Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
12. Oktober 2026Viele Waffen, wenig Ideen
06. Oktober 2026Der Niedergang der Politiker-Sprache
24. September 2026Warum ist es so schwer, reich zu werden?
24. September 2026Blühende Landschaften?
21. September 2026Macht Hitze arm?
21. September 2026Ein Lob der Maut
18. September 2026Dem Staat ist nicht zu trauen
18. September 2026Ein Lob der Kirche
06. August 2026Stille Tempel in Kyoto
03. August 2026Bettenstopp bringt Bettenboom
21. September 2026
Ein Lob der Maut
Gute Ratschläge für den Bundesverkehrsminister
An allem ist der Andi Scheuer schuld. Sie erinnern sich? Das war jener CSU-Mann, der als Verkehrsminister in den Jahren 2018 bis 2021 die Einführung einer Pkw-Maut in Deutschland versemmelt hat. Angela Merkel, die damals Kanzlerin war, habe Scheuer zwar regelmäßig in den Senkel gestellt, so ist zu hören. Das Maut-Desaster konnte aber auch sie nicht verhindern. Scheuer wollte ausländische Fahrzeuge auf deutschen Straßen zur Kasse bitten und hatte mit den künftigen Betreibern weitreichende Verträge abgeschlossen. Doch die Maut kippte, weil sie deutsche Autofahrer privilegierte und europäischem Recht widersprach. Am Ende musste der Bund 243 Millionen Euro Schadenersatz zahlen.
Der langfristige Schaden, den Scheuer angerichtet hat, ist verheerend: Eine Maut in Deutschland ist diskreditiert – obwohl fast alle Nachbarländer erfolgreich damit arbeiten. Natürlich so, dass Ausländer nicht benachteiligt werden.
Das funktioniert prima: Nachdem wir uns viele Jahre vor allem in Italien und Frankreich über lange Wartezeiten am Kassenhäuschen auf der Autobahn geärgert haben, haben wir uns im vergangenen Jahr ein kleines Kästchen angeschafft, das an der Windschutzscheibe klebt und uns freie Durchfahrt an allen Mautstellen sichert. Abgerechnet wird digital über eine App.
Deutschland braucht eine vom Bundeshaushalt unabhängige Infrastrukturfinanzierung. Kanzler Friedrich Merz hat kürzlich seinen Verkehrsminister gefeuert. Untergegangen ist dabei, warum der Verkehrsminister gehen musste: Er wünsche sich, sagte Merz, »dass privates Kapital zur Finanzierung unsere Infrastrukturmodernisierung mobilisiert wird.« Bei »Infrastruktur« wird Merz an Straßen und Schienen, also an marode Autobahnen, morsche Brücken, verrostete Schienen und Weichen, fehlende digitale Logistik und vieles mehr gedacht haben. Dafür gibt es zwar das berühmte Sondervermögen des Bundes von 500 Milliarden Euro. Das reicht aber an allen Ecken und Enden nicht. Zu hoffen wäre, dass private Betreiber mit Infrastrukturprojekten besser und effizienter umzugehen verstehen als der Staat.
Womit wir wieder bei der Maut und bei Italien wären. Dort vergibt der Staat langfristige Konzession an private Gesellschaften: sie bauen, betreiben, erhalten und finanzieren die Autobahnen. Weil sie das nicht aus Altruismus tun, dürfen sie eine Maut erheben, mit deren Einnahmen sie sich finanzieren. Das größte Unternehmen ist die Mundys, deren wichtigstes Tochterunternehmen die Autostrade per l’Italia einen erheblichen Teil des Schnellstraßennetzes betreibt. Daneben gibt es weitere regionale Konzessionäre.
Aus Sicht der Autofahrer ist eine streckenabhängige Maut das Gerechteste, was es gibt. Denn sie folgt dem »Verursacherprinzip«: Nur wer auch auf der Straße fährt, zahlt. Denn er nimmt Infrastrukturleistungen in Anspruch, die er mit der Maut bezahlt. Wer viele Kilometer fährt, zahlt mehr als ein Gelegenheitsfahrer.Schaut nach Italien
Private Betreiber wiederum müssen ein großes Interesse daran haben, die Autobahnen in Schuss zu halten, beim Bau nicht zu pfuschen, Wartung effizient zu organisieren und langfristig Kosten zu sparen. Private Autobahngesellschaften sind schneller als der Staat, können Personal flexibler einsetzen und Projekte effizienter organisieren.
Doch es gibt auch Nachteile der Infrastruktur-Privatisierung. Der italienische Staat, trotz hoher Verschuldung, bekommt Kredite meist günstiger als private Firmen. Dieser Zinsnachteil muss durch höhere Effizienz erst einmal verdient werden. Schwieriger noch: Autobahnen sind sogenannte natürliche Monopole. Man kann nicht drei Autobahnen parallel von Bologna nach Florenz durchs Gebirge in den Wettbewerb schicken. Wer auf mautfreie Landstraßen ausweicht, steht im Stau und muss mehr Fahrzeit einkalkulieren. Dieses Privileg ermächtigt die Betreiber beim Preis ordentlich zuzulangen. Man nennt das Monopolrenten, die zu verhindern es eines staatlichen Regulierers bedarf (wie beim Strom).
