Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
06. November 2026Die Wiederentdeckung des Arbeiters
06. November 2026Von wegen Gesamtkunstwerk
27. Oktober 2026Das deutsche Modell in der Krise
27. Oktober 2026Betreuerische Herrschsucht
25. Oktober 2026Die Antiquiertheit des Menschen
12. Oktober 2026Viele Waffen, wenig Ideen
06. Oktober 2026Der Niedergang der Politiker-Sprache
24. September 2026Warum ist es so schwer, reich zu werden?
24. September 2026Blühende Landschaften?
21. September 2026Macht Hitze arm?
06. November 2026
Die Wiederentdeckung des Arbeiters
Die AfD, der Audi Quattro und Wolfgang Streeck
Was ist nur mit dem Arbeiter los? Früher war auf ihn Verlass. Der Arbeiter war ein kampferprobter Mann. Malocher zu sein, war eine Auszeichnung. Dass der Fabrikant auf ihn angewiesen war, begründete seinen Stolz. Dass die White-Collar-Leute, die damals noch nicht Manager genannten Angestellten in Schlips und weißem Hemd, von ihm abhängig waren, war ohnehin klar. Er zahlte pünktlich seinen Gewerkschaftsbeitrag, das Parteibuch kam von der SPD (zuweilen auch von den Kommunisten). Der Arbeiter wusste: Er muss für seine Rechte und für seinen Lohn kämpfen. Geschenkt wird einem nichts.
Ich kann mich erinnern, mit welchem Respekt in den Anfangsjahren meines Journalistenlebens von und mit den Druckern geredet wurde. Die verstanden sich als Elite der Arbeiterbewegung und hatten Macht. Sogenannte Metteure, die dafür zuständig waren, dass der via Bleisatz erstellte Artikel auch auf die Zeitungsseite passte, entschieden, wie viele Zeilen eines Textes am Ende ihrer Kürzung zum Opfer fielen. Ratsch machte ihr scharfes Messerchen – und die überzähligen Zeilen fielen zu Boden.
Ein wenig Verklärung mag in diesem Porträt des Arbeiters stecken. Aber heute? Seit langem schrumpft die Arbeiterschaft; die Angestellten haben die Mehrheit übernommen. Die Gewerkschaften verlieren Mitglieder. Die SPD verliert Wähler aus der Arbeiterschaft. Bei der Bundestagswahl 2025 entschieden sich überdurchschnittlich viele Arbeiter für die AfD, nämlich 38 Prozent. 22 Prozent wählten CDU/CSU, für die SPD stimmten gerade noch 12 Prozent.
Der Arbeiter fühlt sich bedroht. Zukunftsangst tritt an die Stelle von Stolz. Zum Niedergang der alten Industrie kommt die Angst vor KI. Die AfD hat das früh erkannt, gespürt, dass mit Umverteilungsversprechen allein bei den Arbeitern nicht mehr zu punkten ist. Die Partei von Alice Weidel gibt sich als Anwalt der »kleinen Leute«, die von »denen da oben« vernachlässigt wurden. Mit Begriffen wie Heimat, Familie und Leistung versprechen die Rechten, der verunsicherten Klasse ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben.
Die zuständige Kaste der Gesellschaftsanalytiker, die Soziologen und Ökonomen, haben die Migration der Arbeiter nach rechts lange Zeit nicht zur Kenntnis genommen. In Erinnerung ist das Erstaunen des französischen Soziologen Didier Eribon, dessen Mutter, Fabrikarbeiterin in Reims, zeitlebens kommunistisch gewählt hat: Jetzt wählte sie den Front National von Marine Le Pen. Von den Linken fühlte sie sich verlassen. Statt »Wir, die Arbeiter«, hieß es nun »Wir, die Franzosen«.
Inzwischen sind die Sozialwissenschaftler aufgewacht. Der amerikanische Ökonomie-Nobelpreisträger Daron Acemoglu, Professor am MIT, klagt in seinem neuen Buch die linken akademischen Eliten an (zu denen er selbst zählt). In seinem in der kommenden Woche auf Deutsch erscheinenden Buch nennt er es erschreckend, wie wenig Interesse, geschweige denn Sympathie, Menschen mit Hochschulabschluss für die Arbeiterklasse zeigten. Das Problem sei die wachsende Entfremdung zwischen den gut ausgebildeten Teilen der Gesellschaft und dem Rest der Bevölkerung. Akademiker heiraten Akademiker, arbeiten in unterschiedlichen Unternehmen, ihre Wertvorstellungen driften auseinander. Kein Wunder, dass die Arbeiter sich von Rechten und Rechtsextremen angesprochen fühlen, erst recht, wenn die Linken ihnen verbieten wollen, sich von den Migranten bedroht zu fühlen.
