Hanks Welt

Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).

Aktuelle Einträge

  • 22. Juni 2026
    In der Hausschule

    Unterricht am Küchentisch Foto Cornelsen

    Dieser Artikel in der FAZ

    Der Schulzwang des Staats widerspricht der Freiheit

    Wie schrecklich, dass wir die AfD haben. Denn die Partei macht (auch) gute Vorschläge. Doch sobald irgendwo eine AfD-Forderung auftaucht, wird sie von den übrigen Parteien und großen Teilen der Öffentlichkeit hinter die Brandmauer gesteckt, damit kein vernünftiger Nicht-AfDler sich mit ihr auseinandersetzt. Der Anwurf »Das ist ein AfD-Argument« funktioniert als ein Totschlagargument.

    Mein Beispiel ist das sogenannte Homeschooling. Also die Abschaffung der strikten Schulpflicht und der Eröffnung der Alternative, die Kinder auch zuhause zu erziehen. Im Programm der AfD in Sachsen-Anhalt (Wahlen im September, AfD derzeit bei rund 40 Prozent) spricht sich die Partei dafür aus, »eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht« zu schaffen: »Das Recht auf Hausunterricht ist als Elternrecht zu begreifen, die Bildung der Kinder als Pflicht und der Schulbesuch als Angebot, das der Staat vorhalten muss, das die Eltern jedoch nicht zwangsläufig annehmen müssen.« In allen Fragen zu Bildung und Erziehung der Kinder sollen die Eltern das letzte Wort haben, man wende sich gegen sämtliche Versuche staatlicher Einmischung in die Erziehung der Kinder, heißt es bei der AfD.

    Schule als staatliche Einmischung in das Recht der Eltern? Mit so einem Satz kann man die Empörung hierzulande zum Kochen bringen. Ich rufe einen Zeugen auf, der nachweislich nicht der AfD angehört, stattdessen als Heiliger des deutschen Bildungsideals verehrt wird: den Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835). Humboldts nicht genug zu empfehlende Frühschrift von 1792 mit dem schönen Titel »Ideen zu einem Versuch, die Gränzen (sic!) der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen« billigt dem Staat zwar das Recht und die Pflicht zu, im Interesse der Freiheit der Bürger für äußere und innere Sicherheit zu sorgen. Aber von einer Pflicht öffentlicher Erziehung will der Bildungsreformer nichts wissen: »Soll die Erziehung nur Menschen bilden, so bedarf es des Staates nicht«, schreibt Humboldt. Im Gegenteil: Staatliche Beschulung führe dazu, dass die Eltern die Verantwortung für die Aufzucht der Kinder an den Staat delegieren, wofür sie einen hohen Preis zahlen: Statt zu freien und gebildeten Menschen wird die Jugend zu Staats-Bürgern, mithin zu Untertanen gemacht. Staatlich bestallte Lehrer, behauptet Humboldt frech, seien vor allem auf die nächste Beförderung fixiert, während das Wohl privater Erzieher vom Erfolg ihrer Arbeit abhänge. Derartige staatskritische Anwürfe werden heutzutage als libertär gebrandmarkt – oder eben als »typisch AfD«.

    Alma Mahler und Johann Wolfgang von Goethe

    Dabei gibt es in der Geistesgeschichte viele gelungene Beispiele heimbeschulter Menschen. Alma Mahler und die Mutter Alma Mahler-Werfel (1879 bis 1964), die Ehefrau des Komponisten Gustav Mahler hat nur am Rande eine formale Schulerziehung erhalten. Im Winterhalbjahr besuchte sie in Wien die Schule, während des Sommers erteilte die Mutter oder ein Hauslehrer Unterricht. Goethe, der sowieso, hat nie eine Schule besucht. Geschadet hat es ihm nicht. Seine Erziehung hat der Vater streng überwacht. Wie in bürgerlichen Verhältnissen üblich, wurde Goethe von Hauslehrern erzogen, vorzüglich in Rhetorik und Poetik und im Schönschreiben. Neben den alten Sprachen lernte er Französisch, Englisch und Italienisch, später auch Hebräisch.

    Tatsächlich ist heute die Schulpflicht in Deutschland eine der strengsten weltweit. Unsere Nachbarn in Österreich, Frankreich und Dänemark sind da wesentlich liberaler. Dort gilt eine Unterrichts- oder Bildungspflicht, die es leichter möglich macht, Kinder auch zu Hause zu unterrichten. Wer das hierzulande macht und der Schulpflicht nicht nachkommt, muss mit rechtlichen Konsequenzen rechnen. Es drohen hohe Geldstrafen, in einzelnen Bundesländern sogar Haft.

    Der deutsche Sonderweg hat – wie meist – historische Gründe. Besonders rigoros geht es erst seit dem Reichsschulpflichtgesetz von 1938 zu. Faschistisch wird man die AfD-Forderung also nicht nennen können. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man dann darauf bestanden, dass staatliche Schulbeamte dafür bürgen, dass Kinder im Geiste einer liberalen Demokratie und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung erzogen werden.

