Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 30. März 2026
    Der Enkeltrick

    Die Kleinfamilie erb am meisten

    Dieser Artikel in der FAZ

    Was hat die Familie im Erbrecht zu suchen?

    Wie kommt man an ein ordentliches Vermögen? Klar, es gibt die langweiligen Wege: Erlerne einen anständigen Beruf, mache Karriere, lebe sparsam! Dann gibt es riskante Wege: Spekuliere am Aktien- und am Immobilienmarkt, fange früh damit an. Und wenn Du ganz mutig bist, dann leihe Dir dafür zu günstigen Konditionen Geld, um den Hebel des Gewinns zu vergrößern. Wenn es gut geht, kann man auf diese Weise schwer reich werden. Es kann aber auch schwer daneben gehen.

    Ich hätte hier einen etwas ungewöhnlichen Vorschlag zum Erwerb eines großen Vermögens. Freunde Dich mit einer kinderlosen Witwe an – und lass Dich von ihr adoptieren. Das mag sich auf den ersten Blick anhören wie aus einem Trivialroman über einen Erbschleicher, kommt aber in der Realität gar nicht so selten vor, wie ich mir habe sagen lassen.
    Nehmen wir also an, der zu Adoptierende sei kein Erbschleicher, sondern habe sich in langen Jahren um die Witwe gekümmert, weshalb sie ihm aus Dankbarkeit ihr Erbe überlassen will. Nehmen wir der Einfachheit weiter an, es gehe um ein Vermögen von zehn Millionen Euro; das ist ordentlich, wenn auch nicht steinreich. Dann stellt sich die Sache so dar: Vererbt die alte Dame ihrem familienfremden jungen Freund ihr Vermögen, bekommt der einen steuerlichen Freibetrag von 20.000 Euro. Der Rest unterliegt in der Klasse III einem Steuersatz von 50 Prozent. Die Witwe will sich bei ihrem Freund bedanken. In Wirklichkeit kann sich der Fiskus bedanken; denn er erbt knapp fünf Millionen Euro, genau gesagt 4.990.000 Euro.

    Eine Adoption verändert alles. Als Kind hat man einen Freibetrag von 400.000 Euro. Der Rest unterliegt in der Klasse Eins einem Steuersatz von 23 Prozent. Nach Abzug des Freibetrags gehen 2.208.000 Euro an den Staat, 7.792.000 bleiben beim Erben. Damit summiert sich der geldwerte Vorteil der Adoption auf 2.802.000 Euro. Davon muss man noch die Gerichts-, Notar- und womöglich zusätzlichen Anwaltskosten abziehen, die sich über den Daumen gerechnet auf 20.000 bis 60.000 Euro belaufen, aus meiner Sicht verkraftbar – und zudem steuerlich absetzbar. Rein steuerlich motivierte Adoptionen sind natürlich verboten. Nachzuweisen ist eine »echte soziale Mutter-Kind-Beziehung«. Aber genau so habe ich meine Geschichte ja konstruiert.

    Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet

    Nun will ich hier keine Ratschläge geben zur Steuervermeidung im Erbfall; viele Kanzleien leben davon und machen das besser als ich. Mir geht es um eine Ungerechtigkeit, die merkwürdigerweise selten thematisiert wird. Mit welchem Recht wird die Familie im Erbrecht privilegiert? Was rechtfertigt einen derart satten Eingriff in das Recht des Erblassers, der doch in einer liberalen Gesellschaft mit seinem Eigentum machen können sollte, was er oder sie will? Denn Artikel 14 unseres Grundgesetzes garantiert: »Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.«

    Das würde eine Besserstellung von Familienmitgliedern Grenzen setzen, stünde da nicht der Zusatz: »Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.« Die gesetzliche Beschränkung der Freiheit ist ziemlich kompliziert und überbürokratisiert und würde sich als Übungsfeld für Bürokratieabbauer vorzüglich eignen. Denn es gibt nicht nur mindestens sechs Stufen von Freibeträgen, die feinsinnig unterscheiden zwischen Urenkeln (100.000 Euro) und Enkeln (200.000 Euro, wenn Elternteil lebt, 400.000 Euro, wenn Elternteil verstorben ist). Zusätzlich gelten je nach Umfang des Erbes in drei Steuerklassen Steuersätze zwischen sieben und fünfzig Prozent.

    Der unbedingte Respekt vor dem Privateigentum gehört zu den Grundfesten einer liberalen Gesellschaft. So steht es auch in den Lehrbüchern der sozialen Marktwirtschaft. Dass der Staat mit Steuern auf das Eigentum seiner Bürger zugreift, ist streng genommen selbst bereits ein Verstoß gegen die Freiheit des Eigentums. Doch haben die Bürger in demokratischer Freiheit dem zugestimmt, weil sie hoffen, dass sie im Gegenzug für ihr Geld auch etwas bekommen: gute Schulen für ihre Kinder, gute Straßen für die Lastwagen ihrer Unternehmen, gute Panzer als Schutz gegen Putin & Co.

