Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
24. September 2026Warum ist es so schwer, reich zu werden?
24. September 2026Blühende Landschaften?
21. September 2026Macht Hitze arm?
21. September 2026Ein Lob der Maut
18. September 2026Dem Staat ist nicht zu trauen
18. September 2026Ein Lob der Kirche
06. August 2026Stille Tempel in Kyoto
03. August 2026Bettenstopp bringt Bettenboom
03. August 2026Mutter aller Börsencrashs
17. Juli 2026Jetzt plötzlich Klimaanlagen
24. September 2026
Warum ist es so schwer, reich zu werden?
Alle Bürger müssen Kapitalisten werden
Milliardäre stehen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Sie werden bewundert, beneidet, angefeindet. Das ist nicht neu. »Robber Barons«, Raubritter, nannte man im späten 19. Jahrhundert John D. Rockefeller (Standard Oil), Andrew Carnegie (Stahl) oder Cornelius Vanderbilt (Eisenbahnen), Männer, die durch die Industrialisierung zu damals unvorstellbarem Reichtum gekommen waren. Und die der Gesellschaft viel zurückgegeben haben – auch aus Dankbarkeit für ihr Lebensglück: Universitäten, medizinische Stiftungen, Museen und Konzerthallen. Die Zeit der US-Oligarchen war auch die Zeit der Philanthropen. Sie waren Raubritter und Gutmenschen zugleich.
Heute gibt es wieder eine Elite schwerreicher Männer in Amerika. Verglichen mit Elon Musk (Tesla, SpaceX), Jeff Bezos (Amazon) oder Mark Zuckerberg (Facebook, WhatsApp) sind die Robber Barons des 19. Jahrhunderts arme Schlucker. Anders als damals betätigen sich die Milliardäre von heute weniger als Wohltäter für die Gesellschaft. Sie sind der Meinung, ihre Geschäftsmodelle trügen schon genug zur Verbesserung der Welt von morgen bei.
Reichtum per se ist moralisch nicht anstößig. Erst recht dann nicht, wenn das Vermögen aufgrund von Leistung erworben wurde. Für die Tech-Milliardäre von heute trifft das grosso modo zu. Ihr Vermögen haben sie im Wesentlichen selbst geschaffen. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, um wohlhabend zu werden.
Reichtum, das kommt hinzu, ist dann moralisch nicht anstößig, wenn jedermann im Prinzip die Möglichkeit hat, reich zu werden. Dass die Aufstiegschancen von vielfältigen kulturellen, sozialen oder genetischen Bedingungen abhängen, ist geschenkt. Der klassische Weg, reich zu werden, geht über die Arbeit. Durch Arbeit kommt man zu Einkommen. Wer sich redlich bemüht und früh zu sparen beginnt, hat irgendwann ein ordentliches Vermögen beisammen. Eine Gesellschaft, die Vermögensaufbau durch Arbeitseinkommen ermöglicht, nennen wir meritokratisch: gesellschaftliche Positionen werden nach individueller Leistung vergeben und nicht nach Herkunft, Erbschaft oder Korruption.
Meritokratie dauert länger
Im Prinzip ist der meritokratische Aufstieg auch heute noch möglich. Es macht freilich einen nicht geringen Unterschied, wie lange es dafür braucht. Und da gibt es ein Problem. Während die Einkommen (Löhne, Gehälter) seit Mitte der neunziger Jahre eher moderat gestiegen sind – etwa 30 Prozent in den westlichen Industriestaaten – haben sich die Vermögen (Finanzkapital, Immobilien) im selben Zeitraum verdoppelt. Die Folge: Wer ausschließlich durch Einkommen reich werden wollte, musste in den vergangenen Jahrzehnten doppelt so lange sparen, um an ein entsprechendes Vermögen zu kommen als in den vorigen Dekaden. Oder genauer: um von Null in das oberste Vermögensquartil aufzusteigen dauerte es früher 20, inzwischen aber 40 Jahre. Die Daten stammen von der OECD-World Inequality Data Base und gehen davon aus, dass jährlich 15 Prozent des Einkommens zum durchschnittlichen Zinssatz der vergangenen 30 Jahre angespart wurde. Die Gründe für diese dramatischen Veränderungen liegen auf der Hand. Aktien- und Immobilienvermögen vermehrten sich im genannten Zeitraum enorm, die Arbeitseinkommen blieben dahinter deutlich zurück.
Das hat Konsequenzen: Während früher die Lücke zwischen Aufsteigern und Aufgestiegenen in einem oder zwei Jahrzehnten überwunden werden konnte, dauert es heute doppelt so lange: Wer mit 25 Jahren als Berufsanfänger zu sparen beginnt, erreicht erst mit 60 kurz vor der Verrentung ein Vermögen, das er früher schon mit 40 hatte. »Selbst ein Leben voller Streben bietet keine realistische Aussicht, das Gefühl zu haben, es geschafft zu haben«, schrieb der Daten-Analyst John Burn-Murdoch kürzlich in der »Financial Times«.