Mit mehr Umverteilung durch Steuern und Sozialleistungen lassen sich die Arbeiter nicht wieder für die Mitte zurückgewinnen, so Acemoglu. Er will, dass bereits auf dem Arbeitsmarkt bessere Einkommen und gute Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen. Die Spielregeln sollten so verändert werden, dass Unternehmen wieder einen Anreiz haben, produktive und gut bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen. Er denkt an eine »pro worker KI«, eine künstliche Intelligenz im Interesse der Arbeiter, die menschliche Arbeit nicht ersetzt, sondern die menschlichen Fähigkeiten erweitert. Und er schwärmt vom »deutschen Modell« aus Mitbestimmung, dualer Ausbildung und Kurzarbeit, um Entlassungen zu begrenzen.
Einer, der sich sein ganzes Leben für das deutsche Modell und den Arbeiter stark gemacht hat, ist der Soziologe Wolfgang Streeck, emeritierter Professor am »Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung« in Köln. Aus Anlass seines 80. Geburtstags am 27. Oktober hat der aus nicht akademischen Verhältnissen stammende Streeck den gesellschaftlichen Wandel jetzt anhand seiner eigenen intellektuellen Biografie rekonstruiert. Auslöser seines Interesses war ein Klassenbesuch in den frühen sechziger Jahren bei den Opel-Werken in Rüsselsheim: »Sie haben uns erlaubt, in die Gießerei zu gehen. Die war bei den damaligen Autofabriken immer im Keller. Es war dunkel, die Funken sprühten, halbnackte Männer trugen Kübel mit flüssigem Metall herum.« Er habe gedacht, so der altsprachlich gebildete Schüler Streeck, er sei in der Hölle des Hephaistos gelandet.Streeck studierte in Frankfurt Soziologie. Mit der tonangebenden Frankfurter Schule konnte er wenig anfangen. Adorno und Horkheimer, den Heroen von damals, wirft er dieselbe elitäre Abgehobenheit vor, die Acemoglu der heutigen links-akademischen Elite attestiert. Viel lieber, so Streeck, habe er damals in Partei- und Gewerkschaftskreisen herumgehangen.
Streeck hat den deutschen Industriearbeiter nicht nur als Opfer kapitalistischer Ausbeutung gesehen. Sondern als Motor des industriellen Fortschritts. Interessant ist seine Deutung der Volkswagenkrise der 70er Jahre, die heute kaum einer mehr kennt. Der Käfer hatte ausgedient. Der IG Metall habe die Entwicklung des Audi Quattro – weit mehr als ein Fahrzeug mit Allradantrieb – als technisch diversifizierte Alternative zur Massenproduktion billiger Kleinwagen aktiv unterstützt. Wer teure Autos baut, kann gute Löhne zahlen. Streeck prägte dafür den Begriff »beneficial constraints«, heilsamer Zwang: Hohe Lohnstandards, starke Gewerkschaften und anspruchsvolle Qualifikationsanforderungen sollen die »kreative Fantasie des Kapitals« anregen. Damals war mehr Optimismus als heute – beim Management und bei der IG Metall.
Dass die Soziologie die Welt verändern könne, diese Hoffnung seiner Generation hat Streeck inzwischen weitgehend aufgegeben. Mit dem Zerfall der Gewerkschaften, der Mitbestimmung und der Tarifverträge ging auch der alte Zukunftsoptimismus verloren. Wie Acemoglu plädiert Streeck dafür, den Nationalismus der Arbeiter ernst zu nehmen, statt ihn als falsches Bewusstsein zu denunzieren. Während Acemoglu auf eine Renaissance der Arbeiterklasse hofft, bleibt Streeck skeptisch. Aber neugierig.
Rainer Hank
06. November 2026
Von wegen Gesamtkunstwerk
Steigende Arbeitskosten vergiften die Rentenreform
Wir werden uns noch einmal nach Bärbel Bas (SPD) zurücksehnen. Immerhin hat sie die von einer Kommission erarbeiteten Vorschläge zur Reform der Altersvorsorge ein »Gesamtkunstwerk« genannt. Sie muss dabei an den Komponisten Richard Wagner gedacht haben, von dem die Idee stammt: Ein Werk, dessen Teile so aufeinander abgestimmt sind, dass man keines herauslösen kann, ohne das Ganze zum Einsturz zu bringen.
Nun wäre schon dem vorliegenden Rentenpaket zu viel der Ehre angetan, es derart als Kunstwerk zu glorifizieren. Es folgt keiner einheitlichen ökonomischen Theorie, sondern stellt einen politischen Kompromiss dar. Eine gewisse Balance kann man dem Abschlusspapier jedoch nicht absprechen. Würden es »vollständig« (Friedrich Merz) umgesetzt, müssten sich die Jüngeren hierzulande weniger Sorgen um ihr Auskommen im Alter machen.
Eine Weile hat Bärbel Bas das Paket verteidigt. Erst als die CDU-Ministerpräsidenten aus dem Osten anfingen, das Kunstwerk zu attackieren (Motto: Gerechtigkeit für die Dachdecker), äußerte auch Bas Bedenken. Wenn nun aber künftig die Sozialpolitik der schwarz-roten Koalition von ihrem Nachfolger Alexander Schweitzer (SPD) gemeinsam mit der neuen starken Frau der Partei Manuela Schwesig verantwortet wird, kann man sicher sein: Die abschlagsfreie Rente mit 63 wird überleben.
