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  • 25. Oktober 2026
    Die Antiquiertheit des Menschen

    Günther Anders (1902 – 1992) Foto Günther Anders Gesellschaft

    Dieser Artikel in der FAZ

    Was Günther Anders über die Künstliche Intelligenz wusste

    Ein New Yorker Rechtsanwalt erzählt folgende Geschichte: »Vor einigen Monaten verfasste ich für meine Schwester einen juristischen Schriftsatz, der ihr bei einem diffizilen Erbschaftsstreit helfen sollte. Dafür musste ich das Erbrecht zweier Rechtssysteme, grenzüberschreitende Steuervorschriften und eine ziemlich verwickelte Verfahrensgeschichte zusammenführen. Meine Schwester war stolz auf mich. Jetzt verstehe sie, wie ich es beruflich so weit gebracht hätte. Ein paar Stunden später kam eine zweite Nachricht der Schwester. Sie könne nicht umhin zu fragen, wie viel in diesem Schriftsatz eigentlich von einer KI stamme.«

    Die Geschichte hat es in sich. Sie stammt aus einer Sammelbesprechung neuerer KI-Bücher – die gibt es derzeit wie Sand am Meer – aus dem aktuellen »Times Literary Supplement«. Was ändert sich eigentlich durch das Wissen, der Schriftsatz stamme von künstlicher statt von menschlicher Intelligenz? Für den Zweck des Dossiers – juristische Schützenhilfe in einem Erbschaftsstreit – eigentlich nichts. Da kommt es nicht auf den Autor, sondern auf den Inhalt an. Für das Ansehen, das der Bruder in den Augen seiner Schwester genießt, ändert sich dagegen alles. Sollte der Verdacht zutreffen, verwandelt sich der Star-Anwalt in einen Scharlatan, der sich mit fremden Federn schmückt. Was ist menschliche Autorschaft noch wert, wenn die autorlose Maschine bessere Ware liefert? Es ist eine tiefe und paradoxe Kränkung: KI, ein Produkt menschlicher Intelligenz, liefert perfektere Ergebnisse als menschliche Intelligenz.

    Werden wir noch grundsätzlicher. Der Erfolg der KI führt uns plötzlich vor Augen, »dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; dass wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und dass wir glauben, dass, was wir können, wir auch dürfen.«

    Das Zitat stammt von dem Philosophen Günther Anders. Es eröffnet den ersten Band seines voluminösen Hauptwerks »Die Antiquiertheit des Menschen«, bezieht sich, weil bereits 1956 erschienen, nicht auf die künstliche Intelligenz, sondern auf die von der industriellen Revolution geschaffenen menschlichen Hervorbringungen, genannt Technik: Schöpfungen des Menschen, denen gegenüber sich der Mensch unterlegen fühlt, eben antiquiert, tief gekränkt von der Perfektion seiner eigenen Produkte. Wir seien unfähig, »seelisch up to date« zu bleiben und dazu verdammt, unseren Erfindungen »nachzuhumpeln«, so Anders.

    Schöpfungen, die sich vom Schöpfer emanzipieren

    Anders, so versuche ich zu argumentieren, könnte zu einem Deuter des KI-Zeitalters werden, gerade weil seine Philosophie nirgends in konservativen Kulturpessimismus verfällt. Die Antiquiertheit des Menschen spiegelt menschliche Größe und Kreativität, die nun Mühe haben, ihren eigenen Erfolg intellektuell und moralisch einzuholen – und zu verhindern, dass sich die Schöpfung gegen seinen Schöpfer wendet. Implizit oder explizit hat Anders als »Anwendungsfall« die Erschaffung der Atombombe vor sich. Mit Claude Eatherly, dem Piloten des Wetteraufklärungsflugzeugs »Straight Flush«, das grünes Licht für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima gab, führte Anders einen ausführlichen Briefwechsel. Das darin sichtbar werdende Grundmuster der Schöpfungen, die sich von ihrem Schöpfer emanzipieren und entfremden, konnte Goethes Zauberlehrling noch nicht ahnen. Denn inzwischen ist aus dem Zauberer der Homo Faber geworden.