Der morgendliche Blick auf das Aktiendepot wird wichtiger als der Blick auf den Gehaltszettel. Untersuchungen zeigen, dass die Lebenszufriedenheit immer mehr vom Vermögen und immer weniger vom Einkommen definiert wird. Vermögen schafft Sicherheit und Freiheit, Arbeit dagegen Selbstachtung: Man kann auf seine Karriere stolz sein. Während der »Lohn« im ganz wörtlichen Sinn die Anerkennung für Leistung bemisst, hängt der Kursgewinn im Depot von völlig anderen Faktoren ab, die nicht von mir beeinflusst werden: Knappheiten am Immobilienmarkt, Gewinnerwartungen an den Börsen, die sich in den Preisen spiegeln. Der Zinseszins beim Vermögen führt zu dem bekannten Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Wer schon eine Million in einem breite gestreuten Aktien-ETF angelegt hat, für den bedeutet ein realistischer Kursanstieg von acht Prozent einen Vermögenszuwachs von 80.000 Euro im Jahr. Dafür muss ein deutscher Angestellter lange sparen. Kurzum: Wir leben kulturell weiterhin in einer Meritokratie, ökonomisch aber zunehmend in einer Vermögensgesellschaft.
Das kann man alles als gegeben hinnehmen. Denn niemand hat etwas Böses getan oder unmoralisch gehandelt. Was kann der Millionär dafür, dass sich Aktien und Immobilien besser entwickeln als Arbeitseinkommen? Doch auf Dauer bekommt eine Gesellschaft ein Motivationsproblem, wenn das Aufstiegsversprechen durch Einkommen nicht mehr gilt, oder genauer gesagt: sich extrem verzögert.
Die gute alte christliche Soziallehre
Was kann man tun? Die klassisch sozialistische Position heißt: Vermögen – nicht nur Kapitalerträge – müssen deutlich stärker besteuert werden als Einkommen. Der französische Ökonom Thomas Piketty will extreme Vermögen mit einer progressiven jährlichen Vermögensteuer abschmelzen; in seinen radikalsten Modellrechnungen reichen die Steuersätze für gigantische Vermögen bis zu 90 Prozent. Eigentum soll gewissermaßen »temporärer« werden. Das würde gewiss zum Ziel führen, aber um welchen Preis? Ins Eigentum der Menschen würde konfiskatorisch eingegriffen, was einer freien Gesellschaft unwürdig ist. Zwar würde die Karriere- und Einkommensmotivation steigen, die Motivation, Vermögen zu bilden, ginge indessen rapide zurück, wenn der Erfolg fast zur Gänze dem Staat anheimfällt.
Die bessere Alternative zur Umverteilung heißt: Die Vermögensbildung der Nichtvermögenden fördern. Das ist eine Lösung, die im 20. Jahrhundert insbesondere von der christlichen Soziallehre vertreten wurde. Wenn das Kapital mehr Rendite abwirft als die Lohnarbeit – dann müssen Arbeiter eben zu Kapitalisten werden und breit am Produktivvermögen beteiligt werden. Die von der deutschen Rentenkommission vorgeschlagene kapitalbasierte Altersvorsorge ist ein erster Schritt. Zusätzlich könnten Arbeitnehmer oder ihre Gewerkschaften tarifliche ETF-Sparpläne aushandeln, die den Vermögensaufbau beschleunigen.
Die Antwort auf die neue Vermögensgesellschaft wäre dann nicht weniger Kapitalismus, sondern mehr Kapitalisten.
Rainer Hank
24. September 2026
Blühende Landschaften?
Wird der Osten dauerhaft zum Mezzogiorno?
»Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.« Bundeskanzler Helmut Kohl gab dieses Versprechen am 1. Juli 1990, dem Tag, an dem die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen Bundesrepublik und DDR in Kraft trat: Die D-Mark wurde Zahlungsmittel in der DDR, und die soziale Marktwirtschaft wurde auf den Osten übertragen.
Kohls »blühende Landschaften« sind auch 35 Jahre später für viele Ostdeutsche ein leeres Versprechen. Treffender wird die Zukunft kurze Zeit später in von zwei amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern beschrieben. Nüchtern prognostizieren die beiden – sie heißen Robert Barro und Xavier Sala-i-Martin -, dass allein schon die Halbierung des wirtschaftlichen Rückstands 35 Jahre dauern werde. Eine weitgehende Angleichung brauche Generationen.
Ich habe die skeptische Prognose der beiden Forscher in den neunziger Jahren in Deutschland häufig zitiert und wurde von deutschen Ökonomen belächelt: Was wissen zwei Amerikaner (und ein deutscher Journalist) schon von Deutschland!
Anlässlich der bevorstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt habe ich mir das Papier von Barro (Harvard) und Sala-i-Martin (Columbia) noch einmal angesehen. Was soll ich sagen? Kohl hat Unrecht. Die Amerikaner behalten recht.