Am meisten ist das italienische Modell in Verruf gekommen durch den sogenannten Genua-Schock: Den Einsturz der Morandi-Brücke im August 2018, bei dem 43 Personen ums Leben kamen. Die gerichtliche Aufarbeitung zieht sich bis in die Gegenwart. Der Verdacht liegt nahe, die privaten Betreiber hätte Ausgaben für Sicherheit und Statik zugunsten ihrer Profite zurückgestellt.
All dies ist der Grund, warum auch viele liberale Ökonomen (zu Beispiel die Wirtschaftsweisen Veronika Grimm und Gabriel Felbermayr), die normalerweise für Privatisierung sind, das österreichische Mautsystem bevorzugen. Es firmiert unter dem sperrigen Namen ASFINAG – Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-AG. Dabei handelt es sich um ein staatliches Unternehmen, das für das gesamte österreichische Autobahnen- und Schnellstraßennetz (rund 2.200 Kilometer) verantwortlich ist und dafür Maut zu erheben berechtigt ist, die in Österreich nicht strecken-, sondern zeitabhängig erhoben und »Pickerl« genannt wird.
Entwicklungshelfer aus Österreich nach Deutschland
Das Prinzip der ASFINAG ist nicht schwer zu verstehen: Nutzer kaufen Pickerl, daraus entstehen sichere Einnahmen. Gegen diese Einnahmen kann sich die Gesellschaft langfristig verschulden. Mit diesem Geld werden neue Straßen gebaut und alte repariert. Die ASFINAG ist nicht an das staatliche einengende Haushaltsrecht gefesselt, genießt aber als staatliches Unternehmen günstige Zinskonditionen. Die ASFINAG ermöglicht nicht nur die Mobilisierung privaten Kapitals – Kanzler Merz spricht gerne von »hebeln« -, sie arbeitet zugleich unternehmerisch.
Der neue Verkehrsminister – er heißt Steffen Bilger, stammt aus Baden-Württemberg und gehört der CDU an – sollte sich bald in Wien bei seinem österreichischen Kollegen zum Thema ASFINAG schlau machen – der heißt Peter Hanke, gehört der SPÖ an und ist ein Wiener. Als nächstes müsste dann eine deutsche ASFINAG errichtet werden; womöglich leiht der Wiener Kollege ein paar erfahrene österreichische Manager als Entwicklungshelfer nach Berlin aus. Ich wette, das von Andi Scheuer ausgelöste Maut-Trauma der Deutschen wird über die Zeit vergessen werden.
Wenn dann die deutsche Maut funktioniert, könnte Bilger nach vergleichbarem Muster bei der Bahn vorgehen. Schiene und Bahnbetrieb müssten vollkommen getrennt werden. Die Schiene, ein natürliches Monopol, wird von einer deutschen BAFINAG betrieben, die Slots vergibt an konkurrierende Bahngesellschaften (DB, Flixbahn, Italo) und dafür eine Schienenmaut erhebt. Weil die Deutsche Bahn diese ordnungspolitisch klare Trennung jahrelang als »Zerschlagung« verunglimpft hat, gilt es auch hier Trauma zu überwinden. Viel zu tun, Herr Minister Bilger. »Einfach mal machen«, würde Friedrich Merz sagen.
Rainer Hank
18. September 2026
Dem Staat ist nicht zu trauen
Gemeinwohl, egoistische Interessen und der Ökonom Lars P. Feld
Die Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wollen die »Rente mit 63« behalten: Mit ihr kann das Arbeitsleben ohne Abschläge beenden, wer 45 Beitragsjahre geleistet hat. Das widerspricht den Vorschlägen der Rentenkommission, deren Empfehlungen die Bundesregierung zur Grundlage einer großen Reform machen will. Die drei Ministerpräsidenten gehören der CDU an; die »Rente mit 63« ist seit den Tagen von Andrea Nahles ein Lieblingskind der SPD – weshalb jetzt flugs viele Sozialdemokraten den Ost-Ministerpräsidenten beispringen.
Die Ministerpräsidenten führen ins Feld, viele Rentner im Osten hätten bereits mit 16 oder 17 Jahren eine Lehre begonnen. Nach 45 Rentenjahren habe sich so jemand einen früheren Renteneintritt »verdient«. Zudem gebe es in Ostdeutschland erheblich weniger Betriebsrenten und geringere Vermögen, weshalb die gesetzliche Rente dort wichtiger sei als im Westen. Und schließlich hätten sich die Erwerbstätigen auf die »Rente mit 63« (inzwischen: »Rente mit 64«) eingestellt. Wer kurz vor dem Ruhestand stehe, dürfe nicht durch eine Reform überrascht werden.
