Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 03. August 2026
    Bettenstopp bringt Bettenboom

    Ziel Dolomiten Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Overtourism, Folge 1

    Südtirol, das war in meiner Jugend der Inbegriff des Spießigen. Die Deutschen, die da ihre Sommerferien verbrachten, trugen rot-weiß karierte Hemden und Kniebundhosen, hatten kleine Filzhütchen mit Edelweißabzeichen auf dem Kopf und einen Holzstock zum Wandern, der ebenfalls mit allerlei Gipfel-Trophäen beschlagen war. Abends aßen sie Knödel und tranken einen wässrigen Rotwein mit Namen Lagrein Kretzer. Man machte Ferien in der Frühstückspension, Zimmer mit fließend warm und kalt Wasser (das war ein Fortschritt gegenüber der Waschschüssel).

    In Südtirol gab es Sonne. Das war der Unterschied zum Österreich-Urlaub, wo es gefühlt eigentlich immer regnete. So jedenfalls sind die Bilder, die ich im Kopf habe. Wahrscheinlich stimmt daran allenfalls die Hälfte, der Rest ist verwaschenes Klischee.

    Inzwischen kenne ich eigentlich niemanden mehr, seien es ältere oder jüngere Freunde, die noch nie in Südtirol waren. Aus den engen Privatzimmern sind inszenierte Erlebniswelten geworden im »Alpin-Lifestyle« mit Infinity-Pool im hoteleigenen Park und privatem Jacuzzi vor der Junior-Suite. Die Hotels nennen sich Lodges (wie in Namibia) und bieten abends eine fünfgängige Gourmetküche. Man trinkt, falls überhaupt noch Alkohol, dunklen Lagrein, nicht mehr den wässrigen Kretzer. Die Restaurantbewerter loben die Synthese zwischen mediterraner und k.u.k-Küche (die Rotebeeteknödel sind wahrscheinlich vegan). Heute trifft sich nicht mehr die untere, sondern eher die obere Mittelschicht in Südtirol. Inzwischen haben dank Insta und Tiktok auch US-Amerikaner und Asiaten das Grödnertal und die Seiser Al entdeckt.

    Das lässt sich alles in touristischen Zahlen beschreiben. Während Südtirol in den 70er Jahren rund 10 bis 15 Millionen Übernachtungen im Jahr verzeichnete, stieg die Zahl bis 1980 auf 17 Millionen und hat sich heute auf über 38 Millionen mehr als verdoppelt. Aus dem Saisongeschäft ist Ganzjahrestourismus geworden mit Biker-Touren im Frühling und »Törggelen«-Erlebnis im Herbst. Schlepplifte wichen hochmodernen Kabinenbahnen – Beschneiungsanlagen sorgen für die Illusion weißer Berge. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegt Südtirol europaweit auf Platz Drei der tourismusintensivsten Destinationen hinter griechischen Inseln wie Mykonos oder Rhodos.

    Südtirol: Fluch des Erfolgs

    Der Fremdenverkehr ist der entscheidende Katalysator, der Südtirol in den vergangenen fünfzig Jahren von einer armen, agrarisch geprägten Bergregion zu einer der wohlhabendsten Provinzen Europas transformiert hat. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 60.000 Euro pro Kopf liegt Alto Adige unangefochten an der Spitze Italiens (doppelt so hoch wie im südlichen Mezzogiorno) und weit über EU-Durchschnitt (Thüringen liegt bei 37.000 Euro). Der sogenannte »Sicker-Effekt« leitet die Einnahmen vom Tourismus über Handwerk und Bauwirtschaft bis zu Wein, Äpfel, Speck und Milchprodukten. Der Kofferraum ist übervoll, wenn unsere Freunde aus Bozen oder Meran zurückkommen.

    Inzwischen ist der Erfolg für viele in Südtirol zum Fluch geworden: verstopfte Straßen, ganz abgesehen von der Dauerbaustelle am Brenner, Dichtestress, Zersiedelung der Landschaft und vieles andere weisen auf einen Konflikt zwischen Tourismus und Lebensqualität. Die Einheimischen fürchten, der Fremdenverkehr, der sie reich gemacht hat, könnte sie bald arm machen. Man will nicht das Schicksal der Bettenburgen in Südeuropa erleiden, die aufgrund von Hitze und architektonischer Scheußlichkeit leer zu stehen drohen.

    Gegen den Overtourismus soll jetzt ein Bettenstopp helfen. Der geht so: Die Zahl der Gästebetten wird auf das Niveau von Ende 2022 gedeckelt. Das sind ungefähr 232.000 Betten. Neue Betten dürfen grundsätzlich nur dann noch geschaffen werden, wenn an anderer Stelle Betten wegfallen oder innerhalb des festgelegten Kontingents Platz vorhanden ist. Damit soll die Gesamtzahl der Gästebetten nicht weiter steigen.

