Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen24. September 2026
Blühende Landschaften?
Wird der Osten dauerhaft zum Mezzogiorno?
»Durch eine gemeinsame Anstrengung wird es uns gelingen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen schon bald wieder in blühende Landschaften zu verwandeln, in denen es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.« Bundeskanzler Helmut Kohl gab dieses Versprechen am 1. Juli 1990, dem Tag, an dem die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen Bundesrepublik und DDR in Kraft trat: Die D-Mark wurde Zahlungsmittel in der DDR, und die soziale Marktwirtschaft wurde auf den Osten übertragen.
Kohls »blühende Landschaften« sind auch 35 Jahre später für viele Ostdeutsche ein leeres Versprechen. Treffender wird die Zukunft kurze Zeit später in von zwei amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlern beschrieben. Nüchtern prognostizieren die beiden – sie heißen Robert Barro und Xavier Sala-i-Martin -, dass allein schon die Halbierung des wirtschaftlichen Rückstands 35 Jahre dauern werde. Eine weitgehende Angleichung brauche Generationen.
Ich habe die skeptische Prognose der beiden Forscher in den neunziger Jahren in Deutschland häufig zitiert und wurde von deutschen Ökonomen belächelt: Was wissen zwei Amerikaner (und ein deutscher Journalist) schon von Deutschland!
Anlässlich der bevorstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt habe ich mir das Papier von Barro (Harvard) und Sala-i-Martin (Columbia) noch einmal angesehen. Was soll ich sagen? Kohl hat Unrecht. Die Amerikaner behalten recht.
Die Ausgangsfrage der Ökonomen lautet: Wann und unter welchen Bedingungen kommt es zur Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen ärmeren und reicheren Regionen eines Landes (bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf)? Prominente Beispiele der Analyse sind Italien nach der Vereinigung des Landes 1861 und die Konvergenz zwischen Süd und Nord in den USA nach dem Ende des Bürgerkriegs 1865. Die Theorie besagt: Wo eine Region weniger Kapital besitzt als eine andere, sollte zusätzliches Kapital besonders hohe Erträge bringen. Der Grund: Wo bereits sehr viel Kapital vorhanden ist, bringt die nächste Investition weniger. Deshalb sollte Kapital in die ärmeren Regionen fließen und dort das Wachstum höher sein. Oder pointierter: Je ärmer eine Region ist, desto schneller wird sie anschließend wachsen.
Es dauert hundert Jahre
Soweit die Theorie, die auch nicht ganz falsch ist, solange man beachtet, dass Konvergenz nicht bedeutet, dass am Ende alle gleich reich sind. Und schon gar nicht, dass der Prozess der Angleichung stets mit gleicher Geschwindigkeit abläuft und in wenigen Jahren abgeschlossen sein würde.
Das nämlich zeigt die Empirie: Bis der gewaltige wirtschaftliche Rückstand der amerikanischen Südstaaten weitgehend abgeschmolzen war, verging ungefähr ein Jahrhundert. Interessant ist, dass Jahr für Jahr ungefähr zwei Prozent des jeweils noch vorhandenen Abstandes zur Angleichung verschwinden, was wiederum bedeutet, dass, je näher man der Konvergenz kommt, umso langsamer der sichtbare Fortschritt wird. Der Ökonom Larry Summers taufte diese Erkenntnis seiner Kollegen das »eiserne Gesetz der Konvergenz«.
Machen wir es für Deutschland konkret: 1991, als die deutsche Einheit gerade vollzogen war, lag das ostdeutsche Prokopfeinkommen etwa halb so hoch wie das westdeutsche. Nach der Zwei-Prozent-Regel des »eisernen Gesetzes« müsste es danach rund 35 Jahre dauern, bis die Hälfte der Ost-West-Lücke geschlossen ist, also bis in unser Jahr 2026. Und genauso ist es gekommen: Je nach Abgrenzung und Datenquelle erreicht der Wohlstand im Osten (ohne Berlin) heute ungefähr 70 bis 75 Prozent des westdeutschen Niveaus. Dumm waren die beiden amerikanischen Ökonomen im Jahr 1991 also nicht. Sie wussten: Konvergenz dauert. Die politischen Erwartungen damals waren falsch, die ökonomische Prognose dagegen war erstaunlich zielgenau.
