Rainer Hank als Illustration

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  • 11. Mai 2022
    Muskel-Männer

    Muskeln spielen lassen Foto kremlin/​ru

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie moderne Diktatoren ticken

    Es war am 2. Dezember 1805 gegen Abend, als Napoleon das Schlachtfeld auf dem Pratzberg bei Austerlitz abritt. Die französischen Truppen hatten den Kampf für sich entschieden. Napoleon durfte sich als strahlender Sieger fühlen.

    »Voilà une belle mort« (»Sieh da, ein schöner Tod«), rief Napoleon, als er Fürst Andrej sah, der auf dem Rücken lag. Andrej, ein Offizier im Dienst der russischen Armee, verstand, dass der Franzose ihn offenbar für tot hielt. In Wahrheit war er zwar schwer verwundet, aber am Leben. Der Kopf brannte ihm; er spürte, dass er Blut verlor und er sah über sich den hohen und ewigen Himmel. Andrej hatte realisiert, dass es Napoleon war, der vor ihm stand – der Held seiner Jugend. Aber in diesem Moment schien ihm Napoleon ein so kleiner unbedeutender Mann im Vergleich zu dem, was zwischen seiner Seele und diesem hohen und unendlichen Himmel mit den über ihn hineilenden Wolken vor sich ging.
    Die Begegnung zwischen Napoleon und dem russischen Fürst Andrej ist berühmt. Geschildert wird die Entzauberung des Kriegshelden im Moment seines größten Triumpfes. Sie steht im 19. Kapitel des 3. Buches von Lew Tolstois »Krieg und Frieden«. Der Sieger schrumpft in den Augen des Besiegten zur Bedeutungslosigkeit.

    In der Pandemie habe ich begonnen, Tolstoi zu lesen. Dass das Thema Krieg und Frieden bald real sein würde, konnte ich nicht ahnen. Napoleon, wie Tolstoi ihn beschreibt, ist ein typischer Fall des »Strongman«. Er hält sich für den allergrößten Feldherrn, die Siege bestätigen ihn – und führen dazu, dass er die Risiken seiner Weltbeherrschungsfantasie unterschätzt und am Ende scheitert.

    In seinen Größenfantasien hält sich auch Wladimir Putin für unbesiegbar. Er verklärt sich zum Retter des russischen Imperiums, das er vor den »faschistischen« Ukrainern und der Dekadenz des Westens schützen muss. Er umgibt sich mit Männern seines Vertrauens, die ihm sagen, was er hören mag. Die Welt, nicht zuletzt die Deutschen, haben Angst vor Putin. Aber seine Macht beginnt zu bröckeln und seine Größe schrumpft, nicht erst seit er diesen mörderischen Krieg losgetreten hat.

    Männer mit Adonis-Komplex

    »Strongman«-Syndrom« ist ein Begriff aus der Medizin. Grob gesagt handelt es sich um eine Störung des Selbstbildes bei Männern (»Muskeldysmorphie«), die von der fixen Idee gefangen sind, ihr Körper sei zu wenig muskulös (»Adonis-Komplex«). Sie dopen sich mit Muskelaufbaupräparaten und ernähren sich falsch, weil sie ständig ihrer Umgebung beweisen müssen, was für ein athletischer Mann sie sind. Den Vorwurf, es sei obszön, mit nacktem Oberkörper zu Pferde oder beim Fischfang zu posieren, parierte Putin 2011 in einem Interview mit dem US-Magazin »Outdoor Life«, indem er sich zu Ernest Hemingway als Vorbild exponierter Männlichkeit bekannte, der sein »inneres Selbst« geformt habe.

    Es geht mir hier weniger um eine Psychologie der Männlichkeit, sondern – wie schon vergangene Woche – um die Bedrohung des westlichen Liberalismus durch sich demokratisch gerierende Autokraten. Der zentrale Konflikt unserer Welt dreht sich nicht mehr um den Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Die neue Konfliktlinie scheidet »liberale Demokratien« von »illiberalen Demokratien«. Illiberale Demokratien missachten Rechtsstaatlichkeit und verschreiben sich dem Populismus und Nationalismus. An der Spitze illiberale Regime steht in auffallend vielen Fällen ein kraftstrotzender Führer.

