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  • 26. Mai 2026
    Die FAS und die AfD

    Urgestein: Konrad Adam, Frauke Petry, Bernd Lucke Foto Archiv

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie wir einmal den Mantelsaum der Geschichte berüht haben.

    Das Treffen am Freitag, dem 1. März 2013, fand statt im Café Basaglia in der Mainzer Landstraße 233 in Frankfurt. Das kleine Stehcafé ist benannt nach dem der Begründer der italienischen Anti-Psychiatrie Franco Basaglia (1924 bis 1980). Der war in den wilden siebziger Jahren dafür verantwortlich, dass Italien seine Irrenanstalten öffnete und die Kranken in die Freiheit entließ; denn in Wahrheit sei die Gesellschaft krank: Irrenhäuser sind nicht alternativlos!

    Es war unser ehemaliger Kollege Konrad Adam, ein Feuilletonredakteur und klassischer Philologe, mit seinen damals 71 Jahren bereits Rentner, der das Treffen im Basaglia vorgeschlagen und am Telefon geraunt hatte, es gehe um die Gründung einer neuen Partei, die »Alternative für Deutschland« heißen solle. Mein Kollege, der Wirtschaftsredakteur Winand von Petersdorff, und ich waren skeptisch, vermuteten eine Grille des Ex-Kollegen, der bis dahin durch konservative Essays, aber nicht durch Parteitagsreden aufgefallen war. Und ohnehin: Am Freitagnachmittag haben FAS-Redakteure wenig Zeit; sie müssen Artikel redigieren. Eine halbe Stunde wollten wir uns Zeit nehmen.

    Schnell war klar, dass Adam es mit der Gründung einer Partei ernst meinte. Es gebe prominente Mitstreiter, zum Beispiel die liberalen Volkswirtschaftsprofessoren Bernd Lucke aus Hamburg, Joachim Starbatty aus Tübingen oder den Schweizer Finanzwissenschaftler Beat Blankart aus Berlin.

    2013, das war die Zeit der Euro-Krise. Die Eurostaaten hatten sogenannte Rettungsschirme aufgespannt, um die überschuldeten Euro-Staaten – vor allem Griechenland – zu stützen, die unter den steigenden Zinslasten ihrer immensen Staatschulden ächzten. Diese Hilfsaktionen – »whatever it takes« – waren nach Einschätzung der Parteigründer eine eklatante Verletzung der Maastricht-Verträge, die die Staatschulden unter Androhung von Geldstrafen auf 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die Neuverschuldung auf drei Prozent der Gesamtschulden begrenzten.

    Das erste Parteiprogramm

    Dass Konrad Adam sich an uns wandte, lag wohl daran, dass er im Wirtschaftsressort von FAS und FAZ nicht zu Unrecht Sympathien für die Eurokritik der Ökonomen vermutete. Er selbst sei vor allem um die Demokratie besorgt, sagte er uns: »Nachdem die Maastricht-Kriterien jahrelang missachtet worden waren, wurden sie buchstäblich über Nacht außer Kraft gesetzt.« In Berlin, wo Kanzlerin Angela Merkel mit der FDP regierte, gebe es eine Allparteienkoalition ohne Opposition, die ihre Politik als »alternativlos« bewerbe. Mit der Gründung der AfD, so Adam, wolle man den demokratischen Wettbewerb retten.

    Bei sich hatte Adam den Entwurf eines Parteiprogramms, ausgedruckt auf der Rückseite eines eigenen Manuskripts; Altphilologen sind sparsame Menschen. Schon am 11. März solle es eine erste Versammlung der Parteigründer geben – in der Stadthalle des Vordertaunusstädtchens Oberursel. Adam sorgte sich nicht nur um die Demokratie, sondern auch, ob genügend Sympathisanten zusammenkämen, damit er nicht auf der Saalmiete sitzenbleiben würde.

