Hanks Welt
Subjektive Reflexionen, freche Interventionen, persönliche Spekulationen: »Hanks Welt« wirft einen subjektiven Blick auf das Geschehen in Wirtschaft, Politik und Kultur. Meine Kolumne erscheint Sonntag für Sonntag im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS).
Aktuelle Einträge
15. April 2026Mein Chatbot liebt Maß und Mitte
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
15. April 2026Staatsgeld für meine Weinhandlung
30. März 2026Der Cem und die schwäbische Oma
30. März 2026Der Enkeltrick
17. März 2026Wir steigern das Bruttosozialprodukt
17. März 2026Das Spiel ist aus
25. Februar 2026Boomer, raus aus eurer Altbauwohnung
25. Februar 2026Nachruf auf die Chauffeur
13. Februar 2026Freie Rede
15. April 2026
Mein Chatbot liebt Maß und Mitte
Warum künstliche Intelligenz vor Radikalisierung schützt
Die Demokratie sei in Deutschland gefährdet. So hören und lesen wir es täglich. Deshalb gibt es unzählige Initiativen, deren Ziel es ist, die Demokratie zu fördern. Allein das Großprojekt »Demokratie leben« von Bundesbildungs-, Familien- und Seniorenministerin Karin Prien (CDU) verteilt im laufenden Jahr knapp 200 Millionen Euro an 3000 Initiativen. Der warme Geldsegen hat eine riesige Demokratieförderindustrie entstehen lassen, die – wie jetzt gerade wieder – laut aufjault, weil Frau Prien überprüfen lässt, ob das Geld auch seinen Zweck erfüllt und nicht einfach nur Aktivisten und Stiftungen aller Art auf Dauer alimentiert.
Sollte es bei diesem Demokratieinitiativen zum Beispiel darum gehen, der AfD das Wasser abzugraben, hätte man sich das viele Geld sparen können. Denn seit Jahren ist keine Partei so erfolgreich im Maximieren von Wählerstimmen wie die Truppe um Weidel und Chrupalla. Ähnliches gilt für die Linke mit Heidi Reichinnek & Co. Die Ränder wachsen, sie sind sichtbarer, lauter und selbstbewusster geworden.
Ketzerisch lässt sich fragen: Ist die zunehmende Präsenz extremer Positionen wirklich ein Symptom der Gefährdung – oder nicht vielmehr ein Ausdruck funktionierender Freiheit? Demokratie hieße dann: Jeder darf sagen, was er denkt, auch und gerade dann, wenn es anderen missfällt. Die Förderprogramme verfolgen ein anderes Ideal. Sie setzen nicht auf maximale Pluralität, sondern auf eine Stärkung der Mitte – jener schwer zu definierenden Zone des Ausgleichs, die politisch stets beschworen, aber selten präzise beschrieben wird.
Gruppen neigen zu Extremen. Im Kollektiv verschieben sich die Maßstäbe. Wir urteilen extremer, als es jeder Einzelne ohne die Gruppe täte. Die Gruppe polarisiert und radikalisiert ihre Mitglieder. Woran das liegt? Menschen hungern nach Bestätigung. Wenn zwei einander recht geben, fühlen sich beide sicherer. Schließt sich ein Dritter an, wird es noch besser. So bildet sich eine Bestätigungskaskade, die wiederum bei allen zur Verfestigung ihrer Meinung führt. Jetzt hauen wir auf den Putz – die Älteren unter uns Männern kennen diesen Mechanismus vom Stammtisch.
Heute haben soziale Medien die Bühne ins Unendliche erweitert. Plattformen wie X oder Tiktok verstärken, was Aufmerksamkeit erzeugt. Am Ende kann es passieren, dass einige die soziale Gruppe verlassen, weil ihnen die Radikalisierung der anderen nicht geheuer ist. Die Gruppe wird dadurch zwar kleiner, aber noch radikaler, weil nur die Loyalsten bis zum Schluss bleiben, die sich untereinander bis ins Extrem anfeuern.
Kaninchenbunker mit Loyalitätserwartung
Soziale Medien verstärken populäre und emotionale Sichtweisen. So entstehen »Rabbit Holes«, Kaninchenbunker, in die sich die Nutzer immer tiefer hineingraben. Je länger sie sich dort aufhalten, um so normaler finden sie die gemeinsam geteilten Ansichten. Wenn viele sich davon überzeugt zeigen, dass Impfen zu Autismus führt, sind bald alle davon überzeugt. Loyalität ersetzt das Argument. Wer andere Ansichten vertritt, gilt alsbald als Verräter und wird zum Feind erklärt.
Halten wir fest: Soziale Medien tragen zur Verstärkung extremer Meinungen bei. Alles ist möglich und auch das jeweilige Gegenteil. Priorisieren gilt als Bevormundung. Ob diese Form der Demokratisierung auch zur Radikalisierung einer Gesellschaft als Ganzer führt, ist damit noch nicht gesagt.
