Rainer Hank als Illustration

Hanks Welt

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  • 10. März 2019
    Auf den Teller statt in die Tonne

    »Verpackungen«, Foto: chuttersnap/​unsplash.com

    Dieser Artikel in der FAZ

    Eine kleine Fastenmeditation über die Verschwendung. Und über den Sinn und Unsinn des aufwendig eingeführten Mindesthaltbarkeitsdatums.

    Die Haltbarkeit des Waldfrüchtejoghurts, der vergangene Woche aus der hinteren Ecke unseres Kühlschranks auftauchte, war bereits am 6. Februar abgelaufen, also vor gut einem Monat. Trotz des abschreckenden Datums und mangels vernünftiger Frühstücksalternativen habe ich den Joghurt gegessen.

    Und, was soll ich sagen: Das Milchprodukt schmeckte wunderbar frisch. »Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will die Bürger am Kühlschrank abholen«, habe ich jüngst irgendwo gelesen. Bei mir hat das funktioniert. Wir beide, Frau Klöckner und ich, sind jetzt sozusagen Küchenfreunde.

    Jeder Bürger in Deutschland wirft im Jahr durchschnittlich 55 Kilo Lebensmittel weg, beklagt Frau Klöckner. Mit der Initiative »Zu gut für die Tonne« soll die Menge der weggeworfenen Lebensmittel bis 2030 halbiert werden. »Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht das Verfallsdatum«, sagt Klöckner.

    Ich verstehe bloß nicht, warum die Politik erst aufwendig die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel mit Mindesthaltbarkeitsdaten einführt, um uns hinterher einzuschwören, wir sollten diese Daten bloß nicht allzu ernst nehmen. Immerhin 14 Millionen Euro lässt sich die Politik den Kabinettsbeschluss »Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung« kosten, was, unbeabsichtigt, ein Beispiel für Politikverschwendung ist: Erst gibt es Verordnungen, dann gibt es »Strategien« zur Durchsetzung der Nichtbeachtung von Verordnungen. Wir schlagen vor, derartige Rechtskapriolen im Aktenordner »Kafka-Bürokratie« abzulegen.

    Gewissensbisse

    Warum dürfen wir eigentlich keine Lebensmittel wegwerfen, ein Gebot, das uns seit Kindertagen eingebrannt wird? Schon die Frage klingt frivol. »Angesichts von mehr als 800 Millionen hungernden Menschen besteht Anlass zum Handeln«, sagt Julia Klöckner, meine neue Kühlschrankfreundin, über ihren Aufruf zum Aufessen. Das macht auf der Stelle ein schlechtes Gewissen: Wir leben hier in Luxus und werfen unsere Lebensmittel achtlos weg, wo die Hungernden in den armen Ländern froh wären, sie hätten etwas zu essen, um zu überleben. Es sei genug für alle da, heißt es, wenn wir es nur richtig verteilten. Bereits heute sei es möglich, mit der täglich weltweit produzierten Menge an Kalorien alle Erdenbürger zu versorgen, schreibt die Hilfsorganisation »Brot für die Welt«: Wir müssten die Kalorienträger nur gleichmäßig verteilen.

    Damals in unserem katholischen Kindergarten bei Schwester Lucila (Betonung auf der ersten Silbe) stand am Eingang ein kleines »Negerlein« aus Keramik (oder war es Plastik?). Steckten wir Kinder ein Zehnpfennigstück in den Schlitz, nickte die Figur zum Dank, weswegen es, heute völlig unakzeptabel, »Nicknegerlein« genannt wurde.

    Keine Ahnung, was mit dem Geld von uns Kindern passierte. Hunger und Armut in der Welt hat es jedenfalls erkennbar nicht reduziert. So ist es auch mit meinem Waldfrüchtejoghurt. Wenn ich ihn aufesse, anstatt ihn wegzuwerfen, werde zwar ich, aber kein einziger Hungernder in Afrika satt. Dass wir das trotzdem glauben, hängt mit dem religiös begründeten Respekt vor der Nahrung (»Unser täglich Brot gib uns heute«) zusammen und der Vorstellung, das Welternährungsproblem könne man in der gleichen Weise lösen, wie die Mutter den Sonntagskuchen auf die Familienmitglieder aufteilt.