    Nun zur Empirie. Die ist nämlich besonders spannend, weil es eine Fülle neuer Forschung zum Homeschooling gibt. Zunächst: Homeschooling ist weltweit auf dem Vormarsch. In den USA, dem Heimatland des Homeschoolings, hat sich der Anteil der heimbeschulten Kinder zwischen 2019 und 2024 mehr als verdoppelt auf 3,2 Millionen Schüler. Zuwachs verzeichnen Länder wie Großbritannien, Australien oder Canada.

    Auch Finnland, das Pisa-Vorzeigeland, weist einen nennenswerten Anteil von Hausschulkindern auf. Das stellt einen klassischen Einwand infrage, wonach eine Schulbildung die besseren Leistungen erbringe. Und zufriedene Kinder gibt es hier wir dort: Gemäß Forschungen des kanadischen Thinktanks »Cardus Education Survey« von 2025 lässt sich kein Unterschied der Zufriedenheit der Kinder erkennen. Werden Kinder acht und mehr Jahre zuhause erzogen, sind sie sogar glücklicher.

    Längst kein Nischenphänomen mehr

    Keinesfalls trifft die gerne gemachte Vermutung zu, Heimschulkinder fänden sich überdurchschnittlich in rechts(extremen) oder evangelikalen Familien. Homeschooling, schreibt der britische Economist in einem hilfreichen Überblicksartikel (23. Mai), dem ich die Empirie entnehme, Homeschooling sei kein Nischenphänomen mehr, sondern eine ernstzunehmende Langzeitalternative vieler Bildungssysteme. Meist wählen Eltern nicht das Entweder-Oder, sondern schicken die Kinder eine Weile auf die Schule; vorher oder nachher kümmern sie sich dann selbst um die Erziehung und stellen Hauslehrer an.

    Triftig ist der Einwand, das Homeschooling fördere die Ungleichheit und unterminiere die sozial egalisierende Rolle der Schule: gemeinsames Lernen mit anderen, begabteren und weniger begabten und solchen aus privilegierten und benachteiligten Haushalten. Doch der Einwand trifft schon die heutige Bildungswelt. Die einen kommen auf »Brennpunktschulen«, die anderen aufs humanistische Gymnasium (Lateinkenntnisse finden eher Bildungsbürgereltern wichtig) oder gleich aufs Internat nach England.

    Schließlich, letzter kontraintuitiver Befund: Anders als man meinen könnte, sind Homeschoolkinder (zumindest in den USA) gemäß Daten des dortigen Statistikamtes diverser als Schulkinder. Die Eltern haben ihre Kinder aus der Schule genommen, weil sie dort ob ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Herkunft und Hautfarbe diskriminiert wurden. Das wäre am Ende eine hübsche Pointe, wenn die Forderung nach Aufhebung des staatlichen Schulzwangs auch in die Parteiprogramme grün-alternativer Parteien Eingang fände.

    Rainer Hank

  • 22. Juni 2026
    Der Fluch des Gewinners

    Unterm Hammer Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Warum man bei Versteigerungen schlimme Fehler macht

    Wettbewerb hält die Marktwirtschaft auf Trab. Niemand kann sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Schon lauert die Konkurrenz und macht dem Platzhirsch das Leben schwer. Wettbewerb ist ein faires Entmachtungsverfahren, wussten die Väter der Freiburger Schule der sozialen Marktwirtschaft.

    Auch im Alltagsgeschäft fährt man mit Wettbewerb meistens gut. Wer etwas anzubieten hat, macht eine Versteigerung. Kein Wunder, dass eBay & Co. seit Jahren große Erfolge melden. Wer einen öffentlichen Auftrag vergibt, schreibt ihn aus. Und erwartet, dass er durch dieses Verfahren die beste Qualität zum günstigsten Preis bekommt. Auktionen sind keine neue Idee – man denke an Sotheby’s, gegründet als Buchauktionshaus im Jahr 1744 in London. Mit Christie’s etablierte sich schon kurze Zeit später ein Rivale. Die beiden Auktionshäuser sind Pioniere der Plattform-Ökonomie, noch vor der Erfindung des Internets. Inzwischen gibt es Plattformen für alles und jedes: teuren Wein oder billige Bücher. Das Netz schafft vollkommene Markttransparenz. Es ermöglicht, dass jedermann von allen Teilen der Welt etwas anbieten kann, genauso wie jedermann von allen Teilen der Welt mitbieten kann. Objektiver und fairer können Preise nicht sein. Jeder Anbieter findet so den passenden Käufer.

    Soweit die Theorie. Würde sich die wirkliche Welt nach dieser Theorie richten, wäre diese Kolumne am Ende angekommen. Doch die Welt sperrt sich gegen die Theorie. Deshalb zunächst zwei Beispiele aus der realen Welt und anschließend ein wenig Auktionstheorie.