Doch es gibt Korrektive, die anti-extremistisch wirken, also den Mainstream verstärken. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, bekannt für seine Neigung zur Zuspitzung, gab kürzlich in einem Spiegel-Interview einen interessanten Hinweis. Er sei in jüngster Zeit milder geworden, bekannte der Ex-Grüne. Bevor er im Affekt einen radikalen Tweet in den sozialen Medien raushaue, frage er bei seiner Künstlichen Intelligenz nach. »Und die ist ziemlich woke«, fügte Palmer hinzu; sie stupse ihn in Richtung Maß und Mitte.
Das lässt sich statistisch belegen, wie ich der Daten-Kolumne der Financial Times vom vergangenen Wochenende entnehme. Vergleicht man die politischen und sozialen Ansichten, die in sozialen Medien vertreten werden, mit den Durchschnittsansichten der Menschen, zeigt sich, dass im Netz extrem linke und rechte Ansichten deutlich überrepräsentiert sind. Lässt man dieselben Ansichten auf den Plattformen von ChatGPT & Co. diskutieren, mäßigen sich die Ausschläge signifikant in Richtung der gesellschaftlichen Durchschnittsansichten.
KI ist langweilig. Gut so!
Wir lässt sich das erklären? Künstliche Intelligenz wird von ihrer »Natur« her auf Moderation und Ausgleich trainiert, orientiert sich am leicht linken, also woken Mainstream der Gesellschaft. KI ist »langweilig mittig«, X ist aufregend und extremisierend. KI simuliert Diskurse, kann Gegenargumente liefern, Perspektiven verbinden und Extrempositionen relativieren. Erst recht dann, wenn man KI in den Fragen (Prompts) dazu explizit auffordert. Auf den sozialen Plattformen dagegen ist das Denken in Alternativen und Ambiguitäten verpönt, falls es überhaupt bekannt ist. Hier dominiert die Freund-Feind-Dichotomie. Soziale Medien verstärken die Extreme, KI glättet sie. KI würde bestreiten, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus gibt – und also den Mainstream der wissenschaftlichen und evidenzbasierten Forschung spiegeln, Verschwörungstheorien hingegen tadeln.
Der britische Philosoph Dan Williams hat diesen Unterschied prägnant beschrieben. Soziale Netzwerke seien »demokratisierend«, weil sie vielen Stimmen Raum geben und nur geringe Filter kennen. Künstliche Intelligenz hingegen wirke »technokratisierend«: Sie orientiere sich am Wissen von Experten und etablierten Institutionen. Was die einen als Bevormundung empfinden, erscheint den anderen als notwendige Korrektur.
Glaubt man diesem Befund, müssten der Staat vor allem KI fördern, wenn er die Extreme schwächen wollte. So etwas würde in den Ministerien vermutlich nur zu Kopfschütteln führen, ist aber auch gar nicht nötig und wird besser vom Kapitalmarkt besorgt, der hunderte Milliarden Dollar in die KI-Entwicklung pumpt.
P.S. Selbstverständlich habe ich meine KI mit der schmeichelhaften These konfrontiert, KI wirke mäßigend auf die Gesellschaft und tauge als Gegengift gegen den Extremismus der sozialen Netzwerke. Der die These relativierende Widerspruch, den ChatGPT als Antwort anbot, bestätigt die These aufs Schönste: Auch KI sei kein neutrales Medium, sagt meine KI. Wenn KI-Nutzer nach Bestätigung gieren, bekommen sie genau die Affirmation, die sie verlangen. Man muss schon bereit sein, sich irritieren und korrigieren zu lassen und die richtigen Fragen stellen. Soziale Medien belohnen Gewissheit. KI kann produktive Unsicherheit auslösen.
Rainer Hank
15. April 2026
Staatsgeld für meine Weinhandlung
Über ein paar Widersprüche der Kulturförderung
Warum gibt es eigentlich keinen Kulturpreis für Weinhandlungen? Wenn es Preise für Buchhandlungen gibt, müsste es auch Preise für Weinhandlungen geben. Dafür braucht man sich nur die Ausschreibungsunterlagen zum Buchhandelspreis des »Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien« ansehen. Gefördert werden sollen unabhängige Händler, die ein besonders anspruchsvolles Sortiment haben, Vielfalt ermöglichen, als kulturelle Orte wirken (Veranstaltungen anbieten) und das kulturelle Leben vor Ort stärken.
Das trifft auf meine Lieblingsweinhandlung im Frankfurter Stadtteil Eschersheim vollumfänglich zu. Der inhabergeführte Laden (zwei Freundinnen) ist unabhängig, hat ein beeindruckendes Sortiment exzellenter, wenig bekannter Weingüter und fungiert als kultureller Ort: stets trifft man nette Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Von Zeit zu Zeit gab es dort auch eine Soiree. Gäbe es meine Weinhandlung nicht, nähmen in diesem – sagen wir: gemischten – Viertel die Nagelstudios und Barbershops vollends überhand. Verödung drohte.
