Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 25. Oktober 2026
    Die Antiquiertheit des Menschen

    Günther Anders (1902 – 1992) Foto Günther Anders Gesellschaft

    Dieser Artikel in der FAZ

    Was Günther Anders über die Künstliche Intelligenz wusste

    Ein New Yorker Rechtsanwalt erzählt folgende Geschichte: »Vor einigen Monaten verfasste ich für meine Schwester einen juristischen Schriftsatz, der ihr bei einem diffizilen Erbschaftsstreit helfen sollte. Dafür musste ich das Erbrecht zweier Rechtssysteme, grenzüberschreitende Steuervorschriften und eine ziemlich verwickelte Verfahrensgeschichte zusammenführen. Meine Schwester war stolz auf mich. Jetzt verstehe sie, wie ich es beruflich so weit gebracht hätte. Ein paar Stunden später kam eine zweite Nachricht der Schwester. Sie könne nicht umhin zu fragen, wie viel in diesem Schriftsatz eigentlich von einer KI stamme.«

    Die Geschichte hat es in sich. Sie stammt aus einer Sammelbesprechung neuerer KI-Bücher – die gibt es derzeit wie Sand am Meer – aus dem aktuellen »Times Literary Supplement«. Was ändert sich eigentlich durch das Wissen, der Schriftsatz stamme von künstlicher statt von menschlicher Intelligenz? Für den Zweck des Dossiers – juristische Schützenhilfe in einem Erbschaftsstreit – eigentlich nichts. Da kommt es nicht auf den Autor, sondern auf den Inhalt an. Für das Ansehen, das der Bruder in den Augen seiner Schwester genießt, ändert sich dagegen alles. Sollte der Verdacht zutreffen, verwandelt sich der Star-Anwalt in einen Scharlatan, der sich mit fremden Federn schmückt. Was ist menschliche Autorschaft noch wert, wenn die autorlose Maschine bessere Ware liefert? Es ist eine tiefe und paradoxe Kränkung: KI, ein Produkt menschlicher Intelligenz, liefert perfektere Ergebnisse als menschliche Intelligenz.

    Werden wir noch grundsätzlicher. Der Erfolg der KI führt uns plötzlich vor Augen, »dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und dass wir glauben, dass, was wir können, wir auch dürfen.«

    Das Zitat stammt von dem Philosophen Günther Anders. Es eröffnet den ersten Band seines voluminösen Hauptwerks »Die Antiquiertheit des Menschen«, bezieht sich, weil bereits 1956 erschienen, nicht auf die künstliche Intelligenz, sondern auf die von der industriellen Revolution geschaffenen menschlichen Hervorbringungen, genannt Technik: Schöpfungen des Menschen, denen gegenüber sich der Mensch unterlegen fühlt, eben antiquiert, tief gekränkt von der Perfektion seiner eigenen Produkte. Wir seien unfähig, »seelisch up to date« zu bleiben und dazu verdammt, unseren Erfindungen »nachzuhumpeln«, so Anders.

    Schöpfungen, die sich vom Schöpfer emanzipieren

    Anders, so versuche ich zu argumentieren, könnte zu einem Deuter des KI-Zeitalters werden, gerade weil seine Philosophie nirgends in konservativen Kulturpessimismus verfällt. Die Antiquiertheit des Menschen spiegelt menschliche Größe und Kreativität, die nun Mühe haben, ihren eigenen Erfolg intellektuell und moralisch einzuholen – und zu verhindern, dass sich die Schöpfung gegen seinen Schöpfer wendet. Implizit oder explizit hat Anders als »Anwendungsfall« die Erschaffung der Atombombe vor sich. Mit Claude Eatherly, dem Piloten des Wetteraufklärungsflugzeugs »Straight Flush«, das grünes Licht für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gab, führte Anders einen ausführlichen Briefwechsel. Das darin sichtbar werdende Grundmuster der Schöpfungen, die sich von ihrem Schöpfer emanzipieren und entfremden, konnte Goethes Zauberlehrling noch nicht ahnen. Denn inzwischen ist aus dem Zauberer der Homo Faber geworden.

    Wer war Günther Anders? Auf jeden Fall ein schon zu Lebzeiten unzeitgemäßer Denker und »störrischer Philosoph«, so sein Biograf Konrad Paul Liessmann. Geboren im Jahr 1902 als Günther Stern in einer deutsch-jüdischen Familie im schlesischen Breslau studierte er bei Martin Heidegger und Edmund Husserl. Bis zu seinem Tod wirkte er ungemein produktiv als freier Denker, Essayist und Feuilletonist. Nie lehrte er an einer Universität, was seinem Schreibstil gut bekam, der frei von jeglichem akademischen Jargon und für jedermann verständlich ist. Von 1929 bis 1937 war Anders mit der Philosophin Hannah Arendt verheiratet.