    Doch warum diskriminieren die Preise für Staatsleistungen nach den verwandtschaftlichen Beziehungen der Akteure? Marietta Auer, meine Lieblingsrechtswissenschaftlerin vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie, hat darauf eine freche Antwort: Das Gesetz beruht auf einem anachronistischen Gesellschaftsbild. »Die Legitimation des Erbrechts bleibt in Deutschland an das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie von 1950 gebunden«, so Auer. Nachlesen kann man das im Februarheft der Zeitschrift »Merkur« unter der Überschrift »Die deutsche Familie im Spiegel des Erbrechts.«

    Besonders anschaulich wird der Eingriff in die Freiheit beim »Pflichtteil«. Der Erblasser kann seine Familie vollkommen enterben, gelingen wird ihm das nimmer. Denn es bleibt der Pflichtteil. Und der ist mehr als ein Almosen zur Unterstützung armer Familienmitglieder. Nehmen wir also noch einmal ein Vermögen von zehn Millionen, die eine gerade verstorbene Frau ihrem liederlichen Mann und ihren zwei nichtsnutzigen Kindern mittels Enterbung entziehen wollte. Gleichwohl gilt die Hälfte des gesetzlichen Erbteils als Pflichtteil: ein Viertel, also 2,5 Millionen, bekommt der liederliche Mann, je ein Achtel, also 1,25 Millionen, geht an die nichtsnutzigen Kinder. Lediglich die Hälfte des Geldes kann testamentarisch frei für wohltätige Zwecke verteilt werden.

    Der Staat misstraut seinen Bürgern

    Natürlich hat die Privilegierung der Familie historische Gründe: Vermögen war fast immer Familienvermögen. Die Hinterbliebenen sollen nicht mittellos dastehen, verarmen und dann womöglich dem Staat zur Last fallen. Und dann steht im Grundgesetz nicht nur die Testierfreiheit (Artikel 14), sondern auch, dass Ehe und Familie zu schützen sind (Artikel 6).

    So lässt sich das Erbrecht als Kompromiss zwischen Testierfreiheit und Familienschutz interpretieren. Marietta Auer bestreitet freilich, dass der Kompromiss fair und heute noch zeitgemäß sei: »Es bleibt bei allem der Eindruck eines Staates, der den privaten Lebensentscheidungen seiner Angehörigen fundamental misstraut, sobald sie sich aus dem engen Korridor eines kleinbürgerlichen Lebensmodells herausbewegen.«

    Was tun? Das Bundesverfassungsgericht wird sich demnächst mit der Ungerechtigkeit einer Privilegierung von Betriebsvermögen, also Unternehmenseigentum, im Erbrecht befassen. Das Gericht könnte sich bei dieser Gelegenheit auch mit der Zwangsprivilegierung der Familie im Erbrecht beschäftigen. Und der Gesetzgeber könnte – statt es immer noch komplizierter und ungerechter zu machen – das Erbrecht radikal liberalisieren. Etwa so: »Ein Erblasser ist völlig frei, wem er sein Eigentum überträgt. Eine Erbschaftsteuer wird nicht erhoben.«

    Rainer Hank

  • 17. März 2026
    Wir steigern das Bruttosozialprodukt

    Philosophen unter sich: Lanz und Precht Foto Focus online

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum Richard David Precht ein paar Denkfehler unterlaufen

    Warum sind die Chinesen vom deutschen Bundeskanzler so begeistert? Nach dessen Besuch in China Ende Februar verbreitete die in Peking erscheinende Parteizeitung »Global Times« einen Videoausschnitt einer Rede, die Merz im hessischen Volkmarsen unmittelbar nach seiner Rückkehr aus China gehalten hatte. Zur Einordnung: Volkmarsen liegt in Nordhessen, 28 Kilometer Luftlinie westnordwestlich von Kassel am Nordrand des Waldecker Tafellands. Wo Peking liegt, brauche ich nicht eigens erklären.

    In Volkmarsen also hatte Merz gesagt: »Wenn Sie aus China kommen, dann haben Sie nochmal deutlicher das Gefühl, dass mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist.« Diese Sätze wurden per Video aus Volkmarsen nach China transportiert, verbunden mit dem Hashtag »Der deutsche Bundeskanzler ist nach seiner Rückkehr aus China in Panik«, ein Satz, der im Reich der Mitte allein 48 Millionen Aufrufe erzielte.

    Mich hat diese Meldung an den ehemaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erinnert, der mit dem geradezu prophetischen Ausspruch »Ich sage nur China, China, China« in die Geschichte eingegangen ist. Gemeint war: Europa überschätzt sich. Und: Die eigentlichen globalen Verschiebungen passieren langfristig in Asien. Heute gilt in der chinesischen Tech-Branche vielerorts die 9–9–6–Philosophie: Arbeiten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends und das an sechs Tagen die Woche. Für Deutschland dagegen melden die Statistiker dieser Tage einen Teilzeitrekord.

