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Mai 2019
Die Linie

Dorothée Aschoff: Urformen, neu

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Von der Utopie der Grenzenlosigkeit

I.

Herr Stengel, der Zeichenlehrer, aus dessen Westentasche stets ein halbes Dutzend wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, (…) war ein witziger Kopf, der philosophische Unterscheidungen liebte, wie etwa: »Du sollst ’ne Linie machen, mein gutes Kind, und was machst Du? Du machst ’nen Strich!« Er sagte: »Line« statt »Linie«.

Marcellus Stengel, er gibt neben Zeichnen auch Musik, hat dadurch Karriere in der Weltliteratur gemacht, dass er Thomas und Christian Buddenbrook unterrichtet und vor allem Christian ihn wunderbar imitieren kann.

Stengels Tick, die »Line« gibt uns zugleich das verbindende Stichwort für unsere heutige Matinee aus Anlass von Dorothée Aschoffs Ausstellung »Übergrenzend«. Denn die Linie findet sich in vielen Arbeiten Aschoffs wieder, nicht nur in ihren Kohlezeichnungen. Die Linie, »die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten«, wie wir in Mathematik gelernt haben, erschließt Fläche und Raum. Wodurch? Durch Begrenzung. Dorothée Aschoff ist also eine Künstlerin, die durch Begrenzung Räume eröffnet. Zugleich vertritt sie in dieser Ausstellung die starke These der Grenzüberschreitung, vielleicht sogar der Entgrenzung. Sie wolle »über Grenzen gehen«, im Sinne von »überwindend«, gar »aufhebend«, wie sie mir in mehreren Mails (vom 4. April und 19. Mai) geschrieben hat. »Über Grenzen gehen« habe sich in ihren Bildern und Zeichnungen ereignet: »Für mich werden Grenzen durch Kunst sichtbar gemacht und aufgehoben.« Wie passt das zusammen? Begrenzung und Übergrenzung? Dieser Frage will ich in meiner kleinen Reflexion nachgehen.

II.

Beginnen wir mit Rom und kommen wir noch einmal zurück auf die Linie. Eine Linie stellt nämlich auch der Limes dar, in dessen unmittelbarer Nähe wir uns hier befinden. Qua Definitionem handelt es sich um »zahllose an einer Linie aufgestellte Wehranlagen«. Über seine Bedeutung gibt es reiche und spannende Forschungen. Als überholt gilt die Vorstellung eines »Bollwerks gegen die Barbaren«, also quasi ein Eiserner Vorhang, den die Römer gegen die Germanen errichtet hätten. Man muss sich den Limes eher wie eine »Membran« vorstellen, welche die Osmose, den geordneten Austausch zwischen Waren und Dienstleistungen ermöglicht. Der Limes wäre so gesehen eine wirtschafts- und bevölkerungspolitische Steuerungs- und Kontrolllinie, die den Anfang des römischen Rechtsgebietes markiert und abgrenzt von allem, was nicht unter römische Jurisdiktion fällt. Der Limes markiert zugleich auch ein Wohlstandsgefälle: nicht jedermann hat Zugang in das Römische Reich. Die Römer hatten strenge Einwanderungsregeln. Vielen gelang der Zugang nur als Sklaven, was übrigens gar nicht das Schlechteste war: Man konnte als Sklave eine Karriere machen und es zu ordentlichem Wohlstand bringen.

Der Kontakt mit Rom auf vielen Ebenen – Handel Technologietransfer, militärische Hilfsdienste – förderte den Wandel der germanischen Welt: Reichtum hielt Einzug. Die Grenze diente der politischen Konsolidierung. In den ersten Jahrhunderten nach Christus sehen wir hier ein frühes Beispiel der Globalisierung. Eine schwach entwickelte Subsistenzwirtschaft sah sich konfrontiert mit einer hochentwickelten Ökonomie und effizienten staatlichen Strukturen. Aus diesem Zusammenspiel zwischen dem römischen Reich und der germanischen Bevölkerung entstand das neue Germanien der spätrömischen Zeit. Beide Seiten hatten von der Grenze ihren Nutzen .

III.

