Hank beißt in den Hot-Dog
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September 2020
Die Kraft des Zusammenhalts

Teamarbeit Foto: Alexa/​Pixabay

Ein Lob der Arbeitsteilung

Nehmen wir einen Moment lang an, wir seien Arbeiter einer Ameisenkolonie. Dann verliefe unser Leben in wohlgeordneten Bahnen einer großen Gemeinschaft. Jeder kommt seiner vorbestimmten Aufgabe im Interesse des großen Ganzen.

Das Erfolgsgeheimnis der Ameisen, folgt man dem Soziobiologen E.O. Wilson, besteht darin, dass sie ihr Leben arbeitsteilig organisieren und ein selbstverständlicher Altruismus den biologischen und sozialen Zusammenhalt herstellt. Während die Kolonie zahlreiche Futtersucher aussendet und gleichzeitig zuhause Wächter aufstellen kann, muss sich ein solitärer Konkurrent unserer cleveren Insekten für eine von beiden Tätigkeiten entscheiden. Das bringt ihn ins Hintertreffen gegenüber der arbeitsteilig organisierten Kolonie, in welcher jedes Wesen seinen Vorteil zum Nutzen aller einsetzt. Solidarität zahlt sich aus.

Der Altruismus, den die Arbeitsteilung begünstigt, geht freilich noch weiter. Ein Männchen hat den Sinn seines Lebens erfüllt, wenn es die Königin begattet. Diese wird daraufhin eine neue Kolonie gründen. Die Spermien vermag sie in einer kleinen Spermatasche (Spermathek) in ihrem Hinterleib aufzubewahren und daraus über Jahre hinaus Tausende von Arbeiterinnen hervorzubringen. Sie alle verbindet das altruistische Band. Einige übernehmen Aufgaben, die ihr Leben verkürzen oder die Anzahl ihrer persönlichen Nachkommen reduzieren oder beides: Ihr Opfer für das Gemeinwohl erlaubt es jenen Artgenossen, die für die Reproduktion zuständig sind, länger zu leben und mehr Nachkommen zu produzieren.

Was untercheidet Ameisen von Menschen?

E.O. Wilson nennt solche Organisationen unter den Insekten »eusozial«. Eusoziale Verbände zeichnen sich durch Altruismus und Arbeitsteilung aus. In dieser Hinsicht gleichen wir Menschen den Ameisen. Freilich gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während die Insekten mit reinem Instinktverhalten ihr Überleben sichern und als unabwendbares Schicksal hinnehmen, mussten die Menschen von ihren Anfängen an auf freiwillige Bindung und Kooperation zurückgreifen. Menschen sind, wenn man so will, zur Freiheit verdammt. Sie können sich der Kooperation verweigern. Freiheit ist nicht nur ihr Fluch, sondern auch Quell ihrer Würde. Zur Solidarität ist niemand verpflichtet.
Woher kommt die Kraft des Zusammenhalts? Menschen, von Natur aus »Mängelwesen« (Arnold Gehlen), können sich nicht auf den Instinkt berufen – zum Glück für die Freiheit. Sie müssen soziale Bindemittel (Werte, Institutionen, Konfliktlösungsverfahren) erfinden und durchsetzen. Das ist stets riskant und kann schiefgehen. In Zeiten wie den heutigen, in denen viele Risse durch die Gesellschaft gehen und der soziale Konsens zu zerbrechen droht, andererseits aber in Teilbereichen der Gesellschaft, identitären Clans, eine hermetisch-klebrige Verpflichtung zu absoluter Loyalität erwartet wird und Kritik bereits als Verrat gilt, kann es nicht schaden, einen Blick auf die große Geschichte menschlicher Solidaritätsentwürfe zu richten.

Adam Smith (1723 bis 1790), der schottische Moralphilosoph und Ökonom, kannte das Problem des Werteschwunds noch nicht. Für ihn stellte sich die verbindende Moral quasi von allein ein, als notwendige Konsequenz einer Tauschbeziehung, bei der jedermann getrost sein Eigeninteresse verfolgen darf. Ausgerechnet Märkte sind bei Adam Smith Orte, an denen wir durch Tausch unsere Lebensmöglichkeiten erweitern. Die Verhältnisse zu verbessern (»to better ones condition«) ist die zentrale Triebfeder menschlichen Strebens, »ein Trieb, der bei uns ist von der Geburt und uns nicht mehr verlässt bis zum Grab«

Man trifft sich immer zweimal

Wer tauschen will, muss sich auf seinen Tauschpartner einlassen. Er muss klugerweise dessen Wünsche und Bedürfnisse antizipieren, wenn er Erfolg haben will. Er muss kooperieren, damit er konkurrieren kann. Wer Äpfel gibt und Kartoffeln bekommt, muss sich an die Tauschabmachungen halten, andernfalls wird er beim nächsten Mal als unsicherer Kantonist geschnitten. »Man trifft sich immer zweimal«, so lautet die Moral, die als ein Gebot der Klugheit die Verlässlichkeit angesichts sich wiederholender Tauschhandlungen setzt. »Redlichkeit« und »Pünktlichkeit« sind Verhaltensweisen, die immer dann und bei allen Völkern unabhängig von Kultur oder Ethnie sich wie von allein entwickeln, wenn Menschen miteinander Handel treiben. Der Tausch gebiert eine Moral der Nah- und Fernbeziehung, welche durch Verträge in Recht gegossen wird: Dieses Set von Rechten und Pflichten wird von allen geteilt und strafbewehrt gegen jene, die sich ihnen verweigern.