    Was könnte Günther Anders den heutigen KI-Heroen Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) zu sagen haben? Er würde auf jeden Fall deren Entscheidung begrüßen, das Tempo der KI-Entwicklung zu drosseln. Wir Menschen sind unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen. Insofern sind wir »invertierte Utopisten«: während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen. Dies bezeichnet ziemlich genau den Nebel, der die Drohung umgibt, KI könne womöglich die ganze Menschheit auslöschen.

    Was im heutigen KI-Sprech »Alignment« heißt, die Hoffnung, die Ziele und das Verhalten der KI derart mit menschlichen Absichten, Interessen und Werten in Einklang zu bringen, dass sie nur tut, was Menschen tatsächlich wollen, hätte Günther Anders gewiss begrüßt, gleichwohl darauf hingewiesen, dass dies noch nicht verhindert, dass Menschen mit moralisch bösen Absichten ihre Hervorbringungen für destruktive Ziele einsetzen: Erst nach dem Abwurf der Atombombe sah die Menschheit, was sie angerichtet hat.

    Das prometheische Gefälle

    Doch selbst ein technisch gelungenes Alignment beseitigt nicht das Problem, das Anders das »prometheische Gefälle« nennt: die wachsende Kluft zwischen dem, was Menschen herstellen können, und dem, was sie sich vorstellen und verantworten können. Prometheus, jener Titan, der für die Menschen das Feuer stahl, war im antiken Mythos Inbegriff des autonomen Menschen, der die Natur beherrscht, technisch verbessert und dabei stets überlegen bleibt. Die philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts sah die Unfertigkeit des Menschen als Chance: Weil er nicht festgestellt ist, schafft er sich Kultur und Technik. Bei Anders kippt diese Erfolgsgeschichte: Der unfertige Mensch ist so erfolgreich in der Kompensation seiner Unfertigkeit, dass seine Hervorbringungen ihm davonlaufen. Inzwischen muss nicht mehr die KI beweisen, dass sie dem Menschen genügt; der Mensch muss beweisen, dass er gegenüber der Maschine noch konkurrenzfähig ist. Hat er am Ende mit seiner Intelligenz eine ihm überlegene Intelligenz geschaffen, von der er, einem geduldeten Haustier gleich, dauerhaft abhängt?

    Dass Optimismus Pflicht sei, dieses Diktum Karl Poppers wird von Günther Anders als naiv bestritten. Indes mündet seine Analyse anders als bei vielen heutigen Zeitgenossen nicht in einen apokalyptischen Pessimismus. In einem Brief an den Philosophen Ernst Bloch (»Prinzip Hoffnung«) schreibt Anders: »wie wäre es: aus Rache an der Unfertigkeit unserer Geschaffenheit es besser zu machen. Gott zeigen, was eine Harke ist.« Vielleicht sind wir doch nicht völlig antiquiert?

    Rainer Hank

  • 12. Oktober 2026
    Viele Waffen, wenig Ideen

    Kampfdrohne im Anmarsch Foto unsplash

    Dieser Artikel in der FAZ

    Die deutsche Kriegswirtschaft ist ein ökonomisches, kein ethisches Problem

    In der Krise der deutschen Industrie entdecken viele Unternehmen einen neuen Wachstumsmarkt: den Staat. Volkswagen, ein besonders gebeutelter Autokonzern, will sein Werk in Osnabrück verkaufen: später sollen dort unter israelisch-deutscher, privat-öffentlicher Partnerschaft Komponenten für die Luftverteidigung gebaut werden. Deutz, ein Hersteller von Baumaschinenmotoren, baut eine eigene Verteidigungssparte auf. Eine große Zahl weiterer Unternehmen will ihr bestehendes Knowhow stärker militärisch nutzen. Sensorik (Bosch, Jenoptik), Antriebstechnik (ZF Friedrichshafen) oder Lasertechnik (Trumpf) liefern Komponenten, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden. Man nennt das »Dual Use«: seit der Zeitenwende tritt der militärische »Use« in den Vordergrund.

    Wo eine neue Nachfrage ist, da findet sich auch ein Angebot. Die Rechnung ist verführerisch. Auf der einen Seite schrumpft oder stagniert die traditionelle deutsche Industrie. Die Autoindustrie kämpft mit Überkapazitäten, schwacher Nachfrage und der teuren und ungewissen Umstellung auf Elektromobilität; Maschinenbau und Chemie leiden unter hohen Energiekosten, schwacher Konjunktur und der chinesischen Konkurrenz. Auf der anderen Seite steht ein solventer Kunde: der Staat. Deutschland hat sich verpflichtet, seine Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen und verschuldet sich dafür über Jahre in Milliardenhöhe. Zugleich wollen die Europäer einen größeren Teil ihrer Rüstungsgüter innerhalb der EU produzieren. Für einen Maschinenbauer, der Motoren, Sensoren, Getriebe oder Laser beherrscht, liegt der Gedanke nahe: Warum eine vorhandene Fabrik stilllegen, wenn sich mit denselben Ingenieuren, Arbeitern und Maschinen etwas herstellen lässt, wofür plötzlich sehr viel Geld ausgelobt wird? Strukturwandel nennt man so etwas. Produktionsfaktoren wandern dorthin, wo ihre Grenzerträge höher sind. Opportunismus und Anpassung sind für Wirtschaftsunternehmen Synonyme – und eine rationale Geschäftspolitik.