Warum gibt es aber überhaupt Grenzen? Unter den Schriften der römischen Feldmesser, denen das Abstecken der Feldgrenzen oblag, findet sich ein Brief der etruskischen Seherin Vegoia, in dem sie berichtet, Jupiter habe einst dem Landhunger der Menschen ein Ende setzen wollen und daher die Erde durch Grenzsteine markieren lassen »im Bewusstsein der allgemeinen menschlichen Gier nach Land wollte er alles durch Grenzen abgesteckt wissen« .

Grenzen, so könnte man sagen, domestizieren und zivilisieren die menschliche Hybris. Grenzen haben so gesehen eine humane Funktion. Selbst die erfolgreiche Weltmacht der Römer war an ihre Grenzen gestoßen, wenn sie seit dem ersten Jahrhundert nach Christus den Limes als Line zieht. Rom war eben keine Weltmacht, musste anerkennen, dass es ein Diesseits und Jenseits der Grenze gibt. Der Althistoriker Alexander Demandt schreibt: »Grenzen bezeichnen Linien, an denen Bewegungen zur Ruhe gekommen sind, wo Kraft und Widerstand ihren Ausgleich gefunden haben.« An der Grenze bildet sich ein Gleichgewicht der Kräfte – eben durch die Osmose des Austauschs, von der ich schon sprach.
Dieser positiv funktionalen Deutung der Grenze stellten Vergil und Ovid eine mythologisch-historische Interpretation an die Seite. Im Goldenen Zeitalter Saturns sei die Erde wie Licht und Luft Gemeingut gewesen, erst im eisernen Zeitalter Jupiters sei das Land vermessen worden. Damals verbot das göttliche Gesetz, Grenzen abzustecken, nun untersagt es, die Grenzen zu verrücken. Entsprechend der religiösen Ursprungslegende wurde die Grenze geheiligt und als Grenzgott Terminus gefeiert. So sehr also der Traum von einem goldenen Zeitalter auch der Traum von der Grenzenlosigkeit ist, so sehr waren doch Vergil und Ovid Realisten, die wussten, dass Grenzen den Frieden sichern und der Welt ihre Form geben. »Pax«, das Wort für Friede, soll sich von den gesetzten Marken eines abgegrenzten Gebiets ableiten, in dem Friedenspflicht galt. Die Sache ist paradox: »Um Streit zu vermeiden, zieht man Grenzen. Und nachdem sie gezogen sind, streitet man sich um nichts lieber als um Grenzen.« (Demandt).

Vielleicht sollte man an dieser Stelle dem »Geodäten«, dem »Landvermesser«, ein kleines Denkmal setzen, ist doch sein Beruf die »Grenzfeststellung«, also die Arbeit an der Humanisierung des Raums. Aber das Denkmal hat natürlich längst schon Franz Kafka gesetzt: Im »Schloss«, 1926 veröffentlicht, stellt die Hauptfigur K. sich vor als Landvermesser: »lassen Sie es sich gesagt sein, dass ich der Landvermesser bin, den der Graf hat kommen lassen. Meine Gehilfen mit den Geräten kommen morgen im Wagen nach.« Ob das stimmt? K. wird im Laufe der Handlung jedenfalls nicht als Landvermesser tätig – denn vermessen wird hier nichts, im Gegenteil, jede scheinbar genaue Gewissheit, alle Grenzen, auch über die Identität der Hauptfigur, verschwimmen. Noch nicht einmal auf den Fachmann für die exakte Grenze ist am Ende Verlass.

IV.

Machen wir einen Sprung vom ersten in das 21. Jahrhundert. Es gibt immer noch Grenzen und es gibt immer noch den utopischen Traum von der Grenzenlosigkeit. Der Traum von der Grenzenlosigkeit in Europa trägt den Namen des kleinen luxemburgischen Ortes Schengen. In Schengen unterschrieben im Jahr 1985 Bundeskanzler Helmut Kohl, der französische Präsident Francois Mitterand und ihre Kollegen aus den Beneluxländern ein Abkommen, das den tatsächlichen Abbau aller Grenzkontrollen in Europa einleitete. Sie gaben auf, was bis dahinein den Wesenskern von Staatlichkeit bildete: die Kontrolle darüber, wer in ein Staatsgebiet einreist und wer ausreist. Schlagbäume, Zäune, uniformierte und bewaffnete Grenzbeamte waren nicht nur dazu da, die Einhaltung der Einreisevorschriften zu gewährleisten und Zölle zu kassieren. Ihr pures Dasein machte deutlich: Hier, an diesem modernen Limes, beginnt nicht irgendein Niemandsland. Hier ist ein Staat!

