Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 06. Oktober 2025
    »Wir schaffen das«

    »Wir schaffen das« Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Zehn Jahre danach

    Die Karawane der Kaufleute hatte einen weiten Weg über Gaza und entlang der Mittelmeerküste des Sinai hinter sich, bis sie endlich an die Grenzen Ägyptens kam. Auf ihren Kamelen führten sie nicht nur Gummi, Balsam und Harz mit, wie es im biblischen Buch Genesis heißt. Sondern auch Joseph, einen jungen und ungewöhnlich hübschen Sklaven, den seine Brüder aus Eifersucht windelweich geschlagen und in eine Zisterne geworfen hatten. Aus diesem Elend hatten die Kaufleute den jungen Mann befreit.

    Schon weit vor der ägyptischen Grenzstadt Zel an der Landenge von Suez war die Karawane auf Bastionen und Wachtürme getroffen, mit denen das reiche Ägypten seine Grenzen schützend beaufsichtigte. »Aber die Reisenden wussten wohl, dass mit der Zurücklegung dieser Stationen nur Vorläufigkeit getan war und die kritteligste Prüfung ihrer Unschuld und Ungefährlichkeit für die Sicherung der Gesittung ihnen noch bevorstand: bei der gewaltigen und unausweichlichen Sperre nämlich, der Herrschermauer, die da aufgerichtet war schon von alters.« So liest man es in Thomas Manns großer Nacherzählung der biblischen Geschichte »Joseph in Ägypten«.

    Man muss sich, grob gesagt, das antike Ägypten so vorstellen wie die Vereinigten Staaten vom 18. Jahrhundert an oder Deutschland in der Gegenwart: Als ein Magnet für Migranten aus der ganzen Welt, die aus ökonomischen oder politischen Gründen Sicherheit, Glück und Wohlstand suchten. Entsprechend rigide sind heute und waren damals die Grenzkontrollen. Denn, so heißt es bei Thomas Mann: »Sind wir erst drinnen, so prüft niemand mehr unsere Unschuld, und wir ziehen freihin durch alle Gaue den Strom hinauf, so weit wir wollen.«

    Zurück, ihr Sandhasen

    »Umkehr« riefen die Mauerwachen über dem Außentor, als die Karawane sich nähert: »Zurück ihr Sandhasen ins Elend! Hier ist kein Durchlass.« Der Grenzbeamte will es genau wissen: »Habt ihr zu essen und könnt so oder so für euch aufkommen, dass ihr nicht dem Staate zur Last fallt oder zu stehlen gezwungen seid?«

    Kürzen wir die Erzählung ab, wie es den Ankömmlingen letztlich gelungen ist, ins Land Ägypten eingelassen zu werden. Es ging wie häufig: Man kennt einen, der einen kennt, am besten einen hochgestellten Mann, dessen Name auf die Einwanderungsbehörden Eindruck macht. So kam es dann, was wir aus der Bibel wissen, dass Joseph an Potiphar verkauft wurde, den Obersten der Leibwache des Pharaos, wo er rasch Karriere machte, jedenfalls so lange bis Potiphars Frau sich in den schönen Mann verliebte und, nachdem dieser ihre Avancen nicht erwiderte, ihm, dem Unschuldigen, eine MeToo-Geschichte anhängte, die ihn ins Gefängnis brachte. Daraus wurde Joseph abermals befreit, weil er dem Pharao seinen Traum von den sieben fetten und sieben mageren Jahren als Konjunkturzyklus deutete, den man am besten mit einem keynesianischen Programm finanzpolitisch glätten sollte: Korn sparen in den guten Jahren, staatliche Wohltaten ausweiten in der Krise. Josephs Politik wird zur Blaupause für den »New Deal« des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Eine Karriere wie aus dem Bilderbuch: vom knapp dem Tod entgangenen Sklaven in eines der höchsten Staatsämter, das die antike Welt zu bieten hatte.

    Joseph in Ägypten – eine typische Migrantengeschichte? Natürlich nicht. Sondern eine Ausnahme -, aber alles andere als ein Einzelfall. Wenn es gut geht, wird aus Migration eine Win-Win-Geschichte. Das aufnehmende Land profitiert, die Einwanderer profitieren auch. Immerhin rund 64 Prozent derer, die vor zehn Jahren nach Deutschland kamen und bleiben durften, haben »es geschafft« und eine feste Arbeit gefunden.

    Immer wieder gibt es märchenhafte Aufstiegsgeschichten vom entrechteten Fremden ganz nach oben in Staat oder Wirtschaft. Ein Weg, den diese Migranten mit Glück, Begabung, Bildung und energischem Durchsetzungswillen geschafft haben. Mir fallen auf die Schnelle ein: Madeleine Albright, 1937 als Marie Jana Körbelová in einer jüdischen Familie in der Tschechoslowakei geboren, 1939 mit den Eltern geflüchtet und in den USA bis zur Außenministerin unter dem Demokraten Bill Clinton aufgestiegen. Oder zuvor Zbigniew Brzezinski und Henry Kissinger, Emigranten aus Polen und Deutschland, Strategen des Kalten Kriegs für US-Präsidenten unterschiedlicher Couleur. Nehmen wir noch, um die Branche zu wechseln, Arnold Schwarzenegger dazu: Aus einem Dorf in der Steiermark in die USA eingewandert, zunächst als Bodybuilder erfolgreich, hat er es zum Filmstar und Gouverneur von Kalifornien gebracht.