    Das Konzept mag auf den ersten Blick vernünftig klingen – und moderater sein als in anderen Übertourismus-Regionen: Amsterdam verscheucht seine Gäste mit einer unfreundlichen »Bleib-Weg-Kampagne«. Barcelona lässt bis zum Jahr 2028 alle Lizenzen für Kurzzeitvermietungen auslaufen. In Mallorca gibt es ein komplettes Verbot für den Bau touristischer Mietwohnungen.

    Doch der Bettenstopp in Südtirol hat Konsequenzen, die man hätte mit ein wenig ökonomischem Verstand vorhersehen können. Aus ökonomischer Sicht ähnelt der Bettenstopp nämlich einem staatlich angewiesenen Mengenkartell. Wie immer bei planwirtschaftlich verordneter Knappheit profitieren die Insider. Solange die Nachfrage der Touristen steigt, steigen nach dem simplen Gesetz von Angebot und Nachfrage auch die Preise der Übernachtungen. Die bestehenden Hoteliers streichen die Knappheitsrenten ein. Das kann man unter dem Motto »Qualität statt Quantität« verbrämen, wenn jetzt noch mehr zahlungskräftigere Gäste anreisen, die sich das leisten können. Doch die erhalten lediglich dieselbe Qualität zu höheren Preisen. Das ist weder gerecht noch sozial, wird dafür aber gerne als ökologisches Landschaftsschutzprogramm legitimiert.

    Ein Fall von Torschlusspanik

    Das ist noch nicht alles. Kein Gesetz ohne Ausnahmen. Bevor das Gesetz 2022 beschlossen wurde, hatten viele Hotelbetreiber und Investoren bereits genehmigte Baupläne und Grundstücke. Diese Zusagen können rechtlich nicht einfach ohne Entschädigung kassiert werden. Doch sie verfallen, wenn nicht bis zum 22. September 2026 offiziell der Baubeginn gemeldet wird. Die paradoxe Konsequenz dieser Fristenregelung liegt auf der Hand: Der angekündigte Bettenstopp hat in Südtirol zu »Torschlusspanik« geführt und einen massiven Bauboom ausgelöst. Seit 2022 ist die Gesamtzahl der gemeldeten Gästebetten bis Anfang 2026 nicht wie beabsichtigt gleichgeblieben, sondern um rund 33.000 Betten angestiegen.

    Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in Südtirol kritisiert, dass die Deckelung das Wachstum nicht gebremst, sondern massiv befeuert habe. Die Umweltschützer haben Recht. Aber sie selbst waren Betreiber der Kartelllösung.

    Staatliche Eingriffe in den Markt, so gutgemeint sie sein mögen, bringen im besten Fall nichts. In vielen Fällen – wie hier in Südtirol – verschlimmern Preisinterventionen das Problem, das eigentlich gelöst werden soll. Überbürokratisierung und unübersichtliche Ausnahmen ergänzen den bleibenden Übertourismus.

    Am Ende bleibt die Frage: Gäbe es marktwirtschaftliche Mittel und Wege gegen den Übertourismus? Ja, die gibt es. Ich diskutiere sie in der nächsten Folge von »Hanks Welt«

    Rainer Hank

  • 03. August 2026
    Mutter aller Börsencrashs

    Wann geht es wieder aufwärts? Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Müssen wir vor einem Schwarzen Freitag Angst haben?

    Geht es nach der schwarz-roten Regierung soll künftig eine kapitalgedeckte Vorsorge das Umlageverfahren ergänzen. Die Idee erhält Lob von allen Seiten. Fast: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Partei »Die Linke« sind dagegen – wobei zwischen beiden Organisationen kaum noch ein Unterschied zu erkennen ist. »Sichere Renten, statt Zocken an der Börse«, steht in fetten Lettern auf Plakaten des DGB.

    Zocken an der Börse hat niemand vor. Das würde ja bedeuten, dass ein künftiger Rentenfondsmanager munter drauflos spekulieren und in großen Mengen Rheinmetall- oder SpaceX-Aktien kaufen könnte. Das kann er nicht. Der schwedische staatliche Rentenfonds, der den Deutschen zum Vorbild dient, investiert zu hundert Prozent in Aktien, diversifiziert sein Portfolio aber weltweit. Seit 2010 konnten die schwedischen Rentner mit jährlich bis zu zweistelligen Renditen rechnen.

    Utopisch sind solche Erwartungen nicht, schaut man sich zum Beispiel das Renditedreieck der F.A.Z. (24. Juni) an. Nur wenige Verlustjahre sind dort zu sehen. Selbst größere Einbrüche wie die Finanzkrise von 2008 oder die Corona-Jahre tun auf Dauer der positiven Entwicklung von durchschnittlich acht Prozent keinen Abbruch.

    Indes: Finanz- und Wirtschaftskrisen sind im Kapitalismus so sicher wie Gewitter an einem heißen Sommertag. Dass ein solches Gewittert zuweilen auch reinigend sein kann, wissen wir seit der jüngsten Hitzewelle. Niemand garantiert, dass Kursverluste in kurzer Zeit wieder ausgeglichen werden. »Finanzkrisen sind die Kehrseiten einer enormen Wachstumsdynamik«, schreibt der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe in seinem Standardwerk über »Wirtschaftskrisen« von 2010. Ohne Krisen kein Kapitalismus; ohne kapitalistische Krisen kein Wohlstand im Alter.