    Den Wechsel ethisch zu rechtfertigen, gelingt den meisten Firmen zuweilen holpernd, zumeist aber ganz gut. Als Meister des Reframings erweist sich der aus pietistisch-schwäbischer Tradition stammende Maschinenbauer Trumpf aus Ditzingen. Dort hatte der Gesellschaftervertrag der Familie Leibinger noch im Jahr 2015 festgelegt, Trumpf beteilige sich nicht an der Waffenproduktion. Seit 2025 will man die Laserfertigung auch militärischen Zwecken zur Verfügung stellen, etwa zur Drohnenabwehr – freilich »ausnahmslos mit defensivem Charakter«. Firmenchefin Nicola Leibinger begründet den Schwenk nicht etwa wirtschaftlich, sondern »als staatsbürgerliche Pflicht, uns zu engagieren«. Der Wechsel von einer friedfertigen Gesinnungsethik zu einer staatsbürgerlich-christlichen Verantwortungsethik ist deutschen Protestanten noch nie besonders schwergefallen.

    Eine moralische Zeitenwende

    Trumpf ist nicht allein. Die Industrie redet heute von Schutz, Sicherheit, Resilienz und Verantwortung. Was noch vor wenigen Jahren reputationsgefährdend war, lässt sich seit Putins Angriffskrieg in der Ukraine als Dienst an Demokratie, Freiheit und »westlichen Werten« beschreiben. Waffenproduktion hätte die »Generation Bonner Hofgarten« in Deutschland als moralisch anrüchiges Geschäft verurteilt. Inzwischen gilt das als Beitrag zur Sicherheit und also ethisch geboten. Die Zeitenwende ist auch eine moralische Zeitenwende.

    Kritischer muss das ökonomische Urteil ausfallen. Die neuen Gewinne entstehen nicht dadurch, dass Verbraucher ein besseres Produkt kaufen. Sie entstehen, weil der Staat sehr viel Geld ausgibt. Staatsnachfrage ersetzt Marktnachfrage. Das macht abhängig von politischen Entscheidungen. Seit Dwight D. Eisenhower ist vom »military-industrial complex« die Rede. Ausgerechnet der Fünf-Sterne-General des Zweiten Weltkriegs und republikanische Präsident warnte in seiner Abschiedsrede im Januar 1961 vor der dauerhaften Verbindung von Rüstungsindustrie, Militär und Politik. Seine Sorge entsprang nicht primär einem Pazifismus, sondern hatte eine politökonomische Begründung: Ein einmal entstandener Industriekomplex schafft sich Interessen, Budgets und politische Rechtfertigungen, die sich anschließedn verstetigen.

    Je größer das Geschäft mit dem Staat wird, desto wichtiger wird zwangsläufig die Nähe zum Staat. Die Rüstungsunternehmen und die, die es werden wollen, unterhalten längst eigene Hauptstadtrepräsentanzen und pflegen den regelmäßigen Dialog mit Ministerien und Abgeordneten. Lobbyismus ist legitim und rational. Aber er illustriert Eisenhowers Problem: Wo der Staat der wichtigste Kunde ist, gehört aufwendige Lobbyarbeit zum Geschäftsmodell.

    »Rentseeking«, das Abschöpfen staatlicher Ausgaben, tritt an die Stelle »kreativer Zerstörung«, was das genuine Innovationsgeschäft der Unternehmen wäre. Der französische Ökonom und Nobelpreisträger Philippe Aghion hat diesen Gedanken Joseph Schumpeters zum Zentrum seiner Wachstumstheorie gemacht. Wohlstand entsteht, wenn Unternehmen etwas Neues erfinden, das etwas Altes verdrängt. Sie tun das nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil sie sich davon hohe Gewinne versprechen. Diese Gewinne sind die Belohnung für das Risiko der Innovation.

    Fällt der Industrie sonst nichts mehr ein?

    Das Gegenmodell ist der Unternehmer, der seine Energie darauf verwendet, sich staatlich geschützte Einnahmen zu sichern. Er versucht, Konkurrenz fernzuhalten, Subventionen zu bekommen oder staatliche Aufträge zu ergattern. Auch das ist rational. Aber für die Volkswirtschaft macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ein Unternehmen reich wird, weil es ein Produkt entwickelt, das Millionen Menschen kaufen wollen – oder weil es besonders erfolgreich darin ist, an staatliches Geld zu kommen. Im ersten Fall entsteht Wachstum durch Innovation. Im zweiten Fall wird vor allem um die Verteilung vorhandener Steuermittel gekämpft.

