Hanks Welt
‹ alle Artikel anzeigen02. Februar 2026
Frommer Neoliberalismus
Wie geht es eigentlich der katholischen Soziallehre?
Lange nichts gehört von der Katholischen Soziallehre. Viele Menschen wissen noch nicht einmal, dass es so etwas überhaupt einmal gegeben hat. In den vergangenen Jahren war die katholische Kirche mit anderen Themen in der Öffentlichkeit präsent, jedenfalls nicht mit Beiträgen zur Frage, wie die Gesellschaft gerecht werden könne – oder, horribile dictu, ob sie womöglich schon gerecht sei.
Das war einmal anders. Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands in der Nachkriegszeit, das sogenannte Wirtschaftswunder, gründet zum einen auf dem »Neoliberalismus« der Freiburger Schule der Ordnungspolitik: Der Staat hat sich aus der Wirtschaft herauszuhalten, aber zugleich dafür zu sorgen, dass die Spielregeln (»Rahmenbedingungen«) von allen geachtet werden. Dazu zählt vor allem die Maßgabe, fairen Wettbewerb zu ermöglichen und Machtballungen (Monopole, Kartelle) nicht zu dulden. Eine prosperierende Wirtschaft würde in der Lage sein, mit Steuern die gesellschaftlich zu kurz Gekommenen zu entschädigen. Indes darf Umverteilung nicht so weit gehen, dass das Wachstum erstickt wird – ein Kipppunkt, von dem viele meinen, er sei inzwischen überschritten.
Die Protagonisten der Freiburger Schule – Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Franz Böhm – bezogen ihre ethischen Ressourcen aus dem Protestantismus. Das bedeutet aber nicht, dass die Katholiken nach 1945 sich nur um das Seelenheil der Gläubigen gekümmert hätten und nicht auch um die Bedingungen einer sozial gerechten Gesellschaft. Joseph Höffner, ein katholischer Theologe, der später Kardinal in Köln wurde, hat seine Dissertation bei Walter Eucken in Freiburg geschrieben. Und der CDU-Kanzler Konrad Adenauer, ein rheinischer Katholik, legte Wert darauf, dass die junge Republik sich einer »sozialen Marktwirtschaft« verpflichtet fühlte, ein Grund, warum er sich gegen eine Koalition mit der SPD sperrte, die für ein planwirtschaftliches Wirtschaftssystem optierte (mit dem freilich auch mächtige Kreise in Adenauers eigener Partei sympathisierten).
Die Entdeckung des Luigi Taparelli
Der Begriff der »sozialen Gerechtigkeit« stammt ideengeschichtlich anders als man erwarten könnte, nicht von einer linken Denktradition, sondern kommt überraschenderweise selbst aus der katholischen Soziallehre. Ein italienischer Jesuit mit Namen Luigi Taparelli d’Azeglio (1793 bis 1862) hat ihn Mitte des 19. Jahrhunderts in die Debatte eingeführt. Taparelli hat als Lehrer den jungen Gioacchino Pecci (1810 bis 1903) geprägt, den späteren Papst Leo XIII. Als Leo XIII. Taparellis Gedanken in seiner berühmten Enzyklika »Rerum Novarum« vertrat, wurde der »Vater« dieser Ideen selbst nicht genannt. Das lag wahrscheinlich daran, dass der Jesuit Taparelli längere Zeit kämpferischer Mitarbeiter der Zeitschrift Civiltà Cattolica war, die sich stramm antiliberal, reaktionär und antipatriotisch gegen die italienische Einigung positioniert hatte.
Als Theologe indes entwickelte Taparelli das Konzept der »sozialen Gerechtigkeit« aus heutiger Sicht in einem durchaus liberalen Verständnis; für ihn war das damals eine Konsequenz des christlichen Naturrechts. Er definierte die Gerechtigkeit als eine »Gerechtigkeit zwischen Mensch und Mensch« also gerade nicht wie heute üblich als etwas, dass der Staat herstellen muss. Soziale Gerechtigkeit müsse »faktisch alle Menschen gleichstellen in dem, was die Rechte der Menschheit im Allgemeinen betrifft; ebenso wie der Schöpfer jedem Menschen die gleiche menschliche Natur gab; der Mensch, welcher nach der Norm dieser Gerechtigkeit handelt, erfüllt also die Absicht seines Schöpfers.« Die natürliche Gleichheit will Rechtsgleichheit garantieren, aber keine Ergebnisgleichheit herstellen und keinesfalls alle Ungleichheit beseitigen, so Taparelli.