Die Ausgangsfrage der Ökonomen lautet: Wann und unter welchen Bedingungen kommt es zur Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen ärmeren und reicheren Regionen eines Landes (bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf)? Prominente Beispiele der Analyse sind Italien nach der Vereinigung des Landes 1861 und die Konvergenz zwischen Süd und Nord in den USA nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865. Die Theorie besagt: Wo eine Region weniger Kapital besitzt als eine andere, sollte zusätzliches Kapital besonders hohe Erträge bringen. Der Grund: Wo bereits sehr viel Kapital vorhanden ist, bringt die nächste Investition weniger. Deshalb sollte Kapital in die ärmeren Regionen fließen und dort das Wachstum höher sein. Oder pointierter: Je ärmer eine Region ist, desto schneller wird sie anschließend wachsen.
Es dauert hundert Jahre
Soweit die Theorie, die auch nicht ganz falsch ist, solange man beachtet, dass Konvergenz nicht bedeutet, dass am Ende alle gleich reich sind. Und schon gar nicht, dass der Prozess der Angleichung stets mit gleicher Geschwindigkeit abläuft und in wenigen Jahren abgeschlossen sein würde.
Das nämlich zeigt die Empirie: Bis der gewaltige wirtschaftliche Rückstand der amerikanischen Südstaaten weitgehend abgeschmolzen war, verging ungefähr ein Jahrhundert. Interessant ist, dass Jahr für Jahr ungefähr zwei Prozent des jeweils noch vorhandenen Abstandes zur Angleichung verschwinden, was wiederum bedeutet, dass, je näher man der Konvergenz kommt, umso langsamer der sichtbare Fortschritt wird. Der Ökonom Larry Summers taufte diese Erkenntnis seiner Kollegen das »eiserne Gesetz der Konvergenz«.
Machen wir es für Deutschland konkret: 1991, als die deutsche Einheit gerade vollzogen war, lag das ostdeutsche Prokopfeinkommen etwa halb so hoch wie das westdeutsche. Nach der Zwei-Prozent-Regel des »eisernen Gesetzes« müsste es danach rund 35 Jahre dauern, bis die Hälfte der Ost-West-Lücke geschlossen ist, also bis in unser Jahr 2026. Und genauso ist es gekommen: Je nach Abgrenzung und Datenquelle erreicht der Wohlstand im Osten (ohne Berlin) heute ungefähr 70 bis 75 Prozent des westdeutschen Niveaus. Dumm waren die beiden amerikanischen Ökonomen im Jahr 1991 also nicht. Sie wussten: Konvergenz dauert. Die politischen Erwartungen damals waren falsch, die ökonomische Prognose dagegen war erstaunlich zielgenau.
Die Verzögerung der Angleichung ist kein unerklärbares Mirakel, sondern folgt einer eigenen Wachstumslogik. Straßen, Fabriken oder Wohnhäuser kann man schnell bauen. Unternehmenszentralen, Zuliefernetzwerke und Forschungscluster brauchen dagegen Zeit. Ganz zu schweigen vom Aufbau von Reputation, informellem Wissen oder Managementerfahrung. Eine Fabrik in Leipzig lässt sich in drei Jahren errichten. Ein vernetzter Wirtschaftsraum wie in Stuttgart, Frankfurt oder München – langfristig gewachsene Cluster der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit – braucht viel mehr Zeit. Falls es überhaupt zur Angleichung kommt.
Das »Iron Law« kennt Ausnahmen. Warnendes Beispiel ist Italien. Zwischen 1950 und Mitte der siebziger Jahre holte der Mezzogiorno gegenüber dem Norden kräftig auf. Dann kam der Prozess praktisch zum Erliegen. Das zunächst erfolgreiche Rezept – Infrastruktur bauen, Kapital investieren, große Industriebetriebe ansiedeln – war ausgereizt. Was nun gebraucht worden wäre, ließ sich schwerer mit Milliarden kaufen: innovative Unternehmen, industrielle Netzwerke und eigene Wachstumszentren. Im Vergleich dazu entwickelte sich der Norden wirtschaftlich prima.
Der Westen läuft nicht davon
Ob Ostdeutschland in die Mezzogiorno-Falle wirtschaftlicher Stagnation läuft, weiß man nicht. Man weiß nur, dass der deutsche Westen dem Osten bislang nicht davonläuft, wie es Norditalien gegenüber dem Mezzogiorno tat. Bedenklich stimmt: Der »Einheitsindex« des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stagniert seit fünf Jahren. Große Ansiedlungen wie Tesla in Brandenburg oder die Chipinvestitionen in Dresden ändern bislang wenig am grundlegenden Mangel an Konzernzentralen, Forschung und Innovation. Nennenswerte Innovationen (Start-ups, Patente) lassen zu wünschen übrig.