Zur Erinnerung: Die »Rente mit 63« soll nach dem Willen der Kommission nicht nur deshalb abgeschafft werden, weil sie ein teures Privileg (jährlich rund zehn Milliarden Euro) darstellt. Sie soll zudem einen Beitrag leisten zur Finanzierung des kapitalgedeckten Sparens, das obligatorisch ins Rentensystem eingeführt werden soll. Sachlich haben »Rente mit 63« und Kapitaldeckung nichts miteinander zu tun: gesamtkunstwerklich sind sie aufeinander angewiesen. Fällt das eine, wird das andere teurer.
Warum sorgt der Bürger nicht selbst vor?
Eine Kapitaldeckung ist per se eine gute Sache. In einer idealen und liberalen Gesellschaft würde jeder vernünftige Bürger von allein für sein Alter sparen, müsste dazu nicht vom Staat gezwungen werden. Er wäre frei, sich eine Anlageform selbst auszusuchen, es bräuchte weder Staatsfonds noch Zwangsbeiträge. Niemand ist gezwungen zu sparen, solange er nicht erwartet, im Alter der Gemeinschaft auf der Tasche zu liegen.
Doch so ideal ist die Welt nicht. Wir haben einen Sozial-Staat, der zu wissen vorgibt, was gut ist für seine Bürger. Deshalb die obligatorische Kapitalrente. Erst muss Geld angespart werden, bevor das Vermögen künftigen Rentnern (nicht schon den heutigen!) zugutekommt. In der Zukunft versprochene Erträge sind heutige Kosten. Die Kommission schlägt vor, die Rentenbeiträge um zwei Prozentpunkte anzuheben, aufzubringen aus der Wertschöpfung der Unternehmen. Damit erhöht sich der Rentenbeitrag von 18,6 auf 20,6 Prozent. Zwei zusätzliche Beitragssatzpunkte hören sich harmlos an. Tatsächlich würden Arbeitgeber und Arbeitnehmer damit zusammen jährlich rund 30 Milliarden Euro zusätzlich für die Altersvorsorge aufbringen müssen.
Deutschland belastet Arbeit bereits heute fast so stark wie kaum ein anderes OECD-Land. Die Erhöhung wird den deutschen Abgabenkeil bei ansonsten unveränderten Verhältnissen rechnerisch um ungefähr 0,8 Prozentpunkte erhöhen – auf rund 50,1 Prozent. Mit Abgabenkeil wird die Differenz bezeichnet zwischen den gesamten Arbeitskosten eines Arbeitgebers und dem Nettolohn, der beim Arbeitnehmer ankommt. Bei einem alleinstehenden Durchschnittsverdiener wird dann erstmals mehr als die Hälfte der gesamten Arbeitskosten auf Steuern und Sozialabgaben entfallen.
Man reibt sich die Augen: Ausgerechnet eine Reform, die langfristig mehr Wohlstandssicherung verspricht, verteuert kurzfristig die Arbeit. Waren sich nicht alle einig, dass die Arbeitskosten in Deutschland jetzt schon viel zu hoch sind? Sollten die Reformen der Merz-Regierung die Arbeitgeber nicht eigentlich entlasten und nicht zusätzlich belasten? Es ist merkwürdig, dass der Aufschrei der Unternehmer und ihrer Verbände ausgeblieben ist. Mehr als ein pflichtgemäßes Grummeln habe ich nicht vernommen.Es war der Ökonom Peter Bofinger, selbst Mitglied der Rentenkommission, Ex-Wirtschaftsweiser und SPD-nah, der mich am Rande der Geburtstagsparty für Lars Feld auf diesen Konstruktionsfehler der Kapitalrente hingewiesen hat. Die Einführung einer Kapitaldeckung ist sinnvoll, ihre Finanzierung ist es nicht. Und sie ist schon gar nicht gerecht. Wäre das nicht ein guter Punkt, mit dem die Arbeitgeber die Gerechtigkeitsrhetorik der Gewerkschaften, Sozialdemokraten und CDU-Sozialpolitiker (neuerdings inklusive Friedrich Merz) parieren könnten?
Besonders ungerecht ist es für jene Unternehmen, die jetzt schon ihrer Belegschaft eine Betriebsrente anbieten. Wer freiwillig für die Alterssicherung seiner Beschäftigten sorgt, wird durch die neue Pflicht genauso belastet wie ein Unternehmen, das bisher nichts tut.Was aber hat das nun mit der »Rente mit 63« zu tun? Deren Abschaffung, so das Kalkül der Renten-Kommission, würde einen künftig zu erwartenden Anstieg der Beiträge dämpfen.
Entlastung am Sanktnimmerleinstag
Man sieht sogleich die Schwäche: Während die Verteuerung der Arbeitskosten unmittelbar greift, beruht die »Gegenfinanzierung« auf einem Entlastungsversprechen der Rentenbeiträge in der Zukunft. Diese Asymmetrie ist hoch riskant: Was ist, wenn die Deutschen künftig trotzdem früher in Rente gehen und Abschläge in Kauf nehmen? Dann wird der Beitragsanstieg weniger gedrosselt als erhofft.