    Seit es das Internet gibt, hat sich der Handel mit gebrauchten Büchern von den stationären Antiquariaten – wo sich prächtig stöbern ließ – auf Plattformen wie Booklooker, ZVAB oder Medimops verlagert. Dort lässt sich nahezu jedes existierende Buch erwerben. Für den Käufer ist das fantastisch. Für den Verkäufer eher weniger, wie ein altgedienter Antiquar kürzlich auf einer Tagung über die »Zukunft der Privatbibliothek« klagte. Zwar sei die Reichweitenvergrößerung durch das Netz ein Segen für seine Branche gewesen. Doch inzwischen habe die totale preisliche Transparenz vielen seiner Kollegen das Geschäft verdorben, weil nun jeder den anderen unterbiete und damit die Branche und vor allem sich selbst wirtschaftlich zerstöre.

    Lassen wir offen, ob die Transparenz am Unterbietungsmechanismus schuld ist, um zunächst das zweite Beispiel zu bringen:

    Die Kronberg Academy, das ist seit 2022 ein wunderschöner neuer Konzertsaal am Taunusrand nahe Frankfurt, der zwar weitgehend mit privaten Mitteln gebaut wurde, doch nicht gänzlich ohne öffentliches Geld auskam. In einem FAZ-Gespräch (11.Mai 2026) klagte der Intendant jüngst über die Vergabevorschriften: »In jeder Phase des Bauens muss jeder Auftrag europaweit ausgeschrieben werden. Es gibt ein Schlüsselgewerk, an dem zehn andere Gewerke dranhängen. Plötzlich arbeitet dieses Schlüsselgewerk fehlerhaft oder geht in die Insolvenz. Dadurch können zehn andere Unternehmen ihre Arbeit nicht aufnehmen oder fortsetzen, was zu einer erheblichen Verzögerung führt, die eine Kostensteigerung nach sich zieht.« Der Intendant macht dafür die Regel verantwortlich, den jeweils billigsten Anbieter beauftragen zu müssen. Dabei handele es sich beim Billigsten meist um Bieter kurz vor der Insolvenz oder um solche, die durch Nachforderungen die Preisdifferenz zu den Unterbotenen später wieder ausgleichen würden.
    So unterschiedlich meine beiden Beispiele sind, so gleicht sich doch der Kern der Klage: Auktionen trieben die Bieter dazu, unwirtschaftliche Angebote abzugeben, um Aufträge zu ergattern. Der Preiswettbewerb habe den Qualitätswettbewerb verdrängt, heißt es. Im Fall der Antiquare haben zunächst nur die Buchhändler den Schaden, langfristig die Buchkäufer womöglich auch, sollte nur noch Amazon als Monopolist übrigbleibt. Am Bau hat auch der Bauherr den Schaden, weil das billigste Angebot am Ende alles verzögert und verteuert.

    Bieter überschätzen den Wert

    Dass das so ist, liegt nicht unbedingt daran, dass die Menschen böse sind. Sondern es hängt mit der Logik von Auktionen zusammen: Es ist der »Fluch des Gewinners« (The winner’s curse). Bei einer Auktion mit vielen Bietern, die den wahren Wert des Objekts nicht kennen, gewinnt typischerweise derjenige, der den Wert am stärksten unter- oder überschätzt. Wer eine Auktion gewinnt, lernt, dass alle anderen Bieter meinen, dass der Preis für das Produkt zu hoch ist. Dann ist aber die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dem auch wirklich so ist.

    Das Paradebeispiel ist die staatliche Versteigerung der UMTS-Mobilfunklizenzen im Jahr 2000. Die Bieter übertrumpften einander in der Erwartung, dass mobiles Internet ein riesiges Geschäft würde. Allein in Deutschland wurden für sechs Lizenzen über 50 Milliarden Euro gezahlt. Dafür hatten die Unternehmen sich massiv verschuldet – und mussten hinterher Milliarden abschreiben. Der Staat hat gewonnen, die Bieter haben verloren, weil sie sich zum Irrtum verführen ließen.

    Den »Fluch des Gewinners« erklärt mir der Kölner Ökonom und Auktionsexperte Axel Ockenfels erst theoretisch, sodann mit dem schlichten Satz: »Es ist nicht so einfach, die Leute vor der eigenen Dummheit zu schützen.« Weniger schlicht sind die Ideen der Ökonomen, den »Fluch des Gewinners« zu verhindern. Dazu müsste man das Design von Auktionen verändern und etwa den Bietern Gelegenheit geben, schon während des Wettbewerbs von den Geboten anderer zu lernen und die eigenen Gebote anzupassen. Auch die Qualität kann durch kluges Auktionsdesign als Kriterium im Wettbewerb berücksichtigt werden. Zum Beispiel kann für Qualität ein Wettbewerbsvorteil gegeben werden. Der Preis wäre dann nur ein Kriterium: Die Bieter würden zu ehrlicheren Geboten geschubst; der Auftraggeber hätte größere Sicherheit, den »wahren« Preis genannt zu bekommen.
    Doch so raffiniert es klingt, hat auch dieses Design seine Probleme: Nackte Preise sind ein klares Kriterium. Sie zeigen an, was einem ein Produkt oder eine Leistung wert ist.