Die Argumente der Ministerpräsidenten sind nicht aus der Luft gegriffen. Doch sie unterschlagen das Wesentliche: Auch wer mit 16 zu arbeiten begonnen hat, lebt heute deutlich länger, bezieht länger Rente und belastet länger das Rentensystem. Gerade deshalb hat die Rentenkommission empfohlen, die abschlagsfreie Frühverrentung abzuschaffen. Das würde das System – also die jüngeren Beitragszahler – um rund zehn Milliarden Euro im Jahr entlasten. Die gesetzliche Rente ist nämlich keine Kasse, in die man einzahlt, sondern ein Umlagemechanismus, bei dem die jüngeren Beschäftigten die älteren Ruheständler finanzieren – »Generationenvertrag« genannt.
Warum verteidigen die Ost-CDU-Politiker die systemfremde »Rente mit 63«? Die Antwort liegt auf der Hand: Von der Rente mit 64 profitieren vor allem Arbeitnehmer, die Vollzeit gearbeitet haben. In Ostdeutschland gehört die Generation kurz vor dem Ruhestand zum wichtigen Wählerreservoir der AfD. Gerade diese Gruppe spricht die Verteidigung der »Rente mit 63« unmittelbar an. In Sachsen-Anhalt sind im September Wahlen. Die AfD liegt nach aktuellen Umfragen bei 41 Prozent, die CDU bei 24 Prozent. Die AfD verspricht ihren Wählern ein Rentenniveau von – illusorischen – 70 Prozent und mehr.
Politik als Markt
Kein Wunder also, dass die Ost-CDU ihren Wählern rentenpolitisch auch etwas bieten will. Es geht um das Wohl wahlentscheidender Gruppen, nicht um das Gemeinwohl. Es geht um das Wohl von Politikern, deren Geschäftsmodell darin besteht, Wählerstimmen zu maximieren, ein Job, den AfD-Politiker derzeit erfolgreicher betreiben als die Männer der CDU.
In dieser Erklärung zeigt sich: Man kann Politik wie einen Markt analysieren, indem man, völlig moralfrei, Kosten und Nutzen der handelnden Personen gewichtet. Politiker sind rationale Akteure, und der Staat ist kein »benevolenter Diktator«, der das Beste für seine Untertanen im Sinn hat. Politiker handeln nicht gemeinwohlorientiert, sondern verfolgen wie alle Menschen ihre eigenen Interessen. Partielle Interessen organisierter Gruppen – Rentner oder Arbeitnehmer, die bald Rentner werden – sind wichtiger als die Gesamtheit der Steuer- oder Beitragszahler. Wenn es stimmt, dass Politiker stimmenmaximierende Eigeninteressen verfolgen, hilft es wenig, auf »bessere« Politiker zu hoffen. Besser wäre es, Regeln und Institutionen zu schaffen, die den rationalen Egoismus von Politikern begrenzen.
Eine Erklärung für dieses Verhalten von Politikern liefert eine prominente ökonomische Schule: Sie heißt »Public Choice«, weil es ihr darum geht zu untersuchen, wie politische Entscheidungen tatsächlich getroffen werden. Warum beschließt ein Parlament höhere Ausgaben? Warum wächst der Staat? Warum werden Subventionen kaum abgeschafft? Warum setzen sich bestimmte Interessengruppen durch – und andere nicht?
Public Choice entstand in den sechziger Jahren in den Vereinigten Staaten. Bekanntester Vertreter der Schule ist der Ökonomie-Nobelpreisträger James M. Buchanan (1919 bis 2013). Public Choice teilt die Überzeugung der sogenannten Institutionenökonomik, wonach eine gute Gesellschaft vor allem gute Institutionen (Eigentumsrechte, Gerichte, Verfassungen) braucht.
Es sind nach Auffassung der Vertreter der Public Choice vor allem zwei Riegel, die den Partikularegoismus der Politiker begrenzen: Einerseits braucht es weniger, andererseits braucht es mehr Demokratie. Einerseits sind Regeln und Institutionen erforderlich, die die parlamentarische Demokratie beschränken. Paradebeispiel dafür ist die Schuldenbremse, die die Ausgabenfreude von Politikern zügelt. Oder eine unabhängige Zentralbank, die das inflationstreibende Begehren der Politiker souverän ignoriert. Andererseits braucht es mehr direkte Demokratie, die das Volk stärker an politischen Entscheidungen und der Finanzierung dieser Entscheidungen beteiligt und damit ebenfalls die Macht der Politiker in den Parlamenten begrenzt. Empirische Untersuchungen zeigen, dass in direkt-demokratisch verfassten Gesellschaften weniger subventioniert und weniger Steuern erhoben werden, die Staatsverschuldung geringer ist – bei gleichzeitig höherer Wirtschaftsleistung pro Kopf und höherer Lebesnszufriedenheit der Menschen.