Doch solche Klügeleien sind nach dem Revirement in der SPD – Bas wird durch Schwesig und Schweitzer ersetzt – ohnehin obsolet. Bleibt die abschlagsfreie Frührente (Gerechtigkeit!), ist das Gesamtkunstwerk endgültig kaputt. Die den Arbeitgebern versprochene künftige Entlastung, Kompensation für die unmittelbare greifende Belastung, wäre hinfällig. Abermals hätte Kanzler Merz etwas versprochen, was er nicht hält.
Wie man es auch dreht: Das wichtigste Reformprojekt der Koalition ist kaum mehr zu retten. Auch eine Minderheitsregierung hülfe an dieser Stelle nicht. Die Rentenversprechen der Rechtspartei AfD sind noch »sozialistischer« als die der SPD.
Politisch sehe ich keinen Ausweg. Ökonomisch gäbe es ihn. Um die Kapitalrente zu retten, ohne die Arbeitskosten zu verteuern, müsste man die zwei Prozentpunkte ihrer Finanzierung aus den jetzigen Rentenbeiträgen abzweigen und nicht den Unternehmen zusätzlich aufbürden. So macht es das vielgepriesene Schweden. Das freilich würde die Rentnerlobby auf die Barrikaden treiben. Denn deren Rentenansprüche würden beschnitten, will man die entstehende Finanzierungslücke nicht aus Steuern und Schulden schließen.
Den Sozialstaat auszuweiten ist leicht. Ihn zu begrenzen und seine Zukunft zu sichern, ist offenbar unmöglich.
Rainer Hank
27. Oktober 2026
Das deutsche Modell in der Krise
Shareholder oder Stakeholder: Wer weiß mehr über die Zukunft?
Was haben Commerzbank und Volkswagen miteinander zu tun? Gar nichts. Die einen verkaufen Autos, die anderen Kredite. Doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich überraschende Gemeinsamkeiten: Beide Unternehmen ringen um ihre Zukunft. Beide Unternehmen sind deutsche Traditionsunternehmen. Die Commerzbank gibt es seit 1870. Volkswagen gibt es seit 1937. Es könnte sein, dass beide Unternehmen über kurz oder lang ihre heutige Gestalt verlieren: die Commerzbank ihre Selbständigkeit, Volkswagen einen beträchtlichen Teil seiner deutschen Substanz.
An Commerzbank und Volkswagen zeigt sich wie im Brennglas die Krise des deutschen Modells. Zur Debatte steht die Zukunft des rheinischen Kapitalismus.
Zu den Fakten: Die Commerzbank steht kurz vor der Übernahme durch die italienische Bank UniCredit, der auch schon die deutsche HypoVereinsbank gehört. UniCredit hält inzwischen ungefähr 47 Prozent an der Commerzbank. Bankchef Andrea Orcel will möglichst schon Anfang 2027 die Kontrolle über den Aufsichtsrat gewinnen und die Bank tiefgreifend umbauen. Der deutsche Staat hält – ein Relikt aus der Finanzkrise – noch gut 12 Prozent der Aktien der Commerzbank und dringt auf den Erhalt des Firmensitzes Frankfurt, die Wahrung der Interessen der Beschäftigten und die Zusicherung, die Commerzbank müsse Bank für den deutschen Mittelstand bleiben. Vorstand und Aufsichtsrat der Bank werten die Übernahme der Italiener als »feindlich« und nehmen für sich in Anspruch, die Interessen »aller Stakeholder« angemessen zu berücksichtigen.
Als Stakeholder bezeichnet man Aktionäre, Beschäftigte, Kunden, Lieferanten, Gläubiger, Staat und Standortkommunen zusammen. Shareholder sind ausschließlich die Aktionäre, also die Eigentümer eines Unternehmens.Bei Volkswagen sieht es so aus: Das Land Niedersachsen verfügt über 20 Prozent der Stimmrechte. Die Gewerkschaft IG Metall ist bei VW so mächtig wie in kaum einem anderen deutschen Metallunternehmen. Niedersachsen kann zusammen mit der paritätischen Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat eine Vetoposition (»Nicht mit uns«) gegen die geplanten tiefgreifenden Restrukturierungsmaßnahmen einnehmen. Diese sind aus Sicht der maßgeblichen Eigentümer – der Familien Porsche und Piëch – notwendig, um die Krise des Konzerns zu parieren: Zu hohe Kosten bei gleichzeitig fundamental verändertem Wettbewerb – chinesische Konkurrenz, Elektromobilität, Handelskonflikte.
Was eint beide Unternehmen? Kapitalinteressen treffen auf mächtige Stakeholder, die an der bestehenden Gestalt des Unternehmens festhalten wollen: Beschäftigte, Gewerkschaften und Politik. Wer vertritt das Unternehmen von morgen?