    Das schließt nicht aus, dass auch die Rüstung Innovationspotential hat (Robotik, KI). Doch das zentrale Rätsel lautet also: Warum gehen so viele Firmen in die Rüstung? Warum entstehen in Deutschland derzeit so wenige attraktive zivile Wachstumsbranchen? Klar, weil das Staatsgeld auf der Straße liegt. Aber womöglich auch, weil Unternehmern und ihren Kapitalgebern nichts Neues einfällt. Das Problem ist nicht, dass sie Waffen bauen. Deutschland muss »kriegstüchtig« (Boris Pistorius) werden. Das Problem ist, dass sie zunehmend keine besseren Ideen mehr haben.

    Der Boom der Rüstungsindustrie offenbart die Innovationsschwäche der deutschen Wirtschaft. Oder haben wir etwas übersehen und schlummern die neuen schumpeterschen »Hidden Champions« längst in den Bergen des Siegerlandes und der Schwäbischen Alb?

    Rainer Hank

  • 06. Oktober 2026
    Der Niedergang der Politiker-Sprache

    Ricarda Lang (32) Foto Elias Keilhauer

    Dieser Artikel in der FAZ

    Und der Aufstieg von Leuten wie Ricarda Lang

    Nach den ersten Hochrechnungen zur Sachsen-Anhalt-Wahl meldete sich die Grünen-Politikerin Ricarda Lang. »Katastrophe«, sagte sie, wortkarg und emotional zugleich Ihr Statement gab sie der »Remszeitung«, einem Lokalblatt ihrer schwäbischen Heimat. Später nutzte sie dann ihren Insta-Kanal zur größeren überregional-viralen Verbreitung ihres Statements.

    Die offiziellen Äußerungen aus der Grünen-Zentrale in Berlin klangen anders: »Das Ergebnis erfüllt mich mit Freude und mit Stolz«, sagte der Parteivorsitzende Felix Banaszak. Hatten wir da etwas verpasst? Für die Grünen reichten offenbar schon drei Prozentpunkte mehr, um auf ein Ergebnis von 8,9 Prozent stolz zu sein. Verstand sich die Partei nicht vor kurzem noch als Volkspartei?

    Mir geht es heute um die Sprache von Politikern. Wie erbärmlich, wie sehr auf den Hund gekommen diese inzwischen ist, ließ sich vergangene Woche besonders gut beobachten. Banaszak glaubt doch selbst nicht, dass 8,9 Prozent ein Anlass zu Freude und Stolz sind. Aber er glaubt, dass er solche Sätze sagen muss. So wie SPD-Funktionäre angesichts ihrer 9,3 Prozent behaupten: »Mit uns ist wieder zu rechnen.«

    Die stolze alte Arbeiterpartei. Immerhin ist das noch aussagekräftiger als der abgedroschene Verlierersatz: »Das Ergebnis werden wir jetzt in aller Ruhe in den Gremien der Partei analysieren.« Man hört den Sprechern die innere Unruhe an – und die Sorge um ihr Amt.

    Merken Politiker eigentlich, wie sie da reden? Ist das noch Verdrängung? Dann enthielte die Sprache zumindest eine Art Rationalität und diente der Immunisierung gegen Kritik. Oder werden diese Spruchbänder längst von einer Maschine der Gedankenlosigkeit fabriziert, hohl und ohne jeden Sachgehalt?

    Die Schere im Kopf

    Um die Grünen geht es hier nicht. Es geht um ein Verhalten der Politiker der sogenannten Mitte, also Union, SPD und, falls man über sie überhaupt noch sprechen muss, FDP.
    Niemand aus der Kaste der Politiker hat den Mechanismus dieser Sprachentleerung so gut analysiert und decouvriert wie Ricarda Lang (32). Von 2022 bis 2024 war sie Vorsitzende der Grünen. Stets, so Lang, brauche es in der Politik Sätze, hinter denen sich viele versammeln können. Das heißt zugleich: sich im Unverbindlichen abschotten. »Man baut sich Mauern im Kopf auf, hat eine selbstproduzierte Angst.« Lieber verliert man sich im allgemein Zustimmungsfähigen, also Nichtssagenden, als ein inhaltliches Risiko einzugehen. Die Frage, ob mit der Bedeutung des Amtes die Sätze verschachtelter werden, bejaht Lang: »Zu oft, und das ist eine unfassbar traurige Analyse.« Die Zensur erfolgt nicht von oben. Der Politiker zensiert sich selbst. Die Schere im Kopf schneidet alles zurecht.

    Der Politikerjob honoriert Unklarheit und bestraft Deutlichkeit. »Ich hatte Phasen als Parteivorsitzende, in denen ich wie ein Roboter klang«, sagt Lang. Das passiere, »wenn man auf Fragen, auf die man keine Antwort hat, etwas sagt, woran man selbst nur halb glaubt«. Hinzu komme ein besonderes Problem linker Politiker: ihre technokratische Sprache. Progressive Politik redet über Instrumente, Verfahren und korrekte Begriffe und verliert die Lebenswelt der Menschen aus dem Auge.