Doch wer die Binnengrenzen schleift, muss die Außengrenzen umso härter überwachen. Dafür steht der Name der irischen Stadt Dublin. Das wichtigste Element des Dublin-Abkommens von 1990 war das sogenannte One-State-Only-Prinzip. Nur in einem Staat sollten Schutzsuchende von außerhalb den Anspruch auf ein Asylverfahren haben. Und dies sollte regelmäßig jener Staat sein, in dem sie erstmals den Boden des grenzenlosen Schengen-Raumes in Mitteleuropa betreten haben. Damit sollte zweierlei ausgeschlossen werden: Ein Asyl-Shopping und Asyl-Hopping. Die Möglichkeit für Fremde, sich dort niederzulassen, wo sie die attraktivsten Bedingungen vorfanden, sollte versperrt werden. Und man wollte zweitens verhindern, dass Schutzsuchende hilflos durch Europa irrten und sich kein Land für sie zuständig fühlte – »Refugees in Orbit«.

Wir sehen: Dublin ist das Dementi von Schengen. Fremde sind gemäß Dublin auf jene Grenzen begrenzt, die Schengen gerade öffnet. Dublin stellt sie implizit wieder her. Und noch einmal: Wo die Binnengrenzen fallen, müssen die Außengrenzen umso härter bewacht werden. Daraus könnte man das eherne Grenzgesetz ableiten, das da heißt: Jede Entgrenzung zieht neue Grenzen.

Aus der Dialektik von Schengen und Dublin lässt sich der bis heute währende Streit der deutschen Flüchtlingskrise erklären. Im Kern dreht er sich darum: Die einen sagen, Angela Merkel habe 2015 die Grenzen für den unkontrollierten Zustrom von einer Million Flüchtlingen geöffnet. »Kontrollverlust« und »Staatsversagen« sind die daraus folgenden – je nach Standpunkt analytischen oder polemischen – Begriffe, die die Kapitulation des Rechtsstaats zum Inhalt haben. Die anderen sagen, Merkel habe die Grenzen nicht geöffnet. Denn die Grenzen seien ja – Schengen! – offen gewesen. Irgendwie haben beide sich bekämpfenden Gruppen recht, weil zwischen Schengen und Dublin eine Hiat, ein Widerspruch, klafft. Die Grenzen sind – Schengen – geöffnet, aber sie gelten – Dublin – für Fremde von außen weiter, die nach Geist und Buchstaben des Abkommens nie von den Ankunftsstaaten unregistriert in andere europäische Staaten hätten durchgeschleust werden dürfen. Das allerdings lenkt den Blick auf die Ungerechtigkeit, dass unter dem Regime von Schengen und Dublin Staaten mit Außengrenzen eine schwer zumutbare Last zu tragen haben, der sie sich mit geschlossenen Augen entledigt haben.

Worauf es mir hier ankommt: Die Utopie der Grenzenlosigkeit ist eine Illusion. Sie ist sogar gefährlich, weil sich die Probleme der Grenze mit neuer Wucht gerade für jene einstellen, die doch meinten, sie hätten sich ihrer entledigt. Merke: Wer die Grenze leugnet, wird erst recht mit Begrenztheit – auch seiner eigenen – konfrontiert. Es war schon weise, dass Vergil und Ovid dem goldenen Zeitalter Saturns das realistische eiserne Zeitalter Jupiters haben folgen lassen.

V.

