weit gehen, staatliche Kulturförderung in Gänze zu verdammen, Eine Bundeskulturbehörde braucht es aber nicht. Sie zu schleifen wäre ein sichtbarer Beitrag zum Bürokratieabbau, von dem man bisher trotz vieler Ankündigungen noch nicht viel gesehen hat. Sage keiner, dies führe zur kulturellen Verödung des Landes. Die zentrale Behörde gibt es erst seit 1998, sie wurde von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Doch auch vor 1998 gab es im Land der Dichter und Denker schon Kultur (förderung): Darum sollen sich laut Verfassungsauftrag die Länder kümmern. Die haben schon ein Kultusministerium, brauchen also keine neuen Behörden.

    Rainer Hank

  • 30. März 2026
    Der Cem und die schwäbische Oma

    Cem, der Bube, im schwäbischen Urach um 1970. Foto privat

    Dieser Artikel in der FAZ

    Über die Bedingungen von Integration und Assimilation in Deutschland

    Cem Özdemir ist fest entschlossen, der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln zu werden. Manuel Hagel, sein Konkurrent mit schwäbischen Wurzeln, wird sich noch eine Weile zieren, dann aber knurrend einem Koalitionsvertrag zustimmen.

    Cem Özdemir hat sich das Label »anatolischer Schwabe« angeheftet, was ihm in migrantischen Milieus weniger Freunde macht als in schwäbischen. Wie hat Özdemir, Sohn türkischer Gastarbeiter, den Weg aus Urach am Rande der Schwäbischen Alb (damals noch nicht »Bad Urach«) in die Villa Reitzenstein geschafft, dem Regierungssitz in bester Stuttgarter Halbhöhenlage? Wäre so eine Karriere heute leichter oder schwerer als damals?

    Begeben wir uns zurück in die sechziger Jahre der alten Bundesrepublik. Das vom Wirtschaftswunder verwöhnte Deutschland brauchte dringend Arbeiter. Mit dem deutsch-türkischen Anwerbeverfahren vom 31.Oktober 1961 kamen auch Özdemirs Eltern nach Deutschland, jeder auf seinen eigenen Wegen: Der Vater aus einfachen Verhältnissen in einem entlegenen Dorf, die Mutter aus einer bürgerlichen Familie in Istanbul. Das Anwerbeabkommen funktionierte planwirtschaftlich, die »Gäste« wurden zugewiesen, je nachdem, wo Bedarf war. So landete Vater Özdemir in Urach in einer Firma, die Feuerlöscher herstellte. Die Mutter arbeitete in einer Papierfabrik, später machte sie sich selbständig und eröffnete eine Änderungsschneiderei. Die Eltern sprachen miteinander türkisch, deutsch beherrschten sie nur rudimentär.

    Der Sohn Cem kommt 1965 auf die Welt. Die Integrationsbedingungen waren nicht rosig. Das Kind wurde in der Schule gehänselt. Ein Vorteil war, dass es in Urach kein homogenes Migrationsmilieu gab, so wie in Berlin-Kreuzberg. Der Ort war schwäbisch-pietistisch geprägt. Man hat sich anzustrengen, muss etwas leisten: Disziplin ist die Voraussetzung eines gottgefälligen Lebens. Aber auch: »Man hat sich um andere zu kümmern, das gehört sich so.« So hat Özdemir es mir vor Jahren in einem Interview für die FAS erzählt. Einen Leistungsdruck gab es von zuhause schon: »Wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte oder einen Eintrag ins Klassenbuch bekam, schwebte über mir das Damoklesschwert: Du kommst in die Türkei.«

    Die Moral und Disziplin der Pietisten

    Die Drohung mochte als Leistungsantrieb genügen. Hilfe konnten die Eltern dem jungen Cem aber nicht geben. Die kam von den schwäbischen Pietisten. »Ich hatte einen Mitschüler, dessen Oma uns immer zum Wandern mitnahm. Das hat mir gutgetan, dass ich meine Zeit anders verbringen konnte als vor dem Fernseher oder auf der Straße.« Diese Oma schaute darauf, dass Cem seine Hausaufgaben machte, so wie die eigenen Enkel. Da strengt der Cem sich an, will nicht zurückstehen.