    Das sind bemerkenswert hellsichtige Sätze. Sie sagen im Grunde: Ein Spitzenamt entfremdet den Politiker von sich selbst, von der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, von seinen Gefühlen – und von den Bürgern. Nicht zufällig, sondern systembedingt. Der Befund widerspricht der Luther zugeschriebenen protestantischen Gewissheit: »Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand.« Traditionell legitimiert das Amt den Sprecher: Er darf sprechen, weil er Vorsitzender, Finanzminister oder Generalsekretär ist. Das nennen wir Amtsautorität. Vorbei. Der Sprachverfall ist ein zentraler Grund für den Verfall politischer Glaubwürdigkeit.

    Interessant ist, welche Konsequenzen Ricarda Lang aus ihren Erfahrungen gezogen hat – und welche neue politische Rolle samt Geschäftsmodell sie für sich geschaffen hat.
    Lang ist heute nicht mehr Sprecherin der Grünen, sondern Erklärerin grüner Politik. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Sie kennt den Apparat von innen. Aus dieser Position bewirtschaftet sie Podcasts, soziale Netzwerke, Panels und Talkshows. Sie darf einräumen, die Grünen hätten sich zu sehr mit korrekter – also gerade nicht konkreter – Sprache und zu wenig mit ökonomischen Problemen beschäftigt. Sie gehört nicht mehr zum Führungskader, ist aber auch keine Renegatin.

    Damit gerät sie in ein Terrain, das traditionell Journalisten für sich beanspruchen: Politik zu erklären. Hier konkurrieren zwei Quellen der Glaubwürdigkeit. Der Journalist sagt: Glaubt mir, weil ich draußen stehe und unabhängig bin. Lang sagt: Glaubt mir, weil ich drinnen war und weiß, wie es dort zugeht. Der eine bietet Distanz ohne eigene politische Erfahrung, die andere Erfahrung ohne Distanz.

    Ironie und Emotionalität

    Interessant ist Lang also nicht trotz, sondern wegen ihres verlorenen Spitzenamtes. Sie ist gerade keine typische Ex-Politikerin wie Joschka Fischer, Sigmar Gabriel oder Peer Steinbrück, die noch immer den Politiker geben und häufig auch so reden. Langs neue Rolle ist sachorientiert, lebt von Ironie und Emotionalität und stellt ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion unter Beweis.

    Ich will Ricarda Lang nicht heiligsprechen. Es geht mir um die Annäherung an einen für Deutschland neuen Politikertypus. Vergleichbar an Witz und Brillanz ist Kevin Kühnert (SPD), der ehemalige Generalsekretär seiner Partei. Gemeinsam ist Lang und Kühnert, dass sie außerordentlich begabt sind, über Charisma und Empathievermögen verfügen und ungewöhnlich jung in Spitzenämter gelangten. Bei beiden war das Ende ihrer Amtskarriere mit einer persönlichen Krise und einem vorübergehenden Rückzug aus der Öffentlichkeit verbunden.

    Das hat etwas von einem alten religionsgeschichtlichen Muster: Krise, Rückzug, Wüste, Verwandlung und Rückkehr mit neuer Autorität. Kühnert zog sich nach seinem Rücktritt zurück und ging allein auf Wanderschaft. Lang kehrte sichtbar körperlich verändert zurück und sprach offen über ihren Gewichtsverlust. Allzu lange hielt es die künftigen Propheten offenbar nicht in der kommunikativen Wüste.

    Das persönliche Profil dieser neuen Politikerfiguren ist das Spiegelbild der Armseligkeit politischer Kultur und Sprache der Mitte. Das kann man als Gewinn an Offenheit begrüßen. Man kann es aber auch als Warnsignal verstehen. Wenn wir ehemaligen Funktionären mehr glauben als amtierenden Politikern, erleben wir eine Rückverschiebung von der Institution zur Person, vom Amt zum Charisma. Das mag für Ricarda Lang und Kevin Kühnert ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein. Für das politische System ist es keine gute Nachricht.

    Rainer Hank

  • 24. September 2026
    Warum ist es so schwer, reich zu werden?

    Ein neuer Robber Baron: Elon Musk Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Alle Bürger müssen Kapitalisten werden

    Milliardäre stehen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Sie werden bewundert, beneidet, angefeindet. Das ist nicht neu. »Robber Barons«, Raubritter, nannte man im späten 19. Jahrhundert John D. Rockefeller (Standard Oil), Andrew Carnegie (Stahl) oder Cornelius Vanderbilt (Eisenbahnen), Männer, die durch die Industrialisierung zu damals unvorstellbarem Reichtum gekommen waren. Und die der Gesellschaft viel zurückgegeben haben – auch aus Dankbarkeit für ihr Lebensglück: Universitäten, medizinische Stiftungen, Museen und Konzerthallen. Die Zeit der US-Oligarchen war auch die Zeit der Philanthropen. Sie waren Raubritter und Gutmenschen zugleich.