Lars Feld – der Liberale
Woher weiß ich, was ich hier schreibe? Die kurze Antwort heißt: Von Lars P. Feld. Der liberale Ökonom gehört zu einer Generation von deutschen Forschern, die Finanzwissenschaft, Institutionenökonomik, Public Choice und die Freiburger Schule des Ordoliberalismus zusammengeführt haben. Gemeinsam mit seinem früh verstorbenen akademischen Lehrer Gebhard Kirchgässner hat Feld gezeigt, dass der »Homo Oeconomicus« kein lebensfernes Konstrukt ist und dass die segensreiche Wirkung guter Institutionen auch empirisch belegt werden kann – vor allem am Beispiel der Staatsverfassung der Schweiz: Feld, ein Saarländer, ist an der Hochschule St. Gallen akademisch groß geworden. Seit er 2010 zum Direktor des Walter Eucken Instituts (sic!) in Freiburg berufen wurde, hat er sich mit ökonomischer Politikberatung nicht nur akademisch, sondern auch praktisch beschäftigt – unter anderem als Vorsitzender der »Fünf Weisen« und als persönlicher Berater des Ampel-Finanzministers Christian Lindner (FDP) von 2022 bis 2024. Dabei hat er nicht nur die Macht, sondern auch die Grenzen solcher Beratung kennengelernt, so wie es seine eigene Theorie erwarten lässt: Dem rational handelnden Politiker ist der nächste Wahltag näher als der Rat seines Ökonomen. An diesem Sonntag, dem 9. August, feiert Lars P. Feld seinen 60. Geburtstag – in der Bretagne, wie man hört.
Rainer Hank
18. September 2026
Ein Lob der Kirche
Warum Europa den Mönchen seinen Wohlstand verdankt
Als Marco Polo im späten 13. Jahrhundert China besuchte, nannte er Hangzou »die größte Stadt, die es gibt oder je gegeben hat«. Die Einnahmen des Großkhans aus der Salzsteuer seien höher als die irgendeines christlichen Königs.
Fünfhundert Jahre später, zur Zeit des großen europäischen Aufklärers Adam Smith, galt China dagegen als stagnierende Wirtschaft, die immer weiter hinter Westeuropa zurückfiel.
Holzschnittartig gesagt: Um 1000 ist China in fast jeder Hinsicht Europa überlegen. Um 1800 ist Europa China weit voraus.
Die Erklärung dieser Fortschritts- und Wohlstandskehre gehört zu den großen Rätseln der Geschichte. Generationen von Historikern haben versucht, »The Great Divergence« zu erklären, eine fast tausend Jahre klaffende Wohlstandsdifferenz zwischen China und Europa. Überzeugende Deutungen dieses Rätsels sind heute deshalb besonders brisant, weil sich womöglich die Asymmetrien jetzt umkehren – und womöglich abermals tausend Jahre währen könnten.
Was wurde nicht alles in die Debatte geworfen: Mal sollte es der Atlantikhandel (Sklaverei!) gewesen sein, der Europa reich machte. Mal galt die Idee, die Kohlevorräte in der Erde zu fördern, als Voraussetzung des europäischen Wirtschaftswunders. Eine mir besonders sympathische Deutung stammt von dem Wirtschaftshistoriker Eric Jones (»The European Miracle«, 1981): Für Jones war es die politische Fragmentierung Europas, insbesondere der Wettbewerb zwischen den italienischen Stadtstaaten der Renaissance, der der Zentralisierung des chinesischen Großreiches langfristig überlegen war. In der Diskussion hält sich weiterhin Max Webers These vom Kapitalismus fördernden Geist des Protestantismus.
Clan oder Korporation?
Wer sich in diesem überfischten Meer der Deutungen tummelt, von dem werden Originalität und intellektuelle Kreativität erwartet. Das unlängst erschienene Buch »Two Paths to Prosperity« der Wirtschaftshistoriker Avner Greif, Joel Mokyr und Guido Tabellini leistet diese schöpferische Zerstörung älterer Theorien. Die drei Autoren sind anerkannte Forscher – Mokyr erhielt 2025 den Ökonomie-Nobelpreis. Aus ihren bisherigen Arbeiten durfte man erwarten, dass sie kulturellen Entwicklungen und der Evolution politischer und rechtlicher Institutionen besondere Erklärungskraft zuschreiben. So kommt es dann auch. Doch um welche Institutionen es sich dabei handelt, das ist ziemlich aufregend.
Zunächst: Europa hat China deutlich früher eingeholt als lange angenommen: Ausgerechnet im christlichen Mittelalter, das in unaufgeklärten Kreisen bis heute als finster gilt. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts wäre dann Folge, nicht Ursache der Divergenz.Dreh- und Angelpunkt für die Forscher ist der Gegensatz zwischen Clans und Korporationen. In China dominierten Familienbünde die Politik und Wirtschaft, während in Europa familienfremde Institutionen das Leben bestimmten. Diese Korporationen erwiesen sich langfristig anpassungsfähiger als die Clans.
Clans beruhen auf Abstammung, Verwandtschaft und gemeinsamen Ahnen. Sie bieten soziale Sicherheit, Ausbildung, Kredit und Konfliktregelung auf der Basis familiären Vertrauens. Einem Clan gehört man durch Geburt an; man kann in ihn weder ein- noch austreten. Lange Zeit funktionierte dieses System in China hervorragend.
