Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
26. Mai 2026Die FAS und die AfD
26. Mai 2026Elon Musk gegen Henry Ford
05. Mai 2026Krankfeiern ist zu billig
05. Mai 2026Legastheniker an die Macht
16. April 2026Zucker oder Salz
15. April 2026Mein Chatbot liebt Maß und Mitte
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
30. März 2026Der Cem und die schwäbische Oma
30. März 2026Der Enkeltrick
26. Mai 2026
Die FAS und die AfD
Wie wir einmal den Mantelsaum der Geschichte berüht haben.
Das Treffen am Freitag, dem 1. März 2013, fand statt im Café Basaglia in der Mainzer Landstraße 233 in Frankfurt. Das kleine Stehcafé ist benannt nach dem der Begründer der italienischen Anti-Psychiatrie Franco Basaglia (1924 bis 1980). Der war in den wilden siebziger Jahren dafür verantwortlich, dass Italien seine Irrenanstalten öffnete und die Kranken in die Freiheit entließ; denn in Wahrheit sei die Gesellschaft krank: Irrenhäuser sind nicht alternativlos!
Es war unser ehemaliger Kollege Konrad Adam, ein Feuilletonredakteur und klassischer Philologe, mit seinen damals 71 Jahren bereits Rentner, der das Treffen im Basaglia vorgeschlagen und am Telefon geraunt hatte, es gehe um die Gründung einer neuen Partei, die »Alternative für Deutschland« heißen solle. Mein Kollege, der Wirtschaftsredakteur Winand von Petersdorff, und ich waren skeptisch, vermuteten eine Grille des Ex-Kollegen, der bis dahin durch konservative Essays, aber nicht durch Parteitagsreden aufgefallen war. Und ohnehin: Am Freitagnachmittag haben FAS-Redakteure wenig Zeit; sie müssen Artikel redigieren. Eine halbe Stunde wollten wir uns Zeit nehmen.
Schnell war klar, dass Adam es mit der Gründung einer Partei ernst meinte. Es gebe prominente Mitstreiter, zum Beispiel die liberalen Volkswirtschaftsprofessoren Bernd Lucke aus Hamburg, Joachim Starbatty aus Tübingen oder den Schweizer Finanzwissenschaftler Beat Blankart aus Berlin.
2013, das war die Zeit der Euro-Krise. Die Eurostaaten hatten sogenannte Rettungsschirme aufgespannt, um die überschuldeten Euro-Staaten – vor allem Griechenland – zu stützen, die unter den steigenden Zinslasten ihrer immensen Staatschulden ächzten. Diese Hilfsaktionen – »whatever it takes« – waren nach Einschätzung der Parteigründer eine eklatante Verletzung der Maastricht-Verträge, die die Staatschulden unter Androhung von Geldstrafen auf 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und die Neuverschuldung auf drei Prozent der Gesamtschulden begrenzten.
Das erste Parteiprogramm
Dass Konrad Adam sich an uns wandte, lag wohl daran, dass er im Wirtschaftsressort von FAS und FAZ nicht zu Unrecht Sympathien für die Eurokritik der Ökonomen vermutete. Er selbst sei vor allem um die Demokratie besorgt, sagte er uns: »Nachdem die Maastricht-Kriterien jahrelang missachtet worden waren, wurden sie buchstäblich über Nacht außer Kraft gesetzt.« In Berlin, wo Kanzlerin Angela Merkel mit der FDP regierte, gebe es eine Allparteienkoalition ohne Opposition, die ihre Politik als »alternativlos« bewerbe. Mit der Gründung der AfD, so Adam, wolle man den demokratischen Wettbewerb retten.
Bei sich hatte Adam den Entwurf eines Parteiprogramms, ausgedruckt auf der Rückseite eines eigenen Manuskripts; Altphilologen sind sparsame Menschen. Schon am 11. März solle es eine erste Versammlung der Parteigründer geben – in der Stadthalle des Vordertaunusstädtchens Oberursel. Adam sorgte sich nicht nur um die Demokratie, sondern auch, ob genügend Sympathisanten zusammenkämen, damit er nicht auf der Saalmiete sitzenbleiben würde.
Historische Zäsuren erkennen die Zeitgenossen nicht. Hätten wir damals geahnt, dass das Gespräch im Basaglia das Initial einer neuen Partei war, die heute in Umfragen bundesweit auf 27 Prozent kommt, hätten wir unsere Leser das auf Seite Eins der Sonntagszeitung in großer Aufmachung wissen lassen. Immerhin fand ein kurzer Bericht von Winand von Petersdorff am 3. März seinen Weg ins Blatt unter der Rubrik »Namen & Nachrichten«. Er trug die Überschrift: »Die neue Anti-Euro-Partei. Renommierte Ökonomen und Publizisten sammeln sich.« Tags darauf hatte die Agentur AFP daraus eine kleine Nachricht gebastelt. Demonstrativ gelassen reagierte das politische Berlin: Am besten noch nicht einmal ignorieren. Meinungsforscher gaben der Parteigründung wenig Chancen: »Das hat kein großes Potential für Volksaufregung«, orakelte das Institut aus Allensbach. Tatsächlich konnte sich damals niemand vorstellen, dass aus einer Intellektuellen-Bewegung eine »rechtspopulistische Partei« werden könnte mit einem Wählerpotential von einem Drittel der Stimmbürger.