    Und in Deutschland? Da fällt einem der Grünenpolitiker Cem Özdemir ein, der anatolische Schwabe, dessen Eltern als Gastarbeiter im württembergischen Bad Urach kein Wort deutsch sprachen. Özdemir hat sich hochgearbeitet, wie man so sagt. Wenn er Glück hat, wonach es derzeit nicht aussieht, wird er der erste deutsche Landesvater mit Migrationsbiografie.

    Tamara Ashrafnia und Suad Benkredda zum Beispiel

    Es gibt auch weniger prominente, aber erst recht beispielhafte Einwanderungs- und Aufstiegskarrieren. Ich nehme zwei jungen Frauen, die es in der Finanzwelt weit gebracht haben.

    Tamara Ashrafnia wurde 1989 in Afghanistan geboren. Als die Mudschaheddin an die Macht kamen, flohen die Eltern mit ihren vier Kindern nach Tadschikistan. Als es dort unsicher wurde, zog die Familie weiter nach Moskau. Dann ging es nach Deutschland, über verschiedene Flüchtlingsheime in Schwalbach oder Gelnhausen, nach Frankfurt. Die Mutter arbeitete als Reinigungskraft, der Vater unterhielt einen Kiosk. »Zeitweise schämte ich mich, Flüchtling zu sein und dass meine Mutter putzte«, sagte Ashrafnia kürzlich der FAZ. Sie selbst hat schnell Deutsch gelernt. An der Universität Frankfurt studierte sie Mathematik, arbeitete bei der Fondsgesellschaft DWS und ist inzwischen im Vertrieb des amerikanischen Finanzunternehmens und ETF-Anbieters Blackrock, dem größten Vermögensverwalter der Welt.

    Nicht unähnlich verlief der Aufstieg von Suad Benkredda, 45. Sie hat sich als Tochter einer Reinigungskraft und eines Arbeiters in den Vorstand der DZ-Bank, der zweitgrößten deutschen Bank emporgearbeitet, wo sie das Kapitalmarktgeschäft verantwortet. Ihre Familie hat im Algerienkrieg gegen die Franzosen gekämpft, der Vater war im Widerstand, wurde verletzt und emigrierte über die Türkei nach Deutschland. Sie hat in Deutschland und Frankreich studiert und für Banken in Dubai und London gearbeitet. »Wir wollen offen sein gegenüber allem Neuen.« Das, so hat sie es mir erzählt, war der Leitsatz, den die Eltern den Kindern weitergegeben haben.

    Womit wir wieder beim biblischen Joseph wären – von dem es übrigens auch eine Fassung im Koran gibt. Nennen wir seine Geschichte archetypisch für den Aufstieg aus dem Elend durch Migration. Von vielen, die bei diesem Versuch gescheitert sind, haben wir keine Geschichten.

    Rainer Hank

  • 06. Oktober 2025
    Weg mit dem Weltkulturerbe

    Weltkulturerbe: Angkor/Kambodscha Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Das Gütesiegel stiftet mehr Schaden als Nutzen

    Im Jahr 1519 schuf Lucas Cranach der Ältere einen aus drei Flügeln bestehenden Altar für den Naumburger Dom. Reformatorische Bilderstürmer zerstörten den Mittelflügel des Kunstwerks, so dass nur noch die Seitenflügel erhalten blieben. Erst in unseren Tagen (2020 bis 2022) ergänzte der Maler Michael Triegel – ein Künstler der sogenannten Neuen Leipziger Schule – den Mittelteil des Altars, und zwar im Stil des 16. Jahrhunderts, aber alles andere als epigonal.

    Triegels Werk ist bei den Besuchern des Doms sehr beliebt: Nicht nur, weil der Künstler den Apostel Petrus mit Baseball-Cap zeigt, sondern weil er eine gelungene Ergänzung zu Cranach geschaffen habe. Ganz anders urteilte die UNESCO, die dem Dom 2018 den begehrten Titel des Weltkulturerbes verliehen hat, insbesondere für seine weltberühmte Stifterfigur, die heilige Uta von Naumburg. Es droht der Entzug des begehrten Titels, was eine Art lokale Katastrophe wäre. Nach langem Hin und Her gilt derzeit folgender Zwischenstand: Triegel kann bleiben, aber nur, wenn er vom Westchor in das Nordquerhaus abgeschoben wird. Denn so, wie er jetzt steht, verbaue er den Blick auf Uta; die »Sichtachse« sei wiederherzustellen.