Noch eine weitere Idee der katholischen Soziallehre geht auf Taparelli zurück: Das Konzept der Subsidiarität: Was kleinere gesellschaftliche Einheiten (der Einzelne, die Familie, die Kommune) aus eigener Kraft leisten können, darf ihnen nicht durch größere und höhere Einheiten (den Staat) entzogen werden. Eigenverantwortung hat Vorrang; der Staat hat eine unterstützende (»subsidiäre«) Funktion.
Das Konzept der Subsidiarität geistert heute zwar durch Dokumente der Europäischen Union (etwas den Maastricht-Vertrag), faktisch hat sich aber die EU stetig in Richtung Zentralismus entwickelt und immer mehr Kompetenzen und Aufgaben an sich gezogen, die regional oder nationalstaatlich besser aufgehoben wären.
Und heute?
Taparelli kannte ich bis vor wenigen Wochen nicht. Auf ihn gestoßen wurde ich durch den Verlag frommann-holzboog, der jetzt gerade den ersten Band einer auf sieben (!) Bände angelegten italienisch-deutschen Ausgabe seines theologischen Hauptwerkes auf den Markt gebracht hat und mir ein Exemplar zuschicken ließ. Anfang Januar übergaben die Herausgeber das Werk an Papst Leo XIV, der sich mit seinem Namen in die Tradition des »Sozialpapstes« Leo XIII gestellt hat, allerdings bislang noch nicht mit Gedanken zur katholischen Soziallehre aufgefallen ist.
Und heute? Zumindest außerhalb der theologischen Fakultäten – die kaum mehr Studenten haben – kommt die katholische Soziallehre im gesellschaftlichen und politischen Diskurs hierzulande nicht mehr vor. Mit zwei Ausnahmen, wenn ich richtig sehe. Nils Goldschmidt, ein Ökonom und Theologe, der intellektuell groß wurde im Denkraum der Freiburger Schule, und seit kurzem Mitglied des deutschen Ethikrats ist. Und Georg Cremer, ein Ökonom, der von 2000 bis 2017 Generalsekretär des Deutschen Caritasverbands war, woraus er eine Art Immunität gegen den Vorwurf des kalten Neoliberalismus für sich in Anspruch nehmen darf.
Während Goldschmidt eher akademisch vornehm Werbung für die katholische Soziallehre macht, seit kurzem auch als Direktor des Tübinger Weltethos-Instituts, profiliert Cremer sich seit seinem Abschied von der Caritas polemisch-frech als Publizist. Sein jüngstes Buch trägt den Titel »Alles schrecklich ungerecht«. Darin zertrümmert er lustvoll mehr als ein Dutzend Mythen zum deutschen Sozialstaat, in dem angeblich die Schere seit Jahre weiter aufgeht, die Mitte schrumpft, – und der Staat deshalb mehr Geld in die Hand nehmen müsse, um »Haltelinien« gegen Pflegebedürftigkeit und Altersarmut oder für eine Kindergrundsicherung einzuziehen. Cremer plädiert dagegen in guter Tradition der katholischen Soziallehre für die »Eigenverantwortung« der Menschen für ihr Leben. Sozialpolitik wäre dann keine immer fetter werdende Geldumverteilungsindustrie, sondern müsste sich darauf konzentrieren, Menschen zu unterstützen und zu befähigen, ihre Potentiale zu entfalten.
Ein Hoffnungsschimmer: Cremer wurde (neben dem ähnlich denkenden »Wirtschaftsweisen« Martin Werding) jüngst in die neu installierte Rentenkommission der Bundesregierung berufen.
Rainer Hank
