Hank beißt in den Hot-Dog
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Januar 2026
Der geheimnisvolle Strom

Der heilige Strom: Mekong Foto wwf

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Auf dem Mekong von Saigon nach Angkor Wat: Im Land zweier tief verwundeter Völker

Unsere Schiffsreise beginnt hoch oben: In der Roof-Top-Bar im zehnten Stock des Caravelle-Hotels in Saigon. Offiziell heißt die ehemalige Hauptstadt Südvietnams heute Ho-Chi-Minh-City. Aber das sagt keiner, auch die Einheimischen sagen Sai Gon.

Der Blick von da oben auf die nächtliche Stadt ist spektakulär: eine moderne Kapitale, blinkend in allen Farben. Seit 1959, als Saigon noch französische Kolonie war, gilt das Caravelle Hotel als erste Adresse. Wo wir jetzt stehen und unsere Cocktails schlürfen, stand vor 50 Jahren, am 30. April 1975, der Reporter Peter Arnett und schrieb, während draußen die Einschüsse näherkamen, für die Agentur AP seine berühmteste Telexmeldung: »Saigon has fallen«. In der »Operation Frequent Wind« wurden die letzten verbliebenen GIs mit Helikoptern vom Dach der amerikanischen Botschaft aus dem Land geholt – die schlimmste Demütigung der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert.

In diesem Jahr wird der fünfzigste Jahrestag des Siegs Ho Chi Minhs und seiner Vietcong-Truppen gefeiert. Vor den Auslagen der Luxusmarken Gucci, Louis Vuitton oder Piaget wehen die roten Fähnchen mit Hammer und Sichel und die Transparente mit rotem Stern. »Flexible Communism« nennen sie diese profitable Koexistenz von Kapitalismus und Kommunismus. Arnett, so hat es der Haudegen später berichtet, hatte an jenem 30. April 1975 erst kalt geduscht, sich aus Respekt vor den neuen Machthabern dann ein »proletarisches T-Shirt« übergeworfen und war in den Frühstücksraum des Caravelle gegangen in der Befürchtung, das Personal habe längst Reißaus genommen. Umso größer seine Überraschung: »Die Kellner erfüllten ihre Pflicht, wie immer.«

Das tun die Kellnerinnen auch heute noch. Seit 1998 trägt das Caravelle wieder seinen kolonialen Namen, wurde inzwischen um einen neuen Turm erweitert. Es erfüllt alle Ansprüche an ein Luxushotel. Nach langem Flug fragt der Room-Service, ob man die verknitterten Sakkos aufbügeln dürfe. Und bietet Petit Fours und Konfekt zum Willkommen.
Der Ausflug unserer Reisegruppe am ersten Morgen führt zum ehemaligen Palast des amerikahörigen Präsidenten Südvietnams und zum nicht weit davon entfernten »War Remenants Museum«, das den Schrecken des Krieges und den kommunistischen Sieg ohne Überheblichkeit dokumentiert. Für mindestens eine Generation im Westen, die in den sechziger und siebziger Jahren groß geworden ist, war dieser Krieg zehn Jahre lang zu einer Art Cantus Firmus geworden. Wir haben die Lieder von Joan Baez (»Saigon Bridge«, »Where a you now, my Son«) bis heute im Ohr. Später haben wir »Apocalypse now« oder »Good Morning Vietnam« im Kino gesehen. Fotos von den weltbesten Magnum- und AP-Fotografen (Philipp Jones Griffith, Henri Huet, Nick Ut) haben unser Bild des Krieges geprägt. Wir sehen sie jetzt wieder im Museum: Grausam, aber künstlerisch schön. Geschätzt 2,5 bis drei Millionen Vietnamesen verloren in diesem Gemetzel ihr Leben. Heute ist die Hälfte der Bevölkerung unter 30 Jahren alt. Die von den Entlaubungschemikalien »Agent Orange« verursachten Verstümmelungen zeigen genetische Folgen auch noch bei den heute Neugeborenen.