Graswurzelbewegung gegen den Euro
So kann man sich täuschen. Konrad Adams Erwartungen wurden weit übertroffen: Zum Treffen nach Oberursel kamen 1300 interessierte, meist konservative Bürger – eine »Graswurzelbewegung gegen den Euro«, wie die FAZ am 13. März 2013 berichtete. »Wir halten die Alternativlosigkeit für gefährlich, weil es unsere Wähler entmündigt«, so Adam. Der ehemalige Chef der hessischen Staatskanzlei Alexander Gauland, der nach langer Parteizugehörigkeit die CDU verlassen hatte, sekundierte: Mit der Phrase der Euroschicksalsgemeinschaft werde versucht, eine nicht funktionierende Währung zu überhöhen. Dass Gauland einmal graue Eminenz und oberster Strippenzieher der AfD werden sollte, zeichnete sich damals noch nicht ab. Der Berichterstatter der FAZ schrieb, die Versammlung habe sich wie ein währungstheoretisches Seminar angefühlt.
Der Rest ist Geschichte. Alles ging ganz schnell. Schon einen Monat später, am 14. April 2013 hat sich die AfD als Partei gegründet. Bei den Bundestagswahlen im September 2013 verfehlte sie mit 4,7 Prozent knapp den Einzug ins Parlament. Bei der Europawahl 2014 waren es dann schon 7,1 Prozent. Die AfD profitierte davon, dass die Parteien der Mitte in der Europapolitik bis heute dem Bürger trotz wechselnden Koalitionen keinen Wettbewerb anbieten und das Demokratiedefizit der EU klein reden. Zwar hatten Unionspolitiker wie etwa Carsten Linnemann damals auch schon Zweifel an Merkels Europolitik, öffentlich äußern wollten sie diese aber aus Sorge um ihre Karriere nicht.
Natürlich profitierte die AfD von dem »Geschenk«, dass schon zwei Jahren nach der Gründung das Thema Migration die Massen bewegte. Inzwischen ist die Partei sozial- und verteilungspolitisch nach links gerückt (und die Linke in Teilen nach rechts). Sie imitiert europäische »rechtsextreme« Parteien in Frankreich, Polen oder Ungarn und setzt ab von globalen Eliten, seien sie »neo-« oder »linksliberal«. Das wird man demnächst im neuen Buch »Spaltungslinien« des Siegener Politikwissenschaftlers Philip Manow nachlesen können. Ob die Professoren und Publizisten des Jahres 2013 die Geister herbeiriefen, die das Land nun nicht mehr loswird, oder ob der Maulkorb der Alternativlosigkeit aus der Mitte den politischen Wettbewerb von den Rändern erst erzwungen hat, bleibt umstritten. Konrad Adam jedenfalls ist wie Bernd Lucke oder Joachim Starbatty schon vor geraumer Zeit aus der AfD ausgetreten.Wir von der FAS können sagen, wir waren dabei, ohne zu bemerken, dass wir gerade den Mantelsaum der Geschichte berührt hatten.
Rainer Hank
26. Mai 2026
Elon Musk gegen Henry Ford
Wer ist der bessere Kapitalist?
Kennen Sie »Optimus«? Das ist ein sogenannter humanoider Roboter aus dem Reich von Elon Musk. Er ist ein universeller Allzweck-Automat, der Aufgaben erledigt, die für Menschen gefährlich, langweilig oder repetitiv sind.
»Optimus« wird über Künstliche Intelligenz gesteuert, ähnlich wie Teslas Autopilot-Systeme. In Fabriken transportiert er Fertigungsteile ans Band und hilft bei der Montage der Teile. Im Haushalt übernimmt er einfache Arbeiten wie Putzen oder Bügeln. Im Pflegeheim springt er dem Personal zur Seite.
Noch gibt es »Optimus« nicht zu kaufen. Prototypen sind seit 2022 zu besichtigen. Musk nennt »Optimus« sein wichtigstes Produkt der Zukunft, wichtiger als seine Autos. Roboter können langfristig Arbeitskräfte ersetzen oder ergänzen. Sie leisten so einen wichtigen ökonomischen Beitrag nicht nur zur Verbesserung der Produktivität, sondern auch zur Humanisierung der (Arbeits)welt. Die Menschen können sich auf schönere Dinge konzentrieren.
Wird das Versprechen von »Optimus« wahr, wäre dies ein Paradigmenwechsel und eine Abwendung vom weltweiten Kapitalismus, wie er sich Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert hat. Den kennen wir unter dem Namen »Fordismus«: Das von Henry Ford (1863 bis 1947) in den USA durchgesetzte Prinzip der Massenfertigung als Voraussetzung für den Massenkonsum. Seit 1908 baute Ford das berühmte T-Modell: standardisierte Autos zu niedrigen Preisen. »Any Color, as long as it is black.«
Dass Arbeitsteilung ein effizientes Fertigungsprinzip ist und angesichts hoher Stückzahlen große Skaleneffekte liefert, ist seit Adam Smith bekannt. Ford nahm Smith beim Wort, nutzte das Fließband. Die Arbeit wird in kleine, wiederholbare Schritte zerlegt; jeder Arbeiter ist nur für seinen Ausschnitt verantwortlich. Der Mensch bleibt am Platz, was sich bewegt, ist das Auto auf dem Band.
