Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen16. April 2026
Zucker oder Salz
Steuerzahler auf die Barrikaden!
Die Finanzkommission Gesundheit schlägt eine »gestaffelte Steuer auf zuckersüße Erfrischungsgetränke« vor. Dass die Fachleute sich Sorgen um meine Gesundheit machen, bezweifle ich. Im deutschen Gesundheitswesen sind die Ausgaben deutlich höher als die Einnahmen. Also muss mehr Geld in die Kasse. Zusammen mit einer Anhebung der Tabak- und Alkoholsteuer verspricht man sich jährlich 1,2 Milliarden Euro mehr in der Staatskasse. Dass eine Lenkungssteuer in unserer ernährungsfixierten Zeit auf Akzeptanz bei den Bürgern hoffen lässt, kommt den Sparkommissaren gerade recht. Ob eine solche Steuer die Menschen gesünder macht, ist nach Ausweis von Studien fraglich. Konsequent ist sie auch nicht: Denn Süßigkeiten oder Zuckerwürfel werden nicht besteuert.
Dass dies dem ausgabenfreudigen Staat in seiner Gier noch nicht reicht, ist in Berlin kein Geheimnis. Längst wird über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei Prozentpunkte auf dann 21 Prozent nachgedacht. Je nach Konjunktur bringt das dem sozialdemokratischen Finanzminister Lars Klingbeil Mehreinnahmen zwischen 15 und 25 Milliarden Euro im Jahr.
So richtig sozialdemokratisch ist eine Konsumsteuer indessen nicht. Sie wirkt »regressiv«, wie die Ökonomen sagen. Das bedeutet: Sie trifft die ärmeren Schichten stärker als die Reichen, weil die Armen einen höheren Anteil ihres geringeren Einkommens für den täglichen Bedarf ausgeben. Zwar sieht man die Steuer nicht wirklich als Steuer, wenn man nicht genau auf den Kassenbon vom Rewe blickt. Das macht diese Steuer aber nicht besser: Auf den Geldbeutel wirken sie wie eine höhere Inflation. Die ist zuletzt durch die höheren Sprit- und Öl-Preise im Gefolge des Irankriegs ohnehin wieder angestiegen. Als Maßnahme zur Verschleierung ihrer Geldgier redet die Regierung deshalb jetzt lieber laut über Spritsubventionen und einen noch tiefere Mehrwertsteuersätze für mehr Waren des täglichen Bedarfs – selbstverständlich nur, wenn sie »bio« sind.
Ob die Bürger sich eine Zucker- und höhere Mehrwertsteuern gefallen lassen, ist nicht ausgemacht. Sie müssen ja nicht gleich auf die Barrikaden gehen. Es reicht, dass sie bei den kommenden Wahlen die AfD wählen – was einer demokratischen Revolution hierzulande gleichkäme.
Der Salzkrieg im Kirchenstaat
Man sage nicht, dass sei jetzt aber übertrieben. Steuern waren schon immer politisch. Es waren ungerechte Steuern, die zur amerikanischen Revolution führten: »No taxation without representation«, der Slogan der Boston Tea Party 1773, den wir noch aus dem Geschichtsunterricht erinnern, war der Aufstand der Siedler in Amerika gegen den Steuer-Oktroi der britischen Krone gekoppelt an die Forderung nach demokratischer Mitbestimmung. Am Ende dieser Steuerrevolution stand die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776, deren 250. Jubiläum im Juli gefeiert wird.
Nicht um Zucker, sondern um Salz ging es in früheren Zeiten zumeist. Perugia, eine Stadt in Mittelitalien, wagte 1540 den Aufstand gegen die päpstliche Salzsteuer im Kirchenstaat (»Salzkrieg«), verlor – und bäckt ihr Brot seither ohne Salz, bis heute: »pane senza sale«.
Erfolgreich dagegen war der Widerstand in Frankreich gegen hohe und ungerechte Salzsteuern. Denn der führte zur französischen Revolution, wie ich einem aktuellen Paper dreier Ökonomen entnehme, auf das mich mein Kollege Winand von Petersdorff hinweist (Tommaso Giommoni et al.: Extractive Taxation and the French Revolution. NBER 34816. Februar 2026).