    Qualität ist ein deutlich weicheres Kriterium, es ist deswegen auch rechtlich viel leichter angreifbar oder lädt zu Korruption ein, was am Ende den Preis verteuert. Strategische Kartellabsprachen bei Geboten wären für die Käufer oder Verkäufer nicht weniger attraktiv.

    Was hilft gegen den »Fluch des Gewinners«? Eine perfekte Antwort gibt es nicht. Wären die Bieter alle rational, würden sie keine unwirtschaftlichen Gebote abgeben. Aber mit der Rationalität ist es so eine Sache: Deutschland zwingt seit Anfang Mai die Bieter dazu, bei öffentlichen Ausschreibungen Tarifverträge einzuhalten. Das ist die schlechteste aller Lösungen: Sie verteuert den Wettbewerb, ohne ihn qualitativ zu verbessern.

    Rainer Hank

  • 19. Juni 2026
    Schwarz-Rot blockiert sich selbst

    Schwarz-Rot Foto Pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Die Koalition sagt den Bürgern nicht die Wahrheit

    »Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.« Keine Bundestagsrede und keine Talkshow über die Reform des Sozialstaats kommt ohne diesen Gemeinspruch aus. Jede Wette – googeln Sie einfach mal oder fragen Sie Ihre KI. Was leistet dieser Satz? Stimmt er?

    Wenn wir kein Erkenntnisproblem haben, sondern »lediglich« ein Umsetzungsproblem, dann ist alles halb so schwer. Dann muss man »einfach mal machen« (CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann) und es wird gut. Wenn der Satz also stimmt, dann braucht man sich auch nicht mehr über »rote Linien« streiten. Aus dem Erkennen, müsste zwingend das Machen folgen. Wenn der Abfluss im Badezimmer verstopft ist, muss das Rohr gereinigt werden.

    Fragt sich bloß, warum die Erkenntnis ihrer Umsetzung harrt. Das kann gemäß der Logik dieser Denkfigur gewiss nicht an den Erkennenden liegen, sondern nur an der Schwäche der anderen. Oder, Maximum der Selbstkritik, es liegt an der unzureichenden Kommunikation. »Wir machen alles richtig, kommunizieren aber nicht ausreichend«, diese Formel ist sozusagen die kleine Schwester des Gemeinspruchs, es hapere lediglich um die Umsetzung. Kanzler Friedrich Merz hat sie als billige Form der Selbstkritik im Repertoire. Dahinter verbirgt sich in Wirklichkeit eine ziemliche Missachtung der Bürger: Die Leute sind schwer von kapisko, also muss man ihnen die Dinge in einfacher Sprache und mehrfach erklären – wie den Kindern.

    Die Denkfigur Erkenntnis versus Umsetzung – das habe ich nachgelesen – ist aus der antiken Philosophie bekannt und heißt »Akrasia«: Ich weiß, was vernünftig ist, tue es aber nicht. Willensschwäche trotz besseren Wissens. Sokrates, wie ihn Plato schildert, hielt Akrasia schlicht für unmöglich. Wer wirklich weiß, was gut und vernünftig ist, der handelt auch danach. Schlechtes Handeln ist immer die Folge von Unwissen. Aristoteles widersprach: Er trennt zwischen Wissen im Besitz und Wissen im Gebrauch. Man weiß, was vernünftig ist, ohne es im Moment des Handelns präsent und handlungswirksam zu haben. Leidenschaft, Gewohnheit oder Trägheit können das Wissen gleichsam außer Kraft setzen.

    Die Politiker der schwarz-roten Koalition, die mit der Denkfigur »Erkenntnis-Umsetzung« hantieren, wären so gesehen Neo-Platoniker: Wenn ihr alle wisst, was zu tun ist, dann macht halt mal voran! Willens- oder Handlungsschwäche werden moralisch verurteilt und als Blockadebegründung nicht zugelassen. Würde man die Weisen nur machen lassen, wäre die Reform des Sozialstaats eine der leichtesten Übungen. Ein bisschen Empathie und Gemeinsamkeitsgedusel – schon läuft’s.

    Haben wir wirklich nur ein Umsetzungsproblem?

    Der klassische Beleg für unseren Gemeinspruch ist die Ruck-Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog vom 26. April 1997. »Übereinstimmend« wüssten alle, dass die hohe Arbeitslosigkeit von über elf Prozent das größte Problem sei, so Herzog: »Wenn sie wirklich meinen, was sie sagen, erwarte ich, dass sie jetzt schnell und entschieden handeln.« Passiert ist nichts. Das Wort »Reformstau« wurde im Jahr der Ruck-Rede zum Wort des Jahres. Man könnte es für das erste Jahr der Regierung Merz wiederbeleben.
    Die Ruck-Redner täuschen die Bürger. Es fängt schon mit der Suggestion an, die Welt des Politischen lasse sich im Modell eines technokratischen Vulgär-Platonismus regieren. Was soll das für eine Erkenntnis sein, die feststellt, dass die Arbeitslosigkeit über zehn Prozent oder die Staatsquote 49 Prozent beträgt? Das ist lediglich Statistik, aus der noch gar nichts folgt. Erkenntnis fängt doch erst an, wenn es darum geht, ob das schlimm ist, wie es so gekommen ist und ob man es ändern oder sollte.