Autos kaufen keine Autos
Verschwendung galt für Ford als größtes Hindernis des Fabrikanten. Deshalb mussten die Prozesse ständig optimiert und effizienter werden. In den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts führte das zur sogenannten »Lean production«, einer betriebswirtschaftlichen Mode, die von japanischen Autobauern (Toyota) nach Detroit und Untertürkheim exportiert wurde.
Der Clou im Fordismus ist sein selbstreflexiver Motor: Henry Ford bezahlt seine Arbeiter gut, damit sie ausreichend Geld haben, Autos zu kaufen. Denn: »Autos kaufen keine Autos«, so Ford. Wenn spätere Kapitalisten nicht so klug wie Ford waren und die Löhne zu drücken suchten, sorgten Gewerkschaften dafür, hohe Löhne durch Streiks zu erzwingen. Das System der Tarifverträge, des »kollektiven Verhandelns« (collective bargaining), hatte den Vorteil, dass der Konflikt aus den Betrieben herausgehalten wurde.
Der Fordismus wurde in meiner Jugend von den Linken sehr negativ gesehen. Stumpfsinnige Arbeit entfremde die Arbeiter von sich selbst, so hieß es gut marxistisch. Als radikale Alternative wurde die sozialistische Revolution propagiert. Die weniger radikalen sozialdemokratischen Reformer votierten für die »Humanisierung der Arbeitswelt« und das Betriebsverfassungsgesetz. Häufig wurde übersehen, dass gerade die Bandarbeiter bei Ford, VW oder BMW ein sehr aristokratisches Selbstbewusstsein hatten und stolz waren auf ihren Beruf und ihr Einkommen.Wird jetzt der »Fordismus« durch den »Muskismus« abgelöst? Der amerikanische Historiker Quinn Slobodian behauptet dies in einem neuen, zusammen mit dem Technikexperten Ben Tarnoff verfassten Buch. Muskismus soll das bessere Etikett sein, verglichen mit dem häufig gehörten Begriff »Technokapitalismus«, wobei »Tech« immer für digitale Technologie steht. Denn natürlich ist auch ein VW Käfer ein Produkt von Technik.
Was ist anders am Muskismus? Eigentlich alles. Die globale Arbeitsteilung wird angesichts der globalen Bedrohung von Lieferketten, Luft- und Seewegen (Straße von Hormus) zurückgenommen. Stattdessen heißt das Stichwort jetzt wieder »vertikale Integration«: Möglichst alles am selben Ort fertigen. »Das amerikanische iPhone, zusammengesetzt in China, fertiggestellt in Vietnam«, hat ausgedient. Die Arbeitsteilung in der Fabrik wird zwar beibehalten, doch die Arbeit wird künftig von den humanoiden, AI-gesteuerten Robotern erledigt. Ein paar Menschen braucht es noch zur Überwachung.
Varietis of Capitalism
Musk verkaufe nicht einfach Autos, Raketen oder Satelliten, schreibt Slobodian. Musk verkaufe das Gefühl, man könne in einer zunehmend instabilen Welt Selbstsicherheit und Unabhängigkeit gewinnen, sofern man sich seinen Produkten überlasse. Diese Unabhängigkeit gibt es paradoxerweise, aber natürlich gewollt, nur um den Preis der Abhängigkeit von Musk. Während der Fordismus philosophisch expansiv gewesen sei, verhalte sich der Muskismus aggressiv defensiv, schreibt Slobodian.
Das Neue am Muskismus ist die Symbiose von Konzernen – also Musks Imperium – und Staat. Denken wir zum Beispiel an SpaceX, das Raumfahrtprogramm Musks, dessen Fernziel die Eroberung und Urbarmachung des Mars ist. Längst sind auch die staatlichen Raumfahrprogramme auf SpaceX angewiesen. Für die Artemis III, das neue Raumschiff im Mondlandeprogramm der staatlichen NASA, braucht es das »Human Landing System« (HLS) von Musk, in das die Astronauten von der Orion Raumkapsel umsteigen müssen, bevor sie ihre Füße auf den Mond setzen können. Okay, HLS ist noch nicht fertig. Aber bis zur geplanten Mondlandung – frühestens 2027 – ist ja noch etwas Zeit. Und Musk hat häufig bewiesen, dass er schnell ist, wenn es drauf ankommt. Musk selbst ist auf den Erfolg angewiesen: Denn sein auf 300 Milliarden Dollar geschätzter privater Reichtum steckt zu großen Teilen in den Aktien seines Unternehmens. Es wäre unklug, dieses Kapital aufs Spiel zu setzen.
