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  • 16. Januar 2026
    Larry Summers' tiefer Fall

    Larry Summers: Kopf des Neoliberalismus Foto larrysummers.com

    Dieser Artikel in der FAZ

    Wie sieht gute Wirtschaftspolitik im neuen Jahr aus?

    »The Larry Summers era is over«, die Zeit von Larry Summers sei vorbei, tönte die Zeitung »Politico« Mitte November, nachdem ein Mailwechsel bekannt wurde, der die Nähe des amerikanischen Starökonomen zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein dokumentierte. Summers trat auf der Stelle von allen öffentlichen Ämtern zurück, musste den Aufsichtsrat von AI (»ChatGPT«) verlassen und verlor seine Mitgliedschaft in der »American Economic Association«, der wichtigsten Vereinigung von Ökonomen weltweit. Viel tiefer lässt sich ein gesellschaftlicher Absturz nicht vorstellen.

    Summers Ruhm begann in den neunziger Jahren. Er war Chefökonom der Weltbank, Finanzminister unter dem demokratischen US-Präsidenten Bill Clinton und später dann Präsident der Harvard Universität. Er hatte politische Macht und genoss ökonomische Deutungshoheit. Wie kein Zweiter steht Summers für den sogenannten »Washington Consensus«. Das ist ein wirtschaftspolitisches Zehnpunkteprogramm, welches in elitärem Gestus den Zehn Geboten des biblischen Moses in nichts nachsteht. Wenn nur alle Staaten sich daran halten, würde am Ende eine Weltgemeinschaft entstehen, in der überall Milch und Honig fließen.

    Der Washington Consensus votiert für (1) ein Verbot hoher Staatsdefizite, (2) moderate Steuersätze, (3) Beschränkung staatlicher Ausgaben auf Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, (4) keine staatliche Zinskontrolle, (5) wettbewerbsfähige Wechselkurse, (6) Abbau von Zöllen und anderen Handelsbeschränkungen, (7) Liberalisierung ausländischer Direktinvestitionen, (8) Privatisierung staatlicher Unternehmen, (9) Deregulierung und Abbau von Markteintrittsbarrieren, (10) Sicherung von Eigentumsrechten.
    Das Programm spiegelt das Weltbild der Globalisierung in den neunziger Jahren nach dem Ende des Systemwettbewerbs. Rasch galt der »Consensus« als Inbegriff der Arroganz des »Neoliberalismus« und »Marktradikalismus«. Der Eindruck entstand nicht zuletzt dadurch, dass das Programm als Blaupause diente für die Vergabe von Krediten und Hilfsgeldern durch die in Washington angesiedelten Institutionen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Das roch sehr nach amerikanischem Neoimperialismus: Die Vereinigten Staaten suchten die ganze Welt mit ihren »Werten« zu beglücken, sie betrieben »Nation Building« mit politisch-militärischen Mitteln und verkauften Wohlstandsprogramme zu von ihnen gesetzten ökonomischen Bedingungen. Das Ansehen des Programms litt zudem darunter, dass eine Kohorte junger, häufig schnöselig daherkommender Berater des IWF den postkommunistischen Staaten Europas marktwirtschaftliche Schock-Reformen predigte, ohne Verantwortung für die dadurch ausgelösten gesellschaftlichen Erschütterungen zu übernehmen.

    Vom Washington zum London Consensus

    Dies alles ist zumindest mitverantwortlich für die Krise, in der sich der Liberalismus weltweit inzwischen befindet. Was freilich unterschlagen wird: Trotz seines schlechten Rufs war der Washington Consensus vielfach erfolgreich. Eine Studie des »Journal of Comparative Economics« aus dem Jahr 2021 weist nach, dass Länder, die die zehn Punkte umgesetzt hatten, zehn Jahre nach der Einführung der Reformen um 16 Prozent reicher geworden waren (gemessen am Prokopf-Bruttoinlandsprodukt). Hinzu kommt: Die Ungleichheit zwischen den Ländern nahm ab. Sie wuchs freilich innerhalb der Staaten. Unstrittig ist auch, dass die Deregulijerung der Finanzmärkte zumindest Mitschuld trägt an der Weltfinanzkrise der Jahre 2008 und 2009.

