Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen17. Januar 2026
Yoga auf Rezept
Wieviel Verantwortung übernehmen wir für unsere Gesundheit?
Kürzlich beklagte sich eine Bekannte, ihre Krankenversicherung sei nicht bereit, die Kosten für ihren Yoga-Kurs zu übernehmen. Ich reagierte höflich, aber entrüstet, Yoga sei doch wohl ihr Privatvergnügen und deshalb auch von ihr selbst und nicht von der Krankenkasse zu bezahlen. Das Argument könne sie verstehen, so meine Bekannte. Sie verstehe aber nicht, dass eine Freundin von der Techniker-Kasse (TK) die Yoga-Übungen bezahlt bekäme, während die Debeka, bei der sie versichert sei, sich sperre.
Die Ungleichbehandlung lässt sich rasch aufklären: Die Techniker-Kasse als gesetzliche Krankenversicherung bezuschusst wie die meisten Gesetzlichen »zertifizierte Präventions- und Gesundheitskurse«, zu denen auch Yoga-Kurse gehören. Die Debeka als private Krankenversicherung finanziert nur Leistungen, die im Tarif vereinbart sind, Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass das Argument, die »Zweiklassenmedizin« privilegiere die Privatversicherten, so allgemein nicht stimmen kann. Doch das wollte meine Bekannte nicht hören. Ihr ging es um die Ungleichbehandlung – die in Wirklichkeit natürlich keine ist: Sie könnte bei der Debeka nach einem Tarif mit Yoga fragen, müsste dann natürlich eine höhere Prämie in Kauf nehmen.
Mich interessiert das Grundsatzproblem: Ist die Krankenversicherung eigentlich dafür da, Yoga-Kurse zu bezahlen? Das Internet ist voll mit Ratgeberseiten, wie und wo ich als Gesundheitsverbraucher die meisten Zusatzleistungen abkassieren kann. Das geht es von A bis Z, von Aktivurlaub mit Kursanteil, Achtsamkeitsseminaren, Beckenbodentraining, Babyschwimmen, Fußpflege, Stressbewältigung, zusätzlichem Ultraschall bis zu Yoga und Zahnersatz.
Nice to have: Die Solidargemeinschaft
Alles »Nice to have«. Wo ist das Problem? Die Zusatzleistungen werden doch extra bezahlt und tragen zudem dazu bei, dass es einen Angebotswettbewerb zwischen den Kassen gibt – bei dem übrigens bezogen auf das Preis-Leistungsverhältnis die Technikerkasse häufig einen Spitzenplatz einnimmt. Okay, wenn das alles kein Problem ist, dann darf sich auch niemand darüber aufregen, dass die Gesundheitsausgaben Jahr für Jahr steigen. Lag der Beitragssatz der Gesetzlichen im Jahr 2000 bei 13,5 Prozent, so wurden 2025 inklusive Zusatzleistungen 17,1 Prozent des sozialversicherungspflichtigen Einkommens bis zur Beitragsbemessungsgrenze fällig, jeweils hälftig von Arbeitnehmern und Arbeitgebern finanziert.
Man komme mir jetzt nicht mit dem Einwand, der große Anstieg der Gesundheitsausgaben resultiere aus vielen und teuren Krankenhäusern oder individualisierten Krebsmedikamenten. Das stimmt, ist aber typischer Whataboutism, der ablenkt vom Grundsatzproblem, um das es mir in dieser Kolumne geht: Versicherungen sind in ihrer Logik gedacht für unvorhersehbare und teure Katastrophen. Müsste in solchen schlimmen Fällen der eigene Geldbeutet oder das eigene Depot herhalten, so zöge das den finanziellen und/oder gesundheitlichen Ruin des Versicherten nach sich. Dass sich Beläge auf den Zähnen bilden, um ein ganz unverfängliches Beispiel zu nehmen, ist aber weder ein individuelles noch ein teures Schicksal.