    Kurseinbruch um 50 Prozent

    Blicken wir 150 Jahre zurück nach Wien in das Jahr 1873. Am 9. Mai, einem Freitag, platzte an der Wiener Börse eine Aktien- und Immobilienblase. Die Kurse gingen um fast fünfzig Prozent in den Keller. Unter den zahlreichen Anlegern aus Hochadel, Bürgertum und einfachem Volk brach Panik aus. Die eben noch so erfolgreichen Bankiers und Börsenhändler fürchteten plötzlich um Freiheit und Leben. Manche griffen zu drastischen Mitteln, berichtet Plumpe: Einige Börsenhändler fingierten einen Selbstmord, »indem sie ihre alten Kleider an einer Donaubrücke niederlegten und in neuen das Weite suchten«.

    1873 war eine Zeitenwende. Seither bezeichnet man diesen Freitag als »schwarzen« Freitag. Wenn später an einem Tag die Börsen einbrachen, sprach man ebenfalls von schwarzen Tagen: es gibt schwarze Montage (1929, 1987). Und einen schwarzen Donnerstag (ebenfalls 1929). Der 29. Mai 1873 ist sozusagen die Mutter aller Börsencrashs. Es folgte die »Gründerkrise« (der Begriff ist umstritten); eine kollektiv depressive Stimmung war der Nährboden für den aufkommenden Antisemitismus und Populismus. »Jüdische Spekulanten« und Bankiers mussten als Sündenbock für die Krise herhalten. Nationalismus und Protektionismus wurden in vielen Staaten salonfähig.

    Weil mein Kollege Gerald Braunberger mit Verweis auf Mark Twain regelmäßig betont, Geschichte wiederhole sich nicht, reime sich aber, lohnt ein prüfender Blick auf eine Strukturähnlichkeit des späten 19. und des frühen 21. Jahrhunderts. Dazu empfehle ich ein neues Buch des Pulitzer-Preisträgers Liaquat Ahamed mit dem Titel »1873« (Penguin Verlag).

    Dem Crash von 1873 vorausgegangen war ein schwindelerregender Boom. Die Aktienkurse lagen um 300 Prozent über dem Durchschnitt der vorausgegangen drei Jahre. Hunderte von Startups, wie man heute sagen würde, waren an die Börse gegangen. Nicht nur die Kurse, auch das Handelsvolumen explodierte. Aktien zu kaufen war Volkssport geworden: Oberkellner der Wiener Kaffeehäuser gaben einander Börsentipps. Generäle, Herzoginnen samt Dienstmädchen, selbst die Schuhputzer, alle waren vom Fieber ergriffen.

    Es gibt auch Profiteure

    Dem Gründerkrach vorausgegangen war der Gründerboom: 1873 bedeutete das Ende eines Aufschwungs des vorausgegangenen halben Jahrhunderts – und zwar nicht nur in Österreich-Ungarn, sondern in der ganzen Welt. Überall fuhren jetzt Eisenbahnen, neue Binnenschifffahrtswege beschleunigten den Handel, transatlantische Unterseekabel verkürzten die Kommunikationswege. Zugleich wurde das Finanzsystem modernisiert: Staaten finanzierten sich systematisch über Staatsanleihen; für die Emissionen dieser Anleihen hatten sich die Rothschilds angeboten, das führende globale Bankhaus mit Sitz in London, Paris, Wien und Frankfurt und Vertretungen in Sankt Petersburg und New York City.

    Der Börsencrash in Wien blieb nicht der einzige Schock. Einer Pandemie gleich kam es nacheinander zu Krisen in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und den wenig entwickelten Ländern (zum Beispiel Ägypten). Weltweit folgte ein schwerer und anhaltender konjunktureller Einbruch. Die Preise fielen, die Investitionen brachen ein. Eine Deflation folgte, die zwar faktisch nur bis 1879 dauerte, aber das Klima bis in die 1890er Jahre bestimmte, so Werner Plumpe.

    Zu entscheiden, ob die Deflation eine direkte Folge des Crashs war oder aber, wie Liaquat Ahamed argumentiert, darauf zurückzuführen ist, dass die Regierungen das internationale Währungssystem auf Goldbasis (statt wie zuvor auf Gold und Silber) umbauten, überlasse ich den Finanzexperten. Klar ist: Wer auf dem Höhepunkt der Spekulationsblase Aktien oder Immobilien gekauft hatte, brauchte sehr lange, um wieder auf seinen Einstand zu kommen. Wer breiter investiert war, musste weniger lange leiden. Gläubiger oder Lohnempfänger profitierten. Kulturell zählt die Wiener Moderne (von Hofmannsthal über Freud und Wittgenstein bis zu Mach, Mahler und Schumpeter) zu den ideenreichsten Jahren der Geschichte. Träger der Moderne waren nicht selten die Söhne und Töchter der Crash-Pleitiers. Doch in der Breite hatte sich eine depressive Unzufriedenheit ausgebreitet. Der Liberalismus war in Verruf gekommen.