Scenic Spirit: ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff

Am nächsten Morgen geht es nach kurzer Busfahrt auf den Mekong. Es ist noch Regenzeit in diesen Septembertagen. Der Fluss, hier im Delta breit wie ein See, fließt träge und braun die letzten Kilometer bis zum südchinesischen Meer, das sie hier Bien Dong nennen.

Unser Schiff, die Scenic Spirit, ist ein luxuriöses Flusskreuzfahrtschiff. Es wirkt ein wenig steril, zumindest nüchtern in der Ausstattung. Auf annähernd jeden Gast kommt ein Crewmitglied. Jede Kabine hat einen kleinen Balkon. Natürlich gibt es einen Pool, der allerdings eher einem Planschbecken gleicht, gleichwohl bei vielen jüngeren Passagieren Freunde findet.

Die meisten Gäste auf der Scenic kommen aus Australien, wie auch Glen Moroney, der Reeder, dem die Schiffe gehören. Australier lieben das All-Inclusive-Konzept. Im stolzen Preis (14 Tage je nach Kabine in der Nebensaison zwischen 7000 und 11000 Dollar) ist alles inkludiert, alle Ausflüge, der Butler-Service (den eigentlich keiner braucht), der Champagner zum abendlichen Dinner und der letzte Gin Tonic um Mitternacht an der Bar.

Kreuzfahrten auf dem Mekong waren bei vielen Reiseveranstaltern weltweit lange der Renner. In der Pandemie musste ein Drittel der Mekong-Cruises Insolvenz anmelden. Das Geschäft ist seither nicht zurückgekommen. Auch unsere Yacht ist allenfalls zur Hälfte verkauft. Nun gut, es sei Nebensaison, beschwichtigen die Betreiber.

Vom Schiff aus sieht die Landschaft so idyllisch aus, wie der Westler sie erwartet. Endlose Reisfelder, Wasserbüffel, Frauen mit ihren konisch spitzen Bambushüten, die gegen die sengende Sonne und gegen den tropischen Monsun Schutz bieten. Das Gelb dieser Hüte, das helle Grün der Felder und das Braun des Flusses geben die Hintergrundfarben für unsere Reise ab. Hinzu kommt von Zeit zu Zeit das knallige Rot der Sampans genannten hölzernen Personenboote, die uns bei unseren Ausflügen vom Schiff in die Kanäle mit geringerem Tiefgang und an Land bringen.

Der Mekong ist ein heiliger Fluss

Lange Jahrhunderte war in Europa über den Mekong wenig bekannt. Er galt als »geheimnisvoller Fluss«. Die Touristen interessieren sich kaum für die rasante wirtschaftliche Aufstiegsgeschichte des Landes in den vergangenen zwanzig Jahren. Sie suchen eine einfache Welt von Ruhe, Anmut und Schönheit – eine Welt, die für Ausländer noch bis in die neunziger Jahre komplett verschlossen war.

Für viele religiöse Menschen in Indochina – so der koloniale Name für Laos, Kambodscha und Vietnam – ist der Mekong ein »heiliger Fluss« Oder, wie wir es später am Königsschloss in Phnom Penh lesen sollten: »The Mekong is our life.« Seinem Wasser verdankt die Region ihren fruchtbaren Reichtum – jedenfalls so lange die Chinesen im Norden noch nicht wie heute viel Wasser abzuleiten begonnen hatten. Mit über 4500 Kilometern ist der Mekong einer der längsten Flüsse Asiens, durchmisst, aus Tibet kommend, Yunnan in China, Myanmar. Laos, Thailand, Kambodscha und zuletzt Vietnam – wobei ein wenig in Vergessenheit geraten ist, dass das Mekong-Delta lange Zeit zu Kambodscha und nicht zu Vietnam gehörte.

Mit einem Sampan erreichen wir Evergreen Island, eine Insel mitten in dieser verwunschenen Flusslandschaft. Frau Toun (40) ist Bauersfrau. Sie baut Papayas und Bananen an. Auch Chilis. Vergangenes Jahr hat ihr ein Frost die ganze Ernte verhagelt. Sie ist Tochter eines südvietnamesischen Soldaten. Ein Mitglied der Familie wurde vom Vietminh erschossen, der Vorgängerarmee des kommunistischen Vietkongs. Das Foto des Getöteten sehen wir am Hausaltar. Das ist ein kultischer Platz am Eingang jedes dieser Stelzenhäuser, wo auch die religiösen Feste begangen werden. Alles sieht sehr buddhistisch aus – Frau Toun selbst ist Mitglied der Presbyterianischen Kirche, einer christlichen Denomination. Dogmatische Religionsabgrenzung gibt es hier nicht: die Frömmigkeit muss den Menschen dienen, nicht den Theologen.