    Wer war Günther Anders? Auf jeden Fall ein schon zu Lebzeiten unzeitgemäßer Denker und »störrischer Philosoph«, so sein Biograf Konrad Paul Liessmann. Geboren im Jahr 1902 als Günther Stern in einer deutsch-jüdischen Familie im schlesischen Breslau studierte er bei Martin Heidegger und Edmund Husserl. Bis zu seinem Tod wirkte er ungemein produktiv als freier Denker, Essayist und Feuilletonist. Nie lehrte er an einer Universität, was seinem Schreibstil gut bekam, der frei von jeglichem akademischen Jargon und für jedermann verständlich ist. Von 1929 bis 1937 war Anders mit der Philosophin Hannah Arendt verheiratet.

    Was könnte Günther Anders den heutigen KI-Heroen Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic) zu sagen haben? Er würde auf jeden Fall deren Entscheidung begrüßen, das Tempo der KI-Entwicklung zu drosseln. Wir Menschen sind unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen. Insofern sind wir »invertierte Utopisten«: während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen. Dies bezeichnet ziemlich genau den Nebel, der die Drohung umgibt, KI könne womöglich die ganze Menschheit auslöschen.

    Was im heutigen KI-Sprech »Alignment« heißt, die Hoffnung, die Ziele und das Verhalten der KI derart mit menschlichen Absichten, Interessen und Werten in Einklang zu bringen, dass sie nur tut, was Menschen tatsächlich wollen, hätte Günther Anders gewiss begrüßt, gleichwohl darauf hingewiesen, dass dies noch nicht verhindert, dass Menschen mit moralisch bösen Absichten ihre Hervorbringungen für destruktive Ziele einsetzen: Erst nach dem Abwurf der Atombombe sah die Menschheit, was sie angerichtet hat.

    Das prometheische Gefälle

    Doch selbst ein technisch gelungenes Alignment beseitigt nicht das Problem, das Anders das »prometheische Gefälle« nennt: die wachsende Kluft zwischen dem, was Menschen herstellen können, und dem, was sie sich vorstellen und verantworten können. Prometheus, jener Titan, der für die Menschen das Feuer stahl, war im antiken Mythos Inbegriff des autonomen Menschen, der die Natur beherrscht, technisch verbessert und dabei stets überlegen bleibt. Die philosophische Anthropologie des 20. Jahrhunderts sah die Unfertigkeit des Menschen als Chance: Weil er nicht festgestellt ist, schafft er sich Kultur und Technik. Bei Anders kippt diese Erfolgsgeschichte: Der unfertige Mensch ist so erfolgreich in der Kompensation seiner Unfertigkeit, dass seine Hervorbringungen ihm davonlaufen. Inzwischen muss nicht mehr die KI beweisen, dass sie dem Menschen genügt; der Mensch muss beweisen, dass er gegenüber der Maschine noch konkurrenzfähig ist. Hat er am Ende mit seiner Intelligenz eine ihm überlegene Intelligenz geschaffen, von der er, einem geduldeten Haustier gleich, dauerhaft abhängt?

    Dass Optimismus Pflicht sei, dieses Diktum Karl Poppers wird von Günther Anders als naiv bestritten. Indes mündet seine Analyse anders als bei vielen heutigen Zeitgenossen nicht in einen apokalyptischen Pessimismus. In einem Brief an den Philosophen Ernst Bloch (»Prinzip Hoffnung«) schreibt Anders: »wie wäre es: aus Rache an der Unfertigkeit unserer Geschaffenheit es besser zu machen. Gott zeigen, was eine Harke ist.« Vielleicht sind wir doch nicht völlig antiquiert?

    Rainer Hank