Der Markt ist deshalb für Adam Smith nicht nur eine Wohlstandsmaschine. Er ist auch ein Moralgenerator. Und zwar, anders als das antikapitalistische Vorurteil es behauptet, keiner, der Ellenbogen, Gier und andere Laster prämiert, sondern jene »bürgerlichen Tugenden« (Integrität, Kooperation, Solidarität, Klugheit, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit) erst hervorbringt, die er zu seinem eigenen Erfolg voraussetzen muss. Es sind Tugenden des Kaufmanns wie des Arbeiters. Sorgfalt und Selbstbeherrschung, die Fähigkeit, in seinem eigenen langfristigen Interesse zu handeln, werden die Marktteilnehmer dann von alleine ausbilden, weil sie erfolgreich sein wollen. Mit Betrügern, Hochstaplern, unzuverlässigen Gesellen oder anderen Hallodris ist auf Dauer nicht nur kein Staat, sondern erst recht kein Markt und keine Gesellschaft zu machen.
Heute ist man geneigt, die Moral des Zusammenhalts auf Empathie, Freundschaft oder Gleichheit zu gründen. Nicht so Adam Smith: Natürliche Gleichheit ist nicht der Ausgangspukt des schottischen Aufklärers. Dass wir Menschen uns voneinander unterscheiden – in unseren Genen, unserer biographischen, sexuellen oder ethnischen Prägung, unseren Interessen und Präferenzen – ist für die Entstehung von Solidarität kein Störfaktor, sondern deren Voraussetzung.

Solch ein überbordend Optimismus ist uns heute ziemlich fremd geworden. Dass sich Produktivität und Effizienz marktwirtschaftlichen Verkehrs mit einer friedlichen und fortschrittlichen Tauschgesellschaft verbinden lassen, wird inzwischen von der Mehrheit der Zeitgenossen vehement bestritten. Die sich häufenden Krisen des Kapitalismus und die Konflikte der Demokratie müssen als Signal interpretiert werden, dass Solidarität nicht mehr als das natürliche Kind der Arbeitsteilung gelten kann. Märkte werden nicht mehr als Moralgaranten und Moralproduzenten wahrgenommen, sondern – ganz im Gegenteil – als Moralzerstörer.

Schlag nach bei Émile Durkheim

Die Skepsis lässt sich verstehen. Unterschiedliche Interessen vereinen sich aller Erfahrung nach gerade nicht von alleine in einem solidarischen Miteinander. Darauf hat der französische Soziologe Émile Durkheim (1858 bis 1917) in seinem Klassiker über die »soziale Arbeitsteilung« aufmerksam gemacht: »Wo das Interesse allein regiert, ist jedes Ich mit jedem anderen auf dem Kriegsfuß.« Wenn also der Markt eher als »Moralverzehrer« denn als »Moralgenerator« erfahren wird, dann müsste stattdessen womöglich der konservative Rückgriff auf einen bereits verfügbaren Bestand an Werten dazu führen, die ersehnte Solidarität wiederzugewinnen. Doch woher sollte dieser Wertebestand kommen? Auf der Suche nach einer jeder Gesellschaft vorausliegenden gemeinsamen Ressource boten sich für Durkheim der »Druck der Sitte und der Bräuche«, die in Ständen und Korporationen erworbene Berufsmoral (der »ehrbare Kaufmann«) und die »Autorität traditioneller Erfahrung« an, kulturelle Ressourcen, die Menschen in die Lage versetzen, ihren Weg durch die Welt der Optionen zu finden.

Aber auch dieser Rückgriff auf einen Wertebestand ist uns heute fremd geworden. Es wäre zu schön, ließe sich aus unserer kulturellen oder religiösen Tradition ein Tresor von selbstverständlich geteilten Überzeugungen retten (Verlässlichkeit, Zeitsinn, Fleiß, Pflichttreue oder die Liebe zur Sache), der als gemeinschaftsbildender Kitt tradiert wird in einer immer mehr fragmentierten Welt. Doch weder die Familie noch die Firma verstehen sich heute als Werte-Vermittler. Andere gesellschaftliche Agenturen, die diese Ressourcen traditionell verwalten – nicht zuletzt Religion und Kirche – sind zumindest in ihrer christlich-abendländischen Ausprägung inzwischen marginalisiert (beim Islam sieht es ganz anders aus).