    Was erlaubt sich die UNESCO? Die Kundschaft ist zufrieden, die Kirchengemeinde als Eigentümer ist zufrieden, der Künstler und die meisten Kunstkritiker sind es auch. Aber die für Kultur zuständige Unterorganisation der UNO befiehlt räumliche Umzugsmaßnahmen. Als ob es sich um ein Gottesurteil handele. Denn mit Label-Entzugsdrohungen ist nicht zu spaßen. Das musste Dresden erfahren. Dort wurde der erst kurz zuvor verliehene Titel »Kulturlandschaft Dresdner Elbtal« im Jahr 2019 wieder aberkannt aufgrund des Baus der sogenannten Waldschlößchenbrücke, die laut den UNESCO-Kommissaren den Blick trübt. »Blickachsen« sind offenbar besonders im Blick der UNESCO-Kommissare. Dem Ort Herrnhut in der Oberlausitz, einem Erbe des deutschen Pietismus, könnten jetzt Windräder – besonders hässliche Sichtachsen – den Titel kosten.

    Blickachsen schützen?

    Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten; Windräder finde ich auch nicht hübsch, weil sie die Perspektive verrücken: Großes wird vor ihnen klein. Doch Geschmacksurteile rechtfertigen noch lange nicht autoritäre, undemokratische und den ästhetischen Fortschritt unterbindende (siehe Triegel) Urteile.

    Warum lassen wir uns das gefallen? Klar, weil sich die Staaten dem Reglement der UNESCO freiwillig unterworfen haben. Und weil viele Bürgermeister, Landräte und ihre Lobbyorganisationen sich mit dem Titel schmücken und angeben können, was sie für den Schutz des kulturellen Erbes, die Ankurbelung des Tourismus und ihr eigenes Erbe in der Weltkulturgeschichte getan haben.

    Aber wie sieht die materielle und immaterielle Kosten-Nutzen-Rechnung des Kulturerbe-Business aus?

    Zu den Fakten. Auf der UNESCO-Generalkonferenz in Paris 1972 wurde die »Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt« beschlossen. Geschützt werden sollen »Meisterwerke der menschlichen Schöpfungskraft« und »außergewöhnliche Zeugnisse einer kulturellen Tradition«. Die erste Auszeichnung erhielten der Aachener Dom und die Altstadt von Krakau. Neben dem Weltkulturerbe gibt es auch das Weltnaturerbe. Das Erbe wächst und wächst: Inzwischen sind es 1248 Erbstätten in 170 Ländern. Deutschland steht mit 52 Auszeichnungen auf Platz drei gut da, nach Italien und China. Auch »immaterielles Erbe« wird geschätzt: In Deutschland zum Beispiel die Schützenvereine. Bis ein Titel verliehen wird, treten unzählige Kommissionen, Komitees und Fachbeiräte in Aktion. Kosten der Anerkennung und Eignungsprüfung (»Heritage Impact Assessment«) für eine mittelbedeutsame historische Altstadt werden auf eine halbe Million Euro geschätzt; eine grenzüberschreitende Kulturlandschaft durchzuboxen summiert sich auf mehrere Millionen.

    Die Inflationierung des Erbes – demnächst sind die bayerischen Märchenschlösser Ludwigs II. dran – wundert nicht: Der Titel verspricht Touristen aus aller Welt, die mit ihrer Bucket-Liste die Erbstätten abgrasen und ihre Liebsten auf Insta mit denkmalgarnierten Selfies versorgen. Davon profitieren Hotels, Restaurants, Parkhäuser und Museen. Aber haben Neuschwanstein, Venedig, Dubrovnik oder Pompei den Titel überhaupt nötig? Oder trägt er nicht zusätzlich zum »Overtourism« bei? Dies scheint auch die UNESCO zu befürchten, wenn sie neuerdings als Bedingung für die Anerkennung eine »Besucherleitstrategie« von den Betreibern der Stätten verlangt.

    Overtourism wird durch das Siegel gezüchtet

    Ökonomisch gesprochen müsste man sagen: Das UNESCO-Label wirkt als Markenschutzrecht, bietet eine Monopolrente und muss deren selbst erzeugten Folgen planwirtschaftlich regulieren (»Besucherleitstrategie«). Die Monopolrenten wurden nicht mit eigener Leistung erworben, sondern verdanken sich der historischen Einmaligkeit. So gesehen käme auch noch eine ungerechte Ungleichbehandlung dazu: Nicht jede Stadt hat einen Kölner Dom, Castrop-Rauxel hat lediglich eine Stadthalle aus den siebziger Jahren.

    Dem »objektiven« Urteil der Titelverleiher kann von den Aspiranten nachgeholfen werden. Bruno Frey, ein Schweizer Ökonom, hat 2013 in einer empirischen Studie nachgezählt und siehe da: Europa ist völlig überrepräsentiert. Wohlhabende Staaten haben Vorteile. Sogenanntes Rent-Seeking, finanzstarke Lobbyarbeit, um »ihre« Stätten durchzubringen, zahlt sich aus. Das ist nicht nur ungerecht im globalen Titelkampf, sondern auch unter der Perspektive der Opportunitätskosten: Das viele Geld könnte besser eingesetzt werden – zum Beispiel durch Aufträge an zeitgenössische Künstler oder um innovative Tourismuskonzepte zu erstellen.