Die französische Krone beanspruchte das Monopol auf Salz. Jeder Bürger musste eine bestimmte Menge Salz abnehmen und darauf Steuern – die »Gabelle« – zahlen, unabhängig vom persönlichen Bedarf. Steuereintreiber gingen nicht sehr zimperlich vor, um an ihr Geld zu kommen. Das Land war in Salzsteuerbezirke (»gabelles«) aufgeteilt, in denen unterschiedliche Steuersätze galten. In Hochsteuergebieten bedeutete dies eine Belastung des Jahreseinkommens von 13 Prozent. In Niedrigsteuergebieten waren es lediglich 2,5 Prozent. Das hieß nicht, dass es in Hochsteuergebieten auch mehr staatliche Leistungen und bessere Lebensbedingungen gab. Im Gegenteil: Der Lebensstandard war dort wegen der hohen Abgabenlast geringer als in den Niedrigsteuergebieten.
Ungleichheit als Ungerechtigkeit: Die Aufklärung
Schlimm genug, dass die hohen Steuern viele Menschen in die Armut zwangen. Als ungerecht und willkürlich empfand man zudem die ungleichen Steuersätze. Dass das System auch Schmuggler in großen Stil anzog, die Salz aus Niedrig- in Hochsteuergebiete schmuggelten, verwundert nicht. Dass Adel und Klerus keine Steuern zu zahlen hatten, der »dritte Stand« indessen geschröpft wurde – »le tiers Etat« des Abbé Sieyès -, der 98 Prozent der Bevölkerung ausmachte, das empfand man als zutiefst empörend.
Die Ökonomen können mit Datenanalysen und wirtschaftsgeographischen Modellen zeigen, dass es in Hochsteuergebieten zwischen 1750 und 1789 besonders häufig zu Aufständen kam. Aus diesen Gebieten stammen auch deutlich mehr Beschwerden gegen die Machthaber (»cahiers de doléances«). Während der »Grand Peur« 1789 hat sich die Revolution zunächst und vor allem in den Hochsteuergebieten ausgebreitet.
Bemerkenswert für die Theorie der französischen Revolution ist, dass die Empörung des Volkes sich nicht nur aus dem kreatürlichen Aufschrei der Armen und Entrechteten erklärte, sondern auch aus einer tiefen Beleidigung des Gerechtigkeitsgefühls, das gegen die Willkür unterschiedlicher Steuersätze rebellierte. Das Gefühl der Ungerechtigkeit fiel nicht einfach vom Himmel, sondern war Ausdruck des Gleichheitspathos der Aufklärung: liberté, egalité, fraternité. In den besonders revolutionären Steuerbezirken fielen die Ideen der Aufklärung auf besonders fruchtbaren Boden. Das lässt sich messen am Absatz aufklärerischer Schriften und an den Subskriptionen der Encyclopédie von Diderot und d›Alambert (1751 bis 1772): Gleichheit vor dem Gesetz, Kritik an Kirche, Adel und Monarchie bildeten, marxistisch gesprochen, den ideologischen Überbau der materialistischen Revolte gegen die Salzsteuer.
Tatsächlich wurden die Salzsteuer und das staatliche Salzmonopol als Symbol des Ancien Regime im März 1790 komplett abgeschafft, zusammen mit vielen alten Steuern und feudalen Privilegien. Napoleon hat sie dann 1807 wieder eingeführt, jedoch als einheitliches und gleiches System ohne die regionale Willkür.
Memo an Lars Klingbeil: Wenn eine Salzsteuer schon einmal zu einer bürgerlichen Revolution geführt hat, dann könnte sich so etwas mit einer Zuckersteuer wiederholen, oder? Na ja, die Deutschen sind nicht so revolutionär wie die Franzosen, lösen bekanntlich, wie Lenin spottete, erst eine Bahnsteigkarte. Und sie sind heutzutage ziemlich paternalistisch gestimmt, lieben es, wenn der Staat ihnen den Genuss von O-Saft versauert.Rainer Hank