Kann der Ausgang der kommenden Landtagswahlen an dieser Lage etwas ändern? Die tröstlich-zynische Antwort lautet: Eher nicht. Ein »Gesetz«, dessen Gültigkeit für so unterschiedliche Regionen wie die USA, Italien und sogar Japan nachgewiesen wurde, lässt sich nicht von zwei Landtagswahlen über den Haufen werfen. Eine AfD-Regierung kann (gottlob) nicht mit dem Land Sachsen-Anhalt aus der EU austreten. Sie kann (gottlob) weder das Rentenniveau auf 70 Prozent anheben noch (leider) die Unternehmenssteuern drastisch senken. Gleichermaßen kann »die Linke«, sollte sie in einer Koalition regieren, weder einseitig den Mindestlohn verdoppeln noch die öffentlichen Investitionen verdreifachen.
Indes, weichere Faktoren können durchaus harte ökonomische Wirkung entfalten. Weil dem Osten nicht mehr Straßen und Maschinen fehlen, werden Menschen wichtiger. Ein Bundesland, das signalisiert, Ausländer seien nicht willkommen, wird auf ausländische Investoren und tüchtige Migranten verzichten müssen – zum Nachteil für den Wohlstand der Menschen. Das Mezzogiorno-Szenario würde um einiges realistischer. Ein Land der Biodeutschen wird niemals eine blühende Landschaft werden.
Rainer Hank
21. September 2026
Macht Hitze arm?
Es kommt drauf an, wie wir reagieren
Sierra Leone liegt keine tausend Kilometer vom Äquator entfernt. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Anfang der achtziger Jahre betrug das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf dort 1200 Dollar. Vierzig Jahre später ist es auf 1000 Dollar geschrumpft. In Sierra Leone herrscht tropische Hitze mit Temperaturen bis 40 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Die Menschen sind sehr arm. Und werden ärmer.
Kanada liegt bis zu 8000 Kilometer von Äquator entfernt. Es zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Anfang der achtziger Jahre betrug das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gut 27.000 Dollar. Vierzig Jahre später ist der Wohlstand auf 42.000 Dollar angestiegen, ein Wachstum um 53 Prozent. In Kanada herrscht ein gemäßigtes Klima (abgesehen vom arktisch kalten Norden). Toronto im Süden hat mittlere Jahrestemperaturen von rund 10 Grad Celsius; im Juli beträgt das Tagesmittel 22 bis 24 Grad. Die Menschen in Kanada sind reich. Und werden reicher.
Woran liegt der Unterschied? Der Kolonialismus allein kann nicht schuld sein: Beide Länder waren britische Kolonien. Aber Kolonialismus ist nicht gleich Kolonialismus.
Könnte es sein, dass die Menschen in Kanada es leichter haben, zu wirtschaftlichem Erfolg zu kommen, weil ihnen die klimatischen Bedingungen ihres Landes entgegenkommen? Das liefe auf die Klimatheorie hinaus, die unter anderen schon Montesquieu vertreten hat. »In den Nordzonen«, schreibt Montesquieu 1748 im »Geist der Gesetze«, »begegnen wir Völkern mit wenig Lastern, genügend Tugenden, viel Ehrlichkeit und Offenheit. Nähern wir uns den Ländern des Südens, so haben wir den Eindruck, dass wir uns von der Moral selbst entfernen.« Woran dieser moralische Unterschied liegt? Eben am Klima, sagt Montesquieu. In schwüler Hitze fehle den Menschen jede Energie, die Voraussetzung wirtschaftlicher Produktivität: »Die Abspannung greift alsbald auf den Geist selbst über: keinerlei Neugier, keinerlei hochherzige Unternehmung. Alle Neigungen bleiben passiv.«Die Klimatheorie ist zu simpel
Man könnte meinen, Montesquieus Schrift stamme nicht aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, sondern reflektiere die Erfahrungen des mitteleuropäischen Hitzesommers 2026. Hitze macht antriebslos und unproduktiv. Das lässt sich mit Zahlen unterfüttern: Das Umweltbundesamt verweist für Mitteleuropa bei hoher Hitzebelastung auf Produktivitätseinbußen von bis zu zwölf Prozent; allein für die früheren heißen Sommer 2018 und 2019 wurden direkte hitzebedingte Produktivitätsverluste von rund fünf Milliarden Euro geschätzt, zusätzlich zu indirekten Schäden von 3,5 bis 5,3 Milliarden Euro.
Bewegt sich Mitteleuropa also in Richtung Afrika? Steht der Wohlstand einer Nation in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur mittleren Tagestemperatur? Das wäre ein allzu naiver Klimadeterminismus, wenngleich selbst prominente Wirtschaftswissenschaftler dieser These zuneigen: »Die Ökonomien tropischer Zonen sind praktisch überall arm, während jene in den gemäßigten Gebieten im Allgemeinen reich sind«, hat der Harvard-Ökonom Jeffrey Sachs behauptet. Daraus würde dann folgen: Je tropischer die Temperaturen in Deutschland, umso ärmer werden seine Menschen.