    Historische Zäsuren erkennen die Zeitgenossen nicht. Hätten wir damals geahnt, dass das Gespräch im Basaglia das Initial einer neuen Partei war, die heute in Umfragen bundesweit auf 27 Prozent kommt, hätten wir unsere Leser das auf Seite Eins der Sonntagszeitung in großer Aufmachung wissen lassen. Immerhin fand ein kurzer Bericht von Winand von Petersdorff am 3. März seinen Weg ins Blatt unter der Rubrik »Namen & Nachrichten«. Er trug die Überschrift: »Die neue Anti-Euro-Partei. Renommierte Ökonomen und Publizisten sammeln sich.« Tags darauf hatte die Agentur AFP daraus eine kleine Nachricht gebastelt. Demonstrativ gelassen reagierte das politische Berlin: Am besten noch nicht einmal ignorieren. Meinungsforscher gaben der Parteigründung wenig Chancen: »Das hat kein großes Potential für Volksaufregung«, orakelte das Institut aus Allensbach. Tatsächlich konnte sich damals niemand vorstellen, dass aus einer Intellektuellen-Bewegung eine »rechtspopulistische Partei« werden könnte mit einem Wählerpotential von einem Drittel der Stimmbürger.

    Graswurzelbewegung gegen den Euro

    So kann man sich täuschen. Konrad Adams Erwartungen wurden weit übertroffen: Zum Treffen nach Oberursel kamen 1300 interessierte, meist konservative Bürger – eine »Graswurzelbewegung gegen den Euro«, wie die FAZ am 13. März 2013 berichtete. »Wir halten die Alternativlosigkeit für gefährlich, weil es unsere Wähler entmündigt«, so Adam. Der ehemalige Chef der hessischen Staatskanzlei Alexander Gauland, der nach langer Parteizugehörigkeit die CDU verlassen hatte, sekundierte: Mit der Phrase der Euroschicksalsgemeinschaft werde versucht, eine nicht funktionierende Währung zu überhöhen. Dass Gauland einmal graue Eminenz und oberster Strippenzieher der AfD werden sollte, zeichnete sich damals noch nicht ab. Der Berichterstatter der FAZ schrieb, die Versammlung habe sich wie ein währungstheoretisches Seminar angefühlt.
    Der Rest ist Geschichte. Alles ging ganz schnell. Schon einen Monat später, am 14. April 2013 hat sich die AfD als Partei gegründet. Bei den Bundestagswahlen im September 2013 verfehlte sie mit 4,7 Prozent knapp den Einzug ins Parlament. Bei der Europawahl 2014 waren es dann schon 7,1 Prozent. Die AfD profitierte davon, dass die Parteien der Mitte in der Europapolitik bis heute dem Bürger trotz wechselnden Koalitionen keinen Wettbewerb anbieten und das Demokratiedefizit der EU klein reden. Zwar hatten Unionspolitiker wie etwa Carsten Linnemann damals auch schon Zweifel an Merkels Europolitik, öffentlich äußern wollten sie diese aber aus Sorge um ihre Karriere nicht.
    Natürlich profitierte die AfD von dem »Geschenk«, dass schon zwei Jahren nach der Gründung das Thema Migration die Massen bewegte. Inzwischen ist die Partei sozial- und verteilungspolitisch nach links gerückt (und die Linke in Teilen nach rechts). Sie imitiert europäische »rechtsextreme« Parteien in Frankreich, Polen oder Ungarn und setzt ab von globalen Eliten, seien sie »neo-« oder »linksliberal«. Das wird man demnächst im neuen Buch »Spaltungslinien« des Siegener Politikwissenschaftlers Philip Manow nachlesen können. Ob die Professoren und Publizisten des Jahres 2013 die Geister herbeiriefen, die das Land nun nicht mehr loswird, oder ob der Maulkorb der Alternativlosigkeit aus der Mitte den politischen Wettbewerb von den Rändern erst erzwungen hat, bleibt umstritten. Konrad Adam jedenfalls ist wie Bernd Lucke oder Joachim Starbatty schon vor geraumer Zeit aus der AfD ausgetreten.

    Wir von der FAS können sagen, wir waren dabei, ohne zu bemerken, dass wir gerade den Mantelsaum der Geschichte berührt hatten.

    Rainer Hank