Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen13. Februar 2026
Was heißt da spätrömische Dekadenz?
Die Antike war die erste globale Marktwirtschaft
Trimalchio, ein freigelassener römischer Sklave, hatte zum Gastmahl geladen: er lässt opulente Köstlichkeiten auffahren. Vor seinen Gästen prahlt er mit seinem Reichtum und seiner Bildung. Man versucht die feine Gesellschaft nachzuahmen.
Kostprobe gefällig? »Ein runder Tafelaufsatz zeigte die zwölf Tierkreiszeichen, im Kreis angeordnet. Auf jedes hatte der Arrangeur ein jeweils thematisch passendes Gericht angeordnet: auf den Widder Widdererbsen, auf den Stier ein Stück Rindfleisch, auf die Zwillinge Hoden und Nieren, auf die Jungfrau die Gebärmutter einer Jungsau, auf den Steinbock einen Hummer.« Nicht jedermanns Sache heute; damals Inbegriff von Wohlstand, Luxus – und Dekadenz. Das unter dem Titel »Satyricon« von Federico Fellini verfilmte Werk des Titus Petronius Arbiter aus dem Jahr 60 nach Christus, von dem das »Gastmahl des Trimalchio« stammt, gilt in der Forschung nicht nur als Satire, sondern auch als ein Stück römischer Sozialgeschichte – mithin als Realgeschichte.
»Cäsar schlug die Gallier«, weiß der »lesende Arbeiter« Bertold Brechts und fragt: »Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?«. Bei Petronius müssen es viele Köche gewesen sein, arme Schweine, ausgebeutet von der steinreichen und dekadenten Oberschicht. Eine Klassengesellschaft wie im Bilderbuch.
Das marxistische Schema hat uns seit der Schulzeit tief geprägt. Danach lebten die oberen zehn Prozent der Menschen in der Antike in Saus und Braus, die übrigen 90 Prozent, die breite Masse, fristete ihr Dasein als kleine Bauern und ausgebeutete Sklaven. In dieser Sklavenökonomie gab es keine Markt-, sondern lediglich eine Subsistenzwirtschaft. Man lebte von dem, was Hof und Garten hergaben. Schlimmer noch: Die kleinen Bauern wurden von den reichen und mächtigen Latifundienbesitzern mit Schulden überhäuft und in den finanziellen Ruin getrieben. Mit dieser These hat der Anthropologe David Graeber vor fünfzehn Jahren viele Bücher verkauft (»Schulden. Die ersten 5000 Jahre«).
Alles falsch. Sagt die heutige Forschung. Man muss sich die neunzig Prozent der breiten Masse in der Antike bloß genauer ansehen, findet die amerikanische Archäologin und Historikerin Kim Bowes in ihrem gerade bei der Princeton University Press erschienenen aufregenden Buch »Surviving Rome: »The Economic Lives of the Ninety Percent«. Das Alltagsleben dieser 90 Prozent kriegt man nicht in den Blick, wenn man sich lediglich mit Cicero & Co. beschäftigt, ergänzt sie frech. Stattdessen lohnt es, sich die Kritzeleien an den Wänden des untergegangenen Pompejis anzusehen, Skelettfunde biometrisch zu analysieren und sich nicht zu scheuen, auch Künstliche Intelligenz zur Hilfe zu nehmen. Dann erfährt man, wie es den Menschen um die Zeitenwende des Jahres Null wirklich ging. Beim Bau von Euro Disney in Paris seien mehr Informationen über das Alltagsleben Galliens zutage gefördert worden als in vielen klassischen Grabungsstätten, schreibt die Autorin.
Modernisten gegen Primitivisten
In der althistorischen Forschung gibt es unter der Rubrik »Modernisten versus Primitivisten« einen Streit: Kim Bowes, eine Modernistin, beschreibt das römische Reich seit der Zeitenwende als die erste globale Marktwirtschaft. Viele Menschen hatten ausreichend zu essen. Brot war die Hauptnahrung. Wein oder Oliven gab es vielerorts. Fleisch und Fisch kamen häufig dazu. Kim Bowes spricht von tausend unterschiedlichen Fischarten. Neben dem Sklavenmarkt gab es einen gut funktionierenden Arbeitsmarkt.
