Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 15. August 2025
    Ein Sparkommisar?

    Reinste 50er Jahre: Der Bundesrechnungshof in Bonn Foto Bundesrechnungshof

    Dieser Artikel in der FAZ

    Immerhin haben wir den Rechnungshof in Bonn

    Das Schicksal eines Staates lasse sich barometrisch an seinem Rechnungswesen ablesen. Das schrieb der 1933 vor den Nationalsozialisten geflüchtete sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete und Haushaltsexperte Kurt Heinig in seinem 1949 erschienenen Standardwerk »Das Budget«. Die Kontrolle der Finanzen sei keineswegs eine »Nebenfunktion«, so Heinig.

    Auf dieses Diktum stieß ich bei einem Besuch im Bundesrechnungshof in Bonn an einem brüllend heißen Sommertag Anfang Juli. Zum Glück hat sein Präsident, er heißt Kay Scheller, ein klimatisiertes Büro; er ist der Einzige der über 1000 Mitarbeiter dieser Behörde, dem dieses Privileg zusteht. Seit elf Jahren amtiert der Jurist als Präsident; im kommenden Jahr endet seine Amtszeit.

    Der Rechnungshof ist eine altehrwürdige Institution, gegründet im Deutschen Kaiserreich als Nachfolger der preußischen Generalrechenkammer von 1714. Ursprünglich 1950 in Frankfurt am Main errichtet, wurde der Sitz im Zuge des Berlin-Bonn-Gesetzes von Frankfurt nach Bonn verlegt; seit 2000 ist der »Hof« im Gebäude des ehemaligen Postministeriums an der Bonner Adenauerallee untergebracht: ein astreiner 50er Jahre-Bau mit monumentaler Eingangshalle und Vordach auf schlanken Betonpfeilern.
    Was also verrät der Rechnungshof »barometrisch« über das Schicksal Deutschlands? Nichts Gutes, um es pauschal zu sagen. Machen wir es in aller Kürze an drei aktuellen Beispielen konkret: Der desolaten Lage der Pflegeversicherung, der prekären Situation der Bundeswehr und den finanziellen Folgen der Maskenbeschaffung während Corona.
    Zur Lage der Pflege äußerten sich die Rechnungsprüfer in der vorvergangenen Woche kritisch: und zeichneten für die nächsten Jahre ein düsteres Bild. Demnach wird die Pflegekasse 2026 ein Defizit von 3,5 Milliarden Euro einfahren. Bis zum Jahr 2029 werde sich dieser Verlust auf 12,3 Milliarden Euro anhäufen. Das liegt vor allem daran, dass immer mehr alte Menschen stationär gepflegt werden und Leistungen in Anspruch nehmen. Und dass die Kosten für die Heimplätze explodieren.

    Den überteuerten Maskenkäufen des Bundes im Ministerium von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) widmete der Bundesrechnungshof bereits mehrere Berichte. Zuletzt haben die Prüfer aufgelistet, welche Folgekosten die Fehlentscheidungen nach sich ziehen. Bis ins Jahr 2027 hinein fallen Millionensummen allein für Lagerung und Vernichtung der Masken an.

    Viel Geld macht verschwenderisch

    Schließlich äußerte sich der »Hof« auch zur Lage der »Kriegstüchtigkeit« (Boris Pistorius) des Landes. Zwar ermächtigt die faktische Abschaffung der Schuldenbremse durch Schwarz-Rot den Bund zur grenzenlosen Verschuldung. Ob das Geld aber effizient ausgegeben wird, das stellen die Rechnungsprüfer infrage. Wenn einer Organisation deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stünden, steige das Risiko für unwirtschaftliches Handeln, so heißt es in einem Gutachten vom Ende Mai. Zumal in den vergangenen Jahren schon vieles falsch und teuer lief: Es gibt zu viele Häuptlinge, aber zu wenig Indianer, pardon: einfache Soldaten. Und es gibt zu viele Soldaten, die für nicht kriegerische Aufgaben eingesetzt werden.

    Gut, dass es den Rechnungshof gibt. Die aktuellen Beispiele zeigen, dass es um das Land und seine Finanzen nicht gut steht. Sie zeigen zugleich, dass es um die unabhängige Kontrolle durch eine unabhängige Behörde gut steht. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Rechnungsprüfer – anders als es ihr Name vermuten lässt – nicht nur rückwärtsgewandt kontrollieren, sondern auch vorwärtsgewandt den Staat (Parlament und Exekutive) beraten.

    Dass der Rechnungshof künftiges staatliches Geldausgeben kritisch begleitet, ist nicht etwa behördliche Anmaßung, sondern von der Verfassung gedeckt. und geht zurück auf einen Mann namens Friedrich Ernst Moritz Saemisch (1869 bis 1945), der von 1922 bis 1938, also ungewöhnlich lange, als Präsident des Reichsrechnungshofs der Behörde bis heute seinen Stempel aufdrückte. Nachlesen lässt sich das in der hervorragenden Geschichte des Rechnungshofs, die der Kölner Finanzhistoriker Hans-Peter Ullmann unter dem Titel »Kontrolle und Beratung« 2021 im Wallstein Verlag vorgelegt hat.