    Dass die Deutschen angesichts dieser Herausforderungen wieder produktiver werden und länger arbeiten müssen, ist eine Forderung, die Politiker und Wirtschaftswissenschaftler seit Monaten wiederholen. »Eine Stunde mehr ohne Lohnausgleich«, fordert der bayerischen Ministerpräsident Markus Söder. Moritz Schularick, Präsident des »Kiel Institut für Weltwirtschaft« pflichtet ihm bei: »Wir sollten alle 10 Prozent mehr arbeiten – ohne Lohnausgleich«.

    Die wundersame Vermehrung der Mülltonnen

    Der Pop-Philosoph Richard David Precht findet das »die dämlichste Idee«, die er je gehört habe. In seinem Podcast zusammen mit Markus Lanz zerpflückt er das Argument nach allen Regeln der populistischen Rhetorik. Prechts Beispiel sind die Müllmänner. Wenn die künftig eine Stunde länger arbeiten müssten, bringe das gar nichts für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit: »es werden ja nicht mehr Mülltonnen«. Die Folge, so Precht, sei also eher das Gegenteil: Das Arbeitstempo werde gedrosselt. Precht treibt seine Polemik auf die Spitze, wenn er über Bestatter nachdenkt, die ja auch nicht mehr Leichen zum Begraben hätten, wenn sie eine Stunde länger am Friedhof ausharren müssten.

    Hätte Precht Recht, liefe die Debatte darüber, ob die Deutschen faul sind, gänzlich in die falsche Richtung. Eine Stunde Mehrarbeit würde die Faulheit vergrößern, allerdings ohne Freizeit- und Freiheitsgewinn.

    Prechts Beispiel ist rhetorisch stark, aber ökonomisch unterkomplex. Wo steckt der Denkfehler? Prechts Wirtschaftswelt ist starr und statisch: Danach gibt es immer genauso viel Arbeit wie Mülltonnen. Und es gibt immer ausreichend Leichen für eine 36,5–Stundenwoche einer fixen Zahl von Bestattern.

    Doch so ist die Welt nicht. Schaut man sich auf Job-Portalen um, sieht man zum Beispiel, dass Müllwerker – vornehm: Entsorgungshelfer, Fachkräfte in der Abfallwirtschaft – dringend gesucht werden. Wenn die Stellen aber nicht besetzt werden, sich das Angebot an Müllarbeitern nicht bessert, schlägt eine Stunde Mehrarbeit auf die Qualität der kommunalen Dienstleistungen positiv durch. Es würden endlich mehr oder sogar alle Mülltonnen geleert. Und wenn keine Knappheit an Müllmänner herrscht, könnten die Kommunen mittelfristig durch eine Stunde Mehrarbeit mit weniger Personal auskommen. Dass Prechts Polemik schließlich bei der Industriearbeit ins Leere läuft, liegt auf der Hand: Wenn die Arbeiter bei Mercedes in Untertürkheim länger schaffen, kommen am Ende mehr Autos vom Band – und die Arbeitskosten pro Auto verringern sich: Mercedes würde wettbewerbsfähiger im Vergleich zum japanischen Toyota oder chinesischen BYD.

    Was eigentlich ist Produktivität? In Lehrbüchern dient Robinson auf seiner Insel als Beispiel. Produktivität bezieht sich auf die Menge der Güter und Dienstleistungen, die der einsame Robinson in einer bestimmten Zeit herstellen kann. Je mehr Fische er in der Stunde fängt, umso mehr hat er zum Abendessen. Um produktiver zu werden, kann er schneller arbeiten, länger arbeiten, einen besseren Angelplatz finden oder seine Angel technisch verbessern. Ebenso wie Robinson kann ein Land nur dann einen hohen Lebensstandard erreichen, wenn es in der Lage ist, eine große Menge an Waren und Dienstleistungen zu produzieren.

    Die Stunden machen’s

    Nun sagt Richard David Precht, viel entscheidender als die simple Zahl der gearbeiteten Stunden sei es, wie effizient und technologisch kreativ die deutsche Wirtschaft sei. Da ist was dran. Aber Technologie, Wissen, Effizienz und Organisation kompensieren nicht die Viertagewoche. Der Wohlstand pro Kopf hängt nicht nur davon ab, wie produktiv eine Stunde ist, sondern auch davon, wie viele Stunden insgesamt gearbeitet werden. Nehmen wir an, die Wertschöpfung pro Stunde betrage im Land A 70 Euro und es werden 1.400 Stunden im Jahr gearbeitet. Dann beträgt der Pro-Kopf-Output pro Erwerbstätigem 98.000 Euro. Liegt im Land B die Produktivität pro Stunde bei lediglich 60 Euro, es werden aber 1.900 Stunden gearbeitet, erhöht sich der Output auf 114.000 Dollar. Fazit: Obwohl Land A durch effizientere Arbeitsstrukturen produktiver ist, liegt Land B beim Output pro Kopf vorne. Genauso sieht es aus. Deutschland liegt bei der Stundenproduktivität über dem Durchschnitt der OECD. Da aber in vielen anderen Ländern mehr Stunden gearbeitet werden als in Deutschland, ist dort der Output größer, auch wenn die Stundenproduktivität geringer ist.

