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  • 15. Juli 2019
    Die Synagoge von Buchara

    Die Synagoge von Buchara/​Usbekistan

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    Usbekistan Reise durch ein fremdes Land

    Usbekistan, das zentralasiatische Land an der Seidenstraße, öffnet sich zur Welt: Taschkent, Buchara, Samarkand, Städte mit prächtiger islamischer Kunst, sind ein Anziehungspunkt für die Touristen aus aller Welt: Moscheen, Medresen (Koran-Schulen) und Mausoleen zeugen vom religiösen Reichtum früherer Jahrhunderete. Eine Journalistenreise Anfang Juli auf Einladung des usbekischen Tourismus-Ministeriums führte mich für eine Woche in das im Sommer glühend heiße Land. Die Tourismusmacher haben uns ausschließlich das muslimische Usbekistan gezeigt. Dass es daneben auch noch seit der zaristischen Zeit eine große russisch-orthodoxe Kultur gibt, wurde am Rande erwähnt. Dass es eine lange jüdische Tradition gibt, kam gar nicht vor. In Buchara habe ich mich dann selbst auf die Suche gemacht. Nicht weit weg von der Altstadt, südlich des Labi Hauz (einem schönen, städtisch belebtem Teich), stieß ich in einer namenlosen Gasse auf eine kleine Synagoge. Ein einsamer Beter winkte mich herein und erlaubte mir zu fotografieren.

    Eine jüdische Gemeinde seit dem 6. Jh. v. Chr.

    Buchara hatte einmal die größte jüdische Gemeinde in Zentralasien. Die erste Synagoge wurde 1620 gebaut. Die Buchara-Juden, wie sie genannt werden, führen sich der Legende nach auf das sechste Jahrhundert vor Christus zurück: Anstatt nach Israel soll ein Teil der nach Babylon in die Gefangenschaft verbannten Juden nach Buchara gekommen sein, um sich dort als Händler an der Seidenstraße niederzulassen. Dort blieben sie, verlernten ihr Hebräisch und sprachen Farsi. Bis zu 25000 Juden soll die Gemeinde im 19. Jahrhundert umfasst haben. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion in den neunziger Jahren sind viele ausgewandert – nach Israel, nach USA und nach Österreich (Wien). Wenige nur sind dageblieben; von gut 400 ist die Rede. Die Synagoge wirkt wie aus dem Bilderbuch östlicher jüdischer Gemeiden. Man wähnt sich in einem Film. Ein kleiner Schrein mit zwei Thora-Rollen, ein alter Kachelofen, viele Fotos früherer Gemeindeleiter und Rabbiner mit ernstem Gesichtsausdruck und würdevollen Pelzkappen.

    Nicht weit entfernt von der Synagoge befindet sich das jüdische Museum Bucharas. Einer Tafel zufolge wurde es von der Weltbank und von Israel für die Unesco finanziert. Über dem Eingang prangt ein Schild »Welcome«. Doch die alte Holztüre ist mit einer Kette versperrt. Ein paar Minuten später erscheint ein älterer Mann in der Türe, hager und im feingerippten Unterhemd, offenbar aufgeschreckt von meinem Gerüttele. Ein jüdisches Museum gebe es hier nicht mehr, teilt er mir wortlos mit Gesten mit. Was wohl aus dem Projekt der Unesco geworden ist? Aber es ist kein Wunder, wie gesagt: Auf der offiziellen Agenda der usbekischen Tourismusindustrie steht das jüdische Erbe eben nun wirklich nicht.

    Rainer Hank