Die Älteren werden sich an Debatten erinnern, die vor einem Vierteljahrhundert unter der Überschrift »Varieties of Capitalism« geführt wurden. Kapitalismus ist nicht überall gleich und hat sich historisch auf unterschiedlichen Pfaden entwickelt. Grob gesagt stehen sich drei Unternehmenskonzepte gegenüber: das deutsche arbeitnehmerorientierte, »korporatistisch« genannte Konsensmodell, das französische staatsorientierte Modell und das amerikanische Manager-Modell, das den Aktionären als Eigentümern die bestimmende Macht überträgt, in deren Auftrag idealerweise das Top-Management agiert. (Mehr dazu im neuen Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Peter A. Hall: Governing Growth. The Postwar Transformation of Capitalism and Democracy. Princeton Univ. Press.)
Rheinischer Kapitalismus
Stakeholder-Kapitalismus und Shareholder-Kapitalismus stehen einander gegenüber. Die Debatten lassen sich polemisch führen: Dann wird aus deutscher Sicht der Shareholder-Kapitalismus von gierigen Unternehmern getrieben, die schlechte Löhne zahlen, um sich selbst gute Gewinne zu sichern. Umgekehrt wird dem rheinischen Kapitalismus aus angloamerikanischer Sicht vorgeworfen, für den Konsens aller Stakeholder einen zu hohen Preis zu zahlen.
Lange Zeit herrschte friedliche Koexistenz zwischen den Kapitalismen. In guten Zeiten lassen sich Gegensätze leichter versöhnen: Aktionäre erhalten ordentliche Dividenden, Arbeitnehmer hohe Löhne, Kommunen ihre Standorte. Stakeholder-Kapitalismus klingt wunderbar, weil niemand ernsthaft verzichten muss.
Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland jede wirtschaftliche Herausforderung gemeistert. Doch jetzt brauche das Land ein ganz neues Modell für seine Wirtschaft, schrieb der Princeton-Historiker Harold James am vergangenen Wochenende in der FAS. In der Krise wird aus dem schönen Interessenausgleich der Stakeholder ein Vetospiel. »Wir zahlen nicht für eure Krise«, steht auf den Transparenten der Gewerkschaften, eine Parole, die so tut, als hätten die Arbeitnehmer mit der Krise nichts zu tun. Jeder Stakeholder hat ein nachvollziehbares, sehr konkretes Interesse: Betriebsrat und Gewerkschaft an Arbeitsplätzen und hohen Löhnen, das Land Niedersachsen an den Autostandorten, das Land Hessen am Bankenstandort Frankfurt, der Bund an einer deutschen Mittelstandsbank.
Doch wer vertritt eigentlich das Unternehmen von morgen? Der Vorteil des Shareholders besteht nicht darin, dass er kein Partikularinteresse hat. Sondern darin, dass sein Partikularinteresse weniger an die bestehende Gestalt des Unternehmens gebunden ist. Dem Eigentümer geht es darum, dass das eingesetzte Kapital auch morgen noch etwas wert ist. Wo der Gewinn erwirtschaftet wird, mit wie vielen Mitarbeitern, in welcher Fabrik und mit welchem historisch gewachsenen Geschäftsmodell, all das ist dem Eigentümer egal. Das mag auf den ersten Blick egoistisch, vaterlandslos, ja zynisch klingen – hat aber seine Logik. Der Betriebsrat von VW kann schwerlich sagen: »Die Zukunft von VW verlangt, dass vier deutsche Werke verschwinden.« Der Bundesfinanzminister wird kaum verkünden können, Deutschland brauche eigentlich keine eigenständige Mittelstandsbank mehr.
Stakeholder schützen den Status quo. Eigentümer müssen sich fragen, was bleiben kann – angesichts veränderter Marktbedingungen und geopolitischer Umbrüche. Dass die Rechnung aufgeht, ist damit beileibe nicht garantiert. Das ist das unternehmerische Risiko, das die Unternehmer auf sich nehmen – das Risiko, dass ihr Vermögen am Ende verschwindet.
Für den Betrachter laufen gerade zwei Experimente ab, die mitentscheiden, ob und wie Deutschland seine aktuelle Wirtschaftskrise bewältigt. Wir wissen noch nicht, wer gewinnt. Ohne kreative Zerstörung wird das nicht abgehen. Der Shareholder hat den Vorteil, dass er die bestehende Gestalt des Unternehmens nicht verteidigen muss. Stakeholder haben gute Gründe, die Zerstörung zu verhindern. Shareholder müssen sie in Kauf nehmen, wenn das Unternehmen eine Zukunft haben soll.
Rainer Hank
27. Oktober 2026
Betreuerische Herrschsucht
Wie der Staat seine Bürger zu Untertanen macht
Weil jetzt wieder einmal über Gerechtigkeit im Sozialstaat diskutiert wird: Ist es gerecht, dass eine erfahrene Facharbeiterin fast dreimal so viel für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zahlen muss als eine Teilzeit arbeitende Verkäuferin? Oder konkret: Ein Arbeitnehmer mit einem Bruttolohn von 2000 Euro zahlt monatlich 175 Euro in die GKV. Ein Arbeitnehmer mit einem Lohn von 5812, 50 Euro (das ist die sogenannte Beitragsbemessungsgrenze) zahlt 508, 59 Euro. Beide müssen gleich lang auf einen Facharzttermin warten. Beide erhalten nach kurzer Untersuchung vom Hausarzt das gleiche Antibiotikum verschrieben.