    Das Problem könnte sich mittelfristig sogar noch verschärfen, wenn hierzulande die Teilzeitquote weiterwächst, die Boomer den Arbeitsmarkt verlassen, die Lebensarbeitszeit aber gleichbleibt. In welchem Maße die Künstliche Intelligenz zu einem kompensatorischen Produktivitätsschub führt, steht (noch) in den Sternen.

    Und nun? Da bleibt nur, die vom Richard David Precht selbst zitierte Zeile aus dem alten Song von »Geier Sturzflug« wörtlich zu nehmen: »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!« Wir können es auch bleiben lassen, weil uns unsere Work-Life-Balance so ans Herz gewachsen ist. Das bringt am Ende noch mehr triumphale Klicks in den Parteizeitungen Pekings, während die Menschen im hessischen Volkmarsen eher ärmer werden.

    Rainer Hank

  • 17. März 2026
    Das Spiel ist aus

    Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) Foto Insel Verlag

    Dieser Artikel in der FAZ

    Vom Ende der regelgeleiteten Weltordnung

    Am 24. Februar 2022 hat Vladimir Putin die Ukraine überfallen. In der vergangenen Woche jährte sich dieses Datum zum vierten Mal. So viel derzeit von Frieden und Friedensgesprächen die Rede ist: Die Bilder, die wir täglich im Fernsehen zu Gesicht bekommen, sprechen eine andere Sprache.

    Drei Tage nach dem Überfall, am 27. Februar 2022, hielt der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz eine Rede, die schon am selben Tag berühmt wurde. Der zentrale Satz lautete: »Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.«

    Dass ein europäischer Staat einen anderen europäischen Staat angriff, hat es seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Dass der Überfall »völkerrechtswidrig« war, wird seither stets hinzugefügt. Putin selbst gab sich noch nicht einmal sonderlich Mühe, die kriegerische Aggression zu begründen. Mal hieß es, es seien in der Ukraine »Faschisten« an der Macht, die man entmachten müsse. Mal sollte die russischstämmige Bevölkerung im Osten der Ukraine durch die »militärische Spezialoperation« Russlands »befreit« werden.

    Doch in welchem Sinn stimmt die Behauptung einer »Zeitenwende«? Dass Staaten Regeln des Völkerrechts brechen, reicht zur Begründung nicht. Das passierte nicht zum ersten Mal. Besonders prominent für einen westlichen Regelbruch ist der von den Vereinigten Staaten geführte Krieg gegen den Irak 2003, ohne ein aktuelles Mandat des UN-Sicherheitsrats. Die internationale Kritik war groß, weil dieser Einsatz gegen das Gewaltverbot der UN-Charta verstieß. »Legitime« militärische Gewalt ist nur zulässig zur Selbstverteidigung oder mit Mandat des UN-Sicherheitsrats. Die Begründung für den Angriff – das Regime verfüge über Massenvernichtungswaffen – war nicht minder erfunden als die Begründung, die Putin für die Aggression in Anspruch nahm. Doch, soweit ich mich erinnere, sprach 2003 niemand von »Zeitenwende« und vom Bruch der »regelgeleiteten Weltordnung«.

    Auch internationale Wirtschaftsverträge werden regelmäßig gebrochen. »Das interessiert mich jetzt nicht«, nuschelte Bundeskanzler Gerhard Schröder schnoddrig, als er im Sommer 2002 nach einer Hochwasserkatastrophe den Vertrag von Maastricht brach, der ein maximales Haushaltsdefizit von drei Prozent vorschreibt. Es gab ein bisschen Gejaule, aber niemand stellte ein Ende der »regelgeleiteten Ordnung« der Eurozone fest.

    Schlag nach bei Wittgenstein

    Das führt zur Grundsatzfrage: Was ist eigentlich eine Regel? Und was kann eine regelgeleitete Ordnung zu Fall bringen?

    Um die Frage zu beantworten, ist ein kleiner Ausflug in die Philosophie hilfreich. Genauer gesagt in das Spätwerk des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951). Man macht sich deren Bedeutung am ehesten klar, wenn man an ein Spiel denkt, ein Fußballspiel oder ein Schachspiel. Bestimmte Regeln – »Ein Tor zählt, wenn der Ball vollständig hinter der Linie ist« oder »Der Läufer zieht diagonal« – machen nur innerhalb einer bestimmten sozialen Praxis Sinn: Eben dem Fußball- oder dem Schachspiel. Im Schach gibt es kein Foul, im Fußball gibt es keine Regel, wonach der Läufer stets diagonal zieht. Und jeder am Spiel Beteiligte weiß: Ein Foul wird vom Schiedsrichter mit einem Freistoß und womöglich mit einer gelben Karte geahndet. Ein Schachspieler, der den Läufer nicht diagonal, sondern horizontal oder vertikal zieht, hat das Spiel verlassen. Was er macht, macht keinen Sinn.

