Rainer Hank als Illustration

Hanks Welt

‹ alle Artikel anzeigen
  • 20. November 2019
    Warum wir die Milliardäre brauchen

    Darf der das?

    Dieser Artikel in der FAZ

    Und warum mit eine Obergrenze für große Vermögen alle ärmer wären

    Immer im November veröffentlich die Schweizer UBS-Bank ihren Milliardärsbericht. Nach den jetzt vorgelegten Daten ist die Zahl der Superreichen im vergangenen Jahr leicht zurückgegangen: Weltweit gibt es genau 2101 Menschen, die mehr als eine Milliarde Dollar ihr eigen nennen (F.A.Z. vom 9. November). Im Jahr zuvor zählte man noch 2158 Schwerreiche. Ihr Vermögen addiert sich heute auf unvorstellbare 8,5 Billionen Dollar. Wäre es gleich verteilt, entfielen auf jeden Milliardär gut vier Milliarden Dollar. Aber so ist es natürlich nicht: Auch unter den Milliardären gibt es große Ungleichheiten, eine Art Gerechtigkeitslücke im Club der »Happy Few«. Microsoft-Gründer Bill Gates, nach Amazon-Gründer Jeff Bezos der zweitreichste Mann der Welt, hat ein geschätztes Vermögen von 109 Milliarden Dollar – ein großer Abstand zu den unbekannten Milliardären, die mit einer oder zwei Milliarden auskommen müssen.

    Dass die Reichsten der Reichen 2018 insgesamt weniger geworden sind, wird freilich die Kritiker großer Vermögen ebenso wenig besänftigen wie der Umstand, dass die Zahl der Milliardärinnen inzwischen rascher wächst als jene der milliardenschweren Männer. Denn wahr ist auch: Seit Jahren wächst das Vermögen der Superreichen deutlich rascher als der globale Wohlstand. Kein Wunder, dass die Kritik an der Plutokratie immer populärer wird – von links bis rechts. In den Vereinigten Staaten, wo man Reichtum traditionell eher als Ausweis von Leistung bewundert, erhält die Demokratin Elizabeth Warren viel Unterstützung für ihren Vorschlag, den Reichen jährlich sechs Prozent ihres Vermögens abzuknöpfen (zusätzlich gibt es selbstverständlich eine progressive Einkommensteuer). Radikaler noch ist der Links-Demokrat Bernie Sanders, der findet, Milliardäre sollte es eigentlich gar nicht geben – »jeder Superreiche ist ein Beleg für Politikversagen«. Und in Großbritannien tritt Jeremy Corbyn im Dezember zur Wahl mit einem sozialistischen Programm an, das sich wenig von Sanders unterscheidet. Was ist nur aus der Politik im angelsächsischen Kapitalismus geworden!

    Die Deutschen sind weniger milliardärskritisch

    Im Vergleich zu Großbritannien und Amerika geht es hierzulande geradezu bescheiden zu, was womöglich auch damit zusammenhängt, dass sich nicht nur SPD, sondern auch die »Linke« nach dem Rückzug von Sahra Wagenknecht in einem Prozess stiller Selbstfindung befinden, der – vorerst – keine Zeit lässt für Reichen-Bashing und Antikapitalismus. Okay: Die SPD hat durchgesetzt, dass die Reichen noch bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag als Strafe für ihren Reichtum den Soli zahlen müssen. Zudem hat man in Berlin den Immobilienbesitzern einen Mietendeckel verpasst, der einer Teilenteignung gleichkommt. Und auf die Managergehälter kommt künftig auch ein Deckel zulässiger Maximalvergütung. Doch im Vergleich mit den Vereinigten Staaten, wo neben einer hohen Vermögenssteuer Vorschläge für Einkommensteuertarife von bis zu 90 Prozent im Umlauf sind, könnte man meinen, wir leben hier im Land der fast unbegrenzten Bereicherungsmöglichkeiten.

    Immer vernehmlicher indessen artikuliert sich auch im deutschsprachigen Raum die moralische und ökonomische Kritik am Milliardärsdasein. Christian Neuhäuser, ein Professor für praktische Philosophie an der TU Dortmund, schreibt in seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch »Reichtum als moralisches Problem«, er wisse nicht, warum Menschen, die bereits reicher sind, als irgendeiner nötig hat, ihre Mittel verdoppeln, um Dinge zu kaufen, die außer Zurschaustellung ihres Reichtums nur wenig oder gar keine Freuden schaffen. Man sieht: Hier wird generell die Legitimation großer Vermögen infrage gestellt. Als Kriterien dienen der Bedarf – wer braucht schon so viel Geld! – und der auf null zurückgehende Grenznutzen zusätzlichen Reichtums – wir sollen uns Dagobert Duck als einen unglücklichen Menschen vorstellen.