    Kommisar Friedrich Ernst Moritz Saemisch

    Ullmann nennt die Kumulation von Ämtern, die der erfolgreiche, durchsetzungsstarke und autoritär agierenden ehemalige Rechnungshofpräsident auf sich vereinte, das »System Saemisch«: Zentrales Merkmal war die Erweiterung der retrospektiv durchgeführten Kontrolle durch eine auf Zukunft ausgerichtete Beratung des Staates.

    Und das kam so: Angesichts hoher Reparationszahlungen nach dem Weltkrieg und wachsender Verschuldung richtete die Weimarer Regierung nach amerikanischem Vorbild eine »Verwaltungsabbaukommission« ein und ernannte Saemisch zum »Reichssparkommissar«. Bürokratieabbau war also auch schon damals ein zentrales Thema. Saemisch stellte seine Arbeit unter die Maßgabe »Sparsamkeit« und »Wirtschaftlichkeit«, mithin die Notwendigkeit, sich auf das Notwendige zu beschränken, was man heute »Priorisierung« nennen würde. Als Sparkommissar hatte er zugleich über die Beratung hinaus die Macht, die von ihm für richtig erkannten Maßnahmen auch durchzusetzen.
    Saemischs Bürokratieabbau-Bilanz kann sich sehen lassen: Zum Abschluss seines Mandats als Kommissar im Jahr 1924 gab es insgesamt 116.000 öffentlich Beschäftigte weniger, was 20 Prozent (!) der Belegschaft entsprach. Allein beim Reich belief sich der Einsparbetrag auf 300 bis 400 Millionen Reichsmark. Einen derart radikalen und für die Beschäftigten mit großen Härten verbundenen Personalabbau, der zugleich von Verwaltungsvereinfachung und behördlichen Effizienzmaßnahmen flankiert wurde, würde man heute mit dem Argentinier Javier Milei eine Revolution mit der »Kettensäge« nennen. Zum Vergleich: Elon Musk hat als Chef von Trumps Behörde für Regierungseffizienz DOGE zwar laut gebrüllt, aber lediglich geschätzt zehn bis zwölf Prozent Stellen des öffentlichen Dienstes gekürzt. Man könnte daraus schließen, dass ein preußischer Beamter beim Bürokratieabbau erfolgreicher ist als ein kalifornischer Milliardär.

    Zurück zum Bundesrechnungshof und seinem heutigen Präsidenten Kay Scheller. Der kann zwar kritisieren, dass der deutsche Staat zu teuer ist und zu viel Personal an der falschen Stelle beschäftigt. Aber anders als sein Amtsvorgänger Saemisch in der Weimarer Zeit hat er nicht die Macht, seiner Kritik Taten folgen zu lassen. Er darf beraten, Bürokratie abbauen darf er nicht. Das ist gut so. Für Bürokratieabbaus ist in einer Demokratie die Exekutive zuständig; eine unabhängige Behörde hat diese Macht im Rechtsstaat nicht. Wenn die Regierung es nicht schafft, und dem Bürger der Staat zu teuer wird, muss der Wähler die verschwenderischen Politiker abwählen.

    Rainer Hank

  • 12. August 2025
    Wohltemperiert

    Schön ist es nicht, aber es hilf Foto Skowalewski/pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Klimaanlagen ein Segen für die Menschheit sind

    Den Sommer 1982 verbrachte ich in New York City, zum ersten Mal in meinem Leben in Amerika. Was jeder weiß, ich aber, aus Old Europe kommend, nicht wusste: Juli und August sind in Manhattan unerträglich heiß mit Temperaturen über 30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit bis zu 80 Prozent. Cathy, die Freundin, bei der ich untergekommen war, hatte guten Rat: Bei solchen Temperaturen müsse man tagsüber ins Kino gehen. Alternativ kommen auch Shopping Malls in Betracht, oder die Kaufhäuser. Im luxuriösen Bergdorf Goodman an der 5th Avenue fühlte es sich besonders kühl an.

    Was wären wir ohne die Klimaanlage! So etwas zu behaupten, ist nicht ohne Risiko. Früher hieß es, die Dinger seien gesundheitsschädlich, weil sie den Menschen abrupte Temperaturschocks zumuten: draußen über 30 Grad, drinnen unter 20 Grad. Das halte kein Organismus aus, Erkältungskrankheiten seien noch das geringste Übel, mit dem zu rechnen sei. Als ein Kollege in den neunziger Jahren in Frankfurt sein Auto mit einer damals noch sehr teuren Klimaanlage ausrüsten ließ, haben wir ihn angestarrt, als wolle er in die Sahara auswandern.

    Heute gilt das Air Conditioning (AC) als wichtiger Treiber der Erderwärmung: Individuell kühlen wir uns ab, kollektiv wird es nur noch wärmer, weil die Abluft heiß nach draußen bläst. Vom CO2–Fußabdruck und den seit FCKW skeptisch beäugten Kühlmitteln ganz abgesehen.