    Für Wittgenstein ist zentral: Einer Regel zu folgen, ist kein theoretisches Erkennen, sondern ein praktisches Beherrschen, vergleichbar mit dem Erlernen und Spielen eines Spiels. Regeln leben davon, dass alle Beteiligten sie gebrauchen, sie anerkennen und dadurch ihre gegenseitigen Erwartungen wechselseitig und dauerhaft stabilisieren. Und, das ist das Wichtigste, dass der Bruch der Regeln sanktioniert wird (Elfmeter nach Foul innerhalb des eigenen Strafraums) und ihre Befolgung auch gegenüber den Mächtigen durchsetzbar ist. Für den Konfliktfall sind die Spieler übereingekommen, sich dem Urteil eines Schiedsrichters zu unterwerfen.

    An alledem gebrach es aber nach dem 24. Februar 2022: Sanktionen des Westens gegen den russischen Aggressor wurden nur halbherzig durchgesetzt und von vielen Staaten (China, Indien) und Unternehmen von Anfang an unterlaufen. Olaf Scholz, der deutsche Kanzler, war der Meinung, ein kompletter Stopp russischer Gaslieferungen sei den Deutschen nicht zuzumuten, denn es werde dann in deren Wohnungen empfindlich kalt werden. Damit half er mit, jene »Zeitenwende« herbeizuführen, die er selbst mit Bedauern zuvor konstatiert hat.

    Regeln zu brechen ist noch keine Zäsur

    Selbst im Krieg und selbst Staaten müssen sich an grundlegende Regeln halten; für schwerste Verbrechen können Einzelpersonen auf Grundlage des Völkerstrafrechts in Den Haag persönlich zur Verantwortung gezogen werden. Doch nichts davon geschieht!

    Merke: Dass Regeln gebrochen werden, ist noch keine Zeitenwende. Dass ihre Geltung nicht mehr durchgesetzt werden kann oder ihre Anerkennung nicht mehr sinnvoll erscheint, begründet die Zeitenwende. Dann wird nicht mehr nur um die Einhaltung einzelner Regeln gestritten – sondern der Wert von Regeln insgesamt bestritten. Die USA unter Donald Trump (teilweise auch schon früher) ignorieren die Regeln der Welthandelsorganisation WTO und verhängen Zölle als wirtschaftliche und politische Waffe. Sie begründen den Regelbruch und das Ignorieren der Zuständigkeit des amerikanischen Kongresses mit einer »Not- und Ausnahmesituation«. Paradoxerweise wird dadurch aus dem Ausnahmezustand ein Normalfall, der die Ordnung der Regeln dauerhaft außer Kraft setzt.

    Noch einmal: Nicht der Bruch der Regeln, sondern die dauerhafte Verweigerung ihrer Anerkennung von der Staatengemeinschaft definiert das Ende der regelgeleiteten Ordnung. Mit Wittgenstein müsste man sagen: Die Weltgemeinschaft – eine »Gemeinschaft« ist es ja eigentlich längst nicht mehr – hat die Lust am Spiel verloren. Wie Schachspieler, die das Schachbrett umwerfen. Die Felder sind leer; die Figuren purzeln durcheinander. Das Spiel ist aus.

    Gibt es ein neues Spiel? Und wenn ja, wie sind dessen Regeln? Es macht gerade die Unsicherheit unserer Zeit aus, dass das noch niemand sagen kann. Die Macht des Stärkeren, die Logik von Freund und Feind, der dauerhafte Ausnahmezustand – das alles kann man eigentlich kaum als ein regelgeleitetes Spiel bezeichnen. Falls doch, sind die Regeln archaisch. Willkürherrschaft und Günstlingswirtschaft machen die Welt unberechenbar, was abermals ein Zeichen von Regellosigkeit ist. Für die Einhaltung von Regeln braucht es einen Hegemonen oder eine Gemeinschaft, die sich darauf verpflichtet und sie glaubwürdig durchsetzt. Weder das eine noch das andere ist zu sehen.

    Rainer Hank

  • 25. Februar 2026
    Boomer, raus aus eurer Altbauwohnung

    Hohe Decken, Stuck, Erker – und gar nicht so teuer Foto Lukinski

    Dieser Artikel in der FAZ

    Ein Lehrstück über Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Umverteilung

    Boomer-Bashing ist in Mode. Generationenkonflikte sind nichts Neues; es gab sie zu allen Zeiten. Wechselseitig hält man sich Privilegien vor; wechselseitig ist man beleidigt, nicht angemessen für seine Leistungen gewürdigt zu werden.

    Der Begriff der Boomer ist unscharf. Gemeinhin fallen darunter die Jahrgänge 1955 bis 1970. Es gibt auch Früh- und Spätboomer. Boomer waren immer die Vielen, statistisch sind sie die geburtenstärkste Kohorte Deutschlands, Kinder des Wirtschaftswunders, die selbst viel weniger Kinder auf die Welt gebracht haben als ihre Eltern. Jetzt verlassen sie den Arbeitsmarkt und bevölkern die Kreuzfahrtschiffe. Sie haben ihr Leben lang gut verdient und finden, dass sie das auch verdient haben. Schließlich hinterlassen sie den Nachgeborenen eine bessere Welt: Mehr Bildungschancen, bessere Gesundheit, (noch) ausreichend Arbeit für alle, Restaurants um die Ecke mit Speisekarten aus aller Herren Länder. Dass die Zukunft insgesamt unsicherer geworden ist – was können wir dafür?