    Konsequenterweise plädiert Neuhäuser für eine »Obergrenze« des Vermögens, die er ziemlich weit unten, nämlich schon bei zwei Millionen Euro ansetzt: »Auf alles darüber liegende Einkommen fiele dann eine Steuer von hundert Prozent an.« Zu Deutsch: Alles privat erworbene Einkommen über zwei Millionen fällt an den Staat.

    Ordnungspolitik ist die beste Entmachtung von Reichtum

    Ähnlich radikal geht Martin Schürtz vor, ein Ökonom und Psychotherapeut, der bei der österreichischen Nationalbank in Wien arbeitet. In seinem gerade erschienenen Buch »Überreichtum« schlägt auch er einen »Maximalwert« vor, um die »zerstörerischen Folgen exzessiven Reichtums« einzudämmen. Dass solche Obergrenzen willkürlich sind, ficht Schürtz nicht an: Es will sie demokratisch aushandeln lassen, was per se Legitimation genug sei. Dass Reichtum legal als Eigentum erworben wurde, genügt Schürtz als Rechtfertigungskriterium nicht. Die Reichen sollen sich vor der demokratisch verfassten Gesellschaft verantworten und Rechenschaft geben über die Verwendung ihres Geldes. Das sei nötig, um Akzeptanz ihrer gesellschaftlichen Besserstellung zu erhalten.

    Das alles ist starker Tobak. Gleichwohl sollte man sich auf die Argumentation einlassen und einmal nach Reichtumserwerb und Reichtumsverwendung bei den Milliardären fragen. Das hat dankenswerterweise das britische Magazin »Economist« unter Verwendung von Zahlen des amerikanischen Journals »Forbes« in der vergangenen Woche getan. Das Ergebnis: Dreiviertel des Wohlstands der Milliardäre sei »fair« erworben. Unter »unfair« versteht der Economist Gewinne, die erworben wurden auf Märkten, auf denen wenig oder kein Wettbewerb herrscht. Was nämlich von den Reichtums-Bashern gerne übersehen wird: Nichts erschwert das Reichwerden in einer gut funktionierenden Marktwirtschaft so sehr wie der Wettbewerb. Dass Konkurrenten das Gleiche besser oder billiger machen, nagt gewaltig an der Rendite. Statt Obergrenzen sollte die Politik also den Wettbewerb befeuern, Oligopole und Monopole zerschlagen und die Hand von Subventionen lassen. So etwas nennt man auf altdeutsch »Ordnungspolitik«.

    Daneben bleibt jene überwältigende Mehrheit der Milliardäre, die ihren Reichtums »fair« erworben haben: Dazu braucht man nicht nur an Bill Gates oder Elon Musk zu denken, sondern an all jene einfallsreichen Entrepreneure, die mit guten Ideen dazu beitragen, dass unser aller Reichtum wächst. Das Gewinnstreben bleibt ein Trieb der menschlichen Natur, von dem alle profitieren. Den Milliardären das Handwerk zu legen, würde die Wirtschaft weniger dynamisch machen und unseren Wohlstand schmälern. Dass in den Vereinigten Staaten, dem Land mit dem höchsten Prokopfeinkommen der Welt, auch die meisten Milliardäre leben, sollte zu denken geben.

    John Rawls, ein eher linker Moralphilosoph, hat in seiner »Theorie der Gerechtigkeit« (1971) ein plausibles Erlaubniskriterium für Reichtum aufgestellt. Es besagt, dass die besseren Einkommensaussichten der Reichen dann gerechtfertigt sind, wenn sie auch zur Verbesserung der Lage der am wenigsten begünstigtsten Mitglieder der Gesellschaft beitragen. Wir Ärmeren brauchen die Milliardäre aus eigenem Interesse. Fazit: Mit Rawls kommen wir moralphilosophisch besser voran als mit den Philosophen der Obergrenze.

    P,S, Im Deutschlandfunk (»Sein und Streit«) habe ich mit Martin Schürz zum Thema kontrovers diskutiert. Hier kann man das nachören und nachlesen.

    Rainer Hank