    Was heißt das jetzt für die neue Aktienrente? Wer Altersvorsorge auf Kapitaldeckung gründet, muss den Bürgern keine Crashfreiheit versprechen. Die Börse ist keine Sparkasse mit schwankender Verzinsung, sondern ein Ort, an dem Risiko in langfristige Rendite verwandelt wird. Aber auch die Umlagerente ist bekanntlich nicht sicher, Norbert Blüm zum Trotz. Beruhigend ist: Seit dem Crash von 1873 verliefen alle Krisen milder – das beweist die Lernfähigkeit von Wirtschafts- und Geldpolitik. Andererseits weist der milliardenschwere Boom der Künstlichen Intelligenz große Ähnlichkeit auf mit der Eisenbahn-Blase des 19. Jahrhunderts. Sorgen müssten man sich, dass Politik, Notenbanker und Öffentlichkeit beim ersten großen Börseneinbruch die Nerven verlieren.

    Rainer Hank

  • 17. Juli 2026
    Jetzt plötzlich Klimaanlagen

    Schön ist anders Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Lange war Krisenanpassung verpönt

    Was für ein Geheule. Seit den Bruthitzetagen der zweiten Junihälfte mit Rekordtemperaturen von 41,5 Grad übertreffen sich die Klagen und Forderungen. Ein »Sofortprogramm für Klimaanlagen«, verlangt Katharina Dröge, die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Deutschen Bundestag. Alle Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen müssten flächendeckend klimatisiert werden. Carsten Schneider (SPD), der zuständige Bundesumweltminister, zeigt dafür Sympathien – zuckt allerdings die Achseln: Hitzepläne seien eine kommunale Aufgabe. Das soll wohl heißen: Wir würden ja gerne, hätten womöglich schon längst, dürfen aber leider nicht.

    Wenn das so ist, sollte uns wenigstens jemand die Frage beantworten, warum die Kommunen bei der Klimaänderungsvorsorge versagt haben. Kein Geld? Oder lediglich die Standardentschuldigung: Damit habe keiner rechnen können, dass es so schnell so heiß würde. Diejenigen, die sich in apokalyptischen Szenarien des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs immer übertroffen haben, reden sich jetzt mit dem Argument heraus, man habe nicht wissen können, wie heiß es werde.

    Plötzlich sehen alle den Handlungsbedarf. Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) tönt, man dürfe sich nicht nur um den Klimaschutz kümmern, sondern müsse auch den »Umgang mit dem Klimawandel« in den Blick nehmen. »Jeder muss sich überlegen, brauche ich eine Klimaanlage, um meine Gesundheit zu schützen«, sagte er in einem Fernsehinterview. Der späte Siegeszug der Klimaanlage – wer hätte das gedacht!

    Da ist viel Verdrängungsverlogenheit im Spiel. Waren es nicht die Grünen, die Klimaanlagen stets abgelehnt haben? Sie brauchen viel zu viel böse Energie und funktionieren nur mit gefährlichen Kältemitteln, wurde uns eingehämmert. Den Grünen nahestehende Wirtschaftsforscher wie die DIW-Klimaexpertin Claudia Kemfert lieferten der Politik die ökonomische, klima- und gesundheitspolitische Munition gegen die Kühlung von Gebäuden. Und der Volksmund wusste ohnehin immer schon, dass man sich beim ständigen Wechsel zwischen kühlen Räumen und heißen Straßen schwere Erkältungskrankheiten hole.

    Adaption statt Mitigation

    Die Klimaanlage ist lediglich das Symbol für eine tiefer liegende Ablehnung einer Politik der Anpassung an das heißere Klima. Mindestens bis in die 2000er Jahre dominierte in der Klimapolitik – nicht nur, aber vor allem hierzulande – die Devise: Wer über Anpassung redet, signalisiert, dass der Klimawandel ohnehin nicht mehr verhindert werden kann. Und drückt sich vor der Pflicht zur CO2–Reduktion. Klimaschutz (»mitigation«) wurde zum ideologischen Kampfbegriff gegen Klimaanpassung (»adaption«). Hochmütig hieß es, wenn Gesellschaften lernen, mit Hitze, Dürre und Überschwemmungen umzugehen, sinke der politische Druck zur Reduktion von Treibhausgasen. Deutschland war einseitig emissionsfixiert und anpassungsskeptisch. Ursachen bekämpfen, nicht Symptome kurieren, so geht das alte Totschlagargument meiner linken Vergangenheit.

    Ökonomisch vornehm nennt man das Anti-Anpassungs-Argument »Moral Hazard«. Danach wären »mitigation« und »adaption« Substitute, die zur Folge haben, dass die »billigere« Anpassung den Grenznutzen der teuren Emissionsminderung senke. Man kann es auch simpler vulgär-psychoanalytisch sagen: Erst muss der Leidensdruck unerträglich werden und müssen die Menschen den klimapolitischen Veränderungsdruck am eigenen Leib spüren, damit sich etwas tut. Oder frömmigkeitstheologisch umformuliert: Erst in der sengenden Hitze eines ICEs ohne Klimaanlage erfahren wir uns als Sünder und Schuldige am Klimawandel und hoffen auf Erlösung durch Solarzellen und Windräder.

