Hank beißt in den Hot-Dog
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Juli 2022
Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren

Abenteuer auf den Weltmeeren Foto Raimond Klavins/​unsplash

Piraterie und die Ökonomie der Meere

Im Jahr 1661 verkündete Edward D’Oley, der Gouverneur des britischen Jamaika, dass der gerade geschlossene Frieden zwischen England und Spanien auf die Karibik keine Anwendung finde. Piraten und Freibeuter konnten folglich gefahrlos in Port Royal eine Basis errichten, von wo sie spanische Schiffe attackierten, ohne mit den Behörden in Konflikt zu kommen. Auch die Nachfolger von D’Oley tolerierten das Piratengewerbe: Tavernen, Bordelle, Piraten-Zubehörläden, sie alle bezogen von der Piraterie ihr Auskommen.

Mehr und mehr verwischte der Unterschied zwischen kolonialem Establishment und Freibeutertum, zwischen staatlicher Autorität und illegalem Geschäft. Henry Morgan (1635 bis 1688), einer der berühmtesten Piraten der Weltgeschichte und »Schrecken der Karibik« genannt, vermochte seinen illegal erbeuteten Reichtum zu »legalisieren«, indem er in großem Stil in Zuckerrohrplantagen investierte. Am Ende wurde er sogar Vize-Gouverneur der Kolonie und zur Belohnung zum Ritter geschlagen vom englischen König Charles II.

Kommt uns das bekannt vor? Den Freibeutern von heute mag das Flair von Captain Morgan abgehen. Aber auch sie – die wir Oligarchen, Klepto- oder Plutokraten nennen – veredeln ihr auf zweifelhafte Weise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erworbenes Eigentum in von der britischen Krone geschützten »sicheren Häfen« (Londongrad). Die Kopie eines Personalausweises genügte in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, um in London Immobilien in großem Stil zu erwerben. Dass hinterher im Grundbuch nicht der Name aus dem Personalausweis eingetragen war, sondern eine Firma mit Sitz ausgerechnet in der Karibik, scherte niemanden. Aus Freibeutern waren »honorable men«, ehrbare Leute, geworden.

Ist Piraterie womöglich eine »zeitlose« Existenzform – oder sollte man besser sagen »Abenteurerlebensform« auch jenseits von Totenkopf, Augenklappe, Holzbein oder Johnny Depps »Fluch der Karibik«? Ist Piraterie gar ein Musterbeispiel illegaler Märkte, wo die Schwelle zwischen Legalität und Illegalität verwischt oder gar nicht greift? Beide Fragen wird man bejahen dürfen.

Immerhin: Auch das klassische Geschäftsmodell funktioniert noch, allen Fortschritten des Völkerrechts zum Trotz: In den letzten beiden Jahrzehnten registrierte die »International Maritime Organization« (IMO) mehrere Tausend Piratenüberfälle auf Handelsschiffe. Erfolgreiche Piratenjahre waren nach der IMO-Statistik die Jahre 2000 und 2011 mit jeweils mehr als 500 schweren Überfällen weltweit. Die regionalen Schwerpunkte sind dieselben wie zu klassischer Zeit der Piraterie: die Karibik, die afrikanische Küste und die fernöstlichen Hauptfahrwasser im Indischen Ozean.

Insbesondere die Straße von Malakka bleibt höchst gefährlich. Dort werden derzeit so viele Schiffe überfallen wie seit Jahren nicht mehr. Allein im ersten Quartal 2022 hat sich die Zahl der Angriffe im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Singapur empfiehlt Kapitänen, die die Verbindung zwischen Europa und Nordasien befahren, ihre Schiffe mit Stacheldraht und Wasserkanonen auszustatten, Türen und Luken mit Stahlträgern zu sichern und die Mannschaft mit Helmen auszurüsten. Dass die Piraterie derart zugenommen hat, liegt an den gesunkenen Opportunitätskosten: Schwindende Beschäftigungsmöglichkeiten im Fischfang und Beschränkungen durch Corona ließen die Bewohner der indonesischen Küste nach alternativen Geschäftsmodellen suchen.

