Hank beißt in den Hot-Dog
‹ alle Texte anzeigen

August 2019
Gedanken zu Johann Sebastian Bach

BWV 2 in Speicher/​Appenzell

»Ach Gott vom Himmel sieh darein!«

Eine Reflexion zur Bach Kantate vom 2. Sonntag nach Trinitatis BWV 2

Die heutige Bachkantate «Ach Gott, vom Himmel sieh darein» hat mich in einen Strudel widersprüchlicher Gefühle versetzt. Als Katholik empört mich die Kantate, nachdem ich gelesen habe, dass der zugrunde liegende reformatorische Choral Luthers in Lübeck im Jahr 1529 als eine Art protestantischer «Flashmob» am Ende des katholischen Gottesdienstes eingesetzt wurde, um die Katholiken niederzusingen. Die Sache hat funktioniert, was mich dann auch ein bisschen fasziniert, weil sich hier etwas über die Macht der Musik zeigt. Als Freund eines kritischen Rationalismus hat mich die Kantate aufgeregt wegen ihrer Verdammung der Vernunft als «töricht», was schwer zu akzeptieren ist. Als Journalist indessen bin ich überrascht von der hellsichtigen Wahrnehmung der zerstörerischen Wirkung einer Welt der «Fake News». Es ist eine Welt, in der man sich auf nichts und niemand verlassen kann.

Ich gebe Ihnen in den kommenden fünfzehn Minuten Impressionen dieser meiner Erregung. Dabei will ich mich konzentrieren auf das Tenorrezitativ «Sie lehren eitel falsche List».

I.

Ich beginne mit den «Fake News». Dreh- und Angelpunkt für die Kantate ist Psalm 12, in dem es – in der ökumenischen Einheitsübersetzung – heisst: «Unter den Menschen gibt es keine Treue mehr. /​ Sie lügen einander an, einer den anderen, /​ mit falscher Zunge reden sie.» Unser Tenor singt entsprechend: «Sie lehren eitel falsche List.»

Ist das nicht unsere Erfahrung im beginnenden 21. Jahrhundert, wo unklar geworden ist, was Wahrheit und was Lüge ist?[1] Ehemals selbstverständliches Vertrauen schwindet. Da vermag uns unser Tenorrezitativ nur vordergründig zu beruhigen, wenn er daran erinnert, dass alles schon einmal dagewesen sei. Natürlich: Seit Menschen sprechen können, lügen sie sich an. Wir täuschen einander, gehen anderen auf den Leim und geben vor zu sein, was wir nicht sind. Menschen haben seit jeher Gerüchte gestreut, Intrigen gesponnen und einander in die Irre geleitet. Fürstenhöfe unterhielten während der italienischen Renaissance spezielle Kanzleien, die Falschmeldungen erfanden und sie im Volk verbreiteten. Das weiss der Psalmist, das weiss der Dichter unserer Kantate: «Unter den Menschen gibt es keine Treue mehr. /​ Sie lügen einander an, einer den anderen, /​ mit falscher Zunge reden sie.»

Doch die Maschinerie der Täuschung erfährt in unserer Gegenwart eine gefährliche Zuspitzung. Ich zitiere Zachary Wolf. Der Mann ist Digitaldirektor des Fernsehsenders CNN. Auf die Frage, warum es so schwierig sei, über Donald Trump als Journalist zu berichten, antwortet er: «Weil wir nie wissen, was er meint, wenn er Worte sagt.» Die Produzenten von Fake News, so könnte man mit dem unbekannten Dichter der Kantate sagen, gleichen Totengräbern, die, obzwar von aussen schön, nur Stank und Moder in sich fassen und lauter Unflat sehen lassen. Der Zusammenhang von Sagen und Meinen ist destruiert, «weil wir nie wissen, was er meint, wenn er Worte sagt».

Lassen Sie mich an einem prominent gewordenen Beispiel, der sogenannten «Pizzagate-Verschwörung», deutlich machen, woran ich denke: Einer im amerikanischen Wahlkampf 2016 verbreiteten Legende nach waren Mitglieder der Demokratischen Partei in Amerika und die Besitzer einer Pizzeria in Washington in die Geschäfte eines Kinderpornorings involviert. Diese komplett erfundene Geschichte wurde von Verschwörungstheoretikern auf ihren Internetseiten geteilt, darunter auch auffallend vielen russischen Webseiten. Die Geschichte erregte grosses Aufsehen, weil der Fall einen mit einem Sturmgewehr bewaffneten Zivilisten auf den Plan rief, der in der Pizzeria auftauchte, um dort auf eigene Faust als eine Art von Sheriff polizeiliche Ermittlungen anzustellen. Die Erfindung – eine Fiktion – hat reale Folgen!