    Unterm Strich überwiegen für mich die Nachteile: Der Titel wirkt strukturkonservativ, verhindert oder erschwert ästhetischen, städtebaulichen oder wirtschaftlichen Fortschritt, verstärkt Overtourism, ignoriert paternalistisch-autoritär basisdemokratisch mehrheitliche Meinungsbildung, kostet aber viel Geld, das in der Regel das Geld der Steuerzahler ist, die man dafür nicht um ihre Zustimmung gefragt hat.

    Aus meiner Sicht könnte man das ganze UNESCO-Welterbe-Business ersatzlos streichen. Das wäre ein schöner Beitrag zum Bürokratie-Abbau. Die arbeitslosen Komitees und Beraterfachausschüsse müssten sich nach einer sinnvollen Tätigkeit umsehen. Die Kommunalpolitiker wären freier, ihre Stadt nach sachlichen und nicht nach Blickachsen-Vorgaben weiterzuentwickeln. Das »kulturelle Erbe« nähme keinen Schaden. Oder vorsichtiger gesagt: Es nähme nicht weniger Schaden als es auch trotz des Titels da und dort der Fall ist. Wer es nicht glaubt, soll sich den Verfall des Mittelrheintals anschauen – Weltkulturerbe seit 2002 und seither in der Dauerkrise: Investitionen bleiben aus, Menschen wandern ab.

    Rainer Hank

  • 19. August 2025
    Nahbarkeit

    Sie hieß Mary Ann Foto CSU-Fraktion im bayerischen Landtag

    Politiker zum Anfassen sind eine Gefahr für die Demokratie

    Politiker sind auch nur Menschen. Schon, aber ist das eine Überraschung? Fast hat man den Eindruck, Politiker seien der Meinung, sie müssten das den Bürgern täglich einhämmern. Ein Hang und Zwang zur »Nahbarkeit« hat um sich gegriffen, der befremdlich ist. Nahbarkeit als Tugend? Politiker zum Anfassen sind peinlich.
    Die Belege gehen quer durch die Parteien. Beginnen wir mit Robert Habeck (Die Grünen), dem Meister der Nahbarkeit. Bei der Bundestagswahl 2025 trat Habeck unter dem Motto an »Kanzler werden, Mensch bleiben«. Gerade so, als ob es da eine Gefahr gäbe, das Amt könne ihn, Habeck, entmenschlichen. Damit es der Letzte kapiert, bekräftigt Habeck: »Meine Arbeit, ja meine Vorstellung von Politik ist, die Distanz zwischen Menschen, die Distanz zwischen den Typen, die man aus dem Fernsehen kennt, und denjenigen, die von der politischen Entscheidung betroffen sind, zu verringern, nahbar zu sein.« Habeck, so will es Habeck, sollen wir also nicht nur aus dem Fernsehen kennen, sondern auch aus unserer alten WG-Küche.

    Zu Habeck gesellt sich die frühere Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang. Sie wurde von Habeck aus dem Amt gedrängt (vermutlich eine Spielart der Nahbarkeit), um anschließend den Rückzug ins Privatleben als eine Art von Menschwerdung zu vermarkten – und den Zustand des Politikerseins demgegenüber als Entfremdung zu kontrastieren. Lang kritisiert den Zwang zu einer technizistischen und unaufrichtigen Sprache im Amt: »Und dann fängt man an, Mist für Gold zu verkaufen und so einen Unsinn zu reden, wie ich es da geredet habe.« Hier geniere sich jemand für das eigene Handeln und Reden – und lasse den Rücktritt wie einen Befreiungsschlag wirken. So analysieren Astrid Séville und Julian Müller, zwei Sozialwissenschaftler, im neuesten Heft der Zeitschrift »Mittelweg«.

    Nehmen wir noch Kevin Kühnert (SPD) und Christian Lindner (FDP) hinzu – um dann beim ungekrönten König der Nahbarkeit zu landen. Kevin Kühnert gab zu Protokoll, er wolle sich dem Hass nicht mehr weiter aussetzen, den das politische Amt mit sich bringe. Zuletzt ist er allein unterwegs auf einer tausend Kilometer langen Alpenwanderung, die ihn vom Neusiedler zum Bodensee führt. »Alles wird ein bisschen besser, wenn Berge in der Nähe sind«, sagt er: Damit auch wir das mitbekommen, lässt er uns gelegentlich auf Instagram teilhaben. Nahbarkeit, nah bei den Menschen (Kurt Beck), bleibt ihm wichtig, zumindest im digitalen Modus sogenannter sozialer Netzwerke. Nicht anders als Christian Lindner, der uns am neuen Baby- und Vaterglück teilhaben lässt (»Familie ist das Wichtigste; das baut auf«), jedenfalls sofern damit nicht satirisch umgegangen wird wie in der Titanic: dann schaltet er seine Anwälte ein.