    Generationenkonflikte ziehen Verteilungsgefechte nach sich. Verteilungskonflikte werden in der Regel als Nullsummenspiele verhandelt und durch Umverteilung zu lösen versucht: Die einen bekommen zu viel, die anderen müssen entsprechend viel abgeben. Das bekannteste Konfliktfeld ist das Rentensystem. Zuletzt hat die schwarz-rote Koalition den Boomern einen garantierten Rentenerhöhungsanspruch zugesichert, den die Jüngeren zu tragen haben, komme, was da wolle.
    Warum die Politik solche Entscheidungen trifft, ist leicht zu sehen. Viele Boomer sind auch viele Wähler; es sich mit ihnen zu verderben, könnte mit Stimmverlusten verstraft werden. Dafür müssen die ganz Jungen jetzt die Verteidigung des Landes übernehmen; ihre Eltern und Großeltern hatten sich – ungleich weniger riskant – in der Friedensbewegung engagiert.

    Neuerdings schiebt sich ein weiterer inter-generationeller Verteilungskonflikt in den Vordergrund: Das Wohnen. Wohnungleichheit zwischen Alt und Jung lässt sich in Quadratmetern messen. Ein durchschnittlicher Boomer bewohnt 59 Quadratmeter, gerne mit Parkett. Die nachfolgende Altersgruppe zwischen 45 und 64 Jahren hat 48 Quadratmeter zur Verfügung. Deutlich enger wird es für alle, die jünger sind als 45 Jahre.

    Die Alten profitieren von den günstigen Bestandsmieten

    Wie sind diese Ungleichheiten entstanden? Da kommt einiges zusammen: Die Boomer-Kinder sind aus dem Haus, ein Partner ist womöglich schon gestorben. Ihr Wohneigentum haben sie zu relativ günstigen Konditionen erworben (niedriger Kaufpreis, attraktive Finanzierungsbedingungen). Sind sie Mieter, profitieren sie von niedrigen Bestandsmieten und einem starken Kündigungsschutz. Gewachsene »Milieus« werden gehätschelt, von den Eigentümern beabsichtigte Modernisierungen werden erschwert, was faktisch als Mietendeckel funktioniert.

    Jetzt sitzen sie da, die Boomer, in den feinen Vierteln und wollen nicht weichen. Warum auch? Die Nachbarn sind nett, der Italiener um die Ecke begrüßt einen mit Handschlag. Jeder Umzug wäre mit hohen sozialen und finanziellen Kosten verbunden.

    Dementsprechend wächst der Widerstand gegen die vielen Alten in ihren günstigen Altbauwohnungen. Die Differenz zwischen Angebots- und Neuvermietungsmieten wächst. 2025 lagen einer Studie des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL) die Median-Mieten für Bestandswohnungen in großen Städten bei gut 16 Euro pro Quadratmeter, während Neuvermietungen im Schnitt bei 23 Euro oder höher lagen – also rund 37 Prozent teurer als bestehende Wohnungen.

    Für Freunde der Umverteilung liegt die Konsequenz auf der Hand. Nehmt den Boomern ihren üppigen Wohnraum. Gerne drapieren sie derartige Zwangsideen als Akt der Solidarität mit den Jüngeren. Der mildeste Eingriff in die Freiheit der Bürger wäre der Wohnungstausch. Die in zentraler Lage wohnende Witwe, nahe von Schulen und Kitas, die sie nicht mehr braucht, macht ihre Wohnung frei für die junge Familie mit zwei Kindern. Als Steigerungsstufe könnte man es mit staatlichen Anreizen versuchen, ähnlich wie bei der »Aktivrente«, dem Steuernachlass für arbeitende Alte. Ich würde von »Mobilitätsprämie« sprechen, wäre ich Politiker: 4000 Euro Umzugshilfe für jedes Boomer-Paar, wenn sie ihre Wohnung räumen. Natürlich müsste den Eigentümern verboten werden, den jungen Neuankömmlingen die Miete zu erhöhen, was kein Problem sein dürfte, nachdem vergangene Woche auch das Bundesverfassungsgericht staatliche Eingriffe in den Preismechanismus offiziell guthieß. Dass dadurch die Nachfrage nach Wohnraum vergrößert, das Angebot aber verkleinert wird, ist den Richtern schnuppe. Es reicht ihnen, dass es »sozial« gemeint war.

    Sollten die Boomer immer noch nicht weichen, bliebe noch die Zwangsbewirtschaftung. Jedem erwachsenen Deutschen stünden per Gesetz, sagen wir 50 Quadratmeter Wohnfläche zu. Staatliche Wohnkontrolleure vermessen die Flächen; die anschließende Wohnraumzuweisung wird sich mittels KI einfacher lösen lassen als in der frühen Bundesrepublik oder der kommunistischen Sowjetunion, wo es so etwas schon einmal gab. Wer nicht weichen will? Na ja, da wird der Staat schon seine Mittel finden. Berliner Politiker mit ihren sozialistischen Vergesellschaftungsideen sind da schon ziemlich weit.

