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  • 24. Juni 2019
    Armut kostet Lebenszeit

    Auf ein langes Leben!

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wer mehr verdient, soll weniger Rente kriegen: Gerecht ist das nicht.

    Es geht uns allen heute so gut wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Das ist die positive Nachricht. Aber einigen geht es besonders gut, anderen weniger gut. Ist das die schlechte Nachricht?

    Seit vielen Jahren steigt die Lebenserwartung in den meisten Ländern der Welt kontinuierlich an. Bedanken können wir uns bei den Medizinern, denen es gelungen ist, Kindersterblichkeit weitgehend zu besiegen und viele Krankheiten auszukurieren, an den die Menschen früher gestorben sind. In den Industriestaaten erhöht sich die Lebenserwartung seit mehr als 150 Jahren alle zehn Jahre um etwa 2,5 Jahre. Wer heute geboren wird, hat – wenn es normal läuft – fünfzehn Jahre mehr vom Leben als ich (Jahrgang 1953) und wird, wenn er/​sie sich gut hält, mühelos hundert Jahre alt. Schon hier könnte sich eine Ungerechtigkeit des Schicksals andeuten, zumindest dann, wenn man der Ansicht ist, mehr Lebensjahre seien ein Wert an sich. Dann sind die Spätgeborenen gegenüber früheren Generationen privilegiert, denn sie kommen dem alten Menschheitstraum der Unsterblichkeit relativ näher.

    Es wird noch ungleicher: Die wachsende Langlebigkeit verbessert sich nicht gleichmäßig. Die Sterbewahrscheinlichkeit (Mortalität) unterscheidet sich sehr stark nach Bildung, Region, Vermögen oder Einkommen. Gebildete leben länger als die Ungebildeten, in Europa hat man mehr vom Leben als in Afrika und die Reichen sterben später als die Armen. Mehr noch: die Unterschiede in der Lebenserwartung innerhalb derselben Kohorte schrumpfen nicht etwa mit dem medizinischen Fortschritt, sie weiten sich. Deutsche Männer der Jahrgänge 1926 bis 1928 werden durchschnittlich 83 Jahre alt – aber nur dann, wenn sie aufs Lebenseinkommen gerechnet zum reichsten Zehntel ihres Geburtsjahrgangs zählen. Die Ärmsten unter ihnen werden dagegen lediglich 79 Jahre alt. Die Differenz der Lebenserwartung beträgt vier Jahre.

    Reiche leben im Schnitt sieben Jahre länger

    Blickt man auf die Jahrgänge 1947 bis 1949 so vergrößert sich der Lebenserwartungsabstand zwischen Arm und Reich auf sieben Jahre. Die Einkommensgewinner werden gut 87 Jahr alt, die Verlierer bringen es nur auf 80 Jahre, haben also am wenigsten vom medizinischen Fortschritt im Vergleich mit ihren Eltern. Armut kostet Lebenszeit.

    Woran das liegt? Darüber ist die Forschung uneins. Auf der Hand liegt: Wer gebildet ist, geht mit seiner Gesundheit pfleglicher um, trinkt und raucht seltener, und verlängert damit statistisch sein Leben. Wer reich ist kann es sich leisten, in einer angenehmeren Umgebung zu leben und Stress zu reduzieren, weil er sein Leben besser im Griff hat. Doch da fangen die Unsicherheiten schon an. Wichtig wäre es zu wissen, wieviel davon Schicksal ist und wieviel Leistung. Dass ärmere Menschen viel rauchen – ist das ihr Lebenslos? Und warum sind die Reichen überhaupt reich geworden? Weil sie ihres Glückes Schmied sind oder weil sie ihr Erbe einigermaßen zusammengehalten haben und der Zufall ihnen auch noch einen Lottogewinn beschert hat?