Warum hängt ein Versicherungsbeitrag vom Arbeitseinkommen ab? Wenn ich beim Bäcker ein Brötchen kaufe oder beim Italiener eine Pizza bestelle, werde ich auch nicht nach meinem Gehalt befragt, bevor eine lohnabhängige Rechnung kommt. Es wird noch undurchschaubarer: Oberhalb von 5812,50 Euro Bruttoverdienst steigt der Versicherungsbeitrag nicht mehr. Wer 10.000 Euro verdient, zahlt auch »nur« 508,59 Euro. Und wer aus der gesetzlichen Versicherung aussteigt und sich privat versichert, der zahlt einen ganz anderen, auf ihn zugeschnittenen Betrag.
Die Krankenversicherung heißt Versicherung, folgt aber gerade nicht dem klassischen Versicherungsprinzip. Das gilt auch für die Pflegeversicherung und (eingeschränkt) für die Rentenversicherung.
Die Kritik an dieser Konstruktion des Sozialstaats ist nicht neu. Dieser Tage fiel mir ein Aufsatz von Heddy Neumeister mit dem Titel »Autoritäre Sozialpolitik« in die Hände, erschienen 1960 in der Zeitschrift »Ordo«. »Ordo« steht in der Ideentradition des Freiburger Ordoliberalismus, dem es um eine klare Aufgabenverteilung zwischen Staat – zuständig für die Rahmenbedingungen – und Markt – zuständig für Wettbewerb und Wohlstand – zu tun ist. Zum 75. Jubiläum der Zeitschrift hat die Redaktion gerade eine Art kommentiertes »Best of« veröffentlicht. Wer Heddy Neumeister ist, verrate ich am Ende dieser Kolumne.
Neumeister schreibt, man solle eine Sozialpolitik nicht danach beurteilen, wie viel der Staat leistet, sondern danach, welches Verhältnis zwischen Bürger und Staat durch diese Leistungen entsteht. Oder schärfer: Wenn der Staat Leistungen an die Bürger aus Steuern oder steuerähnlichen Beiträgen finanziert, handelt es sich um Zuwendungen, die Neumeister Almosen nennt. Dieser Staat ist ein Fürsorgestaat, was für Neumeister keine Auszeichnung darstellt. Eine Versicherung dagegen verlangt einen nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Prämie (Beitrag), Risiko und Leistung. Von einer »beitragsgerechten« Leistung, so Neumeister, kann nur gesprochen werden, wenn Beitrag und Leistung in einem versicherungsmathematischen Verhältnis stehen. Das ist bei der sogenannten Sozialversicherung nicht der Fall.
Das Versicherungsprinzip ernst nehmen
Dass die Facharbeiterin eine dreimal so hohe Prämie wie die Verkäuferin bezahlt, wäre nur gerechtfertigt, wenn ihr Krankheitsrisiko (Vorerkrankungen, ungesunder Lebenswandel, schlechte Gene) auch dreimal so hoch ist. Man nennt dies das Äquivalenzprinzip. In der Kranken- und Pflegeversicherung ist das Äquivalenzprinzip abwesend. In der Rentenversicherung ist es allenfalls teilweise zu erkennen.
Hinter der Unterscheidung zwischen Versicherung und Fürsorge stehen ein unterschiedliches Menschenbild – und unterschiedliche Vorstellungen über den Sozialstaat. Eine Sozialpolitik, die das Versicherungsprinzip ernst nimmt, setzt zunächst auf Eigenvorsorge. Gegen Schicksalsschläge (Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Alter, Arbeitslosigkeit) würden vernünftige Bürger eine Versicherung abschließen. Um Trittbrettfahrerei auszuschließen, dürfte der Staat zur Not die Versicherung zur Pflicht machen. Nur wer aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, sich zu versichern, würde vom fürsorglichen Staat alimentiert.
Selbstverantwortung und Eigenvorsorge wurden den Bürgern vom Staat ausgetrieben. Der Staat geriert sich als kollektiv umverteilender Fürsorger, macht seine Bürger von sich abhängig – mithin zu »Untertanen«. Der Übeltäter, so Heddy Neumeister, heißt Otto von Bismarck: Er wollte den Arbeiter, der alt oder krank wurde, zum Empfänger von Fürsorgeleistungen unmittelbar durch den Staat machen. Das tat Bismarck nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern »um sich die Arbeitnehmerschaft zu einer dem Staat ergebenen Schicht« zu machen und damit seine Gegner, die Sozialdemokraten, zu schwächen. So etwas nennt Neumeister »autoritäre Sozialpolitik«.