Doch langfristig hatte das Clansystem einen Nachteil. Es erzeugte enges Vertrauen innerhalb der Verwandtschaft, aber nur begrenzt darüber hinaus. Mit wachsender Arbeitsteilung wurden Gesellschaften erfolgreich, die Menschen in immer neuen Organisationen zusammenführen konnten. Dem kam entgegen, dass in Europa Familienbande zunehmend schwächer wurden, woraus auf Dauer ein wirtschaftlicher Vorteil resultierte. Verantwortlich dafür waren ausgerechnet die christlichen Klöster und damit verbunden das kirchliche Eherecht. Schon seit der Spätantike verbot die Kirche die Cousinen- und Schwagerehe, bei der die Witwe den Bruder ihres verstorbenen Mannes heiratet. Das war eigentlich ökonomisch sinnvoll: Die Witwe bleibt versorgt, Kinder bleiben in derselben Abstammungslinie, der Clan verliert kein Eigentum. Solche Clanstrukturen hat die Kirche schrittweise untergraben. Zugleich – ziemlich revolutionär – durfte eine Ehe nur mit Zustimmung der Partner geschlossen werden. Das kirchliche Eherecht erzeugt die soziale Nachfrage nach Korporationen.
Der Klerus schwächt die Familie: gut so.
Die Folge: Die Schwächung der Familie ausgerechnet durch den Klerus nötigte die Menschen in Europa zu Kooperationen außerhalb der Familie – also mit Fremden. Der christliche Universalismus – jeder kann mein Nächster sein – erweiterte den wirtschaftlichen Radius. Die Kirche half unbeabsichtigt, dauerhaft Organisationen außerhalb von Familie und Staat zu etablieren. So entstanden Zünfte, Universitäten, Handelsgesellschaften bis hin zur Aktiengesellschaft – alles Organisationen, in denen Menschen miteinander »regelbasiert« kooperierten, ohne miteinander verwandt zu sein.
Klöster als Vorläufer der AG? Das muss man erst einmal bringen. Dass Kirche und Zünfte im Lauf der Geschichte in Orthodoxie erstarrten und Konkurrenz verhinderten, ist für die Autoren kein Einwand. Sie sagen nicht: Korporationen sind per se gut. Sie sagen lediglich, eine Gesellschaft, die so flexibel ist, ständig neue Korporationen hervorzubringen, ist gut. Als die Kirche sich später Markt und Wettbewerb widersetzte, entstanden wirtschaftsfreundliche Akademien, wissenschaftliche Gesellschaften und Universitäten neuen Typs, die der Aufklärung und nicht der Dogmatik verpflichtet waren. Die Erben dieser Familienbande sprengenden Korporationen schufen die Voraussetzung für Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und repräsentativ-liberaler Demokratie.
Will man Greif, Mokyr und Tabellini ihre steile These abkaufen? Sie ist gewöhnungsbedürftig, hat aber gute historische Vorarbeiten auf ihrer Seite.
Heute beweist China, dass auch hierarchische Systeme Innovationen hervorbringen können. Kommt jetzt also wieder ein Jahrtausend Chinas? Greif, Mokyr und Tabellini bleiben der universalistischen Institutionenidee Europas treu: »Demokratien sind langsam und konfliktreich, aber sie enthalten Mechanismen des Lernens und der Fehlerkorrektur«, sagte Guido Tabellini jüngst in einem Interview. Innovationen erfordern Fehlertoleranz, Dissens und Wettbewerb zwischen Ideen. Autoritär-hierarchische Systeme fördern langfristig eher das, was den Machthabern nützt als das, was sie infrage stellt.
Europas größte Gefahr besteht darin, dass seine politische Fragmentierung – einst seine Stärke – es heute gegenüber größeren und aggressiven Mächten besonders verwundbar macht. Chinas Gefahr ist das Gegenteil: seine außerordentliche Leistungsfähigkeit könnte Schwierigkeiten bekommen, deren institutionellen Grundlagen zu erneuern. Das Spiel ist offen.
Rainer Hank
06. August 2026
Stille Tempel in Kyoto
Overtourims, Folge 2
Der britische Rockmusiker David Bowie (1947 bis 2016) liebte die japanische Stadt Kyoto über alles. Zeitweise erwog er, sich dauerhaft dort niederzulassen. Sein Lieblingsort war der stille Zen-Tempel Shoden-ji im Norden der Stadt. Besonders faszinierte ihn der Trockenlandschaftsgarten Karensansui mit dem natürlichen Panorama des Berges Hiei im Hintergrund.
Als wir im vergangenen Herbst Kyoto besuchten, hatten uns Freunde den Shoden-ji sehr ans Herz gelegt und wir ließen uns von einem Führer dorthin bringen. Der Führer kannte den Tempel und freute sich über unseren Wunsch: Selten nur wollten Touristen dorthin. Es war eine wunderbare Morgenstimmung; wir konnten David Bowie gut verstehen – und wir waren die einzigen Besucher an diesem Vormittag.