Frau Toun erzählt von ihrem Alltagsleben. Ihre Tochter arbeitet in Saigon, irgendetwas mit Finanzen in einem Elektrokonzern. Was genau, weiß sie nicht. Die Tochter unterstützt die Mutter. Einen Scooter hat sie ihr geschenkt. Die Farm allein ernährt die Menschen nicht. Das Familien-Verdienst von jährlich 400 Dollar kommt von den Einnahmen des Hofs, den Zuwendungen der »aufgestiegenen« Tochter und einer zusätzlichen Lohnarbeit, die Frau Toun für größere Bauernhöfe übernommen hat. In Akkordarbeit pflanzt sie Setzlinge für Wasabi-Pflanzen in eine Kompost-Nährerde. Die Tätigkeit erfordert Geschick, wie sie uns vorführt. Tausend Wasabisetzlinge schafft sie in einer Stunde. Andere Bäuerinnen nehmen Arbeit in der Fabrik an, erzählt sie uns.

Das Schicksal von Frau Toun ist typisch. Die Bedeutung der Landwirtschaft ist im Schwinden, wiewohl immer noch viele Menschen in Vietnam hier beschäftigt sind. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt nur noch zwölf Prozent; in den achtziger Jahren waren es noch mehr als vierzig Prozent. Die Bauern auf Evergreen Island haben praktisch keine Maschinen. Alles ist Handarbeit, entsprechend gering ist die Produktivität. Es gibt zwar kein Grundgehalt vom Staat, aber Mikrokredite zu günstigen Konditionen, zum Beispiel zur Anschaffung einer Kuh. Die Kinder nehmen ihre Aufstiegsgeschichten in den großen Städten wahr – und unterstützen ihre Eltern in den ländlichen Gegenden.

Längst hat Vietnam die Transformation zu einem aufstrebenden Tigerstaat hinter sich. Apple lässt seine iPhones schon seit geraumer Zeit nicht mehr nur in China zusammenschrauben, sondern hier. Traditionell zeichnet sich die Bevölkerung durch einen hohen Bildungsstand aus. Der geht zurück auf die französische Kolonialzeit. Auch Ho Chi Minh legte Wert auf ordentliche Schulen und Universitäten. Trotz schrecklicher Kriegsjahre bis 1975 und einer völligen Isolation vom Rest der Welt danach blieben in Vietnam die Institutionen intakt – es gab Banken und eine mehr oder weniger funktionierende Verwaltung, wie mir ein Repräsentant des Internationalen Währungsfonds (IMF) in Indochina, erklärt.

Alle fahren Hondas

Dem wachsenden Wohlstand liest man ab an den Motorrädern, die hier alle »Hondas« heißen – vermutlich, weil der japanische Hersteller der Erste war, der nach Vietnam lieferte. Wir hatten eigentlich Fahrräder erwartet; die sieht man aber nur selten. Wer etwas auf sich hält, besitzt drei Hondas, erzählt uns der Führer in Saigon: Eine für den Weg zur Arbeit, eine zum Angeben mit der Freundin auf dem Rücksitz und eine für die Langstrecke, wenn es sein muss von Saigon bis nach Hanoi, der Hauptstadt.

Woran erkennt man den Wohlstand der Nationen? Daran, dass beim Wechsel über die unsichtbare Grenze von Vietnam nach Kambodscha schlagartig noch mehr Ruhe und Besinnlichkeit auf dem Fluss einkehrt. Das Menü auf dem Schiff hat sich nicht verändert. Das Rinder-Carpaccio schmeckt immer noch wunderbar. Die schweren und teilweise lauten Kähne fehlen, auch die großen Containerschiffe und die Flussbagger, die die Sedimente ausheben. Nur noch eine Rinne des Mekong ist jetzt frei.