Fake-Piraten als Instrument des Versicherungsbetrugs

Freilich kann man nie sicher sein, ob die kapernden Angreifer »echte« Piraten sind. Jene Freibeuter, die am 6. Juli 2011 den Rohöltanker »Brillante Virtuose« auf der Reise von Kertsch in der Ukraine nach Qingdao in China überfielen, waren nach allem, was man heute weiß, vom Schiffseigner selbst angeheuerte kriminelle Banden, die einen Versicherungsbetrug großen Stils als Piraterie-Verbrechen camouflieren sollten. Dass – trotz internationaler Gerichtsverfahren – der Eigner des Schiffs, ein einflussreicher Investor aus Athen, nicht belangt werden konnte, bestätigt den Verdacht, dass man sich bis heute auf offener See mit der Legalität schwertut. Auf dem Meer sollte es – so der holländische Rechtsgelehrte Hugo Grotius Anfang des 17. Jahrhunderts – gerade kein Privateigentum geben, sondern jene »Freiheit der See« regieren, eine Art rechtloses Wild West, die keiner Autorität gehorchen muss: Das »Mare Liberum« begründete zugleich das Recht der Holländer auf freie Schifffahrt und den Handel in der überseeischen Welt.

Die »Ökonomie der Meere«, soviel steht fest, unterscheidet sich grundsätzlich von der uns vertrauten Ökonomie an Land. Ohne festen Grund und Boden kommen alle distinkten Begriffe (vor allem jene des Rechts) ins Schwanken. Die Lust an der Entdeckung dieser anderen Welt dürfte mit ein Grund dafür sein, warum in den vergangenen Jahren die historische Forschung zur Piraterie explodierte. Niemand würde heute die Piraten lediglich als eine Spielform des organisierten Verbrechens kategorisieren. Eine wissenschaftliche Tagung im Frühjahr 2022 (an dessen Konzeption der Autor dieses Artikels beteiligt war) auf der Halbinsel Mani, ganz im Süden der griechischen Peloponnes, hatte sich zur Aufgabe gemacht, den romantischen Reiz der Piraterie und ihrer Ökonomie (nicht nur für akademische Forscher) zu ergründen. Als Ort der Konferenz bot sich die mediterran üppige Villa des britischen Abenteurers und Reiseschriftstellers Patrick Leigh Fermor (1915 bis 2011) in Kardamili an, die im Frühjahr und Herbst vom Athener Benaki Museum für wissenschaftliche Tagungen zur Verfügung gestellt wird.

Bis in das 20. Jahrhundert war die Mani, eine Region ohne jegliche Staatlichkeit, ein Hort der Piraterie. Die Ortschaften hatten sich zu »Hornissennestern« (Patrick Leigh Fermor) entwickelt, wo jeder der Feind des anderen ist. »Es war ein Leben im permanenten Ausnahmezustand«, so der Historiker Norbert Schindler. Davon zeugen die Mani-typischen Wohnwehranlagen, die seit dem 16. Jahrhundert die Halbinsel überziehen. Dass der Kampf auf der Insel seine quasi natürliche Fortsetzung auf dem Meer fand, überrascht nicht, zumal – wie gesagt – Piraterie allen Seerechtskonventionen zum Trotz eben nicht als Verbrechen, sondern als Fortsetzung der Seehandelskonkurrenz mit anderen, etwas härteren Bandagen galt.

Doch schon seit der Antike ist das Mittelmeer ein bevorzugter Ort maritimer »Gewaltgemeinschaften«, so der Frankfurter Althistoriker Hartmut Leppin. Dabei bedeutet das griechische Wort »Peirates« sowohl »Pirat« als auch »Unternehmer«. Das erklärt die enge Verbindung zwischen kaufmännischen und piratischen Aktivitäten. Der Ökonom Joseph Schumpeter hätte seine Freude gehabt. Es ist jene schillernde Nachbarschaft der Begriffe, der Goethe noch den »Krieg« hinzufügte: »Krieg, Handel und Piraterie, /​Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.« An der antiken Begriffswiege ist der Unternehmer ein Abenteurer, der hohe Risiken eingeht, für die er entsprechende Gewinne fordert. Er ist einer, der sich ins Offene der Weltmeere hinauswagt. Dort, wo das Recht schweigt und die Kreativität sich entfalten kann. Sollten die Landmenschen es wagen, sich überlegen zu dünken, ziehen ihnen die Piraten die moralische Maske vom Gesicht. Darauf hat schon Augustinus hingewiesen: »Elegant und triftig ist die Antwort eines gefangenen Seeräubers gegenüber Alexander dem Großen. Als dieser König den Mann fragte, was ihm denn einfalle, das Meer unsicher zu machen, erwiderte er mit freimütigem Trotz: ‚Und was fällt dir ein, den Erdkreis unsicher zu machen? Aber freilich, weil ich es mit einem armseligen Fahrzeug tue, nennt man mich einen Räuber, und dich nennt man Imperator, weil du es mit einer großen Flotte tust.›« Am Ende geht es um die schiere Macht, jedoch, im Fall der Meeresfürsten, auch noch um die Freiheit.