Sage keiner, Wein sei keine Kultur. Im Vergleich mit dem Buch (vulgo: Papyrus) ist der vergorene Traubensaft das mit Abstand ältere Kulturgut. Wein ist heutzutage mindestens so sehr gefährdet wie das Buch: Die Leute haben Bas Kast gelesen und trinken lieber hausgemachte Limonade. Hawesko & Co. treten online genauso penetrant auf wie Amazon. Kurzum: Mein Weinladen würde eine kleine jährliche Subvention (7000, 15000, 25000 Euro, gestaffelt wie beim Buchpreis) dankbar mitnehmen – als betriebswirtschaftlich sinnvolle Unterstützung und gerne auch zur Förderung der Demokratie im Stadtteil Eschersheim. Links- oder gar rechtsradikal sind meine freundlichen Händler keinesfalls. Da lege ich meine Hand für ins Feuer.
Kommen wir zur Ökonomie. Gemäß dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch muss der Staat dann und nur dann ran, wenn der Markt versagt. Das wird man beim Buch beim besten Willen nicht behaupten können. Bücher sind hierzulande gut verfügbar, günstig und in aller Regel online schneller lieferbar als im sogenannten stationären Buchhandel. Die Versorgung der Bürger mit Büchern ist nirgends gefährdet; Amazon & Co. liefern bis zum kleinsten Einödhof.
Sagen wir es offen: Der Staat fördert weder das Buch noch das Lesen, er fördert Buchhandlungen. Bestimmte Geschäftsmodelle zu belohnen, ist indes keinesfalls eine öffentliche Aufgabe. Aufgabe ist es auch nicht, ineffiziente Anbieter einer bestimmten Branche durch Preisgelder am Leben zu erhalten. Das ist alles grob ungerecht. Die Förderung stationärer Händler ist strukturkonservativ statt innovativ, auch wenn Geldgeber wie Geldnehmer das anders sehen. Nur zur Erinnerung: Bei den Subventionen handelt es sich um anderer Leute Geld, nämlich um das Geld der Steuerzahler.
Warum sollen nichtlesende Bürger (davon gibt es immer mehr) Buchhandlungen und deren Kunden subventionieren: das lässt sich nur paternalistisch begründen und steht wie jeder Paternalismus auf übergriffigen Füßen. Der Staat tritt als der bessere Entscheider auf, behauptet, der Bürger wisse nicht, was gut für ihn sei und pampert Güter, die er geschwollen »meritorisch«, also förderungswürdig, nennt.
Fachbeamte für Buchhandlungen? Hallo!
Der Markteingriff führt noch zu ganz anderen Effekten. Er bringt Abhängigkeiten zwischen Staat und Bürgern mit sich. Der Staat ist nicht selbstlos. Wo er sich einmischt, da will er bestimmen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat einen Apparat von 500 Mitarbeitern und verfügt über einen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Dort gibt es, wie der Kulturstaatsminister jüngst in einem Interview stolz erwähnte, »Fachbeamte, die sich in der Buchhandlungsszene sehr gut auskennen«. Staatliche Fachbeamte für Buchhandlungen? Wenn das der Franz Kafka gewusst hätte. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Sie schnüffeln. Ich sehe sie vor mir, wie sie inkognito mit breitkrempigem Hut und als unschuldige Kunden getarnt in der Buchhandlung »Golden Shop« herumlungern, heimlich die Plakate fotografieren, die Buchhändler in peinliche Gespräche verwickeln und in die Aporie treiben.
Sobald der Verdacht auf extremistische Umtreibe hinreichend groß ist, schicken diese Fachbeamten für Buchhandlungen den Verfassungschutz in den »Golden Shop«, natürlich ebenfalls inkognito, und der bestätigt den Verdacht. Worauf das von einer Jury bereits zuerkannte Wohlverhaltensgeld wieder entzogen wird. Subventionen haben ihren Preis. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wer zahlt, bestimmt. Der Preis heißt: Einschränkung der Meinungsfreiheit, was doch eigentlich das Gegenteil dessen ist, was die Demokratiesäusler ständig zu tun vorgeben.
Die Buchverkäufer, die eigentlich Bücher verkaufen sollen, werden zu Experten im Preisbewerbungsschreiben. Da gewinnt man mit der Zeit Routine. Die ganz Pfiffigen sind fast jedes Jahr dabei; da kommt ein ordentliches Subventionssümmchen zusammen. Rent Seeking heißt der ökonomische Fachbegriff: Subventionsscheffeln ohne echten Mehrwert zu schaffen. Nach dem Eklat dieses Jahres empfiehlt es sich für die Händler, die gesellschaftlichen Leistungen der eigenen Buchhandlung zweifelsfrei im wasserdichten ideologischen Mainstream zu verorten. Also Jürgen Habermas, Judith Zeh oder Caroline Wahl. Harald Martenstein könnte von den Buchhandels-Fachbeamten bereits als Hinweis auf rechtsextreme Umtriebe missverstanden werden. Bücher vom Margarete Stokowski deuten womöglich auf linksextreme Sympathien. Nähere Auskünfte im subversiven Umgang mit dem schnüffelnden Verfassungsschutz erteilt auf Anfrage die »Alternative für Deutschland« (AfD).