    Der Döner des Monats

    Flaggschiff der Nah-Menschlichkeit ist Markus Söder, der uns inzwischen so nah ist, dass wir fast schon vergessen haben, dass er im Nebenamt auch noch bayerischer Ministerpräsident ist. Söder beißt in jede Bratwurst, jedenfalls so sich daraus ein Reel, View oder Like machen lässt (1,5 Millionen Follower). Wir wissen von ihm, dass er sich für günstigere Döner einsetzt und dass er Seemannslieder tonsicher schmettern kann (»Sie hieß Mary Ann«). Wofür er politisch steht, ist weniger wichtig, ändert sich ohnehin von Monat zu Monat. Dafür kriegt er als Held der sozialen Netzwerke vergangene Woche sogar eine ziemlich unkritische Titelgeschichte im »Spiegel«.

    Die schon erwähnte Zeitschrift »Mittelweg« – sie wird redaktionell verantwortet von Jens Bisky im Hamburger Institut für Sozialforschung – behandelt das Thema »Nahbarkeit« jetzt in einem sehr lesenswerten Heft und erst einmal ohne Wertung unter der Überschrift »Amtsmenschen«. Heute als bürokratisch und entfremdungsanfällig beäugt, war das einem verliehene Amt in Politik, Kirche oder Wirtschaft einmal als Schutz der Menschlichkeit und Person gedacht. Der Amtsinhaber hat eine Rolle zu leben, die seine Autorität begründet und Respekt von den Menschen (nicht nur den Untergebenen) entgegengebracht bekommt. Klassisch kann man das bei Max Weber (»Politik als Beruf«) nachlesen. Dort schreibt der Soziologe, Politik sei »ein starkes und langsames Bohren von Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich«. »Augenmaß« setzt für Weber die Fähigkeit »der Distanz zu den Dingen und Menschen« voraus.

    Distanzfähigkeit anstatt Distanzlosigkeit wäre somit vom Politiker gefordert. Distanzlosigkeit hält Weber für »eine der Todsünden jedes Politikers«. Amtsmenschen haben die vom Amt gegebenen Erwartungen zu erfüllen; das ist das Gegenteil der heutzutage vorgeschriebenen Authentizitätserwartungen. Distanz ist Voraussetzung des »Amtscharismas«. Dieses ist gerade nicht eine besondere, Instagram taugliche Ausstrahlung (mit oder ohne Bratwurst), sondern der vom Amt dem Politiker verliehene »Glaube an die spezifische Begnadung einer sozialen Institution als solcher«. Der Begriff »Begnadung« verweist auf die religiösen Wurzeln des Amtscharismas, zuweilen in Kreisen von Kirchenleuten verspottet mit dem Diktum: »Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand.«

    Das Amtscharisma als Ausweg

    Lässt man sich auf eine solche Ethik der Distanz ein, so flackert der Verdacht auf, der heutige Zwang zur Nahbarkeit, gar zum »Anfassen«, sei nicht etwa ein Beitrag zur Stärkung der Demokratie, sondern sein Gegenteil: blanker Populismus. Politiker wollen keine Respektspersonen sein, sondern Kumpel. Da ist der Weg zur populistischen Kumpanei nicht mehr weit. Der »Mittelweg« zitiert eine Bemerkung des Politikwissenschaftlers (und großen Max Weber-Forschers) Wilhelm Hennis, wonach der zentrale Begriff der repräsentativen Demokratie das Amt sei. Wer das Amt nur noch als bürokratische Entfremdung verachtet, der schädigt die Demokratie, statt sie zu stärken, was er durch sein Anfassbarkeitspathos zu erreichen hofft.

    Man könnte das »Amtscharisma« jene »unsichtbaren Institutionen« zugesellen, die zu Unrecht in Verruf geraten sind und gerade deshalb für die von allen beklagte Krise der Demokratie verantwortlich sind. Der Begriff »unsichtbare Institutionen« stammt von dem französischen Historiker Pierre Rosanvallon; sein neuestes Buch gibt es seit kurzen ebenfalls im Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Rosanvallon nennt als unsichtbare Institutionen das Vertrauen, die Autorität und die Legitimität. Aus ökonomischer Sicht müsste man den Markt hinzufügen. Sie alle tragen – neben den sichtbaren Institutionen der Gewaltenteilung – zu Integration, Kooperation und demokratischer Regulierung von Gesellschaften bei. Wer die Demokratie stärken will, müsste Distanzlosigkeit gerade vermeiden, statt sie populistisch zu zelebrieren.

    Rainer Hank

  • 19. August 2025
    Schuld und Schulden

    Lars Klingbeil, Bundesschuldenminister Foto Bundesfinanzministerium

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie sich der Teufel in die Wirtschaftswelt verirrt hat

    Der Bund macht im kommenden Jahr 174 Milliarden Euro neue Schulden. Ist das viel? Ja, zweifellos. So viel neue Schulden in einem Jahr gab es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Zuletzt waren es im laufenden Jahr lediglich 35 Milliarden Euro.