Was für die Kreuzfahrt spricht? Der Gast bekommt immer dieselben Leistungen. Dasselbe schwimmende Nobelhotel, egal wo er gerade ist. Stromaufwärts von Saigon gibt es keine Superherbergen mehr. In Kambodscha, außerhalb von Phnom Penh erst recht nicht. Kreuzfahren heißt nicht nur: Befreit sein vom täglichen Ein- und Auschecken. Es heißt auch: Immer und auch in den ärmsten Ländern stets Fünfsternehotelqualität mit Butler.

Kambodscha zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, rangiert beim Einkommen auf der Höhe von Kirgisistan oder Bangladesch. Die Motorraddichte – wie gesagt ein grobes Maß für Wohlstand – ist in Vietnam doppelt so hoch wie in Kambodscha. Die Herrschaft der Khmer Rouge, die noch bis Ende der achtziger Jahre den Staat mit Landminen unsicher machten, hat bis zu einem Drittel der Bevölkerung augerottet, über zwei Millionen Menschen. Und alle Institutionen mit Stumpf und Stiel getilgt.

Steinzeitkommunismus war das Ziel. Alle sollten gleich – und gleich arm sein. Es gab nach dem Ende der Khmer-Zeit keine Schulen, keine Universitäten, kein Geld, keine Zentralbank. Nichts. Das ist der Unterschied zu Vietnams Kommunismus: der hat nichts gegen Wohlstand. Deshalb hatte Kambodscha so viel ungünstigere Startbedingungen als das Nachbarland.

Umso mehr überrascht bei der Einfahrt nach Phnom Penh eine mega-moderne Skyline, die an boomende Großstädte Asiens erinnert. Man erklärt uns: Dank massiver Investitionen aus China im Rahmen der neuen Seidenstraßeninitiative erlebte Phnom Penh in weniger als einem Jahrzehnt einen regelrechten Boom bei Hochhäusern. Der Wert des Bauvolumens im Land wurde auf rund acht Milliarden Dollar geschätzt, allein in Phnom Penh kamen jährlich Tausende neue Wohneinheiten hinzu, oft binnen 18 Monaten fertiggestellt.

Viele davon stehen leer, sind Spekulationsobjekte für chinesische Geldanleger und eine kleine kambodschanische Oberschicht. Man kann den Leerstand dieser »Ghost Condos« vielfach mit eigenen Augen sehen. Ein bisschen potemkinsch mutet die Stadt an.

In Phnom Penh holt uns die blutgetränkte Geschichte der Region rasch wieder ein. Die Grausamkeiten sind noch präsenter als es der Zweite Weltkrieg im Westen heute ist. Fast niemand, der nicht in der Familie Opfer zu betrauern hat. Die Täter sind nicht nur die Khmer Rouge. Die Amerikaner haben den durch Kambodscha führenden Ho Chi Minh-Pfad massiv bombardiert – ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung des Landes, das zumindest offiziell gar kein Kriegsteilnehmer war.

Lassen wir Samnanh seine Geschichte erzählen. Samnanh heißt »Glückskind«, übersetzt er. Er lässt sich lieber Mau nennen. Mau, ein für hiesige Verhältnisse großgewachsener Mann, wurde 1969 geboren. Er war sechs Jahre alt, als die Khmer Rouge in sein Dorf kamen und ihn und alle Kinder verschleppten Die Eltern waren draußen auf den Reisfeldern, kamen am Abend zurück, so reimt er es sich zusammen, und wurden wann und wo auch immer kurzerhand ermordet – obwohl sie gar nicht zur verhassten Elite zählten. An jenem Morgen, bevor sie aufs Feld gingen, hat Mau die Eltern zum letzten Mal gesehen. Sie waren wohl in ihren Dreißigern, genau weiß der Sohn es nicht.