Dass Verschwörungen und Verleumdungen aufgrund von Fake News heute so leichtes Spiel haben, beruht auf zwei Umständen: 1. Nachrichten – ob wahr oder unwahr – in die Welt zu setzen, ist in Zeiten des Internets so einfach wie noch nie. Wir Journalisten haben unser professionell bewährtes Monopol auf die Herstellung von «wahren» Nachrichten auf dramatische Weise verloren. 2. In Echokammern des Internets haben es Verschwörungstheorien besonders leicht, Akzeptanz zu finden. Das liegt vor allem an der Dynamik sogenannter Informations- und Konformitätskaskaden. Statt kritischer Prüfung geht es nur noch um Selbstbestätigung und Selbstbestärkung. Das frei Erfundene erhält auf diese kaskadenartige Weise hohe Plausibilität bei denen, die Interesse haben, daran zu glauben.

Als Journalist möchte ich verzweifeln, weil ich immer darauf vertraut habe, dass das Ethos unseres Berufes nicht zuletzt auf der Einhaltung der Regeln des Handwerks beruht. Aber ich komme zugleich nicht darum herum, zur Kenntnis zu nehmen, dass es auch eine Nähe zwischen der Logik der Massenmedien und der Logik des Populismus gibt: Dramatisierung, Emotionalisierung, Simplifizierung und Personalisierung sind womöglich in übertriebenem Masse zu Darstellungsmitteln des Journalismus geworden, eingesetzt, um in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Aufmerksamkeit für unsere Texte zu erhalten. Dramatisierung, Emotionalisierung, Simplifizierung und Personalisierung sind aber eben auch genuine Artikulationsformen des Populismus. Aufmerksamkeitsregeln der Medien und populistische Logik überschneiden sich. Die Nähe fällt auf, die Ähnlichkeit ist irritierend[2].

Haben also auch wir Journalisten uns – um Karl Popper zu zitieren – vom «Ruf der Horde» verführen lassen?[3] Wir, die wir nur allzu gerne über Scharlatane der Fake News von oben herab urteilen, wären dann selbst Teil des Problems und nicht (nur) Agenten der Lösung. Die Kritiker der Elche sind eben häufig selber welche!

II.

Kommen wir zur Vernunft.

Welche Mittel haben wir gegen eine Welt der «Fake News», in der «einer den anderen anlügt und es unter den Menschen keine Treue mehr gibt»? Für uns Kinder der europäischen Aufklärung ist die Antwort eindeutig: Wir müssen emphatisch am Begriff der Wahrheit festhalten. Natürlich kann man die Welt so oder anders sehen, je nach Standpunkt und Weltanschauung. Ungehörig aber ist es, den Anspruch aufzugeben, mit anderen in Wettbewerb um eine angemessene Weltanschauung treten zu wollen. Skandalös ist es, den Anspruch auf Wahrheit zu suspendieren und uns in den Echokammern der Lüge einzurichten.

Es ist die Vernunft, die in der abendländischen Tradition der Herstellung von Wahrheit zu dienen hat. Vernunft, so nennen wir das Vermögen zu erkennen – unter Zuhilfenahme von Argumenten und mit Bezug auf Gründe. Und mit der Bereitschaft, uns von der Empirie korrigieren zu lassen. «Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, Sir?», ist eines meiner Lieblingszitate von John Maynard Keynes. Das ist Gegengift gegen alle Konformitätskaskaden. Man kann es auch mit dem gerade 90 Jahre alt gewordenen Philosophen Jürgen Habermas so formulieren: Festhalten am Anspruch auf Wahrheit heisst, sich dem «zwanglosen Zwang des besseren, weil einleuchtenden Arguments» zu beugen[4]. Dem zwanglosen Zwang! Dieser Zwang, so scheint mir, ist der entscheidende Punkt, dem sich jene verweigern, die sich vom «Ruf der Horde» haben verführen lassen. Sie nämlich lehren «eitel falsche List».