    Wenn Diskurse polar verlaufen, finden sich auf beiden Seiten polarisierende Akteure. Tatsächlich wurde die Anpassung von Klimaschutzgegnern, -skeptikern und -leugnern instrumentalisiert. Nach dem Motto: Lasst uns lieber Deiche bauen als die Wirtschaft umbauen. Das wiederum machte es den grünen Emissionsideologen leichter, auch die klugen Anpasser als anonyme Klimaleugner zu schmähen.

    Dabei ist die Lösung so simpel wie naheliegend. Der Fehler besteht darin, Anpassung und Transformation als Gegensätze zuzuspitzen. Stattdessen ginge es darum, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Dafür spricht nicht zuletzt die menschliche Evolutions- und Fortschrittsgeschichte, deren Erfolgsgeheimnis in einer Mischung aus Pfadwechsel (industrielle Revolution, Digitalisierung) und Anpassung besteht: Niemand würde sagen, die Erfindung der Kleidung sei eine Kapitulation vor dem Winter. Klimaanlagen sind keine Kapitulation vor der Hitze.

    Das führt zurück zu den lebensrettenden Segnungen der Klimaanlagen, die inzwischen gut erforscht sind. Gefährlich sind vor allem die Nächte. Wenn Wohnungen nachts nicht mehr unter 25 Grad abkühlen, steigt die Herz-Kreislauf-Belastung und bei älteren Menschen die Sterblichkeit. Vergleicht man europäische und amerikanische Städte mit ähnlichen Durchschnittstemperaturen, dann zeigt sich, dass das Sterberisiko in Europa bei heißen Temperaturen um ein Vielfaches höher ist als in den USA. Zwischen 2000 und 2019 verloren durchschnittlich 83.000 Europäer jährlich hitzebedingt ihr Leben, verglichen mit 20.000 Nordamerikanern.

    Für über 30 Grad nicht geschaffen

    Das zeigt: Der Mensch ist nicht für Temperaturen über 30 Grad geschaffen – es sei denn, er schläft mit einer Feuchtigkeit und Hitze dimmenden Klimaanlage. Mit der flächendeckenden Einführung von Airconditioning sank in den USA die Sterblichkeit an extrem heißen Tagen um rund 75 Prozent. Oder anders gesagt: Wer unklimatisiert lebt, stirbt früher.

    Und der klimapolitische Schaden? Der ist nicht ohne. Weltweit entfallen seriösen Schätzungen zufolge rund vier Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen direkt oder indirekt auf Kühlung. Das ist immerhin doppelt so viel wie der weltweite Flugverkehr. Nicht in jedem Land ist der Schaden gleich hoch. In Frankreich sind Klimaanlagen viel klimafreundlicher als bei uns: Denn der Strom kommt aus den Atomkraftwerken.

    Das politische Klima scheint sich nach den Hitzeerfahrungen der letzten Wochen auch bei den Grünen zu ändern. Siehe Katharina Dröge. Erwartbar kommen Auflagen hinzu: Schulen, Krankenhäuser sollen klimatisiert und zugleich von den Grünen verpflichtet werden, den Strom dafür ausschließlich aus Solaranlagen auf ihren Dächern zu beziehen. Technologieoffenheit und das Vertrauen in die Kreativität von Ingenieuren bleiben für viele Politiker weiterhin ein Fremdwort. Dabei gibt es längst Effizienzfortschritte bei der Entwicklung neuer Klimatechnik.

    Das sind großartige Leistungen der menschlichen Einfallskunst. Ein Lob auf die Kunst der Anpassung! Und ein Prost auf kühlere Sommer trotz Hitze!

    Rainer Hank

  • 17. Juli 2026
    Kranke Gesundheit

    Hundert Prozent Versorgung für alle? Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum es Reformen so schwer haben

    Kürzlich war ich ein Notfall. Meine Hausärztin hatte Grund, mich angesichts dramatisch schlechter Laborwerte in die Notaufnahme zu schicken. Es war Freitagnachmittag. Und es kam alles ungefähr so, wie man es immer liest. Die erste Klinik, in der ich vorsprach, schickte mich wieder weg: Die Kapazität an Notfällen sei erschöpft. Die zweite Klinik nahm mich auf, ließ mich dann fünf Stunden warten bis zur ersten Untersuchung.

    Völlig klar, was ich aus dieser Erfahrung schließe? Wir haben zu wenig Kliniken. Und die haben zu wenig Personal. Man nennt das »anekdotische Evidenz«. Offenkundig funktioniert die medizinische Versorgung in Deutschland nur unzureichend. Wie mir hätte es jedem ergehen können. Dazu muss man wissen: Ich lebe in Frankfurt, eine Großstadt, in der es viele Kliniken gibt. Am Vogelsberg oder in der Niederlausitz wäre alles noch viel schwieriger, vermute ich.