Die versklavten Kinder mussten Schwerstarbeit leisten, Dämme bauen, vier Jahr lang. Wenn sie schwächelten, hat man sie weggenommen, gesagt, es gehe zu einem Meeting, dann hat man sie umgebracht. Es gibt einen ergreifenden Film, produziert von Angelina Jolie, der die Autobiografie des Mädchens Loung Ung (geboren 1970) erzählt. Sie hat das gleiche Schicksal erlitten wie Mau.

Die Opfer der Khmer Rouge

Auch nach dem Ende des Khmer-Reiches 1979 war die die Odyssee dieser Kinder noch nicht beendet. Um nicht von den nun herrschenden Vietnamesen zu Soldaten gemacht zu werden, versteckten sie sich im Dschungel in der Grenzregion zu Thailand. Dort wurden sie von der Nationalarmee Kambodschas gekapert. Mau, 10 Jahre alt, wurde, weil groß und kräftig, Assistent des Anführers. Am Ende findet er Schutz in einem UN-Flüchtlingslager, besucht sechzehnjährig zum ersten Mal in seinem Leben eine Schule. Als die Lager aufgelöst werden, geht er in die nächstgelegene Provinzstadt, studierte Geschichte und Englisch. Und schließt sich der Kommunität eines buddhistischen Klosters an.
Mau erzählt seine Geschichte nüchtern, ohne Aufforderung zum Mitleid, aber erkennbar mit innerer Beteiligung. Er sagt Sätze wie: »People try hard to survive.« Oder »Ich hätte häufig tot sein können«.

Unsere Reise endet in Siem Reap, der Provinzstadt bei Angkor – einer gigantischen Tempelanlage des Reichs der Khmer, das von 800 bis 1400 ganz Südostasien umfasste. Angkor Wat ist der prächtigste dieser Tempel, wenngleich nicht unbedingt der künstlerisch wertvollste. Siem Reap liegt nicht direkt am Mekong; die Busfahrt vom Ankerplatz zum Hotel dauert fünf Stunden. Das »Grand Hotel d’Ancor«, das 1932 eröffnete Kolonialhotel der Franzosen aus den dreißiger Jahren, inzwischen von der Raffles-Gruppe aus Singapur auf Fünfsterne-Niveau betrieben, fügt sich für die letzten beiden Nächte spiegelbildlich zum Aufenthalt im Caravelle am Anfang unserer Reise.

Der letzte Abend ist ein spektakuläres Tempel-Dinner am hinduistischen Kravan-Tempel: Scenic sagt, so etwas gebe es nur exklusiv für ihre Kunden, weil die Genehmigungen für die Inszenierungen am heiligen Ort von den Behörden sehr restriktiv ausgesprochen würden.

Aus guten Gründen, muss man sagen. Alles ist auf Hollywood-Wirkung ausgerichtet. Mythos, Phantasie und Disney gehen eine eigenartige Mischung ein. Bei Einbruch der Dunkelheit führt man uns in einer Prozession mit Fackeln oder Kerzen vorbei am Tempel zur eigentlichen Dinnerfläche im Angesicht des bunt angestrahlten Tempels. Perkussionsklänge und traditionelle Musik begleiten den Einzug, um zum Apéro eine geheimnisvolle Stimmung zu erzeugen. Vor dem Tempel wird ein mehrgängiges Menü serviert. Dorthin hat man große Air-Conditioning-Aggregate gekarrt, um uns Luxus-Touristen das schwüle Klima erträglicher zu machen. Nach jedem Gang gibt es eine Darbietung – Phantasieszenen und Tänze aus der Khmer-Mythologie – alles »touristisch optimiert«, wie es heißt – führen uns in eine Märchenwelt, die mit der Geschichte wenig und der Gegenwart dieses Landes nichts zu tun hat. Man könnte es auch dekadent nennen.

Wie eine Reise endet, ist ganz wichtig. Das wissen Psychologen und Tourismusexperten. Eine letzte Nacht in einem schlechten Hotel kann die Erinnerung an die gesamte Reise verderben. So gesehen gleicht unser Tempel-Spektakel einer großen Schlussapotheose: verklärender, doch zugleich ausdrucksstarker Höhepunkt einer Reise nach Indochina.

Der Reisebericht ist am 11. Januar 2026 im Reiseteil der FAS erschienen.

Rainer Hank