    Heute gibt es wieder eine Elite schwerreicher Männer in Amerika. Verglichen mit Elon Musk (Tesla, SpaceX), Jeff Bezos (Amazon) oder Mark Zuckerberg (Facebook, WhatsApp) sind die Robber Barons des 19. Jahrhunderts arme Schlucker. Anders als damals betätigen sich die Milliardäre von heute weniger als Wohltäter für die Gesellschaft. Sie sind der Meinung, ihre Geschäftsmodelle trügen schon genug zur Verbesserung der Welt von morgen bei.

    Reichtum per se ist moralisch nicht anstößig. Erst recht dann nicht, wenn das Vermögen aufgrund von Leistung erworben wurde. Für die Tech-Milliardäre von heute trifft das grosso modo zu. Ihr Vermögen haben sie im Wesentlichen selbst geschaffen. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, um wohlhabend zu werden.

    Reichtum, das kommt hinzu, ist dann moralisch nicht anstößig, wenn jedermann im Prinzip die Möglichkeit hat, reich zu werden. Dass die Aufstiegschancen von vielfältigen kulturellen, sozialen oder genetischen Bedingungen abhängen, ist geschenkt. Der klassische Weg, reich zu werden, geht über die Arbeit. Durch Arbeit kommt man zu Einkommen. Wer sich redlich bemüht und früh zu sparen beginnt, hat irgendwann ein ordentliches Vermögen beisammen. Eine Gesellschaft, die Vermögensaufbau durch Arbeitseinkommen ermöglicht, nennen wir meritokratisch: gesellschaftliche Positionen werden nach individueller Leistung vergeben und nicht nach Herkunft, Erbschaft oder Korruption.

    Meritokratie dauert länger

    Im Prinzip ist der meritokratische Aufstieg auch heute noch möglich. Es macht freilich einen nicht geringen Unterschied, wie lange es dafür braucht. Und da gibt es ein Problem. Während die Einkommen (Löhne, Gehälter) seit Mitte der neunziger Jahre eher moderat gestiegen sind – etwa 30 Prozent in den westlichen Industriestaaten – haben sich die Vermögen (Finanzkapital, Immobilien) im selben Zeitraum verdoppelt. Die Folge: Wer ausschließlich durch Einkommen reich werden wollte, musste in den vergangenen Jahrzehnten doppelt so lange sparen, um an ein entsprechendes Vermögen zu kommen als in den vorigen Dekaden. Oder genauer: um von Null in das oberste Vermögensquartil aufzusteigen dauerte es früher 20, inzwischen aber 40 Jahre. Die Daten stammen von der OECD-World Inequality Data Base und gehen davon aus, dass jährlich 15 Prozent des Einkommens zum durchschnittlichen Zinssatz der vergangenen 30 Jahre angespart wurde. Die Gründe für diese dramatischen Veränderungen liegen auf der Hand. Aktien- und Immobilienvermögen vermehrten sich im genannten Zeitraum enorm, die Arbeitseinkommen blieben dahinter deutlich zurück.

    Das hat Konsequenzen: Während früher die Lücke zwischen Aufsteigern und Aufgestiegenen in einem oder zwei Jahrzehnten überwunden werden konnte, dauert es heute doppelt so lange: Wer mit 25 Jahren als Berufsanfänger zu sparen beginnt, erreicht erst mit 60 kurz vor der Verrentung ein Vermögen, das er früher schon mit 40 hatte. »Selbst ein Leben voller Streben bietet keine realistische Aussicht, das Gefühl zu haben, es geschafft zu haben«, schrieb der Daten-Analyst John Burn-Murdoch kürzlich in der »Financial Times«.

    Der morgendliche Blick auf das Aktiendepot wird wichtiger als der Blick auf den Gehaltszettel. Untersuchungen zeigen, dass die Lebenszufriedenheit immer mehr vom Vermögen und immer weniger vom Einkommen definiert wird. Vermögen schafft Sicherheit und Freiheit, Arbeit dagegen Selbstachtung: Man kann auf seine Karriere stolz sein. Während der »Lohn« im ganz wörtlichen Sinn die Anerkennung für Leistung bemisst, hängt der Kursgewinn im Depot von völlig anderen Faktoren ab, die nicht von mir beeinflusst werden: Knappheiten am Immobilienmarkt, Gewinnerwartungen an den Börsen, die sich in den Preisen spiegeln. Der Zinseszins beim Vermögen führt zu dem bekannten Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Wer schon eine Million in einem breite gestreuten Aktien-ETF angelegt hat, für den bedeutet ein realistischer Kursanstieg von acht Prozent einen Vermögenszuwachs von 80.000 Euro im Jahr. Dafür muss ein deutscher Angestellter lange sparen. Kurzum: Wir leben kulturell weiterhin in einer Meritokratie, ökonomisch aber zunehmend in einer Vermögensgesellschaft.