Warum ich auf der Vernunft hier so herumhacke, liegt auf der Hand. Der Dichter des Kantatenlibrettos in der Tradition von Luthers Vernunftkritik ist komplett anderer Ansicht als die europäische Aufklärung. Für ihn ist Unterwerfung unter den Zwang der Wahrheit stiftenden Vernunft gerade nicht Rettung aus der Welt der Lüge. Ganz im Gegenteil hält der Kantatendichter die Vernunft selbst für die Ursache der spaltenden Lüge. Wer die «törichte Vernunft» zum Kompass wählt, wer nur dem eigenen «Witz», will heissen, seinem Verstand folgt, wird nie zur Wahrheit gelangen, sondern nur Stank und Moder, lauter Unflat hinterlassen. «Der eine wählet dies, der andere das»– in diese Unordnung der Beliebigkeit hat nach Luther die Vernunft uns geführt. Wie könnte sie uns daraus erlösen?

Über Luthers Vernunftbegriff gibt es eine schier uferlose theologische Literatur, mit der ich Sie hier nicht behelligen will[5]. Um es salopp zusammenzufassen: Luther hält ganz und gar nichts von der Vernunft. Er nennt sie bekanntlich «die höchste Hur, die der Teufel hat», auch «Frau Hulda» und ironisch «Herrin Vernunft und Metze». Luther: «Aber des Teufels Braut ratio, die schöne Metze, (…) sie ist die höchste Hure, die der Teufel hat. Die anderen groben Sünden sieht man, aber die Vernunft kann niemand richten.» Luther braucht diesen radikal negativen Vernunftbegriff, damit auf der anderen Seite die «heilwertige Gnade» umso heller leuchten kann. Die Vernunft kennt nur «Abgötter», weil Gott selbst sich nicht durch Vernunft, sondern nur durch Gnade den Menschen offenbart. Die Verdammung der Vernunft ist der Preis der Rechtfertigungslehre.

Ich gestehe: An dieser Stelle bin ich froh, katholisch zu sein, weil die katholische Tradition (von Thomas von Aquin bis zu Karl Rahner) der (uns vom Schöpfer geschenkten) Vernunft mehr an Wahrheitserkenntnis zutraut, als der Dichter unseres Kantatenlibrettos es tut. Ich gestehe ebenfalls und wiederhole es, dass ich glaube, dass in der heutigen Welt nur ein emphatisches Bekenntnis zum kritischen Rationalismus gegen den lügnerischen Tribalismus, das Stammesdenken des «Rufs der Horde» hilft. Mit einer Verteufelung der Vernunft kommen wir nicht weiter. Das haben die viel gescholtenen Kulturprotestanten im 19. Jahrhundert offenbar gespürt, die im Programmheft zitiert werden: «So etwas kann nur noch Mormonen und Pietisten behagen» – so der deutsche Cellist und Chorleiter Ludwig Bischoff im Jahr 1852.

Kurzum und grob zusammengefasst: Unsere Kantate beschreibt treffend die zersetzende Kraft einer Welt der Lüge, in der der Konnex zwischen Sagen und Meinen aufgehoben ist. Dem stimme ich zu. Aber ich vermag dem Dichter ganz und gar nicht zu folgen, wenn er gut lutherisch der törichten Vernunft die Verantwortung für diese desaströse Lage in die Schuhe schiebt. Vielmehr gälte es, in der Vernunft die Rettung zu erkennen. Kritischer Rationalismus als Weg zur Wahrheit, so heisst die Parole.

III.

Damit könnte ich enden. Ich will aber eine relativierende Irritation als Coda dann doch nicht verschweigen.

Ist es nicht auch das Problem unserer Zeit, dass der «zwanglose Zwang zur Verständigung» (Habermas), die Verpflichtung auf den rationalen Diskurs gerade fragil und brüchig geworden ist? Ist der «Ruf der Horde» nicht auch eine Protestbewegung gegen die arrogante Vernünftigkeit der Eliten – also von uns, die wir hier sitzen –, die wir unsererseits einen Zwang ausüben, nämlich den Zwang der kommunikativen Vernunft, den wir als alternativlos präsentieren und dem sich alle unterwerfen müssen? Wer es nicht tut, hat aus Sicht der Eliten das Recht auf Zugehörigkeit verwirkt. Wenn der Türsteher der Vernunft zum Diskurs nur zulässt, wer der Vernunft sich unterwirft, dann wird der Diskurs protektionistisch. Das kann man nur «töricht» nennen.