    Und da fängt dann auch der Dissens an. Dieser aber liegt nicht an der schwächelnden Erkenntnisfähigkeit von Politikern. Sondern an unterschiedlichen Grundentscheidungen und apriorischen Voraussetzungen. Ob ein schlanker Staat stark oder schwach ist, lässt sich weder im philosophischen noch im ökonomischen Lehrbuch nachlesen. Wieviel Selbstverantwortung dem Bürger für die Risiken des Lebens (Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit) zugemutet werden soll, ist keine Frage philosophischer oder politikwissenschaftlicher Erkenntnis – sondern eine Frage des Menschenbildes. Wie kommt man zu einem Menschenbild? Schwierige Frage – jedenfalls nicht durch Einsetzung einer Expertenkommission. »Follow the science« ist ein suggestiver Satz mit hohem Ideologieverdacht.

    Machen wir es konkret am Beispiel der Rente. Schon die Diagnose enthält eine Reihe normativer Vorentscheidungen. Wo liegt das Problem: zu hohe Beiträge? Zu niedrige Renten? Zu wenig Kapitaldeckung? Zu geringe Erwerbsbeteiligung? Zu wenig oder eher zu viel Migration (Stichwort: Einwanderung in den Sozialstaat)? Zu große Langlebigkeit relativ zum Renteneintrittsalter? Zu wenig Produktivität? Die Liste ließe sich fortsetzen. Sollte irgendwie alles ein Problem sein, wäre unklar, wie die Anteile gewichtet werden. Und dann geht es erst richtig los: Welche Erkenntnis folgt daraus? Ob mehr private Vorsorge oder eine Erweiterung des Kreises der Beitragszahler (Beamte, Selbständige, Aktienbesitzer) die angemessene Medizin ist? Die einen sagen so, die anderen sagen so. Bei der Umsetzung sind wir noch lange nicht angekommen.

    Ritual technokratischer Selbstberuhigung

    Fazit: Der Satz »Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem« gehört zum Ritual technokratischer Selbstberuhigung der politischen Klasse. Er klingt entschlossen, postideologisch, pragmatisch und plausibel: Und hat die gewünschte Kraft zu verschleiern, dass er falsch ist. Er ist damit selbst Ausdruck eines Erkenntnisproblems.
    Aber was verschleiert die Denkfigur eigentlich? Es ist die Tatsache, dass im demokratischen Wettbewerb unterschiedliche normative Voraussetzungen um die Gunst der Wähler eifern. Im Wahlkampf vertrat die CDU in relativer Reinform das Konzept eines schlanken, entbürokratisierten (Sozial)staats, der mit dem Geld auskommen müsse, das er durch Steuern einnimmt. Die SPD dagegen hält Staatsschulden für eine Wohltat im Interesse künftiger Generationen und Umverteilung von oben nach unten für ein Gebot sozialer Gerechtigkeit.

    Kompromisse zwischen den beiden »Erkenntnissen« sind nur in Maßen möglich; eine Koalition eigentlich ausgeschlossen. Schwarz-Rot ist ja auch gar nicht zustande gekommen wegen großer politischer Schnittmengen im Interesse einer Bündelung richtiger Erkenntnisse, sondern als Konsequenz des Dogmas von der Brandmauer. Damit wirkt Rot-Schwarz als eine Art Gefängnis der Macht, eine Position, die der SPD die Rolle des Vetospielers zuweist, der davon nachvollziehbar großen Gebrauch macht. Genau diese machtpolitische Realität soll von der Rede verschleiert werden, es gebe lediglich ein Umsetzungsproblem.

    Rainer Hank

  • 19. Juni 2026
    Subventionsjunkies

    Für 9 Euro durch ganz Deutschland Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    Staatlich verbilligte Zugtickets bringen gar nichts

    Selten war eine staatliche Subvention so beliebt wie das 9–Euro-Ticket. Von Juni bis August 2022 konnten die Deutschen nahezu fahrpreislos den gesamten öffentlichen Personenverkehr in Deutschland nutzen (mit Ausnahme der Intercityzüge). 82 Millionen Tickets wurden verkauft. Den Steuerzahler kostete das 2,5 Milliarden Euro.

    Das 9–Euro-Ticket sollte zwei politischen Zielen dienen. Es sollte erstens die gestiegenen Lebenshaltungskosten infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine lindern und zweitens ein Instrument zur Dekarbonisierung des Verkehrs werden, weil die Menschen vom Auto auf den Zug umsteigen würden. Nicht zu unterschätzen ist der Zeitpunkt: Nach langen Lockdown-Monaten während der Corona-Krise wurde das Ticket von vielen Menschen als Entschädigung für die staatlich verordneten Freiheitsbeschränkungen begrüßt. Wenn schon kein Freibier für alle, dann aber »Freie Fahrt für freie Bürger« – leider meistens in völlig überfüllten Regionalzügen.

