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  • 06. Oktober 2026
    Der Niedergang der Politiker-Sprache

    Ricarda Lang (32) Foto Elias Keilhauer

    Dieser Artikel in der FAZ

    Und der Aufstieg von Leuten wie Ricarda Lang

    Nach den ersten Hochrechnungen zur Sachsen-Anhalt-Wahl meldete sich die Grünen-Politikerin Ricarda Lang. »Katastrophe«, sagte sie, wortkarg und emotional zugleich Ihr Statement gab sie der »Remszeitung«, einem Lokalblatt ihrer schwäbischen Heimat. Später nutzte sie dann ihren Insta-Kanal zur größeren überregional-viralen Verbreitung ihres Statements.

    Die offiziellen Äußerungen aus der Grünen-Zentrale in Berlin klangen anders: »Das Ergebnis erfüllt mich mit Freude und mit Stolz«, sagte der Parteivorsitzende Felix Banaszak. Hatten wir da etwas verpasst? Für die Grünen reichten offenbar schon drei Prozentpunkte mehr, um auf ein Ergebnis von 8,9 Prozent stolz zu sein. Verstand sich die Partei nicht vor kurzem noch als Volkspartei?

    Mir geht es heute um die Sprache von Politikern. Wie erbärmlich, wie sehr auf den Hund gekommen diese inzwischen ist, ließ sich vergangene Woche besonders gut beobachten. Banaszak glaubt doch selbst nicht, dass 8,9 Prozent ein Anlass zu Freude und Stolz sind. Aber er glaubt, dass er solche Sätze sagen muss. So wie SPD-Funktionäre angesichts ihrer 9,3 Prozent behaupten: »Mit uns ist wieder zu rechnen.«

    Die stolze alte Arbeiterpartei. Immerhin ist das noch aussagekräftiger als der abgedroschene Verlierersatz: »Das Ergebnis werden wir jetzt in aller Ruhe in den Gremien der Partei analysieren.« Man hört den Sprechern die innere Unruhe an – und die Sorge um ihr Amt.

    Merken Politiker eigentlich, wie sie da reden? Ist das noch Verdrängung? Dann enthielte die Sprache zumindest eine Art Rationalität und diente der Immunisierung gegen Kritik. Oder werden diese Spruchbänder längst von einer Maschine der Gedankenlosigkeit fabriziert, hohl und ohne jeden Sachgehalt?

    Die Schere im Kopf

    Um die Grünen geht es hier nicht. Es geht um ein Verhalten der Politiker der sogenannten Mitte, also Union, SPD und, falls man über sie überhaupt noch sprechen muss, FDP.
    Niemand aus der Kaste der Politiker hat den Mechanismus dieser Sprachentleerung so gut analysiert und decouvriert wie Ricarda Lang (32). Von 2022 bis 2024 war sie Vorsitzende der Grünen. Stets, so Lang, brauche es in der Politik Sätze, hinter denen sich viele versammeln können. Das heißt zugleich: sich im Unverbindlichen abschotten. »Man baut sich Mauern im Kopf auf, hat eine selbstproduzierte Angst.« Lieber verliert man sich im allgemein Zustimmungsfähigen, also Nichtssagenden, als ein inhaltliches Risiko einzugehen. Die Frage, ob mit der Bedeutung des Amtes die Sätze verschachtelter werden, bejaht Lang: »Zu oft, und das ist eine unfassbar traurige Analyse.« Die Zensur erfolgt nicht von oben. Der Politiker zensiert sich selbst. Die Schere im Kopf schneidet alles zurecht.

    Der Politikerjob honoriert Unklarheit und bestraft Deutlichkeit. »Ich hatte Phasen als Parteivorsitzende, in denen ich wie ein Roboter klang«, sagt Lang. Das passiere, »wenn man auf Fragen, auf die man keine Antwort hat, etwas sagt, woran man selbst nur halb glaubt«. Hinzu komme ein besonderes Problem linker Politiker: ihre technokratische Sprache. Progressive Politik redet über Instrumente, Verfahren und korrekte Begriffe und verliert die Lebenswelt der Menschen aus dem Auge.