    Man muss es ins Absurde treiben, um die freiheitsfeindliche Zwangslogik dieser Gerechtigkeitstheorien vor Augen zu führen. Umverteilung ist immer Zwang. In der Regel ist es fiskalischer Zwang, beim Wohnen wird daraus rasch physischer Zwang.

    Man nennt es Marktwirtschaft

    Gibt es eine liberale Alternative zur Umverteilung? Die gibt es. Man nennt es Marktwirtschaft. Wenn die Nachfrage nach Wohnungen hoch ist, das Angebot aber niedrig und teuer, dann hilft nur: radikal neu bauen. Bauvorschriften entschlacken, Genehmigungsverfahren beschleunigen, Nachverdichtungen und Aufstockungen erleichtern. Umwandlung von Büros in Wohnraum vereinfachen. Den Charme von Wohnhochhäusern wiederentdecken.

    Das Boomer-Privileg schrumpft automatisch, wenn Wohnraum nicht mehr knapp ist. Ökonomisch ist nicht der Mieter das Problem, sondern die Knappheit. Zugleich müssen alle staatlichen »Schutzrechte« für Bestandmieten (Milieuschutz, Mietendeckel, Kündigungsschutz) abgeräumt werden, die den Preismechanismus am Wohnungsmarkt außer Kraft setzen. Genau diese Maßnahmen staatlicher Politik tragen dazu bei, dass jene Privilegien-Schere sich öffnet, die dieselben Politiker anschließend scheinheilig beklagen.
    Ungleichheiten können, müssen es aber nicht zwingend ungerecht sein. Umverteilung ist in aller Regel ungeeignet. Marktwirtschaftliche Preise sind in aller Regel eine faire Alternative. Das würde den Generationenkonflikt entschärfen und das Boomer-Bashing dämpfen.

    Rainer Hank

  • 25. Februar 2026
    Nachruf auf die Chauffeur

    Herr und Knecht: Der Chef uns sein Fahrer Foto: wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Das autonome Fahren könnte einen ganzen Berufsstand killen

    Kürzlich gab es im wunderbaren Motorteil der FAZ ein Gespräch mit Ola Källenius, dem Chef von Mercedes-Benz. Es ging um die S-Klasse, »die Spitze in unserem Portfolio«, wie Källenius sich ausdrückte. Die wurde jetzt grundlegend überarbeitet und enthält einen Supercomputer, der die Insassen des Fahrzeugs automatisch von Punkt zu Punkt zu navigiert. Der Fahrer kann die Funktion »kooperatives Lenken« wählen, die für ihn die Arbeit übernimmt. Das bringt ungeahnte Freiheiten. Man kann Zoom-Konferenzen abhalten oder im Dolby-Atmos-Sound die Akustik der Elbphilharmonie genießen. Die S-Klasse sei »der beste rollende Konzertsaal der Welt«, schwärmt Källenius.

    Die S-Klasse bleibt weltweit ein Status-Symbol. Doch die Symbole der Macht verändern sich. Opfer der digitalen Innovation wird der Chauffeur, an dem man über lange Zeit erkennen konnte, dass hier eine höher gestellte Persönlichkeit unterwegs war – schon beim Vorläufer des Automobils, der Kutsche, war das so. Der Computer-Chauffeur ersetzt den Fahrer aus Fleisch und Blut. Sollte weiterhin ein Mensch am Steuer sitzen, wird daraus eine Fake-Veranstaltung, vergleichbar dem Heizer auf der E-Lok, den die Gewerkschaften dem technischen Fortschritt trotzend durchgesetzt hatten, demütigend für jeden ehemals stolzen Angehörigen des Berufsstands.

    In der Stuttgarter Niederlassung der Dresdner Bank, in der ich in den sechziger Jahren groß geworden bin, weil mein Vater als Hausmeister dort eine Dienstwohnung hatte, gab es im Erdgeschoss eine riesige Garage für die schwarzen Karossen der Direktoren. Jeder Facility-Manager würde so etwas heute als teure Platzverschwendung mitten in der Innenstadt streichen. Damals war man stolz darauf, dass der Herr Direktor jederzeit seinen persönlichen Fahrer vorfahren lassen konnte. Nicht nur der Generalbevollmächtigte mit dem klingenden Namen Axel Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen hatte ein Anrecht auf den Chauffeur, auch die ihm nachgeordneten Herren hatten ihre Karossen nebst Diener, selbstredend alles Mercedes. Ein anderer Hersteller wäre nicht in Frage gekommen, nicht nur aus Stuttgarter Lokalpatriotismus: VW war, wie der Name sagte, für das Volk, nicht für die Oberen. Und Porsche, zwar auch aus Stuttgart, wäre zu frivol gewesen.

    Mit Wattenbauch und Politur

    Für mich als Kind gehörten die Begriffe Direktor und Chauffeur quasi auf natürliche Weise zusammen – das französische »au« wurde meist wie »a«, also »Schafför«, ausgesprochen. Ich habe mich gerne in der Garage herumgetrieben. Die Chauffeure waren immer beschäftigt, auch wenn sie gerade nicht ihren Chef kutschieren mussten. Dann konnten sie mit einem Wattebausch und dickflüssiger Politur »ihren« Wagen zum Glanz bringen. Oder sagen wir besser: Den Glanz erhalten. Denn eigentlich habe ich nie ein Auto gesehen, das nicht glänzte. Wenn dann immer noch keine Fahrt anstand, dann klopften sie Skat.