Viele Bewohner im römischen Reich waren illiterat, aber sie konnten rechnen, führten akkurat Buch über Einnahmen und Ausgaben. Viele Bauern produzierten längst nicht nur für den Eigenbedarf. Ihre Überschüsse verkauften sie auf dem Markt. In großen, bis zu 150 Liter fassenden Amphoren wurden Olivenöl und Wein über große Entfernungen transportiert. Von wegen Subsistenzwirtschaft! Eine durch Roms Expansion ausgelöste »Konsumrevolution« im 2. Jahrhundert v. Chr. führte zu einem massiven Anstieg von Konsumgütern für den täglichen Bedarf (Keramik, importierte Stoffe, exotische Lebensmittel, Schmuck).
Wer sich von Gabriel Zuchtriegel, dem umtriebigen deutsch-italienischen Direktor von Pompeji, durch die untergegangene Stadt am Vesuv führen lässt, dem zeigt der Archäologe einem Fresko, das ein rundes Brot mit Datteln und Granatäpfeln zeigt. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Pizza ist nicht zu leugnen. »Die Leute hatten Zwiebeln, Nüsse, Feigen oder auch mal eine warme Suppe« erzählte Zuchtriegel kürzlich in einem Interview für das Magazin »Geo«.
Fast modernes Bankwesen
Das römische Reich hatte auch eine differenzierte Geldwirtschaft. Die Löhne wurden in Geld und Naturalien ausgezahlt. Wer damit nicht auskam, weil er womöglich eine Investition plante, der ging zum Geldleiher oder einem Pfandleiher und nahm einen Kredit auf. Die »Bank« verlangte dafür Sicherheiten und Zinsen (maximal 12,5 Prozent). Solche Dinge wurden in der Regel in schriftlichen Abmachungen niedergelegt und von einem Notar testiert. Klingt ziemlich modern. Kim Bowes listet Schuldscheine auf, wonach sich die Arbeiter der ägyptischen Bergwerke Teile ihres Naturalieneinkommens schon vor Monatsende als eine Art Kredit auszahlen ließen. Die Bauarbeiter Roms waren gut genährt, schreibt die Archäologin: »Oder meinen Sie, man hätte das Kolosseum in Rom mit 1900 Kalorien bauen können?« Die typische tägliche Kalorienaufnahme für Schwerarbeiter im zweiten vorchristlichen Jahrhundert berechnet Bowes mit 3700 Kalorien. Zum Vergleich: Ein britischer Farmer im 17. Jahrhundert hatte 4500 Kalorien, ein Tour-de-France-Radler verbraucht 6000 Kalorien; ein heutiger Triathlet kommt mit 3000 Kalorien hin. Oliver Twist, dem Bettlerjungen in Charles Dickens Roman des Victorianischen London, ging es deutlich schlechter als einen »armen« Halbwüchsigen im antiken Rom, schreibt Bowes.
Man sollte den Bogen nicht überziehen, warnt der Frankfurter Althistoriker Hartmut Leppin, der sich selbst zu den Modernisten zählt. Innerhalb der »breiten Masse« der 90 Prozent werde es große Unterschiede gegeben haben. »Wie sah es im unwirtlichen Inneren Kleinasiens aus? Wie in den entlegeneren Tälern der Gebirge? Wir wissen es nicht, aber vermutlich litten die Menschen hier immer wieder Not.« Zweifellos aber gab es Sklaven, die ausgebeutet wurden. Die hinterließen wenig materielle Spuren, wenn sie nicht einmal ordentlich begraben wurden.
Bei einem beliebten Gesellschaftsspiel darf jeder sagen, in welcher vergangenen Zeit er am liebsten gelebt hätte. Ein Platz in der marktwirtschaftlichen römischen Mittelschicht wäre nicht zu verachten, finde ich. Venedig im 15. Jahrhundert, die Niederlande im 17. Jahrhundert oder die Lombardei im frühen 19. Jahrhundert kämen für mich auch infrage.
Rainer Hank