    Ist das auch schlimm? Kommt darauf an. Worauf es ankommt, hängt auch von der Sprache ab, in der man die Verschuldung kommuniziert. Neudeutsch spricht man vom Framing, also dem Rahmen oder Design, innerhalb dessen man die Neuverschuldung erzählt. Wer Schulden sagt, sagt auch, dass es sich um eine »Schuld« handelt. Schuld kann im Deutschen nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine moralische Schuld meinen. Von der Moral ist ein kurzer Weg zur Religion: Wer Schuld auf sich lädt, begeht eine Sünde. In der Literatur werden Schulden gerne als ein »Pakt mit dem Teufel« diabolisiert. Der Teufel verspricht alle Annehmlichkeiten dieser Welt, und zwar sofort, lässt den Schuldner dafür aber bis in alle Ewigkeit zahlen und fordert zudem als Pfand seine Seele. Wer Staatsschulden als Schuld »framt«, weist in aller Regel sogleich darauf hin, dass dafür künftige Generationen werden zahlen müssen. Der Schuldner versündigt sich an seinen Kindern und Enkeln, die dafür – unschuldig, weil noch gar nicht geboren – büßen müssen.

    Um das diabolische Framing zu vermeiden, gibt es eine Reihe von Tricks. Gerne wird von »Nettokreditaufnahme« gesprochen. Das hört sich technisch an, haushaltspolitisches Business as usual. Rein sprachlich wird aus den Schulden nun der Kredit. Der ist moralisch und theologisch weitaus besser angesehen: Kredit kommt von credere, was vertrauen und glauben heißt. Der Gläubiger – ein Verwandter des Gläubigen – vertraut dem Kreditnehmer, »er glaubt an ihn«. Und der Kreditnehmer darf das Vertrauen, das in ihn gesetzt wird, nicht enttäuschen. Wer Geld ausgeben will, das er erst noch einnehmen muss, spricht deshalb lieber davon, er müsse einen »Kredit aufnehmen«, statt dass er Schulden macht.

    Dreist ist der Versuch, Schulden als Vermögen zu deklarieren. Also Geld, das einem nicht gehört, zu Eigentum zu framen. Und mit diesem Vermögen macht der Staat selbstredend nur Gutes – nämlich dringend nötige Investitionen (in Infrastruktur und Kriegstüchtigkeit). Lars Klingbeil, der Finanzminister, wäre töricht, sich Staatsschuldenminister zu nennen, was er natürlich ist. Lieber sieht er sich als »Investitionsminister«.

    Die Hälfte ist Psychologie

    Als Schwarz-Rot die Schuldenbremse mit einer Mehrheit des alten Bundestags aushebelte, haben die Politiker nicht gesagt, sie würden jetzt die Schuldenbremse außer Kraft setzen: Sondern sie kreirten zwei milliardenschwere »Sondervermögen«, eine Art Finanzalchemie oder Geldschöpfung aus dem Nichts. Hausbesitzer, denen man zu ihrem neuen Wohneigentum, gratuliert, sagen gerne, das neue Heim gehöre gar nicht ihnen, sondern der Bank. Damit behaupten sie nicht, dass der Sparkassenvorsteher dort wohnt, sondern dass das Haus auf vielen Schulden gebaut ist, für die Zins und Tilgung zu leisten sind. Unternehmen und der Staat sagen, sie begeben Anleihen. Das hört sich ebenfalls viel freundlicher an: Denn auf der anderen Seite des Schuldners sitzt dann der Gläubiger, der seinen Reibach macht. Das verkehrt die Schuldfrage, macht aus dem Kreditgeber einen »Wucherer« – und der Antisemitismus ist nicht weit, wie man an Shylock, dem wahren Helden in Shakespeares »Kaufmann von Venedig« sehen kann.

    Die Hälfte der Wirtschaft ist Psychologie. So lautet ein häufig bemühtes Bonmot, das Ludwig Erhard, dem legendären deutschen Wirtschaftsminister zugeschrieben wird. Meistens benutzt man das Diktum, wenn man irgendetwas nicht so genau versteht: zum Beispiel, warum die Leute sagen, alles werde teurer, obwohl die Inflation zurückgeht.
    Andreas Peichl, ein Forscher am Münchner Ifo-Institut, hat jetzt mit Co-Autoren in einem Papier die »psychologischen Kosten« des sprachlichen Framings in wirtschaftlichen Diskursen methodisch aufwendig untersucht. Und zwar am Beispiel der Schulden. Dafür machen die Forscher sich den Umstand zunutze, dass im Deutschen, Niederländischen und Schwedischen die moralisch aufgeladene Schuld (und die Sünde) in den finanziellen »Schulden« steckt: »Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«, heißt es im Vaterunser. Im Englischen und Französischen dagegen heißt die finanzielle Schuld nicht guilt oder culpabilité, sondern debt oder dettes. Schuld hat indogermanische Wurzeln, debt geht auf das lateinische Debitum zurück: etwas, das ich jemandem schulde. Schuld ist ein Vergehen, debt ist eine Verpflichtung.

    Und siehe da: Eine Schuld bezogene Sprache reduziert die Zustimmung zur Kreditaufnahm und zwar sowohl bei privaten wie bei staatlichen Schulden. Das lässt sich messen: Die Bereitschaft, sich privat zu verschulden, geht um 18 Prozent zurück, wenn man die Versuchspersonen in einer Schulden-Sprache befragt und antworten lässt, verglichen mit einer neutralen, nicht moralisch belasteten Sprache. Bewusst oder unbewusst wird dieser Umstand in wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen strategisch eingesetzt und instrumentalisiert: Politiker, die gegen neue Kredite sind, sprechen von einer »Schuldenorgie«. Politiker, die dafür sind, sprechen von Sondervermögen und Investitionen in die Zukunft. Peichl & Co. haben festgestellt, dass die Linke, die Grünen und die SPD weitaus seltener von »Schulden« sprechen als CDU/CSU und AfD. Es wäre spannend zu sehen, wie sich das bei der Union seit Schwarz-Rot verändert hat.