    Das kann man alles als gegeben hinnehmen. Denn niemand hat etwas Böses getan oder unmoralisch gehandelt. Was kann der Millionär dafür, dass sich Aktien und Immobilien besser entwickeln als Arbeitseinkommen? Doch auf Dauer bekommt eine Gesellschaft ein Motivationsproblem, wenn das Aufstiegsversprechen durch Einkommen nicht mehr gilt, oder genauer gesagt: sich extrem verzögert.

    Die gute alte christliche Soziallehre

    Was kann man tun? Die klassisch sozialistische Position heißt: Vermögen – nicht nur Kapitalerträge – müssen deutlich stärker besteuert werden als Einkommen. Der französische Ökonom Thomas Piketty will extreme Vermögen mit einer progressiven jährlichen Vermögensteuer abschmelzen; in seinen radikalsten Modellrechnungen reichen die Steuersätze für gigantische Vermögen bis zu 90 Prozent. Eigentum soll gewissermaßen »temporärer« werden. Das würde gewiss zum Ziel führen, aber um welchen Preis? Ins Eigentum der Menschen würde konfiskatorisch eingegriffen, was einer freien Gesellschaft unwürdig ist. Zwar würde die Karriere- und Einkommensmotivation steigen, die Motivation, Vermögen zu bilden, ginge indessen rapide zurück, wenn der Erfolg fast zur Gänze dem Staat anheimfällt.

    Die bessere Alternative zur Umverteilung heißt: Die Vermögensbildung der Nichtvermögenden fördern. Das ist eine Lösung, die im 20. Jahrhundert insbesondere von der christlichen Soziallehre vertreten wurde. Wenn das Kapital mehr Rendite abwirft als die Lohnarbeit – dann müssen Arbeiter eben zu Kapitalisten werden und breit am Produktivvermögen beteiligt werden. Die von der deutschen Rentenkommission vorgeschlagene kapitalbasierte Altersvorsorge ist ein erster Schritt. Zusätzlich könnten Arbeitnehmer oder ihre Gewerkschaften tarifliche ETF-Sparpläne aushandeln, die den Vermögensaufbau beschleunigen.

    Die Antwort auf die neue Vermögensgesellschaft wäre dann nicht weniger Kapitalismus, sondern mehr Kapitalisten.

    Rainer Hank

  • 24. September 2026
    Blühende Landschaften?

    Blühende Landschaften sind nicht alles Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wird der Osten dauerhaft zum Mezzogiorno?

    »Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.« Bundeskanzler Helmut Kohl gab dieses Versprechen am 1. Juli 1990, dem Tag, an dem die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen Bundesrepublik und DDR in Kraft trat: Die D-Mark wurde Zahlungsmittel in der DDR, und die soziale Marktwirtschaft wurde auf den Osten übertragen.

    Kohls »blühende Landschaften« sind auch 35 Jahre später für viele Ostdeutsche ein leeres Versprechen. Treffender wird die Zukunft kurze Zeit später in von zwei amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern beschrieben. Nüchtern prognostizieren die beiden – sie heißen Robert Barro und Xavier Sala-i-Martin -, dass allein schon die Halbierung des wirtschaftlichen Rückstands 35 Jahre dauern werde. Eine weitgehende Angleichung brauche Generationen.

    Ich habe die skeptische Prognose der beiden Forscher in den neunziger Jahren in Deutschland häufig zitiert und wurde von deutschen Ökonomen belächelt: Was wissen zwei Amerikaner (und ein deutscher Journalist) schon von Deutschland!

    Anlässlich der bevorstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt habe ich mir das Papier von Barro (Harvard) und Sala-i-Martin (Columbia) noch einmal angesehen. Was soll ich sagen? Kohl hat Unrecht. Die Amerikaner behalten recht.

    Die Ausgangsfrage der Ökonomen lautet: Wann und unter welchen Bedingungen kommt es zur Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen ärmeren und reicheren Regionen eines Landes (bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf)? Prominente Beispiele der Analyse sind Italien nach der Vereinigung des Landes 1861 und die Konvergenz zwischen Süd und Nord in den USA nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865. Die Theorie besagt: Wo eine Region weniger Kapital besitzt als eine andere, sollte zusätzliches Kapital besonders hohe Erträge bringen. Der Grund: Wo bereits sehr viel Kapital vorhanden ist, bringt die nächste Investition weniger. Deshalb sollte Kapital in die ärmeren Regionen fließen und dort das Wachstum höher sein. Oder pointierter: Je ärmer eine Region ist, desto schneller wird sie anschließend wachsen.

    Es dauert hundert Jahre

    Soweit die Theorie, die auch nicht ganz falsch ist, solange man beachtet, dass Konvergenz nicht bedeutet, dass am Ende alle gleich reich sind. Und schon gar nicht, dass der Prozess der Angleichung stets mit gleicher Geschwindigkeit abläuft und in wenigen Jahren abgeschlossen sein würde.