    Singapurs Erfolgsgeheimnis

    Kein Wunder, dass Europa bis heute als Klimaanlagenmuffel gilt und das auch noch als Tugend vor sich herträgt. Während Wohn- und Bürogebäude hier zwischen 10 und maximal 30 Prozent klimatisiert sind, sind es in den USA 90 und in Singapur sogar 100 Prozent. Apropos Singapur: Der Gründungsvater des Stadtstaates nannte Airconditioning den entscheidenden Faktor für das dynamische Wachstum Singapurs (daneben nannte er die Toleranz einer multi-ethnischen und multi-religiösen Gesellschaft). Früher war die tropisch-sumpfige Gegend praktisch unbewohnbar.

    Lee ging noch weiter als er von der Klimaanlage als »Signalerfindung der Menschheit« sprach: Sie zieht beachtliche Produktivitätsfortschritte zur Folge. Nachweislich lässt die Arbeitsleistung der Menschen schon bei Temperaturen über 25 Grad nach. Das führte zur Erfindung der Siesta und der Notwendigkeit, entweder früh auszustehen oder spät zu arbeiten – oder beides.

    Die Differenz zwischen dem wohltemperierten Norden und dem heißen Süden hat viele Jahrhunderte zur weltweiten Ungleichheit der Nationen beigetragen: Hitze, so meinte Montesquieu im 18. Jahrhundert, mache den Körper schlaff und den Geist feig und träge, rege aber auch die Phantasie und die erotische Begierde an. Kälte dagegen mache straff, stark und kühn, gesetzestreu und phantasielos, aber auch relativ unempfindlich gegen sinnliche Reize. So lese ich es in einem schönen Essay der Kulturwissenschaftlerin Eva Horn über die »Zähmung des Klimas als Projekt der Moderne« in der Zeitschrift »Sinn und Form« 2015. Eine moderne ökonomische Weiterentwicklung von Montesquieus Klimatheorie findet sich bei Daron Acemoglu, einem Wirtschaftshistoriker und Ökonomienobelpreisträger: England als Kolonialmacht habe in gemäßigten Klimazonen (Nordamerika, Australien) Wert darauf gelegt, rechtsstaatliche und demokratische Institutionen zu implementieren (»inklusiv«), während afrikanische Kolonien gut dafür waren, ihre Rohstoffe auszubeuten (»extraktiv«). Die Wohlstandsdifferenzen zwischen heißen und kühlen ehemaligen Kolonialstaaten sind bis heute eindrucksvoll.

    Wenn man will, könnte man die Erfindung der Klimaanlage also als Instrument der Egalisierung zwischen Arm und Reich beschreiben. Inzwischen gibt es Forschungen, die zeigen, dass Klimaanlagen viele Leben retten. Den entsprechenden Aha-Effekt verdanke ich meiner Lieblingskolumne »Data Points« in der Financial Times. Es geht um das Phänomen der Hitzetodesfälle. Vergleicht man europäische und amerikanische Städte mit ähnlichen Durchschnittstemperaturen – also zum Beispiel Barcelona und Los Angeles oder London und Portland oder Rom und Sacramento -, dann zeigt sich, dass das Sterberisiko in Europa bei heißen Temperaturen um ein Vielfaches höher ist als in den USA. Zwischen 2000 und 2019 verloren durchschnittlich 83 000 Europäer jährlich hitzebedingt ihr Leben, verglichen mit 20 000 Nordamerikanern. Das zeigt: Der Mensch ist nicht für Temperaturen über 30 Grad geschaffen – es sei denn, er schläft mit einer Feuchtigkeit und Hitze dimmenden Klimaanlage.

    Hoffen auf die Ingenieure

    Europäische Moralisten oder auch Zyniker könnten dagegenhalten, dass die Kühlzurückhaltung des alten Kontinents eben der Preis sei, der zu entrichten sei, um die Klimaziele zu erreichen. In heißen Ländern kann der Anteil des Strombedarfs im Sommer auf über 50 Prozent des Spitzenstrombedarfs steigen. Das ist in der Tat nicht schön, klimapolitisch. Aber das muss auch nicht so bleiben: Wenn der Strom der AC-Anlagen aus erneuerbarer Energie (oder – horribile dictu – Atomstrom) gewonnen wird, dann ist selbst klimapolitisch nichts dagegen einzuwenden. Das Schöne daran ist, dass die Klimaanlagen besonders dann gebraucht werden, wenn die Sonne scheint und auch viel Solarenergie erzeugt wird.

    Zugleich behalte ich mein unerschütterliches Vertrauen in die Erfindungskunst der Ingenieure. Inzwischen ist von Wärmerückgewinnung die Rede als cleverem Energiesparprinzip. Wenn ich es mit meinem Laienverstand einigermaßen verstanden habe, soll verhindert werden, dass warme Innenluft nach draußen gepustet wird – wir sehen die unschönen Apparate an den Außenwänden Manhattans vor uns -, wobei viel Energie verloren geht. Das System der Wärmerückgewinnung entzieht der Luft die Wärme und verwendet sie wieder als Energie. Im Winter kann ein solches System sogar das Heizen unterstützen, im Sommer hilft es, weniger Strom zu verbrauchen, weil vorhandene Energie effizienter genutzt wird. Das mag auch der Grund sein, warum »Carrier«, Platzhirsch der AC-Industrie mit einer Marktkapitalisierung von 54 Milliarden Dollar, im Jahr 2023 das Heizungsunternehmen Viessmann übernommen hat.