Weg mit dem Kulturstaatsamt
Wer sich dem Staat an den Hals wirft, dem zeigt der hinter der wohltätigen Maske sein autoritäres Antlitz. Das mag zugespitzt sein. Aber eines ist auch klar: Die Zeiten klarer Rollentrennung sind passé: Früher sonnten sich die Kulturbürokraten im Ausgeben des Geldes anderer Leute; damals brauchten die Kulturfunktionäre lediglich die Hand aufhalten, Danke sagen und noch mehr Geld fordern.
Nun muss man gar nicht so weit gehen, staatliche Kulturförderung in Gänze zu verdammen, Eine Bundeskulturbehörde braucht es aber nicht. Sie zu schleifen wäre ein sichtbarer Beitrag zum Bürokratieabbau, von dem man bisher trotz vieler Ankündigungen noch nicht viel gesehen hat. Sage keiner, dies führe zur kulturellen Verödung des Landes. Die zentrale Behörde gibt es erst seit 1998, sie wurde von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Doch auch vor 1998 gab es im Land der Dichter und Denker schon Kultur (förderung): Darum sollen sich laut Verfassungsauftrag die Länder kümmern. Die haben schon ein Kultusministerium, brauchen also keine neuen Behörden.
Rainer Hank
15. April 2026
Staatsgeld für meine WeinhandlungÜber ein paar Widersprüche der Kulturförderung
Warum gibt es eigentlich keinen Kulturpreis für Weinhandlungen? Wenn es Preise für Buchhandlungen gibt, müsste es auch Preise für Weinhandlungen geben. Dafür braucht man sich nur die Ausschreibungsunterlagen zum Buchhandelspreis des »Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien« ansehen. Gefördert werden sollen unabhängige Händler, die ein besonders anspruchsvolles Sortiment haben, Vielfalt ermöglichen, als kulturelle Orte wirken (Veranstaltungen anbieten) und das kulturelle Leben vor Ort stärken.
Das trifft auf meine Lieblingsweinhandlung im Frankfurter Stadtteil Eschersheim vollumfänglich zu. Der inhabergeführte Laden (zwei Freundinnen) ist unabhängig, hat ein beeindruckendes Sortiment exzellenter, wenig bekannter Weingüter und fungiert als kultureller Ort: stets trifft man nette Leute aus allen gesellschaftlichen Schichten. Von Zeit zu Zeit gab es dort auch eine Soiree. Gäbe es meine Weinhandlung nicht, nähmen in diesem – sagen wir: gemischten – Viertel die Nagelstudios und Barbershops vollends überhand. Verödung drohte.
Sage keiner, Wein sei keine Kultur. Im Vergleich mit dem Buch (vulgo: Papyrus) ist der vergorene Traubensaft das mit Abstand ältere Kulturgut. Wein ist heutzutage mindestens so sehr gefährdet wie das Buch: Die Leute haben Bas Kast gelesen und trinken lieber hausgemachte Limonade. Hawesko & Co. treten online genauso penetrant auf wie Amazon. Kurzum: Mein Weinladen würde eine kleine jährliche Subvention (7000, 15000, 25000 Euro, gestaffelt wie beim Buchpreis) dankbar mitnehmen – als betriebswirtschaftlich sinnvolle Unterstützung und gerne auch zur Förderung der Demokratie im Stadtteil Eschersheim. Links- oder gar rechtsradikal sind meine freundlichen Händler keinesfalls. Da lege ich meine Hand für ins Feuer.
Kommen wir zur Ökonomie. Gemäß dem wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbuch muss der Staat dann und nur dann ran, wenn der Markt versagt. Das wird man beim Buch beim besten Willen nicht behaupten können. Bücher sind hierzulande gut verfügbar, günstig und in aller Regel online schneller lieferbar als im sogenannten stationären Buchhandel. Die Versorgung der Bürger mit Büchern ist nirgends gefährdet; Amazon & Co. liefern bis zum kleinsten Einödhof.
Übergriffiger Paternalismus
Sagen wir es offen: Der Staat fördert weder das Buch noch das Lesen, er fördert Buchhandlungen. Bestimmte Geschäftsmodelle zu belohnen, ist indes keinesfalls eine öffentliche Aufgabe. Aufgabe ist es auch nicht, ineffiziente Anbieter einer bestimmten Branche durch Preisgelder am Leben zu erhalten. Das ist alles grob ungerecht. Die Förderung stationärer Händler ist strukturkonservativ statt innovativ, auch wenn Geldgeber wie Geldnehmer das anders sehen. Nur zur Erinnerung: Bei den Subventionen handelt es sich um anderer Leute Geld, nämlich um das Geld der Steuerzahler.
Warum sollen nichtlesende Bürger (davon gibt es immer mehr) Buchhandlungen und deren Kunden subventionieren: das lässt sich nur paternalistisch begründen und steht wie jeder Paternalismus auf übergriffigen Füßen. Der Staat tritt als der bessere Entscheider auf, behauptet, der Bürger wisse nicht, was gut für ihn sei und pampert Güter, die er geschwollen »meritorisch«, also förderungswürdig, nennt.