Zwang bleibt Zwang, auch wenn es der Zwang der Vernunft ist. Auf diesen Einwand gibt Jürgen Habermas selbst (wenngleich in anderem Kontext) eine an Sören Kierkegaard angelehnte überraschende Antwort, die merkwürdig an unser Tenorrezitativ erinnert: «Das Individuum ist gerechtfertigt (…) wenn und weil es sich von einer ‹höheren Macht› geliebt weiss. Wenn es sich leidenschaftlich dem Glauben (und also nicht der Vernunft, R.H.) hingibt, ja seinen ‹Verstand verabschiedet› und weiss, dass sein in allem Tun ohnehin verfehltes ‹Selbstsein› unverfüglich geborgen ist.»[6]

Sollen wir also aus der Verzweiflung darüber, dass die Vernunft heute ihre Mission nicht mehr gut erfüllt, dann doch – quasi als die bessere Alternative – auf den Glauben hoffen? Glaube wäre, so gesehen, immerhin eine «Option» in Zeiten der Lüge und der schwindenden Überzeugungskraft der Vernunft[7]. So jedenfalls klingt das Bittgebet der Altarie in unserer Kantate, die sich an das Tenorrezitativ anschliesst: «Tilg, oh Gott, die Lehren, /​ so dein Wort verkehren!»

Hören wir einfach die Kantate «Ach Gott, vom Himmel sieh darein» ein zweites Mal. Die Einführung zur Kantate, den Kantatentext und – demächst auch – den Mitschnitt der Kantate gibt es auf der Homepage der Bach-Stiftung St. Gallen.

[1] Für wertvolle Hinweise (inbesonder zu Luthers Verununftbegriff) danke ich Armin Wildfeuer, Köln.
Meine Analyse der «Fake News» schliesst sich dem vorzüglichen Essay von Romy Jaster und David Lanius an: «Die Wahrheit schafft sich ab. Wie Fake News Politik machen.» Reclam: Stuttgart, 2019.

[2] In Anlehnung an Niklas Luhmann («Die Realität der Massenmedien», Wiesbaden, 2004) wird der Gedanke der Nähe zwischen Populismus und Medien von der Politikwissenschaftlerin Paula Diehl in mehreren Arbeiten entwickelt. Vgl. Paula Diehl: «Why Do Right-Wing Populists Find So Much Appeal in Mass Media?» In: Dahrendorf-Forum Hertie School of Governance, Berlin, 20. Oktober 2017.

[3] Unter dem popperianischen Titel «Der Ruf der Horde» hat der peruanische Dichter Mario Vargas Llosa gerade seine «intellektuelle Biographie» vorgelegt (Suhrkamp-Verlag: Frankfurt, 2019).

[4] Vgl. dazu u.a. Charles Larmore: Der Zwang des besseren Arguments. In: Lutz Wingert/​Klaus Günther (Hrsg.): Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit. Festschrift für Jürgen Habermas. Suhrkamp-Verlag: Frankfurt, 2001, S. 106–125.

[5] Ich nenne hier aus der Sekundärliteratur nur: Udo Kern: Zum Verhältnis von Glaube und Vernunft bei Martin Luther. In: Rainer Rausch (Hrsg.): Glaube und Vernunft. Wie vernünftig ist die Vernunft? Hannover, 2014, S. 55/​71. Karl-Heinz zur Mühlen: Der Begriff ratio im Werk Martin Luthers. In: ders.: Reformatorisches Profil. Studien zum Werk Luthers. Göttingen, 1995, S. 154–173. Reinhold Rieger (Hrsg.): Martin Luthers theologische Grundbegriffe. Von «Abendmahl» bis «Zweifel». Tübingen, 2017 (Vernunft: S. 308–311). Während die theologische Literatur zu Luthers Vernunftbegriff uferlos ist, ignorieren die Philosophen das Thema nahezu komplett.

[6] Ich entnehme diese Geschichte einem Artikel des Tübinger Philosophen Manfred Frank zu Habermas› 90. Geburtstag in der «Zeit» vom 13. Juni 2019. Habermas antwortet auf Manfred Franks Einwand, die Vernunft sei prinzipiell instabil, mit dem hier zitierten Verweis auf Sören Kierkegaard und den Glauben an die Liebe einer «höheren Macht», nicht ohne freilich anschliessend zu beteuern, dass er persönlich sich diesem Ausweg Kierkegaards nicht anschliessen könne.

[7] Hans Joas: Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums. Verlag Herder: Freiburg, 2012

Rainer Hank