    Klimaanlage und Heizofen verschmelze immer mehr zu einem System. Und alles werde »smart«, so wird uns versprochen: AC erkennt, ob ich im Raum bin, und kühlt auf meine Lieblingstemperatur runter. Verlasse ich den Raum, schaltet es automatisch ab. So etwas hatte uns gefehlt, als wir Mitte Juli eine Woche ein Haus in Südfrankreich gemietet hatten (draußen durchschnittlich 30 bis 35 Grad). Die leider noch nicht smarte Fernbedienung mit einer Vielzahl an Symbolen hat uns vollkommen überfordert. Die Gebrauchsanleitung – 236 Seiten – leider auch. Aber, wie gesagt, bald wird alles anders und smarter.

    Rainer Hank

  • 09. August 2025
    Demokratie-Industrie

    Hier kann man Geld abholen Foto Bundesministerium für Familie und Bildung

    Dieser Artikel in der FAZ

    Der soziale Zusammenhalt verschlingt viel Geld

    Der Deutsche Dom am Berliner Gendarmenmarkt heißt nur Dom, ist aber keiner. Das Anfang des 18. Jahrhunderts errichtete Gebäude fungiert als Museum. Seit 2002 beherbergt es die Ausstellung des Deutschen Bundestages »Wege, Irrwege, Umwege. Die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland«. Auf fünf Etagen und knapp 2000 Quadratmetern sollen alle wichtigen Etappen zur Entstehung, Entwicklung und Festigung des demokratischen Systems in der Bundesrepublik beleuchtet werden, so der Anspruch.

    Auf die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie können wir Deutschen stolz sein. Schön, dass sie mitten in Berlin so anschaulich erzählt wird. Freilich nicht nur da. Demokratieprojekte vermehren sich hierzulande inflationär. In Frankfurt zum Beispiel, wo ich normalerweise lebe, wird gerade so etwas Ähnliches wie in Berlin ausgedacht: In unmittelbarer Nähe der Paulskirche (Achtung: Wiege der Demokratie!) soll ein »Haus der Demokratie« entstehen, das zu einem »lebendigen Ort des Miteinanders« werden soll. Das geht alles seinen sozialistischen, pardon: demokratischen Gang. Erst gibt es eine hochkarätige und vielköpfige Bund-, Länder-, Kommunen-Expertinnenkommission, die einen Enquetebericht verfasst, selbstverständlich mit interdisziplinärer wissenschaftlicher Begleitung. Es folgt der Ideenwettbewerb, abermals mit interdisziplinärem Planungsteam (Budget: 855.000 Euro). Dann kommt ein Wettbewerb und – wenn alles gut geht – der erste Spatenstich im Jahr 2028. Wir werden darauf zurückkommen.
    Mein Versuch, einen Überblick über die Anzahl der Demokratieförderprojekte, das Gesamtbudget und die Evaluierungsergebnisse zu gewinnen, führt ins Dickicht der Unübersichtlichkeit. Zum Glück gibt es ChatGPT, mein KI-Freund und Helfer. Doch auch er hisst bald die weiße Fahne. Es existiere »eine Vielzahl von Initiativen, die von öffentlichen Stellen, privaten Organisationen und wissenschaftlichen Institutionen getragen werden«, schreibt die Maschine. Das Spektrum, so weiter, reiche von »bundesweiten Programmen über Landesinitiativen bis hin zu lokalen Projekten und zivilgesellschaftlichem Engagement«. Die Krönung ist das »Gesetz zur Stärkung von Maßnahmen zur Demokratieförderung, Vielgestaltigkeit, Extremismusprävention und politischer Bildung«. Das hat es immerhin bis zu einer ersten Lesung im Deutschen Bundestag geschafft. Dann folgte das etwas abrupte Ende der Ampel.

    Hier Beispiele aus der Demokratieföderlandschaft in Bayern: »Für alle mit Herz und Verstand« möchte Menschen dazu bewegen, wählen zu gehen. Die freikirchliche Initiative »Kreuz setzen« (man achte auf die Doppeldeutigkeit) dekretiert, Christen hätten eine besondere Verantwortung, für eine starke Demokratie einzustehen. Und zur Wahl zu gehen. Ob es im Sinne der Initiatoren war, dass die bayerischen Wähler bei der vergangenen Bundestagswahl die AfD zu zweitstärkste Kraft krönten, bezweifle ich. Wir hätten noch (immer noch Bayern) das »Bündnis für Toleranz«, das »Landesdemokratiezentrum Bayern«, den »e.V. Mehr Demokratie« und den Bayerischen Forschungsverbund »Zukunft der Demokratie« im Angebot.