    Linugistische Ökonomik

    Ebenso spannend wäre es zu untersuchen, ob und inwiefern der moralisierende Schuld-Diskurs negative oder eher positive Auswirkungen hat auf Wachstum und Wohlstand in diesem Sprachraum. Schulden-Aversion könnt zu sub-optimalen Finanzentscheidungen führen, schreiben Peichl & CO. Das wird so sein: »Auf seinen Schulden reitet der Unternehmer zum Erfolg«, heißt es im Frühwerk des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter. Denn nur mit Eigenkapital lassen sich keine großen Sprünge machen. Umgekehrt führen hohe Schulden rasch in die Überschuldung – und in die Pleite. Das zeigte sich in der Finanz- und Eurokrise der Jahre 2008ff.

    Tatsächlich ist Deutschland privat und öffentlich weniger hoch verschuldet als Länder mit neutralem Schulden-Framing. Die Eigenheimquote ist hierzulande niedriger als in vielen Debt-Ländern. Deutsche »Hausbanken« vergeben Kredite an Unternehmen eher restriktiv; in Debt-Ländern verschuldet man sich eher am Kapitalmarkt, der womöglich das Geld risikofreudiger zur Verfügung stellt. Ist das nun gut oder nicht? Das zu untersuchen wäre spannend. Vielleicht kommt nach der Verhaltensökonomie jetzt die »linguistische Ökonomik« in Mode. Reizvoll wäre es allemal.

    Rainer Hank

  • 15. August 2025
    Unser Freund, das Aton

    Unser Freund das Atom. Walt Disney 1958 Foto Knaur Verlag

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum wir die Kernkraft nicht abschreiben sollten

    Der Widerstand gegen die Kernenergie – zu einer Zeit, in der wir sie bitter nötig hätten – ist das größte Paradox unserer Zeit. Das schreibt der britische Nuklearchemiker Tim Gregory in seinem Anfang August erscheinenden Buch »Going Nuclear: Wie die Atomenergie unsere Welt retten wird«.

    Mit solchen Büchern kann man die Deutschen auf die Palme bringen. Neue Atomkraftwerke oder die alten noch einmal flott machen? – Keinesfalls, dekretierte Umweltminister Carsten Schneider (SPD) kürzlich, nachdem Katharina Reiche (CDU), seine Kollegin aus dem Wirtschaftsressort, etwas von »Technologieoffenheit« gemurmelt und es gewagt hatte, am Treffen der »Europäischen Nuklearallianz« in Luxemburg teilzunehmen.

    Der Zug sei leider abgefahren, sagte Wolfgang Schäuble in einem Gespräch, das ich zwei Jahre vor seinem Tod mit ihm im Berliner Reichstag geführt habe. Schäuble fügte hinzu: »Wir sollten uns zumindest in der künftigen Forschung über neue Nutzungen von Atomstrom nicht vom Rest der Welt abkoppeln. Das ist wie auf der Autobahn: Wenn alle in die andere Richtung fahren, muss man sich schon gut überlegen, ob man selbst richtig liegt.«

    Schäuble sollte Recht behalten. Eine Übersicht der geplanten Atomreaktoren vom Juli 2025 zeigt: China 30, Russland 23, Indien 14, Usbekistan 6, Polen 3, Schweden 2, Ungarn 2. Belgien und Italien haben ihren früheren Ausstiegsbeschluss gekippt. Und die Weltbank hat im Juni angekündigt, in Entwicklungsländern erstmals seit Jahrzehnten wieder Atomkraft zu finanzieren – »aus humanitären Gründen«. Außenseiter, in moralischer und politischer Überheblichkeit, bleiben die Schweiz, Österreich und Deutschland. Wir sind Schäubles Geisterfahrer.

    Sicherer als die Windenergie

    Tim Gregory, der Nuklearchemiker, hält dagegen. Klimafreundliche Atomenergie sei der einzige Weg, wie wir unsere von der Klimakatastrophe bedrohte Welt dekarbonisieren können, ohne dass wir auf wirtschaftliches Wachstum verzichten müssten. Technische Machbarkeit, relative energiepolitische Sicherheit und moralische Verpflichtung gehen Hand in Hand.