Der Markteingriff führt noch zu ganz anderen Effekten. Er bringt Abhängigkeiten zwischen Staat und Bürgern mit sich. Der Staat ist nicht selbstlos. Wo er sich einmischt, da will er bestimmen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat einen Apparat von 500 Mitarbeitern und verfügt über einen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Dort gibt es, wie der Kulturstaatsminister jüngst in einem Interview stolz erwähnte, »Fachbeamte, die sich in der Buchhandlungsszene sehr gut auskennen«. Staatliche Fachbeamte für Buchhandlungen? Wenn das der Franz Kafka gewusst hätte. Was machen die bloß den lieben langen Tag? Sie schnüffeln. Ich sehe sie vor mir, wie sie inkognito mit breitkrempigem Hut und als unschuldige Kunden getarnt in der Buchhandlung »Golden Shop« herumlungern, heimlich die Plakate fotografieren, die Buchhändler in peinliche Gespräche verwickeln und in die Aporie treiben.
Sobald der Verdacht auf extremistische Umtreibe hinreichend groß ist, schicken diese Fachbeamten für Buchhandlungen den Verfassungschutz in den »Golden Shop«, natürlich ebenfalls inkognito, und der bestätigt den Verdacht. Worauf das von einer Jury bereits zuerkannte Wohlverhaltensgeld wieder entzogen wird. Subventionen haben ihren Preis. Nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wer zahlt, bestimmt. Der Preis heißt: Einschränkung der Meinungsfreiheit, was doch eigentlich das Gegenteil dessen ist, was die Demokratiesäusler ständig zu tun vorgeben.
Weg mit dem Kulturstaatsamt
Die Buchverkäufer, die eigentlich Bücher verkaufen sollen, werden zu Experten im Preisbewerbungsschreiben. Da gewinnt man mit der Zeit Routine. Die ganz Pfiffigen sind fast jedes Jahr dabei; da kommt ein ordentliches Subventionssümmchen zusammen. Rent Seeking heißt der ökonomische Fachbegriff: Subventionsscheffeln ohne echten Mehrwert zu schaffen. Nach dem Eklat dieses Jahres empfiehlt es sich für die Händler, die gesellschaftlichen Leistungen der eigenen Buchhandlung zweifelsfrei im wasserdichten ideologischen Mainstream zu verorten. Also Jürgen Habermas, Juli Zeh oder Caroline Wahl. Harald Martenstein könnte von den Buchhandels-Fachbeamten bereits als Hinweis auf rechtsextreme Umtriebe missverstanden werden. Bücher vom Margarete Stokowski deuten womöglich auf linksextreme Sympathien. Nähere Auskünfte im subversiven Umgang mit dem schnüffelnden Verfassungsschutz erteilt auf Anfrage die »Alternative für Deutschland« (AfD).
Wer sich dem Staat an den Hals wirft, dem zeigt der hinter der wohltätigen Maske sein autoritäres Antlitz. Das mag zugespitzt sein. Aber eines ist auch klar: Die Zeiten klarer Rollentrennung sind passé: Früher sonnten sich die Kulturbürokraten im Ausgeben des Geldes anderer Leute; damals brauchten die Kulturfunktionäre lediglich die Hand aufhalten, Danke sagen und noch mehr Geld fordern.
Nun muss man gar nicht so weit gehen, staatliche Kulturförderung in Gänze zu verdammen, Eine Bundeskulturbehörde braucht es aber nicht. Sie zu schleifen wäre ein sichtbarer Beitrag zum Bürokratieabbau, von dem man bisher trotz vieler Ankündigungen noch nicht viel gesehen hat. Sage keiner, dies führe zur kulturellen Verödung des Landes. Die zentrale Behörde gibt es erst seit 1998, sie wurde von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) eingeführt. Doch auch vor 1998 gab es im Land der Dichter und Denker schon Kultur (förderung): Darum sollen sich laut Verfassungsauftrag die Länder kümmern. Die haben schon ein Kultusministerium, brauchen also keine neuen Behörden.
Rainer Hank
30. März 2026
Der Cem und die schwäbische Oma
Über die Bedingungen von Integration und Assimilation in Deutschland
Cem Özdemir ist fest entschlossen, der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln zu werden. Manuel Hagel, sein Konkurrent mit schwäbischen Wurzeln, wird sich noch eine Weile zieren, dann aber knurrend einem Koalitionsvertrag zustimmen.
Cem Özdemir hat sich das Label »anatolischer Schwabe« angeheftet, was ihm in migrantischen Milieus weniger Freunde macht als in schwäbischen. Wie hat Özdemir, Sohn türkischer Gastarbeiter, den Weg aus Urach am Rande der Schwäbischen Alb (damals noch nicht »Bad Urach«) in die Villa Reitzenstein geschafft, dem Regierungssitz in bester Stuttgarter Halbhöhenlage? Wäre so eine Karriere heute leichter oder schwerer als damals?