Fälschlicherweise werden die »Tech Bros«, die Milliardäre des Silicon Valley, als libertär beschrieben oder denunziert: Marktradikale, die den Staat auf einen Minimalstaat zurückdrängen wollten. Quinn Slobodian hat in seinen früheren Büchern selbst gerne diese These vertreten. Inzwischen korrigiert er sich stillschweigend: Der Muskismus lebt von der Symbiose zwischen Unternehmen und Staat. Ein ausgabenfreudiger Staat nützt ihm. Denn er finanziert die Techies und ist ihr größter Kunde: Nicht nur die NASA, sondern auch das Pentagon haben sich von Musk abhängig gemacht. Entsprechend abhängig ist Musk von Donald Trump.
In der politischen Ökonomie war es eine Zeitlang Mode, von Spielarten des Kapitalismus (»Varieties of Capitalism«) zu sprechen (klassisch Peter Hall und David Soscice, 2001). Danach sollte man nicht von Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus reden, einem konsekutiven Schema nach dem Muster von Aufstieg und Fall. Angemessener wäre es, von verschiedenen Spielarten des Kapitalismus auszugehen, die hinter- oder nebeneinander existieren. Der Muskismus fügt dieser Vielfalt ein neues und spannendes Modell hinzu.
Rainer Hank
05. Mai 2026
Krankfeiern ist zu billig
Warum Deutschland sich einen Luxus leistet, den es sich nicht leisten kann
Mein Zahnarzt klagt. Eigentlich ist er ein ausgeglichener Zeitgenosse, zufrieden mit sich, seinem Personal und gewiss auch seinem Einkommen. Doch zuletzt pflegte er über seine Praxishelferinnen zu stöhnen. Sie seien unzuverlässig, meldeten sich häufig und überraschend einen oder zwei Tage krank, vorzugsweise montags oder freitags.
Eine Krankmeldung braucht es in der Regel erst ab dem vierten Tag. Der Lohn wird in vollem Umfang sechs Wochen lang weitergezahlt. Das gilt als eine große sozialpolitische Errungenschaft. Wenn er die Augenbrauen hochziehe, gar leichte Zweifel an der Schwere der Krankheit anmelde, so mein Zahnarzt, flattere ihm tags darauf die Kündigung auf den Schreibtisch. So etwas nennen wir Arbeitnehmermacht: Arzthelferinnen werden überall gesucht.
Mitleid mit Zahnärzten zu äußern, ist heikel. Sie gelten nicht als klassische Opfergruppe. Doch ich bekenne mich auch aus egoistischen Gründen dazu. Schließlich leide ich mit, wenn mein Termin wegen Personalmangel abgesagt wird und ich meine Zahnschmerzen weitere Tage notdürftig mit Ibu 600 unterdrücken muss.
Systemversagen tut weh. Mein Zahnarzt steht nicht allein da. Wenn man meint, dass krankgemeldete Tage echte Krankheitstage sind, müsste man sich Sorgen machen, dass die Deutschen immer kränker werden und nach Ursachen forschen. Insgesamt sind die Kosten, die Arbeitgeber für die Lohnfortzahlung aufbringen müssen, zwischen 2022 und 2024 um zehn Milliarden auf rund 80 Milliarden Euro gestiegen. 20 Tage im Jahr sind die angestellten Deutschen im Schnitt laut Studien krank. Das sind ganze vier Wochen. Deutschland, ein Krankenlager.
Ich kann verstehen, dass die Arbeitgeber – allen voran ihr Verbandspräsident Rainer Dulger – in immer kürzerer Frequenz die Einführung eines Karenztages fordern. Das würde bedeuten, dass der erste Tag der Krankheit vom Lohn abgezogen wird. Zuletzt hat Anfang April laut einer aktuellen Forsa-Umfrage unter mehr als tausend Führungskräften eine Mehrheit für einen solchen Karenztag votiert.
Selbstbehalt der Eigenverantwortung
Versicherungstechnisch entsprechen Karenztage einem Selbstbehalt, der die Eigenverantwortung der Versicherten ernst nimmt und eine Schranke vor Missbrauch darstellt. Dass in einem System ohne Selbstbeteiligung Leistungen in höherem Maße in Anspruch genommen werden, ist kein moralischer Vorwurf: Es reicht das Wissen über die menschliche Natur. Wo kein Risiko, da keine Hemmschwelle, sich abzumelden.
Nüchtern betrachtet, wundert es, warum hierzulande nicht längst zur Dämpfung der ausufernden Arbeitskosten Karenztage eingeführt wurden. Es wäre im internationalen Vergleich keine Besonderheit; Karenztage gibt es in Italien, Frankreich und sogar in Schweden, einem Land, das stets als wohlfahrtsstaatliches Musterland hochgehalten wird.
Dass gleichwohl nichts passiert, liegt an psychologischen Widerständen und schlechten historischen Erfahrungen. Das Thema ist heikel: Krankheit wird von den meisten Menschen als unverdiente Strafe interpretiert, die sich quasi verdoppeln würde, wenn man für sein Schicksal auch noch zusätzlich mit Lohnentzug bestraft würde. Dass dieses Gefühl als Einwand maßlos überzogen ist, wo es um einen Tag Eigenverantwortung geht, ändert nichts an seinem hohen Verbreitungsgrad. Dass sich Krankheit als Vorwand simulieren lässt, würden zwar die allerwenigsten bestreiten, dies aber kollektiv als Möglichkeit zu unterstellen, wird als »Klassenkampf auf dem Rücken der Kranken« denunziert.