    Gregory zerpflückt sämtliche Argumente, die die Atomgegner seit Jahren vorbringen. Zum Beispiel die Behauptung, Kernkraft sei eine besonders gefährliche Art der Energieerzeugung. Mit Bezug auf die Plattform »Our World in Data« lässt sich zeigen: Atomkraft ist so ungefährlich wie Solarenergie, sogar ein bisschen sicherer als Windenergie, wenn man sich die »Energie-Toten« je Terrawattstunde zwischen 1990 und 2014 ansieht: Besonders lebensbedrohlich sind Kohle (Grubenunglücke), Öl oder Gas. In Fukushima, der »Atomkatastrophe«, die in Deutschland 2011 zum abrupten Ausstieg (und zum Wahlsieg von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg) führte, gab es nachweislich keine direkt durch ionisierende Strahlung verursachten Todesfälle. Aber es gab mehr als 16.000 Tote und viele Verletzte und Vermisste durch den fürchterlichen Tsunami.
    Nichts gegen regenerative Energien. Doch fahrlässig ist es, sich ganz auf sie zu verlassen: Denn Atomkraft ist verlässlich und nachhaltig, Wind und Sonne gibt es mal, mal ist es windstill und tief bewölkt.

    Und was ist mit der ungeklärten Endlagerung des atomaren Mülls? In Deutschland wird die Suche danach seit Jahrzehnten wie eine heiße Kartoffel von einem zum anderen weitergereicht. Inzwischen hat Finnland gehandelt: In Olkiluoto werden in 500 Metern Tiefe Tunnel ausgehoben, die 60.000 Kubikmeter Atomabfall aufnehmen, hundert Jahre lang befüllt und danach versiegelt werden. Bald bieten sich auch Weltraumlastwagen zur Entsorgung an.

    Nüchtern rechnet Tim Gregory vor, dass mit den geschätzt 500 Milliarden Euro, die Deutschland für die »Energiewende« ausgibt, 40 große Atomreaktoren hätten gebaut werden können – ausreichend, um das ganze Land CO2frei zu machen. Stattdessen sind wir hierzulande immer noch auf fossile Energie angewiesen, die viel Kohlendioxyd in die Luft pulvert, allen grünen Deals zum Trotz.

    Bleibt schließlich das Argument, es dauere zu lange, neue Meiler zu bauen. Das stimmt, einerseits. Zwischen 1973 und 1999 hat Frankreich 56 Reaktoren gebaut, deren Bau im Schnitt sechs Jahre brauchte. Atomkraftwerke, die nach 2000 errichtet wurden, dauerten durchschnittlich zehn Jahre. Schuld daran ist nicht das Atom, sondern die Überbürokratisierung und das NIMBY-Symptom (»Not in my Backyard«).

    Ökonomisch unverantwortlich, moralisch falsch und psychologisch irrational.

    Den Anti-AKW-Irrationalismus der Deutschen gab es nicht immer schon. Von den fünfziger bis in die frühen siebziger Jahre herrschte sogar eine Atom-Euphorie. Die »friedliche Nutzung der Kernkraft« galt als sauber, still, unendlich und bestens geeignet, die schmutzige Energie aus Kohle und Öl zu ersetzen. Das Atom werde unsere Ernährung verbessern und uns – Stichwort Nuklearmedizin – gesund machen. »Unser Freund, das Atom«, titelte ein viel beachteter Werbefilm aus dem Jahr 1957. Nur die Industrie war zurückhaltend, denn die hatte gerade viel Geld in die Braunkohle investiert. Der Traum von der friedlichen Atomindustrie sei die »Integrationsideologie der fünfziger Jahre«, schreibt der Historiker Joachim Radkau in seinem Standardwerk über »Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft« aus dem Jahr 1983.

    Wann hat sich der Wind gedreht? Mitte der siebziger Jahre, zu einem Zeitpunkt, als mit der Ölkrise auch die fossile Energie unsicher wurde, schlug die Stimmung um. Aus dem Hoffnungsträger wurde ein gewaltiger Angstgegner. Die Anti-AKW-Bewegung, in Bestform mit bis zu 120.000 Kundgebungsteilnehmern, stellte nicht nur alle Demonstrationen der Studentenbewegung in den Schatten, sie steht auch in der Welt einzigartig da. Hierzulande hat sie mindestens zwei Generationen tief geprägt. Angefangen hatte es Mitte der siebziger Jahre mit dem Protest gegen den Bau eines Atomkraftwerks im badischen Wyhl, der von den Kaiserstühler Winzern ausging, die durch die Nebelschwaden aus den Kühltürmen der Meiler Nachteile für ihren Wein befürchteten und vor einem »Ruhrgebiet am Oberrhein« warnten.

    Erst später mischten sich unter die lokalen Bauern und Bürger zugereiste »Atomtouristen« (oft konservative Technikkritiker). Da spätestens hatte eine tiefsitzende German Angst vor dem Atom (Atomkrieg, Krebs, Weltuntergang) die Erlösungssehnsüchte durch das Atom verdrängt. Das alles, wohlgemerkt, war lange vor den Störfällen in Harrisburg und Tschernobyl.

    Gegen tiefsitzende Ängste ist kein Kraut gewachsen, sagt man. Zumal die Anti-AKW-Bewegung zum Gründungsmythos der grünen Partei gehört. Doch Pfadwechsel sind nicht ausgeschlossen. Immerhin haben die meisten Deutschen, gerade auch viele Grüne, inzwischen ihren Pazifismus revidiert. Vielleicht gelingt das auch mit der irrationalen Abwehr des friedlichen Atoms?

    Rainer Hank