    Das sind bemerkenswert hellsichtige Sätze. Sie sagen im Grunde: Ein Spitzenamt entfremdet den Politiker von sich selbst, von der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, von seinen Gefühlen – und von den Bürgern. Nicht zufällig, sondern systembedingt. Der Befund widerspricht der Luther zugeschriebenen protestantischen Gewissheit: »Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand.« Traditionell legitimiert das Amt den Sprecher: Er darf sprechen, weil er Vorsitzender, Finanzminister oder Generalsekretär ist. Das nennen wir Amtsautorität. Vorbei. Der Sprachverfall ist ein zentraler Grund für den Verfall politischer Glaubwürdigkeit.

    Interessant ist, welche Konsequenzen Ricarda Lang aus ihren Erfahrungen gezogen hat – und welche neue politische Rolle samt Geschäftsmodell sie für sich geschaffen hat.
    Lang ist heute nicht mehr Sprecherin der Grünen, sondern Erklärerin grüner Politik. Ihr Alleinstellungsmerkmal: Sie kennt den Apparat von innen. Aus dieser Position bewirtschaftet sie Podcasts, soziale Netzwerke, Panels und Talkshows. Sie darf einräumen, die Grünen hätten sich zu sehr mit korrekter – also gerade nicht konkreter – Sprache und zu wenig mit ökonomischen Problemen beschäftigt. Sie gehört nicht mehr zum Führungskader, ist aber auch keine Renegatin.

    Damit gerät sie in ein Terrain, das traditionell Journalisten für sich beanspruchen: Politik zu erklären. Hier konkurrieren zwei Quellen der Glaubwürdigkeit. Der Journalist sagt: Glaubt mir, weil ich draußen stehe und unabhängig bin. Lang sagt: Glaubt mir, weil ich drinnen war und weiß, wie es dort zugeht. Der eine bietet Distanz ohne eigene politische Erfahrung, die andere Erfahrung ohne Distanz.

    Ironie und Emotionalität

    Interessant ist Lang also nicht trotz, sondern wegen ihres verlorenen Spitzenamtes. Sie ist gerade keine typische Ex-Politikerin wie Joschka Fischer, Sigmar Gabriel oder Peer Steinbrück, die noch immer den Politiker geben und häufig auch so reden. Langs neue Rolle ist sachorientiert, lebt von Ironie und Emotionalität und stellt ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion unter Beweis.

    Ich will Ricarda Lang nicht heiligsprechen. Es geht mir um die Annäherung an einen für Deutschland neuen Politikertypus. Vergleichbar an Witz und Brillanz ist Kevin Kühnert (SPD), der ehemalige Generalsekretär seiner Partei. Gemeinsam ist Lang und Kühnert, dass sie außerordentlich begabt sind, über Charisma und Empathievermögen verfügen und ungewöhnlich jung in Spitzenämter gelangten. Bei beiden war das Ende ihrer Amtskarriere mit einer persönlichen Krise und einem vorübergehenden Rückzug aus der Öffentlichkeit verbunden.

    Das hat etwas von einem alten religionsgeschichtlichen Muster: Krise, Rückzug, Wüste, Verwandlung und Rückkehr mit neuer Autorität. Kühnert zog sich nach seinem Rücktritt zurück und ging allein auf Wanderschaft. Lang kehrte sichtbar körperlich verändert zurück und sprach offen über ihren Gewichtsverlust. Allzu lange hielt es die künftigen Propheten offenbar nicht in der kommunikativen Wüste.

    Das persönliche Profil dieser neuen Politikerfiguren ist das Spiegelbild der Armseligkeit politischer Kultur und Sprache der Mitte. Das kann man als Gewinn an Offenheit begrüßen. Man kann es aber auch als Warnsignal verstehen. Wenn wir ehemaligen Funktionären mehr glauben als amtierenden Politikern, erleben wir eine Rückverschiebung von der Institution zur Person, vom Amt zum Charisma. Das mag für Ricarda Lang und Kevin Kühnert ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein. Für das politische System ist es keine gute Nachricht.

    Rainer Hank