    »Demokratie leben« ist teuer

    Viele Initiativen kosten viel Geld. Der Versuch, ein Gesamtbudget der Demokratieprojekte zu beziffern, scheitert ebenfalls. Klar ist nur eines: Es wird Jahr für Jahr mehr Geld ausgegeben. Das Bundesfamilienministerium (inzwischen mit dem Bildungsministerium fusioniert) verteilte unter dem Titel »Demokratie leben« im vergangenen Jahr 182 Millionen Euro. Zehn Jahre zuvor waren es lediglich 40 Millionen, 2020 dann schon 115 Millionen. Im Abgreifen dieses Geldes besonders erfolgreich ist die Amadeu Antonio Stiftung (»Demokratie braucht Rückenwind«): 2018 stammten 2,7 Millionen der insgesamt ausgegebenen 4,3 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln. Inzwischen hat sich das Budget der Stiftung auf 12,3 Millionen Euro verdreifacht (davon stolze 9,1 Millionen aus dem staatlichen Haushalt). Auch andere große Stiftungen, allen voran Bosch und Hertie, lassen sich nicht lumpen: Das Projekt »Mitmachen. Demokratie stärken« der Hertie-Leute verzeichnet im Jahr 2023 verausgabte Projektmittel von 858.000 Euro; 2019 nannte der Geschäftsbericht zum selben Posten lediglich 117.000 Euro. Zumindest also ein Ausgabenerfolg.

    Aber ist es auch ein Erfolg für die Demokratie? Das bleibt im Dunkeln. Erfolgskontrolle gibt es wenig. Noch nicht einmal Klärung darüber, was ein Erfolg wäre. Das Millionenprojekt des Bundes nennt es einen Erfolg, dass »Demokratie leben« verstetigt wird. Ewigkeitskosten für den Steuerzahler. Dass der Erfolg nicht messbar ist, liegt auch daran, dass man sich meist nicht damit aufhält zu definieren, was unter Demokratie verstanden werden soll. Stattdessen begnügt man sich mit der in fast allen Projekten identischen Prosa des »Miteinanders«, des »sozialen Zusammenhalts« oder der »demokratischen Zivilgesellschaft«. Der Philosoph Theodor W. Adorno hätte so etwas den »Jargon der Eigentlichkeit« genannt. Der Jargon suggeriert Bedeutung, ohne wirklich inhaltlich klar zu sein. Man könnte auch von einer MeToo-Bewegung sprechen: Alle machen irgendwie das Gleiche.

    Design for Schwachsinn

    Eigentlich müsste man im Sinne der Demokratie-Aktivisten annehmen, der Erfolg müsse sich daran messen, dass die Stimmen für die (mutmaßlich) antidemokratische AfD schrumpfen. Doch das ist bekanntlich nicht der Fall. Bei der letzten Bundestagswahl stimmten knapp 21 Prozent aller Wahlberechtigten für die blaue Partei. 2013 waren es 4,7 Prozent. Wachsende Wählerstimmen für die AfD und wachsende Geldmittel für die Demokratiefreunde korrelieren. Letztere finden das kein Scheitern. Im Gegenteil: Sie leiten aus der wachsenden Zustimmung für die AfD den Anspruch auf noch mehr Geld zum Kampf für das Miteinander ab. Das nenne ich das Erfolgsparadox des Kampagnenmisserfolgs. Würden die Demokratiefeinde weniger werden, wäre das Geschäftsmodell der Demokratie-Aktivisten gefährdet.

    Solange immer noch mehr Geld für den »sozialen Zusammenhalt« ausgelobt wird, wird es auch abgerufen, selbst dann, wenn mit Biegen und Brechen ein Zusammenhang zum sozialen Zusammenhalt konstruiert werden muss. Frankfurt zum Beispiel wird 2026 »World Design Capital«. Und wie heißt das Motto? Richtig: »Design for Democracy«. 21 Millionen Euro sind geplant; der Rest ist Schwafeln und Raunen. Da kennen die Kreativen nichts, planen einen »Kiosk of Solidarity«, gestaltet von der »Lustaufbesserleben GmbH«.
    Von den Designern ließe sich lernen: Warum sollte DHL, vormals Deutsche Post, ihre vielen Packstationen nicht als »Stätten des demokratischen Miteinander« vermarkten? Die »sozialen Netzwerke« (X, Facebook & Co.) täten gut daran, sich zeitgeschmacksgerecht als »sozial-demokratische Netzwerke« zu präsentieren. Und das Fitness-Studio könnte nicht mit »Blut, Schweiß und Tränen«, sondern »Gemeinschaft, Kraft und Freude« werben. Weitere Vorschläge nimmt das Bundesfamilienministerium entgegen. Geld ist da.

    Rainer Hank

  • 09. August 2025
    Schlank werden

    Gewichtskontrolle Foto unsplashed

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum sich Kosten-Nutzen-Erwägungen lohnen

    Es ist schon eine Weile her, dass mir eine Bekannte beim Lunch stolz vorrechnete, wie wenig Weight Watcher-Points sie dieses Mittagessen koste. Das mache sie glücklich, weil sie schon eine große Punkte-Portion ihres Budgets an diesem Tag verbraucht habe. Und es war erst Mittagszeit.

    Ich hatte damals nur Bahnhof verstanden, aber auch keine Lust, mir diesen Punkte-Kauderwelsch erklären zu lassen. Nachdem es in den vergangenen Wochen immer wieder Meldungen gab, Weight Watcher müssten Insolvenz anmelden, fing ich an, mich für die Gründe zu interessieren. Und dazu könnte es hilfreich sein, das Point-System zu verstehen.