So unabwendbar ist die Zukunft gottlob nicht. Dazu muss man sich anschauen, wie die britischen Kolonisatoren mit Sierra Leone und Kanada umgegangen sind. Nämlich sehr unterschiedlich. Für Europäer war die westafrikanische Küste wegen Malaria und Gelbfieber außerordentlich gefährlich – sie erhielt den Beinamen »White Man’s Grave«. Deshalb haben die britischen Kolonialherren sich dort gar nicht dauerhaft angesiedelt, sondern sich darauf beschränkt, das Land auszubeuten. In Kanada dagegen kam es zu einer massenhaften und dauerhaften Ansiedlung europäischer Familien. Mit der dauerhaften Ansiedlung entstanden gute Schulen und Universitäten, eine verlässliche Justiz und den Schutz von Eigentumsrechten samt Polizei und Militär.
Das Klima wurde zum wirtschaftlichen Schicksal, weil es die Entstehung unterschiedlicher Institutionen begünstigte. Genau darin besteht die berühmte These des Ökonomie-Nobelpreisträgers Daron Acemoglu. In Ländern mit ungesundem Klima unterließen es die Kolonisatoren, gute Institutionen zu errichten und konzentrierten sich darauf, das Land auszubeuten. Acemoglu nennt solche Institutionen Ökonomien »extraktiv«, deren Zweck darin bestand, Ressourcen von der Mehrheit zu einer kleinen herrschenden Minderheit zu transferieren – im Unterschied zu jenen Ländern, deren Institutionen breiten Bevölkerungsschichten wirtschaftliche Chancen eröffnen. Die nennt Acemoglu »inklusiv«.
Extraktiv oder inklusiv?
Ausgelöst von einem polemischen Artikel des britischen »Economist« in der vergangenen Woche ist unter Ökonomen gerade ein Streit über Acemoglus sogenannte »Siedlersterblichkeitsthese« neu aufgeflammt, der uns hier im Detail nicht zu interessieren braucht. Gültig bleibt allemal: Hitze ist kein Schicksal, das uns zwangsläufig in die Armut schickt. Menschen können reagieren und gute oder schlechte Strategien der Anpassung entwickeln. Dafür hilft die Unterscheidung zwischen »extraktiv« und »inklusiv« enorm. »Extraktiv« wäre Klimapolitik dort, wo gut organisierte Interessengruppen den Klimawandel nutzen, um ihre Verluste dauerhaft der Allgemeinheit aufzubürden: Wer im Überschwemmungsgebiet baut oder einen brandgefährdeten Wald besitzt, würde Ansprüche auf staatliche Entschädigung durchsetzen, während die Kosten beim Steuerzahler landen.
»Inklusiv« wäre dagegen ein institutionelles Arrangement, das vielen die Anpassung ermöglicht: transparente Risiken, Wettbewerb der Versicherer mit differenzierten Prämien, freie Investitionsentscheidungen. Private Versicherungen liefern Informationssignale darüber, wie riskant ein Standort oder eine Nutzung ist: Wer im Überschwemmungsgebiet oder am brandgefährdeten Waldrand wohnt, muss mehr zahlen. Waldbrandversicherungen sind besser als Waldbrandentschädigungen. Ein besonders brandgefährdeter Kiefernwald in Brandenburg würde höhere Prämien kosten als ein feuchter Mischwald in einer weniger gefährdeten Region.
Extraktiv wäre es, das Risiko zu sozialisieren. Inklusiv wäre es, das Risiko mit einem Preis zu versehen.
Der Staat stellt dazu mit Steuern finanzierte öffentliche Güter bereit: Deiche, Frühwarnsysteme für Wasserknappheiten oder Überschwemmungen. Er baut seine kommunale Feuerwehr aus und unterstützt die freiwillige Feuerwehr. Und er fördert für vulnerable Gruppen den Einbau von Klimaanlagen in Schulen, Kliniken, Altenheimen. Um die Klimatisierung von Fabrikhallen und Büros müssen sich die Unternehmen kümmern.
Dass es heißer wird, ist unvermeidlich. Dass daraus verheerende Waldbrände werden, lässt sich zumindest unwahrscheinlicher machen. Hitze macht nicht arm. Die Unfähigkeit, sich an Hitze anzupassen, kann arm machen.
Rainer Hank
21. September 2026
Ein Lob der Maut
Gute Ratschläge für den Bundesverkehrsminister
An allem ist der Andi Scheuer schuld. Sie erinnern sich? Das war jener CSU-Mann, der als Verkehrsminister in den Jahren 2018 bis 2021 die Einführung einer Pkw-Maut in Deutschland versemmelt hat. Angela Merkel, die damals Kanzlerin war, habe Scheuer zwar regelmäßig in den Senkel gestellt, so ist zu hören. Das Maut-Desaster konnte aber auch sie nicht verhindern. Scheuer wollte ausländische Fahrzeuge auf deutschen Straßen zur Kasse bitten und hatte mit den künftigen Betreibern weitreichende Verträge abgeschlossen. Doch die Maut kippte, weil sie deutsche Autofahrer privilegierte und europäischem Recht widersprach. Am Ende musste der Bund 243 Millionen Euro Schadenersatz zahlen.