Hilfsweise wird der Widerstand gegen Karenztage auch als epidemiologischer Altruismus verkauft. Gäbe es für den ersten Krankheitstag keinen Lohn, schleppten sich schwer Erkältete – vor allem die auf Lohn besonders angewiesenen Geringverdiener – ans Band und ins Büro, wo sie, weil schwer krank, für den Arbeitgeber keine Leistung erbringen, stattdessen aber ganz Abteilungen anstecken – und damit einen größeren Schaden für den Arbeitgeber anrichten, als wenn sie bei vollem Lohn zuhause blieben. Das klingt fürsorglich, ist aber vor allem bequem. Denn es blendet aus, dass das bestehende System ebenfalls eine stille Verteilungswirkung hat. Wer zuverlässig erscheint, subventioniert diejenigen mit, die häufiger fehlen.Das Drama von 1996
Es gibt ein historisches Beispiel für die Wucht der Reform-Widerstände. Dazu muss man dreißig Jahre zurückgehen in das Jahr 1996. Damals war der Sozialstaat ähnlich in der Krise wie heute. Die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Arbeitsminister Norbert Blüm diskutierte ein »Sparpaket«, das in ein »Arbeitsrechtliches Gesetz zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung« mündete. Zentraler Bestandteil war die Absenkung der Entgeltfortzahlung auf 80 Prozent des Lohns. Wer weiter während der Krankheit hundert Prozent Lohn erhalten wollte, sollte alternativ die Möglichkeit erhalten, sich für je fünf Krankheitstage einen Urlaubstag kürzen zu lassen.
Das Gesetz wurde verabschiedet – und es ging ein Aufschrei des Protests durch das Land. Im Bonner Hofgarten – dem Ort der deutschen Revolution – demonstrierten über 350.000 Menschen. Ernst wurde es, als es in den Betrieben zu spontanen Arbeitsniederlegungen kam. Ich war damals von der FAZ als Reporter zum Daimler nach Stuttgart-Untertürkheim geschickt worden und traute meinen Augen und Ohren nicht – wie emotional der Protest auf dem Fabrikhof wurde.
Es dauerte nur wenige Wochen – und nicht nur der Daimler, sondern ganze Arbeitgeberverbände knickten ein. Listig verstanden es die Gewerkschaften, das Gesetz durch Tarifverträge auszuhebeln, die hundert Prozent Lohnfortzahlung vom ersten Tag an garantierten. Juristische Debatten, ob Tarifverträge über dem Gesetz stünden, versandeten in akademischen Fußnoten. Die Kohl-Regierung beschimpfte die Arbeitgeber, die hätten sie erst aufgestachelt und anschließend im Regen stehen lassen. Die Arbeitgeber beschimpfen die Regierung für ein schlampig geschriebenes Gesetz. Kohl wurde 1998 abgewählt. Rot-Grün unter Gerhard Schröder kassierte das Gesetz, an das sich ohnehin niemand hielt.
Das Trauma von 1996 sitzt tief. Kanzler Merz, von Hause aus Arbeitsrechtler, wird sich an den Herbst 1996 erinnern und dreimal überlegen, ob eine CDU-geführte Regierung sich abermals mit den Gewerkschaften in Sachen Lohnfortzahlung anlegen will. Die Arbeitsministerin Bärbel Bas von der SPD denkt vermutlich im Schlaf nicht an Karenztage.
Es bleibt dabei: Ein Karenztag ist kein Angriff auf den Sozialstaat. Ein Gesundheitssystem ohne Selbstbeteiligung ist nicht sozial, sondern naiv: Es erzeugt mehr Nachfrage nach Krankheit.« Wer Eigenverantwortung nicht will, nimmt Missbrauch und höhere Kosten in Kauf. Mein Zahnarzt hat inzwischen kapituliert und seine Praxis verkauft. So viel zur Reformunfähigkeit des Landes.Rainer Hank
05. Mai 2026
Legastheniker an die Macht
Das Erfolgsgeheimnis des Palantir-Gründer Alex Karp
Neulich saßen wir in größerer Familienrunde zusammen und dachten über die Zukunft nach. Zwei Akademiker-Väter – der eine Jura-Professor, der andere Architekt – zeigten sich besorgt, ob für ihre Schulkinder ein Studium noch eine gute Wahl sein würde. Bis es so weit sei, werde nicht nur in ihren Fächern die Künstliche Intelligenz den Menschen die Arbeit abgenommen haben: Juristische Schriftsätze oder Architekturzeichnungen schreiben Claude oder ChatGPT ganz von alleine.