    Für Leser, die – wie man früher sagte – kein Figur-Problem haben, hier eine kurze Nachhilfe: Die Weight Watchers (deutsch vielleicht: Gewichtskontrolleure) wurden 1963 im amerikanischen Bundesstaat New York von der Hausfrau Jean Nidetch gegründet und sind mittlerweile in rund 30 Ländern vertreten. 1970 führten Irmgard und Walter Mayer das erste deutsche Weight Watchers-Treffen in ihrer Düsseldorfer Wohnung durch. 2012 waren es über 300.000 Teilnehmer deutschlandweit. Großes Glück hatte die Gemeinde, als im Jahr 2015 die Star-Moderatorin Oprah Winfrey über 40 Millionen in das Unternehmen investiert hatte, was den Aktienkurs in ungeahnte Höhen trieb. Zumindest eine Zeitlang.

    Das Konzept basiert auf zwei Prinzipien. Es gibt wöchentliche Gruppentreffen der Abnehmwilligen, eine Art Tupper-Party, bei denen Erfahrungen ausgetauscht, über gesunde Ernährung informiert und die jeweiligen Erfolge auf der Waage (!) überprüft werden. Die Gruppenleiterinnen haben ebenfalls mit Weight Watchers abgenommen und ihr Wunschgewicht erreicht. Die Hoffnung ist, dass der Gruppendruck disziplinierend wirkt und die Leiterinnen eine Vorbildfunktion haben mit entsprechender Glaubwürdigkeit: Man sieht ihnen sozusagen die Wirksamkeit der Methode an. Jedenfalls in der Theorie.

    Ökonomisierung des Essverhaltens

    Jetzt kommen die WW-Points ins Spiel. Die funktionieren so: Jedes Lebensmittel hat eine Punktzahl. WW-Mitglieder bekommen täglich ein persönliches Punktebudget zugewiesen – abhängig von Gewicht, Größe, Alter, Geschlecht, Aktivität und Abnehmziel. Zusätzlich gibt’s ein Wochenextra für kleine Lustevents (Restaurantbesuche, besondere Anlässe). Gesättigte Fette oder Zucker erhöhen die Points; Ballaststoffe und Eiweiß senken sie. Gemüse und Obst haben 0 Points. Das signalisiert: Du kannst Dich satt essen, ohne Dein Budget zu belasten. Hört sich alles ziemlich kompliziert an, ist es auch, wird aber im Zeitalter der Digitalisierung durch eine App überwacht.

    Man kann WW als die perfekte Ökonomisierung des Essverhaltens beschreiben. Ökonomisierung ist für mich, anders als für viele Zeitgenossen, nichts Negatives. Es beschreibt die utilitaristische Basisfrage, die wir Menschen an alles, was wir so treiben, anlegen: »Was kostet’s, was bringt’s?« Es gibt nie einen absoluten Nutzen, stets ist der Nutzen abhängig von den Kosten, die uns die Wahl abverlangt, also dem Preis. Kosten-Nutzenabwägungen treffen wir nicht nur beim Kauf von Kartoffeln oder einer neuen Immobilie, sondern auch bei der Partnerwahl oder eine Spende für die Caritas. All jene, die sagen, bei der Liebe oder der Barmherzigkeit dürfe die schnöde Ökonomie keine Rolle spielen, wollen meist nur nicht wahrhaben, dass sie unbewusst den subjektiven Wert einer Lebensentscheidung wägen und fragen, welchen Preis sie dafür entrichten müssen. Kosten rechnen sich nicht nur monetär in Geld, können auch in Zeit oder emotionaler Energie entrichtet werden.

    Zurück zu unseren Weight Watchern. Das Point-System rationalisiert und quantifiziert unser Essverhalten. Es verhindert, dass wir uns durch den Tag futtern und beim Mittagessen schon verdrängt haben, dass es zum Frühstück zwei Spiegeleier mit Speck gab. Natürlich darf jeder Eier mit Speck frühstücken – bloß nicht, wenn er abnehmen will.
    Wenn das alles so genial ist, warum stehen die Weight Watcher dann heute am Abgrund? Das Insolvenzverfahren läuft, die Aktie ist auf Pennystock-Niveau, Oprah Winfrey ist längst ausgestiegen. Die Antwort heißt: Abnehmen geht neuerdings zu (vermeintlich) geringeren Kosten, nämlich mit der Abnehmspritze. Während die Weight Watcher bei konsequenter (!) Nutzung und Einhaltung des WW-Budgets nach einigen Monaten einen Gewichtsverlust von fünf bis zehn Prozent zuwege bringen, leisten die neuen Wunderspritzen im selben Zeitraum Abnehmerfolge von 15 Prozent (Ozempic) bis sogar 20 Prozent (Tirzepatid). Freilich ist die Angelegenheit auch erheblich teurer: Die Spritze kostet 300 Euro im Monat, als Premium-Mitglied bei den Weight Watcher werden monatlich knapp 35 Euro fällig. Warum steigen dann so viele adipöse Menschen auf die Spritze um? Vermutlich deshalb, weil das Medikament scheinbar von alleine wirkt, keine Verhaltensänderung und kompliziertes oder frustrierendes Punkte-Zählen kostet. Ozempic verlangt im wahrsten Sinne weniger. Ob später Kosten für Nebenwirkungen dazu kommen, wissen wir noch nicht. Dazu sind die Medikamente zu neu und nicht langfristig erprobt. Rückfällig werden kann man jedenfalls bei beiden Methoden, wenn man das Verfahren absetzt.