    Der Chronist, oder besser der Psychologe des Chauffeurs ist der Schriftsteller Martin Walser. Der Held aus Walsers Roman »Seelenarbeit« (1979) heißt Xaver Zürn. Ich habe »Seelenarbeit« für diese Kolumne wiedergelesen – mit größtem Vergnügen und entsprechender Empfehlung an die Leser.

    Xaver Zürn ist Fahrer des Fabrikanten Dr. Gleitze, den er in Tettnang unweit des Bodensees abholt, und von dort in die weite Welt chauffieren muss. Es ist ein 450 SEL, acht Zylinder, ein echtes Kraftpaket der damaligen S-Klasse, heute auf dem Oldtimer-Markt ziemlich begehrt. Natürlich werden auch Frau Dr. Gleitze oder die alten Eltern des Chefs kutschiert. Und natürlich wird Dr. Gleitze nicht nur zu dienstlichen Terminen gefahren, sondern zum Beispiel auch zu allen bedeutenden europäischen Opernhäusern. Denn der kunstsinnige Mann hatte sich vorgenommen, alle Aufführungen von Mozart-Opern, die in Europa Metropolen gegeben werden, zu besuchen und darüber ein Buch zu schreiben.
    Der Fahrer ist viel mehr als nur ein Angestellter im arbeitsteiligen Kapitalismus. Er steht seinem Herrn praktisch rund um die Uhr zur Verfügung, gehört wie das Dienstmädchen zur Familie – weshalb Zürns Vetter ihn als »Sklavennatur« verspottet: »Der typische ‚Geh-her da›, der auf Kommando Männchen macht.«

    Doch so einfach ist das Verhältnis zwischen dem Fabrikanten und seinem Fahrer nicht. Wie alle Herr-Knecht-Beziehungen geht es um ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Der Knecht wäre nichts ohne seinen Herrn, aber der Herr wäre ebenfalls nichts ohne seinen Knecht, an dem alle Zeitgenossen ablesen können, dass er ein Herr sein muss. Das Abhängigkeitsverhältnis ist asymmetrisch. Der Herr sitzt im Fond, der Fahrer sitzt am Steuer und hat die Verantwortung dafür, den Direktor sicher und pünktlich an sein Ziel zu bringen. Ist man angekommen, öffnet er dem Herrn die Tür, schlägt die Hacken zusammen und nimmt die Dienstmütze ab.

    Der Fahrer ist ständiger Zeuge seines Chefs und stummer Mitwisser. Dass er daraus Macht bezieht, darf er nicht zeigen. »Dass er sich beherrschen müsse, sein Gesicht unter Kontrolle halten«, hat Xaver Zürn als erstes in diesem Beruf gelernt: »Wenn die Herrschaften im Fond einander Witze erzählen, lacht man nicht mit. Wenn die einander Probleme erzählen, schaut man nicht auch sorgenvoll drein. Man achtet darauf, dass man nicht zufällig selber etwas denkt, was einen zum Grinsen bringen könnte.« Selbstbeherrschung und Verschwiegenheit sind die Kardinaltugenden des Fahrers.

    Weiße Schildmütze in Japan

    Muss man es bedauern, dass der Chauffeur aus unserer Wirtschaftswelt verschwunden ist? Ich glaube, viele Fahrer haben ihren Beruf – und ihren Chef – geliebt, zumindest geachtet. Aber als ein schönes Leben kann man ihr Leben wohl nicht beschreiben. Work-Life-Balance war in dieser Welt ein Fremdwort; die eigene Familie hatte zurückzustehen.
    Inzwischen ist der Chauffeur nach Asien ausgewandert. In Japan tragen die Taxifahrer Schildmützen und weiße Handschuhe. Weiße Häkeldeckchen als Überwürfe der Sitze kommt Westlern wie bei Oma vor, gilt dort aber als servicemäßig gepflegt. In China haben überdurchschnittlich viele Kunden einen Chauffeur, berichtet Mercedes-Chef Källenius: als Statussymbol.

    Womöglich ist der Nachruf auf den Chauffeur auch hierzulande verfrüht. Der junge Mensch feiert gerne in der Limousine: es schafft Instagram-Momente. Ein Bekannter berichtete mir von seinen Erfahrungen mit dem »Sixt Ride Chauffeur Service«. Da kann man einen Mietwagen samt angemessen gekleidetem Fahrer buchen, auf Stundenbasis: »Erschwingliche Chauffeurfahrten für jeden Anlass«, wirbt Sixt. Das ist eine Alternative in Zeiten überfüllter und unpünktlicher Züge. Okay, »erschwinglich« ist ein relativer Begriff: Die Fahrt von Frankfurt nach München kostet je nach Automodell zwischen 500 und 900 Euro. Einfach, wohlgemerkt.

    Rainer Hank