Rainer Hank als Illustration

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  • 15. Dezember 2021
    Wenn der Würfel entscheidet….

    Die Würfel sind gefallen Foto pixabay

    Dieser Artikel in der FAZ

    …dann wird am Ende sogar eine Frauenquote obsolet

    Vergangene Woche bekam meine Nachbarin einen Anruf von ihrer Hausärztin. Leider müsse sie den Booster-Termin absagen, weil ihre Praxis viel weniger Impfstoff zugeteilt bekommen habe als versprochen. Solche Anrufe kriegen derzeit viele Impfwilligen, blöd für die Ärzte und ihre Patienten. Warum sagt die Ärztin ausgerechnet meiner Nachbarin ab? Sie streiche die Termine nach dem Eingangsdatum der Buchung, so die Antwort, frei nach dem Motto »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.« Dieses Zuteilungsverfahren ist nicht unüblich – freilich nur dann, wenn es im Vorhinein bekannt ist. Man könnte auch andere Kriterien wählen: Das Alter der Impfwilligen? Oder die Schwere der Vorerkrankung? Oder die langjährige Treue zur Arztpraxis? Letztlich hat alles eine gewisse Plausibilität. Wirklich gerecht geht es aber nicht zu.

    Nehmen wir ein anderes Beispiel. Regelmäßig waren begehrte Gymnasien in Frankfurt beim Wechsel der Viertklässler aus der Grundschule überbucht. Es gab einen Wust von Kriterien zur Priorisierung. Etwa die Nähe zur Wohnung. Oder eine Fremdsprache. Oder ein vorhandenes Schulprofil: So durfte sich ein Musik- oder Sportgymnasium musisch oder sportlich begabte Schüler aussuchen. Das nahe liegende Kriterium der Leistung schied offiziell indes aus. Ich vermute, das liegt daran, dass das hessische Schulsystem seit den siebziger Jahren habituell etwas gegen Leistung hat.

    Gleichwohl lief es am Ende meistens darauf hinaus, dass viele Kinder aus bildungsbürgerlichen Familien es aufs Wunschgymnasium schafften (aber leider eben nicht alle), während Schüler aus bildungsferneren Familien und/​oder mit Migrationshintergrund eher auf der Gesamtschule landeten. Bei jenen Akademiker-Eltern, deren Kind nicht aufs Gymnasium durfte, gab es Geschrei und Widerspruch gegen die Fehlentscheidung.

    Seit vergangenem Jahr hat sich das staatliche Schulamt etwas Neues einfallen lassen: Die knappen Plätze werden verlost. Das würden viele auf den ersten Blick als den Gipfel der Ungerechtigkeit ansehen. Da kann man gleich Dart-Pfeile werfen. Fällt der Würfel, ist der Zufall und nichts als der Zufall das Auswahlprinzip. Und dass soll gerecht sein? Der Würfel ist blind für die wirklichen Bedürftigen. Doch wer ist wirklich bedürftig? In aller Regel führt das zu einem Betroffenheitswettbewerb, bei dem sich jeder meistberechtigt fühlt und jede andere Entscheidung als gravierende Ungerechtigkeit empfindet.

    Das erklärt womöglich, warum der Protest der Frankfurter Eltern gegen die Einführung des Losverfahrens beim Übergang aufs Gymnasium ausblieb. Im Gegenteil: Offiziell registrierte Widersprüche der Eltern nahmen ab. Die Akzeptanz einer Zuweisung bei einem Losverfahren sei deutlich höher als vorher, teilen die Behörden erleichtert mit. Der Würfel in seiner ganzen Willkür wird offenkundig als fairer empfunden als die Entscheidung eines Schuldirektors. Und niemand mehr kann jetzt behaupten, Kinder mit Migrationshintergrund hätten schlechtere Chancen, auf das Gymnasium zu kommen. Das Los ist völlig neutral; Diversität stellt sich von alleine ein.