    Kurzum: wir tappen ein wenig im Dunkel. Ganz und gar nicht im Dunkeln tappen indessen die Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die vor kurzem errechnet haben, wie sich die wachsende Kluft zwischen der Lebenszeit auf die Rentenerwartungen auswirkt. Generell gilt im deutschen Rentensystem: Wer als Berufstätiger mehr verdient hat, soll später auch eine höhere Rente erhalten. Die monatlichen Rentenauszahlungen errechnen sich proportional zu den eingezahlten Beiträgen. Das nennt man Äquivalenzprinzip. Wenn die Reichen immer länger leben bedeutet dies, dass sie länger Rente beziehen, also im Verhältnis zu ihren gezahlten Beiträgen mehr Rentenauszahlungen erhalten als die Armen. Für einen relativ Armen des Jahrgangs 1949 verzinst sich sein Rentenbeitrag real (also abzüglich der Inflation) um 0,7 Prozent. Der Reiche erzielt eine doppelt so hohe Rendite von 1,4 Prozent. Er hat also nicht nur ein längeres Leben, sondern auch mehr von der staatlichen Umverteilung.

    Das DIW macht Politik

    »Skandal!«, ruft das DIW und sieht in der Ungleichbehandlung eine Verletzung des Äquivalenzprinzips, also eine gravierende Gerechtigkeitslücke zu Lasten ärmerer Schichten. Die DIW-Forscher verbinden damit eine politische Absicht: Der Verstoß gegen das Äquivalenzprinzip spreche für eine Aufwertung niedriger Rentenansprüche. Wer weniger verdient und deshalb statistisch früher stirbt, soll mehr Rente erhalten als es sich nach der Rentenformel (und dem Äquivalenzprinzip) errechnet. Andere Ökonomen wollen gleich die die ganze Rentenformel ändern und generell den Ärmeren höhere, den Reicheren geringere Auszahlungen zubilligen. Für das DIW wäre das ein gerechter Ausgleich der Benachteiligung ärmerer Rentner.

    Das DIW leistet damit Schützenhilfe für Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der mit großer Dickköpfigkeit das Ziel verfolgt, langjährigen Beitragszahlern eine Rente oberhalb der Grundsicherung zu garantieren, die er »Respekt-Rente« nennt und für die es keine Bedürftigkeitsprüfung geben soll, also nicht nachgeschaut werden darf, ob der Rentner ein entsprechendes Vermögen hat und die höhere Rente gar nicht verdient. Heils Argument gegen die Bedürftigkeitsprüfung lautet, so etwas sei in der Rente systemfremd. Die Schützenhilfe des DIW für Heil bringt die Legitimation: Mehr Geld für ärmere Rentner ist nichts anders als eine dem Äquivalenzprinzip geschuldete Kompensation für das längere Leben (und die höhere Rente) der reichen Rentner. Also alles systemkonform. Chapeau, liebe DIW-Leute! Erst kommt das politische Ziel, die ökonomische Begründung wird nachgeliefert.

    Doch wie überzeugend ist die ökonomische Begründung? Ich finde sie schwach. Gewiss, es gibt keine amtliche Definition des Äquivalenzprinzips. Doch aus seiner Logik ergibt sich zwingend, dass es sich strikt auf das Verhältnis der monatlichen Rente zum früheren Monats-Einkommen beziehen darf. Dies muss äquivalent sein. Bezieht man es auf die Lebenserwartung, kommt man in Teufels Küche: Im Sinne der DIW-Forscher müssten nämlich starke Raucher eine höhere Rente bekommen, denn sie sterben mit tödlicher Sicherheit früher als Nichtraucher – eine schreiende Verletzung des Äquivalenzprinzips. Frauen dagegen würden gemäß dieser Logik leider einen Abschlag auf ihre Alterssicherung in Kauf nehmen müssen, denn sie haben ohne eigenes Verdienst eine höhere Lebenserwartung als Männer, die – allen Gleichheitshoffnungen zum Trotz – nicht verschwinden will. Doch Strafabschläge für Raucher und Frauen sind natürlich politisch unkorrekt. Mit den Reichen kann man es dagegen machen.

    Die Rente ist eben kein Sparschwein, aus dem jeder später proportionale Auszahlungen erhält. Die Rente ist eine Versicherung gegen das Risiko, sehr alt zu werden. Rein finanziell gesehen käme ein früher Tod mich (und die Gesellschaft) billiger. Gegen die verständliche Angst, sich ein langes Leben nicht leisten können, haben die Väter der gesetzlichen Rente hellsichtig eine staatliche Versicherung gegründet. Sie transformiert die Unwägbarkeiten der Lebensdauer in mathematisch kalkulierbare Risiken. Man sollte daran nicht mit windigen Gerechtigkeits- und Äquivalenzbegriffen herumfingern.

    Rainer Hank