    Zwischenergebnis: Entwarnung. Mir geht es wieder gut. In der Klinik wurde ich prima versorgt.

    Wenige Tage nach meiner Klinikepisode war ich auf einer wissenschaftlichen Konferenz. Dort gab es einen Vortrag des Gesundheitsökonomen Boris Augurzky. Der trug den Titel »Gesundheit als höchstes Gut? 100–Prozent-Ansatz und seine Folgen«. Der Vortrag widerlegte mit Daten meine persönliche Erfahrung. Augurzky forscht am RWI-Leibniz-Institut in Essen und gilt als einer der führenden Krankenhausexperten in Deutschland. In den Ampeljahren gehörte er der Krankenhausreformkommission von Minister Karl Lauterbach (SPD) an.

    Ökonomen interessieren sich nicht für das Einzelschicksal. Sie operieren mit sogenannten aggregierten Zahlen. Es geht ihnen um Statistik. Und die ist bezogen auf das Gesundheitssystem hierzulande niederschmetternd: Unsere Gesundheit ist zu teuer und ungeheuer personalintensiv. Deutschland gibt so viel aus wie kaum ein anderes europäisches Land, beschäftigt überdurchschnittlich viele Ärzte und Pflegekräfte und verfügt über eine extrem hohe Krankenhausdichte. Trotzdem sind die an der Lebenserwartung gemessenen Ergebnisse im internationalen Vergleich allenfalls mittelmäßig und die Finanzierungsprobleme – die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben – wachsen.

    Mangelwirtschaft oder Ineeffizienz?

    Wie kann es sein, dass ein Land mit besonders vielen Ärzten, Krankenhäusern und Gesundheitsausgaben bei seinen Bürgern den Eindruck permanenter Mangelwirtschaft erzeugt?

    Machen wir es an wenigen Punkten konkret. Deutschland wendet 12,2 Prozent seiner Wirtschaftskraft (Bruttoinlandsprodukt) für Gesundheit auf. In Österreich und der Schweiz sind es 11,5 Prozent. Dänemark kommt mit 9,5 Prozent aus. Alles Länder, die nicht für eine schlechte medizinische Versorgung bekannt sind. Unsere Ausgaben sind kontinuierlich gestiegen; 1992 lag der Anteil am BIP noch bei 9,3 Prozent. Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland bei der Klinikdichte mit entsprechender Überzahl von Krankenhausbetten eine Spitzenstellung ein. Bezogen auf die Bevölkerung beschäftigen wir überdurchschnittlich viel Klinikpersonal. Mit 4,7 Ärzten je tausend Einwohnern haben wir mehr Ärzte als die meisten anderen Länder der Welt. Dagegen schrumpft die Zahl der Patienten.

    Und der Output? Die Lebenserwartung hierzulande ist mit 82,9 Jahren bei Frauen und 78,2 Jahren bei Männern unterdurchschnittlich. Die OECD kritisiert neben den hohen Kosten eine überbordende Bürokratie (Brandschutz, Hygiene, Personalvorgaben, Rechnungslegung), unkoordinierte Behandlungspfade und viel zu viele Operationen (die berühmten neuen Hüftgelenke). Wenn nichts passiert, steigt die Sozialabgabenquote von derzeit 41,9 auf 48,7 Prozent im Jahr 2035.

    Genug der Zahlen. Wie kommt es zu dem Gap zwischen individueller Wahrnehmung einer Mangelwirtschaft und der Statistik unökonomischer Überversorgung? Meine Erfahrung ist ja leicht generalisierbar: Der Bürger erlebt lange Wartezeiten in den Arztpraxen und Kliniken, überlastete Notaufnahmen, gestresste Pflegekräfte – und einem Facharzt, der keinen Termin frei hat. In anderen Ländern der Welt kann man durch bessere medizinische Versorgung auf ein längeres Leben hoffen – und muss dafür weniger Geld ausgeben.

    Woher also der subjektive Eindruck? Eine erste Antwort: Das Angebot schafft sich seine Nachfrage. Wir haben nicht nur viele Ärzte, wir haben auch besonders viele Arztbesuche. Jeder Deutsche geht im Schnitt jährlich rund zehn Mal zum Doktor. Den Dänen reichen weniger als vier Arztkontakte und trotzdem sind sie fitter als wir. Dort haben die Hausärzte weniger Anreize, die Kontakte zu ihren Patienten zu maximieren.

    Alle wollen maximale Versorgung

    Doch die eigentliche Erklärung ist nicht die Nachfrage, sondern die Erwartung. Entscheidend sind die Gesundheitspräferenzen der Menschen, so Boris Augurzky. Am liebsten wäre allen eine Maximalversorgung an jeder Ecke. Gesundheit, so heißt es gerne, sei keine Ware wie jede andere, sondern ein »unbezahlbares Gut«, dass man nicht ökonomisieren dürfe. Die Gesellschaft behandelt Gesundheit als etwas, bei dem jeder denkbare Nutzen realisiert werden müsse: jedes Krankenhaus muss erhalten, jede neue Leistung finanziert, jede Wartezeit muss verhindert werden.