    Diesen Typus des Autokraten nennt Gideon Rachmann, ein Journalist der Financial Times, in einem gerade erschienenen Buch »Strongman«. Man könnte es mit »Muskelmann« übersetzen. Darunter fallen neben Putin der Ungar Orban, der türkische Präsident Erdogan, der Inder Modi, der Brasilianer Bolsonaro, der Chinese Xi Jinping und der Venezolaner Hugo Chavez. Auffallend viele körperlich kleine Männer tummeln sich hier. Die Aufzählung zeigt, dass man mit der links-rechts-Unterscheidung nicht weiterkommt. Würde Marine Le Pen die Präsidentschaftswahlen in Frankreich gewinnen, bekäme der Club die erste »Strongwoman« als Mitglied. Es sieht so aus, als ob Deutschland keinen Kandidaten in diesen Kreis schicken kann; die AfD-Leute würden die Aufnahmeprüfung nicht bestehen.

    Der Strongman pflegt einen ausgeprägten Person- und Führerkult, gibt sich volksnah, vertritt die Überzeugung, dass er und nur er allein die Nation retten kann gegen seine Feinde von außen (Überfremdung). Es geht ihm um die dauerhafte Monopolisierung seiner Macht. Eng wird es für ihn erst am Ende: weil er sich für unersetzbar hält, verzichtet er darauf, seine Nachfolge zu klären. Das machtsensible Realitätsbewusstsein, das ihn auszeichnet, weicht nicht selten der Paranoia.

    Die Raffinesse der Spin-Diktatoren

    Sergei Guriev, ein liberaler russischer Ökonom, der im französischen Exil lebt, nennt die »Strongmen« von heute »Spin-Dikatoren«. Die Autokraten von früher heißen »Angst-Diktatoren«. Angst-Diktatoren (Stalin, Hitler, Mao) unterdrücken ihre Völker mit brutaler Gewalt. Spin-Diktatoren erzählen ihren Bürgern Stories. Ihr »spin«, ein »Dreh« der Wahrheit, ist ein Propagandatrick, mit dem sie den Menschen einreden, sie lebten in einem lupenrein demokratischen und freien Land. Pressefreiheit herrscht formal, aber nur die gewogenen Medien erhalten Zugang zu Informationen. Entscheidungen der Gerichte werden respektiert, aber erst nachdem der Diktator die Gerichte zuvor mit ihm willfährigen Juristen besetzt hat. Spin-Diktatoren sind raffinierter als die Angst-Diktatoren. Sie arbeiten nicht mit Repression, sondern mit Manipulation. Statt Rebellion zu unterdrücken sorgen sie dafür, dass der Wunsch nach Rebellion gar nicht erst erwacht. Ihre Popularität nutzen sie zur dauerhaften Stabilisierung ihrer Macht. Angst-Diktatoren bearbeiteten Dissidenten mit Gehirnwäsche und Folter, Spin-Diktatoren trachten danach, die öffentliche Meinung so zu beherrschen, dass Dissidenz gar nicht erst aufkommen kann.

    Die Wahlen in Ungarn bestätigen das Bild: Niemand bestreitet, dass mehr als fünfzig Prozent der Wähler Orban unterstützen. Sie wurden nicht gezwungen, ihr Wahlverhalten ist ein Erfolg großflächiger Propaganda und Marginalisierung der Opposition. Formal frei, aber rechtsstaatlich zutiefst unfair, könnte man sagen. Der Spin-Diktator Orban hätschelt die Demokratie und hebelt den Rechtsstaat aus.

    Auch Putins Spin funktioniert bis heute im eigenen Land nach diesem Muster. Die Mehrheit der Bürger glaubt ihm seine Lügen. Die Mehrheit in Russland scheint sogar zu glauben, die Nachrichten über den Völkermord in Butscha müssten Fälschungen sein.

    Putin hat sich – in der Terminologie von Sergei Guriev – inzwischen vom Spin-Diktator zum repressiven Angst-Diktator stalinistischer Schule zurück entwickelt. Es könnte langfristig sein größter Fehler sein. Tausende Ukrainer zahlen dafür einen blutigen Preis.

    Rainer Hank