Und der Sozialstaat, der seit dem späten 19. Jahrhundert an die Stelle einer auf Barmherzigkeit setzenden Religion getreten ist, ist uns zwar recht und billig, wenn es darum geht, individuelle Versorgungsansprüche einzufordern. Doch genau damit verrät er seine Gründungsidee als solidarisches Auffangnetz für jene Bürger, die aus eigener Kraft ihr Leben in der Gesellschaft nicht sichern können. Der Wohlfahrtsstaat hat inzwischen einen Wettlauf der Opfer und eine Kultur der Abhängigkeit erzeugt, die mit Solidarität nichts mehr zu tun haben.

So stecken sowohl das liberale wie auch das konservative Konzept der Moral als Generator solidarischen Zusammenhalts in der tiefen Krise. Das klassenkämpferische Solidaritätspathos (»Auf zum letzten Gefecht«) der Linken schließlich hat spätestens 1989 kapituliert, auch wenn die beiden aktuellen Parteivorsitzenden der SPD beteuern, es noch einmal in Stellung zu bringen. Noch nicht einmal die eigene Klientel scheint davon überzeugt zu sein. Und der amtierenden großkoalitionären Regierung fällt aus schierer Hilflosigkeit nichts Besseres ein, als der Wissenschaft ein millionenschweres »Institut gesellschaftlicher Zusammenhalt« zu spendieren, welches das verlorene »Wir« synthetisch rekonstruieren soll. Doch Wissenschaftler taugen nicht zu Sozialtechnologen; Solidarität aus dem Seminarraum bleibt artifiziell.

Warum schwache Bindungen besonders stark sein können

In solcher Not hilft Bescheidenheit mehr als Beschwörung starker Solidarität. Der Hass auf dem Stuttgarter Schlossplatz und dem Frankfurter Opernplatz wird nicht verschwinden durch den Appell an universale Gemeinschaftsgefühle oder die kontrafaktische Behauptung, die Corona-Krise habe den Zusammenhalt der Menschen gestärkt.
Es wäre jedenfalls grundverkehrt, die Erneuerung des brüchigen Zusammenhalts durch die Beschwörung starker Bindungen erzeugen zu wollen. Wir erleben doch gerade viel zu viel »Re-Vergemeinschaftung« (Cornelia Koppetsch) innerhalb unserer Gesellschaft, die sich zugleich aufspaltet in Gruppen, welche sich untereinander mit feindlicher Intoleranz abkapseln und Eindeutigkeit im Urteil dekretieren, wo Ambiguitätstoleranz angesagt wäre.

Starke soziale Bindungen sind keinesfalls immer gut. Gruppen neigen dazu, sich im Verlauf der Beziehungsentwicklung nach außen abzuschließen und nach innen sich verstärkende Loyalitäts-Kaskaden aufzubauen. Das hat Mark Granovetter, ein an der Stanford Universität lehrender Ökonom und Soziologe, schon 1973 in einem berühmten Aufsatz über die »Stärke schwacher Bindungen« festgestellt. Emotionale Intensität und Intimität verlieren leicht den Blick nach außen. Schwache Beziehungen hingegen verbinden uns mit Personen außerhalb unserer Peergroup, nötigen uns, neuer Erfahrungen zuzulassen und fremde Meinungen ernst zu nehmen, statt sie zu bekämpfen. Die Stärke von schwachen Bindungen liegt darin, dass Menschen einen Zugriff auf für sie unbequeme oder neue Informationen bekommen. Es ist ein Austausch untereinander, der die Ungleichheit nicht als Mangel empfindet, sich an Andersartigkeit erfreut und komparative Vorteile schätzt. Man kann sagen: Je größer der Anteil schwacher Bindungen ist, desto besser funktioniert eine globale Gesellschaft. Starke Bindungen sind also womöglich nicht die Lösung des Solidaritätsdefizits, sondern viel eher ihr Problem.
Schwache Bindung eingehen zu können erfordert die psychische Stärke, Konflikte auszutragen und auszuhalten und deren moralische Spielregeln anzuerkennen: Streit, Konkurrenz und die Fähigkeit, Andersartigkeit und Fremdheit als bereichernd zu erfahren. Das damit verbundene Risiko wollen heute viele Menschen nicht mehr eingehen, weswegen am Ende auch das Plädoyer für eine gesellschaftlicher Integration über den Konflikt – so schön es wäre – einseitig bleibt und an der Realität vorbeischrammt.

Viel wäre stattdessen schon gewonnen, wenn es gelänge, eine neue Balance herzustellen zwischen stärkeren und schwächeren Bindungen: Zwischen der unbändigen Neugier, die Welt mit anderen teilen zu können – ohne unsere eigenen Interessen verleugnen und die selbstverständliche Nähe zu uns vertrauten Menschen aufgeben zu müssen.

Der Text ist erschienen im September-Heft 2020 des FAZ-Magazins

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Rainer Hank