Unter diesem Bismarckschen Konstruktionsfehler leidet der deutsche Sozialstaat bis heute. Deshalb ist er im Kern ungerecht. Versuche, diesen Fehler zu korrigieren und dem Versicherungsprinzip Genüge zu tun, sind regelmäßig gescheitert. Ideen der sogenannten Rürup-Kommission für eine einkommensunabhängige Gesundheitsprämie, die Versicherung und sozialen Ausgleich stärker voneinander getrennt hätte, wurden vor gut zwanzig Jahren nach kurzer und polemischer Debatte erstickt. Versuche, die Alterssicherung stärker auf Kapitaldeckung und Eigenvorsorge zu stellen, sind regelmäßig gescheitert. Ob es unter der jetzigen Regierung etwas wird, wird man sehen.
Heddy Neumeister, ein Vorbild
Den systembedingten Widerspruch der Sozialversicherung, die gar keine Versicherung ist, hat Heddy Neumeister schon 1960 in aller Schärfe in »Ordo« beschrieben. In der Regel schreiben dort liberale VWL-Professoren, also Männer mit Lehrstühlen. Neumeister (1901 bis 1977) war Journalistin. Sie hat zunächst Kunstgeschichte studiert, darin promoviert, anschließend Nationalökonomie. 1930 trat sie in die Redaktion der liberalen »Kölnischen Zeitung« ein, später ging sie nach Berlin als freie Journalistin. 1936 schloss sie sich der Redaktion der »Frankfurter Zeitung« an. Seit 1952 gehörte sie der politischen Redaktion der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« an. Dort widmete sie sich, so Neumeister in einer Selbstbeschreibung, »der Verbindung philosophischer und volkswirtschaftlicher Studien«, für sie eine notwendige Voraussetzung zum Verständnis sozialer Fragen.
Heddy Neumeister zählt zu einer Gruppe selbstbewusster Frauen in den frühen Jahren der FAZ. Zu nennen wären unter anderen Lily Abegg, Hanni Konitzer, Helene Rahms oder Hilde Spiel. »Heddy Neumeister war eine warmherzige Frau«, schrieb FAZ-Herausgeber Bruno Dechamps in einem Nachruf 1977: »Das machte sie so unnachsichtig gegen jedes soziale Engagement, das eigentlich betreuerische Herrschsucht ist.«
Weil kommende Woche in Frankfurt Buchmesse ist, zum Schluss noch ein Hinweis auf zwei empfehlenswerte Bücher zur Vor- und Frühgeschichte der FAZ: Gerald Braunberger: Fackel der Demokratie. Die Geschichte der Frankfurter Zeitung (FAZ-Buchverlag) und Franz Walter: Joachim Fest. Ein Leben im 20. Jahrhundert (dtv).
Rainer Hank
25. Oktober 2026
Die Antiquiertheit des Menschen
Was Günther Anders über die Künstliche Intelligenz wusste
Ein New Yorker Rechtsanwalt erzählt folgende Geschichte: »Vor einigen Monaten verfasste ich für meine Schwester einen juristischen Schriftsatz, der ihr bei einem diffizilen Erbschaftsstreit helfen sollte. Dafür musste ich das Erbrecht zweier Rechtssysteme, grenzüberschreitende Steuervorschriften und eine ziemlich verwickelte Verfahrensgeschichte zusammenführen. Meine Schwester war stolz auf mich. Jetzt verstehe sie, wie ich es beruflich so weit gebracht hätte. Ein paar Stunden später kam eine zweite Nachricht der Schwester. Sie könne nicht umhin zu fragen, wie viel in diesem Schriftsatz eigentlich von einer KI stamme.«
Die Geschichte hat es in sich. Sie stammt aus einer Sammelbesprechung neuerer KI-Bücher – die gibt es derzeit wie Sand am Meer – aus dem aktuellen »Times Literary Supplement«. Was ändert sich eigentlich durch das Wissen, der Schriftsatz stamme von künstlicher statt von menschlicher Intelligenz? Für den Zweck des Dossiers – juristische Schützenhilfe in einem Erbschaftsstreit – eigentlich nichts. Da kommt es nicht auf den Autor, sondern auf den Inhalt an. Für das Ansehen, das der Bruder in den Augen seiner Schwester genießt, ändert sich dagegen alles. Sollte der Verdacht zutreffen, verwandelt sich der Star-Anwalt in einen Scharlatan, der sich mit fremden Federn schmückt. Was ist menschliche Autorschaft noch wert, wenn die autorlose Maschine bessere Ware liefert? Es ist eine tiefe und paradoxe Kränkung: KI, ein Produkt menschlicher Intelligenz, liefert perfektere Ergebnisse als menschliche Intelligenz.
Werden wir noch grundsätzlicher. Der Erfolg der KI führt uns plötzlich vor Augen, »dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und dass wir glauben, dass, was wir können, wir auch dürfen.«
Das Zitat stammt von dem Philosophen Günther Anders. Es eröffnet den ersten Band seines voluminösen Hauptwerks »Die Antiquiertheit des Menschen«, bezieht sich, weil bereits 1956 erschienen, nicht auf die künstliche Intelligenz, sondern auf die von der industriellen Revolution geschaffenen menschlichen Hervorbringungen, genannt Technik: Schöpfungen des Menschen, denen gegenüber sich der Mensch unterlegen fühlt, eben antiquiert, tief gekränkt von der Perfektion seiner eigenen Produkte. Wir seien unfähig, »seelisch up to date« zu bleiben und dazu verdammt, unseren Erfindungen »nachzuhumpeln«, so Anders.