Erlauben Sie mir einen kleinen Exkurs und einen kurzen Rückblick in das späte 18. Jahrhundert: Im Jahr 1792 verfasst der junge Wilhelm von Humboldt eine Schrift, die es in sich hat. Sie trägt den einigermaßen gedrechselten Titel »Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen.« Sein Kern: Der Staat muss sich strikt begrenzen, um die Freiheit seiner Bürger nicht zu begrenzen. Er »gehe keinen Schritt weiter als der Sicherstellung der Bürger gegen sie selbst und gegen auswärtige Feinde nötig ist, zu keinem anderen Zweck beschränke er ihre Freiheit.« Ein Staat, der seine Grenzen nicht kennt und meint, um der Beförderung des Glückes seiner Bürger willen in ihr Leben eingreifen zu müssen, schadet ihnen in Wirklichkeit, weil er ihre Freiheit begrenzt. Der Staat, wenn er Wohlfahrtsstaat wird, überschreitet seine Grenzen und macht seine Bürger abhängig und unmündig. Kurzum: Humboldt zieht die Grenzen des Staates eng, sehr viel enger als wir das heute tun, aber er weiß doch auch, dass die Freiheit des Menschen Grenzen nötig hat, ohne welche diese Freiheit sich gar nicht entfalten könnte.

Zehn Jahre vor Humboldt, im Jahr 1781, veröffentlicht Johann Wolfgang von Goethe ein Gedicht unter dem Titel »Gränzen der Menschheit.« Die zweite Strophe geht so: »Denn mit Göttern/​ Soll sich nicht messen/​Irgend ein Mensch.« Die Begründung: »Hebt er sich aufwärts,/​Und berührt/​Mit dem Scheitel die Sterne,/​Nirgends haften dann/​Die unsichern Sohlen,/​Und mit ihm spielen/​Wolken und Winde.« Kurzum und ein wenig flapsig: Ein Mensch, der seine Grenzen nicht kennt, verliert die Bodenhaftung und wird dem Spiel von Wolken und Winden ausgeliefert.

Goethe und Humboldt, beiden geht es um Bescheidung, der Bescheidung des Staates gegen seine Bürger und die Bescheidung der Menschen, die ihre eigenen Grenzen gegenüber den Göttern (dem Transzendente, Allmächtigen) anerkennen, nicht als Ausdruck ihrer Schwäche, sondern ihrer Größe, würde Goethe sagen.

VI.

Ich fasse zusammen und bin damit auch schon beim letzten Kapitel angelangt: Die Utopie der Grenzenlosigkeit ist ein Illusion. Sie ist Hybris, muss die Bodenhaftung verlieren  – und wird doch ihr Ziel nie erreichen. Hinter einer Grenze, die eingerissen ist, tut sich gleich die nächste auf. Entgrenzung schafft neue Grenzen.

Positiv formuliert: Grenzen strukturieren den Raum und die Zeit. Sie sind lebensnotwendig und die Bedingung der Freiheit, nicht ihre Beschränkung. Die Grenze definiert Heimat und grenzt diese von der Fremde ab, was überhaupt erst die Neugier auf die Grenzüberschreitung und die Erkundung der Fremde möglich sein lässt. Die Grenze ist das Medium der Definition.

Und die Kunst? Und die Kunst von Dorothée Aschoff? Auch für Kunst gilt zunächst das Diktum von Ludwig Wittgenstein, wonach »die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt« bedeuten. Allerdings hat Kunst sich und uns stets damit provoziert und erfreut, eine Ahnung der Welt jenseits dieser Grenzen aufscheinen zu lassen, mithin das Wagnis einer Grenzüberschreitung einzugehen. Kunst nimmt sich ein Beispiel an Kindern, denen es bekanntlich Freude macht, »Grenzen auszutesten«.

Avantgarde ist ihrem Begriff nach Grenzüberschreitung, Ignoranz der bislang geltenden Regeln, Aufbruch zu einer neuen Sprache. Sezessionisten verlassen die Heimat, die Akademie, ziehen hinaus in die Natur oder in die Abstraktion. Doch wohlgemerkt: Auch Avantgarde lebt von akzeptierten Grenze, die sie überschreitet. In einer Welt ohne Geschmacks-Grenzen sind Marcel Duchamps Ready Mades, umgestülpte Urinale, keine Provokation mehr. Es wäre nie zu einem Skandal gekommen und Marcel Duchamps wäre nicht berühmt geworden.

