Rainer Hank als Illustration

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  • 25. Februar 2026
    Nachruf auf die Chauffeur

    Herr und Knecht: Der Chef uns sein Fahrer Foto: wikipedia

    Dieser Artikel in der FAZ

    Das autonome Fahren könnte einen ganzen Berufsstand killen

    Kürzlich gab es im wunderbaren Motorteil der FAZ ein Gespräch mit Ola Källenius, dem Chef von Mercedes-Benz. Es ging um die S-Klasse, »die Spitze in unserem Portfolio«, wie Källenius sich ausdrückte. Die wurde jetzt grundlegend überarbeitet und enthält einen Supercomputer, der die Insassen des Fahrzeugs automatisch von Punkt zu Punkt zu navigiert. Der Fahrer kann die Funktion »kooperatives Lenken« wählen, die für ihn die Arbeit übernimmt. Das bringt ungeahnte Freiheiten. Man kann Zoom-Konferenzen abhalten oder im Dolby-Atmos-Sound die Akustik der Elbphilharmonie genießen. Die S-Klasse sei »der beste rollende Konzertsaal der Welt«, schwärmt Källenius.

    Die S-Klasse bleibt weltweit ein Status-Symbol. Doch die Symbole der Macht verändern sich. Opfer der digitalen Innovation wird der Chauffeur, an dem man über lange Zeit erkennen konnte, dass hier eine höher gestellte Persönlichkeit unterwegs war – schon beim Vorläufer des Automobils, der Kutsche, war das so. Der Computer-Chauffeur ersetzt den Fahrer aus Fleisch und Blut. Sollte weiterhin ein Mensch am Steuer sitzen, wird daraus eine Fake-Veranstaltung, vergleichbar dem Heizer auf der E-Lok, den die Gewerkschaften dem technischen Fortschritt trotzend durchgesetzt hatten, demütigend für jeden ehemals stolzen Angehörigen des Berufsstands.

    In der Stuttgarter Niederlassung der Dresdner Bank, in der ich in den sechziger Jahren groß geworden bin, weil mein Vater als Hausmeister dort eine Dienstwohnung hatte, gab es im Erdgeschoss eine riesige Garage für die schwarzen Karossen der Direktoren. Jeder Facility-Manager würde so etwas heute als teure Platzverschwendung mitten in der Innenstadt streichen. Damals war man stolz darauf, dass der Herr Direktor jederzeit seinen persönlichen Fahrer vorfahren lassen konnte. Nicht nur der Generalbevollmächtigte mit dem klingenden Namen Axel Freiherr Varnbüler von und zu Hemmingen hatte ein Anrecht auf den Chauffeur, auch die ihm nachgeordneten Herren hatten ihre Karossen nebst Diener, selbstredend alles Mercedes. Ein anderer Hersteller wäre nicht in Frage gekommen, nicht nur aus Stuttgarter Lokalpatriotismus: VW war, wie der Name sagte, für das Volk, nicht für die Oberen. Und Porsche, zwar auch aus Stuttgart, wäre zu frivol gewesen.

    Mit Wattenbauch und Politur

    Für mich als Kind gehörten die Begriffe Direktor und Chauffeur quasi auf natürliche Weise zusammen – das französische »au« wurde meist wie »a«, also »Schafför«, ausgesprochen. Ich habe mich gerne in der Garage herumgetrieben. Die Chauffeure waren immer beschäftigt, auch wenn sie gerade nicht ihren Chef kutschieren mussten. Dann konnten sie mit einem Wattebausch und dickflüssiger Politur »ihren« Wagen zum Glanz bringen. Oder sagen wir besser: Den Glanz erhalten. Denn eigentlich habe ich nie ein Auto gesehen, das nicht glänzte. Wenn dann immer noch keine Fahrt anstand, dann klopften sie Skat.

    Der Chronist, oder besser der Psychologe des Chauffeurs ist der Schriftsteller Martin Walser. Der Held aus Walsers Roman »Seelenarbeit« (1979) heißt Xaver Zürn. Ich habe »Seelenarbeit« für diese Kolumne wiedergelesen – mit größtem Vergnügen und entsprechender Empfehlung an die Leser.