    Die schwäbische Oma ist glücklicher Zufall. Das Muster des Zufalls ist von Bildungsökonomen gut untersucht. Natürlich spielen Schule und gute Lehrer eine große Rolle. Fast noch wichtiger aber ist der außerschulische Austausch, der Kontakt in andere Milieus, schreibt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Raj Chetty: Gemischte Nachbarschaften funktionieren als Integrationsermöglicher und sind Voraussetzung sozialer Mobilität.

    Muhterem Aras, geboren 1966 in Elmaağaç, hat mir eine ähnliche Geschichte erzählt. Bundespolitisch ist sie weniger bekannt als Cem Özdemir. Seit zehn Jahren ist die Grünen-Politikerin Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Der Vater kam als Gastarbeiter aus einer ostanatolischen Bauernfamilie nach Sielmingen auf den Fildern bei Stuttgart. Später hat er seine Frau und die fünf Kinder nachgeholt. Die Mutter blieb zeitlebens Analphabetin, konnte bis zum Ende ihres Lebens weder lesen noch schreiben. In der schwäbischen Nachbarschaft gab es die Christel: »Wir waren fast jeden Tag bei ihr, haben viel ferngesehen und Pucki-Bücher gelesen, was sehr hilfreich war.« Sonntags haben Christels Eltern die anatolischen Nachbarskinder mitgenommen zu Ausflügen. »Sie sind sogar mit uns in die neue Stuttgarter Staatsgalerie gegangen. Sie gingen auch mit uns ins Restaurant. Oder ins Schwimmbad. Und meine Freundin Sabine hat mich in die evangelische Jungschar mitgenommen.«

    So geht Bildungsaufstieg. So geht Assimilation. Lesen, schreiben und rechnen in der Sprache der neuen Heimat sind Voraussetzungen von Integration. Werte, Haltungen und Umgangsformen lernt man nicht so sehr in der Schulklasse kennen, sondern vielmehr bei den Omas, den Eltern der Christels und Sabines und in der evangelischen Jungschar.
    Ist das alles heute leichter geworden? Ja, wenn man nur auf die aggregierten Zahlen schaut. In der ersten Generation der »Gastarbeiter« waren rund vierzig Prozent ohne schulischen Abschluss, weniger als fünf Prozent hatten Abitur. In der zweiten Generation – also der Generation Cem Özdemir und Muhterem Aras – sind nur noch zehn bis fünfzehn Prozent ohne Bildungsabschluss; 20 Prozent haben Abitur. Der Abstand zur Gesamtbevölkerung schrumpft (fünf Prozent ohne Abschluss, 35 Prozent mit Abitur). In der nächsten Generation wird sich das mutmaßlich weiter angleichen.

    Das Kita-Paradox

    Aber die Omas in der Nachbarschaft, die den Wertekanon tradieren? Da geben neuere Untersuchungen über regionale Ungleichheiten zu denken. Pauschal gesagt: Die Chancen, eine schwäbische Oma oder eine Christel kennenzulernen, schwinden. Milieus werden homogener. Die Chancen schwinden, Kinder aus deutschen Mittelschichtsfamilien kennenzulernen, deren Eltern einen ins Museum mitnehmen.

    Das fängt schon früh an: Eine gemeinsam vom Institut der deutschen Wirtschaft und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie (»Sozioökonomische Segregation und Kitaversorgung«) spricht vom »Kita-Paradox«. Seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf Betreuungsplätze ab im Jahr 2008 sprießen die Kitas vor allem in Vierteln, in denen bessergestellte Familien wohnen, zulasten solcher mit geringem Einkommen und höherem Migrationshintergrund. Ein ähnliches Ergebnis förderte Anfang des Jahres eine Untersuchung der F.A.S zutage: Weiterführenden Schulen sind in Mittelschichtsquartieren deutlich näher erreichbar als in Gegenden mit einem hohen Anteil sozial schwacher Familien.

    Die Ursachen für das Kita- und Gymnasiums-Paradox liegen weitgehend im Dunkeln. An der staatlichen Finanzierung liegt es nicht. Klar ist nur: Die Mittelschichten bleiben gerne unter sich; die soziale Infrastruktur folgt der Mittelschicht: dort gibt es die Sportvereine, die Musikschulen und Kulturangebote. In den Migrantenmilieus finden sich heute weniger Omas und Christels.

    Die räumlichen Erschwernisse des Bildungsaufstiegs für Migranten weiter zu erforschen und zu verändern, – das könnte ein Auftrag für den ersten grünen Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund werden.

    Rainer Hank