    Ozempic oder Weight Watcher?

    In der britischen »Time« berichtet eine Betroffene von ihrer Zeit bei Weight Watchers vor 18 Jahren, als sie nach der Geburt ihres Kindes Gewicht verlieren wollte. Sie beschreibt die wöchentlichen Treffen als erfolgreiche Erfahrung. Nach einem Jahr hatte sie knapp 20 Kilo abgenommen, doch im Laufe der Zeit nahm sie wieder zu. Im vergangenen Jahr wechselte sie zur Abnehmspritze und verlor in nur acht Monaten 22 Kilo. Sie schreibt, dass diese Methode einfacher sei als Punktezählung und wöchentliche Treffen. Die Spritze nehme einfach das Hungergefühl, was deutlich bequemer sei, als ständig die Ernährung zu kontrollieren. Ganz abgesehen von der Demütigung, im Kreis der Weight Watcher sich wiegen zu lassen – und womöglich versagt zu haben. Es könnte sein, dass die Weight Watcher sich überlebt haben.

    Werden die Dicken demnächst von der Bildfläche verschwinden, weil alle sich die Spritze geben? Wohl kaum. Schon deshalb nicht, weil nicht jedermann sich die 300 Euro monatlich für Ocempic & Co. leisten kann und die Kassen nur die Kosten der wirklich Schwerkranken übernehmen. Aber noch genereller: Allem Körperkult und allem Schlankheitsideal zum Trotz nimmt die Zahl der Dicken weiter zu. Schätzungen der World Obesity Federation zufolge wächst der Anteil der Übergewichtigen an der Weltbevölkerung im Jahr 2030 auf über fünfzig Prozent; bei den Kindern werden es mehr als 30 Prozent sein. Heute sind es 46 Prozent der Erwachsenen und 28 Prozent der Kinder. So viel Ernüchterung zum Kostennutzenkalkül der Fastengemeinde muss sein.

    Rainer Hank

  • 05. August 2025
    Booster-Boomer

    Wohnen im Alter Foto Firmengruppe Weiß

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie die Reichen Wohnraum für andere schaffen

    In Hofheim am Taunus werden schicke Mehrfamilienhäuser gebaut. Der Quadratmeter einer solchen Wohnung kostet um die 8500 Euro.
    Trägt das zur Linderung unserer Wohnungsnot bei? Und entsteht hier »bezahlbarer Wohnraum«? Viele Zeitgenossen würden das als blanken Hohn bezeichnen. Eher wäre es der Beweis des Gegenteils: Im Umkreis großer Städte können nur noch die Reichen sich Wohnraum leisten.

    Alles hängt von der Definition von »bezahlbarem Wohnraum« ab, einem Kampfbegriff im politischen Streit um die Wohnungsnot in Deutschland. Die schlichte – vermutlich vielen abermals zynisch erscheinende – Definition wäre: Bezahlbarer Wohnraum zeichnet sich dadurch aus, dass Menschen da sind, die bezahlen. Es hängt von der Zahlungsbereitschaft der Käufer ab, ob ihnen der Preis die gebotene Leistung wert ist.

    Die Projektentwickler, die die Wohnungen in Hofheim an neue Eigentümer bringen wollen, vermelden eine hohe Nachfrage. Okay, es wäre ziemlich unklug, sie würden ihre Objekte schlechtreden. Hofheim ist ein Satellitenstädtchen von Frankfurt, gut mit Autobahn und Öffentlichen an die Mainmetropole angebunden, indes weniger nobel als Königstein oder Bad Homburg. Die Durchschnittspreise für Neubauten liegen laut »Immoportal« in Hofheim bei 5000 bis 7000 Euro. 8500 Euro sind absolutes Luxussegment.
    Wer hat so viel Geld, wer kauft solche Wohnungen? Ich treffe Karl Greiner, einen Bekannten. Er ist Geschäftsführer und Miteigentümer der Firmengruppe Weiß, einer Immobilienfirma, und engagiert sich im Verband Freier Immobilienunternehmen. Greiner nennt seine Zielgruppe »Empty Nester«. Das sind Paare, deren Kinder aus dem Haus sind. Meine Annahme, dass es sich um Fünfzigjährige handele, ist falsch. Eher seien es 60– bis 80–jährige – also eine Kohorte der Babyboomer, geboren zwischen 1945 und 1965, die im Frieden gelebt haben und vom Wirtschaftswunder profitieren. Keine Multimillionäre, lediglich erfolgreiche Bürger, die ordentlich verdient und häufig noch geerbt haben. Man leistete sich ein großzügiges Haus mit Garten, sagen wir so um die 400 Quadratmeter.