    Wenn ein Krankenhaus in der Nachbarschaft geschlossen wird, ist der Aufschrei der Bevölkerung groß, er wird verstärkt von den Bürgermeistern und Landräten, die um ihre Wiederwahl fürchten. Wenn fünf mittelprächtig funktionierende Krankenhäuser durch ein leistungsfähiges Zentrum ersetzt werden, sieht niemand den Gewinn. Die Kosten einer Reform sind sichtbar; der Nutzen ist diffus und liegt in der Zukunft. Der Bürger verlangt hundert Prozent Sicherheit; der Ökonom denkt in sogenannten Grenznutzen und fragt: Was bringt der nächste Euro, die nächste Pflegekraft oder das nächste Krankenhaus zusätzlich? Der erste Landarzt in einem Dorf bringt enorm viel. Der Vierte schon nicht mehr so viel. Der Nutzen steigt also nicht proportional. Doch Gesundheitsleistungen zu priorisieren gilt als Teufelszeug; wir erinnern uns an die Debatten zur »Triage« während der Corona-Pandemie.

    Es ist richtig: Krankheit ist kein normales Gut. Doch Knappheit verschwindet nicht einfach dadurch, dass man sie moralisch tabuisiert und die Kosten der Vollkaskoerwartung verschweigt. Dafür ist der Blick in die Statistik gut.

    Die Gesundheitsreform, die Ministerin Nina Warken (CDU) jetzt vorhat, belässt es im Grunde bei einem Sparprogramm. Das mag realistisch sein, denn der strukturelle Reformbedarf ist politisch nicht vermittelbar. Demokratien sind gut darin, Erwartungen zu bedienen; sie sind schlecht darin, Erwartungen zu korrigieren. Solange Gesundheit als unbegrenztes Recht gilt, ist jede Reform eine Zumutung. Fazit: Eine gute Gesundheitsreform ist viel schwerer als eine gute Rentenreform.

    Rainer Hank

  • 25. Juni 2026
    Im Milliardärsdorf

    Der reichste Mann der Welt: Elon Musk Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie leben eigentlich die Superreichen?

    Von Peter Thiel, dem geheimnisumwitterten Star der Nouvelle Riche in Kalifornien, berichtete die New York Times kürzlich, er habe seinen Wohnsitz nach Argentinien verlegt. Thiel soll sich eine Villa im exklusiven Viertel Barrio Parque in Buenos Aires gekauft haben. Zwölf Millionen Dollar habe das Anwesen gekostet, das zu den prestigeträchtigsten Wohnanlagen des Landes zählt.

    Der Paypal- und Palantir-Gründer, der sich gerne als Prophet des Weltuntergangs inszeniert, hat aus seinen Sympathien für Disruption und Freiheitsanspruch nie ein Hehl gemacht. Dass ihm das libertäre Reich des Kettensägers Javier Milei sympathisch sein muss, verwundert nicht. Hinzu kommt: Thiel kritisiert seit langem die hohe Vermögens- und Einkommensbesteuerung in Kalifornien.

    Doch heißt das auch, dass Peter Thiel die USA verlässt? Vieles spricht dagegen. Man darf sich einen US-Milliardär nicht wie einen deutschen Durchschnittsmillionär vorstellen. Der Deutsche wohnt entweder da oder dort, also entweder am Starnberger See oder am Taunusrand nahe Frankfurt. Peter Thiel wohnt überall. Seit 2011 hat er die neuseeländische Staatsbürgerschaft und besitzt dort große Grundstücke. Zugleich verbringt er viel Zeit im Jahr in Florida, jenem Bundesstaat, der traditionell in Konkurrenz steht zu Kalifornien und eher die Rechten und Anti-Woken anzieht – siehe Donald Trump in Mar-a-Lago.

    Heimatlos und ständig wie auf der Flucht

    Die Superreichen der Welt sind habituell heimatlos und verhalten sich ständig wie auf der Flucht, berichtet der »Economist« in seiner jüngsten Ausgabe. Sie haben nicht nur Angst, dass der Fiskus ihnen ihren wirtschaftlichen Erfolg wegsteuert. Sie haben auch Angst um ihre physische Sicherheit. Zugleich werden sie – oder vielmehr ihr Geld – von vielen Staaten umworben. Die Superreichen sind steuerlich, politisch und sicherheitstechnisch permanent unterwegs. Lange waren die Golfstaaten beliebt; seit dem Irankrieg hat sich das geändert.