Man einigte sich darauf, ein Studium werde seinen Wert nicht verlieren – als Hilfe für ein reflektiertes Selbst- und Weltverhältnis. Um ein auskömmliches Einkommen zu erzielen, empfehle sich, anschließend ein Handwerk zu erlernen. Haare schneiden kann KI beim besten Willen nicht; ein gutes Gulasch zubereiten muss der gelernte Koch schon selbst. Sein Restaurant würde überfüllt sein von den vielen Akademikern, die keine Arbeit mehr haben, von den Dividenden ihrer KI-Aktien aber prima leben.
Kurze Zeit später lese ich, dass Alexander Karp zu einem ähnlichen Schluss gekommen war wie wir. »Es gibt zwei Wege, eine Zukunft zu haben«, sagte der Palantir-Chef dem amerikanischen Wirtschaftsmagazin Fortune: »Berufliche Ausbildung oder neurodivergent sein«. Okay, auf die Idee mit der Neurodiversität wären wir am Familientisch nicht gekommen. Karps Logik ist simpel: »KI vernichtet Bullshit-Jobs, nicht Handarbeit.« Während ChatGPT Marketingtexte, Analysen und Vorstandsreden ausspuckt, könne kein Algorithmus eine Heizung reparieren oder ein Bad modernisieren.
Und Neurodivergenz? Darunter versteht man neurologische Unterschiede zum »Mainstream« wie ADHS, Autismus oder Dyslexie (Legasthenie). Früher wurden solche Dispositionen als Krankheit behandelt. Inzwischen sieht man sie als Stärke an und spricht positiv von Neurodiversität. »Neurally divergent werden Amerikas Zukunft prägen,« twitterte Karg. Palantir selbst startet eine Neurodivergent-Fellowship, dotiert mit 110.000 bis 200.000 Dollar jährlich, wie das Startup-Magazin »Business Punk« berichtet: Es richtet sich an Highschool-Absolventen ohne Studium. Karp geht davon aus, dass Neurodiverse Informationen, Reize und soziale Signale anders als die Mehrheit verarbeiten – was in kreativen und analytischen Berufen zum Vorteil werden könne.
Karp – ein intellektueller Außenseiter
Die These Karps lässt sich an seiner eigenen Biografie überprüfen – und bestätigen. Ich habe die Ende 2025 erschienene und sehr zu empfehlende Karp-Biografie des amerikanischen Journalisten Michael Steinberger gelesen, die in USA unter dem Titel »The Philosopher and the Valley«, deutsch, weniger aussagekräftig, als »Der Unsichtbare« erschienen ist.
Bei Karp wurde früh Legasthenie diagnostiziert, eine Lernschwäche, die das Lesen, Schreiben und die Informationsverarbeitung beeinträchtigen kann. Sein Biograf beschreibt ihn als untypischen intellektuellen Außenseiter. Karp selbst legt Wert auf die Feststellung, seine Legasthenie habe ihn gezwungen, anders zu denken und zu handeln. Das gereiche ihm bis heute zum Vorteil und habe geholfen, zum Milliardär zu werden. Nach Steinbergers Beobachtungen könnte man ihn auch als Autist beschreiben, oder umgangssprachlich als schräg: Bei Gesprächen mit ihm übt er Tai-Chi, einerlei ob er zuhört oder selber spricht. Wie ein Besessener fahre er Ski, heißt es, vorzugsweise in Norwegen. Er sagt, er sei gerne allein, fühlt sich im Rampenlicht aber sichtbar wohl. Er wird als exzentrisch und zugleich scheu beschrieben.
Der Zwang auf alles genau und irgendwie anders zu achten, so Karp, befähige ihn, ein Unternehmen zu führen, das mit dem Erkennen von Mustern befasst ist. Zur Erinnerung: Palantir, dessen Mitgründer und langjähriger CEO Karp ist, hat sich auf Datenanalyse spezialisiert. Eine von Karp entwickelte Software erkennt in Windeseile durch die Analyse riesiger Datenmengen und unter Einbeziehung künstlicher Intelligenz Muster, Trends und Verbindungen, die zu sehen menschliche Analysten Tage, Wochen oder Monate bräuchten. Initialzündung war der 11. September 2001. Karp und sein Compagnon Peter Thiel waren der Meinung, der amerikanische Staat könne ihrer Software als Instrument zur Terrorismusbekämpfung gut gebrauchen. Karp nimmt in Kauf, dass sein Analysewerkezug für gute und böse Ziele in Anspruch genommen werden kann: Es dient der US-Einwanderungsbehörde bei ihrer Jagd auf Migranten, wird mutmaßlich im Iran bei der Identifikation ziviler und militärischer Ziele eingesetzt, zugleich aber von Sicherheitsorganen in aller Welt erfolgreich zur Bekämpfung von Kriminalität in Anspruch genommen. Der Börsenwert des Unternehmens beträgt inzwischen über 300 Milliarden Euro; das Vermögen Karps wird abhängig von den Börsenkursen auf 13 bis 18 Milliarden Dollar taxiert.