    Inzwischen ist die Welt eine andere, weit weg von den globalen Wohlstandsversprechen der neunziger Jahre. Hohe Zölle sind seit Donald Trump wieder salonfähig, hohe staatliche Subventionen für einzelne Branchen, gelten als industriepolitisches Heilmittel, während zugleich in Amerika Tech-Monopole entstanden sind, deren Macht nicht ungefährlich, aber offenbar unangreifbar ist. In Europa könnten die Sozialstaaten bald nicht mehr finanzierbar, aber leider auch nicht reformierbar geworden sein.
    Für diese neue Ära haben Ökonomen aus dem Umfeld der »London School of Economics« im November dieses Jahres einer Sammlung von Essays den Titel »London Consensus« gegeben. Der Untertitel »Ökonomische Prinzipien für das 21. Jahrhundert« klingt hochgestochen, Gestus und Stil sind es nicht. Es gibt keinen Guru, der das Programm repräsentiert, wiewohl eine Reihe von Nobelpreisträgern mit von der Partie sind. Die Stärken des Washington Consensus werden anerkannt, zugleich aber differenziert vor dem Hintergrund der heutigen »Zeitenwende«.

    Statt zehn beschränkt sich der »London Consensus« auf fünf Prinzipien. Ihnen gemeinsam ist die Überzeugung, dass der Staat als Ordnungsmacht in der Wirtschaft wieder eine stärkere Rolle spielen müsse. Philip Aghion, Ökonomienobelpreisträger 2025 spricht sich im Interesse von wachstumsfördernden Innovationen für eine starke Antikartellpolitik aus. Tech-Giganten wie Meta (Facebook) oder Alphabet (Google) seien in der Lage, zur Stabilisierung ihrer Monopolmacht kleine innovative Firmen aufzukaufen und den Wettbewerb zu unterdrücken. Im Interesse von Innovation und Wohlstand müsse der Staat hier stärker seine Aufsichtsfunktion wahrnehmen. Ohne es explizit zu erwähnen, bemüht Aghion hier ein Grundprinzip der sogenannten deutschen Ordnungspolitik: Dem Auftrag zur Beschränkung wettbewerbsschädlicher wirtschaftlicher Macht durch den Staat.

    Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik insistiert darauf, dass Wachstum und Produktivitätsverbesserungen für den Wohlstand der Nationen unverzichtbar seien, um daran die originelle Beobachtung anzuschließen, dass die traditionellen Wohlfahrtsstaaten sich immer nur vorher und nachher in die Wirtschaft eingemischt hätten: Durch die Finanzierung von Bildung (ex-ante) und durch die Besteuerung von Arbeit (ex-post) zur Abfederung der großen Lebensrisiken Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit. Heute sei es geboten, dass die Staaten sich auch für »gute Arbeit« direkt verantwortlich fühlten. Dazu zählt Rodrik die betriebliche Weiterbildung angesichts der Herausforderung durch künstliche Intelligenz. Deutschland hat mit staatlichen Weiterbildungsprogrammen indes keine guten Erfahrungen gemacht. Auch eine neue Industriepolitik, der Rodrik das Wort redet, hat hierzulande stets die Verlierer von gestern subventioniert und die Gewinner von morgen übersehen.

    Anders als vor fünfunddreißig Jahren geht es heute viel stärker darum, politische und ökonomische Unsicherheit auszuhalten. Das ist die zentrale Botschaft des London Consensus. Daraus lässt sich aber weder eine Legitimation des US-amerikanischen Protektionismus noch der üppigen deutschen Wohlfahrtsstaates ableiten.

    Der Kolumnist kann nur hoffen, dass im neuen Jahr in den Regierungszentralen der Welt nicht der neue »London Consensus«, sondern auch der alles andere als veraltete »Washington Consensus« auf die Tagesordnung kommt.

    Rainer Hank