Der laute Skandal ist Dorothée Aschoffs Sache nicht. Die Grenzüberschreitung freilich schon. Ausgetestet hat sie seit ihren Anfängen die Grenzen des Materials, wenn sie etwa Papier, fragil, wie es ist, nutzt, um Boote zu bauen, denen Stabilität statische Notwendigkeit ist, will man nicht zu sinken riskieren. In Aschoffs Zyklus »Räume«, 2017 entstanden, lässt sich zeigen, wie die Bilder den Betrachter in eine Bewegung versetzen, womit ein eindimensionaler Werkbegriff überschritten wird, der eine feste Grenze zwischen Werk und Rezipient setzen will. Allemal werden Grenzen markiert und überschritten. An der Grenze zwischen Werk und Betrachter ereignet sich etwas, was mit dem Begriff Anamorphose m.E. nur unzureichend umschrieben wird: die Ermöglichung einer Bewegung beim Betrachten eines Bildes .

In den Bildern, die wir heute hier sehen, Kohlearbeiten und Ölbilder, aber erst recht den Booten, wagt sich Dorothée Aschoff wie mir scheint noch weiter über Grenzen hinaus, auch ihre eigenen Grenzen: Die Linien, über die nachzudenken ich meinen kleinen Versuch hier begonnen habe, markieren Grenzen so vielfältig, dass die Notwendigkeit, sie zu überschreiten unausweichlich wird. »Für mich werden Grenzen durch die Kunst sichtbar gemacht«, hat sie mir in der schon zitierten Mail geschrieben und zurecht hinzugefügt: »Ist das nicht die zentrale Aufgabe der Bildenden Kunst?«.

Durch die zeichenhafte Überarbeitung der Ölfarbe mit einem Spachtel wird die Grenze zwischen Zeichnung und Malerei in Frage gestellt. Analog wird durch die Kohlezeichnung und den Einsatz von Radierungen neben dem Schwarz der Kohle auch ein Farbton erzeugt, der eine reine Zeichnung an die Grenze der Malerei führt. Das heißt: Grenze und Grenzüberschreitung sind nicht nur Thema und Gegenstand der Werke oder Erfahrung zwischen Werk und Betrachter. Es ereignet sich auf einer zweiten Ebene auch eine Grenzüberschreitung zwischen den künstlerischen Gattungen Zeichnung und Malerei. Am Ende, in den großen Formaten auf Leinwand, überschreitet dann die Malerei ihre eigene Begrenzung in der Zweidimensionalität und wird Skulptur. Das kann nur gelinge weil Dorothée stets auch damit experimentiert, Materialgrenzen zu überschreiten.

Das Ganze ist ein permanentes Austesten der Grenze und ihrer Transzendenz. Dass Grenzen freilich sich »aufheben« ließen, wie Du immer mal wieder sagst, lässt sich nur streng dialektisch verstehen, wonach, was verschwunden ist, immer noch und auf verwandelte Weise da ist. Ich glaube nicht an die Utopie der Entgrenzung. Ich glaube nicht, dass Entfernung der Grenzen wünschenswert wäre. In der Politik nicht, im Leben nicht und auch nicht in der Kunst. Auch Dorothée Aschoff glaubt das nicht. Aber schauen Sie selbst!

Vortrag anlässlich der Ausstellung »Übergrenzend« von Dorothée Aschoff, Sonntag 26. Mai 2019, Kunstraum am Limes, Hillscheid

Literatur

Peter Heather: Invasion der Barbaren. Die Entstehung Europas im ersten Jahrtausend nach Christus. Klett-Cotta Stuttgart 2011.
Alexander Demandt: Die Grenzen in der Geschichte Deutschland. In: ders. (Hg.) Deutschlands Grenzen in der Geschichte. Beck Verlag München 1993, 9–31.
Stephan Detjen/​Maximilian Steinbeis: Die Zauberlehrlinge. Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch. Stuttgart: Klett-Cotta 2019. 4–44.
Rainer Hank: Dorothée Aschoff »Räume«. Zur Einführung. In: Dorothée Aschoff geschichtet. Freiburg: modo Verlag 2017. S. 22–35.

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Rainer Hank