Der langfristige Schaden, den Scheuer angerichtet hat, ist verheerend: Eine Maut in Deutschland ist diskreditiert – obwohl fast alle Nachbarländer erfolgreich damit arbeiten. Natürlich so, dass Ausländer nicht benachteiligt werden.
Das funktioniert prima: Nachdem wir uns viele Jahre vor allem in Italien und Frankreich über lange Wartezeiten am Kassenhäuschen auf der Autobahn geärgert haben, haben wir uns im vergangenen Jahr ein kleines Kästchen angeschafft, das an der Windschutzscheibe klebt und uns freie Durchfahrt an allen Mautstellen sichert. Abgerechnet wird digital über eine App.
Deutschland braucht eine vom Bundeshaushalt unabhängige Infrastrukturfinanzierung. Kanzler Friedrich Merz hat kürzlich seinen Verkehrsminister gefeuert. Untergegangen ist dabei, warum der Verkehrsminister gehen musste: Er wünsche sich, sagte Merz, »dass privates Kapital zur Finanzierung unsere Infrastrukturmodernisierung mobilisiert wird.« Bei »Infrastruktur« wird Merz an Straßen und Schienen, also an marode Autobahnen, morsche Brücken, verrostete Schienen und Weichen, fehlende digitale Logistik und vieles mehr gedacht haben. Dafür gibt es zwar das berühmte Sondervermögen des Bundes von 500 Milliarden Euro. Das reicht aber an allen Ecken und Enden nicht. Zu hoffen wäre, dass private Betreiber mit Infrastrukturprojekten besser und effizienter umzugehen verstehen als der Staat.
Womit wir wieder bei der Maut und bei Italien wären. Dort vergibt der Staat langfristige Konzession an private Gesellschaften: sie bauen, betreiben, erhalten und finanzieren die Autobahnen. Weil sie das nicht aus Altruismus tun, dürfen sie eine Maut erheben, mit deren Einnahmen sie sich finanzieren. Das größte Unternehmen ist die Mundys, deren wichtigstes Tochterunternehmen die Autostrade per l’Italia einen erheblichen Teil des Schnellstraßennetzes betreibt. Daneben gibt es weitere regionale Konzessionäre.
Aus Sicht der Autofahrer ist eine streckenabhängige Maut das Gerechteste, was es gibt. Denn sie folgt dem »Verursacherprinzip«: Nur wer auch auf der Straße fährt, zahlt. Denn er nimmt Infrastrukturleistungen in Anspruch, die er mit der Maut bezahlt. Wer viele Kilometer fährt, zahlt mehr als ein Gelegenheitsfahrer.Schaut nach Italien
Private Betreiber wiederum müssen ein großes Interesse daran haben, die Autobahnen in Schuss zu halten, beim Bau nicht zu pfuschen, Wartung effizient zu organisieren und langfristig Kosten zu sparen. Private Autobahngesellschaften sind schneller als der Staat, können Personal flexibler einsetzen und Projekte effizienter organisieren.
Doch es gibt auch Nachteile der Infrastruktur-Privatisierung. Der italienische Staat, trotz hoher Verschuldung, bekommt Kredite meist günstiger als private Firmen. Dieser Zinsnachteil muss durch höhere Effizienz erst einmal verdient werden. Schwieriger noch: Autobahnen sind sogenannte natürliche Monopole. Man kann nicht drei Autobahnen parallel von Bologna nach Florenz durchs Gebirge in den Wettbewerb schicken. Wer auf mautfreie Landstraßen ausweicht, steht im Stau und muss mehr Fahrzeit einkalkulieren. Dieses Privileg ermächtigt die Betreiber beim Preis ordentlich zuzulangen. Man nennt das Monopolrenten, die zu verhindern es eines staatlichen Regulierers bedarf (wie beim Strom).
Am meisten ist das italienische Modell in Verruf gekommen durch den sogenannten Genua-Schock: Den Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018, bei dem 43 Personen ums Leben kamen. Die gerichtliche Aufarbeitung zieht sich bis in die Gegenwart. Der Verdacht liegt nahe, die privaten Betreiber hätte Ausgaben für Sicherheit und Statik zugunsten ihrer Profite zurückgestellt.
All dies ist der Grund, warum auch viele liberale Ökonomen (zu Beispiel die Wirtschaftsweisen Veronika Grimm und Gabriel Felbermayr), die normalerweise für Privatisierung sind, das österreichische Mautsystem bevorzugen. Es firmiert unter dem sperrigen Namen ASFINAG – Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG. Dabei handelt es sich um ein staatliches Unternehmen, das für das gesamte österreichische Autobahnen- und Schnellstraßennetz (rund 2.200 Kilometer) verantwortlich ist und dafür Maut zu erheben berechtigt ist, die in Österreich nicht strecken-, sondern zeitabhängig erhoben und »Pickerl« genannt wird.