Die Verzögerung der Angleichung ist kein unerklärbares Mirakel, sondern folgt einer eigenen Wachstumslogik. Straßen, Fabriken oder Wohnhäuser kann man schnell bauen. Unternehmenszentralen, Zuliefernetzwerke und Forschungscluster brauchen dagegen Zeit. Ganz zu schweigen vom Aufbau von Reputation, informellem Wissen oder Managementerfahrung. Eine Fabrik in Leipzig lässt sich in drei Jahren errichten. Ein vernetzter Wirtschaftsraum wie in Stuttgart, Frankfurt oder München – langfristig gewachsene Cluster der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit – braucht viel mehr Zeit. Falls es überhaupt zur Angleichung kommt.
Das »Iron Law« kennt Ausnahmen. Warnendes Beispiel ist Italien. Zwischen 1950 und Mitte der siebziger Jahre holte der Mezzogiorno gegenüber dem Norden kräftig auf. Dann kam der Prozess praktisch zum Erliegen. Das zunächst erfolgreiche Rezept – Infrastruktur bauen, Kapital investieren, große Industriebetriebe ansiedeln – war ausgereizt. Was nun gebraucht worden wäre, ließ sich schwerer mit Milliarden kaufen: innovative Unternehmen, industrielle Netzwerke und eigene Wachstumszentren. Im Vergleich dazu entwickelte sich der Norden wirtschaftlich prima.
Der Westen läuft nicht davon
Ob Ostdeutschland in die Mezzogiorno-Falle wirtschaftlicher Stagnation läuft, weiß man nicht. Man weiß nur, dass der deutsche Westen dem Osten bislang nicht davonläuft, wie es Norditalien gegenüber dem Mezzogiorno tat. Bedenklich stimmt: Der »Einheitsindex« des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stagniert seit fünf Jahren. Große Ansiedlungen wie Tesla in Brandenburg oder die Chipinvestitionen in Dresden ändern bislang wenig am grundlegenden Mangel an Konzernzentralen, Forschung und Innovation. Nennenswerte Innovationen (Start-ups, Patente) lassen zu wünschen übrig.
Kann der Ausgang der kommenden Landtagswahlen an dieser Lage etwas ändern? Die tröstlich-zynische Antwort lautet: Eher nicht. Ein »Gesetz«, dessen Gültigkeit für so unterschiedliche Regionen wie die USA, Italien und sogar Japan nachgewiesen wurde, lässt sich nicht von zwei Landtagswahlen über den Haufen werfen. Eine AfD-Regierung kann (gottlob) nicht mit dem Land Sachsen-Anhalt aus der EU austreten. Sie kann (gottlob) weder das Rentenniveau auf 70 Prozent anheben noch (leider) die Unternehmenssteuern drastisch senken. Gleichermaßen kann »die Linke«, sollte sie in einer Koalition regieren, weder einseitig den Mindestlohn verdoppeln noch die öffentlichen Investitionen verdreifachen.
Indes, weichere Faktoren können durchaus harte ökonomische Wirkung entfalten. Weil dem Osten nicht mehr Straßen und Maschinen fehlen, werden Menschen wichtiger. Ein Bundesland, das signalisiert, Ausländer seien nicht willkommen, wird auf ausländische Investoren und tüchtige Migranten verzichten müssen – zum Nachteil für den Wohlstand der Menschen. Das Mezzogiorno-Szenario würde um einiges realistischer. Ein Land der Biodeutschen wird niemals eine blühende Landschaft werden.
Rainer Hank