    Was Wassersparen wirklich bringt

    Wie mit dem Hunger, so ist es auch mit dem Durst. Wir müssten Wasser sparen, damit andernorts die Trockenheit gelindert und die Felder bewässert werden könnten, heißt es. »Können Sie sich vorstellen, wie viele Tonnen Handtücher weltweit jeden Tag umsonst gewaschen werden?«, lese ich in jedem Hotelbadezimmer auf der Welt. »Handtücher auf dem Boden bedeutet: Bitte waschen. Handtücher auf dem Haken bedeutet: Bitte nicht waschen, ich benutze sie weiter.«

    Das wirkt. Es lindert aber allenfalls die Kostenprobleme der Hotellerie. Unseren Umweltproblemen und der globalen Wasserknappheit ist damit jedoch nicht beizukommen. Noch schlimmer: Die Hysterie des Wassersparens, von der vor allem die Deutschen seit Jahren gepackt sind, hat zwar keine Auswirkungen auf den Durst der Menschheit, belastet dafür aber die Kanalisation erheblich, weil die Rinnsale des Abwassers nicht mehr ausreichen, um die Kanäle ausreichend durchzuspülen. Die Wasserwerke müssen dann mit aufbereitetem Trinkwasser nachhelfen.

    Wasser ist genügend da, selbst wenn die Weltbevölkerung sich weiter vermehrt. Und Wasser geht nie verloren, es verändert nur seinen Aggregatzustand, wird ständig von der Natur recycelt.

    Nicht völlig von der Hand zu weisen ist indes, auch wenn das direkte Wassersparen außer der Beruhigung unseres Gewissens keine positiven Effekte hat, dass wir womöglich indirekt Wasser sparen können, wenn wir unsere Ernährung umstellen. Wissenschaftler sprechen vom »Wasserfußabdruck«. Dabei geht es um das in unserer Nahrung gebundene Wasser, das bei der Herstellung von Agrarprodukten aller Art in unterschiedlichem Ausmaß »verbraucht« wird.

    Tausende Liter Wasser für jedes Kilo Kakaobohnen

    Ganz übel ist zum Beispiel die Avocado, die seit Jahren weltweit in großen Mengen auf die Teller kommt. Huhn und Rindfleisch sind es ohnehin. Und auf Platz eins rangiert laut der Plattform »Water Footprint Network« die Schokolade: Hier braucht es 20.000 Liter Wasser, um ein Kilogramm Kakaobohnen zu produzieren.

    Wäre also der Verzicht auf Süßigkeiten und die Substitution von Avocados durch weniger Wasser verzehrende Tomaten in der Fastenzeit ein Beitrag zur Lösung der Welternährungsprobleme? Das könnte man so sehen, käme nicht sofort ein gravierender Einwand in den Sinn: Unsere Verzichtsstrategie würde zwar tatsächlich Wasser sparen und zudem große Begeisterung in den holländischen Tomatenplantagen auslösen. Aber ganz ohne Wasser wächst leider nichts. Und was ist mit den armen Avocado- und Kakaoproduzenten, deren Umsätze durch unser Fastenopfer schrumpfen? Sie würden auf unsere Verzichtsmoral pfeifen.

    Die Moral des Verzichts, der Gleichverteilung in der Familie und unseres katholischen Kindergartens lösen das Welthungerproblem nicht. Durch Schädlinge, Unkrautkonkurrenz und Pflanzenkrankheiten (Pilze) verkommen in der »Dritten Welt« mehr Lebensmittel als in der »Ersten Welt«. Durch fehlende Berieselungsanlagen, mithin durch fehlendes Geld und fehlende Technik, versickert und verdampft viel zu viel kostbares Wasser, das auf Obst- und Gemüseplantagen nötig wäre.

    Den Hunger und den Durst der Menschheit werden wir nur mit technischen Investitionen in die industrielle Landwirtschaft, mit rechtsstaatlichen Institutionen in den armen Ländern und mit einer guten Ausbildung der Bauern besiegen, wie die F.A.Z.-Serie »Race to Feed the World« im vergangenen Jahr eindrucksvoll gezeigt hat. Verzicht und Barmherzigkeit sind wichtig als Ethos in der Familie. Global aber helfen der Menschheit nur Marktwirtschaft und Kapitalismus. Dass auch deren Erfolge einen Preis haben, nämlich Schäden für Klima und Artenvielfalt, ist die bittere Konsequenz. Man kann nicht alles haben, so lautet unser daraus abgeleiteter Spruch für die Fastenzeit 2019.

    Rainer Hank