    Das nämlich zeigt die Empirie: Bis der gewaltige wirtschaftliche Rückstand der amerikanischen Südstaaten weitgehend abgeschmolzen war, verging ungefähr ein Jahrhundert. Interessant ist, dass Jahr für Jahr ungefähr zwei Prozent des jeweils noch vorhandenen Abstandes zur Angleichung verschwinden, was wiederum bedeutet, dass, je näher man der Konvergenz kommt, umso langsamer der sichtbare Fortschritt wird. Der Ökonom Larry Summers taufte diese Erkenntnis seiner Kollegen das »eiserne Gesetz der Konvergenz«.

    Machen wir es für Deutschland konkret: 1991, als die deutsche Einheit gerade vollzogen war, lag das ostdeutsche Prokopfeinkommen etwa halb so hoch wie das westdeutsche. Nach der Zwei-Prozent-Regel des »eisernen Gesetzes« müsste es danach rund 35 Jahre dauern, bis die Hälfte der Ost-West-Lücke geschlossen ist, also bis in unser Jahr 2026. Und genauso ist es gekommen: Je nach Abgrenzung und Datenquelle erreicht der Wohlstand im Osten (ohne Berlin) heute ungefähr 70 bis 75 Prozent des westdeutschen Niveaus. Dumm waren die beiden amerikanischen Ökonomen im Jahr 1991 also nicht. Sie wussten: Konvergenz dauert. Die politischen Erwartungen damals waren falsch, die ökonomische Prognose dagegen war erstaunlich zielgenau.

    Die Verzögerung der Angleichung ist kein unerklärbares Mirakel, sondern folgt einer eigenen Wachstumslogik. Straßen, Fabriken oder Wohnhäuser kann man schnell bauen. Unternehmenszentralen, Zuliefernetzwerke und Forschungscluster brauchen dagegen Zeit. Ganz zu schweigen vom Aufbau von Reputation, informellem Wissen oder Managementerfahrung. Eine Fabrik in Leipzig lässt sich in drei Jahren errichten. Ein vernetzter Wirtschaftsraum wie in Stuttgart, Frankfurt oder München – langfristig gewachsene Cluster der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit – braucht viel mehr Zeit. Falls es überhaupt zur Angleichung kommt.

    Das »Iron Law« kennt Ausnahmen. Warnendes Beispiel ist Italien. Zwischen 1950 und Mitte der siebziger Jahre holte der Mezzogiorno gegenüber dem Norden kräftig auf. Dann kam der Prozess praktisch zum Erliegen. Das zunächst erfolgreiche Rezept – Infrastruktur bauen, Kapital investieren, große Industriebetriebe ansiedeln – war ausgereizt. Was nun gebraucht worden wäre, ließ sich schwerer mit Milliarden kaufen: innovative Unternehmen, industrielle Netzwerke und eigene Wachstumszentren. Im Vergleich dazu entwickelte sich der Norden wirtschaftlich prima.

    Der Westen läuft nicht davon

    Ob Ostdeutschland in die Mezzogiorno-Falle wirtschaftlicher Stagnation läuft, weiß man nicht. Man weiß nur, dass der deutsche Westen dem Osten bislang nicht davonläuft, wie es Norditalien gegenüber dem Mezzogiorno tat. Bedenklich stimmt: Der »Einheitsindex« des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stagniert seit fünf Jahren. Große Ansiedlungen wie Tesla in Brandenburg oder die Chipinvestitionen in Dresden ändern bislang wenig am grundlegenden Mangel an Konzernzentralen, Forschung und Innovation. Nennenswerte Innovationen (Start-ups, Patente) lassen zu wünschen übrig.

    Kann der Ausgang der kommenden Landtagswahlen an dieser Lage etwas ändern? Die tröstlich-zynische Antwort lautet: Eher nicht. Ein »Gesetz«, dessen Gültigkeit für so unterschiedliche Regionen wie die USA, Italien und sogar Japan nachgewiesen wurde, lässt sich nicht von zwei Landtagswahlen über den Haufen werfen. Eine AfD-Regierung kann (gottlob) nicht mit dem Land Sachsen-Anhalt aus der EU austreten. Sie kann (gottlob) weder das Rentenniveau auf 70 Prozent anheben noch (leider) die Unternehmenssteuern drastisch senken. Gleichermaßen kann »die Linke«, sollte sie in einer Koalition regieren, weder einseitig den Mindestlohn verdoppeln noch die öffentlichen Investitionen verdreifachen.

    Indes, weichere Faktoren können durchaus harte ökonomische Wirkung entfalten. Weil dem Osten nicht mehr Straßen und Maschinen fehlen, werden Menschen wichtiger. Ein Bundesland, das signalisiert, Ausländer seien nicht willkommen, wird auf ausländische Investoren und tüchtige Migranten verzichten müssen – zum Nachteil für den Wohlstand der Menschen. Das Mezzogiorno-Szenario würde um einiges realistischer. Ein Land der Biodeutschen wird niemals eine blühende Landschaft werden.

    Rainer Hank