Nachruf auf Jürgen Habermas
Ob man Karps Aussage, aus Geld mache er sich nichts, zum Nennwert nehmen will, ist Ansichtssache. Zu seiner eigenen akademischen Vergangenheit hat er, der Akademiker angesichts KI künftig für überflüssig hält, ein ambivalentes Verhältnis. Dazu hat er sich jüngst in der Bild-Zeitung in einem Nachruf auf den deutschen Philosophen Jürgen Habermas geäußert. 1992, mit 24 Jahren, bricht Karp sein Jura-Studium an der Law School der Universität Stanford ziemlich unglücklich ab. Während seine Kommilitonen in die großen Kanzleien strömen, zieht er, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, nach Frankfurt, um dort bei Jürgen Habermas zu studieren: »Ich folgte dem Ruf, Akademiker zu werden.« Karps Biografen bringen den ungewöhnlichen Weg mit seinem Judentum in Verbindung und dem Wunsch zu verstehen, wie aus dem Land der Dichter und Denker ein Land der Verbrecher werden konnte. Karp selbst sagt in seinem Bildzeitung-Artikel lediglich, er habe sich für die »Frankfurter Schule« interessiert.
Doch die Begegnung mit Jürgen Habermas wird zum Desaster. So geschmeichelt er ist, dass der bewunderte Philosoph ihn in sein Seminar aufnimmt, so tief gekränkt reagiert er, als Habermas den Entwurf seiner Dissertation ziemlich unsanft zerpflückt und sich weigert, als Gutachter zur Verfügung zu stehen. »Seine Entscheidung traf mich vollkommen unvorbereitet und verletzte mich tief. Der Schmerz darüber sollte lange nachwirken«, schreibt Karp. Derart traumatisiert, bringt er die akademische Karriere rasch zu Ende, promoviert bei einer unbekannten Soziologin, geht zurück nach USA und gründet dort ein Unternehmen, dass heute zu den wertvollsten der Welt zählt.
Karps Biografie eignet sich zu laienpsychologisierender Deutung. Fügen wir hier eine weitere hinzu: Der Erfolg von Palantir überkompensiert das Trauma des Möchtegernphilosophen, die Legasthenie ist Quell seiner Kreativität. Die (leicht) übertriebe Verallgemeinerung hieße: Die Welt braucht weniger Akademiker und mehr Legastheniker.
Rainer Hank
16. April 2026
Zucker oder Salz
Steuerzahler auf die Barrikaden!
Die Finanzkommission Gesundheit schlägt eine »gestaffelte Steuer auf zuckersüße Erfrischungsgetränke« vor. Dass die Fachleute sich Sorgen um meine Gesundheit machen, bezweifle ich. Im deutschen Gesundheitswesen sind die Ausgaben deutlich höher als die Einnahmen. Also muss mehr Geld in die Kasse. Zusammen mit einer Anhebung der Tabak- und Alkoholsteuer verspricht man sich jährlich 1,2 Milliarden Euro mehr in der Staatskasse. Dass eine Lenkungssteuer in unserer ernährungsfixierten Zeit auf Akzeptanz bei den Bürgern hoffen lässt, kommt den Sparkommissaren gerade recht. Ob eine solche Steuer die Menschen gesünder macht, ist nach Ausweis von Studien fraglich. Konsequent ist sie auch nicht: Denn Süßigkeiten oder Zuckerwürfel werden nicht besteuert.
Dass dies dem ausgabenfreudigen Staat in seiner Gier noch nicht reicht, ist in Berlin kein Geheimnis. Längst wird über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte auf dann 21 Prozent nachgedacht. Je nach Konjunktur bringt das dem sozialdemokratischen Finanzminister Lars Klingbeil Mehreinnahmen zwischen 15 und 25 Milliarden Euro im Jahr.
So richtig sozialdemokratisch ist eine Konsumsteuer indessen nicht. Sie wirkt »regressiv«, wie die Ökonomen sagen. Das bedeutet: Sie trifft die ärmeren Schichten stärker als die Reichen, weil die Armen einen höheren Anteil ihres geringeren Einkommens für den täglichen Bedarf ausgeben. Zwar sieht man die Steuer nicht wirklich als Steuer, wenn man nicht genau auf den Kassenbon vom Rewe blickt. Das macht diese Steuer aber nicht besser: Auf den Geldbeutel wirken sie wie eine höhere Inflation. Die ist zuletzt durch die höheren Sprit- und Öl-Preise im Gefolge des Irankriegs ohnehin wieder angestiegen. Als Maßnahme zur Verschleierung ihrer Geldgier redet die Regierung deshalb jetzt lieber laut über Spritsubventionen und einen noch tiefere Mehrwertsteuersätze für mehr Waren des täglichen Bedarfs – selbstverständlich nur, wenn sie »bio« sind.
Ob die Bürger sich eine Zucker- und höhere Mehrwertsteuern gefallen lassen, ist nicht ausgemacht. Sie müssen ja nicht gleich auf die Barrikaden gehen. Es reicht, dass sie bei den kommenden Wahlen die AfD wählen – was einer demokratischen Revolution hierzulande gleichkäme.