    Die Loblieder auf die Freifahrtscheine ließen keinen Superlativ aus: Für die damalige Ampelregierung möge das Ticket nur ein kleiner Schritt gewesen sein – »für viele Menschen, für die Idee der Demokratie, für gesellschaftliche Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und für das Klima« sei der Schritt aber riesengroß gewesen, schwärmte ein Autor der taz. Volker Wissing, damals Verkehrsminister der FDP, einer Partei, die normalerweise Subventionen nicht gut findet, schloss sich der Feierlaune an: Das 9–Euro-Ticket nannte er »die beste Idee für den Bahnverkehr seit langem«. Okay, später ist er dann aus der Partei ausgetreten.

    Wem nützt das 9–Euro-Ticket?

    Bis heute ist der Ruf nach einer Neuauflage des 9–Euro-Tickets nicht verstummt. Kürzlich hat die Grünen-Fraktion im Deutschen Bundestag in der aktuellen Energiekrise die Wiedereinführung für drei Monate gefordert. Schwarz-Rot ist dem Aufruf bekanntlich nicht gefolgt, hat stattdessen einen Tankrabatt für alle Autofahrer beschlossen.
    Hat das 9–Euro-Ticket tatsächlich die Mobilität verändert – insbesondere die Verlagerung vom Auto auf die Schiene bewirkt und damit für das Klima einen Nutzen gebracht? Falls ja, stand der Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis zur Höhe der Subventionen?

    Genau das hat sich eine aktuelle Studie einer Gruppe von Ökonomen des Ifo-Instituts, der Universitäten Erlangen-Nürnberg und Salzburg zum Ziel gesetzt. Die Studie ist jetzt im »Journal of Public Economics« erschienen. Ich erreiche Sarah Necker, eine der Autorinnen, an der amerikanischen Eliteuniversität Cornell. Dort forscht sie über Maßnahmen zur Verbesserung ökonomischer Bildung der Bürger. Die Lektüre ihrer Studie zum 9–Euro-Ticket kann selbst dazu beitragen, die ökonomische Kompetenz zu verbessern und skeptisch zu werden gegen verführerische Subventionen.

    Bevor ich das Ergebnis der Forscher verrate, sind ein paar Bemerkungen über die Methode der Studie angebracht. Denn die ist ziemlich originell: Es wurden Mobilitätsdaten von rund 10 Millionen anonymisierter Einzelfahrten ausgewertet, die über Mobilfunkbewegungen erfasst wurden. Damit kann man Zug- und Straßenfahrten und deren Veränderungen erkennen. Zweitens wurden Verkehrszähldaten auf Bundesstraßen und Autobahnen untersucht. Das geht inzwischen automatisch über Kameras, Laserscanner oder Induktionsschleifen im Asphalt. In den sechziger Jahren konnten wir uns als Schüler ein Taschengeld verdienen, wenn wir uns mit Handzählern am Straßenrand den Abgasen aussetzten. Drittens nutzten die Forscher Datensätze von »zugfinder.de« mit allen planmäßigen und tatsächlichen Ankunftszeiten der Züge.

    Nun das Ergebnis: Das 9–Euro-Ticket lockte Menschen massenhaft in die Züge –, die den Billigfahrschein vor allem für Freizeitfahrten nutzten. Ein Umstieg vom Auto auf die Bahn hingegen hat kaum stattgefunden. Die wenigen eingesparten CO2–Emissionen stehen in keinem Verhältnis zu den hohen Kosten für den Staat.

    Wer zwei Fliegen schlägt, trifft keine

    Dazu ein paar Zahlen. Der Autoverkehr ging zurück, aber lediglich in geringem Umfang. Die Zahl der Fahrzeuge an Zählstationen reduzierte sich gerade einmal um 1,4 Prozent. Dagegen erhöhten sich die Zugfahrten um rund 35 Prozent. Das bedeutet: Die überwiegende Mehrheit der zusätzlichen Zugfahrten war neu induzierter Verkehr von Menschen, die sonst gar nicht gereist wären. Oder polemisch gesagt: die Menschen leisteten sich von ihren oder anderer Leute Steuern ein kollektives Freizeitvergnügen vorzugsweise am Wochenende und in ländliche Tourismusziele. Wie immer, wenn es etwas umsonst gibt, verschlechterte sich die Servicequalität. Die Züge waren hoffnungslos überfüllt und kamen deutlich später an – mit Dominoeffekten für die Verspätungen des Fernverkehrs.

    Individuell kann man daraus durchaus einen »sozialen Mehrwert« errechnen; bloß für das Klimaziel war es vor allem Geldverschwendung. Rechnet man die staatlichen Zuschüsse auf die eingesparte Tonne CO2 runter, kommt man auf Kosten von 6140 Euro. Denselben positiven Klimaeffekt bekommt man mit dem Emissionshandel schon für einen Einsatz von 100 Euro. Die Berufspendler nahmen auf dem Weg zur Arbeit weiterhin das Auto, das durch den Tankrabatt zusätzlich attraktiver geworden war.