Dafür hatten wir den berühmten Goldenen Pavillon Kinkaku-ji ausgelassen. Nicht aus Arroganz, sondern eher aus Zeitgründen. Man kann an drei Tagen nicht alles sehen. Zuhause wurden wir ständig auf den Goldenen Pavillon angesprochen und für Ignoranten gehalten. Niemand würde Paris besuchen und den Eiffelturm links liegen lassen.
Kyoto hat über 1.600 buddhistische Tempel und rund 400 Shinto-Schreine. Die Mehrheit der Touristen besucht jedoch immer dieselben zehn bis fünfzehn Orte, der Goldene Pavillon rangiert auf Platz Eins. Kein Wunder, dass der hoffnungslos überfüllt ist. Die Stadt war immer schon beliebt, wird aber immer beliebter: Im Jahr 2000 zählten die Statistiker 40 Millionen Touristen, 2025 waren es 56 Millionen. Alle wollen zum Goldenen Pavillon, kaum einer zum Shoden-ji. Fast alle Besucher des Goldenen Pavillons kommen zwischen 10 und 15 Uhr im Rahmen organisierter Rundreisen. Dadurch entstehen extreme Spitzenbelastungen, obwohl der Tempel den ganzen Tag über geöffnet ist.Mein Thema ist der »Overtourism«. Am vergangenen Wochenende hatte ich über Südtirol geschrieben, sozusagen das europäische Kyoto. Dort soll der Übertourismus mit einem Bettenstopp eingedämmt werden, also einem Verbot der Mengenausweitung von Hotelbetten. Ich hatte argumentiert, dass dies keine gute Idee sei: Bestehende Hotelbesitzer gewinnen, weil ihre Kapazitäten wertvoller werden; neue Anbieter haben es schwerer, Gäste zahlen höhere Preise ohne bessere Leistungen. Ausnahmen und Fristen führen paradoxerweise zu einem Bettenboom anstatt einer Bettenverknappung. Ich hatte versprochen, in einer zweiten Folge bessere Lösungen des Overtourismus-Problems zu präsentieren.
Kein Mengen-, sondern ein Koordinierungsproblem
Kommen wir deshalb auf Kyoto zurück. Der Goldene Pavillon ist nicht deshalb überlaufen, weil Kyoto »zu viele« Touristen hätte. Vielmehr konzentrieren sich sehr viele Menschen auf dieselben zehn Sehenswürdigkeiten. Das kann man psychologisch und marketingmäßig erklären. Psychologisch verbirgt sich dahinter eine Art Herdentrieb: Wo alle hinwollen, wollen immer noch mehr hin. Dass sich dieses Verhalten durch die sozialen Netzwerke (Insta, Tiktok) verstärkt, ist bekannt. Merkwürdigerweise genügt es den Followern nicht, die Fotos zu sehen. Nein, sie wollen selbst an die Quelle, um das zu bewundern, was sie bereits digital zu sehen bekommen haben. Es scheint eine Art auratisches Bedürfnis zu geben, das der Begegnung mit dem »Original« einen Mehrwert zuspricht. Marketingtechnisch heißt das: Kein Studiosus-Reisebüro dieser Welt kann es sich leisten, den Goldenen Pavillon nicht ins Programm zu nehmen. Welche Blamage, wenn die Reisenden dies zuhause beichten müssten.
Overtourismus ist kein Mengen-, sondern ein Koordinationsproblem. Wenn man die 56 Millionen Touristen zwischen 8 und 20 Uhr auf die 1600 Tempel und 400 Schreine verteilen würde, würde sich die Lage entspannen. Koordinationsprobleme lassen sich plan- oder marktwirtschaftlich lösen. Planwirtschaftler würden Kontingente festlegen und die Touristen auf einzelne Tempel verteilen. Das würde erfahrungsgemäß einen Schwarz- und Tauschhandel im Netz nach sich ziehen: »Zahle 50 Dollar für Slot im Goldenen Pavillon, biete dafür den Ōtagi Nenbutsu-ji.«
Die marktwirtschaftliche Lösung des Koordinationsproblem geht über Preise. Statt die Zahl der Touristen insgesamt zu begrenzen, könnte man in den zehn beliebtesten Tempeln Eintritt nehmen, während die anderen frei besuchbar wären. Ein Teil der Touristen würde ausweichen, die Einnahmen des Goldenen Pavillon stiegen und die Besucherströme würden sich entzerren.
Preise statt Verbote oder Mengenbegrenzungen wäre also mein Vorschlag. Koordinierend hinzu kommen müssten transparente Informationen. Apps könnten – vergleichbar unseren Tankstellen-Apps – zeigen, welche Tempel gerade besonders voll sind und welche nahezu leer. Diese Apps könnte zugleich Fotos zeigen, die beweisen, dass andere Tempel auch schön und interessant sind. Das Bepreisungsverfahren ließe sich beliebig differenzieren und durch Anreize verfeinern: Am frühen Morgen und am späten Abend wird es billiger; Kombitickets und Rabatte könnten weniger besuchte Orte attraktiver machen.