Der Salzkrieg im Kirchenstaat
Man sage nicht, dass sei jetzt aber übertrieben. Steuern waren schon immer politisch. Es waren ungerechte Steuern, die zur amerikanischen Revolution führten: »No taxation without representation«, der Slogan der Boston Tea Party 1773, den wir noch aus dem Geschichtsunterricht erinnern, war der Aufstand der Siedler in Amerika gegen den Steuer-Oktroi der britischen Krone gekoppelt an die Forderung nach demokratischer Mitbestimmung. Am Ende dieser Steuerrevolution stand die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, deren 250. Jubiläum im Juli gefeiert wird.
Nicht um Zucker, sondern um Salz ging es in früheren Zeiten zumeist. Perugia, eine Stadt in Mittelitalien, wagte 1540 den Aufstand gegen die päpstliche Salzsteuer im Kirchenstaat (»Salzkrieg«), verlor – und bäckt ihr Brot seither ohne Salz, bis heute: »pane senza sale«.
Erfolgreich dagegen war der Widerstand in Frankreich gegen hohe und ungerechte Salzsteuern. Denn der führte zur französischen Revolution, wie ich einem aktuellen Paper dreier Ökonomen entnehme, auf das mich mein Kollege Winand von Petersdorff hinweist (Tommaso Giommoni et al.: Extractive Taxation and the French Revolution. NBER 34816. Februar 2026).
Die französische Krone beanspruchte das Monopol auf Salz. Jeder Bürger musste eine bestimmte Menge Salz abnehmen und darauf Steuern – die »Gabelle« – zahlen, unabhängig vom persönlichen Bedarf. Steuereintreiber gingen nicht sehr zimperlich vor, um an ihr Geld zu kommen. Das Land war in Salzsteuerbezirke (»gabelles«) aufgeteilt, in denen unterschiedliche Steuersätze galten. In Hochsteuergebieten bedeutete dies eine Belastung des Jahreseinkommens von 13 Prozent. In Niedrigsteuergebieten waren es lediglich 2,5 Prozent. Das hieß nicht, dass es in Hochsteuergebieten auch mehr staatliche Leistungen und bessere Lebensbedingungen gab. Im Gegenteil: Der Lebensstandard war dort wegen der hohen Abgabenlast geringer als in den Niedrigsteuergebieten.
Ungleichheit als Ungerechtigkeit: Die Aufklärung
Schlimm genug, dass die hohen Steuern viele Menschen in die Armut zwangen. Als ungerecht und willkürlich empfand man zudem die ungleichen Steuersätze. Dass das System auch Schmuggler in großen Stil anzog, die Salz aus Niedrig- in Hochsteuergebiete schmuggelten, verwundert nicht. Dass Adel und Klerus keine Steuern zu zahlen hatten, der »dritte Stand« indessen geschröpft wurde – »le tiers Etat« des Abbé Sieyès -, der 98 Prozent der Bevölkerung ausmachte, das empfand man als zutiefst empörend.
Die Ökonomen können mit Datenanalysen und wirtschaftsgeographischen Modellen zeigen, dass es in Hochsteuergebieten zwischen 1750 und 1789 besonders häufig zu Aufständen kam. Aus diesen Gebieten stammen auch deutlich mehr Beschwerden gegen die Machthaber (»cahiers de doléances«). Während der »Grand Peur« 1789 hat sich die Revolution zunächst und vor allem in den Hochsteuergebieten ausgebreitet.
Bemerkenswert für die Theorie der französischen Revolution ist, dass die Empörung des Volkes sich nicht nur aus dem kreatürlichen Aufschrei der Armen und Entrechteten erklärte, sondern auch aus einer tiefen Beleidigung des Gerechtigkeitsgefühls, das gegen die Willkür unterschiedlicher Steuersätze rebellierte. Das Gefühl der Ungerechtigkeit fiel nicht einfach vom Himmel, sondern war Ausdruck des Gleichheitspathos der Aufklärung: liberté, egalité, fraternité. In den besonders revolutionären Steuerbezirken fielen die Ideen der Aufklärung auf besonders fruchtbaren Boden. Das lässt sich messen am Absatz aufklärerischer Schriften und an den Subskriptionen der Encyclopédie von Diderot und d›Alambert (1751 bis 1772): Gleichheit vor dem Gesetz, Kritik an Kirche, Adel und Monarchie bildeten, marxistisch gesprochen, den ideologischen Überbau der materialistischen Revolte gegen die Salzsteuer.
Tatsächlich wurden die Salzsteuer und das staatliche Salzmonopol als Symbol des Ancien Regime im März 1790 komplett abgeschafft, zusammen mit vielen alten Steuern und feudalen Privilegien. Napoleon hat sie dann 1807 wieder eingeführt, jedoch als einheitliches und gleiches System ohne die regionale Willkür.
Memo an Lars Klingbeil: Wenn eine Salzsteuer schon einmal zu einer bürgerlichen Revolution geführt hat, dann könnte sich so etwas mit einer Zuckersteuer wiederholen, oder? Na ja, die Deutschen sind nicht so revolutionär wie die Franzosen, lösen bekanntlich, wie Lenin spottete, erst eine Bahnsteigkarte. Und sie sind heutzutage ziemlich paternalistisch gestimmt, lieben es, wenn der Staat ihnen den Genuss von O-Saft versauert.Rainer Hank