Begeben wir uns zurück in die sechziger Jahre der alten Bundesrepublik. Das vom Wirtschaftswunder verwöhnte Deutschland brauchte dringend Arbeiter. Mit dem deutsch-türkischen Anwerbeverfahren vom 31.Oktober 1961 kamen auch Özdemirs Eltern nach Deutschland, jeder auf seinen eigenen Wegen: Der Vater aus einfachen Verhältnissen in einem entlegenen Dorf, die Mutter aus einer bürgerlichen Familie in Istanbul. Das Anwerbeabkommen funktionierte planwirtschaftlich, die »Gäste« wurden zugewiesen, je nachdem, wo Bedarf war. So landete Vater Özdemir in Urach in einer Firma, die Feuerlöscher herstellte. Die Mutter arbeitete in einer Papierfabrik, später machte sie sich selbständig und eröffnete eine Änderungsschneiderei. Die Eltern sprachen miteinander türkisch, deutsch beherrschten sie nur rudimentär.
Der Sohn Cem kommt 1965 auf die Welt. Die Integrationsbedingungen waren nicht rosig. Das Kind wurde in der Schule gehänselt. Ein Vorteil war, dass es in Urach kein homogenes Migrationsmilieu gab, so wie in Berlin-Kreuzberg. Der Ort war schwäbisch-pietistisch geprägt. Man hat sich anzustrengen, muss etwas leisten: Disziplin ist die Voraussetzung eines gottgefälligen Lebens. Aber auch: »Man hat sich um andere zu kümmern, das gehört sich so.« So hat Özdemir es mir vor Jahren in einem Interview für die FAS erzählt. Einen Leistungsdruck gab es von zuhause schon: »Wenn ich schlechte Noten nach Hause brachte oder einen Eintrag ins Klassenbuch bekam, schwebte über mir das Damoklesschwert: Du kommst in die Türkei.«
Die Moral und Disziplin der Pietisten
Die Drohung mochte als Leistungsantrieb genügen. Hilfe konnten die Eltern dem jungen Cem aber nicht geben. Die kam von den schwäbischen Pietisten. »Ich hatte einen Mitschüler, dessen Oma uns immer zum Wandern mitnahm. Das hat mir gutgetan, dass ich meine Zeit anders verbringen konnte als vor dem Fernseher oder auf der Straße.« Diese Oma schaute darauf, dass Cem seine Hausaufgaben machte, so wie die eigenen Enkel. Da strengt der Cem sich an, will nicht zurückstehen.
Die schwäbische Oma ist glücklicher Zufall. Das Muster des Zufalls ist von Bildungsökonomen gut untersucht. Natürlich spielen Schule und gute Lehrer eine große Rolle. Fast noch wichtiger aber ist der außerschulische Austausch, der Kontakt in andere Milieus, schreibt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Raj Chetty: Gemischte Nachbarschaften funktionieren als Integrationsermöglicher und sind Voraussetzung sozialer Mobilität.
Muhterem Aras, geboren 1966 in Elmaağaç, hat mir eine ähnliche Geschichte erzählt. Bundespolitisch ist sie weniger bekannt als Cem Özdemir. Seit zehn Jahren ist die Grünen-Politikerin Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Der Vater kam als Gastarbeiter aus einer ostanatolischen Bauernfamilie nach Sielmingen auf den Fildern bei Stuttgart. Später hat er seine Frau und die fünf Kinder nachgeholt. Die Mutter blieb zeitlebens Analphabetin, konnte bis zum Ende ihres Lebens weder lesen noch schreiben. In der schwäbischen Nachbarschaft gab es die Christel: »Wir waren fast jeden Tag bei ihr, haben viel ferngesehen und Pucki-Bücher gelesen, was sehr hilfreich war.« Sonntags haben Christels Eltern die anatolischen Nachbarskinder mitgenommen zu Ausflügen. »Sie sind sogar mit uns in die neue Stuttgarter Staatsgalerie gegangen. Sie gingen auch mit uns ins Restaurant. Oder ins Schwimmbad. Und meine Freundin Sabine hat mich in die evangelische Jungschar mitgenommen.«
So geht Bildungsaufstieg. So geht Assimilation. Lesen, schreiben und rechnen in der Sprache der neuen Heimat sind Voraussetzungen von Integration. Werte, Haltungen und Umgangsformen lernt man nicht so sehr in der Schulklasse kennen, sondern vielmehr bei den Omas, den Eltern der Christels und Sabines und in der evangelischen Jungschar.