Ur-Kommunismus oder Ur-Kapitalismus?

Von da ist es nicht weit zu einer libertären wie auch zu einer marxistischen Deutung der Piraterie. Im Jahr 1980 prämierte der marxistische Historiker Christopher Hill die Piraten zu Helden der Arbeiterklasse – quasi avant la lettre. Das liegt seiner Meinung nach daran, dass viele der unterlegenen Rebellen nach dem englischen Bürgerkrieg und der Wiederherstellung der Monarchie im Jahr 1660 in die Karibik emigriert sind. Dort habe ihr revolutionärer Idealismus mannigfach fruchtbare Aufnahme gefunden in ihrem Ziel, mit den Armen, Häretikern und Schwerverbrechern, die sie dort antrafen, eine gerechte und gleiche – sozusagen vorkommunistische – Gesellschaft zu schaffen. Der amerikanische Geschichtswissenschaftler Marcus Rediker hat diesen Gedanken aufgegriffen und die These aufgestellt, dass die Piraterie tatsächlich eine bessere Gesellschaft hervorgebracht habe. Die Gemeinschaft auf den Piratenschiffen war eben gerade kein anarchischer Sauhaufen, sondern hatte sich einer Verhaltensregel unterworfen, die sich aus einem egalitären Grundgedanken speiste: mit einer starken demokratischen Verfassung, ökonomischer Fairness, ethnischer Toleranz und sogar ersten Ansätzen einer Sozialversicherung für die Hinterbliebenen im nicht seltenen Todesfall.

Der Begriff »to strike« bezeichnet ursprünglich das Lahmlegen eines Schiffes durch Einholen der Segel und wurde, so Rediker, zum ersten Mal 1768 auf einem britischen Schiff während harter Auseinandersetzungen um den Lohn eingesetzt. Die Piraten wären, so gesehen, Vorläufer der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterbewegung. Sie hätten die Idee einer Alternative zum Kapitalismus in die Welt gebracht, ausgerechnet oder eben gerade zur Zeit der Entstehung des Kapitalismus. Ihre große Leistung bestünde darin, die kapitalistische Idee des Privateigentums zu attackieren und zu dementieren, um stattdessen eine Art kommunistischer Urgesellschaft auf hoher See vorzuleben. Eine Gemeinschaft von »Sozialbanditen« (Eric Hobsbawm) im egalitären Paradies der Weltmeere.

Auf diesem Forschungsweg wurde die Piraten auch von der Wissenschaft mehr und mehr entkriminalisiert, romantisiert und heroisiert – aus Verbrechern wurden Dissidenten. Da mag es nicht überraschen, dass unsere Freibeuter nicht nur zu proto-sozialistischen Helden taugen, sondern ebenfalls als libertäre Vorkämpfer, Hayekianer auf den Weltmeeren beschrieben werden. Seeraub war nicht nur selbst ein sehr erfolgreiches Geschäftsmodell, das viele weitere Akteure auf den Plan rief. Seeraub brachte auch Zugang zu Waren, die sonst nur schwer erhältlich waren oder hohen Zöllen unterlagen. Die Piraterie hat hier die Preise gedrückt. Die Freibeuter schleifen Kartelle, Monopole und Handelsbarrieren, brechen überlebte staatliche Regulierungen auf, sind gefürchtete Wettbewerber der autoritären Handelsschifffahrt. Sie deregulieren und liberalisieren den Welthandel: Aus Makroparasiten, die den Wohlstand der Nationen mindern, werden in der modernen Deutung Vorläufer der Globalisierung, die den Wohlstand mehren.
Auch dieser Gedanke lässt sich noch einmal radikalisieren. Der amerikanische Ökonom Peter T. Leeson vertritt die These, Piraten hätten auf ihren Schiffen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirklicht als eine überlegene Form der modernen Corporate Governance. Doch bestreitet Leeson, dass dahinter kommunistische Ziele stecken. Nicht Idealismus, sondern Profitgier sei der Treiber des piratischen Geschäftsmodells. Auch ein kriminelles Business bleibt immer noch ein Business, das wie jedes erfolgreiche Unternehmen effizient betrieben werden muss. Eine demokratische Verfassung der Piratenmannschaft sieht so aus: klare Incentives für die Besatzung nach erfolgreichen Beutezügen – inklusive einer fairen Bezahlung und einem nicht zu hohen Abstand zwischen der Entlohnung des CEO (Kapitän) und der Belegschaft. Hinzu kommen klare moralische Anforderungen (kein Glücksspiel, keine Frauengeschichten, kein Alkohol, kein Tabak) und Toleranz gegenüber den »people of colour«. Das alles, so Leeson, wurde nicht aus moralischen Motiven vorgeschrieben, sondern um das Geschäft nicht zu gefährden. Die egalitäre Governance der Piraten, extrem modern wie von einer Business School entwickelt, habe sich der hierarchisch-autokratischen Praxis der Handelsschiffer als überlegen erwiesen. Die Piraten hatten einen ethischen Code of Conduct, die Handelsschiffe nicht. So gesehen wären die Piraten die Erfindung der »good governance«. Diese und andere Regeln, stark und flexibel zugleich, haben nach Leeson eine liberal-marktwirtschaftliche Ethik und Institutionenarchitektur grundgelegt als unintendierte Konsequenz eines im Kern verbrecherischen Gewerbes: Adam Smiths »invisible hand« gründet auf dem »invisible hook«, dem unsichtbaren Haken der Freibeuterschiffen.