    Bleibt ein letzter Vorzug der Befürworter des 9–Euro-Tickets: Es habe eine fantastische Vereinfachung des undurchschaubaren Tarifdschungels gebracht. Das stimmt. Aber auch hier darf man nach dem Preis fragen: Das 9–Euro-Ticket ist sozial und regional ausgesprochen unscharf. Es profitieren viele Menschen, die die Subvention gar nicht nötig hätten. Das Nachsehen hatten Bürger in ländlichen Gegenden, in denen es weder Züge noch Busse gibt. Dass es schließlich für den Preis unerheblich ist, ob einer zehn oder hundert Kilometer fährt, ist zwar das Wesen einer Flatrate – gerecht ist es aber trotzdem nicht.

    Am Ende zeigt sich wieder einmal: Wer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen will, trifft keine. Das Klimaziel würde man mit viel weniger Geld viel genauer erreichen. Das soziale Ziel ebenfalls – etwa durch Transfers an Bedürftige statt durch pauschale Rabatte für alle. Am Ende bleibt das gute Gefühl der Menschen übrig, dass es etwas umsonst gibt. Man nennt es Geld-Illusion. Der Nutzen erscheint sichtbar, die Kosten verschwinden im Staatshaushalt. Denn natürlich kann der Staat das Geld nicht einfach aus dem Nichts zaubern.
    Ob das heutige Deutschlandticket, das 63 Euro kostet, besser ist? Wohl kaum. Klar: Relativ gesehen gibt es Vorzüge. Der Staat muss jährlich »nur« drei statt zehn Milliarden Euro zuschießen. Der Klimaeffekt ist bezogen auf die eingesetzten Milliarden höher. Dafür sind aber auch die Mitnahmeeffekte höher. Auch deshalb spricht wenig dafür, die Republik dauerhaft an staatlich verbilligte Mobilität zu gewöhnen.

    Rainer Hank

  • 26. Mai 2026
    Die FAS und die AfD

    Urgestein: Konrad Adam, Frauke Petry, Bernd Lucke Foto Archiv

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie wir einmal den Mantelsaum der Geschichte berüht haben.

    Das Treffen am Freitag, dem 1. März 2013, fand statt im Café Basaglia in der Mainzer Landstraße 233 in Frankfurt. Das kleine Stehcafé ist benannt nach dem der Begründer der italienischen Anti-Psychiatrie Franco Basaglia (1924 bis 1980). Der war in den wilden siebziger Jahren dafür verantwortlich, dass Italien seine Irrenanstalten öffnete und die Kranken in die Freiheit entließ; denn in Wahrheit sei die Gesellschaft krank: Irrenhäuser sind nicht alternativlos!

    Es war unser ehemaliger Kollege Konrad Adam, ein Feuilletonredakteur und klassischer Philologe, mit seinen damals 71 Jahren bereits Rentner, der das Treffen im Basaglia vorgeschlagen und am Telefon geraunt hatte, es gehe um die Gründung einer neuen Partei, die »Alternative für Deutschland« heißen solle. Mein Kollege, der Wirtschaftsredakteur Winand von Petersdorff, und ich waren skeptisch, vermuteten eine Grille des Ex-Kollegen, der bis dahin durch konservative Essays, aber nicht durch Parteitagsreden aufgefallen war. Und ohnehin: Am Freitagnachmittag haben FAS-Redakteure wenig Zeit; sie müssen Artikel redigieren. Eine halbe Stunde wollten wir uns Zeit nehmen.

    Schnell war klar, dass Adam es mit der Gründung einer Partei ernst meinte. Es gebe prominente Mitstreiter, zum Beispiel die liberalen Volkswirtschaftsprofessoren Bernd Lucke aus Hamburg, Joachim Starbatty aus Tübingen oder den Schweizer Finanzwissenschaftler Beat Blankart aus Berlin.

    2013, das war die Zeit der Euro-Krise. Die Eurostaaten hatten sogenannte Rettungsschirme aufgespannt, um die überschuldeten Euro-Staaten – vor allem Griechenland – zu stützen, die unter den steigenden Zinslasten ihrer immensen Staatschulden ächzten. Diese Hilfsaktionen – »whatever it takes« – waren nach Einschätzung der Parteigründer eine eklatante Verletzung der Maastricht-Verträge, die die Staatschulden unter Androhung von Geldstrafen auf 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die Neuverschuldung auf drei Prozent der Gesamtschulden begrenzten.

    Das erste Parteiprogramm

    Dass Konrad Adam sich an uns wandte, lag wohl daran, dass er im Wirtschaftsressort von FAS und FAZ nicht zu Unrecht Sympathien für die Eurokritik der Ökonomen vermutete. Er selbst sei vor allem um die Demokratie besorgt, sagte er uns: »Nachdem die Maastricht-Kriterien jahrelang missachtet worden waren, wurden sie buchstäblich über Nacht außer Kraft gesetzt.« In Berlin, wo Kanzlerin Angela Merkel mit der FDP regierte, gebe es eine Allparteienkoalition ohne Opposition, die ihre Politik als »alternativlos« bewerbe. Mit der Gründung der AfD, so Adam, wolle man den demokratischen Wettbewerb retten.