Entwicklungshelfer aus Österreich nach Deutschland
Das Prinzip der ASFINAG ist nicht schwer zu verstehen: Nutzer kaufen Pickerl, daraus entstehen sichere Einnahmen. Gegen diese Einnahmen kann sich die Gesellschaft langfristig verschulden. Mit diesem Geld werden neue Straßen gebaut und alte repariert. Die ASFINAG ist nicht an das staatliche einengende Haushaltsrecht gefesselt, genießt aber als staatliches Unternehmen günstige Zinskonditionen. Die ASFINAG ermöglicht nicht nur die Mobilisierung privaten Kapitals – Kanzler Merz spricht gerne von »hebeln« -, sie arbeitet zugleich unternehmerisch.
Der neue Verkehrsminister – er heißt Steffen Bilger, stammt aus Baden-Württemberg und gehört der CDU an – sollte sich bald in Wien bei seinem österreichischen Kollegen zum Thema ASFINAG schlau machen – der heißt Peter Hanke, gehört der SPÖ an und ist ein Wiener. Als nächstes müsste dann eine deutsche ASFINAG errichtet werden; womöglich leiht der Wiener Kollege ein paar erfahrene österreichische Manager als Entwicklungshelfer nach Berlin aus. Ich wette, das von Andi Scheuer ausgelöste Maut-Trauma der Deutschen wird über die Zeit vergessen werden.
Wenn dann die deutsche Maut funktioniert, könnte Bilger nach vergleichbarem Muster bei der Bahn vorgehen. Schiene und Bahnbetrieb müssten vollkommen getrennt werden. Die Schiene, ein natürliches Monopol, wird von einer deutschen BAFINAG betrieben, die Slots vergibt an konkurrierende Bahngesellschaften (DB, Flixbahn, Italo) und dafür eine Schienenmaut erhebt. Weil die Deutsche Bahn diese ordnungspolitisch klare Trennung jahrelang als »Zerschlagung« verunglimpft hat, gilt es auch hier Trauma zu überwinden. Viel zu tun, Herr Minister Bilger. »Einfach mal machen«, würde Friedrich Merz sagen.
Rainer Hank
18. September 2026
Dem Staat ist nicht zu trauen
Gemeinwohl, egoistische Interessen und der Ökonom Lars P. Feld
Die Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wollen die »Rente mit 63« behalten: Mit ihr kann das Arbeitsleben ohne Abschläge beenden, wer 45 Beitragsjahre geleistet hat. Das widerspricht den Vorschlägen der Rentenkommission, deren Empfehlungen die Bundesregierung zur Grundlage einer großen Reform machen will. Die drei Ministerpräsidenten gehören der CDU an; die »Rente mit 63« ist seit den Tagen von Andrea Nahles ein Lieblingskind der SPD – weshalb jetzt flugs viele Sozialdemokraten den Ost-Ministerpräsidenten beispringen.
Die Ministerpräsidenten führen ins Feld, viele Rentner im Osten hätten bereits mit 16 oder 17 Jahren eine Lehre begonnen. Nach 45 Rentenjahren habe sich so jemand einen früheren Renteneintritt »verdient«. Zudem gebe es in Ostdeutschland erheblich weniger Betriebsrenten und geringere Vermögen, weshalb die gesetzliche Rente dort wichtiger sei als im Westen. Und schließlich hätten sich die Erwerbstätigen auf die »Rente mit 63« (inzwischen: »Rente mit 64«) eingestellt. Wer kurz vor dem Ruhestand stehe, dürfe nicht durch eine Reform überrascht werden.
Die Argumente der Ministerpräsidenten sind nicht aus der Luft gegriffen. Doch sie unterschlagen das Wesentliche: Auch wer mit 16 zu arbeiten begonnen hat, lebt heute deutlich länger, bezieht länger Rente und belastet länger das Rentensystem. Gerade deshalb hat die Rentenkommission empfohlen, die abschlagsfreie Frühverrentung abzuschaffen. Das würde das System – also die jüngeren Beitragszahler – um rund zehn Milliarden Euro im Jahr entlasten. Die gesetzliche Rente ist nämlich keine Kasse, in die man einzahlt, sondern ein Umlagemechanismus, bei dem die jüngeren Beschäftigten die älteren Ruheständler finanzieren – »Generationenvertrag« genannt.
Warum verteidigen die Ost-CDU-Politiker die systemfremde »Rente mit 63«? Die Antwort liegt auf der Hand: Von der Rente mit 64 profitieren vor allem Arbeitnehmer, die Vollzeit gearbeitet haben. In Ostdeutschland gehört die Generation kurz vor dem Ruhestand zum wichtigen Wählerreservoir der AfD. Gerade diese Gruppe spricht die Verteidigung der »Rente mit 63« unmittelbar an. In Sachsen-Anhalt sind im September Wahlen. Die AfD liegt nach aktuellen Umfragen bei 41 Prozent, die CDU bei 24 Prozent. Die AfD verspricht ihren Wählern ein Rentenniveau von – illusorischen – 70 Prozent und mehr.