Ist das alles heute leichter geworden? Ja, wenn man nur auf die aggregierten Zahlen schaut. In der ersten Generation der »Gastarbeiter« waren rund vierzig Prozent ohne schulischen Abschluss, weniger als fünf Prozent hatten Abitur. In der zweiten Generation – also der Generation Cem Özdemir und Muhterem Aras – sind nur noch zehn bis fünfzehn Prozent ohne Bildungsabschluss; 20 Prozent haben Abitur. Der Abstand zur Gesamtbevölkerung schrumpft (fünf Prozent ohne Abschluss, 35 Prozent mit Abitur). In der nächsten Generation wird sich das mutmaßlich weiter angleichen.Das Kita-Paradox
Aber die Omas in der Nachbarschaft, die den Wertekanon tradieren? Da geben neuere Untersuchungen über regionale Ungleichheiten zu denken. Pauschal gesagt: Die Chancen, eine schwäbische Oma oder eine Christel kennenzulernen, schwinden. Milieus werden homogener. Die Chancen schwinden, Kinder aus deutschen Mittelschichtsfamilien kennenzulernen, deren Eltern einen ins Museum mitnehmen.
Das fängt schon früh an: Eine gemeinsam vom Institut der deutschen Wirtschaft und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie (»Sozioökonomische Segregation und Kitaversorgung«) spricht vom »Kita-Paradox«. Seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf Betreuungsplätze ab im Jahr 2008 sprießen die Kitas vor allem in Vierteln, in denen bessergestellte Familien wohnen, zulasten solcher mit geringem Einkommen und höherem Migrationshintergrund. Ein ähnliches Ergebnis förderte Anfang des Jahres eine Untersuchung der F.A.S zutage: Weiterführenden Schulen sind in Mittelschichtsquartieren deutlich näher erreichbar als in Gegenden mit einem hohen Anteil sozial schwacher Familien.
Die Ursachen für das Kita- und Gymnasiums-Paradox liegen weitgehend im Dunkeln. An der staatlichen Finanzierung liegt es nicht. Klar ist nur: Die Mittelschichten bleiben gerne unter sich; die soziale Infrastruktur folgt der Mittelschicht: dort gibt es die Sportvereine, die Musikschulen und Kulturangebote. In den Migrantenmilieus finden sich heute weniger Omas und Christels.
Die räumlichen Erschwernisse des Bildungsaufstiegs für Migranten weiter zu erforschen und zu verändern, – das könnte ein Auftrag für den ersten grünen Ministerpräsidenten mit Migrationshintergrund werden.
Rainer Hank
30. März 2026
Der Enkeltrick
Was hat die Familie im Erbrecht zu suchen?
Wie kommt man an ein ordentliches Vermögen? Klar, es gibt die langweiligen Wege: Erlerne einen anständigen Beruf, mache Karriere, lebe sparsam! Dann gibt es riskante Wege: Spekuliere am Aktien- und am Immobilienmarkt, fange früh damit an. Und wenn Du ganz mutig bist, dann leihe Dir dafür zu günstigen Konditionen Geld, um den Hebel des Gewinns zu vergrößern. Wenn es gut geht, kann man auf diese Weise schwer reich werden. Es kann aber auch schwer daneben gehen.
Ich hätte hier einen etwas ungewöhnlichen Vorschlag zum Erwerb eines großen Vermögens. Freunde Dich mit einer kinderlosen Witwe an – und lass Dich von ihr adoptieren. Das mag sich auf den ersten Blick anhören wie aus einem Trivialroman über einen Erbschleicher, kommt aber in der Realität gar nicht so selten vor, wie ich mir habe sagen lassen.
Nehmen wir also an, der zu Adoptierende sei kein Erbschleicher, sondern habe sich in langen Jahren um die Witwe gekümmert, weshalb sie ihm aus Dankbarkeit ihr Erbe überlassen will. Nehmen wir der Einfachheit weiter an, es gehe um ein Vermögen von zehn Millionen Euro; das ist ordentlich, wenn auch nicht steinreich. Dann stellt sich die Sache so dar: Vererbt die alte Dame ihrem familienfremden jungen Freund ihr Vermögen, bekommt der einen steuerlichen Freibetrag von 20.000 Euro. Der Rest unterliegt in der Klasse III einem Steuersatz von 50 Prozent. Die Witwe will sich bei ihrem Freund bedanken. In Wirklichkeit kann sich der Fiskus bedanken; denn er erbt knapp fünf Millionen Euro, genau gesagt 4.990.000 Euro.Eine Adoption verändert alles. Als Kind hat man einen Freibetrag von 400.000 Euro. Der Rest unterliegt in der Klasse Eins einem Steuersatz von 23 Prozent. Nach Abzug des Freibetrags gehen 2.208.000 Euro an den Staat, 7.792.000 bleiben beim Erben. Damit summiert sich der geldwerte Vorteil der Adoption auf 2.802.000 Euro. Davon muss man noch die Gerichts-, Notar- und womöglich zusätzlichen Anwaltskosten abziehen, die sich über den Daumen gerechnet auf 20.000 bis 60.000 Euro belaufen, aus meiner Sicht verkraftbar – und zudem steuerlich absetzbar. Rein steuerlich motivierte Adoptionen sind natürlich verboten. Nachzuweisen ist eine »echte soziale Mutter-Kind-Beziehung«. Aber genau so habe ich meine Geschichte ja konstruiert.
Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet
Nun will ich hier keine Ratschläge geben zur Steuervermeidung im Erbfall; viele Kanzleien leben davon und machen das besser als ich. Mir geht es um eine Ungerechtigkeit, die merkwürdigerweise selten thematisiert wird. Mit welchem Recht wird die Familie im Erbrecht privilegiert? Was rechtfertigt einen derart satten Eingriff in das Recht des Erblassers, der doch in einer liberalen Gesellschaft mit seinem Eigentum machen können sollte, was er oder sie will? Denn Artikel 14 unseres Grundgesetzes garantiert: »Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet.«
Das würde eine Besserstellung von Familienmitgliedern Grenzen setzen, stünde da nicht der Zusatz: »Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.« Die gesetzliche Beschränkung der Freiheit ist ziemlich kompliziert und überbürokratisiert und würde sich als Übungsfeld für Bürokratieabbauer vorzüglich eignen. Denn es gibt nicht nur mindestens sechs Stufen von Freibeträgen, die feinsinnig unterscheiden zwischen Urenkeln (100.000 Euro) und Enkeln (200.000 Euro, wenn Elternteil lebt, 400.000 Euro, wenn Elternteil verstorben ist). Zusätzlich gelten je nach Umfang des Erbes in drei Steuerklassen Steuersätze zwischen sieben und fünfzig Prozent.
Der unbedingte Respekt vor dem Privateigentum gehört zu den Grundfesten einer liberalen Gesellschaft. So steht es auch in den Lehrbüchern der sozialen Marktwirtschaft. Dass der Staat mit Steuern auf das Eigentum seiner Bürger zugreift, ist streng genommen selbst bereits ein Verstoß gegen die Freiheit des Eigentums. Doch haben die Bürger in demokratischer Freiheit dem zugestimmt, weil sie hoffen, dass sie im Gegenzug für ihr Geld auch etwas bekommen: gute Schulen für ihre Kinder, gute Straßen für die Lastwagen ihrer Unternehmen, gute Panzer als Schutz gegen Putin & Co.
Doch warum diskriminieren die Preise für Staatsleistungen nach den verwandtschaftlichen Beziehungen der Akteure? Marietta Auer, meine Lieblingsrechtswissenschaftlerin vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie, hat darauf eine freche Antwort: Das Gesetz beruht auf einem anachronistischen Gesellschaftsbild. »Die Legitimation des Erbrechts bleibt in Deutschland an das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie von 1950 gebunden«, so Auer. Nachlesen kann man das im Februarheft der Zeitschrift »Merkur« unter der Überschrift »Die deutsche Familie im Spiegel des Erbrechts.«
Besonders anschaulich wird der Eingriff in die Freiheit beim »Pflichtteil«. Der Erblasser kann seine Familie vollkommen enterben, gelingen wird ihm das nimmer. Denn es bleibt der Pflichtteil. Und der ist mehr als ein Almosen zur Unterstützung armer Familienmitglieder. Nehmen wir also noch einmal ein Vermögen von zehn Millionen, die eine gerade verstorbene Frau ihrem liederlichen Mann und ihren zwei nichtsnutzigen Kindern mittels Enterbung entziehen wollte. Gleichwohl gilt die Hälfte des gesetzlichen Erbteils als Pflichtteil: ein Viertel, also 2,5 Millionen, bekommt der liederliche Mann, je ein Achtel, also 1,25 Millionen, geht an die nichtsnutzigen Kinder. Lediglich die Hälfte des Geldes kann testamentarisch frei für wohltätige Zwecke verteilt werden.
Der Staat misstraut seinen Bürgern
Natürlich hat die Privilegierung der Familie historische Gründe: Vermögen war fast immer Familienvermögen. Die Hinterbliebenen sollen nicht mittellos dastehen, verarmen und dann womöglich dem Staat zur Last fallen. Und dann steht im Grundgesetz nicht nur die Testierfreiheit (Artikel 14), sondern auch, dass Ehe und Familie zu schützen sind (Artikel 6).
So lässt sich das Erbrecht als Kompromiss zwischen Testierfreiheit und Familienschutz interpretieren. Marietta Auer bestreitet freilich, dass der Kompromiss fair und heute noch zeitgemäß sei: »Es bleibt bei allem der Eindruck eines Staates, der den privaten Lebensentscheidungen seiner Angehörigen fundamental misstraut, sobald sie sich aus dem engen Korridor eines kleinbürgerlichen Lebensmodells herausbewegen.«
Was tun? Das Bundesverfassungsgericht wird sich demnächst mit der Ungerechtigkeit einer Privilegierung von Betriebsvermögen, also Unternehmenseigentum, im Erbrecht befassen. Das Gericht könnte sich bei dieser Gelegenheit auch mit der Zwangsprivilegierung der Familie im Erbrecht beschäftigen. Und der Gesetzgeber könnte – statt es immer noch komplizierter und ungerechter zu machen – das Erbrecht radikal liberalisieren. Etwa so: »Ein Erblasser ist völlig frei, wem er sein Eigentum überträgt. Eine Erbschaftsteuer wird nicht erhoben.«
Rainer Hank