    Bei sich hatte Adam den Entwurf eines Parteiprogramms, ausgedruckt auf der Rückseite eines eigenen Manuskripts; Altphilologen sind sparsame Menschen. Schon am 11. März solle es eine erste Versammlung der Parteigründer geben – in der Stadthalle des Vordertaunusstädtchens Oberursel. Adam sorgte sich nicht nur um die Demokratie, sondern auch, ob genügend Sympathisanten zusammenkämen, damit er nicht auf der Saalmiete sitzenbleiben würde.

    Historische Zäsuren erkennen die Zeitgenossen nicht. Hätten wir damals geahnt, dass das Gespräch im Basaglia das Initial einer neuen Partei war, die heute in Umfragen bundesweit auf 27 Prozent kommt, hätten wir unsere Leser das auf Seite Eins der Sonntagszeitung in großer Aufmachung wissen lassen. Immerhin fand ein kurzer Bericht von Winand von Petersdorff am 3. März seinen Weg ins Blatt unter der Rubrik »Namen & Nachrichten«. Er trug die Überschrift: »Die neue Anti-Euro-Partei. Renommierte Ökonomen und Publizisten sammeln sich.« Tags darauf hatte die Agentur AFP daraus eine kleine Nachricht gebastelt. Demonstrativ gelassen reagierte das politische Berlin: Am besten noch nicht einmal ignorieren. Meinungsforscher gaben der Parteigründung wenig Chancen: »Das hat kein großes Potential für Volksaufregung«, orakelte das Institut aus Allensbach. Tatsächlich konnte sich damals niemand vorstellen, dass aus einer Intellektuellen-Bewegung eine »rechtspopulistische Partei« werden könnte mit einem Wählerpotential von einem Drittel der Stimmbürger.

    Graswurzelbewegung gegen den Euro

    So kann man sich täuschen. Konrad Adams Erwartungen wurden weit übertroffen: Zum Treffen nach Oberursel kamen 1300 interessierte, meist konservative Bürger – eine »Graswurzelbewegung gegen den Euro«, wie die FAZ am 13. März 2013 berichtete. »Wir halten die Alternativlosigkeit für gefährlich, weil es unsere Wähler entmündigt«, so Adam. Der ehemalige Chef der hessischen Staatskanzlei Alexander Gauland, der nach langer Parteizugehörigkeit die CDU verlassen hatte, sekundierte: Mit der Phrase der Euroschicksalsgemeinschaft werde versucht, eine nicht funktionierende Währung zu überhöhen. Dass Gauland einmal graue Eminenz und oberster Strippenzieher der AfD werden sollte, zeichnete sich damals noch nicht ab. Der Berichterstatter der FAZ schrieb, die Versammlung habe sich wie ein währungstheoretisches Seminar angefühlt.
    Der Rest ist Geschichte. Alles ging ganz schnell. Schon einen Monat später, am 14. April 2013 hat sich die AfD als Partei gegründet. Bei den Bundestagswahlen im September 2013 verfehlte sie mit 4,7 Prozent knapp den Einzug ins Parlament. Bei der Europawahl 2014 waren es dann schon 7,1 Prozent. Die AfD profitierte davon, dass die Parteien der Mitte in der Europapolitik bis heute dem Bürger trotz wechselnden Koalitionen keinen Wettbewerb anbieten und das Demokratiedefizit der EU klein reden. Zwar hatten Unionspolitiker wie etwa Carsten Linnemann damals auch schon Zweifel an Merkels Europolitik, öffentlich äußern wollten sie diese aber aus Sorge um ihre Karriere nicht.
    Natürlich profitierte die AfD von dem »Geschenk«, dass schon zwei Jahren nach der Gründung das Thema Migration die Massen bewegte. Inzwischen ist die Partei sozial- und verteilungspolitisch nach links gerückt (und die Linke in Teilen nach rechts). Sie imitiert europäische »rechtsextreme« Parteien in Frankreich, Polen oder Ungarn und setzt ab von globalen Eliten, seien sie »neo-« oder »linksliberal«. Das wird man demnächst im neuen Buch »Spaltungslinien« des Siegener Politikwissenschaftlers Philip Manow nachlesen können. Ob die Professoren und Publizisten des Jahres 2013 die Geister herbeiriefen, die das Land nun nicht mehr loswird, oder ob der Maulkorb der Alternativlosigkeit aus der Mitte den politischen Wettbewerb von den Rändern erst erzwungen hat, bleibt umstritten. Konrad Adam jedenfalls ist wie Bernd Lucke oder Joachim Starbatty schon vor geraumer Zeit aus der AfD ausgetreten.

    Wir von der FAS können sagen, wir waren dabei, ohne zu bemerken, dass wir gerade den Mantelsaum der Geschichte berührt hatten.

    Rainer Hank