Knappheiten bepreisen
Der ökonomische Gedanke hinter meinem Vorschlag, Knappheiten zu bepreisen, ist im Grunde nichts anderes als die gute alte Kurtaxe, also einer Steuer, die die Ökonomen Pigou-Steuer nennen und die vor allem in der Umweltpolitik beliebt ist (CO2–Steuer). Wer eine knappe Infrastruktur nutzt, zahlt dafür. Der Preis steigt dann genau dort, wo die Knappheit entsteht. Das fände ich gerecht. Und es wäre effizient.
Doch bekanntlich lässt sich das ökonomische Lehrbuch nicht so leicht in die Realität übertragen. Politiker greifen lieber zu Verboten; das kommt entschlossen daher. Niemand zahlt gerne höhere Gebühren. Und auch hier gibt es Ausweichreaktionen: Wenn der beliebte Wanderparkplatz künftig Gebühren kostet, parken die Touristen unerlaubt auf angrenzenden Waldwegen. Der Vorwurf liegt nahe, Natur und historische Städte würden verkauft und musealisiert. Die Linken werden eine soziale Ungleichheit ausmachen, weil die Aura des Originals nicht substituierbar ist, und einwenden, dann könnten sich nur die Reicheren den Goldenen Pavillon leisten. Und die Grünen fügen hinzu: Ein Wanderplatz oder eine Stadt (Venedig), deren Zugang bepreist wird, begrenzen zwar die Nachfrage: das schützt aber weder die zerstörte Natur, noch stoppt es Vandalismus und Verfall der Städte.
Übersehen wird von den Gegnern, dass die durch die Pigou-Steuer generierten Einnahmen für Investitionen in Umweltschutz und Infrastruktur zur Verfügung stünden (analog zum geplanten Klimageld).
Patentlösungen gibt es nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen der ökonomischen Idee, Knappheiten marktwirtschaftlich zu bepreisen und der hilflosen Praxis der Politiker, die Knappheit planwirtschaftlich verwalten. Der Tourismus könnte davon profitieren, öfter auf die Ökonomen zu hören.
Rainer Hank
03. August 2026
Bettenstopp bringt Bettenboom
Overtourism, Folge 1
Südtirol, das war in meiner Jugend der Inbegriff des Spießigen. Die Deutschen, die da ihre Sommerferien verbrachten, trugen rot-weiß karierte Hemden und Kniebundhosen, hatten kleine Filzhütchen mit Edelweißabzeichen auf dem Kopf und einen Holzstock zum Wandern, der ebenfalls mit allerlei Gipfel-Trophäen beschlagen war. Abends aßen sie Knödel und tranken einen wässrigen Rotwein mit Namen Lagrein Kretzer. Man machte Ferien in der Frühstückspension, Zimmer mit fließend warm und kalt Wasser (das war ein Fortschritt gegenüber der Waschschüssel).
In Südtirol gab es Sonne. Das war der Unterschied zum Österreich-Urlaub, wo es gefühlt eigentlich immer regnete. So jedenfalls sind die Bilder, die ich im Kopf habe. Wahrscheinlich stimmt daran allenfalls die Hälfte, der Rest ist verwaschenes Klischee.
Inzwischen kenne ich eigentlich niemanden mehr, seien es ältere oder jüngere Freunde, die noch nie in Südtirol waren. Aus den engen Privatzimmern sind inszenierte Erlebniswelten geworden im »Alpin-Lifestyle« mit Infinity-Pool im hoteleigenen Park und privatem Jacuzzi vor der Junior-Suite. Die Hotels nennen sich Lodges (wie in Namibia) und bieten abends eine fünfgängige Gourmetküche. Man trinkt, falls überhaupt noch Alkohol, dunklen Lagrein, nicht mehr den wässrigen Kretzer. Die Restaurantbewerter loben die Synthese zwischen mediterraner und k.u.k-Küche (die Rotebeeteknödel sind wahrscheinlich vegan). Heute trifft sich nicht mehr die untere, sondern eher die obere Mittelschicht in Südtirol. Inzwischen haben dank Insta und Tiktok auch US-Amerikaner und Asiaten das Grödnertal und die Seiser Al entdeckt.
Das lässt sich alles in touristischen Zahlen beschreiben. Während Südtirol in den 70er Jahren rund 10 bis 15 Millionen Übernachtungen im Jahr verzeichnete, stieg die Zahl bis 1980 auf 17 Millionen und hat sich heute auf über 38 Millionen mehr als verdoppelt. Aus dem Saisongeschäft ist Ganzjahrestourismus geworden mit Biker-Touren im Frühling und »Törggelen«-Erlebnis im Herbst. Schlepplifte wichen hochmodernen Kabinenbahnen – Beschneiungsanlagen sorgen für die Illusion weißer Berge. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegt Südtirol europaweit auf Platz Drei der tourismusintensivsten Destinationen hinter griechischen Inseln wie Mykonos oder Rhodos.