    Das Haus wird zum Klotz

    Gewiss, die »Kinder« sind schon länger aus dem Haus. Doch der Veränderungsprozess braucht Zeit. Lange soll alles aussehen wie früher: Jederzeit dürfen die erwachsenen Kinder nachhause kommen, das Jugendzimmer soll keinesfalls angetastet werden. So wollen es die Kinder, aber auch die Mütter. Das kann gut und gerne zehn Jahre dauern. Doch langsam wird den von den Kindern verlassenen Eltern das Haus zum Klotz, der Garten zur Plage – Freunde und Verwandte kriegen Unmengen an Obst oder Eingemachtem geschenkt. Nicht zu übersehen ist der Renovierungsbedarf, Stichwort »energetische Sanierung«. Irgendwann, meist an Weihnachten im Gespräch mit den Kindern, fällt dann die Entscheidung: »Wir wollen das Haus verkaufen.« Es ergeht ein Ultimatum an die Kinder, nun endlich das Jugendzimmer zu räumen. Vielleicht darf die erste Gitarre des Sohnes bleiben – im Keller der neuen Wohnung.

    Aber was ist die Alternative? Das Schreckenswort für diese agile Generation 60plus heißt »betreutes Wohnen«. Viel zu früh! Das ist die Stunde von Karl Greiner und seinen Leuten. Sie bauen diese luxuriösen Mehrfamilienhäuser in Hofheim. Nachverdichtung in bereits als Bauland ausgewiesenen Gebieten der Stadt. Neues Bauland werde praktisch kaum mehr ausgewiesen: versiegelte Böden sind der Schrecken aller Klima- und Umweltschützer.

    Die älter gewordenen Gutverdiener setzen sich jetzt kleiner, sagen wir von den bisherigen 400 auf 200 Quadratmetern. Das Heim spielt nicht mehr die ganz große Rolle; man ist ja viel unterwegs (Freunde besuchen, Reisen buchen). Auf der neuen Fläche gibt es feste und flexible Module, die viel über die Soziologie und Psychologie dieser Generation verraten. Pflicht sind zwei getrennte Schlafzimmer mit je eigenem, direkt zugänglichem Bad. Dazwischen das Ankleidezimmer. Pflicht ist ein weiteres Schlafzimmer, abermals mit Bad. Man kann es Kinder- oder Gästezimmer nennen. Es wird aber auch die polnische Pflegerin aufnehmen, sollte das später (oder früher) erforderlich werden. Natürlich gibt es einen offenen Wohn- und Essraum; geschlossene Küchen gelten als altmodisch.

    Sauna oder Bibliothek

    Kür sind weitere Räume: Die Körperbetonten kriegen ihren Fitnessraum mit angeschlossener Sauna. Die eher intellektuellen Käufer leisten sich eine Bibliothek oder ein Musikzimmer; irgendwo muss der Flügel ja hin. Ist das Budget groß genug, gibt es ein Penthouse mit Dachgarten. Für die Erdgeschosswohnungen bietet sich ein kleiner Kräutergarten an, Erinnerungsposten an das Grundstück von früher. Aufzug versteht sich von selbst – man wird ja nicht jünger.

    Das alles, wie gesagt, kostet rund 1,6 Millionen Euro. Die finanzieren sich durch den Verkauf des doppelt so großen Anwesens. Hohe Zinsen und Tilgung, Grund für den derzeitigen Rückgang der Bautätigkeit, sind für diese Generation kein Thema. Sie zahlen den vollen Kaufpreis sozusagen aus der Westentasche. Mit etwas Glück wirft der Verkauf einen Schnaps mehr ab als die 1,6 Millionen Neukosten.

    Doch hilft diese das zur Linderung des Wohnungsproblems in Deutschland? Hier kommt der sogenannte Sickereffekt ins Spiel (anderswo auch »Trickle down« genannt). Der geht so: Haushalte, die durch Kauf eine neu gebaute Eigentumswohnung beziehen, machen anderswo ein Haus frei. Dorthin rücken Familien ein, denen mit größeren Kindern und wachsendem Haushalteeinkommen die bisherigen Wohnungen zu klein geworden sind. Sie verbessern ihren »Wohnwert«, ihren sozialen Status und machen ihrerseits Wohnungen frei, in die junge ManagerInnen am Anfang ihres Berufslebens mit ihren kleinen Kindern ziehen. Am Ende der Sickerkette – den Begriff finde ich nicht wirklich glücklich – ziehen ehemalige Studenten in der ersten Berufsphase ein.

    So leisten die Reichen etwas, das die Wohnungsbau-Turbos und Booster heutiger und früherer Regierungen nicht vollbracht haben: Eine Ausweitung des Wohnangebots, ohne dass das dafür neues Bauland ausgewiesen und das Bürokratie-Monster gefüttert werden muss.

    Bin ich der eigennützigen Ideologie meines Bekannten aufgesessen? Die gesammelte Linke hierzulande würde mir das vorwerfen; die Trickle-Down-Theorie ist seit ihrer Erfindung unter Beschuss. Zu meiner Verteidigung verschanze ich mich hinter einer Studie des ideologisch unverdächtigen wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags über »Sickereffekte im Wohnungsmarkt« aus dem Jahr 2022. Dort wird unter Bezug auf Metastudien zumindest die empirische Plausibilität des Sickereffekts nachgezeichnet. Ob das Wohnen dadurch erschwinglicher wird, bleibt fraglich. Aber niemand würde den Sickereffekt als einzigen oder gar Königsweg der Wohnungsmisere vermarkten wollen.

    Rainer Hank