    Demokratie in Athen

    Das Losverfahren als Auswahlprinzip kommt uns heute merkwürdig fremd vor. Das war nicht immer so. Im alten Athen, bekanntlich die Wiege der Demokratie, wurden politische Positionen per Los aus den männlichen Bürgern Athens bestimmt. In zahlreichen Schweizer Gemeinden gibt es das bis heute. Auch in den italienischen Stadtstaaten Oberitaliens wurde in der frühen Neuzeit für die Verteilung politischer Macht vom Losverfahren Gebrauch gemacht. Besonders raffiniert ging es in Venedig zu: Den Dogen hat man in fünf Wahlgängen gewählt, von denen jeder an eine vorherige Losziehung gekoppelt war. Ziel war stets das Aufbrechen der alten Seilschaften, die Beseitigung von Korruption oder die Befriedung der untereinander zerstrittenen herrschenden Familien.

    Margit Osterloh und Bruno Frey, zwei Schweizer Ökonomen, werben seit geraumer Zeit für eine Renaissance des Losverfahrens. Sie haben gute Argumente auf ihrer Seite. Das Los verhindert nicht nur Korruption und Vettern-Wirtschaft, sondern auch den berüchtigten Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Es gibt Außenseitern eine Chance und, besonders wichtig, relativiert die Hybris der Führungselite, die regelmäßig der Meinung ist, sie verdanken ihre Position selbstverständlich nur der eigenen Leistung, verbunden mit einem strahlenden Charisma und der Fähigkeit zu größter Empathie. Das Los ist ein gutes Gegenmittel gegen die Verabsolutierung der Meritokratie. Wer seine mächtige Stellung dem Würfel verdankt, wird zwangsläufig bescheiden.

    Das Los ist zugleich ein Mittel gegen politisch-ideologische Manipulation. Man stelle sich für einen Moment vor, über die Wahl der obersten Richter – sagen wir in Polen oder den USA – entschieden nicht populistische Regierungen, sondern die Würfel. Ich finde das eine reizvolle Alternative zum Status quo. Alterdings ist eine entsprechende Initiative in der Schweiz gerade in einer Volksabstimmung krachend gescheitert – nun gut: fehlende Rechtsstaatlichkeit kann man den Eidgenossen eher nicht wirklich vorwerfen.
    In Laborexperimenten zeigen die beiden Ökonomen Osterloh und Frey, dass die Rekrutierung von Personal in Unternehmen durch den Würfel dazu führt, mehr Frauen nach oben zu bringen und die sogenannte »leaky pipeline«, den sinkenden Frauenanteil auf höheren Karrierestufen, zu stopfen. Dass Frauen seltener an der Macht sind, hänge mit ihrer geringeren Wettbewerbsbereitschaft zusammen, sagen die Ökonomen: Frauen treten im Durchschnitt nur halb so oft wie Männer in Turniere ein, in welchen am Ende nur eine Person siegt. Das ist vor allem dann so, wenn leistungsfähige Frauen gegen Männer in männerdominierten Bereichen konkurrieren – also in typischen Unternehmen. Fungiert dagegen das Los als Auswahlprinzip, werfen deutlich mehr geeignete Frauen ihren Hut in den Ring. In den Experimenten der Forscher werde die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen geschlossen. Und viel mehr fähige Frauen als sonst lassen sich auf solch ein Verfahren ein. Kurzum: Losverfahren sind der Quote haushoch überlegen.

    Gerade, weil das Los blind ist, ist es gerecht; Justitia lässt sich ja auch die Augen verbinden. Freilich muss dem Losverfahren eine konventionelle Vorauswahl vorausgehen, um nur solche Kandidaten zuzulassen, die die formalen Voraussetzungen erfüllen. Wer Professoren für einen Lehrstuhl oder Richter für ein oberstes Gericht sucht, sollte vorab fachliche Anforderungen zur Aufnahme ins Losverfahren definieren. Wer sich für eine dritte Impfung bewirbt, sollte bereits zwei Impfungen hinter sich haben. Die Fachleute sprechen von »fokalen aleatorischen Verfahren«: »Fokal« meint die Fokussierung auf eine Vorauswahl. »Aleatorisch« kommt von lateinisch »alea«, dem Würfel. Cäsar, sein Rubikon und Herr Lenz, mein alter Lateinlehrer, lassen grüßen.

    Rainer Hank