    Es ist ein bisschen paradox: Die Helden der Digitalwirtschaft gönnen sich Paläste im kalifornischen Atherton, vermutlich einer der wenigen Orte der Welt, an denen ein Jahreseinkommen von einer halben Million Dollar unterdurchschnittlich ist. Sie wohnen in Gated Communities, geben Unsummen für Villen und Personal aus. Aber sie machen sich zugleich hinter großen Hecken unsichtbar. Das hängt nicht nur mit der notorischen Angst um Hab und Gut und Leib und Leben zusammen, sondern auch damit, dass sie ihren ganzen Stolz auf den unternehmerischen Erfolg fokussieren. Man trägt T-Shirt statt Dreireiher, fährt Tesla statt Rolls-Royce und Bentley, wohnt hinter Bäumen statt an einer Prachtallee. Bescheiden wird man das nicht nennen können. Die teure Yacht, der eigene Golfplatz, all das ist schon wichtig. Am wichtigsten aber ist das wirtschaftliche Imperium.
    Nehmen wir den Neu-Billionär Elon Musk. Jahrelang hat er sich als Anti-Typ gegen das klassische Milliardärsleben inszeniert. 2020 erklärte er öffentlich, er wolle seinen gesamten Immobilienbesitz verkaufen. Zeitweise behauptete er sogar, in einem kleinen vorgefertigten Haus nahe den SpaceX-Anlagen in Texas zu wohnen. Musk definiert seinen Status über Tesla, die Plattform X, Raketen und Technologien – zeitweise auch über seine exklusive Nähe zur politischen Weltmacht (Donald Trump) – aber eben nicht über seine Immobilien.

    Der Unterschied wird noch offensichtlicher, vergleicht man die heutigen Superreichen mit den erfolgreichen Wirtschaftsbürgern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die ließen sich im Londoner Stadtteil South Kensington nieder mit ihren weißgetünchten antikisierenden Säulen. Das europäische Villenviertel diente der öffentlichen Inszenierung von Besitz. Es liegt an einer prachtvollen Avenue, nicht hinter Mauern.

    Das deutsche Gegenstück zu South Kensington heißt Grunewald. Der Stadtteil entstand seit den 1880er Jahren als Villenkolonie der Berliner Oberschicht. Hier wohnten vor 1914 Industrielle, Bankiers, Verleger und Großkaufleute. Nach 1945 blieb der Grunewald trotz Krieg, Teilung und Systemwechsel eine Spitzenadresse. Soziologisch ist es ein Quartier des alten und neuen Geldes. Auch wenn die Potsdamer Seenplatte nach der Wende in Konkurrenz zum alten Westberlin trat: Dort wohnen Leute wie die Verlegerin Friede Springer, der Modemann Wolfgang Joop oder der SAP-Gründer Hasso Plattner.

    Sind Vermögensverhältnisse Privatsache?

    Was wir über die Reichen des deutschen Kaiserreichs wissen, verdanken wir einem preußischen Regierungsrat namens Rudolf Martin (1867 bis 1939). Zwischen 1911 und 1914 veröffentlichte er aufgrund von Steuerdaten die »Jahrbücher des Vermögens und Einkommens der Millionäre«. Darin finden sich nicht nur die Namen, sondern auch Vermögens- und Einkommensschätzungen, Wohnadressen, Familienverhältnisse und Angaben über Unternehmensbeteiligungen.

    Rudolf Martin machte Reichtum erstmals sichtbar. Das war unerhört. Man stelle sich vor, die Medien, Banken oder Thinktanks, die heute aufgrund vager Schätzungen ihre Reichenlisten zusammenstellen, hätten solche Daten zur Verfügung und könnten die genauen Adressen nebst Postleitzahl von Elon Musk (1,1 Billionen Dollar) oder Dieter Schwarz (Lidl, 60 Milliarden Euro) veröffentlichen. Gerade weil die heutigen Superreichen ihren Wohnsitz ständig wechseln und ihre Vermögensverhältnisse hinter Firmenkonstruktionen verbergen, wirkt die Transparenz des Kaiserreichs aus heutiger Sicht überraschend.

    Auch damals war die Veröffentlichung ein Skandal. Die von Rudolf Martin Geouteten beschwerten sich bei den Staatsanwaltschaften wegen Verletzung des Steuergeheimnisses und ihrer Privatsphäre. Doch das Verfahren wurde eingestellt. Es gebe »ein berechtigtes öffentliches Interesse« an Millionen- oder gar Milliardenvermögen, meinte der Vorsitzende Richter.

    So etwas, wie gesagt, wäre heute undenkbar. Die Reichen hätten längst ihre Medienanwälte (Christian Schertz & Co.) für sich eingespannt, die solche Listen von Anfang verhindert hätten. Vermögensverhältnisse sind in einer liberalen Gesellschaft Privatsache und das ist auch gut so. Aber für Historiker ist das Jahrbuch von Rudolf Martin ein Glücksfall. Seit Montag, 22.Juni, steht eine auf Martin beruhende »Digitale Karte der Millionäre« im Deutschen Kaiserreich online. Die Daten werden vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung im Rahmen des Projekts »Where the Rich Live« online gestellt. Die Federführung hat die Wirtschaftshistorikerin Eva Gajek.

    Rudolf Martin kartierte die Reichen des Kaiserreichs hausgenau. Die heutigen Milliardäre verteilen ihr Geld über Kontinente, Stiftungen und Briefkastenfirmen. Das mag erklären, warum wir heute so viel über Reichtum reden und zugleich so wenig darüber wissen.

    Rainer Hank