Politik als Markt
Kein Wunder also, dass die Ost-CDU ihren Wählern rentenpolitisch auch etwas bieten will. Es geht um das Wohl wahlentscheidender Gruppen, nicht um das Gemeinwohl. Es geht um das Wohl von Politikern, deren Geschäftsmodell darin besteht, Wählerstimmen zu maximieren, ein Job, den AfD-Politiker derzeit erfolgreicher betreiben als die Männer der CDU.
In dieser Erklärung zeigt sich: Man kann Politik wie einen Markt analysieren, indem man, völlig moralfrei, Kosten und Nutzen der handelnden Personen gewichtet. Politiker sind rationale Akteure, und der Staat ist kein »benevolenter Diktator«, der das Beste für seine Untertanen im Sinn hat. Politiker handeln nicht gemeinwohlorientiert, sondern verfolgen wie alle Menschen ihre eigenen Interessen. Partielle Interessen organisierter Gruppen – Rentner oder Arbeitnehmer, die bald Rentner werden – sind wichtiger als die Gesamtheit der Steuer- oder Beitragszahler. Wenn es stimmt, dass Politiker stimmenmaximierende Eigeninteressen verfolgen, hilft es wenig, auf »bessere« Politiker zu hoffen. Besser wäre es, Regeln und Institutionen zu schaffen, die den rationalen Egoismus von Politikern begrenzen.
Eine Erklärung für dieses Verhalten von Politikern liefert eine prominente ökonomische Schule: Sie heißt »Public Choice«, weil es ihr darum geht zu untersuchen, wie politische Entscheidungen tatsächlich getroffen werden. Warum beschließt ein Parlament höhere Ausgaben? Warum wächst der Staat? Warum werden Subventionen kaum abgeschafft? Warum setzen sich bestimmte Interessengruppen durch – und andere nicht?
Public Choice entstand in den sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten. Bekanntester Vertreter der Schule ist der Ökonomie-Nobelpreisträger James M. Buchanan (1919 bis 2013). Public Choice teilt die Überzeugung der sogenannten Institutionenökonomik, wonach eine gute Gesellschaft vor allem gute Institutionen (Eigentumsrechte, Gerichte, Verfassungen) braucht.
Es sind nach Auffassung der Vertreter der Public Choice vor allem zwei Riegel, die den Partikularegoismus der Politiker begrenzen: Einerseits braucht es weniger, andererseits braucht es mehr Demokratie. Einerseits sind Regeln und Institutionen erforderlich, die die parlamentarische Demokratie beschränken. Paradebeispiel dafür ist die Schuldenbremse, die die Ausgabenfreude von Politikern zügelt. Oder eine unabhängige Zentralbank, die das inflationstreibende Begehren der Politiker souverän ignoriert. Andererseits braucht es mehr direkte Demokratie, die das Volk stärker an politischen Entscheidungen und der Finanzierung dieser Entscheidungen beteiligt und damit ebenfalls die Macht der Politiker in den Parlamenten begrenzt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass in direkt-demokratisch verfassten Gesellschaften weniger subventioniert und weniger Steuern erhoben werden, die Staatsverschuldung geringer ist – bei gleichzeitig höherer Wirtschaftsleistung pro Kopf und höherer Lebesnszufriedenheit der Menschen.
Lars Feld – der Liberale
Woher weiß ich, was ich hier schreibe? Die kurze Antwort heißt: Von Lars P. Feld. Der liberale Ökonom gehört zu einer Generation von deutschen Forschern, die Finanzwissenschaft, Institutionenökonomik, Public Choice und die Freiburger Schule des Ordoliberalismus zusammengeführt haben. Gemeinsam mit seinem früh verstorbenen akademischen Lehrer Gebhard Kirchgässner hat Feld gezeigt, dass der »Homo Oeconomicus« kein lebensfernes Konstrukt ist und dass die segensreiche Wirkung guter Institutionen auch empirisch belegt werden kann – vor allem am Beispiel der Staatsverfassung der Schweiz: Feld, ein Saarländer, ist an der Hochschule St. Gallen akademisch groß geworden. Seit er 2010 zum Direktor des Walter Eucken Instituts (sic!) in Freiburg berufen wurde, hat er sich mit ökonomischer Politikberatung nicht nur akademisch, sondern auch praktisch beschäftigt – unter anderem als Vorsitzender der »Fünf Weisen« und als persönlicher Berater des Ampel-Finanzministers Christian Lindner (FDP) von 2022 bis 2024. Dabei hat er nicht nur die Macht, sondern auch die Grenzen solcher Beratung kennengelernt, so wie es seine eigene Theorie erwarten lässt: Dem rational handelnden Politiker ist der nächste Wahltag näher als der Rat seines Ökonomen. An diesem Sonntag, dem 9. August, feiert Lars P. Feld seinen 60. Geburtstag – in der Bretagne, wie man hört.
Rainer Hank