Schöpfungen, die sich vom Schöpfer emanzipieren
Anders, so versuche ich zu argumentieren, könnte zu einem Deuter des KI-Zeitalters werden, gerade weil seine Philosophie nirgends in konservativen Kulturpessimismus verfällt. Die Antiquiertheit des Menschen spiegelt menschliche Größe und Kreativität, die nun Mühe haben, ihren eigenen Erfolg intellektuell und moralisch einzuholen – und zu verhindern, dass sich die Schöpfung gegen seinen Schöpfer wendet. Implizit oder explizit hat Anders als »Anwendungsfall« die Erschaffung der Atombombe vor sich. Mit Claude Eatherly, dem Piloten des Wetteraufklärungsflugzeugs »Straight Flush«, das grünes Licht für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gab, führte Anders einen ausführlichen Briefwechsel. Das darin sichtbar werdende Grundmuster der Schöpfungen, die sich von ihrem Schöpfer emanzipieren und entfremden, konnte Goethes Zauberlehrling noch nicht ahnen. Denn inzwischen ist aus dem Zauberer der Homo Faber geworden.
Wer war Günther Anders? Auf jeden Fall ein schon zu Lebzeiten unzeitgemäßer Denker und »störrischer Philosoph«, so sein Biograf Konrad Paul Liessmann. Geboren im Jahr 1902 als Günther Stern in einer deutsch-jüdischen Familie im schlesischen Breslau studierte er bei Martin Heidegger und Edmund Husserl. Bis zu seinem Tod wirkte er ungemein produktiv als freier Denker, Essayist und Feuilletonist. Nie lehrte er an einer Universität, was seinem Schreibstil gut bekam, der frei von jeglichem akademischen Jargon und für jedermann verständlich ist. Von 1929 bis 1937 war Anders mit der Philosophin Hannah Arendt verheiratet.
Was könnte Günther Anders den heutigen KI-Heroen Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) zu sagen haben? Er würde auf jeden Fall deren Entscheidung begrüßen, das Tempo der KI-Entwicklung zu drosseln. Wir Menschen sind unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen. Insofern sind wir »invertierte Utopisten«: während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen. Dies bezeichnet ziemlich genau den Nebel, der die Drohung umgibt, KI könne womöglich die ganze Menschheit auslöschen.
Was im heutigen KI-Sprech »Alignment« heißt, die Hoffnung, die Ziele und das Verhalten der KI derart mit menschlichen Absichten, Interessen und Werten in Einklang zu bringen, dass sie nur tut, was Menschen tatsächlich wollen, hätte Günther Anders gewiss begrüßt, gleichwohl darauf hingewiesen, dass dies noch nicht verhindert, dass Menschen mit moralisch bösen Absichten ihre Hervorbringungen für destruktive Ziele einsetzen: Erst nach dem Abwurf der Atombombe sah die Menschheit, was sie angerichtet hat.
Das prometheische Gefälle
Doch selbst ein technisch gelungenes Alignment beseitigt nicht das Problem, das Anders das »prometheische Gefälle« nennt: die wachsende Kluft zwischen dem, was Menschen herstellen können, und dem, was sie sich vorstellen und verantworten können. Prometheus, jener Titan, der für die Menschen das Feuer stahl, war im antiken Mythos Inbegriff des autonomen Menschen, der die Natur beherrscht, technisch verbessert und dabei stets überlegen bleibt. Die philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts sah die Unfertigkeit des Menschen als Chance: Weil er nicht festgestellt ist, schafft er sich Kultur und Technik. Bei Anders kippt diese Erfolgsgeschichte: Der unfertige Mensch ist so erfolgreich in der Kompensation seiner Unfertigkeit, dass seine Hervorbringungen ihm davonlaufen. Inzwischen muss nicht mehr die KI beweisen, dass sie dem Menschen genügt; der Mensch muss beweisen, dass er gegenüber der Maschine noch konkurrenzfähig ist. Hat er am Ende mit seiner Intelligenz eine ihm überlegene Intelligenz geschaffen, von der er, einem geduldeten Haustier gleich, dauerhaft abhängt?
Dass Optimismus Pflicht sei, dieses Diktum Karl Poppers wird von Günther Anders als naiv bestritten. Indes mündet seine Analyse anders als bei vielen heutigen Zeitgenossen nicht in einen apokalyptischen Pessimismus. In einem Brief an den Philosophen Ernst Bloch (»Prinzip Hoffnung«) schreibt Anders: »wie wäre es: aus Rache an der Unfertigkeit unserer Geschaffenheit es besser zu machen. Gott zeigen, was eine Harke ist.« Vielleicht sind wir doch nicht völlig antiquiert?
Rainer Hank