Südtirol: Fluch des Erfolgs
Der Fremdenverkehr ist der entscheidende Katalysator, der Südtirol in den vergangenen fünfzig Jahren von einer armen, agrarisch geprägten Bergregion zu einer der wohlhabendsten Provinzen Europas transformiert hat. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp 60.000 Euro pro Kopf liegt Alto Adige unangefochten an der Spitze Italiens (doppelt so hoch wie im südlichen Mezzogiorno) und weit über EU-Durchschnitt (Thüringen liegt bei 37.000 Euro). Der sogenannte »Sicker-Effekt« leitet die Einnahmen vom Tourismus über Handwerk und Bauwirtschaft bis zu Wein, Äpfel, Speck und Milchprodukten. Der Kofferraum ist übervoll, wenn unsere Freunde aus Bozen oder Meran zurückkommen.
Inzwischen ist der Erfolg für viele in Südtirol zum Fluch geworden: verstopfte Straßen, ganz abgesehen von der Dauerbaustelle am Brenner, Dichtestress, Zersiedelung der Landschaft und vieles andere weisen auf einen Konflikt zwischen Tourismus und Lebensqualität. Die Einheimischen fürchten, der Fremdenverkehr, der sie reich gemacht hat, könnte sie bald arm machen. Man will nicht das Schicksal der Bettenburgen in Südeuropa erleiden, die aufgrund von Hitze und architektonischer Scheußlichkeit leer zu stehen drohen.
Gegen den Overtourismus soll jetzt ein Bettenstopp helfen. Der geht so: Die Zahl der Gästebetten wird auf das Niveau von Ende 2022 gedeckelt. Das sind ungefähr 232.000 Betten. Neue Betten dürfen grundsätzlich nur dann noch geschaffen werden, wenn an anderer Stelle Betten wegfallen oder innerhalb des festgelegten Kontingents Platz vorhanden ist. Damit soll die Gesamtzahl der Gästebetten nicht weiter steigen.
Das Konzept mag auf den ersten Blick vernünftig klingen – und moderater sein als in anderen Übertourismus-Regionen: Amsterdam verscheucht seine Gäste mit einer unfreundlichen »Bleib-Weg-Kampagne«. Barcelona lässt bis zum Jahr 2028 alle Lizenzen für Kurzzeitvermietungen auslaufen. In Mallorca gibt es ein komplettes Verbot für den Bau touristischer Mietwohnungen.
Doch der Bettenstopp in Südtirol hat Konsequenzen, die man hätte mit ein wenig ökonomischem Verstand vorhersehen können. Aus ökonomischer Sicht ähnelt der Bettenstopp nämlich einem staatlich angewiesenen Mengenkartell. Wie immer bei planwirtschaftlich verordneter Knappheit profitieren die Insider. Solange die Nachfrage der Touristen steigt, steigen nach dem simplen Gesetz von Angebot und Nachfrage auch die Preise der Übernachtungen. Die bestehenden Hoteliers streichen die Knappheitsrenten ein. Das kann man unter dem Motto »Qualität statt Quantität« verbrämen, wenn jetzt noch mehr zahlungskräftigere Gäste anreisen, die sich das leisten können. Doch die erhalten lediglich dieselbe Qualität zu höheren Preisen. Das ist weder gerecht noch sozial, wird dafür aber gerne als ökologisches Landschaftsschutzprogramm legitimiert.
Ein Fall von Torschlusspanik
Das ist noch nicht alles. Kein Gesetz ohne Ausnahmen. Bevor das Gesetz 2022 beschlossen wurde, hatten viele Hotelbetreiber und Investoren bereits genehmigte Baupläne und Grundstücke. Diese Zusagen können rechtlich nicht einfach ohne Entschädigung kassiert werden. Doch sie verfallen, wenn nicht bis zum 22. September 2026 offiziell der Baubeginn gemeldet wird. Die paradoxe Konsequenz dieser Fristenregelung liegt auf der Hand: Der angekündigte Bettenstopp hat in Südtirol zu »Torschlusspanik« geführt und einen massiven Bauboom ausgelöst. Seit 2022 ist die Gesamtzahl der gemeldeten Gästebetten bis Anfang 2026 nicht wie beabsichtigt gleichgeblieben, sondern um rund 33.000 Betten angestiegen.
Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in Südtirol kritisiert, dass die Deckelung das Wachstum nicht gebremst, sondern massiv befeuert habe. Die Umweltschützer haben Recht. Aber sie selbst waren Betreiber der Kartelllösung.
Staatliche Eingriffe in den Markt, so gutgemeint sie sein mögen, bringen im besten Fall nichts. In vielen Fällen – wie hier in Südtirol – verschlimmern Preisinterventionen das Problem, das eigentlich gelöst werden soll. Überbürokratisierung und unübersichtliche Ausnahmen ergänzen den bleibenden Übertourismus.
Am Ende bleibt die Frage: Gäbe es marktwirtschaftliche Mittel und Wege gegen den Übertourismus? Ja, die gibt es. Ich diskutiere sie in der nächsten Folge von »Hanks Welt«
Rainer Hank