    Xaver Zürn ist Fahrer des Fabrikanten Dr. Gleitze, den er in Tettnang unweit des Bodensees abholt, und von dort in die weite Welt chauffieren muss. Es ist ein 450 SEL, acht Zylinder, ein echtes Kraftpaket der damaligen S-Klasse, heute auf dem Oldtimer-Markt ziemlich begehrt. Natürlich werden auch Frau Dr. Gleitze oder die alten Eltern des Chefs kutschiert. Und natürlich wird Dr. Gleitze nicht nur zu dienstlichen Terminen gefahren, sondern zum Beispiel auch zu allen bedeutenden europäischen Opernhäusern. Denn der kunstsinnige Mann hatte sich vorgenommen, alle Aufführungen von Mozart-Opern, die in Europa Metropolen gegeben werden, zu besuchen und darüber ein Buch zu schreiben.
    Der Fahrer ist viel mehr als nur ein Angestellter im arbeitsteiligen Kapitalismus. Er steht seinem Herrn praktisch rund um die Uhr zur Verfügung, gehört wie das Dienstmädchen zur Familie – weshalb Zürns Vetter ihn als »Sklavennatur« verspottet: »Der typische ‚Geh-her da›, der auf Kommando Männchen macht.«

    Doch so einfach ist das Verhältnis zwischen dem Fabrikanten und seinem Fahrer nicht. Wie alle Herr-Knecht-Beziehungen geht es um ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Der Knecht wäre nichts ohne seinen Herrn, aber der Herr wäre ebenfalls nichts ohne seinen Knecht, an dem alle Zeitgenossen ablesen können, dass er ein Herr sein muss. Das Abhängigkeitsverhältnis ist asymmetrisch. Der Herr sitzt im Fond, der Fahrer sitzt am Steuer und hat die Verantwortung dafür, den Direktor sicher und pünktlich an sein Ziel zu bringen. Ist man angekommen, öffnet er dem Herrn die Tür, schlägt die Hacken zusammen und nimmt die Dienstmütze ab.

    Der Fahrer ist ständiger Zeuge seines Chefs und stummer Mitwisser. Dass er daraus Macht bezieht, darf er nicht zeigen. »Dass er sich beherrschen müsse, sein Gesicht unter Kontrolle halten«, hat Xaver Zürn als erstes in diesem Beruf gelernt: »Wenn die Herrschaften im Fond einander Witze erzählen, lacht man nicht mit. Wenn die einander Probleme erzählen, schaut man nicht auch sorgenvoll drein. Man achtet darauf, dass man nicht zufällig selber etwas denkt, was einen zum Grinsen bringen könnte.« Selbstbeherrschung und Verschwiegenheit sind die Kardinaltugenden des Fahrers.

    Weiße Schildmütze in Japan

    Muss man es bedauern, dass der Chauffeur aus unserer Wirtschaftswelt verschwunden ist? Ich glaube, viele Fahrer haben ihren Beruf – und ihren Chef – geliebt, zumindest geachtet. Aber als ein schönes Leben kann man ihr Leben wohl nicht beschreiben. Work-Life-Balance war in dieser Welt ein Fremdwort; die eigene Familie hatte zurückzustehen.
    Inzwischen ist der Chauffeur nach Asien ausgewandert. In Japan tragen die Taxifahrer Schildmützen und weiße Handschuhe. Weiße Häkeldeckchen als Überwürfe der Sitze kommt Westlern wie bei Oma vor, gilt dort aber als servicemäßig gepflegt. In China haben überdurchschnittlich viele Kunden einen Chauffeur, berichtet Mercedes-Chef Källenius: als Statussymbol.

    Womöglich ist der Nachruf auf den Chauffeur auch hierzulande verfrüht. Der junge Mensch feiert gerne in der Limousine: es schafft Instagram-Momente. Ein Bekannter berichtete mir von seinen Erfahrungen mit dem »Sixt Ride Chauffeur Service«. Da kann man einen Mietwagen samt angemessen gekleidetem Fahrer buchen, auf Stundenbasis: »Erschwingliche Chauffeurfahrten für jeden Anlass«, wirbt Sixt. Das ist eine Alternative in Zeiten überfüllter und unpünktlicher Züge. Okay, »erschwinglich« ist ein relativer Begriff: Die Fahrt von Frankfurt nach München kostet je nach Automodell zwischen 500 und 900 Euro. Einfach, wohlgemerkt.

    Rainer Hank