Sowohl die marxistische wie auch die libertäre Deutung der Piraterie, so intellektuell anregend sie sein mögen, schießen weit über das Ziel hinaus. Sie bilden weniger die Realität der Freibeuter ab als die Idiosynkrasien und Fantasien von Forschern, die nach utopischen Gegenwelten zum dominanten Verlauf der Weltsiegergeschichte suchen. Zu Recht hat der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe während der Piraten-Tagung auf der Mani ordentlich Luft aus diesen Super-Deutungen herausgelassen. Die marxistische Märchenwelt der Piraterie bricht jedenfalls dann sofort zusammen, zieht man die notwendige Landbasis dieser Art der Kriminalität in Betracht. Das Leben an Bord mag man noch als Form des selbstbestimmten Handelns stilisieren und von der Matrosensklaverei der Kriegs- und Handelsmarine bildkräftig unterscheiden. Eine Gegenwelt zur herrschenden Wirtschaft sei das aber immer dann nicht mehr gewesen, wenn die Piraten mit ihrer Beute, die sie zumeist im Auftrag von Händlern besorgt hatten, Land betraten, so Plumpe. »Land und Meer« sind eben nicht nur strikte Gegensätze, wie der Jurist Carl Schmitt meinte. Ohne Konnex zum Land, wo Recht und Kapitalismus herrschen, können die Piraten nicht überleben.

Klassenkampf auf See war die Freibeuterei also auf keinen Fall. Auch verhielt sich die Masse der Piraten, sofern man das angesichts der Illiteralität der Gruppe überhaupt genau sagen kann, anders, situativer. Nicht nur wurde im Falle positiver Erträge der Gewinn häufig rasch verprasst, sodass schließlich wenig anderes übrigblieb, als erneut auf einer Piratenfahrt anzuheuern. Werner Plumpes Fazit: Die Mehrzahl der Piraten lebte in einer Art situativem Taumel, den man als den Typus des Desperados beschreiben kann, also als Menschen, der seine Lage nicht rational reflektiert, sondern nur lustbetont-gewaltsam vollzieht.

Man darf sich wundern, dass Indianer und Cowboys seit geraumer Zeit dem postkolonialen Bann unterliegen und Kindern die entsprechende Verkleidung an Karneval untersagt ist. Piraten dagegen sind, wenn der Eindruck nicht trügt, vom Bann verschont geblieben, obwohl sie zweifellos zutiefst in die koloniale Unterdrückung und den Sklavenhandel verstrickt waren, ja ihn ermöglicht und über Jahrhunderte am Leben gehalten haben. Ganz abgesehen von ihren grausamen Mord- und Raubzügen, die den Kern des Geschäftsmodells ausmachen. Geschadet hat das ihrem Ruf nie wirklich: Der Pirat, schöner noch der edle Freibeuter, überlebt als Traumfigur bis heute, als »Gegenfigur des Arbeiters und Bourgeois und erst recht des Spießers« (Robert Bohn). Die lustvolle Beschäftigung erwachsener Frauen und Männer mit solchen Desperados lässt sich als eine Art erlaubter Regression deuten: Die Lizenz, auch im höheren Alter anknüpfen zu dürfen an die Abenteuer- und Phantasiewelten der Jugend.

Der Bericht ist auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen.

Rainer Hank