Das Einfallstor für die gesamte kassenfinanzierte Nice-to-Have-Industrie heißt »Prävention«, ein Wort mit besonders gutem Klang. Die Rechnung geht so: Die heutigen Ausgaben für Prävention, die den Ausbruch der Krankheit verhindern, sind günstiger als die Behandlungskosten, wenn die Krankheit da ist. Richtig beziffern lässt sich das nicht. Dafür werden hohe Streuverluste in Kauf genommen und Mitnahmeeffekte geradezu provoziert. Wenn die Kasse den Yoga-Kurs finanziert, kann ich mein Geld für andere Dinge verwenden. Wer will schon so genau überprüfen, ob und wie oft ich wirklich mich in den Lotussitz bequeme?
»Ziel ist es, durch Prävention, Gesundheitsförderung und eine hohe Versorgungsqualität die Gesundheit der Versicherten langfristig zu erhalten,« so lässt sich ein Krankenkassen-Manager zitieren. Nein, das ist gerade nicht die Idee der Krankenversicherung. »Longevity«, die langfristige Erhaltung meiner Gesundheit, ist meine ganz persönliche Aufgabe. Ich kann es auch bleiben lassen, muss dann das Risiko schwererer Krankheit und kürzeren Lebens in Kauf nehmen. Wird aber alles und jedes zur Versicherungsleistung, beißt sich die Katze in den Schwanz: Weil immer mehr »normale« Vorsorgeleistungen kassenfinanziert werden, explodieren die Beiträge, was dazu führt, dass wir immer mehr von unseren teuren Prämien zurückhaben wollen.
Ozempic für die normalen Dicken?
Das ist der Teufelskreis, den Ökonomen Moral Hazard nennen. Die Versicherung betrachten wir wie eine Geldanlage, die eine Rendite abwerfen soll. Cannabis auf Rezept zum Beispiel. Ozempic, die beliebte Abnehmspritze, natürlich auch. Die ist eigentlich medizinisch gesehen nicht als Diätsurrogat gedacht, sondern als Hilfe für krankhafte Adipositas oder als Diabetes-Therapie. Doch mit dem Zauberbegriff »Prävention«, wie gesagt, lässt sich alles rechtfertigen. Die normalen Dicken – alle Wülste haben sie freiwillig angefuttert – könnten ja irgendwann ernsthaft krank werden. Also verschreibt der Doktor ihnen prophylaktisch Ozempic. Da geht es dann nicht nur um Bagatellbeträge wie beim Yoga-Kurs: Die Kosten einer Behandlung mit der Spritze summieren sich rasch auf 300 Euro im Monat, also 3600 Euro im Jahr. Damit hat man schon einiges der jährlichen Kassenbeiträge wieder reingeholt. Und zwar langfristig: Denn an der Spritze hängen die »Patienten« lebenslänglich, andernfalls nehmen sie wieder zu.
Wohlfühlmedizin ist ein Wohlstandsphänomen. Und zugleich Ausdruck einer Haltung, die (finanzielle) Verantwortung für die Gesundheit nicht selbst übernehmen zu wollen. Hinzu kommt der phänomenale Erfolg der Medizin, die es vermochte, viele tödlichen Krankheiten in chronische Krankheiten zu verwandeln. Der Tod ist versicherungsmäßig billiger als jahrelange Medikamentierung mit regelmäßigen Kontrolluntersuchungen (Hautkrebsscreening, Prostatavorsorge, Mammografie, Ultraschall am Herzen und der Hauptschlagader). »Das sollten wir auch noch abklären lassen«, sagt meine Hausärztin und schreibt ein paar Überweisungsscheine. Weil sie es gut mit mir meint.
Eine Gesundheitsreform, die es grundsätzlich meint, müsste mit einer gesellschaftlichen Verständigung darüber beginnen, wofür eine Versicherung da ist und wofür nicht. Gesundheitsvorsorge und Übungen für die Langlebigkeit inklusive der normalen chronischen Medikamente (von Blutdruck- über Cholesterin- bis zu Fettsenkern) sind keine Aufgaben für Kassen. Dass sich das die Reichen eher leisten können als die Ärmeren, ist ein gewichtiger Einwand. Doch für Fragen der Umverteilung ist das Steuersystem zuständig, nicht das Gesundheitssystem.
Rainer Hank
